Chapter 9 of 12 · 8996 words · ~45 min read

Drittes Kapitel.

Abreise von Sarawak. -- Gezwungene Rückkehr. -- Ankunft in Sacaran. -- Die unabhängigen Dayaker. -- Der Schwert-Tanz. -- Die eroberten Menschenköpfe. -- Fahrt auf dem Luppar. -- Angstvolle Nacht. -- Begegnung eines kriegführenden Stammes. -- Uebergang des Gebirges Sekamil. -- Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang.

Da ich in Sarawak nichts mehr zu besehen hatte, wünschte ich meine Reise fortzusetzen. Mein Plan war, zur See nach dem Flusse Sacaran zu fahren, diesen landeinwärts zu verfolgen bis an das Gebirge Sekamil, welches die ost-westliche Wasserscheide macht, das Gebirge selbst zu übersteigen, auf den westlichen Gewässern mich wieder einzuschiffen, und auf diese Art in einem großen Bogen nach +Pontianak+ zu gelangen, einer holländischen Besitzung, die an der nord-westlichen Küste Borneos liegt. Kapitän Brooke suchte mir dieses Unternehmen mit aller Macht auszureden; er versicherte mir, daß das Innere des Landes voll wilder, größtenteils unabhängiger Dayakerstämme sei, und daß er selbst als Mann diese Reise nicht wagen würde. Doch alle Gegenvorstellungen waren umsonst, -- ich beharrte bei meinem Entschlusse.

Herr Brooke war so gefällig sein Kanonenboot „Jolie“ unter Befehl des Kapitäns +Grimble+ in Bereitschaft setzen zu lassen, um mich zur See bis an die Mündung des Flusses Sacaran (80 Meilen) zu bringen; ein Prauh sollte mich von dort stromaufwärts nach dem Forte Sacaran führen.

Die Bereitung des Bootes, mehr aber das schlechte Wetter hielten mich noch zehn Tage in Sarawak fest.

Den Silvesterabend brachten wir sehr angenehm zu. Kapitän Brooke hatte alle Europäer zu einem Festessen geraden, bei welchem es natürlich nicht an Toasten fehlte. Der erste galt der Königin, der zweite dem Rajah Brooke, der dritte mir, und den vierten brachte ich den versammelten Herren aus. Froh und heiter traf uns das neue Jahr (1852) vereint. Am 1. Januar klärte sich das Wetter auf, und die Sonne schien freundlich auf uns nieder. Kapitän Brooke ließ alle die Kleinen von dem Missionshause kommen und bewirthete sie mit einem guten Mahle. Die Kinder sprangen und tummelten sich im Garten umher, während die Eingebornen sich mit Wettfahrten auf dem Strome erlustigten und Kapitän Brooke die Sieger mit Geschenken beglückte.

Den +5. Januar+ (1852) trat ich in Begleitung eines Missionärs, der sich in Sacaran festsetzen sollte, meine Weiterreise an. Wir kamen glücklich zur See, fanden sie aber so stürmisch und aufgeregt, daß jeder Versuch vorzudringen, vergeblich war. Eine Sturzwelle zertrümmerte das Bugspriet, eine zweite wusch die Kabüse (Küche) sammt dem bereiteten Mahle über Bord. Wir mußten zurück, und am 6. Januar lagen wir wieder in Sarawak vor Anker.

Kapitän Brooke meinte, ich sollte diese Hindernisse als Warnung ansehen und der Reise entsagen. Ich erwiederte ihm, daß ich, obwohl Frau und alt, mich vor Vorurtheilen und Aberglauben zu bewahren gewußt habe.

Sturm und Regen wechselten Tag für Tag; seit lange konnte man sich eines so unausgesetzt schlechten Wetters nicht erinnern. Die Malaien schrieben es einer Mondesfinsterniß zu, die am 8. Januar statt hatte.

An das Kanonenboot war unter solchen Umständen nicht zu denken. Wollte ich fort, so mußte ich es in einem Prauh wagen, mit dem man nahe an der Küste fahren und in jeden Fluß einlenken kann. Ich entschloß mich dazu und schiffte mich am

+17. Januar+ unter heftigem Regen zum zweiten Male ein, und zwar diesmal allein mit einem Malaischen Führer, den mir Kapitän Brooke mitgab. Der Missionär fürchtete sich vor der Seekrankheit! -- Kapitän Grimble wollte mich durchaus begleiten; allein ich gab es nicht zu.

Auch diesmal fanden wir die See sehr böser Laune: sie sandte Wogen auf Wogen über uns, so daß wir bald halb im Wasser saßen und uns nach einigen Stunden beschwerlichen Kampfes in ein nahes Flüßchen zurückziehen mußten. Den folgenden Tag ging es wenig besser, und erst den dritten gelangten wir in die Mündung des Flusses Sacaran. Hier begünstigten uns Wind und Fluth, und wir legten die 69 Meilen nach dem Fort in neun Stunden zurück.

Kommandant +Lee+ empfing mich sehr zuvorkommend in dem hölzernen Fort, welches Rajah Brooke erst vor kurzem hier an der Grenze seines Landes bauen ließ. Das Fort ist von niedrigen Erdwällen umgeben und hat eine Besatzung von 30 eingebornen Soldaten. Herr Lee und ein Beamter sind die einzigen Europäer.

Der Fluß Sacaran ist etwas bedeutender als der Sarawak, theilt sich jedoch schon 30 Meilen von der Mündung in zwei Arme, an dessen kleinerem, +Luppar+ genannt, das Fort liegt.

Die Ufer sind abwechselnd mit Nipa-Palmen, Laubwäldern, Jungle-Gras und Reispflanzungen bedeckt. Auch hier wie bei dem Sarawak, tritt das Wasser an vielen Stellen tief in das Land, eine Eigenthümlichkeit der meisten Flüsse auf Borneo; ihre Ufer sind so niedrig, daß alles meilenweit unter Wasser steht und sich Sümpfe und Moräste bilden.

Herr Lee war von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte diese Nachricht den Eingebornen mitgetheilt, die von allen Seiten herbeiströmten um mich zu sehen, da eine weiße Frau noch nie hierher gedrungen war. Vom Morgen bis Abend mußte ich so gefällig sein, mich betrachten zu lassen. Die Besucher, Malaien und Dayaker, benahmen sich aber sehr bescheiden; ihre Neugierde war nicht belästigend; sie reichten mir die Hand, setzten sich nieder und begafften mich stillschweigend. Einige der Dayakerinnen hatten kurze Oberleibchen an, die sie jedoch bei dem Eintritte in das Zimmer ganz ungenirt ablegten.

Den folgenden Tag erwiederte ich einige Besuche. Ich fand bei den Malaien alles so wie zu Sarawak und hielt mich daher nicht lange bei ihnen auf. Ich zog es vor, einen unabhängigen Dayaker-Stamm[16] in der Nähe von Sacaran zu besuchen. Hier fand ich eine große Hütte von wenigstens 200 Fuß Länge. In der Veranda war so vielerlei Kram ausgelegt, daß ich diese Dayaker für Kaufleute gehalten hätte, wenn es solche unter ihnen gäbe. Da lagen Stoffe von Zeug oder Bast, herrliche Matten, schön geflochtene Körbe von allen Größen und Formen und von ausnehmend geschickter Arbeit; dort standen einige jener kostbaren Vasen, deren Werth ich noch immer nicht begreifen konnte, -- hier hingen Parangs, Trommeln, Gongs; alle ihre Reichthümer waren zur Schau gestellt, der großen Vorräthe an bereiteten Bambus und Nipa, so wie der aufgestapelten Säcke von Reis und anderen Lebensmitteln nicht zu vergessen.

Auch sah ich bei diesen Dayakern ungleich mehr Schmuck als bei jenen auf dem Berge Serambo. Manche der Männer waren überladen damit. Sie hatten den Hals bis an die Brust mit Glasperlen, Zähnen des Honigbären und Muscheln behängt, die Arme bis an die Ellbogen, die Füße bis an die Hälfte der Waden mit Messingreifen umgeben. An einem der Oberarme trugen sie häufig ein aus einer weißen Muschel geschnittenes Armband, welches unter ihnen für sehr werthvoll gilt. Allein das allerwerthvollste für sie ist ein Hals- und Armband von Menschenzähnen. Die Ohren waren durchstochen und mit Messingringen geschmückt. Ich zählte an einem derselben 15 Ringe, von welchen jeder an Umfang zunahm; der größte hing bis an die Schulter hinab und hatte gewiß drei Zoll im Durchmesser. An diesen letzten war noch ein Blatt, eine Blume, ein Messing-Kettchen oder sonst irgend ein Gegenstand befestigt. Auf dem Kopfe trugen manche ein Käppchen von rothem Stoffe, mit Perlen, Muscheln und Messingblättchen verziert und mit einer hohen Feder des schönen Argusvogels. Andere hatten ein Stück Bastzeug kranzartig um den Kopf geschlungen, dessen Enden breit ausgefranst waren und aufgestülpten Federn glichen. Ein so geschmückter Mann sah etwas komisch aus, oben voll Putz, unten nackt.

