Elftes Kapitel.
Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. -- Die Holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise in das Innere von Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl. -- Tanette. -- Baru. -- Fest der Zahnfeilung. -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König.
Celebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier Halbinseln getheilt wird.
Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft +Menehassa+. Der Sitz des Residenten ist zu +Menado+ (zwanzig Paal). In dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun vor Kema vor Anker[25].
Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen Beamten und einen Missionär, den ersten, welchem ich in den Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr +Hardig+, ein Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst zwei Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch schöne, breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt sind. Hübsche Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen der +Klabat+, die beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl auch hier die Sagopalme noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch bei weitem mehr als auf den Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich von Reis und Mais. Mit dem Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als irgendwo: jedes Familienhaupt muß 500 Bäume pflanzen und erhalten. Sie erhalten zwar für den Pikul Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber davon an die Regenten und Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder Eingeborne muß außerdem für seine Hütte der Regierung jährlich sechs, dem Regenten zwei Gulden bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern Bauten unentgeldlich arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der Holländischen Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden.
Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn +Andriesen+.
Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt wird, etwas sehen wollte, unternahm ich eine kleine Reise nach den Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See +Tondano+.
Am +14. März+ ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn +Schwarz+ (eines Deutschen), über +Lotho+, +Tomohan+ und +Lahendon+ nach +Sonder+ (23 Paal). Bei Lotho fängt die Steigung des Weges an; man hat einige wunderbar schöne Aussichten über Land und Meer. Der schönste Punkt aber ist auf der Höhe von Lahendon. Zu Füßen liegt ein großes, fruchtbares Thal, von schönen Bergen umsäumt, darunter der +Saputan+ oder +Frauenberg+, der +Lokon+ mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte Hügel, Waldungen, Boskette mit reichen Mais- und Reisfeldern, große, nette Dörfer erscheinen überall dazwischen, und das freundliche Lahendoner-Seelein schimmert gleich einem Diamanten aus der grünen Einfassung.
Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn +Wilken+, ebenfalls einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den kurzen Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der ungefähr einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen einige Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen; nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei Regenwetter sollen die Quellen noch etwas wirksam sein, aber lange nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den Brandwunden.
Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle nahe an dem See zu sehen.
Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn +Graafland+. Herr Schwarz ritt noch elf Paal weiter nach +Langowang+, wo er wohnte.
+15. März.+ Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet, von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist. Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist krystallhell -- man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute, die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran nicht gewöhnt sei, anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme.
In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und hielt in seinem Hause einen Ruhetag.
Am +17. März+ ritt ich nach +Romboken+ (acht Paal), an dem schönen See Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist. Dieser See, ein einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch dreißig kleine Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine Quelle, an einer Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden haben soll. Er ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in immerwährendem Grün prangen.
Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr +Noe+ mit einem Boote, um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen. Unter Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von einem sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das böse Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn +Riedl+, ebenfalls einen Deutschen Missionär.
Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt, in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort.
Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis +Kakas+, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich wieder Herr Schwarz auf.
Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön und reinlich, die Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte. Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte „Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen.
Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt. Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man rühmt die Alforen als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung.
+Menehassa+ hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre 1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren +Schwarz+ und +Riedl+, von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa gesandt. Herr Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines hiesigen Wirkens 9000 Menschen getauft.
Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen. Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt vorwärts.
Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese reichen nicht mehr aus.
Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie dazu.
Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet, die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken, Schlingen u. s. w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in Gemeinschaft mit der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen, daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden.
Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings (Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten Klimawechsel, Reisen nach Europa u. s. w. nöthig. Was kostet dem Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen der Missionärs-Frauen und Kinder?!
Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel wirken können, wenn sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen.
Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte (per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre eingebornen Regenten bezahlen müssen.
Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am 23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als wären wir jahrelange Freunde gewesen.
Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal).
In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn +Linemann+ auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit ihm die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig, als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht anlangte.
Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord.
Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen.
Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein Haus.
Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu unternehmen.
Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei große Reiche, +Bonni+, +Goa+ und +Sidenring+ getheilt, welche wieder in viele kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder Rajah’s den Regenten der großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane oder Könige dieser drei Reiche sind Bundesgenossen der Holländer; sie dulden aber weder Forts noch Residenten in ihren Ländern und haben bisher ihre vollkommene Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte diese Reiche, so wie auch den Bergdistrikt +Duri+ besuchen, dessen wilde Bewohner in Höhlen wohnen und noch auf einer sehr tiefen Stufe der Zivilisation stehen sollen. Ich ersuchte den Gouverneur, Herrn +Bick+, um die Erlaubniß zu dieser Reise, denn ohne dessen Bewilligung darf man weder in den Besitzungen der Holländer auf Celebes noch zu deren Bundesgenossen reisen. Der Gouverneur war sogleich bereit, mir die Erlaubniß für Goa und Sidenring zu geben. Bonni schloß er aus, da die Regierung jetzt eben nicht am besten mit diesem Sultan stand, welcher der mächtigste von den Dreien ist und, wie man mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht von 40,000 tüchtigen Streitern zusammenbringen kann.
Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen, trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am 17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis +Maros+ (17 Paal), dem Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf einer und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt ist. Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur wenige Ortschaften sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die Ernte, vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird jede Aehre einzeln abgeschnitten.
In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen hindurch.
Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab. Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große, hohe Gemächer.
Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie, wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen.
Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte ich die drei Paal entfernt gelegene Grotte +Bulu Sepong+. Der Fels, in welchem sich diese Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen, in der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert Fuß im Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten, benützten sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der Spitze standen die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke senken sich viele Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit herab. Jetzt ist sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei Nachtvögeln.
Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen Erfolg verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab.
Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-, Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten, mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften.
Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte glauben, daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken -- die einzige Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen u. s. w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der allgemeinen Regel keine Ausnahme.
Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien z. B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen. In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch Gewürze gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung.
Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude der Beamten u. s. w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe, ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet, einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei meiner Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein.
Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten, besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben.
Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten: sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch ausgeführt.
Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen Europäern.
Am +23. April+ trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim bestand ungeachtet meiner Weigerung darauf, mir noch einen „Tolk“ (Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach. Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk, von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen Pferde zu erhalten.
Wir ritten nicht weiter als bis +Padkadjene+ (sechzehn Paal), beständig in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte die beiden Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die Reiskammern der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines besondern Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen Bentheim zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ, welche die Felder hinlänglich bewässern.
Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte, fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser standen. Die Felder waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken. Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist.
Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus, die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit 4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe.
+24. April.+ Wir ritten bis +Mendalle+ (28 Paal). Den Fluß Padkadjene übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir durchreiten. Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten beinahe den Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr war jedoch, von den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den Flüssen dieser Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im vergangenen Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt. Dieß hindert aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich in demselben zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman gefressen zu werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst wenn er sich keinem Flusse nähere.
Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten.
In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen gibt. Nebst den Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet.
Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf, gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren Stoffen besteht.
Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen als diesen Makassaren[26] auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer einem kleinen Zaum, der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich einen Fuß in die Seite des Thieres -- ein höchst origineller Anblick. Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien.
Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi- und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen.
+25. April.+ Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben Paal, aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die häufigen Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das Meeresufer hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der Korallenriffe halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben, und ritten oft einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung war sehr stark, das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen konnte. Ich dankte Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen Elemente kam und unter den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah[27].
Vormittags erreichten wir +Tanette+, ein unabhängiges Fürstenthum oder Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840 ein treuer Bundesgenosse Hollands.
Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin.
Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen.
Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen, während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht.
Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander.
Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand, wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß, stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen, die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen wurde, während ich bei der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung; aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines schönen Thee- oder Speise-Services[28], geschliffene Gläser und Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt. Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand.
Die Königin war so eben im Begriffe, nach +Baru+, einem benachbarten Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war. Da mich mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren noch denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf welcher die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte; da jedoch der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine Bay, wo wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil ihrer Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu.
Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u. s. w. vorzustellen. Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen, Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u. s. w., so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe zusammengepreßt -- eine abscheuliche Tour!
Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform gemacht wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf, rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen.
Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen, und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete und bewahrte.
+26. April+ ging es früh auf die Reise. Wir lenkten alsbald in den Fluß +Baru+ und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts bis in die Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses liegt (35 Paal von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft nach Hofe ging, unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin mit ihrem Gefolge zum Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so unsauber zurück, als sie hingegangen waren, denn sie übergossen sich, gleich den Malaien, nur mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um dem Körper einen angenehmen Duft zu verleihen, durchräucherten sie sich mit wohlriechenden Harzen. Zu diesem Zwecke war ein eigenes Räucher-Pfännchen mitgenommen worden, über welches die Königin, wie jede Hofdame, sich erst stellte und dann Gesicht und Hände hielt.
Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des Gouverneurs an den Hof geschickt.
Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus. Die Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen, welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen. Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht hübsch; sie war noch unverheirathet.
Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise auszuruhen.
Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag statt und bestand darin, daß der jugendlichen Königin die oberen Zähne gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie z. B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute. Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze. Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen, hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine Seele sprach ein Wort.
Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk) mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden kann.
Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können; allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst anderen Gegenständen zum Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen. Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst da ließen mich die Leute nicht ungestört -- sie hoben den Klambu auf und steckten die Köpfe darunter.
Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java, Sumatra, den Molukken u. s. w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle, Wassergefäße und dergleichen befinden.
Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern sie treten mit ungewaschenen Füßen ein.
Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und die Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen, Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden.
Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen, welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. bei der Zahnfeilung, der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht.
Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt wird, erhält einen Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese Bescherung zu Theil.
+27. April.+ Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den Anfang der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom Volk ganz umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der Prinzen und Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar ein eisernes Panzerhemd[29] trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich Mühe hatte, durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe unter den zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das Fest weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze Menge regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie die Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren Blutsauger des Volkes.
Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache bis an den Ort, wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten hatte.
Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von Melati[30], nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide.
Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf eine alte abgenützte Matratze, breitete ein Tuch darüber und legte einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten.
Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen Riemen, den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk, reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin, ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna, ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst harrte ich der kommenden Dinge.
Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken, schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne, nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern.
Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn; er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte, worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte[31].
Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war abgethan.
Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war (bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer Bescheidenheit.
Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen, einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist, in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u. s. w. gemacht, und schmeckten sehr fett und ranzig.
+28. April+ blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute noch Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei, mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich, daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem Markte gebräuchlich ist.
+29. April.+ Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das Gefolge. Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste Aufmerksamkeit oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte, sagte er es dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder dem Kulli, kurz ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so schlecht als möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein Schmetterlingsnetz nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein zweiter Uebelstand mit so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall vieler Pferde und Träger bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht zu Fuß gingen, versteht sich von selbst; aber auch ihre Diener mußten Pferde haben, wenn wir auch nur acht oder neun Paal den Tag machten. Die Herbeischaffung der Pferde nahm stets die schönen Morgenstunden weg. Wir kamen erst fort, wenn die Sonne recht brannte. Anders verhält es sich freilich mit den Leuten, wenn sie mit ihrem Herrn oder Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den Stock oder sonstige Strafen, da hat alles Hände und Füße. Ich hatte das aus Erfahrung kennen gelernt und deßhalb blos einen gewöhnlichen Führer und einen Kulli mitnehmen wollen; allein der Gouverneur wie Graf Bentheim, die es beide sehr gut mit mir meinten und ihre Leute für besser hielten als sie waren, überredeten mich zur Mitnahme dieses lästigen Gefolges.
Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande; dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte.
Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen. Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm, den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht.
Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt.
Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen.
+30. April.+ Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an (30 Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche von kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln, und im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen lagen ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar und den umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König dieses kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen eigenen Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich wohlhabend sein.
Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen, wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im Koran-Lesen[32] unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete herab, ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie plappern.
Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung sondergleichen breit.
Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen). Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt, als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend, daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu erzählen; kurz -- ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel wie möglich auszukramen -- Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten gehören müsse.
Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben könnte. War das doch ein galanter König! -- Wie hätte ich meine Reisen ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es viele so freigebige Monarchen gäbe!
Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch schon ein Mann von einigen dreißig Jahren sein mochte. Dazu war sie auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt, zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die Schultern hinab -- es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des Alters geben.
Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung.
In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen, beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen. Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht fertig.“-- Und so mußte ich noch zwei ewig lange Stunden warten. Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um dieses Essen genießbar zu finden!
+1. Mai.+ Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch und verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers) zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er, daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er möchte nicht darinnen wohnen.
Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort.
[25] Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate.
[26] Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und Buginesen (alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man Buginesen über die ganze Insel zerstreut.
[27] Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind lang, aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt.
[28] Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen Regierung beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke.
[29] Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden tragen.
[30] Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die Lieblingsblume der Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas stark.
[31] Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt es in Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei dem zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne gefeilt.
[32] Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa) alle Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch genießt hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie das männliche. Das erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder Mädchen, folgt dem Vater in der Regierung. Hinterläßt er eine Witwe, so regiert diese, wenn auch der Sohn schon das Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die Schule so gut wie die Knaben.