Chapter 12 of 12 · 8550 words · ~43 min read

Sechstes Kapitel.

Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel. -- Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. -- Besteigung des Pangerangs. -- Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die Kaffeemühle. -- Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. -- Ausflug nach Tangerang. -- Volksbelustigungen.

Am +29. Mai+, nach einer Reise von 7 Tagen traf ich glücklich zu Batavia ein (400 Meilen von Pontianak).

Von der Rhede aus sieht man wenig von der Stadt, nichts von den Wohnhäusern der Europäer; es zeigt sich blos eine ungemein große, fruchtbare Ebene, von schönen Gebirgen umgeben.

Die Fahrt von der Rhede nach der Stadt (drei Meilen) muß man in der Regierung gehörigen Booten machen und dafür 3 Rupien bezahlen. Ein Schiffskapitän kann zwar sein eigenes Boot gebrauchen, muß aber für dieses Recht dieselbe Taxe entrichten. Auch die Waaren können nur in Regierungsbooten befördert werden.

Für einen Wagen von dem Landungsplatze nach der Stadt hat man ebenfalls drei Rupien zu bezahlen, für jedes Stück Gepäck eine halbe Rupie, in allem, die Trinkgelder mitgerechnet, 9 bis 10 Rupien, -- eine Summe, für welche man in dem theuern Calcutta viermal an’s Land gehen kann.

Ich stieg im Hôtel Neederland bei Herrn +Hovesand+ ab. Doch schon am folgenden Morgen besuchte mich der Resident Herr +van Rees+, an welchen ich von +Sambas+ einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte, lud mich auf die herzlichste Weise in sein Haus ein und ließ mich noch denselben Tag abholen. Seine Gemahlin, eine der gebildetsten und liebenswürdigsten Frauen, empfing mich nicht minder freundlich als ihr Gemahl, und somit ging mein Eintritt in Batavia auf die leichteste und angenehmste Art vor sich.

Herr +Hovesand+ nahm durchaus keine Bezahlung von mir an, obwohl ich in seinen Wagen gefahren, seine Kully benützt hatte. Er bat mich, ihm die Freude, eine so große Reisende wie mich beherbergt zu haben, nicht durch eine Vergütung zu verderben.

Batavia hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, darunter 2000 Europäer und mehr als 20,000 Chinesen[35]. Die Stadt ist nicht hübsch, die Häuser sind klein und unansehnlich und besonders in dem Chinesischen Theile sehr nahe an einander gebaut. Die Europäer haben nur ihre Comptoirs in der Stadt; sie wohnen außerhalb derselben in Landhäusern. Die vornehmsten und nächstgelegenen der von den Europäern bewohnten Plätze heißen: Koningsplein, Waterlooplein, Cramat und Ryswick. Die beiden ersten besitzen große, schöne Wiesen von Baum-Alleen umgeben, unter welchen man Abends spazieren fährt und reitet. Die Waterloo-Wiese ist mit einer Säule geschmückt, „Waterloo-Säule“ genannt. Auf Waterlooplein wohnen die Offiziere. Es steht hier auch ein großes Regierungsgebäude, einen Sitzungssaal und Kanzleien enthaltend. Nahebei sind die öffentlichen Schulen und das Theater. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind noch bemerkenswerth: die protestantische und die katholische Kirche, die Polizei, das Museum, die Harmonie, das Militär- und das Chinesische Hospital. Das Posthaus war eben im Baue begriffen. Der Palast des Gouverneur-Generals ist unbedeutend. Der eigentliche Wohnsitz des Gouverneurs ist zu Buitenzorg (36 Meilen von der Stadt). Nach Batavia kommt letzterer jeden Monat nur auf einige Tage, um Audienzen zu ertheilen, Sitzungen zu halten, Diners und Bälle zu geben.

Die Häuser der Europäer haben meistens ein sehr bescheidenes Ansehen; die wenigsten besitzen ein Stockwerk. Die schönste Zierde der Häuser in tropischen Ländern, die terrassenförmige Bedachung, fehlt ihnen; sie haben im Gegenteile schwere Dächer mit großen Vorsprüngen, die Fenster und Thüren überschatten. Dagegen besteht das Innere aus großen, hohen Gemächern und Sälen. Die Böden sind mit Matten belegt. Das Freundlichste an diesen Häusern ist, daß sie beinahe alle in Wiesen oder niedlichen Blumengärten liegen, die nicht wie in Calcutta oder Bombay von dicken Mauern, sondern von lebendigen Hecken oder zierlichen Staketen umfaßt sind. Dies gibt einer Spazierfahrt einen unendlichen Reiz; man meint in einem großen wohlgeordneten Parke zu sein.

Ich hatte viel von dem außerordentlichen Luxus auf Batavia sprechen gehört. Ich würde ihn vielleicht auch groß gefunden haben, wäre ich nicht in Brittisch-Indien gewesen. Wer aber je den Luxus an Gebäuden, Equipagen, Dienerschaft u. s. w. in Calcutta gesehen hat, kann durch nichts ähnliches mehr überrascht werden.

Lächerlich fand ich in Batavia die Kleidung der Diener. Die Holländer scheinen die Europäische Tracht so überaus schön zu finden, daß sie ihre Dienerschaft (alles Malaien) damit beglücken. In einem der vornehmsten Häuser sah ich die Diener in reich betreßten Livrée-Röcken, in elegante Beinkleider gesteckt; dabei gingen sie aber mit bloßen Füßen und hatten um den Kopf das landesübliche Tuch gewickelt. Welch komisch-sonderbaren Anblick diese verkleideten Orangutangs gewährten, kann man sich kaum vorstellen, besonders wenn sie auf ihre dunkelbraunen, mit dem Tuche umwickelten Köpfe noch den geschmackvollen Europäischen Hut setzten.

Die Lebensweise der Europäer ist hier so ziemlich dieselbe, wie in Brittisch-Indien. Ueberall findet man einen Schwarm von Dienern, von welchen einer dem andern im Nichtsthun behilflich ist. Die Frauen tragen den Tag über den Sarong und die Cabay der Eingebornen. Abends erscheint alles in Europäischem Putze. In allen Häusern wird Nachmittags einige Stunden der Ruhe gepflegt.

Batavia soll in früheren Zeiten sehr ungesund gewesen sein; jetzt ist dies weniger der Fall, da viele der es umgebenden Sümpfe trocken gelegt wurden.

Die Holländer, besonders die Männer, vertragen das Indische Klima weit besser als die Engländer. Ich sah viele Herren, die 15 bis 20 Jahre unausgesetzt in Java lebten und so blühend aussahen, als hätten sie Europa nie verlassen. Weniger gut ertragen es die Frauen, was vermutlich auch von dem zu frühen Heirathen herrührt. Die Regierung sah sich deshalb veranlaßt das Gebot zu erlassen, daß Mädchen (natürlich nur die Europäischen) nicht unter 15 Jahren heirathen dürfen. -- Die Kinder werden nicht so häufig nach Europa gesandt, als dies in Brittisch-Indien der Fall ist. Die Mädchen erzieht man häufig ganz im Lande; die Jungen ist man gezwungen nach Europa zu senden, wenn man sie zu Beamten oder Offizieren bestimmt, da kein in Indien erzogener Jüngling ein höherer Beamter oder Offizier werden kann, besäße er auch im höchsten Grade alle hiezu nöthigen Kenntnisse.

Ob Java gesünder ist als Brittisch-Indien, oder ob die minder schwere Kost, die minder starken Getränke Ursache der besseren Gesundheit der Holländer sind, wage ich nicht zu unterscheiden; ich würde jedoch für letzteres stimmen.

Das Leben ist in Batavia wenigstens um einen Fünftheil, wo nicht um ein Vierttheil theurer als in Calcutta.

Leider herrscht auf Java noch Sklaverei; doch ist sie nicht drückend. Der Eigenthümer darf keine Strafe über seinen Sklaven verhängen, und letzterer kann so gut wie ersterer seine Klage führen. Der Sklave erhält nebst vollkommenem Unterhalte zwei Kupfergulden per Monat für Siri. Es dürfen keine Sklaven eingeführt werden; allein die Abkömmlinge der Sklaven bleiben stets Sklaven. Dieses Gesetz gibt zu häufigen Betrügereien und Verfälschungen Anlaß, in welchen die Chinesen besonders raffinirt sind. Stirbt ihnen nämlich ein Sklavenkind, so suchen sie an dessen Stelle ein elternloses, freies Kind zu unterschieben, um auf diese Art den erlittenen Verlust zu ersetzen. Ein gesunder Sklave, der nichts anderes als Stärke besitzt, kostet 400 Rupien; ein Koch, eine Köchin 6 bis 800.