Die Weiber trugen ungleich weniger Schmuck: sie hatten keine Ohrgehänge, keine Bärenzähne und nur selten Glasperlen. Dagegen war ihr Raway, hier Sabit genannt, acht bis neun Zoll breit, und war mit einer Unzahl Messing- oder Bleiringe besetzt. Ich hob eines dieser Prachtstücke auf und glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sein Gewicht auf zwanzig Pfund schätze.

Herr Lee ersuchte den Häuptling, den Schwert-Tanz aufführen zu lassen. Zwei Parangs wurden zu diesem Zwecke kreuzweise auf den Boden gelegt. Die Tänzer waren zwei festlich geschmückte Jünglinge. Sie hatten rothe, schmale Tücher mit Goldbörtchen besetzt, um den Kopf geschlagen und ein langes Stück buntes Zeug, gleich einem Shawl über die Achsel geworfen. Der Tanz war äußerst zierlich und anständig. Hier hatten nicht nur die Hände und Arme, sondern auch die Füße zu thun. Die beiden Tänzer machten hübsche Stellungen und vollführten kunstvolle Bewegungen. Erst tanzten sie einige Minuten um die Schwerter, dann schienen sie sie erheben zu wollen, sprangen aber jedesmal, wie von Ersetzen erfaßt, zurück, bis sie dieselben endlich wirklich erhoben und in der geübtesten Weise kreuzten, gleich den best geschulten Fechtern. -- Unstreitig war dies der schönste Tanz, den ich bisher von Wilden hatte aufführen gesehen. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong.

Denselben Tag besuchte ich noch einen zweiten Stamm, weiter aufwärts an dem Strome. Ich fand alles eben so wie bei dem ersteren; nur sah ich hier zwei erst kürzlich abgeschnittene Menschenköpfe. Es hatte zwar bei dem andern Stamme an diesen gewöhnlichen Trophäen auch nicht gefehlt; sie waren aber schon alt und in vollkommene Todtenschädel verwandelt; diese im Gegentheil erst vor wenig Tagen erobert, sahen fürchterlich aus. Der Rauch hatte sie kohlschwarz gefärbt, das Fleisch war halb eingetrocknet, die Haut unversehrt. Lippen und Ohren waren ganz zusammengeschrumpft; erstere standen weit von einander, so daß sich das Gebiß in seiner ganzen Häßlichkeit zeigte. Von den noch reich mit Haaren bedeckten Köpfen hatte einer die Augen offen, die ebenfalls halb eingetrocknet, weit in ihre Höhlen zurückgetreten waren. Die Dayaker nahmen die Köpfe aus dem Geflechte, in welchem sie hingen, um sie mir genau zu zeigen -- ein fürchterlicher Anblick, den ich nicht leicht vergessen werde.

Sie hauen die Köpfe so knapp am Rumpfe ab, daß man nur auf eine äußerst geübte Hand schließen kann. Das Gehirn wird am Hintertheil des Kopfes herausgenommen.

Als sie die Köpfe in die Hand nahmen, spieen sie ihnen in’s Gesicht, die Knaben gaben ihnen Püffe und spieen auf die Erde. Die sonst ruhigen und friedlichen Gesichter nahmen bei dieser Gelegenheit einen starken Ausdruck von Wildheit an.

Ich schauderte, -- konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, daß wir Europäer nicht besser, ja im Gegentheile schlechter sind als diese verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll Schandthaten, Morde und Verräthereien jeder Art? -- Was läßt sich vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrechte, mit der Inquisition? Und selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam? -- Nicht eine kleine, elende Hütte, gleich den rohen, unwissenden Dayakern, sondern geräumte Hallen, die größten Paläste, könnten manche berühmte Männer Europas mit den Köpfen schmücken, die ihren herrschsüchtigen und ehrgeizigen Plänen zum Opfer gefallen sind! Hat Napoleon in seinen Eroberungszügen nicht Millionen geschlachtet? Werden die meisten Kriege aus anderen Ursachen, als aus Habsucht und Raubgier eines Einzelnen unternommen? Wahrlich ich wundere mich, wie wir Europäer es wagen können, Zeter und Wehe über arme Wilde zu schreien, die zwar ihre Feinde umbringen gleich uns, die aber die Entschuldigung für sich haben, daß sie weder Religion noch Bildung besitzen, welche ihnen Sanftmuth, Milde und Abscheu vor Blutvergießen predigen.

In vielen Reisebeschreibungen liest man, daß die Dayaker ihrer Auserwählten die Liebe dadurch beweisen, daß sie ihr einen Menschenkopf zu Füßen legen. Der Reisende, Herr +Temmingk+, sagt jedoch, dieß sei nicht wahr. Derselben Meinung möchte ich auch beistimmen. Wo sollten alle die Köpfe hergenommen werden, wenn jeder Jüngling seiner Braut ein derartiges Geschenk machte? Die traurige Sitte des Köpfens scheint vielmehr aus Aberglauben entstanden zu sein. Erkrankt z. B. ein Rajah oder unternimmt er eine Reise zu einem anderen Stamme, so gelobt er und sein Stamm einen Kopf im Falle der Genesung oder der glücklichen Wiederkehr. Stirbt er, so werden auch ein oder zwei Köpfe geopfert. Bei Friedensschlüssen wird ebenfalls von manchen Stämmen von jeder Seite ein Mann geliefert, um geköpft zu werden; bei den meisten jedoch werden Schweine statt der Menschen geopfert.

Ist ein Kopf gelobt, so muß er um jeden Preis herbeigeschafft werden. Gewöhnlich legen sich dann einige Dayaker in einen Hinterhalt. Sie verbergen sich in dem drei bis sechs Fuß hohen Jungle-Grase, oder zwischen Bäumen oder abgehauenen Zweigen, unter dürrem Laube, und harren Tagelang ihres Opfers. Nähert sich ein menschliches Wesen, Mann, Weib oder selbst ein Kind dem Verstecke, so schießen sie erst einen vergifteten Pfeil ab, dann springen sie gleich Tigern auf ihre Beute los. Mit einem einzigen Hiebe trennen sie den Kopf vom Rumpfe. Der Körper wird sorgfältig verborgen, der Kopf aber in ein Körbchen gelegt, welches besonders zu diesem Zwecke bestimmt und mit Menschenhaaren verziert ist.

Derlei Morde sind natürlich stets Veranlassungen zu Kriegen. Der Stamm, aus welchem ein Mitglied getödtet wurde, zieht zu Felde und ruht nicht eher, als bis er zum Ersatze einen, auch zwei Köpfe hat. Diese werden dann im Triumphe, unter Tanz und Gesang nach Hause gebracht und feierlich aufgehangen. Die darauf folgenden Festlichkeiten dauern einen ganzen Monat.

Die Dayaker lieben die Köpfe so sehr, daß wenn sie mit den Malaien vereint einen Piratenzug oder eine Fehde unternehmen, sie sich blos die Köpfe ausbedingen und alle übrige Beute den habgierigen Malaien überlassen.

Sie verschieben ihre Züge stets bis nach der Reisernte, die für sie zu wichtig ist, um unterbrochen zu werden, und nehmen Weiber und Kinder mit sich.

Ich bedauerte sehr, nicht acht Tage früher gekommen zu sein. Ich hätte der Feier eines Friedenschlusses beiwohnen können, der, Dank dem eifrigen Bestreben Rajah Brooke’s, zwischen zwei unabhängigen Dayaker-Stämmen geschlossen worden war. Herr Lee erzählte mir, daß die beiden feindlichen Häuptlinge (Rajah’s) von 20 oder 30 ihrer Leute begleitet, vor sein Haus kamen. Jeder brachte ein Schwein mit. Nach langen Reden zwischen den Häuptlingen und dem Volke, wurden die Schweine geköpft, aber nicht durch Dayaker, sondern durch Malaien. Fällt der Kopf auf einen Streich, so bedeutet es Glück. Die Schweine wurden nicht verzehrt, sondern in den Fluß geworfen. Sie schließen ihr Bündniß nicht auf Jahre (diese Rechnung ist ihnen unbekannt), sondern auf Reisernten.

