Chapter 11 of 12 · 4724 words · ~24 min read

Fünftes Kapitel.

Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. -- Die Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. -- Der Pangerong-Rato. -- Zuvorkommenheit der holländischen Offiziere. -- Rückkehr nach Pontianak. -- Die Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s.

Nun erst nahm ich mir Zeit, mich in Pontianak ein wenig umzusehen. Die Lage der Stadt ist nichts weniger als reizend. Sie liegt 20 Meilen von der See, in einer Ebene, die, einige Reisfelder abgerechnet, mit dichten Waldungen bedeckt ist, und deren Einförmigkeit bloß der Strom und das durch den Zusammenfluß des Landaks und Kapuas gebildete schöne Delta unterbrechen. Die nahe Umgebung besteht aus Morästen und Sümpfen; kaum daß man einen trockenen Spaziergang von tausend Schritt findet. Nahe der Stadt ist ein hölzernes Fort errichtet, das von Erdwällen umgeben und mit einer Besatzung von 130 Mann versehen ist. Die ganze Europäische Gesellschaft besteht aus dem Residenten, fünf bis sechs Beamten, einigen Offizieren und einem Arzte. Die Einwohnerzahl wird auf 6000 angeschlagen.

An dem jenseitigen Ufer des Pontianak residirt ein Sultan, der gleich den selbstständigen Königen Indiens unter den Engländern, dem Namen nach unabhängig ist und frei über seine Völker herrscht, in Wirklichkeit aber von einem Holländischen Residenten überwacht wird, seine Grenzen ohne dessen Bewilligung nicht überschreiten darf und mit einem Worte nicht das Geringste eigenmächtig unternehmen kann. Der einzige Unterschied zwischen den Königen Hindostans und den Fürsten Borneo’s ist, daß letztere aus eigenem Antriebe die Hilfe der Holländer in Anspruch nehmen, während erstere wider Willen zur Theilung ihrer Herrschaft gezwungen wurden. Die Fürsten auf Borneo haben zu wenig Macht, einerseits den Streitigkeiten zwischen den Malaien, Chinesen und Dayakern, anderseits den Umtrieben und Verschwörungen in ihren eigenen Familien zu widerstehen. Sie unterwerfen sich daher gerne der Holländischen Regierung, die ihnen den größten Theil der Ländereien, die Abgaben der Unterthanen, die Goldwäschereien und Diamanten-Gruben läßt und sich nur den Opiumpacht, das Salzmonopol und andere minder bedeutende Einkünfte bedingt. Manche dieser Sultane und Fürsten beziehen sogar eine jährliche Pension als Entschädigung für die abgetretenen Rechte. So z. B. der Sultan von Pontianak, welchem jährlich 48000 Rupien[28] ausgezahlt werden.

Auf Borneo gibt es, wie ich bereits erwähnt habe Sklaven, die zum Theile aus den Kriegsgefangenen, zum Theile aus den Schuldnern bestehen, welche zur festgesetzten Zeit nicht zahlen können, und dem Pfandrechte (von den Holländern ~Pandelingschap~ genannt) verfallen. Diesem barbarischen Rechte zu Folge muß der Schuldner seinem Gläubiger so lange unentgeldlich dienen, bis die Schuld berichtiget ist. Stirbt er früher, so tritt sein Weib, sein Sohn, seine Tochter oder sein nächster Verwandter an die Stelle. Wer dem Sultane drei Jahre keine Abgaben zahlt, ist Sklave des Sultans.

Wie man mir sagte, arbeitet Resident Willer mit großem Eifer gegen diese schreiende Ungerechtigkeit und sucht ihr ein Ende zu machen.

Ein anderes Uebel, in seinen Folgen ungleich größer, da es nicht einzelne Stämme oder Personen, sondern ganze Völker betrifft, ist der Gebrauch des Opiums. Gegen diesen wird jedoch nicht gearbeitet; im Gegentheile die Regierung selbst wendet alle Mittel an, ihn zu verbreiten.

Es ist wirklich sonderbar, daß die Europäischen Regierungen einerseits Kolonien gründen, Länder unterjochen, um, wie sie sagen, die Civilisation, das Christenthum zu verbreiten, und andrerseits ihre neuen Unterthanen in Lastern, die den Grundsätzen der christlichen Religion, den Fortschritten der Civilisation gerade entgegenarbeiten, unterstützen.