Zum Lobe der Holländer muß man sagen, daß sie nicht selten ihren Sklaven die Freiheit schenken, und zwar nicht nur wenn sie Indien auf immer verlassen, sondern oft auch ohne besondere Veranlassung, aus reiner Menschenliebe. So hatten z. B. Herr und Frau van Rees am ersten Januar dieses Jahres allen ihren Sklaven die Freiheit geschenkt; aber keiner verließ ihr Haus -- sie baten alle, daß man sie behalten möchte. Dieselbe schöne Handlung vollführte Frau Overhand, Witwe des Residenten Overhand; auch ihre Sklaven baten, in ihren Dienste verbleiben zu dürfen.

Die meisten öffentlichen Gebäude und Anstalten besuchte ich in Gesellschaft des Herrn van Rees.

Wir machten den Anfang mit dem Chinesischen Hospital, das im Jahre 1799 mit chinesischem Gelde erbaut wurde. Die Holländische Regierung hatte die Chinesen zu diesem Zwecke zu einer jährlichen kleinen Abgabe verhalten, deren Betrag mit der Zeit eine so große Summe bildete, daß man dieses schöne Gebäude damit herstellen konnte. Es ist mit Europäischen Aerzten, mit eingebornen Aufsehern und Wärtern versehen und enthält, außer den großen Krankenzimmern, Abtheilungen für Irrsinnige. Als ich die Anstalt besuchte, gab es 147 Kranke und 68 Irrsinnige. Wir traten in jedes Krankenzimmer, und bei dieser Gelegenheit lernte ich die wahre Herzensgüte des Residenten kennen und bewundern. Er trat an die Krankenbetten, sogar an jene der Aussätzigen, die über alle Beschreibung ekelhaft aussahen, deren Athem und Ausdünstung verpestet war, frug sie nach ihrem Befinden und sprach ihnen Trost zu. Kindern voll Geschwüren und Ausschlägen klopfte er freundlich auf die Backen, lachte und scherzte mit ihnen so recht wie ein gemüthlicher Vater. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich stets einige Schritte entfernt hielt, und daß es mir schwer gefallen wäre, sein edles Beispiel nachzuahmen.

Das allgemeine Hospital ist das vollkommenste, das ich je sah. Ein Kranker kann in einem wohleingerichteten Privathause nicht besser aufgehoben sein. Die Säle sind luftig, hoch und außerordentlich rein gehalten, die Betten vortrefflich, die Kranken, so wie die Genesenden bis zu ihrem Austritte in blendend weiße Wäsche gekleidet. Sobald ein Kranker eintritt, wird seine Wäsche und Kleidung bewahrt bis zur Stunde des Austrittes; man sieht den Genesenden nicht in seinen schmutzigen, oft zerrissenen Kleidern umhergehen. Die Offiziere erhalten jeder ein eigenes schönes Zimmer in einer ganz abgesonderten Abtheilung. Wir kamen so zeitlich des Morgens, daß wir der Austheilung des Frühstückes beiwohnten. Die Europäischen Kranken erhielten sehr guten Kaffee mit Zucker, Milch und Weißbrode. Die Eingeborenen ziehen ihre Nahrung der Europäischen vor: sie bekommen Reis, Gemüse, Fische, Fleisch u. s. w. Man führte uns auch in die Badeanstalt und die Vorrathskammern. In letzteren waren Leib- und Bettwäsche im reichsten Maße aufgestapelt; auch gab es die größten Vorräthe an feinen und frischen Lebensmitteln und Getränken, an Bandagen, Arzneien und medizinischen Instrumenten aller Art. In einem Saale werden Theile des menschlichen Körpers, die von seltenen Krankheiten ergriffen waren, in Spiritus bewahrt. In einem Glaskasten lag das ganze Skelett eines Matrosen, der von der Spitze eines Mastes herabgestürzt war. Er hatte sich, außer 10 mehr oder minder gefährlichen Knochenbrüchen, das Rückgrad gänzlich gebrochen, und wurde trotzdem durch die Kunst und Sorgfalt des Doktor Enthoffer (den ich auf Sambas kennen gelernt hatte) sechs Wochen lang am Leben erhalten.

In diesem Hospitale werden auch eingeborne Jünglinge, Mädchen und Weiber in einigen Zweigen der medizinischen Wissenschaft unterrichtet. Erstere werden zu Gehilfen der Aerzte herangebildet. Man bringt ihnen Kenntnisse vom menschlichen Körper bei, lehrt ihnen zur Ader zu lassen, Beinbrüche einzurichten u. s. w. Sie werden dann im Innern des Landes angestellt an Plätzen, die von ärztlicher Hilfe weit entfernt sind. Die Mädchen und Weiber lernen den Hebammen-Dienst.

Man war so gefällig, in meiner Gegenwart einige Fragen an die jungen Leute zu stellen, die sie richtig und ohne lange nachzudenken, beantworteten. An dem menschlichen Skelette, das in ihrem Lehrsaale stand, wußten sie alle Theile zu benennen und zu erklären. Nicht minder unterrichtet fand ich die weibliche Jugend, was mich um so mehr in Erstaunen setzte, als das weibliche Geschlecht in diesen Ländern durchaus an kein Lernen und Schulgehen gewöhnt ist. Die Mädchen und Weiber sind während der Zeit der Lehre (zwei Jahre) halbe Gefangene; sie kommen nie aus dem Bereiche ihrer Lehrsäle und Wohnungen und dürfen nur weibliche Besuche empfangen. Die Jünglinge können einige Stunden des Tages ausgehen. Es soll sich selten ereignen, daß einer der Zöglinge vor der Zeit austritt. Sie lernen fleißig und begreifen leicht.

Das Museum bietet, außer einigen Mineralien und vielen Gottheiten von Bali, nichts Sehenswerthes. Die vierfüßigen Thiere, Insekten, Reptilien u. s. w. sind in diesem Klima dem Verderben zu sehr unterworfen, und werden nach Holland geschickt.

Das Regierungsgebäude auf dem Waterloo-Platze besitzt einen großen Sitzungssaal mit den Bildnissen aller Holländischen Gouverneur-Generale. Ich ging hauptsächlich in dieses Gebäude, um eine Sammlung Handzeichnungen zu besehen, die ein Landsmann von mir (ein Wiener, Herr +Wilson+) auf Befehl der Regierung von den alten, herrlichen Hindu-Tempeln im Innern Java’s aufgenommen hat. Der Anblick der Zeichnungen erweckte in mir die höchste Begierde, diese Kunstwerke in Wirklichkeit zu sehen; allein ich schmeichelte mir nicht, so weit zu kommen: die Kosten einer Reise auf Java waren meiner Börse zu sehr überlegen.

Auch die Gefängnisse besuchte ich und fand die Leute ungleich besser gehalten als bei uns in Europa. Sie bewohnen luftige, reine Gemächer und erfreuen sich des Anblickes der Sonne in kleinen Gärten, die zu den Gefängnissen gehören. Zweimal des Tages erhalten sie große Portionen Reis nebst Fischen oder Gemüsen, und zweimal in der Woche Fleisch. Sie sind nicht gefesselt und entbehren nicht einmal ihres geliebten Siri. Ich glaube kaum, daß irgend ein anderer Staat mit seinen Verbrechern so human umgeht.

Das Theater besuchte ich nicht; meine Garderobe war auf Reisen selten so eingerichtet, um an Orten zu erscheinen, wo sich der Europäer im höchsten Putze und Glanze zeigt. Auch interessirte es mich wenig, ein oft gesehenes Europäisches Schauspiel, eine oft gehörte Oper in einem fremden Welttheil wieder zu sehen; ungleich größeren Reiz hatte für mich ein Chinesisches Schauspiel (Taping genannt, wenn ich mich recht entsinne), das der Chinesische Major[36] auf Veranlassung des unermüdet für mich besorgten Residenten mir zu Ehren gab.