Herr Lee hatte ebenfalls versucht, mir mein Vorhaben, in das Innere des Landes zu dringen, auszureden. Den Nachrichten zu Folge, die er erst kürzlich von jenen Gegenden erhalten hatte, war ein Häuptling getödtet worden und alles in Krieg verwickelt. Mein Entschluß, so weit vorzudringen als man mich ließe, stand jedoch fest, und ich schiffte mich am

+22. Januar+ auf dem +Luppar+ ein, mit der Absicht stromaufwärts bis an das Gebirge +Sekamil+ zu gehen. Ich nahm, außer dem Malaischen Diener, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und acht Malaischen Bootsleuten, noch den Koch Herrn Lee’s als Steuermann mit, der mir durch die Güte des Herrn Lee zur Verfügung gestellt und von großem Nutzen wurde, weil er einige Worte Englisch sprach.

Die Reise begann sogleich in dem Gebiete der freien Dayaker, und zwar der Stämme, die als sehr wild bekannt sind.

Zeitlich des Nachmittags landeten wir an einem ihrer Wohnplätze, um daselbst die Nacht zuzubringen. Mein Hauptbestreben war, stets mich ihnen vertrauungsvoll und herzlich zu nahen. Ich schüttelte Männern und Weibern die Hände, setzte mich unter sie, sah ihren Arbeiten zu, nahm die Kinder auf den Schooß u. s. w. Dann begab ich mich in den Wald, um nach Insekten zu suchen. Daß mir ein ganzer Zug der Eingebornen, besonders der Kinder folgte, versteht sich von selbst. Sie wollten sehen wohin ich ginge, wozu mir das Schmetterlingnetz und die Schachtel diente, die ich zur Aufbewahrung der Insekten stets mit mir trug. Sie betrachteten mein Thun und Lassen gerade so wie ich das Ihrige. Anfangs lachten sie mich wohl aus, wenn sie sahen mit welcher Emsigkeit ich nach jedem Schmetterlinge, nach jeder Fliege haschte[17]; doch kaum hatte ich ihnen begreiflich gemacht, daß ich Arzneien daraus bereite, als aus den Lachern gewöhnlich eben so viele Sucher wurden. Es war nothwendig, ihnen etwas derartiges, für ihr Fassungsvermögen passendes zu sagen. Ich habe ihnen vieles von meinen Sammlungen zu verdanken.

Mit der Abend-Dämmerung heimkehrend, fand ich ein Plätzchen, mit reinlichen Matten belegt, für mich bereit. Die Leute setzten sich zwar in meine Nähe, berührten aber nicht das Geringste; ihre Achtung vor meinem Eigenthume war so groß, daß wenn ich meinen Platz verließ, sie ebenfalls hinweg gingen. Ich konnte ruhig alles offen umher liegen lassen. Auch wenn ich aß, setzten sie sich weiter von mir weg, um mich nicht zu stören. Man gab mir gewöhnlich Reis und Hühner-Kuri[18]. Leider war letzteres stets mit ranzigem Kokosöl zubereitet; da ich jedoch vom frühen Morgen bis späten Abend nichts über die Lippen brachte, that der Hunger sein Bestes; kam es manchmal gar zu arg, so hielt ich die Nase zu und suchte mein Mahl so schnell als möglich zu verschlucken.

Lange des Abends blieben die Dayaker wach. Erst nach elf Uhr erlosch ein Feuer nach dem andere und dicke Finsterniß umgab mich. Dennoch war mir in einer solchen Nacht nicht bange zu Muthe, obwohl ich mich, von jeder Hilfe abgeschnitten, ganz allein unter so begeisterten Kopfliebhabern befand. Ich wußte, daß Rajah Brooke’s Namen bis hierher gedrungen sei und daß ich unter dem Schutze der Achtung die man ihm zollt, sicher ruhen konnte.

+23. Januar.+ Während des Tages fiel nichts vor; wir fuhren an mehreren Dayakerplätzen ungestört vorüber. Nachmittags kehrten wir wieder bei einem Stamme ein. Hier sah es aber nicht sehr gemüthlich aus, denn die Leute waren erst vor zwei Tagen von einem Kampfe heimgekehrt und hatten einen Kopf mitgebracht, der nebst andern schon beinah ganz ausgetrockneten, über der Feuerstelle hing, an der mein Lager bereitet wurde. Es ist dies nämlich der Ehrenplatz, der dem Gaste geboten wird, -- eine höchst widerliche Auszeichnung, die man doch nicht ausschlagen darf. Die dürren Schädel, die in dem starken Zugwinde gegen einander klapperten, der unbeschreibliche, erstickende Gestank, der von dem frischen Kopfe ausging, und den mir der Luftzug zeitweise in’s Gesicht trieb, der Anblick der Leute, die noch sehr aufgeregt schienen und beständig um mein Lager kreisten, als schon alle Feuer erloschen waren, brachte mich um Schlaf und Ruhe. Ich gestehe aufrichtig, meine Angst war so groß, daß ich in eine Art Fieber verfiel. Länger konnte ich nicht liegen bleiben und wagte doch nicht aufzustehen. Ich setzte mich aufrecht und meinte jeden Augenblick das Messer schon an meinem Nacken zu fühlen. Erst gegen Morgen sank ich ermüdet und erschöpft auf mein Lager zurück.

+24. Januar.+ Das Reisen auf Borneo geht unendlich langsam von statten. Es ist unmöglich, die Bootsleute in den schönen frühen Morgenstunden zum Aufbruche zu bringen. Sie müssen erst ihren erbärmlichen Reis kochen, und dazu benöthigen sie so viel Zeit, wie bei uns ein Koch mit dem größten Mittagsmahle. Während der Fahrt halten sie ebenfalls jeden Augenblick mit dem Rudern inne, der Eine um sein Siri zu bereiten, der Andere um Strohcigarren zu wickeln oder zu rauchen, so daß im Durchschnitte kaum die Hälfte der Leute arbeitet. Noch nie ward meine Geduld so auf die Probe gesetzt, wie auf dieser Reise.

Der Malaie, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und von dem er versichert zu sein glaubte, daß er mir gute Dienste leisten würde[19], war der unausstehlichste von allen. Er sollte mich bedienen und zu gleicher Zeit die Leute zur Arbeit, zum frühen Aufbruche anhalten. Von alle dem that er nicht das Geringste; seinetwegen konnten die Leute um Mittag aufbrechen. Er blieb ruhig liegen, oder rauchte und plauderte, und statt mich zu bedienen, ließ er sich bedienen. Befahl ich ihm etwas, so gab er mir keine Antwort, oder kehrte mir den Rücken zu, so daß ich alle Dienste, deren ich benöthigte, von den Bootsleuten fordern mußte.

Die Fahrt wurde nun mit jedem Ruderschlage reizender. Die Ufer erhöhten sich, üppige Reispflanzungen verdrängten die Moräste, und weiter im Hintergrunde erschienen freundliche Hügelketten. Unter den Bäumen gab es wahre Prachtexemplare, manche mit Stämmen von 120 bis 140 Fuß Höhe, andere mit tief herabhängenden Aesten, die sich weit über die Wasserfläche streckten und kühle Laubdächer bildeten. Auf hohen, schlanken Bäumen mit sehr wenig Aesten findet man häufig große Bienenstöcke. Um sie des Honigs zu berauben, verfertigen die Eingebornen eine Art Leiter aus Bambus, die je zu zwei und zwei Fuß an dem Stamm befestiget ist, von welchem sie ungefähr sechs Zoll absteht, und die oft bis zu einer Höhe von 80 Fuß führt.

Auch heute, wie gestern, kehrte ich bei Dayakern ein. Kaum hatte ich mich auf mein Lager begeben, so hörte ich ein schnelles, taktmäßiges Klatschen. Ich erhob mich und ging neugierig der Stelle zu, von welcher diese Musik kam. Da lag ein Mann ausgestreckt und unbeweglich auf der Erde, auf dessen Körper ein halbes Dutzend Jünglinge mit flachen Händen abwechselnd losschlug. Ich hielt den Mann für todt und staunte über diese sonderbare Zeremonie, die mit seinem Körper vorgenommen wurde. Allein nach einer Weile sprang der vermeinte Todte unter dem schallenden Gelächter der Jünglinge auf und -- das Spiel war zu Ende. So viel ich verstand, hält man dergleichen Uebungen für sehr nützlich für den Körper, da sie ihm Biegsamkeit und Kraft verleihen sollen.

