Chapter 4 of 12 · 2963 words · ~15 min read

Drittes Kapitel

In der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste atmeten freier.

Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz, der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden. Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches, der maurischen Spangen.

Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim Tanz wie eine Fahne hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit schließen.

Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten von Schira sein.“

„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des lieberasenden Dichters.“

Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:

„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“

Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier sehen durfte.“

„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt hat.“

Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.

„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“

Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick: „Es ist nichts um einen Mann.“

„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen. Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, die sterben, wenn sie ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling, der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret. Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten, mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“

„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die Hirtin?“

Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da -- sie ist nicht vom Stamm Osret.“

Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen ihrer Zähne, die das Futter malmten.

Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel gleiten. Zischend troff das Fett herab.

Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.

„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.

Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch schmerzlich-süßer empfinden.

Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans Feuer hin, und Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen. Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz froh machen wird.“

Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:

„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen. Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan, König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs, eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war, ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof hinrichten --“

„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.

„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde. Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“

Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“

Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben Himmel offen, Retter meines Königs!“

Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden, nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“

Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.

„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten die Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie -- und sie ihn. Nach den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen. Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen, sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben. Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die Opfergaben auf dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte, die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“

Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und ihre Brust ging hoch.

Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt. Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und Spinnrad erzogen.“

„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas Brust.

Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt miteinander, bis Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts -- ende, ende!“

„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.

„Und das Königskind -- wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben Katasi.

„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.

Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch vor ihr!“

Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern, die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen. Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie besessen: „Ein Königskind!“

Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie ein Blitz.

Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid -- du weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten vorgekommen sind -- sieh, es könnte dich einer betrogen haben -- es könnte -- o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“

Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament.

„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs -- der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr --“

„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt Liebe, die ich an ein würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist alt, Imam --“

Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam.

Reija schlug die Augen auf. „Wo -- ist -- meine Mutter?“ Ihr Blick war Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille Weben der Nacht.

„Sie ist längst gestorben.“

„Und warum -- ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“

„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“

„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die Mauren auf den Imam ein.

„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm das Geleite geben.“

„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle.

Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht mehr Hamam, die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen --“

Reija streichelte der Sklavin die Locken. „Du darfst es.“

„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran.

„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“

Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise, und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der Kalifentöchter glühten.

Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize.

Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe trug.

Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und Schlaf.