Chapter 10 of 12 · 4838 words · ~24 min read

Viertes Kapitel.

Pontianak. -- Auszug nach Landak. -- Ein Chinesischer Kapthay. -- Ein Bad im Sumpfe. -- Die Bambusbrücke. -- Zeichensprache. -- Ankunft in Landak. -- Souper bei dem Banam. -- Rato. -- Die Diamanten-Gruben. -- Rückkehr nach Pontianak.

Pontianak war die erste Holländische Besitzung in Indien, die ich betrat. Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich ihr mit etwas beängstigtem Gefühle nahte. Die Holländer werden von vielen Reisenden als so kalt, unzugänglich, und für nichts als ihr eigenes Interesse Sinn habend, geschildert! Und eine theilnahmslose Aufnahme wäre mir um so empfindlicher gewesen, als mich die Zuvorkommenheit und Artigkeit der Engländer nicht nur auf dieser, sondern auch auf meiner ersten „Reise um die Welt“ sehr verwöhnt hatte.

Ich sandte den Brief, den mir Kapitän Brooke an das Holländische Gouvernement mitgegeben hatte, in die Kanzlei, und blieb voll banger Erwartung in dem Sampan sitzen.

Mein Diener überbrachte mir die unangenehme Botschaft, daß der Resident, Herr +Willer+, in Batavia sei. Sein Stellvertreter, Sekretär von +Hardenberg+, kam jedoch sofort, um mich zu empfangen und that dieß in einer so herzlichen Weise, daß ich mich jeder Angst enthoben fühlte. Er stellte ein leerstehendes Häuschen[24], das vor wenig Jahren Amerikanischen Missionären zur Wohnung diente, zu meiner Verfügung, und setzte bei, daß für alle meine Bedürfnisse gesorgt werden würde. Abends stellte er mich der Gattin des Residenten vor, in der ich eine sehr liebenswürdige, gebildete Frau kennen lernte. Sie bot mir in ihrem Hause eine Wohnung an, die ich mit Freuden gegen das einsame Häuschen vertauschte.

Ich hatte die Reise nach Pontianak hauptsächlich in der Absicht unternommen, die berühmten Diamanten-Minen in +Landak+ zu besuchen. Als ich am folgenden Tage diesen Wunsch aussprach, erfuhr ich zu meinem Leidwesen, daß gerade am Morgen des Tages, an dem ich ankam, ein katholischer Priester, Herr +Sanders+, in einem bequemen Regierungsboote dahin abgegangen sei. Ihn einzuholen war nun zu spät; man sagte mir jedoch, daß die Reise zu Lande vier Tage kürzer sei als zu Wasser, und ich daher, wollte ich mich zur ersteren entschließen, vor Herrn Sanders in Landak anlangen könnte. Auf jeden Fall würde ich ihn da noch treffen, und wenigstens die Rückkehr in seiner Gesellschaft und in dem bequemen Boote bewerkstelligen können. Ich entschloß mich dazu ohne Bedenken, obwohl die Entfernung über 200 Meilen betrug, von welchen ich ungefähr die Hälfte zu Fuß zu machen hatte.

Herr von Hardenberg wollte mir einen Diener mitgeben: er behauptete, daß es unmöglich sei, in dem Lande fortzukommen, ohne der Malaischen und Dayakischen Sprache mächtig zu sein, indem man täglich Führer und Träger wechseln müsse. Ich hatte aber seit dem Diener, den mir Kapitän Brooke mitgegeben, einen solchen Abscheu vor dergleichen Leuten, daß ich erklärte, allein gehen zu wollen; nur bat ich, mich mit guten Briefen an die verschiedenen Chefs und Rajah’s zu versehen, durch deren Länder ich kommen würde.

Erst am +10. Februar+ ward es Herrn von Hardenberg möglich, mir ein kleines Boot zu verschaffen, das mich nach +Kubiang+ (60 Meilen) bringen sollte. Herr von Hardenberg geleitete mich bis an’s Boot, und als ich einstieg, rief er aus: „Wenn ich Sie nicht selbst eine so beschwerliche Reise ohne alle Begleitung antreten sähe, so würde ich es für unmöglich halten und nicht glauben.“

Ich fuhr den schönen Strom Landak 30 Meilen aufwärts bis +Kubu-trap+, wo ich die Nacht in einem Chinesischen Hause zubrachte. Hier mündet das Flüßchen +Mandor+ in den Landak.

Frau +Willer+ hatte mir einen ganzen Korb voll Eßwaaren mitgegeben, die ich aber alle Abends an die Bootsleute vertheilte, wohl wissend, daß jene bis zum kommenden Morgen von tausenden Ameisen zerstört gewesen wären. Man kann Eßwaaren nur in wohlverschlossenen Blechbüchsen vor diesen Insekten bewahren.