Warum wirken sie nicht gegen den Gebrauch des Opiums, an dem sich Tausende, ja Millionen krank und sinnlos rauchen? -- Warum? -- Weil der Opium-Bau (in Indien) der Engländer größter Reichthum ist -- weil der Opium-Pacht den andern Regierungen die größten Einkünfte schafft.

Wie soll man den letzten Krieg nennen, den die Engländer dem Chinesischen Kaiser erklärten, der seine Unterthanen vor diesem Gifte bewahren und die Einfuhr des Opiums verbieten wollte?

Wie können wir von den unkultivirten Völkern Achtung verlangen für unsere Religion, für unsere Civilisation, wenn sie sehen, daß diese wie jene uns an den habgierigsten, schändlichsten Handlungen nicht verhindern?

Ich besuchte eines Abends im Chinesischen Kampon die sechs öffentlichen Häuschen, in welchen Opium geraucht wird. Die Raucher saßen oder lagen auf Matten, und hatten an ihrer Seite kleine Lämpchen stehen, um die Pfeife, in welcher sie das Opium rauchen, anzuzünden. Merkwürdig ist die Geschicklichkeit, mit welcher selbst der schon halb sinnlose Raucher das feinste Pünktchen Opium von dem Blatte zu lösen versteht, auf welches es gestrichen ist.

Daß man an diesen Vergiftungsorten gräßliche Bilder zu sehen bekommt, versteht sich leider von selbst. Hier rafft sich Einer lallend und betäubt auf und versucht sich nach Hause zu schleppen, sinkt aber kraftlos an der Schwelle nieder, -- ein Anderer liegt leblos auf der Matte hingestreckt; er hat nicht einmal das Bewußtsein mehr, an sein Haus zu denken; -- dort sitzt Einer mit blassen, eingefallenen Wangen, mit stieren Augen, mit zitterndem Körper -- es fehlt ihm an Geld, er kann sich nicht bis zur Sinnlosigkeit rauchen. Bei manchen erregt das Opium-Rauchen eine große Munterkeit: sie schwatzen und lachen, bis sie erschöpft auf das Lager zurücksinken und sich, ihrer Behauptung nach, himmlischer Träume erfreuen. Das Traurigste ist, daß derjenige, welcher sich einmal diesem Gifte hingegeben hat, ohne dasselbe nicht mehr leben kann. Sein Körper ist gebrochen, erschlafft, er kann nicht arbeiten, nicht denken, er ist zu allem unfähig, bis er nicht in einigen Zügen Opium neue Aufregung, neues Leben geschöpft hat.

Zu meinem Erstaunen fand ich in den Opium-Häusern sogar Weiber, die ebenso leidenschaftlich rauchten als die Männer.

Man sagte mir, daß der Pikul Opium in Singapore 1200 Spanische Thaler koste; die Regierung verpachtet aber das Recht des Verkaufs so hoch, daß sie daraus sechs- bis achthundert Prozent zieht.

Die Einkünfte der Holländischen Regierung auf Borneo kommen bisher hauptsächlich aus dieser Verpachtung, und mit +Freude+ erzählte man mir, daß sie alle Jahre mehr eintrüge. In Pontianak betrug sie im Jahre 1851 ungefähr 116,000, in Sambas 130,000 Rupien; auf Java soll sie die ungeheure Summe von 10 Millionen erreichen und allein mehr betragen, als alle übrigen Steuern und Abgaben zusammen.

Den Aufenthalt auf Pontianak benützte ich, unbekümmert um Hitze und Moräste, fleißig zu Spaziergängen und zur Insekten- und Reptilienjagd. Es machte mir bei dieser Gelegenheit kindisches Vergnügen, täglich zu Fuße den Aequator zu passiren, von welchem Pontianak kaum eine Meile entfernt liegt.

Eines Morgens hatten wir in Pontianak einen großen Schrecken. Wir saßen noch ganz gemüthlich beim Frühstücke, als wir plötzlich ein heftiges Geschrei und häufiges Hin- und Herlaufen vor dem Hause vernahmen. Als wir auf die Gallerie traten, sahen wir Gerichtsdiener mit blankem Säbel über die Straße laufen, und hörten vom fliehendem Volke den Schreckens-Ruf „Amok! Amok!“ -- Wir stürzten in die Wohnung zurück, und augenblicklich wurden alle Thüren und Fenster geschlossen und verwahrt.