Der Major hielt, wie es unter den reichen Chinesen sowohl hier als in China üblich ist, eigene Tänzerinnen, die zugleich Schauspielerinnen sind und die Rollen beider Geschlechter vorstellen. Die Bühne, eine kleine, erhöhte, hölzerne Bude, war dem Hause des Majors gegenüber auf der Straße aufgeschlagen, so daß jeder Vorübergehende an der Unterhaltung Theil nehmen konnte. Wir genossen nebst den übrigen Gästen den Anblick von dem Balkon und den Fenstern des Hauses.

Das Stück wurde von sechs Schauspielerinnen aufgeführt und schien eine Art Kriegs-Drama zu sein; man sah beständig ein Paar Soldaten, oder Offiziere, oder Feldherren auf den Brettern. Nebst diesen Helden erschienen auch zwei Damen, die häufig weinten und jammerten. Das schönste von der ganzen Vorstellung waren die Gefechte zweier Krieger mit Bogen und Stöckchen, und die Evolutionen, welche vier Krieger mit Lanzen machten. Den Text schrieen sie eintönig und gefühllos mit abscheulich quikender Stimme herunter. Ihre Bewegungen waren ohne Grazie; im Gegentheil, sie hoben beim Marschiren die Füße so hoch in die Höhe als sie konnten, und setzten sie dann mit sein sollender Kraft auf die Erde nieder, was höchst widerlich und unsittlich sich ausnahm, wenn man bedachte, daß diese Krieger von jungen Mädchen dargestellt wurden. Ihre Anzüge waren außerordentlich reich: schwere Seidenstoffe mit Gold- und bunten Seiden-Stickereien. Geschmacklos aber erschien die Form der Kleider: sie bestanden aus langen Röcken mit weiten Aermeln und aus kurzen Beinkleidern.

Das Stück hatte 4 Akte, von welchen jedoch einer dem andern so vollkommen glich, daß man die letzten drei für Wiederholungen des ersten halten konnte.

Nach dem Theater wurden wir zu einer reich besetzten Tafel geführt, bei welcher es weder an dem beliebten Trippang, noch an den theuern, von den Chinesen so hoch geschätzten Schwalbennestern fehlte. Trippang und Schwalbennester gleichen sehr sulzigen, stark gewürzten Speisen, die mein Europäischer Gaumen durchaus nicht nach seinem Geschmacke fand.

Kaum waren einige Tage seit meiner Ankunft in Batavia verflossen, so erhielt ich eine Einladung nach +Buitenzorg+ von dem Gouverneur-General Herrn +Deimar+ van +Twist+ -- eine Auszeichnung, die ich mit großer Dankbarkeit anerkenne und als Fremde doppelt zu schätzen weiß. Ich war wirklich überrascht, die Holländer so ganz anders zu finden, als man sie mir geschildert hatte.

Am +1. Juni+ fuhr ich in Gesellschaft des Herrn van Rees nach Buitenzorg. Der Weg war herrlich, die Pferde standen auf jeder Post bereit[37]; auf diese Weise machten wir die 35 Paal[38] in 3 Stunden. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto reizender ward die Gegend; das Gebirge rückte näher, Berge von 6- bis 10,000 Fuß Höhe stiegen majestätisch empor, unter letzteren der +Pangerang+ (9600), der +Gédé+ (9000). Buitenzorg selbst liegt 800 Fuß hoch.

Der Palast des Gouverneur-Generals ist schön, und besteht aus einem Mittel- und zwei Flügel-Gebäuden. Eine prachtvolle Wiese liegt davor mit Teichen und mit großen, mächtigen, Schatten gebenden Banian-Bäumen. Heerden von Hirschen und Rehen lagerten umher. Im Hintergrunde schloß sich ein ausgedehnter botanischer Garten an.

Da die Vorstellung beim Gouverneur-General erst Abends um 7 Uhr, kurze Zeit vor dem Speisen, stattfinden sollte, hatten wir Zeit, den Garten zu besehen. Er ist sehr groß und außerordentlich geschmackvoll angelegt. Schöne Blumenpartien wechseln mit kleinen Wäldchen, mit Wiesen und Bosketten; Teiche und Bäche schimmern durch das saftige Grün; herrliche Fahr- und Gehwege durchkreuzen sich, und zierliche Bänke laden den ermüdeten Wanderer zur Ruhe ein. Unter den Pflanzen und Bäumen gibt es viel Seltenes und Werthvolles. Herr +Teismann+, der die Aufsicht über den Garten führt, machte uns besonders auf eine Pflanzung von Vanille (Schlingpflanze) und auf zwei zarte Stämmchen des China-Strauches aufmerksam. Beide wurden erst in der neuesten Zeit von Amerika eingeführt. Der Vanille schien das Klima sehr wohl zu bekommen; ihre Stängel hingen voll großer, saftiger Schoten. Die Schoten werden im grünen Zustande abgenommen, anfänglich in der Sonne, dann in der Luft getrocknet, bis sie stark zusammen schrumpfen und eine ganz schwarze Farbe annehmen. Herr Teismann verehrte mir eine getrocknete Schote, welche der besten glich, die mir je aus Westindien zu Gesichte gekommen war. Minder gut kommt die China-Pflanze fort. Einige Pflanzen waren schon abgestorben, und die noch lebenden zeigten wenig Kraft.

Abends wurde ich dem Gouverneur-General und seiner Gemahlin vorgestellt. Der Gouverneur-General führte mich zu Tische.

Ich hatte von aller Welt diesen Herrn als höchst ernst und wortkarg schildern gehört. Ein tiefes, ernstes Nachdenken sprach allerdings aus seinen Zügen; aber wortkarg fand ich ihn nicht, und selbst der Ernst trat mit jedem Worte mehr in den Hintergrund und machte einer freundlichen, ruhigen Heiterkeit Platz. Sein und seiner Gemahlin Benehmen gegen mich war im höchsten Grade gütig und zuvorkommend.

In den Tagen, die ich in Buitenzorg zubrachte, veranstaltete man Partieen, um mir das Merkwürdigste der Umgegend zu zeigen. Darunter gehörte besonders die Cochenille-Pflanzung des Grafen van der +Bosch+ und die Schwalbengrotte, aus welcher die Chinesen ihre kostbarsten Leckerbissen, die Schwalbennester, holen.

Die Besitzung des Grafen van der Bosch, +Ponde Gédé+, ist in jeder Hinsicht als eine Musterwirthschaft aufzustellen. Der Graf ist selbst ein verständiger und eifriger Landwirth und bemüht, jeden Zweig seiner Oekonomie zur Vollkommenheit zu bringen. Die Cochenille macht nur einen kleinen Theil seiner Pflanzungen aus; er baut Reis, Zucker, Kaffee, u. s. w.

Für mich hatte die Cochenille-Pflanzung das meiste Interesse; ich verweilte da am längsten, um so mehr, als mich Herr Direktor +Meyer+ selbst herumführte und mir über alles die genaueste Auskunft ertheilte. Was ich hierüber schreibe, habe ich aus seinem Munde.

Der +Nopal+[39] und die Cochenille wurden schon vor 24 Jahren aus den Spanisch-Westindischen Besitzungen nach Java überbracht. Von den vielen Insekten, die man mit der Nopal-Pflanze mitgenommen hatte, kamen aber nur zwei lebend an. Der glückliche Zufall wollte, daß sie verschiedenen Geschlechtes waren.

Das höchste Erstaunen erregt die rasche Fortpflanzung dieses Insektes, denn schon seit Jahren liefert Java 150 bis 200,000 Pfund, und bei wiederholter Zählung hat es sich ergeben, daß 33,000 Cochenillen der größeren Sorte erst ein Pfund ausmachen.