+11. Februar.+ Schon um 3 Uhr Morgens ging es an die Fahrt auf dem +Mandor+. Dieses schmale Flüßchen ist von Waldungen so eingeengt, daß wir unter einem steten Laubdache dahin glitten. Mit der aufgehenden Sonne erwachte auch das Leben in den Wäldern. Ich hörte zwar keinen Vogelgesang, dagegen von allen Seiten das Gekreische der Affen, des riesigen Orangutang, des langarmigen Kalampian’s, des schwarzen Siaman’s, des Bintangan’s (Nasenaffe) und anderer. Letztgenannte vier Gattungen sind blos auf Borneo einheimisch.

Um 10 Uhr erreichten wir +Kubiang+ (30 Meilen), das Ende der Wasserfahrt; ich bereitete mich sogleich zur Fußparthie nach +Mandor+ (8 Meilen) vor, wohin mich zwei der Bootsleute begleiteten.

Die ersten sieben Meilen führte der Weg durch finstere Waldungen über Stock und Stein, dann öffnete sich eine freundliche Lichtung, mit Pflanzungen bedeckt. Der Boden bestand hier aus Sand, auf Borneo eine seltene Erscheinung. Gut unterhaltene Pfade, Bretter oder breite Stämme, über die Bäche und Pfützen gelegt, gaben mir kund, daß ich auf Chinesischem Grund und Boden wandle, denn weder der Malaie noch der Dayaker hat den geringsten Sinn für Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit.

In Mandor kehrte ich bei dem Chinesischen Oberhaupte (Kapthay) ein, an welchen mein erster Empfehlungsbrief lautete.

In den Chinesischen Orten oder Kampon’s, die unter Holländischem Protektorate stehen, wird gewöhnlich ein Chinese als Chef gewählt, der je nach der Größe des Ortes den Titel Kapthay (Kapitän) oder Major erhält. Diese Würde bringt keinen Gehalt mit sich, und wird blos auf ein Jahr ertheilt; doch kann die alte Wahl jährlich bestätigt werden. Manche Kapthay’s genießen das Ansehen eines Präsidenten oder Fürsten; sie wohnen in einem Fort, können über die Chinesen Strafen verhängen, ja sogar Todesurtheile vollziehen. So lange sie sich ruhig verhalten und dem Holländischen Gouvernement den Opiumpacht richtig zahlen, greift dieses in ihre innere Regierung nicht ein.

Das Kapthayat von Mandor war eines der bedeutenderen, und der Kapthay residirte in einem Fort, an dessen Eingange zwei sechspfündige Kanonen aufgepflanzt waren. Seine Wohnung bestand aus vielen offenen Vorplätzen und Hallen und aus ein Paar kleinen, niedrigen Schlaf-Kämmerchen, in welchen sich die Frauen aufhielten. Die größte unter den Vorhallen diente zu gleicher Zeit als Wohnplatz, Speisesaal und Gottestempel. Da gab es allerlei Götter, schön gezierte Altäre, angesteckte Räucherkerzchen; Reis, Früchte und Thee waren den Göttern als Opfer hingestellt.

Gegen Abend führte mich der Kapthay in das Städtchen, welches an das Fort grenzt und aus zwei Reihen kleiner Häuser besteht, die eine Straße bilden. Es zählt ungefähr 700 Einwohner.

Nach dem Spaziergange zeigte er mir seine Schweinställe[25], die groß und luftig, und was mich bei einem Chinesen noch mehr in Erstaunen setzte, sehr rein gehalten waren. Die Thiere werden täglich zweimal mit Wasser übergossen und erhalten zur Nahrung Reis mit Kiang-beng, Kladi- und Guelang-Blättern vermischt. Die Blätter werden fein geschnitten, zu einer Art Sulze verkocht und zu je drei Theilen mit einem Theile gekochten Reises vermischt. Die Thiere waren merkwürdig groß und fett, manche konnten sich kaum zum Troge schleppen.

Außer den Schweinställen bewunderte ich auch die Küche, die äußerst rein gehalten war, und die herrliche Kost, die Herren und Dienern vorgesetzt wurde. Reis bildete natürlich den Hauptbestandtheil; er muß statt des Brotes dienen; aber außerdem gab es gekochte Hühner oder Schweinefleisch nebst Gemüsen und anderen kleinen Gerichten. Dieser Chinesische Chef lebte ungleich besser und reinlicher als der größte Malaische Rajah. -- Seine Frau (er hatte nur eine) besaß reiche Kleider, viel Goldgeschmeide und auch hübsche Diamanten. Ihr Kindchen von 8 Monaten war in Seide gekleidet und trug nebst einigem Goldgeschmeide ein seidenes goldgesticktes Mützchen auf dem Kopfe.