+25. Januar.+ Immer schönere Ansichten bieten sich dem Blicke dar. Die Berge vervielfältigen sich und werden höher und höher; manche der Spitzen, die ich heute sah, mochten über 3000 Fuß hoch sein. Mich erinnerte die Reise auf Borneo zum Theil an jene im Innern Brasiliens. Hier wie dort undurchdringlicher Urwald mit erdrückender Vegetation, hier wie dort wenig gelichtetes Land, wenig bewohnte Plätze. Der einzige Unterschied ist, daß Borneo von zahllosen Flüssen und Flüßchen durchschnitten wird, während Brasilien nur wenige, dagegen aber desto mächtigere Ströme besitzt. Was könnte aus beiden Ländern geschaffen werden[20], wären sie mit friedlichen, arbeitsamen Menschen bevölkert! Leider ist dies nicht der Fall; Eingeborne sind nur wenige, und diese denken mehr an Krieg und Zerstörung, als an Kultur und Arbeit, und die weißen Ansiedler schließt theilweise das Klima aus.

Eine Sonderbarkeit Borneo’s ist die dunkelbraune Farbe seiner Gewässer. Einige Reisende behaupten, sie rühre von den vielen Blättern her, die, da die Ufer dicht mit Waldungen besetzt sind, in die Flüsse fallen und verfaulen. Dieser Meinung möchte ich beinahe widersprechen, denn auf der Insel +Ceram+, welche ich später bereiste, und die an Wäldern, an Flüssen eben so reich ist wie Borneo, fand ich das Wasser überall krystallhell.

+Alexander von Humboldt+ bemerkte diese dunkle Farbe auch an Flüssen in Amerika, und er fügt bei, daß in derlei Gewässern weder Krokodile noch Fische leben. Auf Borneo ist dies nicht der Fall. Hier fehlt es nirgends an Kaimans (zum Geschlechte der Krokodile gehörig) und Fischen.

Abends saß ich wieder unter einem Schwarme Dayaker und unterhielt mich mit ihnen mittelst eines Malaischen Dolmetschers und des Koches so gut es ging. Ich frug sie, ob sie an einen großen Geist glaubten, und ob sie Götzen und Priester hätten. So viel ich aber verstehen konnte, glauben sie an nichts und haben weder Götzen noch Priester. Ersteres mag vielleicht nicht der Fall sein, ich kann sie schlecht verstanden haben; was aber letztere anbelangt, so habe ich deren wirklich nie bei ihnen gesehen. Dagegen fehlt es nicht an Rajah’s; jedem Häuptlinge, wenn sein Stamm auch nur aus einigen Dutzend Familien besteht, wird dieser hochtrabende Titel beigelegt. Dies erinnerte mich an Ungarn und Polen, wo sich alles, was nicht leibeigen war, „Edelmann“ nannte.

Wir waren in der besten Unterhaltung, als ein Junge eine wilde Taube brachte, die er im Walde gefangen hatte. Ein Mann nahm sie ihm ab, drehte dem armen Tierchen den Hals um, zog ihm einige der längsten Flügelfedern aus und warf es in’s Feuer. Kaum waren die übrigen Federn halb verbrannt, als er sie vom Feuer nahm, den Kopf und die äußersten Flügelenden abriß, und einem neben ihm stehenden, begierig darauf harrenden Kinde gab. Er legte die Taube hierauf zum zweiten Male in das Feuer, aber nur auf einige Augenblicke, nahm sie wieder weg und zerriß sie in sechs Stücke, die er an eben so viele Kinder vertheilte. Er selbst kostete nicht einmal davon. Ich hatte schon bei vielen Gelegenheiten bemerkt, daß die Dayaker sehr zärtliche Eltern sind.

Denselben Abend brach ein fürchterliches Ungewitter los, von echt tropischen Regengüssen (bei uns Wolkenbruch genannt) und heulendem Sturme begleitet. Ein Windstoß löschte alle Feuer aus. Wir sprangen auf und flüchteten in das Innere des Hauses, jeden Augenblick gewärtig, daß ein zweiter das Blätterdach über unsern Häuptern davon tragen würde. Aber wie alles zu Heftige selten lange anhält, so war es auch mit diesem Sturme: in einer halben Stunde war er vorüber. Die Leute hatten angefangen, aus Leibeskräften zu singen und den Gong zu schlagen, wie ich glaubte, um den Sturm zu übertäuben und zu vertreiben, und sie fuhren damit bis zum frühen Morgen fort. Ihre Gesänge glichen einem tollen Geheule. Ich unterschied zwei Melodien, die beide von einem Vorsänger vorgeschrieen wurden, und an deren Ende die übrigen jedesmal einfielen. Vier Jünglinge führten auch einen Tanz auf. Sie tappten mit langsamen, gleichmäßigen Schritten um die Feuerstelle, über welcher die Todtenschädel hingen. Jeder der Jünglinge hatte einen tüchtigen Knittel in der Hand, mit dem er bei jedem Schritte heftig auf den Boden stieß. Zeitweise spuckten sie nach den Schädeln. Wie ich später erfuhr, galt diese Musik und dieser Gesang nicht dem Sturme; es war ein Fest, welches einem Kriegszug voranging.

Bei allen Stämmen, die ich auf dieser Reise gesehen hatte, wohnte der Häuptling in keiner abgesonderten Hütte, sondern gemeinschaftlich mit den Familien. Die Jünglinge schliefen und wohnten in den Veranden (Vorplätzen).

+26. Januar.+ Meine Reise unter den wilden Dayakern ging so ohne alle Gefahr und Schwierigkeiten vor sich, obwohl ich manchmal Ursache hatte, das Schlimmste zu fürchten, daß ich schon anfing, mich einer gänzlichen Sorglosigkeit hinzugeben. Heute sollte ich eines andern belehrt werden.

Ich saß ruhig in meinem Prauh, als uns ein kleines Kanoe entgegen kam, in welchem vier Dayaker saßen, die mit größtmöglichster Eile stromabwärts ruderten. Sie hielten bei uns nicht an, sondern schrieen uns blos im Vorüberfahren zu, so schnell als möglich umzukehren, da der nächste Stamm, mehr aufwärts am Flusse, gerade zum Kriege ausziehe. Sie selbst seien nur entkommen, weil man sie nicht gesehen habe.

Diese Nachricht machte mich höchst bestürzt. So nahe dem Gebirge -- diesen Abend sollten wir an dessen Fuß gelangen -- und nun umkehren! Ich hielt Rath mit dem Koche, dem einzigen Mann, mit dem ich einige Worte sprechen konnte, und suchte ihn für die Weiterfahrt zu stimmen. Glücklicher Weise war er ein beherzter Mensch; er meinte, daß, obwohl die Dayaker auf ihren Kriegszügen gewöhnlich alles niedermachen, was ihnen in die Hände fällt, sie doch vielleicht Rajah Brooke’s Flagge achten würden. Ich gab ihm Recht, ließ sogleich die Flagge aufziehen, und die Reise wurde, gegen den Willen der anderen Bootsleute, fortgesetzt.

Wir fuhren nicht lange, so vernahmen wir schon den Kriegsgesang mit Begleitung des Gongs und der Trommel. Noch bargen uns die hochbewaldeten Ufer; aber wenig Ruderschläge weiter, bei einer Krümmung des Flusses, zeigte sich uns ein Bild, das wohl den beherztesten Mann mit Furcht erfüllt hätte. Auf einer kleinen Erhöhung am Ufer standen die Wilden, gewiß Hundert an der Zahl, mit hohen, schmalen Schilden, und mit Parangs in den Händen. Bei unserem Anblicke stieg ihr Geschrei auf’s Höchste, und ihre Geberden wurden fürchterlich.

Das Herz erbebte mir im Leibe; doch zur Rückkehr war es zu spät. Entschlossenheit allein konnte uns retten. Dem Hügel gegenüber, mitten im Flusse, lag eine Sandbank. Auf diese sprang mein wackerer Koch und begann eine Unterhandlung mit dem Rajah, von welcher ich leider kein Wort verstand, da sie in Dayakischer Sprache vor sich ging. Um so größer war meine Bestürzung, als plötzlich die Wilden die kleine Anhöhe herabsprangen, sich theils in Kanoe’s, theils ins Wasser stürzten, rudernd und schwimmend auf mein Prauh zu kamen und es von allen Seiten umringten und erstiegen. Nun, dachte ich, sei der letzte Augenblick meines Lebens gekommen. Doch bald vernahm ich die Stimme des Koches, der sich durch die Leute drängte und mir zuschrie, daß man uns willkommen hieße. Zu gleicher Zeit wurde auf der Anhöhe ein weißes Fähnlein als Friedenszeichen aufgesteckt.