Bei einer Anlage von Nopal werden gesunde Blätter oder Pflanzen mit dem untern Theile in die Erde gesteckt. Nach Verlauf eines Jahres hat sich schon ein kleiner Stamm mit mehreren Blättern gebildet; im dritten Jahre kann die Pflanze bereits bevölkert werden. Zur Bevölkerung bedient man sich kleiner Hütchen, die von den Blättern des Cactus gemacht sind. In diese Hütchen setzte man fünf bis sieben Insekten, bringt sie so auf das Blatt des Nopal und befestiget das Hütchen mit einem kleinen Dorne. Eine Nopal-Staude zählt an 300 Blätter; man setzt jedoch nicht mehr als 70 bis 80 Hütchen darauf und ist im westlichen Java schon sehr zufrieden, wenn durchschnittlich vier Pflanzen ein Pfund lebendiger Cochenille geben; im östlichen Java erzielt man dieselbe Menge gewöhnlich von drei Pflanzen.

Die Pflanzen werden nach der Bevölkerung entweder unbedeckt gelassen oder mit einem leichten Blätterdache überdeckt. Auf erstere Art gedeiht die Fortpflanzung nur bei anhaltend trockener Witterung, auf letztere kann sie beinahe das ganze Jahr hindurch statt haben. Nach der gewöhnlichen Regenzeit vertraut man der Witterung schon im Monat April. Allein in dem westlichen Theile von Java, wo es oft in der guten Jahreszeit regnet, kann man die Pflanzen, wenn man sie nicht bedeckt, zuweilen sechs- bis neunmal bevölkern, ohne eine gute Ernte zu erzielen.

Wenn das Insekt geboren hat, so stirbt es. Die Neugebornen kriechen auf den Blättern umher, setzen sich aber bald irgendwo fest und bleiben dann auf derselben Stelle, ohne mehr eine Bewegung zu machen. Ist die Cochenille abgenommen, so wird sie in sehr stark geheizten Zimmern (165 bis 175 Grad Fahrenheit) getrocknet. Die Trockenzimmer werden mittelst eiserner Röhren geheizt; die sich bildenden Dämpfe ziehen durch eine Oeffnung in der Wand ab. Hundert Pfund frischer Cochenille geben in getrocknetem Zustande 32 bis 33 Pfund, nebst zwei bis drei Pfund Staub. Dieser Staub, mit welchem das Insekt umgeben ist, scheint ein Beschützungsmittel gegen Kälte und Regen zu sein. Das Insekt hat eine weißgrauliche Farbe; befreit man es aber durch langsames Reiben von dem Staube, so ist es schwarz.

Seit einigen Jahren sind die Preise der Cochenille sehr gesunken. Die Niederländische Faktorei zahlt gegenwärtig (Packung und freie Sendung an den Einschiffungsplatz einbegriffen) pr. Pfund erster und zweiter Sorte zwei Rupien, für den Ausschuß per Pfund gar nur 85 Deut.

Die große Schwalbengrotte, in welcher Tausende dieser Thiere nisten, liegt ungefähr zwölf Paal von Buitenzorg. Sie ist nebst den umliegenden Ländereien an einen Chinesen verpachtet, der für Grotte und Land jährlich 100,000 Rupien bezahlt. Der Pächter führte uns selbst in die Grotte, die außerordentlich schwer zugänglich ist. Wir hatten Führer, Fackelträger, Leitern u. s. w. mit uns, konnten aber dessen ungeachtet nicht tief in das Innere dringen. Es wurde nach einigen Nestern gesucht, die man mir zum Geschenke machte. Sie waren von weißlicher Farbe mit einigen Federn untermengt und so klein, daß ich kaum begriff, wie der Vogel, der von der Größe einer gewöhnlichen Schwalbe ist, darin allein, viel weniger mit seinen Jungen Platz haben konnte. Man vermuthet, daß die Nester aus Seetang bestehen, denn gewöhnlich nistet diese Schwalbenart in Höhlen und Grotten unweit der See, d. h. wohl auch 30 und 40 Paal landeinwärts, jedoch nicht weiter.

Alle drei Monate werden die Nester geerntet, von den Federn sorgfältig gereinigt und an der Luft getrocknet. Es gibt verschiedene Sorten. Je weißer, je mehr von den Federn gereinigt sie sind, desto höher ist der Preis. Sie von den Federn gänzlich zu reinigen, ist nicht immer möglich, da diese mit dem Seetang oft so verschlungen sind, daß man sie nicht losbringen kann. Der Pikul dieser Nester kostet auf Java von vier- bis siebentausend Rupien. Man rechnet auf zwei Loth drei Nester; per Stück kosten sie an Ort und Stelle ein bis zwei Rupien. Der Pächter dieser Grotte erntet jährlich ungefähr zwölf Pikul.

Der Gouverneur-General machte mir die freudige Ueberraschung, mir Postpferde bis +Bandong+ (Residentschaft Preanger) zu gestatten. Es war dieß eine große Auszeichnung, denn der jetzige Gouverneur-General erlaubt die Postpferde so leicht nicht unentgeltlich[40].

Am +11. Juni+ verließ ich Buitenzorg, ging aber diesen Tag nur 10 Paal zur Familie +Böck+, bei welcher ich zwei Tage höchst angenehm verlebte. Man bot hier alles auf, mir gefällig zu sein, ja, als man meine Neigung für Insekten sah, half mir die ganze Familie suchen. Dank, herzlichen Dank ihnen, wie meinen übrigen Freunden auf Java, deren Theilnahme und Güte ich nie vergessen werde! --

Am +13. Juni+ ging ich ebenfalls nur wieder 11-12 Paal weiter nach +Typanas+, einem Sommerhause des Gouverneur-Generals. Der Weg führt über den 4710 Fuß hohen Berg +Mega-Mendongo+. Beinahe auf der Spitze des Berges, ¼ Paal seitwärts von der Straße, liegt ein kleiner See, der werth ist besucht zu werden. Er befindet sich mitten in schönen Waldungen und füllt einen eingesunkenen Krater aus. Sein Durchmesser mag kaum ¼ Paal betragen. Hoch um den See steigen die Wände des Kraters so steil empor, daß sie schwer zu erklimmen wären; von einer einzigen Seite kann man sich ihm nahen, wo die Wand von der Natur selbst gespalten wurde. Die Wände sind bis an die Spitzen mit herrlichem Grün und schönen Bäumen bewachsen. Das Wasser des Sees sieht ganz dunkel aus; dieß mag sowohl von der hohen Einfassung, als von den ihn beschattenden Bäumen herrühren.

Die Aussicht, die man von dem Mega-Mendongo genießt, gehört zu den schönsten von Java. Auf der einen Seite hat man die majestätischen Gebirge, im Hintergrund die großen, reichbebauten Ebenen von Buitenzorg und Batavia, vor sich die Residentschaft Preanger, die, von Hügelketten, Felspartieen und einzelnen Bergen unterbrochen, zu den fruchtbarsten und kultivirtesten Java’s gehört, was sehr viel sagen will, da auf der ganzen Insel die reichste Cultur mit der verschwenderischen Natur wetteifert.

Zu Typanas war in dem Sommerhause des Gouverneur-Generals Vorsorge für meinen Empfang getroffen. Dieser Ort liegt 3400 Fuß über der Meeresfläche und besitzt ein halb Europäisches Klima; ich fand in den Gemächern Kamine, ja sogar eiserne Oefen. In den großen Gartenanlagen werden Europäische Gemüse und Früchte gezogen.

Ich sollte von hier aus den 9600 Fuß hohen +Pangerango+ besteigen, eine sehr geringe Mühe, da man bis auf die Spitze reiten kann. Auf dem Wege gibt es zwei Stationen, das heißt, zwei hölzerne Hütten, bei welchen man anhält, um die Pferde ruhen zu lassen oder gegen vorausgesandte zu wechseln. Eine dritte Hütte steht 150 Fuß unter der Spitze des Berges. Diese Hütten sind für die Gärtner von Buitenzorg und Typanas errichtet, welche von Zeit zu Zeit verschiedene auf dem Berge angelegte Pflanzungen zu besuchen haben.

Ich fand auf jeder Station frische Pferde und erreichte in 4 Stunden die Spitze des Berges, auf welcher ein Flaggenstock errichtet ist. Leider hat man hier selten eine freie Umsicht; die häufigen Nebelzüge verdecken alles rund umher. Ich mußte halb unverrichteter Sache wieder herabsteigen und quartirte mich in der nahegelegenen Hütte ein. Im Herabsteigen erquickte ich mich an Erdbeeren, mit welchen große Räume bepflanzt waren.