Der Kapthay frug mich zu wiederholten Malen, ob ich darauf bestünde, die Reise nach Landak zu Fuß zu machen. Er erzählte mir, daß vor wenig Tagen Herr +Sanders+ hier angekommen sei und denselben Plan gehabt, ihn aber aufgegeben habe, als man ihm sagte, daß man große Umwege machen müsse, um einige unruhige Dayaker-Stämme zu umgehen, und daß die Wege über alle Maßen schlecht seien. Ich ließ mich nicht abschrecken und bat ihn nur, mir einen guten Führer zu geben und die Reise einzuteilen, daß ich so rasch als möglich nach Landak käme.

Die Nacht brachte ich in einem kleinen Kämmerchen in einem reinlichen, guten Bette zu.

+12. Februar.+ Nach einem trefflichen Frühstücke von gekochten Hühnern, Reis, Eiern und Früchten begab ich mich auf den Weg, von einem Chinesischen Führer und einem Dayakischen Träger (+Kully+ genannt) begleitet. Die beiden Leute gingen so schnell, als wären wir auf einer Flucht begriffen. An fünf Stunden liefen wir unausgesetzt, dann hielten wir bei einem Chinesischen Hause, stärkten uns durch ein einfaches Mahl und setzten den Sturmschritt bis gegen Abend fort. Ich glaube gewiß, daß wir an 20 Meilen gelaufen sind. Glücklicher Weise ging es über Chinesischen Grund und Boden, auf größtentheils gebahnten Wegen, so daß ich zwar ein wenig ermüdet, aber sonst wohlbehalten in +Sompa+ anlangte. Hier übergab mich der Chinese nebst einem Briefe des Kapthay dem Malaischen Rajah, der nun für meine Weiterreise zu sorgen hatte.

Mit großem Vergnügen verlor ich den Chinesischen Führer, denn seine Neugierde war im höchsten Grade belästigend. Ehe ich es bemerkte, hatte er meinen Reisesack geöffnet und alles aufgerissen und untersucht. Späterhin entdeckte ich, daß er einiges Geld, nebst anderen Kleinigkeiten gestohlen hatte -- der erste Diebstahl, der mich auf meinen vielen Reisen traf.

+13. Februar.+ Die heutige Tagreise war zwar kurz (ich schätze sie kaum auf 14 Meilen); dagegen waren die Wege um so schrecklicher. Ich weiß wahrhaftig nicht, was unangenehmer ist: über gefallene Baumstämme und hohe Wurzeln in den Wäldern zu klettern, oder Pfützen und Moräste zu durchwaten, oder durch das Alang-Alang zu gehen. Dieses Jungle-Gras ist 5 bis 6 Fuß hoch, sehr dicht und von sehr schmalen, tiefen Pfaden gleich Rinnen durchschnitten, auf welchen man gleitet und leicht jeden Augenblick fällt. Unmittelbar nach einem Regen (und so nahe dem Aequator gibt es wenig Tage ohne Regen), wenn die Sonne wieder in volle Kraft tritt, ist es zwischen diesem Grase dunstig und zum Ersticken heiß.

Wir waren heute und gestern häufig von hohen Gebirgen umschlossen; die Pfade aber wanden sich stets von einem Thale in’s andere, so daß wir höchstens 2 bis 300 Fuß hohe Hügel zu übersteigen hatten. Manche dieser Stellen boten die reizendsten Ansichten. Auch hier, wie bei Sekamil, thürmten sich in pittoresken Formen zwei- und dreifache Gebirgsketten auf, mit großen Thälern dazwischen und mit undurchdringlichen Wäldern bedeckt. Je mehr ich von diesem schönen Lande sah, desto mehr entzückte es mich, und desto mehr wünschte ich ihm, daß Bevölkerung, Kultur und eine milde Regierung bald Eingang fänden.

Diesen Nachmittag nahm ich wider Willen ein kaltes Bad: ich fiel von einer fünf Fuß hohen Bornäischen Brücke (einem Bambusstamme) in einen Sumpf, in den ich bis über die Schulter sank. Meine beiden Begleiter hatten Mühe, mich heraus zu ziehen. Glücklicher Weise war in der Nähe ein klarer Bach, in welchem ich mich mit Wasser so lange übergießen ließ, bis der Schlamm von den Kleidern abgespühlt war. Von Wasser triefend mußte ich noch ein paar Stunden fortlaufen bis zum Nachtquartier, wo ich erst Kleider wechseln konnte. Ich befürchtete, daß mir der Sturz und das Bad schaden würden, da ich ganz erhitzt war, als mir dieß Unglück begegnete; doch, Gott sei Dank, ich blieb gesund.