Wer je dem Tode wirklich nahe war, der allein kann sich eine Vorstellung machen von der Angst, die ich ausgestanden, so wie von der Freude, die mich nun erfüllte, als ich mich gerettet sah! Alle diese heftigen Gemüthsbewegungen mußte ich unterdrücken und stets die größte Kaltblütigkeit zeigen, da dies noch das einzige Mittel ist, den Wilden Achtung einzuflößen. Der Koch hatte Recht, Rajah Brooke’s Flagge war der Talisman, der uns schützte. Nicht nur daß uns die Leute nichts zu Leid thaten; im Gegentheile benahmen sie sich sehr freundlich, und luden mich ein, mit ihnen an’s Land zu gehen, was ich auch that, um ihnen zu zeigen, daß ich ihre Einladung ehrte und schätzte. Diese Achtung und Verehrung, welche die Dayaker für Rajah Brooke bewiesen, rührte mich sehr. Man sieht daraus, wie dankbar die wilden Völker sind, wenn man es wirklich gut und aufrichtig mit ihnen meint. Hätte ich doch in diesem Augenblicke die Feinde dieses edlen Mannes um mich gehabt! Wie tief würde sie nicht diese Scene beschämt haben![21]

Als ich an das Land stieg, fand ich die Weiber und Kinder hinter der Anhöhe unter Zelten gelagert. Sie empfingen mich so freundlich wie ihre Männer; ich mußte mich sogleich zu ihnen setzen. Auf dem Boden lagen viele Eßwaaren ausgebreitet, besonders eine Menge kleiner flacher Kuchen von allerlei Farben, weiß, gelb, braun und schwarz. Sie sahen so schmackhaft aus, daß ich mit wahrer Lust darein biß. Aber wie bereute ich meine Naschhaftigkeit! Die weißen Kuchen bestanden aus Reis-, die gelben aus Mais-Mehl. Das Mehl war grob gestoßen, und mit weiter nichts als mit einer reichlichen Portion ranzigen Fettes angemacht, das aus der Frucht Kawan gewonnen wird. Die braunen und schwarzen Kuchen erhielten ihre Farbe von der mehr oder minderen Beimischung eines schwarzen Syrups, der aus Zuckerrohr oder von dem Safte verschiedener Palmen bereitet wird. Um die guten Leute, die mir mit Gewalt von allem geben wollten, nicht zu beleidigen, schluckte ich mit Ekel einige Bissen hinab.

Unter den Männern, welche mich umgaben, hatten viele das Körbchen an der Seite hängen, welches zum Empfange des eroberten Kopfes bestimmt ist. Es war höchst zierlich geflochten, mit Muscheln geschmückt und mit Menschenhaaren behangen. Die letztere Zierde darf jedoch nur der Dayaker tragen, der bereits einen Kopf erbeutet hat.

Nach eingenommenem Mahle drangen sie in mich, ihren Wohnplatz zu besuchen, der tiefer im Walde lag. Ich brach sogleich mit ihnen auf und zwar ohne einen einzigen meiner Leute mitzunehmen, wohl wissend, daß man bei wilden Völkern um so geachteter und sicherer ist, je mehr Zutrauen man ihnen zeigt.

Ihre Hütten fand ich wie die der übrigen Stämme. Sie baten mich, den Rest des Tages und die Nacht bei ihnen zuzubringen; allein ich zog es vor, noch diesen Tag bis an den Fuß des Gebirges zu fahren, und nach kurzer Rast nahm ich herzlichen Abschied von meinen neuen Freunden. Männer und Weiber begleiteten mich bis an mein Prauh, drückten mir die Hände und luden mich ein, wieder zu kommen. Sie gaben mir Früchte, Kuchen, Eier, nebst einem Bambusrohre voll gekochten Reises mit auf den Weg.

Des Abends erreichte ich +Beng-Kalang-Sing-Toegang+, einen Ort mit einigen Dutzend Hütten, am Fuße des Gebirges Sekamil gelegen, Sitz eines Malaischen Rajah’s, dem ich durch einen Brief von Kapitän Brooke angelegentlichst empfohlen war.

Hier verabschiedete ich mein Prauh; die Wasserfahrt, deren Länge von Sacaran bis an das Gebirge ungefähr 150 Meilen betragen mochte, hatte vorläufig ein Ende; es handelte sich nun darum, das Gebirge selbst zu übersteigen. Glücklicherweise erbot sich der Rajah, mich persönlich zu begleiten, und somit stand dieser gefährlichen Reise nichts mehr im Wege. Der nächste Tag verging mit den Vorbereitungen. Der Rajah suchte die Mannschaft aus, die er mitnehmen wollte, ließ die Waffen in Stand setzen, die Lebensmittel bereiten u. s. w. Ich benützte diese Zeit, das Leben und Treiben der Leute zu beobachten.

Zu der Gattin des Fürsten hatte ich unbedingten Zutritt, nicht nur weil ich eine Frau war, sondern auch weil, wie ich schon früher erwähnt habe, bei den Malaien die Frauen bei weitem nicht so strenge abgeschlossen sind, wie bei den Türken. Die Frau war noch sehr jung, gehörte aber nicht zu den schönsten ihres Geschlechtes; im Gegentheile war ihrem Gesichte ein Stempel ganz besonderer Trägheit und Theilnahmslosigkeit aufgedrückt. Nicht einmal ihr Kind, das um sie spielte, konnte ihr ein Lächeln oder eine freundliche Miene abgewinnen. Das fürstliche Ehepaar zeichnete sich in der Kleidung von seinen Unterthanen und Sklaven nicht im Geringsten aus; das Kind ging, gleich den andern Kindern, ganz nackt. Besser beschaffen war die Einrichtung des Schlafgemaches, das durch hohe Bambus-Wände von der Küche und den übrigen Räumen abgesondert, zugleich als Empfangssaal diente. Hier gab es schön gestickte Kissen, eingelegte Holzkästchen, reinliche Klambu’s und drei jener räthselhaften, kostbaren Vasen.

Die Malaien halten Sklaven. Sie verdammen hiezu die Kriegsgefangenen sowie auch die Schuldner, die nicht bezahlen können. Letztere müssen so lange als Sklaven dienen, bis sie von ihren Verwandten oder Freunden ausgelöst werden, was natürlich selten geschieht, da das Volk durchschnittlich sehr arm ist. Die Sklaven werden aber sehr gut behandelt; sie gehören zur Familie und ich würde nie ein Sklaven-Verhältniß bemerkt haben, hätte man es mir nicht gesagt.

+28. Januar.+ Nun ging es an die Fußreise. Ich hatte dazu eine sehr zweckmäßige, einfache Kleidung. Ich trug ein kurzes Beinkleid, das mir bis über die Knie reichte, einen Rock und eine Cabaya. Der Rock ging mir zwar bis an die Knöchel, ich schürzte ihn aber während des Marsches auf und ließ ihn erst hinab, wenn die Tagereise vollendet war. Auf dem Kopfe hatte ich einen herrlichen Bambus-Hut von der Insel Bali, undurchdringlich für Regen und Sonnenschein. Um gegen den Sonnenstich gänzlich gesichert zu sein, legte ich noch unmittelbar auf den Kopf ein Stück von einem Banana-Blatte. Was die Fußbekleidung anbelangte, so mußte ich den Strümpfen und theilweise auch den Schuhen entsagen, da der Weg häufig durch Sümpfe und Wasser führte. Wer ähnliche Reisen unternimmt, muß abgehärtet sein wie der Eingeborne. Ich war es, weil ich es sein wollte. Ich schlief gar viele Nächte auf der bloßen Erde in Wäldern und hatte gar manche Tage zu meiner Nahrung nichts als in Wasser gekochten Reis.

Unser Zug bestand, außer dem Rajah, mir und meinem Diener, noch aus zwölf Mann Gefolge, theils Dayaker, theils Malaien, von welchen die Hälfte mit Gewehren bewaffnet war.