Amok ist eine Art Raserei, die unter den Malaien, nicht nur auf Borneo, sondern im ganzen Indischen Archipel vorkommt. Sie ergreift die Menschen plötzlich und erregt in ihnen die heftigste, unwiderstehlichste Begierde nach Menschenblut. Der davon Befallene stürzt wie ein Wahnsinniger fort und tödtet alles, was ihm in den Weg kommt, -- sein Weib, seine Kinder nicht ausgenommen. Man ist gezwungen einen solchen Menschen niederzuhauen oder niederzuschießen wie einen wüthenden Hund. -- Diese Raserei soll meistens von Eifersucht herrühren und gewöhnlich nur bei Opium-Rauchern vorkommen.

Diesmal ging es mit dem leeren Schrecken ab; es zeigte sich, daß statt des Amoks drei schwere Verbrecher aus dem nah gelegenen Gefängnisse entsprungen waren. Sie wurden alsbald wieder eingebracht.

Von Pontianak wünschte ich mitten durch das Land an die Südküste nach +Benjermassing+, ebenfalls einer Holländischen Besitzung zu gehen. Es wäre dieß eine Reise von zwei bis drei Monaten gewesen, die ich jedoch ohne Kenntniß der Dayakischen Sprache allein nicht hätte unternehmen können. Ich suchte daher einen getreuen, verläßlichen Diener oder Führer; allein es fand sich Niemand, der die allerdings sehr gefährliche Reise wagen wollte. Ich mußte daher davon abstehen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als wider Willen nach Batavia zu gehen und mich dort nach einer Gelegenheit für Australien umzusehen. Ich sage „wider Willen,“ weil es mir bekannt war, wie theuer der Aufenthalt in Batavia, so wie das Reisen auf Java ist und ich in Folge dessen dieß schöne Land so schnell als möglich hätte verlassen müssen. Dazu machten mir noch die Holländer selbst von ihren dortigen Landsleuten keine sehr günstige Schilderung, und boten mir obwohl die einen Verwandte, die andern Jugendfreunde daselbst hatten, nicht einmal Briefe für diese an -- eine Sache, die mich um so mehr befremdete, als die Engländer mir stets ohne die geringste Aufforderung von meiner Seite alle Mittel an die Hand gaben, meine Reisen so angenehm als möglich zu machen. Doch es blieb mir keine Wahl, und nachdem ich in Pontianak länger geblieben war, als ich gewollt hatte, miethete ich einen Platz auf einer ärmlichen Barke, die nach Batavia segelte.

In einigen Tagen sollte ich abfahren. Da ward mir die Freude noch zu Theil, Herrn Residenten +Willer+ kennen zu lernen, der von Batavia zurückkam. Ich nahm an diesem Manne großes Interesse, nicht nur weil er ein sehr vollständiges Werk über die +Battaker+ auf +Sumatra+ und die +Alforen+ auf +Ceram+ geschrieben hat, sondern auch weil er sich die Abschaffung des Pfandrechtes so sehr angelegen sein ließ.

Auch an mir bewies Herr Willer sogleich sein treffliches Gemüth: er kannte den Kapitän der Arabischen Barke als einen schlechten Menschen und gab es nicht zu, daß ich mit ihm ginge. In der liebenswürdigsten Weise bot er mir den ferneren Aufenthalt in seinem Hause an, und versprach für meine Weiterreise zu sorgen. Zufälliger Weise kam bald darauf ein Holländisches Schiff an, auf welchem er mir die Ueberfahrt nach Batavia verschaffte. Ich hatte dabei Gelegenheit, noch etwas mehr von Borneo zu sehen, da das Schiff vorerst in +Sambas+ anlegen sollte.

Am +6. April+ Morgens verließ ich Pontianak auf einem Regierungsboote und um Mittag war ich an Bord des „+Christian Huigens+“ von 300 Tonnen, Kapitän +Ihlower+.

Auf dem Schiffe hatte ein reges Leben statt. Die Fracht bestand in einem Transporte Truppen aus 120 Soldaten, 46 Weibern und einem Dutzend Kinder. Unter den Soldaten gab es nur 30 Europäer; die übrigen, so wie alle Weiber waren von Java. Leider muß ich sagen, daß das Benehmen der Europäer bei weitem nicht so gesittet war wie jenes der Eingebornen. Unter die halb nackten, wilden Dayaker hätte ich ein Mädchen ohne Bedenken mitgenommen; hier dankte ich Gott, kein Töchterchen bei mir zu haben, -- ich hätte die Arme für die Zeit der ganzen Fahrt in die Kajüte sperren müssen. Muß ich doch überall den Christen, mag er Katholik, Protestant oder was immer sein, schlechter und ungesitteter finden, als den armen verachteten Heiden und Mohamedaner! -- Die Offiziere selbst gestanden mir, daß sie die eingebornen Soldaten den Europäischen vorzögen. Jene seien viel stiller und verträglicher, verrichteten den Dienst genau und betränken sich nicht. Wenigstens zwei Drittheile der Holländischen Truppen im Indischen Archipel bestehen aus Eingebornen, unter welchen sich besonders die +Maduresen+[29] durch ihre Tapferkeit auszeichnen.