Ich übernachtete in Bo-baher, einem Chinesischen Städtchen von ungefähr 400 Einwohnern. Auch hier bewunderte ich bei meinem Wirthe die große reinliche Küche und die schönen Schweineställe. Die Chinesen ziehen das Schweinefleisch jedem andern Fleische vor und verwenden daher alle Sorgfalt auf diese Thiere. Der ärmste Chinese genießt sicher ein- oder zweimal die Woche Schweinefleisch. Ueberhaupt lebt man bei den Chinesen ungleich besser als bei den Malaien und Dayakern. Man bekömmt gewöhnlich ein eigenes Schlafkämmerchen, eine gute reinliche Nahrung, und wer den Thee liebt, überall eine Tasse dieses Getränkes. Der Chinese trinkt nie Wasser; in jeder Hütte steht ein großer Topf mit Thee, aus welchem Jedermann nach Gefallen seinen Durst stillt. Freilich ist dieser Thee gewöhnlich sehr schlecht, von bitterem Geschmacke und für den Europäer nur bei den Reichen genießbar.

+14. Februar.+ Höchst anstrengender Marsch von mehr als neun Stunden durch dichte Waldungen und hohes Jungle-Gras (20 Meilen). Der Weg führte meistens durch Gegenden, die von Dayakern bewohnt waren; meine Begleiter hatten Furcht und liefen so eilig, daß ich ihnen kaum folgen konnte. In steter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, wußten sie bei einem Geräusche in den Wäldern genau zu unterscheiden, ob es von einem Thiere oder von Menschen herrühre. War letzteres der Fall, so hielten sie erschrocken an; dasselbe thaten jene, die wahrscheinlich auch uns gehört hatten -- und lautlose Stille folgte. Meine beiden Leute begannen dann zu rufen und zu schreien, daß sie eine weiße Frau mit einem Schutzbriefe des Rajah von Sompa nach +Darid+ zu geleiten hätten. Manchmal bekamen wir keine Antwort, einige Male standen aber plötzlich, wie aus der Erde gezaubert, ein Paar Dayaker vor uns. Sie waren bis in unsere Nähe gekommen, ohne das geringste Geräusch zu machen, und tauchten aus dem Walde erst auf, als sie sahen, daß von unserer kleinen Gesellschaft nichts zu befürchten war. Nachdem sie mich begafft und einige Worte mit meinen Leuten gewechselt hatten, ließen sie uns ruhig des Weges ziehen. Einen Dayaker fanden wir im hohen Jungle-Grase verborgen; vielleicht lag er da auf Beute lauernd!

Im Laufe dieses Tages kamen wir auch an einem Pantah vorüber. Es sind dieß kleine, viereckige Plätze von großen, hölzernen Figuren umstellt, welche die Arme ausstrecken, als wenn sie einen Reigen tanzten. Die Pantah’s werden von den Dayakern errichtet, die nach den Kriegszügen mit den eroberten Köpfen hierher kommen und hier die ersten Feierlichkeiten abhalten. Die Dayaker, aber auch die Malaien, halten diese Plätze sehr in Ehren; sie glauben, daß derjenige, der das Geringste an einer der Figuren beschädige, vom bösen Geiste befallen werde und sterben müsse. Man könnte hieraus den Schluß ziehen, daß die Dayaker wirklich an böse Geister glauben.

Kurz vor dem Oertchen Darid kamen wir an den Fluß +Menjuki+, der, wie die meisten Flüsse Borneo’s, einen so ruhigen ungestörten Lauf hat, daß man sein Dasein nicht eher ahnt, als bis man ihn sieht. Da dieser Fluß vermöge seiner Verbindung mit dem +Suar+ in welchen er mündet, bis Landak führt, sollte zu Darid die Fußreise ein Ende haben. Ich fand aber die Leute alle mit der Reisernte beschäftiget und den Rajah nicht geneigt, ein Boot für mich zu bemannen. In drei Tagen meinte er, sei die stärkste Arbeit vorüber, dann wolle er mich weiter befördern. Dieß lag natürlich nicht in meinem Plane, da ich auf diese Art Herrn Sanders verfehlt hätte. Ich forderte daher einen Führer und Kully, oder auch nur einen Kully, der den Weg wisse, um die Reise zu Fuß fortzusetzen. Lange wollten die Leute auf meine Bitten nicht hören; ich quälte sie aber so unausgesetzt, daß sie am Ende nachgaben. Ich feierte auf dieser Reise wahre Triumphe -- allein, kaum einiger Worte der Dayakischen Sprache mächtig, setzte ich meinen Willen überall durch.

