Elftes Kapitel
Reija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich. Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie haben dich gequält!“
Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“
„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast, um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den verhängten Nischen des Gemachs standen.
„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“ Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen.
Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer da,“ sagte sie leise.
Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“
„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“
Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.
„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“
„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und verkauft Sattelzeug.“
„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.
„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen. Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige Schmerzen um das Herz herum gehabt.“
„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.
„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist verliebt wie ein Kalif.“
„Das hat er dir gesagt?“
„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, spricht er von seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“
Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen Bäckereien zwischen die Zähne.
„Und er schläft in einem Maultierstall --“
„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.
„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“
An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.
Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf nicht links das Auge hangen.“
Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein. Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.
Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“
„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner Schönheit haltmachen? Und wäre es noch die Moschee -- aber die Bücher! Deines Vaters Koran!“
„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.
„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind biegsam.“
„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge -- Eswer wird uns helfen.“
„Es ist zu spät.“
„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“
„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’ fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen. Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“
Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“
„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann -- meine Bücher.“
Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen, wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste wird eine andere pflücken.“
Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da warf Saffana plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid hervorgeholt hatte.
Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’ ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert. In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen, welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen selbst die Ameisen Verse. Von wem?“
„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“
Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“
Da nickte Saffana ein heftiges Ja.
Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle. Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war die Unruhe in ihr.
„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“
Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“
Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach Atem.
„Was gibt es?“ horchte Reija auf.
„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt -- ach, die Ehre!“
„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“
„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora, der schöne Reiter, der damals -- ach, entsinnt Euch nur -- damals, als böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten -- damals, wißt Ihr nicht?“
Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“
„Nicht er selbst -- sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi, ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“
„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der Imam mit verrunzelter Stirn.
„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“
„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.
Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.
Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in der dunklen Wölbung spiegelten.
Da -- Mandolinenklang -- eine Stimme singt --
So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied verhallte mählich.
Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. Seide und Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von Nächten, in denen Küsse lodern.