Die Hütte, dem Verfalle ziemlich nahe, bestand aus einem großen Gemache und aus drei Kämmerchen. An Einrichtung war gerade kein Ueberfluß: zwei gebrechliche Tische nebst drei Stühlen zierten den Saal, eine mit Moos belegte Schlafstelle jedes der Kämmerchen. Das beste in der Hütte war ein eisernes Oefchen, das ich gleich in Anspruch nahm und das mir besonders Abends treffliche Dienste leistete, da der Thermometer bis auf 44 Grad (Fahrenheit) fiel. An Speisen, Getränken, Bettzeug u. s. w. fehlte es nicht, das war alles im Ueberflusse vorausgesandt worden, und so lebte ich in der Mitte dichter Urwälder, auf einer Höhe von beinahe 10,000 Fuß so luxuriös wie in Batavia selbst.

Der Berg ist durchaus dicht bewaldet, nur die höchste Spitze, ungefähr 100 Fuß nach abwärts, ist kahl. Er liefert schöne Exemplare von Föhren, von 20 Fuß Höhe. Alle Bäume sind mit einer auffallend dichten Moosdecke bekleidet. Anderes Nadelholz sah ich nirgends. Schön und herrlich war alles; aber die Hauptsache fehlte -- der schöne, reine Himmel. Wohl sechsmal erstieg ich die Spitze des Berges, und jedesmal kam ich unverrichteter Sache zurück. Ich schlenderte in den Zwischenzeiten im Walde umher und entdeckte da eine bedeutende Spur, die, wie man mir sagte, von Rhinocerossen herrührte. Die Thiere selbst bekam ich nicht zu Gesichte: sie fliehen die Nähe des Menschen so sehr, daß es selbst für Jäger eine große Seltenheit ist, wenn sie eines erlauern.

Von der Spitze des Pangerango übersah man vollkommen den ganzen Krater des nachbarlichen Gédé. Diese beiden Berge sind so enge verbunden, daß man sie für einen einzigen Berg mit zwei Kuppeln halten könnte. Der Krater lag ungefähr 6 bis 700 Fuß unter uns. Wir konnten nicht zu ihm gehen, da erst vor wenig Tagen ein Ausbruch stattgefunden hatte. Noch jetzt stiegen starke Rauchsäulen mit glühender Asche empor, was besonders zur Nachtzeit eine unvergleichlich schöne Wirkung machte. Ein großer Theil der Waldungen des Pangerango war mit Asche bedeckt; wir brauchten, um eines Aschenregens ansichtig zu werden, bloß auf die Aeste der Bäume zu schlagen.

Am folgenden Morgen bestieg ich nochmals die Spitze, und siehe da -- meine Unermüdlichkeit ward belohnt, der Horizont war rein und wolkenlos. Ich sah weit über die Gebirgswelt, über zahllose Spitzen und Kuppen, über eingestürzte Kegel und Krater, ich sah die fruchtbaren Ebenen von Buitenzorg und Batavia, das wellenförmige Land von +Preanger+, ich sah das Meer auf beiden Seiten. Kann solch’ ein Anblick zu theuer erkauft werden? Lebt man in ähnlichen Augenblicken nicht Ewigkeiten? Fühlt man sich da nicht von hohen, edlen Gefühlen durchdrungen -- einer bessern, reinern Welt hingegeben?! --

Nach Typanas zurückgekehrt, verweilte ich in dieser schönen Gegend bis +17. Juni+, an welchem Tage ich 12 Paal weiter nach +Tijand-jur+ reiste. Die Fahrt dahin gehörte zu den reizendsten. Die Gegend ist zwar minder kultivirt; aber gerade dieser grelle Wechsel ist überraschend. Am folgenden Tage, den +18. Juni+, fuhr ich bis +Bandong+ (40 Paal).

Obwohl das Land reich an hohen Bergen ist, sah ich doch keinen einzigen schönen Fluß; ich kam nur über Bäche, die sich durch tiefe Schluchten, über Felsgestein den Weg bahnten und bloß bei hohem Wasserstande, zur Regenzeit, mit Bambusflößen befahren werden können. Die Ursache, daß es auf Java keine bedeutende Ströme gibt, liegt in der geringen Breite der Insel.

Auffallend war es mir, in diesem trefflich kultivirten Lande, wo man die Menschenhand schon so gut zu verwenden wußte, so häufig Menschen die Dienste der Lastthiere verrichten zu sehen. Alle Lasten z. B. werden durch Kulli getragen, mag die Entfernung auch über 100 Paal sein. Der Träger erhält per Paal 1½ Deut und trägt 80-90 Pfund mittelst einer Stange, die auf der Achsel ausruht. Es gibt für die Kulli Ablösestationen wie für die Pferde. In jeder Ortschaft muß täglich eine gewisse Anzahl bereit sein, um für diesen Preis zu gehen. Man kann ihnen unbedingt alles anvertrauen. Die Gouvernements-Güter, Kaffee, Zucker, Salz u. s. w. allein werden in Karren befördert und von Büffeln gezogen. Die Wege[41] sind aber so schlecht, besonders bei Regenwetter, daß der Karren bis über die Achse in Koth sinkt und man einem Paar Büffel höchstens acht Pikul aufladen kann.

Ich selbst hatte heute Gelegenheit zu sehen, wie die Menschen hier nicht nur die Stelle der Last-, sondern auch jene der Zugthiere vertreten. Ueber den ersten Fluß, den ich zu passiren hatte, führte eine Brücke, zu welcher der Weg sehr steil abwärts ging. Die Pferde wurden ausgespannt, und ein Paar Dutzend Männer traten an ihre Stelle, um den Wagen sicher an die Brücke zu geleiten. Ueber den zweiten Fluß führte keine Brücke: da mußten sie den Wagen gar durch das Wasser ziehen, während die Pferde und Vorspanns-Büffel leer daneben gingen. Welche Widersprüche in den verschiedenen Ländern! Auf Java, wo Futter für Pferde und Ochsen im Ueberflusse gedeiht, dient der Mensch als Lastthier -- in Island, wo man das Gras beinahe mit der Loupe suchen muß, würde kein Mensch zu Fuße gehen, viel weniger die Dienste eines Thieres verrichten.

Das Reisen mit Post-Pferden geht auf Java sehr schnell von statten; die Pferde stehen auf jeder Station bereit und man fährt rasch. Ich hätte hier, wie in Rußland, das Trinkgeld oft lieber gegeben, wenn man etwas langsamer gefahren wäre, vorzüglich über die Berge und Hügel, wo die Wege häufig voll Löcher und großer Steine waren. Aber gerade wenn eine Anhöhe kam, wurden die Pferde durch Peitschenhiebe und das Geschrei der Führer so angespornt, daß es noch schneller ging, als in der schönen Ebene. Triefend von Schweiß, zitternd und athemlos kamen die armen Thiere auf jeder Station an. Mich dauerten sie so sehr, daß mir dadurch ein Theil des Genusses der Reise verloren ging. Ich wollte es nicht leiden; allein man versicherte mich, daß das so sein müsse, daß die Pferde sonst mitten auf der Anhöhe stehen blieben. Die Javanischen Pferde sind nämlich sehr stützig (vielleicht in Folge der schlechten Abrichtung); wenn sie eingespannt werden, wollen sie oft nicht vom Platze, und nur mit vieler Mühe, d. h. durch unzählige Peitschenhiebe und großes Geschrei der Stallknechte und des Kutschers bringt man sie zum Laufen. Zuweilen bleiben sie in der Mitte der Fahrt stehen, worauf ihnen natürlich dieselbe Behandlung zu Theil wird. Hier wäre ein Verein gegen Thierquälerei an seinem Platze.

In der Ebene fährt man mit vier, in den bergigen Gegenden mit sechs Pferden, ohne Unterschied ob eine Person allein, oder ob mehrere im Wagen sitzen. Außer dem Kutscher ist jedem Paar Pferde ein Läufer beigegeben, der zwar nicht die ganze Station durchläuft, doch bei jeder Wendung des Weges, bei Brücken, bei Bergauf- und abfahren an der Seite seiner Thiere sein muß. Ueber Berge oder größere Hügel werden den vier oder sechs Pferden noch zwei oder vier Ochsen vorgespannt.