+15. Februar.+ Abermals den ganzen Tag gelaufen (20 Meilen) und zwar auf vielen Umwegen. Nicht nur die Malaien, sondern auch die Dayaker hatten nämlich viele Wege verhauen und ungangbar gemacht, um sich gegen die Ueberfälle ihrer Nachbaren zu schützen, mit welchen sie in Unfrieden lebten.

Wir kamen an mehreren Dayakerplätzen vorüber, hielten aber nur einige Minuten an, um uns durch einen Trunk Kokoswasser zu erfrischen.

Wenige Meilen von +Jata+, dem heutigen Ziele der Reise, galt es eine wahrhaft schauerliche, lebensgefährliche Brücke zu übersteigen. Einige aneinander gebundene Bambusse schwebten in einer Höhe von 30 Fuß über dem mehr als 100 Fuß breiten +Suar+. Die Eingebornen benützen zu derlei Uebergängen gewöhnlich Stellen, an welchen sich kräftige Baumäste weit über das Wasser neigen, oder wo einzelne Stämme im Wasser selbst stehen, die sie als Pfeiler verwenden können, um die Bambusse darauf zu stützen. Eine so hohe und lange Brücke ist zwar mit einem Geländer versehen; aber wehe dem, der es als Stütze gebrauchen wollte: er würde unfehlbar damit in die Tiefe stürzen. Es besteht aus ganz dünnen Bambusstäbchen, die von zehn zu zehn Fuß angebracht und durch ebenso dünne Querstäbchen verbunden sind, und dient nur dazu, das Gleichgewicht zu erhalten. Bebend ging ich über diese Brücke, das Rohr tanzte unter meinen Füßen, das Geländer zitterte unter meinen Händen, und der schwindelnde Blick fiel auf den Strom, der tief unter mir in geschäftiger Eile dahin rollte. Doch glücklich erreichte ich das jenseitige Ufer.

Gestern und heute hatte ich wirklich viel zu leiden, ein Drittheil des Weges ging durch Alang-Alang, die andern zwei Theile durch Waldungen, über hohe Hügel auf- und abwärts und durch viele Sumpfstellen. Ich war gezwungen, gleich den Eingebornen, mit bloßen Füßen zu laufen; Schuhe würden in den Sümpfen stecken geblieben sein, und hohe Stiefel wären zu schwer gewesen. Eine weitere Unbequemlichkeit war, daß ich jeden Tag, wenigstens einmal, von dem tropischen Regen durchnäßt wurde und meine Kleider von der glühenden Sonne am Körper trocknen lassen mußte. Den einzigen Ersatz boten mir die immer gleich schönen Ansichten der gebirgigen Gegend.

+16. Februar.+ In +Jata+ fand ich dieselben Schwierigkeiten wie in Darid, keine Leute zur Führung eines Prauh’s, alles mit der Reisernte beschäftigt. Ich konnte mich den Leuten nicht hinlänglich verständlich machen, da sie blos Dayakisch sprachen und mußte daher mein Bischen Zeichnenkunst zu Hilfe nehmen! Ich zeichnete ein Prauh mit acht Ruderern, daneben ein kleines Kanoe mit blos einem Mann und mir selbst am Steuer, deutete auf ersteres und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß ich ein solches Fahrzeug nicht benöthige, sondern nur das kleine Kanoe mit einem Manne. Sie begriffen mich sogleich, lachten über diese Art mich verständlich zu machen, nickten mir Beifall zu und versprachen meinen Wunsch zu erfüllen.

Ich hatte späterhin häufig Gelegenheit zu bemerken, wie wunderbar richtig und schnell die Wilden die Zeichen verstehen. Ich selbst wurde so an die Zeichensprache gewöhnt, daß ich, als ich wieder unter die Weißen kam, sehr Acht geben mußte, meine Worte nicht mit den Händen und Augen näher zu erörtern.

In keinem Lande fand ich bisher die Leute so gleichgiltig und träge wie auf Borneo, weniger die Dayaker als die Malaien. Ich konnte sie nur mit dem Asiatisch-Russischen Postvolke vergleichen. Dort mußte ich auf jeder Station mehrere Stunden warten bis der Karren geschmiert, die Pferde gefüttert und alles geordnet war. Hier ist es das Makan (Essen) welches die Leute so lange aufhält. Dieses Wort spielt die größte Rolle. Fragt man nach was immer für einer Person und sie will nicht erscheinen, so heißt es „Makan,“ und damit ist man abgefertiget. Man sollte Wunder glauben, was die Leute alles essen, und dabei haben sie nichts als Reis, nebst ein Paar getrockneten Fischen oder sonst einer Kleinigkeit. Der geduldigste Mensch muß unter diesem Volke seine Geduld verlieren oder aufhören den Werth der Zeit zu schätzen.

