Achtes Kapitel.
Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. -- Das Nachtlager im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. -- Haly-Bonar. -- Opferung eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong. -- Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. -- Wiederholte wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. -- Paija-Kombo. -- Besteigung des Merapi. -- Rückkunft nach Padang.
Am +5. August+ trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis +Sipirok+, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer kleinen Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der größten Thäler Sumatras, das wellenförmige +Lawas-Thal+.
Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten, Rhinozerosse) bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern, blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang.
Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern, selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor (mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter suchen, und zwar -- die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen vereint, sich unabhängig erklären könnten.
+Sipirok+ liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht das letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen Schreibers. Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was mir Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick war eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus wie bei den Malaien, nur noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen sich mit Kaffeebohnen.
Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe, Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u. dgl. aus. Mit gierigen Blicken sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, -- es gab der verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer Stunde war der Bazar zu Ende, d. h. die Pflanzer waren ihr Geld los.
Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in Borneo allen Bequemlichkeiten des Lebens auf einige Zeit entsagen und meine Fußwanderungen beginnen.
+6. August.+ +Danau+, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter Waldungen über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen Pfaden.
In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte, die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta (die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, -- ein grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von Husten. Leider konnte ich dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte.
Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische, fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u. s. w. Die Männer führten ihn zum nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt.
Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig. Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht.
Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ den Rajah ersuchen, mir eine andere Hütte anzuweisen. Er war so gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und schnarchten um die Wette.
Den +7. August+ mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen nach noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich ohne seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von hier beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei den Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme verwenden.
Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen.
Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten. Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der Niederen gegen die Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für mich bestimmt war.
Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen, hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf dieselbe Weise um den Körper schlagen.
Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen.
Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen, daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war. Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob, als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und größtentheils unter das Volk vertheilt. Für mich ward die Leber, als das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße, aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden war, mit Reis und Salz begnügen.
+8. August.+ Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als zwanzig Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze (drei Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand und wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den Sinn, von der Reise abzustehen.
Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute, meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer.
Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele Spuren von wilden Thieren, besonders von Tigern. Bei einem Flusse angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten, benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser.
Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir die herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von dem Flusse +Padang-Toru+ in unzähligen Krümmungen durchschnitten waren. Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in schöner Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen wir oft ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot schaukelte sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles menschenleer -- es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde.
In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel verzichten mußte -- einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte. Mein Führer, der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch genommen -- fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten, sie nachzubringen.
Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern; allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse, an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem Holze mehr glimmte als brannte.
Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den kleinen Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer in die Erde steckte, und ein wenig gebraten.
Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen, die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen dennoch vortrefflich.
Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube raschelte, dachte ich an Schlangen -- es war eine schauderhafte Nacht!
+9. August.+ +Soßor-Doluk+, siebzehn Paal. Wenig gestärkt durch das gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich ohne Imbiß fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir noch keine ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche Waldungen, voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes Alang-Alang, durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet werden mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen Regen. Ganz steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren gefährlich zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß man keinen festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich noch ein hochstämmiges Schilf (~Saccharum Koenigri~), das in einer Höhe von vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß man nur in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand an solchen Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben voll Schlamm und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß vor den andern zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und wollte man sich am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es einem noch schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es Stämmchen mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig riß. Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am ganzen Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten Theil dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte ich mit bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen morastigen, theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines Schuhzeuges zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre. Meine Füße wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang ganz zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten Tagereise mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen lassen. Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise; die großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft waren meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht fort zu können -- dennoch ging es täglich weiter.
Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus dem Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses +Puli+, und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget. Der Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf.
Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die Wälder zu natürlichen Gärten um.
Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere Kampf mit den Menschen.
Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das Land war noch immer hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor.
Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten, uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe, ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen, finsteren Walde.
Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von +Sigumpolang+ (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier auf Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet.
Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch. Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit heilsam.
+10. August.+ Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah dieses Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis, begleitete uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer Hängebrücke, die aus einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen Bambusrohre bestand, das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte. Dünne Stämmchen formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch, gleich jenem auf der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur dazu diente, das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen Bau, sowie die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr schwebte vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf Baumstämmen. Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte es -- ich dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte. Dieses einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen.
Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren.
Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um mich da dem Volke und mehreren Rajah’s[5] vorzustellen. Er that dieß in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte, schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten, kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen -- der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta zurückgeblieben.
Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht sehr dunkel. Gekleidet gingen beide Geschlechter in Sarongs. Die Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing.
Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den Dayakern.
Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte, führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta.
Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser, so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen. Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der Aranga-Palme gedeckt. An manchen Häusern waren die Vorderseiten angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren. Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe, die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das Feuer beinahe fortwährend brennt.
In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde.
Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend, ja sehr reich im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen, vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u. s. w.
Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug das meinige hier auf.
Hali-Bonar erbot sich, mich bis +Silindong+ (Groß-Toba) zu begleiten, ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm, als mich der Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ.
Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise nichts in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten auch seinen Theil.
Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen. Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn, in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal gegen den Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm, mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne, der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend so feierliche Ceremonie.
Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren, kamen andere, die einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten.
Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war -- man gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee, die Verdauung befördern soll.
Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen. Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen, sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden. Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen. Die beiden Kämpfer oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden; die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft, mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden.
Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist. Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele, das Blut wurde sorgfältig aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte, tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird.
Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten, in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen.
+12. August.+ +Si-Pijarajah+, 10 Paal. Die klare Morgensonne verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom +Padang-Toru+, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen konnte. Zwei Eingeborne reichten mir jeder eine Hand, ich hielt den Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis 1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze, da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur).
In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau. Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u. s. w.“ Keiner traute den Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese Barbaren thaten mir die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und verschliefen da den Rest der Nacht.
In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte, wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig.
Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich konnte die Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß, wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle. Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen, wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt, sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u. s. w. sah.
Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder säugten und auf dem Rücken trugen. Kinder von drei Jahren nahmen noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum. Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre Hausgeschäfte.
+13. August.+ +Silindong+, Groß Toba, zwölf Paal. Die erste Hälfte der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte, hügelige Thäler; dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und das überraschend schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu unseren Füßen. Ich hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen als von einigen Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier erblickte ich eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht Paal breit sein mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen durchschnitten und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt. Eine unzählige Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen, grünen Teppich gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein Utta.
Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete mir Hali-Bonar, mich nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben. Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich, mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle. Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen, mich weiter gehen zu lassen.
An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte -- das große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten müssen. Ich hatte zwar Angst -- die Scene war zu entsetzlich -- doch verlor ich nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder -- eine Kleinigkeit ist oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch, halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen, daß ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur bis +Eier-Tau+ führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit, mein Zutrauen gefiel ihnen -- ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter, im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis +Tugala+, wo mich der Rajah Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm.
+14. August.+ Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde Scenen unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich bis zu dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und die Hälfte des folgenden bleiben mußte.
Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe. So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren und Mühseligkeiten umkehren -- das war doch sehr hart! Nach der Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als zehn bis zwölf Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden. Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein.
Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen.
Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien, als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte, wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden, denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich unter dieses Volk zu wagen.
Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich langsam um die Leiche, stießen taktmäßig mit den Füßen auf den Boden, murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem Hause.
Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte ihnen Hilfe.
+15. August.+ Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack von einem Utta zum andern; es war als wollten mir die Battaker die Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es zu betreten.
Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird.
Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war, zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns, umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier, wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen; er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen. Erst nach langen Erläuterungen und lebhaftem Wortwechsel, erwirkte Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare gehangen zu haben.
Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden.
+16. August.+ Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der Häuser stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre ihr das größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines Schmuckes nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles sorgfältig in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf sich da neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich wieder auf und eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war. Ich hielt dieses Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte mir, daß es diesen Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen und Messingringe) Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es bittere Thränen, während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge vielleicht trocken bleibt! --
Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren, warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen waren.
In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi (süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk Wasser zu erlangen.
+17. August.+ Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden.
+18. August.+ Endlich war das schöne Thal +Silindong+, dessen Anblick mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken. Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem größere Theil[6].
Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine Bevölkerung von 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend.
Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre schon über den Schultern hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie baden sich wohl, d. h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan. Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu charakteristisch, um verschwiegen zu werden.
Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte. Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel -- es entleerte sich von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen sitzen, rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen! Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese unbeschreibliche Unreinlichkeit.
Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu.
+19. August. Bolanahito.+ Hier nahm ich Abschied von meinem wackeren Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als einmal das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“ durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten sollten.
20. und +21. August+. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen und Entbehrungen, an Regen und Hitze, an die ermüdendsten Märsche, überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich, mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht gedacht hatten, mich wiederzusehen.
Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen, denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer, auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in dem Handel gar nicht vor[7], da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser sein, als jener von Japan oder China.
Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr eigentliches Vaterland ist.
+22. August.+ In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon. Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu zeigen, wie man oft mit den Führern hintergangen und der Willkür und Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben.
Ich ging diesen Tag bis +Sipirok+, wo die Fußreise ein Ende hatte. Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen gerade nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren Herkules-Arbeit zu vergleichen.
+23. August.+ +Padang-Sidimpuang.+ Nachmittags vier Uhr kam ich glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, -- ich hatte seit gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine erste Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu schätzen und zu würdigen.
Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am +9. September+ traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten, wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte. Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich.
Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich meine Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor +Bauer+, ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und botanischen Kenntnisse, war zu +Paya-Kombo+ stationirt. Ich wollte die Bekanntschaft dieses Mannes machen und zugleich diese Gegend Sumatras sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll.
Am +18. September+ saß ich wieder zu Pferde und ritt zweiundzwanzig Paal nach +Paya-Kombo+. Das wellenförmige Hügelland verschwindet allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen Raum. Herrliche Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der +Merapi+, der +Singallang+, die höchsten, der +Sago+, minder hoch, aber seiner besonderen Form wegen in die Augen fallend. Sein Sattel zieht sich ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und Felsparthieen zieren ihn und bewirken einen schönen Kontrast zu den üppigen Waldungen, die seine Nachbarn bekleiden.
Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon +Titti+. Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene geworfen, -- welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so weit weggeschleudert haben!
Unfern von Titti stürzt sich der +Pattang-Agam+ wild brausend und schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen und anderen Pflanzen übersponnen aufthürmt. Lange weilte ich auf der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke zu überschauen.
Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr belebt und reich kultivirt.
Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich, alles, was mich umgab, war lieblich -- eine Landschaft in rosigem Lichte.
Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. +Bauer+ ab. Auch er hatte schon manches von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd. Die Tage, die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft zubrachte, werden mir unvergeßlich bleiben.
Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant Freiherrn +von Bülow+, der von +Fort de Kapellen+ auf Besuch gekommen war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s. Unter anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir sogleich den Entschluß faßten, ihn gemeinschaftlich zu besteigen. Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den Assistent-Residenten Herrn +Netscher+ zu ersuchen, auf dem Berge eine kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen.
Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden Tag, +20. September+, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach Fort de Kapellen, auf Malaisch +Pagar-udjong+, im Distrikte +Tanar-Dater+, zwanzig Paal.
Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von +Sungi-djambu+ zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein wenig in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte errichten zu lassen.
Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon +Pugger-zuijong+, in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen Inschriften liegen, die bisher noch von niemandem entziffert werden konnten. Mich erinnerte die Form dieser Steine an die Runensteine, die ich in Island und Norwegen gesehen hatte.
+21. September.+ Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben Paal reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem Kampon Sungi-djambu, der gleich jenem von +Kotto-Godong+ seiner Wohlhabenheit wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser mit Oelfarben angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den Bewohnern schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und viel echtes Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl einnehmen.
Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u. s. w. vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und Trank.
Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten, wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen. Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen pittoresken Spitzen und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare Spiegelfläche des +Sinkara-Sees+[8] schimmerte gleich einem Silberflor aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer begrenzte in weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare Thäler breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt uns dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung von Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne, zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell heranrückenden Dämmerung.
Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer als Antwort auf.
+22. September.+ Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu steigen -- eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt; allein so weit konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt haben mochte -- seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke. Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei.
Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben; aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten Werkstätte Wurzel zu fassen.
Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus zwei Oeffnungen steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch.
Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund[9].
Am +23. September+ waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader Richtung nach Fort de Kock.
Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt. Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen.
Am +30. September+ verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück zu kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte einen Abstecher nach +Priaman+ und +Tiku+ an die See, um meine noch sehr unbedeutende Fischsammlung zu vermehren.
Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über den +Mangui+; diese Brücke ist die längste auf Sumatra.
In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn +Godin+ ab, ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit der Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter verdarb mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen Ausflug, der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht hätte, denn das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten schöne Wege, und zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich fand keine Gegend auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so bevölkert, wie diese längs des Seegestades.
Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo. Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen.
Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte, ritt ich unter Regen wieder nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur zwei Tage.
Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen; zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte, hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu wiederholen[10].
Am +7. Oktober+ langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich ein so heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte und in Padang selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van +Genepp+, in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm. Freundliche, sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen Familie aus vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch hier wie auf Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als nach acht Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so weit hergestellt, um mitzugehen.
Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man gab mir Leute und Pferde -- mit einem Worte alles was ich benöthigte.
Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.
[5] Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah. Dieser vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen.
[6] Einige Zeit später begaben sich drei Französische Missionäre in das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola. Sie wurden von den Kannibalen erschlagen und unter großen Freudenfesten verzehrt.
[7] Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich höchstens zwei Pikul.
[8] Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300 Fuß über der Meeresfläche.
[9] Dr. Bauer erlaubte mir bereitwilligst, Folgendes über die Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen.
„Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme (aus der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die etwas tiefer häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener vor. Die rauhblätterigen Teraströmiaceen (~Saurauja~) mögen zuerst den Beginn der Bergvegetation bezeichnen. Später traten die schöne, unten an den Blättern weiße Nessel ~Urtica nivea Bl.~, noch später herrliche, rothe und gelbe Balsaminen auf. Die parasitischen Orchideen sind seltener als auf Java. In einer Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man viele Eichen und Kastanien, deren Früchte den Europäischen bald mehr bald minder gleichen. Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen scheinen hier so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man die schöne, dort einheimische Rasamala (~Liquidambar Altingiana~). Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen, Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und Leguminosen. -- In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die, der Javanischen ähnliche Alpenflora. Man sieht vor allem das zierliche ~Rhododendron retusum Benn.~ und viele schöne Arten von ~Gautiana~, ~Thibaudia~ oder ~Agapetes~ u. a. ~Graphalium~ und verschiedene neue Arten von Synanthereen zeigen sich bis hoch hinauf.“
[10] Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich das Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor +Blecker+ zu machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen ist. Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf Indien; er hat in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung, die bisher besteht. Ich war so glücklich, ihm mehrere neue Gegenstände von Borneo, Sumatra und von den Molukken zu bringen. Er beschenkte mich dagegen reichlich mit Fischen von Java und andern Plätzen.