In keinem Lande vielleicht ist das Reisen mit der Post so theuer wie hier. Eine Station von sechs bis acht Paal kommt, die Trinkgelder nicht gerechnet, auf acht bis zwölf Rupien. An Trinkgelder hat man jedem Laufer 10 Deut, jedem Ochsentreiber bei jedesmaligem Vorspann (was auf einer Station zwei- bis dreimal geschehen kann) ebenfalls fünf bis zehn Deut, dem Kutscher zwanzig Deut zu geben. Man muß die Hand immerwährend in der Tasche haben, um jeden Augenblick die Deute auszutheilen. Würde es nicht viel bequemer sein, alle diese kleinen Summen zugleich mit dem Postgelde entrichten zu können? -- Freilich wissen die meisten Reisenden nichts von dieser Unbequemlichkeit; sie haben Diener mit sich, welchen das Geld zu derlei Sachen gegeben wird. Allein ich war stets Herr und Diener in einer Person.

In +Bandong+ (2200 Fuß hoch gelegen) ward ich von dem Assistent-Residenten Herrn +Vischer+ von +Gasbeck+ auf das beste aufgenommen. Ich blieb hier einige Tage, um eine Theepflanzung, eine Kaffeemühle und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

Auf dem Wege zur Theepflanzung machten wir einen Abstecher nach dem Wasserfalle Tjurung-Tjeca-pundung. Wir kamen an einen eingestürzten Krater, der sich gleich jenem auf dem Berge Meda-Mendongo in einen See verwandelt hat. Letzterer ist jedoch viel kleiner: seine Länge mißt 134 Fuß, seine Breite etwas weniger. In diesen See stürzt sich von einer 70 Fuß hohen Wand ein leider gar zu bescheidenes Flüßchen, bahnt sich einen Durchgang und schlängelt sich friedlich in dem schönen Thale fort. Die Wände des Kessels sind ebenfalls mit Pisang- und Laub-Bäumen, mit Schlingpflanzen und hohem Grase bewachsen.

Die Theepflanzung ist sehr ausgebreitet und erstreckt sich über viele Hügel und Abhänge. Man sagte mir, daß der gegenwärtige Pächter, Herr +Brumsteede+, über eine Million Sträuche besäße. Thee und Kaffee gedeihen am besten auf hügligem Grunde. Die Theestauden sind hier niedriger gehalten, als ich sie in der Gegend von Canton gesehen habe; sie mochten zwischen zwei und drei Fuß haben. Man rechnet zehn Stauden auf ein Pfund Thee. Die Bereitung des Thee’s ist sehr vereinfacht und wird mit viel weniger Menschenhänden verrichtet, als in den Chinesischen Fabriken. Anstatt, wie dort, jedes Blatt des grünen Thee’s[42] einzeln zu rollen, nimmt man eine ganze Menge Blätter zusammen, knetet sie leicht durcheinander und läßt sie auf Kupferplatten durch gelinde Feuerhitze trocknen, wodurch sie von selbst auseinanderfallen, aber freilich nicht so schön und gleichmäßig werden wie die gerollten.

Die Theepflanzungen sind auf Java, gleich den Zucker- und Kaffeepflanzungen, Eigenthum der Regierung und werden gewöhnlich auf fünfzehn bis zwanzig Jahre verpachtet. Die Regierung gibt den Pächtern Grund und Boden oder bereits angelegte Pflanzungen (eine Pflanzung erhält sich gegen achtzig Jahre) und sichert ihnen die gehörige Anzahl Arbeiter zu festgesetzten Preisen zu. Der Arbeitslohn ist in dieser, wie in allen von Batavia entfernter gelegenen Residentschaften außerordentlich billig: ein Taglöhner bekommt per Tag zehn Deut, nebst einem Pfund Reis. Letzteres hat hier den Werth von zwei Deut. Zum Pflücken des Thee’s, was die meiste Arbeit macht, werden gewöhnlich Weiber und Kinder verwendet, die natürlich noch billiger sind. Der Pächter erhält von der Regierung per Pfund 75 Deut; man rechnet seinen Gewinn auf hundert Prozent.

Der Javanische Thee soll seine Güte erst durch die Seereise nach Holland erhalten; die Theekenner geben aber jedenfalls dem Chinesischen Thee den Vorzug.

Sonderbar ist auf Java die Weise den Reis zu ernten. Man bedient sich hierzu kleiner Messer, mit welchen jeder Halm einzeln, ungefähr in der Mitte des Stängels, abgeschnitten wird. Die Halmen werden in kleine Büschelchen gebunden und von den Leuten mittelst Stangen auf der Achsel heimgetragen. Jeder, der Lust hat, an der Ernte Theil zu nehmen, kann helfen; sein Lohn besteht in dem fünften Theile von dem was er schneidet.

Mit dem Besuche der Kaffeemühle zu Lembang (8 Paal von Bandong) verband ich einen Ausflug nach dem Schwefelkrater Tangkerbon-prauh, der vier Paal weiter liegt. Da ich mit Regenwetter zu Lembang ankam, und die Parthie nach dem Krater nothwendiger Weise verschoben werden mußte, nahm ich mit großem Danke die Einladung des Herrn +Phlippeau+, des Inhabers der Kaffeemühle an, einen oder auch mehrere Tage in seinem Hause zu verweilen. Um den düstern Nachmittag nicht ganz unbenützt dahin gehen zu lassen, zeigte mir Herr Phlippeau die Behandlung des Kaffee’s von Anfang bis zu Ende. Ich fand, daß man hier damit bei weitem umständlicher zu Werke ging als in Brasilien. Der Kaffee wird, wie er vom Baume kommt, in Wasserbehältnisse geschüttet und so lange darinnen gelassen, bis die Schale oder Kapsel, in welcher die Bohnen sitzen, so weich ist, daß man sie leicht mit den Händen zerdrücken kann. In diesem Zustande schafft man ihn auf lange Bretterkisten, deren obere Theile mit kleinen Löchern versehen sind, durch welche die Bohnen gerade durchfallen können. Hier wird er so lange mit den Händen gedrückt, gewendet und verarbeitet, bis sich die Bohnen gänzlich aus den Kapseln gelöst haben. Die Bohnen kommen hierauf auf die Trockenplätze und von da in eine große Maschine (die Mühle), wo sie von den sie umgebenden feinen Häutchen befreit werden. Nun erst sondert man die guten Bohnen von den minder guten ab und verpackt sie endlich.

In Brasilien wird der Kaffee nicht in Wasser erweicht, sondern gleich wie er von den Bäumen kömmt, an der Sonne getrocknet, dann leicht gestampft, wodurch sich die Kapsel zu gleicher Zeit mit dem Häutchen von der Bohne löst, hierauf ausgesucht, auf Kupferplatten über leichter Feuerhitze getrocknet und verpackt.

Auf +Lembang+ macht das Kaffeetrocknen große Schwierigkeiten, da die Witterung das ganze Jahr hindurch mehr feucht als trocken ist. Und welch’ ununterbrochener, starker Hitze bedarf nicht der durch und durch geweichte Kaffee, um wieder trocken zu werden!

Die Kaffeemühle zu Lembang ist die größte auf Java; sie soll jährlich gegen 25,000 Pikul reinen Kaffee liefern.