Erst um 10 Uhr kam ich heute mit vieler Mühe fort, und um 4 Uhr schon machten wir wieder zu +Suwal+ Halt. Der +Suar+ hat nämlich drei kleine Fälle, von welchen hier der erste und höchste ist. Die Prauh’s werden ausgeladen, seitwärts des Falles über Felsen gezogen und jenseits wieder beladen. Gewöhnlich richten es die Leute so ein, daß sie die Nacht an diesem Falle zubringen, die Prauh’s Abends entladen, Morgens über die Felsen ziehen und wieder beladen. Wir hätten gut weiter gekonnt: unser Boot war sehr leicht, mein Gepäck betrug kaum 10 Pfund; weil es aber gebräuchlich war, die Nacht hier zuzubringen, mußten wir es auch thun. Wir schliefen auf einem Felsblocke unter Gottes freiem Himmel.

+17. Februar.+ Morgens half ich das Boot über die Fälle ziehen, und gegen Mittag trafen wir in Landak ein, und zwar zur höchsten Zeit, denn Herr Sanders wollte am folgenden Morgen die Rückreise nach Pontianak antreten.

Herr Sanders war nicht wenig erstaunt, als er mich ohne alle Begleitung ankommen sah. Noch höher stieg seine Verwunderung, als er hörte, welche Kreuz- und Quer-Züge ich zu Fuß gemacht hatte, um die Plätze zu umgehen, die der unruhigen Dayaker-Stämme wegen, vermieden werden mußten. Er war so gefällig, seine Abreise meinetwegen um einen Tag zu verschieben; wie es sich später zeigte, hatte er keine Ursache diesen Aufschub zu bereuen.

Landak, gleich allen Malaischen Städten aus unregelmäßigen Gruppen von Bambushütten bestehend, liegt an dem Flusse Landak, zählt ungefähr 1000 Einwohner, und ist der Sitz eines Panam-Baham’s[26].

Abends waren wir bei dem Panam-Baham eingeladen. Er empfing uns im Divan, umgeben von vier Ministern, vielen Dienern und Volk. Der Prinz, die Minister, Herr Sanders und ich nahmen auf Stühlen an einem Tische Platz; die Minister zogen aber bald einer nach dem andern die Füße hinauf und schlugen die Beine übereinander. Der Tisch ward auf Europäische Art gedeckt, mit Tafeltuch, Eßbestecken und Gläsern, und mit sehr schmackhaften Gerichten besetzt, darunter gebratene, gedämpfte und eingemachte Hühner, Enten, Lammfleisch, Fische, Reis u. s. w. Statt des Weines wurde lauwarmer Scherbet gereicht, der aber nicht so gut schmeckte wie jener, den ich in Persien und im Oriente trank. In Ermanglung feiner Früchte wird der Scherbet hier aus Kräutern gemacht, mit Zucker versüßt und hatte den Geschmack einer Arznei. Wir speisten alle mit Messer und Gabel; doch handhabten einige aus der Gesellschaft diese Instrumente so ungeschickt, daß ich mich kaum eines Lächelns enthalten konnte.

Die Kleidung des Fürsten und der Minister war einfach. Einer der Minister trug eine feine Tuchjacke mit Gold-gestickten Aufschlägen; sie mußte aber schon viele Dienste geleistet haben, denn sie ließ die Ellbogen durchschimmern. Der Reichthum dieser Leute besteht in Diamanten, die sie aber höchst sorgfältig verbergen, und ganz besonders vor uns habgierigen Europäern (so viel ich glaube mit gutem Rechte). Sie trugen nur einige Ringe mit schönen Steinen. Wir schmeichelten uns, wir würden die Schätze des Prinzen sehen; allein daraus ward nichts. Man behauptet, daß er der Besitzer des größten, bisher in der Welt gefundenen Diamanten sei; dieser soll den Kohinore, den großen Diamanten der Königin von England bei weitem übertreffen. Der Diamant wird aber Niemandem gezeigt, ja man soll nicht einmal wissen, wo er verborgen ist, so sehr fürchtet der Fürst, desselben beraubt, oder wohl gar seinetwegen ermordet zu werden. Ein beneidenswerther Schatz!!

