Chapter 3 of 12 · 1999 words · ~10 min read

Zweites Kapitel

Hinter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben, hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des Picacho de Veleta wie in trauernder Röte. Langsam aber taute schon der Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.

„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten wollte.“

„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den Königseid --“

„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt. Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“

„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan. „Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen, den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den Königen.“

„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“

„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen haben gewaltige Tatzen.“

„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden, sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon an seiner eignen Tatze stirbt.“

„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.

„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer Diener.“

„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin -- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas -- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf, aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in Toledo bliebe!“

Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“

„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali, „eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet -- wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein Leben lang in Granada durchbetteln.“

„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine spielte?“

„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“

Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.

„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land. Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba, der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden. Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“

„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter des jungen Abencerragen.

„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß ich ihn selbst!“

Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas -- von meiner Mutter --?“

Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt. „Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt, sie mir aufzubürden.“

Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es -- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“

„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen Könige lagen, im Hain von Asabica --“

„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans.

Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang verzweifelt die Hände zum Imam empor.

„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit einem Segen für dich auf den Lippen.“

Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“ sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott ohne Flor und Hülle.“

Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer, Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.

„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi. „Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“

„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.

Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden? Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir, hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba, wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist. Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen sah.

Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die Muezzins zum Gebet rufen lassen.“

Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder. Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater gehabt.“

Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter, der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“

„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.

„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.

Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle, dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.

Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die sternübersäte Wölbung.