Der Kaffee ist, wie bereits bemerkt, gleich dem Thee, Zucker u. s. w. Monopol der Regierung; nur die Residentschaft Batavia ist hievon ausgenommen: da kann jedermann nicht nur Kaffee, sondern alles bauen, was ihm beliebt, und verkaufen, an wen er will. In den übrigen Residentschaften bebaut die Regierung die ihr angehörigen Ländereien entweder selbst mit Zucker, Kaffee, Thee; oder sie verpachtet sie mit der Bedingung, diese Artikel zu kultiviren und zu festgesetzten Preisen an sie abzuliefern. Den Kaffeebaum bearbeitet sie jedoch vorzugsweise selbst. In Gegenden, die zum Kaffeebaue geeignet sind, muß von den im Umkreise wohnenden Hüttenbesitzern oder Bauern jeder 300 Bäume pflanzen und stets in voller Zahl erhalten. In den ersten drei Jahren bringt der Baum nichts, und der Bauer erhält auch keine Entschädigung für seine Arbeit. In den folgenden Jahren bekommt er per Pikul, wie er den Kaffee in der Kapsel nach der Mühle liefert, achtzig bis hundert Deut. Der Inhaber der Kaffeemühle wird für die Bearbeitung ebenfalls von der Regierung bezahlt; er erhält für jeden Pikul reinen Kaffee zwei Kupfergulden, wobei er, gleich dem Theepflanzer, hundert Prozent gewinnen soll. Man rechnet auf einem Pikul reinen Kaffee’s sechs Pikul in Kapseln. In Gegenden, wo es keine Kaffeemühlen gibt und der Bauer selbst den Kaffee reinigen muß, bezahlt ihm die Regierung per Pikul gereinigten Kaffee’s sechs bis sieben Kupfergulden. Drückend für die Bauern ist es, daß sie mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von den Kaffeegärten entfernt wohnen, und des Jahres hindurch drei- auch viermal auf einen Monat dahin zur Arbeit zu gehen haben. Sie finden wohl Hütten, wo sie schlafen können; aber verpflegen müssen sie sich selbst.

Die Residentschaft Preanger, überhaupt eine der fruchtbarsten Java’s, ist die reichste an Kaffee. Ihr hügeliger, hochgelegener Boden (sie besteht aus einer ausgedehnten Hochebene, 2,200 Fuß über der Meeresfläche) ist dieser Cultur besonders günstig. Man rechnet auf sie sechzig Millionen Kaffeebäume, von welchen fünfunddreißig Millionen unter der Aufsicht des Assistent-Residenten von +Bandong+ stehen. Drei Bäume geben zwei Pfund reinen Kaffee. Nirgends sah ich die Kaffeegärten so rein, schön gehalten und geordnet wie hier.

Am folgenden Morgen ritt ich nach dem Schwefelkrater. Herr +Phlippeau+ war so gütig, mich mit Pferden und Führern zu versehen. Mein Zug vergrößerte sich auf jedem Paal mit Reitern und Fußgängern so, daß ich am Ende gewiß über dreißig Leute in meinem Gefolge hatte. Es herrscht nämlich in vielen Gegenden Java’s die Sitte, daß, wenn eine Person, die man auszeichnen will, durch ein Dorf kommt, der Richter nebst mehreren Inwohnern sie eine große Strecke weit begleiten. Mir erzeigte man diese Ehre aus Rücksicht für Herrn +Phlippeau+ und für den Assistent-Residenten.

Komisch ist auch die Art, auf welche die Eingebornen im Gebiete Preanger den Vorgesetzten und den Europäern ihre Hochachtung bezeigen. Sie hocken sich auf die Erde und zwar in derselben Richtung, in der sie gerade sind, so daß man von dem Einen den Rücken, von einem Andern die Seite, von einem Dritten das Gesicht zu sehen bekommt. Sind sie zu Pferde, so steigen sie ab, führen das Pferd zur Seite und hocken sich daneben nieder. Auch in anderen Theilen Java’s bemerkte ich diese Sitte.

Ein ziemlich guter Weg führt zu dem Krater, und man kann bis an seinen Rand reiten. Er mag zweihundert bis zweihundertfünfzig Fuß tief sein, und ist unten beinah nicht schmaler als oben, drei- bis vierhundert Fuß im Durchmesser. Die Wände fallen sehr steil ab und nur auf einer Seite ist es möglich, über loses Steingerölle und lockeres Erdreich mit ziemlicher Gefahr hinab zu steigen. In der Tiefe wirbeln an mehreren Stellen kleine Rauchsäulen auf, reiner Schwefel liegt daneben. Ich kletterte mit vieler Mühe hinunter. Bei den aufgeworfenen Schwefelhügelchen vernahm ich ein starkes Brausen; die Rauchsäule stieg mit Gewalt empor und machte dasselbe Geräusch, wie der Dampf, wenn er aus einem Locomotive gelassen wird. Man kann sich diesen Rauch- oder besser gesagt Dampfsäulen mit einiger Vorsicht gänzlich nahen, man muß nur mit dem Winde dahin gehen und nicht gegen denselben, damit der erstickende Schwefeldampf nicht in das Gesicht schlägt.

Nicht nur die Eingebornen, sondern auch die Europäer hatten mir gesagt, der Boden in dem Krater sei so heiß, daß man stets mit verbrannten Schuhsohlen zurückkäme. Ich befühlte den Boden wohl an mehr als fünfzig Stellen, und ganz besonders in der Nähe der Rauchsäulen -- konnte indeß meine Hand eine Zeit lang darauf ruhen lassen, und brachte meine Schuhe unbeschädigt zurück.

Daß doch die Menschen bei jeder Gelegenheit übertreiben, und einer dem andern die Lügen nachsprechen muß! Oder sollte ich so unglücklich sein, alles anders zu sehen, zu beobachten, zu fühlen, als die übrigen Reisenden? --

Vor einigen Jahren hat dieser Krater eine solche Menge schwefeliger Asche ausgeworfen, daß die Waldungen ein Viertel Paal rings um den Kessel gänzlich abstarben. Die nackten, schwarzen, wie von einem Waldbrande verkohlten Stämme bildeten einen grellen Widerspruch zu der reichen, blühenden Natur, die sich ohne den geringsten Uebergang, gleich einem Kranze, um sie schloß.

Ich hatte nun schon einige Krater, lebende und verloschene, auf Java gesehen; aber in keinem kam mir die rein poröse Lava vor, die ich auf dem Vesuv, dem Aetna, und auf den zahllosen Kratern Islands gefunden habe. Es scheint, daß sich die Javanesischen Feuerspeier mit Asche, Sand, Wasser oder Steinen begnügen.

Nach Bandong zurückgekehrt, verschaffte mir Herr von Vischer eine recht hübsche Unterhaltung bei dem Regenten[43], der uns zu Ehren von seinen Tänzerinnen den Nationaltanz Bedogo aufführen ließ.

Die sechs Tänzerinnen waren reizend gekleidet. Sie trugen knapp anliegende Leibchen ohne Aermel, Gold-durchwirkte, seidene Sarongs, die kaum an die Knöchel reichten, darunter enge Beinkleider, die bis an den Fuß gingen; der Fuß selbst war unbekleidet. Um die Mitte des Leibes wand sich eine purpurne Schärpe, deren Enden bis an die Kniee fielen. Brust, Leibchen, Handgelenke und Oberarm waren mit breiten Goldblechen geziert. Auf dem Kopfe hatten sie Helme, die auf den Seiten durchbrochen waren und den Reichthum der üppig schwarzen Haare sehen ließen. Man konnte sich einbilden, Amazonen vor Augen zu haben. Schade, daß die Mädchen selbst nicht so reizend waren, als ihr Anzug; der Malaische Typus sprach zu sehr aus ihren Gesichtern.

Der Tanz bestand aus drei Abtheilungen. In der ersten ging es ziemlich ruhig her: da ward ganz einfach getanzt; in der zweiten brachten die Tänzerinnen Sträuße von Pfauenfedern, die sie gleich Schwertern wie im Kampfe schwenkten; in der dritten Abtheilung kamen sie mit Bogen und Pfeil bewaffnet und stellten ein ordentliches Gefecht dar, das mit der Niederlage der Hälfte der Kämpfenden endete. Die Getödteten blieben eine Zeit lang auf dem Wahlplatze liegen. Mit ihrer Niederlage zugleich ertönte in der Ferne eine klagende, sanfte Melodie. Die Musik dagegen, die den Tanz begleitete, war sehr lärmend und unharmonisch. Ich fand diese Vorstellung sehr zierlich und ausdrucksvoll und das Auge nicht beleidigend, eine Eigenschaft, die man nicht immer an unsern Balleten rühmen kann. Das Einzige was mir nicht gefiel war, daß die Tänzerinnen die Augen beständig zu Boden geschlagen hatten, eine Sitte, die ich bei den Tänzerinnen der meisten außereuropäischen Völker bemerkt habe, und welche Hochachtung für die Zuseher auszudrücken scheint.