Die Unterhaltung bei Tische spann sich um meine Reisen, vorzüglich um die letzte auf Borneo. Am meisten wunderte es den Fürsten, daß ich so glücklich durch die unabhängigen Dayaker gekommen sei; er meinte, ich müsse eines besondern göttlichen Schutzes genießen, und eine mehr als gewöhnliche Person sein[27]. Auch über meine Fußreisen erstaunte er sehr, und gestand mir aufrichtig, daß er, obwohl so jung (21 Jahre), kaum zwei Stunden würde gehen können. Ich frug ihn, ob er denn gar nicht begierig sei, etwas außer Landak zu sehen. Er erwiederte mir ganz naiv, daß ihm die Ruhe lieber sei als alle Merkwürdigkeiten der Welt.

Dem Interesse, welches der Fürst und seine Minister an meiner Reise nahmen, hatten wir das Versprechen zu danken, am folgenden Morgen in eine der größten Diamanten-Gruben geführt zu werden. Diese Gunst wird selten oder nie einem Europäer zu Theil. Wenn man um Erlaubniß ansucht, erhält man stets zur Antwort: „Es wird gegenwärtig nicht gesucht; der Platz liefert nichts, u. s. w.“ Auch Hr. Sanders wäre abgereist, ohne die Minen gesehen zu haben.

Um 10 Uhr Abends entließ uns der Fürst. Sein erster Minister begleitete uns, führte uns aber nicht nach unserer, sondern nach seiner Wohnung. Als wir eintraten, langten gerade auch die Stühle und der Tisch an, die er von dem Fürsten entlehnt hatte. Ich war von der Reise natürlich ermüdet und wollte nur kurze Zeit verweilen; aber man ließ uns nicht fort, und zu meinem Schrecken ward der Tisch zum zweiten Male mit demselben Service gedeckt, welches einige Stunden früher in dem Divan des Prinzen seine Pracht entfaltet hatte. Wie es schien wollte uns der Minister den Nachtisch serviren, den sein Herrscher vielleicht vergessen hatte, denn statt der warmen Gerichte wurden Früchte, Backwerk und Scherbet gereicht. Erst um Mitternacht kamen wir nach Hause.

+18. Februar.+ Morgens fuhren wir in Gesellschaft des ersten Ministers zu Wasser nach den Minen von +Mongo+.

Die Diamanten kommen hier in sehr niedrigen Sand- und Erdhügeln vor, welche viele Kieselsteine enthalten. Am Fuße der Hügel sind Gruben von zwei Fuß Breite und 2½ Fuß Tiefe gezogen, in welchen sich das vom Regen abgeschwemmte Gestein und Erdreich sammelt. Dieses wird in Körben nach einem nahe gelegenen Wasserbehälter von 20 Fuß Länge und 15 Fuß Breite gebracht, in welchem die Wäscher stehen, die mit großen, sehr flachen, hölzernen Schüsseln versehen sind. Ein Theil des abgeschwemmten Erdreichs wird auf diese Schüsseln gelegt und so lange geschüttelt und mit Wasser überspült, bis sich die Steine von der Erde absondern. Die Wäscher fahren dann leicht mit der Hand darüber, raffen die Steine zusammen, besehen sie genau, ob kein Edelstein darunter ist und lassen sie in das Becken fallen. Sie setzen diese Arbeit so lange fort, bis am Ende bloß feiner, schwarzer Sand übrig bleibt, der dann ebenfalls in das Becken geworfen wird. Steine und Sand werden, bevor man sie aus dem Wasserbecken schafft, nochmals sehr genau durchsucht.

Nach einem Regen darf sich, außer den Arbeitern, Niemand den Gruben nähern. Die Arbeiter sind Chinesen.

Es wurden uns zu Ehren zwei Körbe Erdreich gewaschen und darin zwei Diamanten von der Größe kleiner Stecknadelköpfe gefunden; den einen erhielt Herr Sanders, den andern ich. Der Minister sagte mir auch, daß er Befehl habe, mir zu erlauben, selbst nach Diamanten zu suchen und die gefundenen zu behalten; ich erwiederte ihm aber, daß ich nicht gekommen sei, um Diamanten zu suchen, sondern nur um die Minen zu sehen. Ich suchte nicht.

Viele Diamanten werden auch an andern Orten gefunden. Jene, die über drei Karat haben, müssen an den Fürsten verkauft werden, der sie gewöhnlich gegen Waare umtauscht und bei diesem Handel seine guten Procente zu gewinnen weiß.

Die Diamanten haben selbst an den Fundorten einen sehr hohen Preis.

Den Abend waren wir wieder bei dem Panam-Baham geladen, den unsere Gesellschaft sehr zu unterhalten schien. Man machte uns Hoffnung, den Schatz des Fürsten zu sehen; allein so weit ging seine Gefälligkeit nicht.