Am +8. April+ lagen wir auf der Rhede vor der Mündung des Flusses +Sambas+ (80 Meilen). Wir hatten auf dieser kurzen Reise das Land nie aus dem Gesichte verloren: entweder sahen wir Borneo selbst, oder Inseln und Eilande, an denen es ringsumher nicht fehlte. Alles war gebirgig und mit dichter Waldung bedeckt.

An der Mündung des Sambas liegt auf einem 150 Fuß hohen Hügel ein kleines Fort, +Sorg+ genannt, zum Andenken an den Obersten +Sorg+, der hier an seinen Wunden starb, die er in dem Gefechte mit den Chinesen von Mandore erhalten hatte. Der Kommandant, Kapitän +van Houten+, nahm mich für die Zeit, bis ein Boot von Sambas käme, um mich abzuholen, gütigst bei sich auf -- eine Gefälligkeit, die um so höher zu schätzen war, als seine ganze Wohnung aus zwei kleinen Kämmerchen bestand.

Nie sah ich ein erbärmlicheres Fort als dieses: es enthielt nichts weiter als ein Paar niedrige Laubhütten, die den zwei Offizieren, dem Arzte und den Soldaten zum Obdache dienten. Man sagte mir, daß es in größter Eile errichtet worden sei, als sich die Chinesen von Mandore empörten, die Herrschaft der Holländer nicht mehr anerkennen, und besonders den Opiumpacht nicht mehr bezahlen wollten. Es fanden in der Ebene, die am Fuße des Hügels +Paniebungan+ liegt, auf welchem das Fort steht, drei Gefechte statt, in welchen 4000 Chinesen von 600 Holländischen Soldaten geschlagen wurden. Die Chinesen gelobten hierauf neuen Gehorsam; doch wie es scheint, ist ihrer Treue nicht recht zu trauen, und man sieht neuen Unruhen entgegen. Sobald dieser Streit vollständig beendiget ist, soll ein ordentliches Fort an einem passenden Orte errichtet werden.

Ich blieb zwei Tage Herrn +van Houten’s+ Gast und fuhr dann in einem Regierungsboote, welches der Assistent-Resident Herr van +Prehn+ um mich zu schicken so gütig war, nach Sambas (36 Meilen). Ich langte Abends an und wurde in das Haus des +Pangerong-Rato+[30] geführt. Herr van Prehn hatte das seinige mit Offizieren so überfüllt, daß er mich nicht aufnehmen konnte.

Der Pangerong empfing mich im Divan. Hier sah es so Europäisch aus, daß ich mir schmeichelte, recht gut aufgehoben zu sein. Nach einer stundenlangen Unterhaltung äußerte ich den Wunsch, nach meinem Zimmer zu gehen. Man frug mich, was ich zu essen wünsche. Ich bat ganz bescheiden um zwei weichgesottene Eier. Auf meinem Zimmer angekommen, wartete ich die längste Zeit auf dieses große Mahl. Endlich erschien ein Diener, in einer Hand ein Bündelchen, in der andern ein Päckchen haltend; er legte beides auf den Tisch und kramte aus -- das Bündelchen enthielt sechs Eier, das Päckchen ein Pfund Wachskerzen. Ich mußte über die höchst einfache Art der Bedienung um so mehr lächeln, als man mir einige Diener nebst einer Dienerin gegeben hatte, die mich auf jedem Schritte wie Schatten verfolgten, von welchen mir aber keiner weder Messer noch Teller noch Brot oder Salz brachte. Ich hatte nicht mehr den Muth, etwas zu verlangen; ich dachte, es könnte so rasch kommen als die Eier, und ich sehnte mich schon sehr nach Ruhe. Ich langte daher nach einem Ei, um es in Eile auszuschlürfen; aber -- es war kalt und ungekocht. Ohne Imbiß mußte ich nach einer ganzen Tagereise mein Lager aufsuchen.