Ich machte mich nicht nur auf schlechte Wege, sondern auch auf das Ersteigen eines hohen Gebirgspasses gefaßt. Letzteres war jedoch nicht der Fall. Wir wanden uns stets durch schmale Thäler, in wenig aufsteigender Richtung; ich glaube kaum, daß wir uns mehr als 500 Fuß erhoben. Die Wege dagegen waren gräßlich -- eine ununterbrochene Kette von Bächen, Sümpfen und stehenden Gewässern, in die wir oft tief über die Knie einsanken. Von den Höhen hatten wir überraschende Ansichten. Dreifache Gebirgsketten thürmten sich hintereinander auf; große Thäler lagen dazwischen, von schönen Flüssen durchschnitten, aber alles in dem tiefen Schlummer dichter, undurchdringlicher Waldungen begraben. Selten kamen wir an kleine Lichtungen, von Dayakern bewohnt, und mit Reis, Mais, Zuckerrohr und Ubi (eine Gattung süßer Kartoffel) bepflanzt. Wenn wir uns einer solchen Stelle näherten, wurde Halt gemacht und ein Theil der Mannschaft vorausgesandt, um den Platz zu untersuchen und um die Erlaubniß des Durchzuges anzufragen. Zweimal führte uns der Weg mitten durch die Dayakerhäuser; wir mußten die Leiter auf der einen Seite hinauf- auf der andern hinabklettern. Die Dayaker lichten oft vorsätzlich nicht die Waldungen um ihre Wohnplätze, um dem Feinde den Zugang zu erschweren; sie lassen nur schmale, enge Pfade offen, die leicht verrammelt werden. Man könnte ein solches Haus mit einem Blockhause vergleichen.

Nach einem scharfen Marsche von acht Stunden hielten wir in einem dieser Blockhäuser an, wo man uns ohne Schwierigkeit erlaubte, die Nacht zuzubringen.

+29. Januar.+ Höhen hatten wir nicht mehr zu übersteigen; dagegen aber waren die Wege, die durch dichte Wälder führten, voll Wurzeln und gefallener riesiger Baumstämme, so daß es immerwährend zu klettern gab. Rechnet man dazu die Pfützen, Moräste und Gewässer, durch die es durchging, oder die auf dünnen Bambusstämmchen überschritten werden mußten, so kann man sich einen Begriff von dieser Reise machen. Bei schönem Wetter anstrengend genug, ist sie bei schlechtem, wie wir es trafen, eine der beschwerlichsten.

So oft ein verdächtiges Geräusch im Walde vernommen wurde, hielten wir an; wir mußten auf dem Platze wie eingewurzelt stehen bleiben und die größte Stille beobachten, während die Mannschaft vorausschlich, gleich Schlangen über die Baumstämme und Wurzeln sich windend.

Nach einem abermaligen Marsche von acht Stunden erreichten wir +Beng-Kallang-Boenot+, das Ende der Fußreise. Ich glaube kaum, daß wir in diesen 16 Stunden mehr als 35 Meilen gemacht haben.

Zu +Beng-Kallang-Boenot+ residirte ebenfalls ein kleiner Malaischer Fürst, bei welchem wir die Nacht zubrachten.

Daß ich allen diesen Leuten, Dayakern wie Malaien, eine vollkommen fremde Erscheinung war, versteht sich von selbst. Die wenigsten hatten je einen weißen Mann, alle gewiß aber nie eine weiße Frau gesehen. Ihre Verwunderung war um so größer, da nach ihren Begriffen eine Frau allein sich kaum einige Schritte vom Hause entfernen kann.

+30. Januar.+ Zu Beng-Kallang-Boenot schiffte ich mich auf dem Flusse +Batang Lupar+ in einem ganz kleinen Boote mit blos einem Fährmanne ein. Der Fluß schlängelte sich durch Waldungen, war schmal und von vorstehenden Bäumen oft so eingeengt, daß wir kaum durchkommen konnten. Die Sonne drang nirgends durch das dichte Blätterdach; die größte Stille, von Zeit zu Zeit durch das Aufspringen eines Affen oder das Auffliegen eines Vogels allein unterbrochen, umgab uns. Stiller und finsterer konnte es auf dem Acheron selbst nicht sein. Die Farbe dieses Flusses war beinahe tintenschwarz.

Nach einigen Stunden überholten wir ein kleines Kanoe, das mit zwei Männern, einem Weibe, einem Kinde und vielen Hühnern und anderem Kram beladen war. Wir hielten an, und nach einer kurzen Unterredung sah ich zu meinem Erstaunen, daß die ganze Besatzung auf mein Boot übersiedelte. Das ihrige verbargen sie in dichtem Gebüsche. Ich stritt vergebens dagegen. Meinem Schlingel von Diener schien die Sache anzustehen, und deshalb hörte er nicht auf meine Worte. Mein Platz war durch diesen Zuwachs natürlich sehr beschränkt; was mich aber noch mehr belästigte, war das Feuer, das die Leute machten, um ihren elenden Reis zu kochen, und dessen Hitze und Rauch mir in’s Gesicht schlugen.

Der finstere Batang Lupar verlor sich nach ungefähr 30 Meilen in den See +Boenot+, der an vier Meilen im Durchmesser haben mochte. Dieser See bot mir eine Merkwürdigkeit dar, wie ich noch keine ähnliche gesehen hatte. Er war nämlich dicht mit Baumstämmen angefüllt, die jedoch nicht entwurzelt umherlagen, sondern fest im Grunde standen; nur waren sie gänzlich erstorben und hatten weder Aeste noch Kronen; sie glichen von Menschenhand eingesetzten Palissaden. Eine breite Wasserstraße, ein natürlicher Kanal von höchstens einer halben Meile Länge führte in einen zweiten See, +Taoman+ genannt, der noch einmal so groß war als der Boenot-See und im Gegensatze zu diesem einen vollkommen reinen, schönen Wasserspiegel hatte.

Die Umgebung beider Seen war herrlich: weite bewaldete Thäler, östlich und westlich von malerischen Gebirgszügen mit hohen Spitzen und Kuppen begrenzt. Die höchsten der Spitzen mochten wohl an 5000 Fuß messen.

Von dem See Toaman lenkten wir in den schönen Fluß +Kapuas+, nach dem +Benjermassing+ der bedeutendste Borneo’s. Seine Breite mag gut eine halbe Meile betragen; doch ist sie sehr ungleich, da es ihm, wie den meisten Flüssen dieses Landes, an scharf abgrenzenden Ufern fehlt; seine Gewässer überfließen oft weithin die Waldungen. An diesem schönen Flusse gab es der bewohnten Stellen viel weniger als an dem Lupar (jenseits des Gebirges Sekamil); hätte nicht Hundegebell und Hühnergeschrei von Zeit zu Zeit Leben verkündet, so würde ich die ganze Gegend für unbewohnt gehalten haben.

Diese und die folgende Nacht brachte ich höchst unbequem auf dem Boote zu. Die zugewachsene Gesellschaft ließ mir so wenig Raum, daß ich halb gekrümmt liegen mußte. Ich wäre gerne bei Dayakern eingekehrt; jedoch der Fährmann wollte nicht, indem er vorgab, daß es zu gefährlich sei.

+31. Januar.+ Heute begegneten wir größeren und kleineren Prauh’s mit Dayakern und Malaien. Nachmittags überholte uns ein sehr großes. Man schrie uns höchst gebieterisch zu, heranzusteuern. Wir mußten wohl gehorchen, denn Ungehorsam war mit unserer Schwäche nicht vereinbar. Statt gefürchteter Piraten empfing mich aber ein sehr höflicher Malaischer Rajah, der auf einer Reise begriffen war. Nach einigen Fragen, „woher ich komme“, „wohin ich gehe“ u. s. w., beschenkte er mich mit einer großen Schale frischen Kokosöles und einigen süßen Kuchen.

+1. Februar.+ Gegen Mittag erreichten wir +Sintang+, ein Städtchen von wenigstens 1500 Einwohnern und Sitz eines Sultans. Hier hatten die Gefahren ein Ende, denn die Dayaker-Stämme, die ich bis +Pontianak+ noch zu passiren hatte, standen unter Malaischen Fürsten, an welche ich von dem Sultan von Sintang empfohlen zu werden hoffte. Ich hatte zu diesem Zwecke für letzteren einen Brief von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot mitgebracht.