Am +19. Februar+ verließen wir Landak, um auf dem Strome Landak die Rückreise nach Pontianak zu machen (200 Meilen).

Wir fuhren in dem großen Boote bis an die Mündung des Flüßchens +Karanyan+. Hier bestiegen wir ein kleines leichtes Boot, um einen Abstecher nach dem Oertchen Karanyan zu machen, in welchem sich vor mehreren Jahren einige Amerikanische Missionäre festgesetzt hatten. Ihre Absicht war gewesen, unter den Dayakern Proselyten zu machen. Wahrscheinlich versprachen sie sich bei diesen mehr Erfolg als bei den Mohamedanern, die zu fest an ihrem Glauben halten. Aber auch bei den Dayakern hatten sie kein Glück und mußten den Platz aufgeben, ohne eine einzige Seele erobert zu haben.

Die Fahrt auf dem Karanyan gehört zu den schönen, aber nicht zu den bequemsten. Der Fluß war schmal, sehr seicht und der Art mit gefallenen Baumstämmen angefüllt, daß man hätte glauben mögen, dieß sei absichtlich geschehen, um ihn gegen Eindringlinge zu verschanzen. Auch viele lebende Bäume neigten sich so tief über das Wasser, daß wir uns flach in das Boot legen mußten, um unter diesen natürlichen Thorwegen durchzugleiten. Obwohl die Fahrt vier Stunden währte, verging uns doch die Zeit sehr schnell. Man kann sich schwer einen Begriff machen von dieser großartigen Zusammenstellung der verschiedenartigsten Laubbäume, Palmen, Gesträuche, Schlingpflanzen und Orchideen. Es gab darunter solche Riesenstämme, daß ich mich in dem Boote zurücklegen mußte, um mit dem Blicke die Spitze zu erreichen.

Zu Karanyan fanden wir noch eines der Missionshäuschen; zwei andere nebst einer kleinen Kapelle waren schon spurlos verschwunden. Das eine Häuschen ward von einem Malaien unterhalten, der dafür von den Missionären eine kleine Entschädigung erhält. Die Herren hatten bei ihrem Abzuge versprochen, bald wieder zu kommen, erschienen aber bisher noch nicht, obwohl schon zwei Jahre verstrichen waren. Wir fanden noch einige ihrer Möbel und Bücher vor.

Hierauf gingen wir noch vier Meilen weiter zu Fuß nach +Tubong+ und +Sareton+, um die daselbst hausenden Dayaker zu besuchen. Aus ihrem wenigen Putze, so wie an den geringen Vorräthen von Reis, Geflügel, Schweinen u. s. w. sah man gleich, daß sie zu den Abhängigen gehörten; sie waren dem Panam-Baham untergeben. Auch in ihren Zügen, in ihrer Haltung vermißte man den offenen, ruhig freundlichen Charakter der freien Stämme. Sie empfingen uns finster und mißtrauisch; erst als Herr Sanders sie mit etwas Salz und Tabak beschenkte, thauten sie auf. Ich bewunderte bei dieser Gelegenheit abermals die bescheidene Gutmütigkeit dieser Menschen. Anstatt sich stürmisch an uns heranzudrängen und die erhaltenen Geschenke einander aus den Händen zu reißen, wie es häufig die Malaien thaten, empfingen sie bescheiden was man ihnen gab, und warteten ruhig, bis der Aelteste die Theilung gemacht hatte. Die Weiber bekommen hier so gut ihren Theil, wie die Männer.

Wir frugen sie, ob ihnen die Missionäre häufige Besuche gemacht hatten; man sagte uns, daß sie alle drei bis vier Tage gekommen seien. Sie hätten geprediget, etwas aus Büchern gelesen, sich ein wenig mit ihnen unterhalten und seien wieder gegangen.

Gegen Abend kehrten wir nach Karanyan zurück und nahmen für die Nacht das Häuschen der Missionäre in Besitz. Am folgenden Morgen fuhren wir das Flüßchen wieder hinab, bis zu unserm bequemen Boote und setzten die Reise auf dem Landak bis Pontianak fort, wo wir am 22. Februar glücklich anlangten.

[24] An Orten, wo nur einige Europäer leben, wie z. B. auf Borneo, gibt es keine Gasthäuser.

[25] Der Kapthay trieb bedeutenden Handel mit Schweinen und Schweinefleisch.

[26] Panam-Baham ist mehr als Rajah und weniger als Sultan.

[27] Diesen Glauben hatte man an den meisten Orten, sowohl unter Mohamedanern als unter wilden Völkern; man hielt mich für eine Art heiliger Person, und gewiß war dieß ein großer Schutz für mich. Manche meinten auch, ich suche den Geist eines mir verwandten Verstorbenen.