Meine Wohnung bestand aus einer großen Halle, zu welcher drei Stufen aufwärts führten. Ein kleiner Raum, durch Blätterwände getrennt, bildete das Schlafgemach, das weder Thüre noch Fenster hatte; vor dem Eingang war bloß ein kleiner Schirm gestellt. Als ich Morgens aufstand, konnte ich natürlich in dem finsteren Gemache nicht bleiben und ging in die Halle. Diese aber hatte ein halb Dutzend Thüren, die immerwährend offen standen und allen Leuten zugänglich waren. An müßigem Volke fehlt es in den tropischen Ländern nirgends, am wenigsten an einem fürstlichen Hofe, und da ich noch dazu den Leuten eine merkwürdige Erscheinung war (außer Frau Willer hatten sie noch keine Europäerin gesehen), so befand sich meine Halle stets voll Menschen, und jede meiner Bewegungen wurde beobachtet; ich kam mir wahrlich wie eine stumme Schauspielerin vor.

Zum Frühstücke, auf das ich mit einem wahren Heißhunger wartete, brachte man mir Thee ohne Milch[31] und ohne Brot. Ich fing schon an, etwas böse zu werden, mich an ein Haus gewiesen zu sehen, in welchem ich mit niemandem sprechen konnte und mir daher alles gefallen lassen mußte. Da kamen endlich zwei Herren, Kapitän van der +Kapellen+ und Dr. +Enthoffer+, mich zu besuchen und im Namen der gesammten Offiziere einzuladen, eines ihrer Häuschen zu beziehen. Welche Freude mir diese unverhoffte Einladung machte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Die Herren versprachen, mich gegen Abend abzuholen.

Indessen rückte Mittag heran, und als niemand erschien, meinen leeren Tisch zu decken, begehrte ich zu essen. Ich hatte nun schon über 24 Stunden gefastet. Trotz meines guten Appetites war es mir aber unmöglich, viel von dem Mahle zu genießen, das man mir vorsetzte. Es bestand aus Reis, in Wasser gekocht, aus dem halben Flügelchen eines Huhnes in so starker Kuri-Brühe, daß ich mir den Mund verbrannte, und aus zwei dünnen Spalten getrockneten Fleisches (Den-den genannt), welches in ranzigem Kokos-Oele zu Kohlen verbrannt war.

Um 4 Uhr brachte man mir einen großen Korb voll Früchte, von welchen ich jedoch wenig aß, da sich der Europäer in diesen Ländern vor Früchten sehr in Acht nehmen muß; sie bekommen ihm selten gut.

Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren. Kapitän van der Kapellen führte mich in sein eigenes Häuschen, welches er sammt seinen Dienern gänzlich zu meiner Verfügung stellte; er selbst quartirte sich für die Zeit meines Hierbleibens bei einem andern Offiziere ein. Man glaube aber nicht, daß ich, weil ich ein ganzes Häuschen besaß, deshalb über viele Gemächer zu verfügen hatte. Mein Palast, eine bescheidene Laubhütte mit zwei kleinen Kämmerchen, war nebst andern ähnlichen Palästen in der Eile aufgeschlagen worden, um die Offiziere zu beherbergen, die der Chinesischen Unruhen wegen mit ihren Truppen die Besatzung von Sambas vermehrt hatten. In Friedenszeit besteht die ganze hiesige Gesellschaft aus dem Assistent-Residenten, einigen Beamten und Offizieren, im Ganzen 11 Personen, die Soldaten nicht gerechnet.

Sambas zählt einige Tausend Einwohner und gleicht allen übrigen Malaischen Städtchen, mit der Ausnahme, daß die Chinesen meistens ihre Häuser auf Flößen gebaut haben, wodurch der Fluß ein sehr belebtes Ansehen erhält. Gleich Pontianak liegt Sambas in einer großen Ebene, die aber nicht so versumpft ist, und in deren Hintergrund sich einige Gebirge zeigen. Vor dem Hause des Assistent-Residenten ist sogar ein großer Wiesenplatz mit Baum-Alleen.

Außer einem Fort besitzt Sambas auch ein Hospital mit geräumigen Sälen, sehr reinlichen, guten Betten und reichen Vorräthen an Wäsche, Arzeneien und Lebensmitteln, unter letzteren viele hermetisch verschlossene Blechbüchsen (Conserve), feine Gemüse, Kalbfleisch u. s. w. enthaltend, und feine Weine, wie Bordeaux, Rheinwein. In dieses Hospital werden auch Eingeborne aufgenommen; doch machen sie selten Gebrauch davon. Sie haben einen großen Abscheu vor Hospitälern -- sie sahen Leute darinnen sterben, halten sie eher für Sterbehäuser als für Heilanstalten und ziehen es daher vor, selbst an sich zu quacksalbern.

Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Holländer auf Borneo[32] mit den eingebornen Mädchen in denselben freien Verhältnissen leben, wie die Franzosen auf +Otahaiti+. Ich könnte hier Wort für Wort wiederholen, was ich bei Gelegenheit meiner früheren Reise über Otahaiti geschrieben habe. Mir fiel dies um so mehr auf, da ich weder auf Singapore, noch auf Sarawak, noch auf irgend einer Englisch-überseeischen Besitzung Aehnliches bemerkt habe.

Obwohl es in Sambas nicht viel Interessantes zu sehen gab, verging mir die Zeit doch schnell und angenehm. Herr van Prehn sandte mir jeden Morgen sein Boot, und der Fürst Rato vier Malaien. Ich fuhr bis an die Waldungen und strich mit meinen Begleitern den ganzen Vormittag umher. An die tropische Hitze war ich bereits gewöhnt, eben so an die Sümpfe und Moräste, und an Schlangenbisse oder dergleichen Unfälle dachte ich gar nicht. Wir brachten Tod und Verderben über alles, was uns vorkam; kein Insekt, kein Reptil, kein Schmetterling fand Gnade vor unsern Augen. Nachmittags hatte ich meine armen Opfer in Ordnung zu bringen, und Abends erhielt ich stets Besuche. Mit Dank und Vergnügen werde ich stets der Europäer in Sambas gedenken, besonders der Herren van der Kapellen, Enthoffer und van Prehn. Sie beschrieben mir ihre Landsleute auf Batavia ungleich günstiger, als man es zu Pontianak gethan hatte, und versahen mich reichlich mit Empfehlungsbriefen, so daß ich meiner Reise etwas muthiger entgegen sah.

Am +26. April+ verließ ich Sambas, und zwar um abermals nach Pontianak zu gehen, wo das Schiff eine Ladung Kokosnüsse (50,000 Stück, das Hundert ~à~ 2 Rupien) und Rotang für Batavia einnehmen sollte.

An der Mündung des Flusses hatte ich das Vergnügen, Herrn und Frau Willer zu begegnen und mit ihnen zu frühstücken. Herr Willer kam der Chinesischen Angelegenheiten wegen nach Sambas.

Auf Fort +Sorg+, bei Kapitän +van Houten+, fand ich dieselbe herzliche Aufnahme wie früher. Er überraschte mich mit einer kleinen Sammlung Insekten und mit einer ausgezeichnet schönen und seltenen Schlange.

Am +1. Mai+ ging ich wieder an Bord. Wir hatten vier Tage zu thun, um über die die Rhede umgebenden Sandbänke zu gelangen. Am ersten Tage harpunirten die Matrosen eine Boa. Sie war vermuthlich durch die Fluth vom Lande mitgenommen worden und mochte unser Schiff als Zufluchtsort betrachten, indem sie darauf lossteuerte und an Bord zu kommen suchte. Sie kam auch an Bord, aber -- als Leiche. Sie maß 18 Fuß in der Länge und 8 Zoll im Durchmesser. Die Matrosen zogen ihr die Haut ab und wollten den Körper in die See werfen. Ich rieth ihnen, letzteres zu unterlassen und die Schlange lieber zu verspeisen. Sie lachten mich weidlich aus und meinten, wenn das Schlangenfleisch so köstlich schmecke, möge ich es nur selbst verzehren, ihr Antheil stehe zu meiner Verfügung. Ich ließ ein Stück braten und fing in ihrer Gegenwart davon zu essen an[33]. Als sie dies sahen, trat doch einer der herzhaftesten hervor und ersuchte mich, ihn davon kosten zu lassen. Ich gab ihm ein Stückchen, und da er es, gleich mir, äußerst schmackhaft fand, folgten die andern alsbald seinem Beispiele und kosteten so viel, daß am Ende das Zusehen an mich kam. Es wurde einmüthig beschlossen, die Schlange zu verspeisen, und Matrosen und Soldaten dankten mir für den guten Rath.

Wir hatten 30 Soldaten nebst einigen Weibern und Kindern an Bord. Unter den Soldaten gab es mehrere Kranke, die zur Luftveränderung nach Batavia gesandt wurden, und von welchen einer, ein Javanese, während der Reise starb. Sein Körper wurde unmittelbar nach dem Verscheiden an den Mittelmast gelegt. Nach sechs Stunden nähte man ihn in eine Matte, befestigte an den Füßen zwei große Steine, legte dann den Körper auf ein Brett, und ließ ihn in die See gleiten. Keiner der Landsleute und Waffengenossen des Verstorbenen war von dieser Scene ergriffen, nicht einmal sein Weib. Ihr Auge blieb trocken, ihre Gesichtszüge drückten Gleichgültigkeit aus. Nach zwei Tagen sagte man mir, daß sie schon mit einem andern versprochen sei.