Ich muß gestehen, daß ich gerne noch länger unter den freien Dayakern gereist wäre. Ich fand sie überaus ehrlich, gutmüthig und bescheiden, ja ich setze sie in diesen Punkten über alle Völker, die ich bisher kennen gelernt habe. Ich konnte alles offen liegen lassen und mich stundenlang entfernen; nie fehlte das geringste. Sie baten mich wohl zuweilen um manches das sie sahen, gaben sich aber gleich zufrieden, wenn ich ihnen erklärte, daß ich es selbst benöthigte. Nie waren sie zudringlich oder belästigend. Man wird mir vielleicht entgegnen, daß das Köpfen und Aufbewahren der Todtenschädel gerade nicht von Gutmüthigkeit zeuge; man muß aber berücksichtigen, daß dieser traurige Gebrauch mehr eine Folge rohen und unwissenden Aberglaubens ist. Ich bleibe bei meiner Behauptung stehen und führe als weitere Beweise ihre häusliche, wahrhaft patriarchalische Lebensweise, ihre Sittlichkeit, die Liebe, die sie für ihre Kinder haben, die Achtung, die diese den Eltern bezeigen, an.

Die freien Dayaker sind ungleich wohlhabender als jene, die unter Malaischem Joche stehen. Sie bauen Reis und Mais, etwas Tabak, hie und da auch Zuckerrohr und Ubi. Sie gewinnen viel Fett aus der Frucht Kawan, sammeln in den Wäldern Damar-Harz, das sie als Leuchte brennen, und haben viel Sago, Rotang und Kokosnüsse. Mit einigen dieser Artikel treiben sie Tauschhandel gegen Messing, Glasperlen, Salz, rothes Tuch u. s. w., in ihren Augen die werthvollsten Gegenstände, die sie dem Golde weit vorziehen. Auch an Geflügel und Schweinen sind sie reich, genießen dergleichen aber nur bei Festen und Hochzeiten.

Manche Reisende behaupten, daß die freien Dayaker schöne Leute sind. Ich kann höchstens sagen, daß ich sie etwas minder häßlich fand als die Malaien. Sie sind durchschnittlich von mittlerer Größe, haben sehr magere Beine und Arme und wenig oder keinen Bart; sie raufen die Barthaare aus. Sie haben an Schönheit vor den Malaien nichts anders voraus, als daß die Backenknochen etwas minder breit und vorstehend sind und daß das Nasenbein ein wenig mehr erhaben ist. Es ist möglich, daß wenn man jahrelang unter solchen Völkern lebt, man das am Ende schön findet, was dem neuen Ankömmlinge häßlich erscheint.

Die Dayaker können Weiber nehmen, so viel sie wollen; sie begnügen sich aber beinahe durchgehends mit einer Frau. Sie behandeln ihre Weiber gut und überhäufen sie nicht mit Arbeit; den schwereren Theil verrichten die Männer. Ehescheidungen, Zänkereien sind höchst selten, und ihre Sitten ungleich reiner und besser als jene der Malaien. Jünglinge und Mädchen werden ziemlich strenge abgesondert gehalten. Die Mädchen schlafen in den Kammern, die Jünglinge auf der Veranda oder in der Hütte des Häuptlings. Sie vermischen sich mit keinen andern Völkern; die Mädchen, die sich mit Chinesen verheirathen, werden als nicht mehr zum Stamme gehörig betrachtet.

Die Dayaker haben keine Schrift und, wie es scheint, auch keine Religion. Ueber letzten Punkt sind jedoch die Meinungen verschieden. Der Reisende Temmingk sagt, daß sie eine Religion hätten, die dem Fetischismus gleiche: Der Gott +Djath+ regiere die Oberwelt, der Gott +Sangjang+ die Unterwelt. Diese Götter stellen sie sich unter menschlicher Gestalt, aber unsichtbar vor, und rufen sie an, indem sie Reis auf die Erde streuen oder andere Opfer bringen. In ihren Wohnungen fände man aus Holz geschnittene Gottheiten.

Andere Reisende schreiben ihnen eine Art Pantheismus zu. Da gäbe es Gottheiten unter und ober der Erde und eine Menge guter und böser Geister, unter welchen Budjang-Brani der böseste. Alle Krankheiten seien von bösen Geistern verursacht, die sie durch Geschrei und Schlagen des Gongs zu vertreiben suchen.

Wieder andere behaupten, daß sie weiter nichts besäßen, als einige verwirrte Begriffe von einem Gotte und von der Unsterblichkeit.

Ich kann diese verschiedenen Meinungen weder bestätigen noch verneinen; gewiß ist aber, daß ich bei den Stämmen, mit welchen ich in Berührung kam, weder Tempel noch Götzenbilder noch Priester oder Opfer wahrnahm. Bei Hochzeiten, Geburten und Sterbefällen werden zwar von manchen Stämmen viele Zeremonien beobachtet, die aber in keiner Verbindung mit Religion zu stehen scheinen. Bei solchen Gelegenheiten köpft und verspeist man meistens Hühner, auch Schweine; bei Friedensschlüssen tödtet man wie bereits bemerkt, Schweine, die man aber nicht verzehrt. Die Verstorbenen werden bei einigen Stämmen verbrannt und die Asche in hohlen Bäumen bewahrt; andere begraben ihre Todten auf beinah unzugänglichen Plätzen, am liebsten auf Bergspitzen; wieder andere binden sie an Baumstämme, mit den Füßen nach oben.

Doch zurück zu meiner Reise.

Die Lage des Städtchen Sintang ist reizend; die Hütten liegen theils an dem schönen Flusse Kapuas, theils halb verborgen zwischen Kokospalmen und Pisangbäumen. Im Hintergrunde viel bebautes Land und in weiter Ferne hohe Berge, von welchen der höchste wohl an 8 bis 9000 Fuß haben mochte.

Ich konnte nicht gleich an das Land gehen; die Sitte erheischt, so lange in dem Boote zu verweilen, bis man von dem Sultan eine Wohnung angewiesen erhält. Ich sandte daher meinen Diener, der sich in vollen Staat warf, mit dem von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot erhaltenen Empfehlungsbriefe ab. Er kam jedoch mit dem Briefe zurück, begleitet von einem Minister des Sultans, der mir die Nachricht brachte, daß der Sultan abwesend sei und erst des Abends oder des folgenden Morgens zurückerwartet werde.

Der Minister führte mich in eine der Hütten, in welcher mir ein Theil des Gemaches eingeräumt wurde; er hatte zu gleicher Zeit schöne Teppiche, Matten, Polster und einen Klambu mitgebracht.

Spät Abends kam er wieder, um mir zu sagen, daß der Sultan zurückgekehrt sei und mich am folgenden Morgen im Divan erwarte. Ich hatte glücklicherweise schon so viel von der Malaischen Sprache inne, um die Leute verstehen zu können.

Am folgenden Morgen holte man mich in einem schönen, großen Boote mit 20 Ruderern ab. Mein Diener wickelte den Brief in zwei seidene Tücher und folgte mir. Vor der hölzernen Residenz des Sultans, die nahe am Flusse lag, empfing mich Musik und Kanonendonner[22]. Der Weg vom Ufer bis an den Divan (ungefähr einige hundert Schritte) war mit Matten belegt. Auf halben Wege kam mir der Sultan entgegen, um mich gebührender Maßen zu empfangen. Man sah dem guten Manne die Verlegenheit an; er wußte nicht, wie er sich einer Europäerin gegenüber benehmen sollte. Mit wahrhaft komischer Grazie reichte er mir die Fingerspitzen (nach Mohamedanischen Begriffen schon eine sehr große Kühnheit), auf welche ich die meinigen legte, und so schwebten oder tanzten wir nach dem Divan, der von der Vorhalle bloß durch ein zwei Fuß hohes, hölzernes Geländer geschieden war. Hier standen, von buntem Kammertuche halb überdeckt, ein plumper Tisch, ein Stuhl, und in Ermanglung eines zweiten Stuhles eine Kiste. Der Sultan und ich nahmen an dem Tische Platz, während die Minister und Großen des Reiches längs den Wänden auf dem Boden saßen. Außerhalb drängte sich das Volk, dem das Erscheinen einer Europäischen Frau natürlich ein ganz neues, merkwürdiges Schauspiel bot.

Mein Empfehlungsbrief ward auf einer silbernen Tasse gebracht; der Ueberbringer rutschte auf den Knien, mit niedergeschlagenen Augen zu dem Sultan, langte nach dessen Hand, küßte sie mit großer Andacht und hielt die Tasse hin. Der Sultan befahl dem ersten Minister, den Brief zu nehmen, zu öffnen und zu lesen.

Ein Brief an einen Sultan oder sonst eine vornehme Person muß nach Mohamedanischer Sitte aus einem ganzen Bogen bestehen, von welchem nur die erste Seite beschrieben sein darf; reicht diese nicht aus, so muß ein zweiter, dritter Bogen genommen werden.