Von Bandong kehrte ich direkt nach Buitenzorg zurück, wo ich der gütigen Einladung des Gouverneur-Generals zu Folge abermals in seinem Palaste einige Tage verweilte. Ich schulde diesem Herrn wirklich den größten Dank, nicht nur für die mehr als gewöhnlich freundliche Aufnahme, die ich in seinem Hause fand, sondern auch weil eben diese mir bewiesene Theilnahme hauptsächlich dazu beitrug, daß man mich in allen Holländischen Besitzungen so ausgezeichnet gut aufnahm und meine Reisepläne überall so viel wie möglich unterstützte[44].

In Batavia stieg ich wieder in dem Hause meiner liebenswürdigen Freunde, Herrn und Frau van Rees ab. Hier ward ich durch einen mir sehr werthen Besuch überrascht. Ich wurde in den Salon gerufen, und als ich kam, stand Herr +Steuerwald+ (Oberst in Holländischen Diensten) vor mir. Ich hatte diesen Herrn im Jahre 1845 auf der Reise von Gothenburg nach Stockholm kennen gelernt. Seine gediegenen Kenntnisse, ganz besonders aber sein freier, offener, rechtlicher Charakter flößten mir die höchste Achtung ein; ich war stolz von diesem Biedermanne schon damals mit mehr Auszeichnung behandelt worden zu sein, als dies gewöhnlich bei vorübergehenden Reisebekanntschaften der Fall ist. Er war im Dienste nach Indien gekommen, und diesem glücklichen Zufall verdankte ich es, eine Bekanntschaft fortsetzen zu können, die im hohen Norden Europa’s ihren Anfang genommen hatte.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr von Bandong fuhr ich nach +Tangerang+, fünfzehn Meilen von Batavia. Herrn van Rees rief ein kleines Geschäft dahin, das er besonders bis zu meiner Rückkehr verschoben hatte, um mich mitzunehmen. Er benützte diese Gelegenheit, mir verschiedene Volksbelustigungen vorstellen zu lassen: ich sah ein Hahnengefecht, einen Volkstanz, ein burleskes Lustspiel, und ein großes Kunststück eines sogenannten Herkules.

Der Hahnenkampf ist zu grausam, um unterhaltend zu sein. Dem armen Thiere werden an jeden Fuß kleine, spitzige, sehr scharfe Messerklingen gebunden. Die Eigenthümer nehmen hierauf ihre Thiere unter den Arm, stoßen sie mehrmals gegen einander und reizen sie durch Ziehen an dem Kamme und an den Federn zum Zorne. Wenn sie recht aufgeregt sind, läßt man sie los, und der Kampf beginnt sogleich, dauert aber nicht lange, denn die Hähne hauen sich so schnell und stark mit den Krallen und den daran gebundenen Messerklingen, daß nach kaum einer halben Minute einer, oft auch beide auf dem Kampfplatze bleiben.

Die Holländische Regierung hat die Hahnenkämpfe strenge verboten; sie waren das größte Vergnügen und zugleich Verderben des Volkes. Die Leute beschäftigten sich beinahe mit nichts anderem, und ruinirten sich mit Wetten. Ein leidenschaftlicher Spieler setzte nicht nur Haus und Gut auf’s Spiel, sondern sein Weib, sein Kind, ja am Ende sich selbst.

Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem engen Raume sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte Lieder herunter. Dagegen unterhielt mich das Lustspiel, obwohl ich vom Texte nichts verstand (wozu mir Herr van Rees Glück wünschte); ich bewunderte das natürliche Spiel, die Grimassen, die Beredsamkeit der Schauspieler, besonders des Hauptkomikers. Man muß wissen, daß die Leute keine einstudirten Stücke haben, sondern stets aus dem Stegreife spielen. Die Frauenrollen waren hier von Jünglingen dargestellt, wobei die Zuseher nichts verloren, da beide Geschlechter in diesem Lande gleich häßlich sind; ich wäre gar nie auf den Gedanken gekommen, daß verkleidete Männer vor mir sich produzirten, wenn man es mir nicht gesagt hätte.

Den Schluß der Unterhaltungen machte ein wirklich bewunderungswürdiges Kunststück des Herkules. Bloß mit einer kurzen Hose bekleidet, ließ er sich um den Hals einen Strick binden, und mit demselben auch die Arme und Hände auf dem Rücken so fest zusammenschnüren, daß er damit nicht die geringste Bewegung machen konnte. Er kam zu uns, um die Knoten und Verschlingungen des Strickes untersuchen zu lassen. Hierauf kroch er unter einen hohen Korb, der von allen Seiten überdeckt war, und in welchen man ein Hemd und einen Sarong gelegt hatte. Nach ungefähr sechs Minuten ward der Korb aufgehoben; der Herkules hatte den Strick wie zuvor um Hals, Arme und Hände gebunden, aber das Hemd angezogen, den Sarong um die Mitte geschlagen. Er kroch nochmals unter den Korb und erschien nach sechs Minuten wieder, ohne Hemd und Sarong, und den Strick mit allen seinen Knoten und Verschlingungen in der Hand haltend.

Auf einem Theater würde dieses Kunststück nichts bedeutet haben, da man dem Künstler unter dem Korbe zu Hilfe hätte kommen können; aber hier, mitten auf einem Wiesenplatze, war doch kein Beistand möglich.

Ein Herr aus unserer Gesellschaft bot ihm für das Geheimniß seines Kunststückes 25 Rupien; der Mann nahm aber diesen Vorschlag nicht an.

Am folgenden Morgen den +7. Juli+ sollten wir, vor der Rückkehr nach Batavia, noch eine Zuckermühle besuchen; sie war jedoch leider noch nicht im Gange, obwohl das Zuckerrohr rings umher schon in voller Reife stand. Nirgends sah ich größere und üppigere Zuckerfelder als in dieser Ebene.

Die Zuckermühlen tragen auf Java einen Gewinn von zwei- bis dreihundert Procent.

Gegen Mittag trafen wir wieder in Batavia ein.

[35] Java hat, sammt der dazu gehörigen kleinen Insel Madura 2444 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 9½ Millionen Seelen.

[36] Chef der Chinesen auf Batavia.

[37] Wenn man auf Java mit Postpferden reist, müssen Laufzettel vorausgesandt werden.

[38] Ich werde von nun an immer nach Paal rechnen. Ein Paal ist gleich einer Englischen Meile.

[39] Der Nopal gehört zum Cactus-Geschlechte.

[40] Folgende Anekdote habe ich aus dem Munde eines sehr glaubwürdigen Mannes. „Ein hoher Beamter kam zur Audienz und bat um freie Postpferde zu einer Reise auf Java. Der Gouverneur-General frug ihn „wie groß ist ihr Gehalt?“ -- So und so viel war die Antwort. „Oh, da ist er groß genug, daß sie die Postgebühren bezahlen können.“ Zur selben Audienz kam ein geringer Beamter mit derselben Bitte; er brachte ein ärztliches Zeugniß bei, daß er eine Luftveränderung nöthig habe. Der Gouverneur-General frug ebenfalls nach dem Gehalte, und da er noch klein war, sagte er: „Damit können sie freilich keine Gebühren bezahlen,“ -- und bewilligte die Bitte.“

[41] Neben der Post-Straße, die durch ganz Java geht, läuft eine zweite Straße, die für diese Karren bestimmt ist.

[42] Bekanntlich wird nur der schwarze Thee der Sonnenhitze ausgesetzt, jener, der grün bleiben soll, muß durch künstliche Wärme getrocknet werden.

[43] Auf Java ist jedem Residenten ein Rajah oder sonstiger Vornehmer des Landes als Beamter beigegeben, der den Titel „Regent“ führt und denselben Gehalt bezieht, wie der Resident, nebst Procenten vom Kaffee, Zucker u. s. w. Ohne seinen Beisitz wird nichts Bedeutendes unternommen. Seine Meinung ist jedoch höchst selten von der des Residenten verschieden.

[44] Der Gouverneur-General der Holländisch-Indischen Besitzungen hat 150,000 Rupien jährlichen Gehalt, nebst dem Genusse mehrerer Paläste, Sommerhäuser, Gärten und Ländereien. Er bleibt vier, höchstens fünf Jahre auf diesem Posten. An Macht und Ansehen übertrifft seine Stellung bei weitem jene eines konstitutionellen Königs in Europa.