Ich hatte bemerkt, daß die Landsleute des Verstorbenen, als er in die Matte genäht wurde, einige Münzen beilegten. Auf mein Befragen, warum dieß geschähe, sagte man mir, daß die Leute glauben, wenn man einer Leiche, die in die See geworfen werde, einige Münzen beilege, sie nicht auftauche.

Am +8. Mai+ erst warfen wir Anker auf der Rhede von Pontianak, und am +22. Mai+ nahm ich zum letzten Male Abschied von diesem Orte. Da ich damit zu gleicher Zeit auch gänzlichen Abschied von Borneo nahm, will ich mit einigen Worten noch die verschiedenen Völker erwähnen, die ich kennen gelernt habe.

Die Dayaker, die bei weitem den größten Theil der Bevölkerung ausmachen, gefielen mir, wie bereits gesagt, am besten, nicht nur unter den Völkern Borneo’s, sondern untern allen wilden Völkern der Erde, mit welchen ich bisher in Berührung gekommen war. Sie haben, besonders die freien Stämme, einen wirklich edlen, unverdorbenen Charakter. Sehr mißfielen mir dagegen die Malaien; ich kann nur bestätigen, was die meisten Reisenden sagen: daß die Malaien Borneo’s unter allen Malaien die schlechtesten sind. Sie lügen, stehlen, betrügen, behandeln die ihnen unterworfenen Dayaker sehr hart und haben wenig Liebe für ihre Weiber und Kinder. Sie wechseln sehr leicht die ehelichen Bande: ich sah Männer wie Weiber, die sechs bis acht Mal getraut waren und kaum 30 Jahre zählten. Oft kehren sie, nachdem sie mit anderen getraut waren, zu ihren früheren Gatten wieder zurück. Daß ein Mann mehrere Frauen zugleich hat, ist gesetzlich erlaubt, denn die Malaien sind alle Mahomedaner. Nebst diesen schönen Eigenschaften besitzen sie eine unbeschreibliche Trägheit, Theilnahmslosigkeit und eine Unreinlichkeit sonder gleichen. Sie baden oder überschütten sich wohl zwei bis dreimal des Tages mit Wasser, wie es ihre Religion verlangt; allein sie waschen den Schmutz nicht vom Körper, trocknen sich nicht ab; sie lassen das Wasser über den Körper laufen und damit ist es abgethan. Ihre Nahrung ist schlecht, weil sie zu träge sind, mehr zu bauen oder zu pflanzen als Reis. In jeder Hütte, in der ich auf meinen Reisen einsprach, fand ich einen Schwarm von Männern und Weibern, die halbe, ja ganze Tage nichts thaten als: schwatzen, Siri kauen, schlafen, mit den Kindern spielen oder mich stundenlange sinnlos begaffen.

Was die Chinesen betrifft, so sind diese schon von ihrem Vaterlande aus als falsch, grausam, hinterlistig und verschmitzt bekannt, und so wenig sie in fremden Ländern ihre Sitten, Gebräuche und Kleidung ablegen, eben so wenig legen sie ihren Charakter ab. Doch haben sie auch viele gute Eigenschaften: sie sind betriebsam, fleißig, ausdauernd und sparsam, lieben ihre Kinder und wechseln deßhalb auch viel seltener ihre Frauen.

Die Chinesen spielen in Borneo die Rolle der Juden in Polen oder Ungarn. Groß- und Klein-Handel, alle Handwerke sind in ihren Händen; sie sind Pächter oder Bearbeiter aller Minen und bauen das Land ungleich sorgfältiger als die Dayaker oder Malaien. Auch ihre Nahrung ist bei weitem besser: sie halten viel Schweine und Geflügel, pflanzen Gemüse und Früchte. Thee vertritt die Stelle des Wassers, und bei den Mahlzeiten trinken sie häufig eine Art sehr leichten Rums, aus Reis gezogen und mit Zucker versüßt.

Man könnte den Chinesen als Herrn und Bürger des Landes, den Malaien als Bauer, den abhängigen Dayaker als Sklaven betrachten.