Sobald die Vorlesung des Briefes beendet war, wurden Erfrischungen gereicht. Man hatte zu diesem Zwecke für den Sultan einen Teller, für mich aber ein vollständiges Gedeck gebracht. Die Erfrischungen bestanden aus Thee ohne Zucker und Milch, aus Näschereien und Früchten auf mehr als 20 schön geschliffenen Glasschüsselchen. Die gesammte Gesellschaft nahm Theil an diesem Mahle.

Nach aufgehobener Tafel führte mich der Sultan in’s Frauengemach. Auch hier war man so aufmerksam gewesen, einen erhöhten Sitz für mich zu bereiten. Der Sultan stellte mir seine Frau und seine Töchter vor, -- häßliche Geschöpfe von echt Malaischem Typus. Obwohl viele Männer und junge Leute zugegen waren, trugen sie weiter nichts als einfache Sarongs, die bis zur halben Brust reichten.

Der Sultan von Sintang, wie es scheint in seinem Lande ein vollkommener Despot, hat seinen Unterthanen verboten, mehr als eine Frau zu nehmen. Dieses Recht gebührt, seiner Meinung nach, nur den Fürsten. Ob er selbst mehrere hat, weiß ich nicht; mir stellte er nur eine vor.

Bei dem Abschiede fanden dieselben Feierlichkeiten statt, wie bei der Ankunft.

Ich erstaunte sehr über diesen festlichen Empfang, um so mehr, da er einerseits zum Theile nach Europäischer Art vor sich ging, und ich anderseits wußte, daß der Sultan von Sintang noch keinen Europäer gesehen hatte. Mein Diener löste mir das Räthsel. Als er nämlich Tages zuvor den Brief zum Sultan brachte, war dieser nicht abwesend, wie man mir sagte; er wußte nur nicht, auf welche Weise eine Europäische Frau zu empfangen sei, und wollte sich erst darüber mit meinem Diener berathen. Mein Diener beschrieb ihm die Feierlichkeiten die zu Sarawak stattfinden, wenn Rajah Brooke von einer Reise zurückkommt, und dieser Beschreibung hatte ich es zu verdanken, daß ich gleich einer regierenden Fürstin empfangen wurde. Der Stuhl, der Tisch, wurden in Eile zusammen gezimmert, und das Besteck war mein eigenes, das mein Diener mitgebracht hatte.

Der Sultan versprach mir beim Abschiede, ein Sampan[23] zu meiner Verfügung zu stellen, das mich bis +Pontianak+ führen sollte. Ich bat ihn, selbes morgen mit aufgehender Sonne zu senden.

+3. Februar.+ Gleich nach Sonnenaufgang meldete man mir den Besuch des Sultans. Nach seinen Begriffen war es nämlich nicht schicklich, meine Aufwartung denselben Tag zu erwiedern; da ich aber heute so zeitlich abreisen wollte, war er gezwungen, diese frühe Stunde zu wählen.

Er kam in Begleitung seines Vaters, den ich noch nicht gesehen hatte, und einiger seiner männlichen Verwandten; die fürstlichen Frauen erwiedern keine Besuche.

Der Vater des Sultans trug ein goldbrokatenes Käppchen und Leibchen, die ersten kostbaren Kleidungsstücke, die ich an einem Fürsten Borneo’s sah. Außer den gewöhnlichen Schönheiten seiner Race war dieser Mann noch mit einem tüchtigen Kropfe bedacht, der zweite der mir auf dieser Insel vorkam. Den ersten, in kleinem Formate, hatte die Gemahlin des Rajah von Beng-Kallang-Boenot.

Diese vornehme Gesellschaft war in ihrem Benehmen nicht halb so bescheiden als die Dayakischen Kopf-Jäger. Alles wurde aufgerissen und durchwühlt; über meine kleine Reisetasche, die unglücklicher Weise noch offen stand, fielen sie gleich wilden Thieren her. Ich hatte nicht genug Augen, um alles zu bewachen und vor Schaden zu schützen (besonders die Insekten und Reptilien). Der fürstliche Vater nahm am Ende gleich die ganze Tasche in Beschlag; auf Kamm, Zahnbürste und Seife deutend, frug er mich, zu was das diene, und in Folge meiner Erklärung schien ihm deren Nutzen so einleuchtend, daß er sie ganz unumwunden behalten wollte. Ich nahm sie ihm jedoch, ehe er fort ging, ebenso unumwunden wieder ab und gab ihm dafür einige Bildchen und andere Kleinigkeiten.

Die Unkenntniß, die diese Leute von allem, was ich besaß, hatten, bewies mir, daß sie mit Europäern noch wenig oder gar nicht in Berührung gekommen sein mußten. Der Gebrauch der einfachsten Gegenstände war ihnen unbekannt, alles mußte ich ihnen zeigen und erklären, und alles wollten sie, wie gesagt, sich zueignen. Ich war herzlich froh, als diese hohe Gesellschaft sich hinweg begab.

Der Sultan trieb die Höflichkeit so weit, mich eine Strecke von zwei Meilen zu begleiten.

Die Reise von Sintang nach Pontianak machte ich sehr rasch, in drei und einem halben Tage und ohne weitere Abenteuer. Ich hatte die Vorsicht gehabt, die Eingebornen zu fragen, in wie viel Tagen man diese Reise machen könne (unterläßt man solche Vorsichtsmaßregeln, so ist man den Leuten ganz Preis gegeben), und da sie mir sagten in sechs, am schnellsten in vier Tagen, so ersuchte ich den Sultan, seinen Leuten zu befehlen, mich in vier Tagen nach Pontianak zu bringen. Meinem Diener kam dieß nicht sehr gelegen: er wäre gerne langsam und bequem gereist; aber ich kehrte mich nicht mehr an ihn und übernahm selbst den Befehl über die Bootsleute.

Die Ufer des Flusses waren mehr oder minder bewohnt; wir kamen an vielen kleinen Ortschaften vorüber, unter andern auch an Sungau, nach Sintang dem größten Städtchen. Ich besuchte den Rajah im Vorüberfahren, verweilte aber höchstens eine Stunde.

Eine Meile von Pontianak vereinigt sich der Kapuas mit dem +Landak+; beide Ströme verlieren ihre Namen, und stürzen sich als „+Pontianak+“ in die 25 Meilen entfernte See.

Am +6. Februar+ kam ich glücklich zu +Pontianak+ an.

[16] Die Dayaker werden von den Engländern „~Head hunters~, Kopfjäger,“ von den Holländern „~Koppenskneller~“ genannt.

[17] Daß mich die Wilden auslachten, fand ich natürlich; geschah mir doch späterhin diese Ehre in Europäischen Kolonien, ja selbst in den Vereinigten Staaten Amerika’s von Leuten, die civilisirt genannt werden. Manchmal trieb man es so arg, daß ich sie frug, ob sie je ein Museum gesehen, und wenn sie eines gesehen hätten, ob sie meinten, daß alle die Thiere selbst dahin geflogen und gekrochen seien?

[18] Kuri ist eine Brühe von scharfen Ingredienzien, besonders von rothem Pfeffer. Diese Brühe ist sowohl im Festlande Indien’s, als auch im ganzen indischen Archipel sehr beliebt.

[19] Ganz anders benimmt sich ein Malaischer Diener gegen einen Herrn, wie gegen eine Frau, die er von sich abhängig glaubt.

[20] Borneo ist nach Madagaskar die größte Insel der Erde. Ihr Flächeninhalt beträgt 9373 Quadrat-Meilen; Bevölkerung 950,000 Dayaker, 200,000 Malaien, 54,000 Chinesen. Hauptausfuhrsartikel: Rotang, Reis, Kokosnüsse. Sago, Färbehölzer.

[21] Rajah Brooke war nämlich kurze Zeit vor meiner Ankunft auf Borneo nach England berufen worden, um sich gegen die Anklagen seiner Feinde zu rechtfertigen, die darin bestanden, daß er in seinen Kriegszügen gegen die Piraten Menschenleben geopfert, Hütten und Prauh’s verbrannt habe. Als ob man einen ähnlichen Krieg mit Worten führen könnte! -- Wie viele Menschenleben opfern nicht die Europäischen Staaten, wie viele Städte und Dörfer verbrennen sie in ihren Kriegen, die bei weitem keinen so edlen Zweck haben, ja, die vielmehr selbst nichts weiter als großartige Piraterien sind.

In der Folge hörte ich, daß Rajah Brooke sich mit glänzendem Erfolge rechtfertigte.

[22] Die Malaien sind mit Kanonen und andern Europäischen Artikeln bekannt; ein Stamm bringt sie zum andern.

[23] Ein kürzeres, aber breiteres Fahrzeug als das Prauh.