Durchaus unwahr und übertrieben finde ich die Schilderungen, die man von dem harten Lose der Borneischen Weiber, besonders jenem der Dayakerinnen macht. Leute, die solches behaupten, haben nicht gesehen, was ein armes Weib in den meisten Europäischen Ländern zu leisten hat. Sie haben nicht gesehen, wie eine Europäische Bäuerin schwer beladen mit Lebensmitteln schon lange vor Sonnenaufgang nach einer fernen Stadt eilt, um dort ihren Kram zu veräußern, wie sie halb erschöpft nach Hause kommend, statt zu ruhen, die Küche, die Kinder beschickt, im Stall das Vieh besorgt, und oft noch auf die Felder geht und den Männern arbeiten hilft. Sie haben nicht gesehen, wie eine arme Taglöhnerin in den Städten von Morgens drei bis Abends sieben und acht Uhr am Waschtroge steht und wäscht, bis ihr die Haut von den Fingern geht -- wie andere die größten Lasten Holz, Wasser in die vierten und fünften Stockwerke der Häuser hinaufschleppen. Sie haben an die Handarbeiterinnen nicht gedacht, die oft in dumpfen, düstern Löchern täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, die kaum an einem Sonntage die liebe Sonne zu sehen bekommen. Wahrlich, es kann kein härteres Loos geben, als das eines armen Europäischen Weibes!

Was sind dagegen die Leistungen der Borneischen Weiber? Sie arbeiten höchst selten auf dem Felde, flechten Matten und Laubwände zur Erbauung der Hütten, besorgen die Kinder, den Haushalt. Sie gehen zur Zeit der Reisernte (und das nur die Dayakischen Weiber) für einige Stunden auf’s Feld, schneiden da ein Körbchen voll mit Reisähren[34] und tragen es heim. Was für Matten und Laubwände nöthig ist, schafft der Mann nach Hause; die Weiber sitzen im schattigen, luftigen Vorplatze und arbeiten nach Belieben; kein Mensch treibt sie an. Wird die Sache nicht heute fertig, so wird sie es morgen oder übermorgen. Die Kinder machen ihnen nichts zu schaffen: die laufen nackt umher, und thun was sie wollen; hat ein Weib einen Säugling, so bleibt es ganz zu Hause. Was die Küche betrifft, so wird sie bei den Chinesen von den Männern beschickt, und bei den Dayakern und Malaien sieht das Feuer selten etwas anderes als Reis. Um das Vieh brauchen sie sich nicht zu bekümmern: die Schweine und Hühner müssen sich ihr Futter größtentheils selbst suchen, und Kühe halten sie nicht. Sie haben ferner kein Hausgeräth zu scheuern, keine Stuben zu reinigen (aller Unrath wird durch den Bambusboden geworfen), und das Waschen und Flicken der Wäsche und Kleider raubt ihnen auch nur wenig Zeit, da sie nichts weiter tragen, als einen einfachen Sarong.

Diesen angestrengten Arbeiten wollen die mitunter so gefühlvollen Europäer das frühe Altern der Weiber zuschreiben. Ich möchte es mehr als Folge des frühen Heirathens betrachten, das bei Mädchen oft schon im elften oder zwölften Jahre stattfindet.

[28] In den holländischen Besitzungen gibt es Papiergeld (Recepisse), Kupfer (Deut), Silber (Rupie). Ein Recepisse hat den Werth einer Rupie und enthält 120 Deut. Zwölf Recepisse machen ein Livre Sterling. -- Man rechnet auch nach Kupfer-Gulden ~à~ 100 Deut; es ist dieß aber eine imaginäre Münze.

[29] Madura, eine Insel, gehört zur Regentschaft von Java.

[30] Pangerong ist gleich Panam-Baham mehr als Rajah und weniger als Sultan.

[31] Kühe findet man nur bei den Europäern, höchst selten bei den Eingebornen. Letztere halten mitunter Ziegen.

[32] Später bemerkte ich dasselbe im ganzen Archipel.

[33] Wer meine erste Reise um die Welt gelesen hat, wird sich vielleicht erinnern, daß ich zu Singapore auf einer Tigerjagd war, auf welcher, statt eines Tigers, eine Boa getödtet wurde. Wir brachten sie zu Chinesen auf eine Pfefferpflanzung. Die Leute zogen ihr die Haut ab, kochten und aßen sie. Ich kostete von diesem seltsamen Gerichte und fand es wirklich höchst schmackhaft.

[34] Auf Borneo werden die Aehren ganz oben an dem Ende der Stängel abgeschnitten, das Stroh wird auf dem Felde verbrannt.