Zweites Kapitel.
Die Kapstadt. -- Gefährliches Zusammentreffen mit zwei Negerinnen. -- Malaischer Gottesdienst. -- Singapore. -- Fünf Tage im Jungle. -- Sarawak. -- Rajah Brooke. -- Malaien und Chinesen. Ihre Wohnungen und kostbare Vasen. -- Ausflug zu den Dayakern und den Antimonium-Minen.
Am 24. Mai Abends begab ich mich an Bord des Schiffes Allanadale von 300 Tonnen Gehalt, Kapitän +Brodie+.
Zu meinem Erstaunen fand ich Niemanden an Bord als den Kapitän, der mir sagte, daß er der ganzen Mannschaft, bis auf den Matrosenjungen herab, die Erlaubniß gegeben habe, diese Nacht am Lande zuzubringen, und daß er selbst ebenfalls das Schiff verlasse. Ich hätte dasselbe thun können; allein da ich einige Meilen entfernt von London wohnte, so fürchtete ich, mich am folgenden Morgen verspäten zu können. Ich schloß mich in die Kajüte ein, und war für diese Nacht alleinige Herrin des Schiffes.
Am nächsten Morgen nahm uns ein Dampfer in’s Schlepptau und bugsirte uns nach Gravesend (20 Meilen) an die Mündung der Themse, deren Strömung jedoch noch 58 Meilen weiter bis North-Foreland berechnet wird. In Gravesend mußten wir diesen und den folgenden Tag liegen bleiben, weil zwei Matrosen, die der Kapitän angeworben hatte und die hier an Bord kommen sollten, nicht erschienen. Der Kapitän mußte zurück nach London und andere Leute anwerben. Erst am 27. gingen wir unter Segel.
Die Fahrt durch den Kanal war ungünstig; wir hatten wenig Wind und mußten während der drei ersten Tage beinahe beständig vor Anker liegen. Am 30. senkte sich ein so dichter Nebel auf die See hernieder, daß wir kaum eine Umsicht von einigen hundert Fuß hatten. Ringsumher hörten wir mit Sprachrohren und Schiffsglocken Signale geben, um die Nähe oder Ferne der Schiffe anzuzeigen und ein Zusammenstoßen zu vermeiden. Traurig klangen diese Töne durch die Nacht des Nebels und durchaus nicht geeignet, uns für die lange, gefährliche Reise[9] ein frohes Vorgefühl einzuflößen. Erst den 2. April Abends gelangten wir in den Atlantischen Ocean.
Ich hatte in diesen wenigen Tagen leider schon hinlänglich Gelegenheit, die Sparsamkeit unseres Kapitäns kennen zu lernen; eine ähnlich schlechte Verpflegung ist mir noch auf keinem Schiffe vorgekommen. Der Steuermann, der, wie es auf den Segelschiffen gebräuchlich ist, die Aufsicht über die Küche führte, und dem ich durchaus nicht nachsagen kann, daß er mit den Vorräthen verschwenderisch umgegangen wäre, wurde gleich zu Anfange seines Amtes entsetzt, und der Kapitän übernahm in eigener Person die Oberleitung. Sein Speisezettel war schnell gemacht: des Morgens leichten, schwarzen Kaffee und ein Stück Salzfleisch, des Abends Salzfleisch und Thee, des Mittags Erbsensuppe und Salzfleisch oder Stockfisch, manchmal Hühner und einen Mehlklumpen mit einigen Rosinen, den er Pudding nannte, -- statt des Brotes echten Matrosenzwieback. Eier, Schinken oder Käse mochten ihm als überflüssige Luxusartikel erscheinen, die er wahrscheinlich mitzunehmen vergessen hatte. Der gute Mann soll, wie er mir sagte, nächstens auf einem Ostindienfahrer kommandiren, welche Schiffe zum Theile für Reisende eingerichtet sind. Wehe den Armen, die an seiner Tafel speisen! -- Sonst war er indeß ein umsichtiger und sehr ordentlicher Mann.
War die Kost schlecht, so war es die Reisegesellschaft noch mehr. Zum Glücke bestand sie nur aus einer Person, einem jungen Engländer, der seine Erziehung der Himmel weiß wo erhalten haben mag. Sein liebster Aufenthalt war unter den Matrosen; mit diesen sang, pfiff, schrie und rauchte er um die Wette, und sein größtes Vergnügen war, dem Abschlachten des Geflügels beizuwohnen. Wahrlich, ich bewunderte nie so sehr meine kräftige Natur als auf dieser Reise -- die Kost verdarb nicht meine Gesundheit, die Gesellschaft nicht meine Laune. Ich gedachte im voraus des freudigen Augenblickes der Landung, und mit der schönen Zukunft mich tröstend, ertrug ich mit Geduld die traurige Gegenwart.
Auf der Reise selbst fiel nichts Merkwürdiges vor. Die schöne Molluske Phisolide (Portugiesisches Kriegsschiff genannt, siehe meine „Frauenfahrt um die Welt“, erster Theil, Seite 18) sah ich diesmal schon auf dem 35. Breitengrade nördlich vom Aequator, fliegende Fische auf dem 22.
+Am 13. Juni+ kamen wir dem Eiländchen +Ferro+ zu den südlichen Kanarischen Inseln gehörend, ganz nahe. Wir segelten in einer Entfernung von kaum zwei Meilen der Westküste entlang, die aber leider aus unfruchtbaren Felshügeln besteht und nur hie und da mit spärlichem Grün überkleidet ist. Doch immerhin war es Land, dessen Anblick wir schon lange entbehrten, und freudig hing mein Auge an der lieblichen Erscheinung.
+23. Juni.+ So viele und so lange Reisen ich bereits auf dem Ocean gemacht habe, so habe ich doch diese ungeheure Wasserfläche nie in einer ähnlichen Ruhe gesehen wie heute; nicht das geringste Lüftchen kräuselte den weiten Spiegel -- es war dieß ein großartig erhabener Anblick.
+28. Juni.+ Diesen Morgen bildeten sich in einer Entfernung von etwa 20 Meilen zwei kleine Wasserhosen. Da sie unter dem Winde[10] waren, hatten wir ihr Nahekommen nicht zu befürchten und konnten ruhig ihre Bewegungen beobachten. Sie tanzten munter umher und fielen nach einer Viertelstunde zusammen. In dieser Nacht bekamen wir auch ein Valentinsfeuer an der Spitze des großen Mastes zu sehen.
+Am 4. Juli+, zwischen 12 und 1 Uhr Mittags, passirten wir den Aequator. Es fand gar keine Feierlichkeit statt, ja, die Matrosen erhielten nicht einmal ein Extra-Glas Branntwein.
+Am 11. August+, Morgens sechs Uhr, nach einer Fahrt von 75 Tagen, fielen endlich die Anker auf der Rhede der Kapstadt. Obwohl ich seit dem 13. Juni (Insel Ferro) kein Land gesehen hatte, so war doch der Eindruck, den der Anblick dieser Stadt auf mich machte, nicht sehr groß. Ich hatte London noch zu frisch im Gedächtnisse, und in Folge dessen erschien mir die Kapstadt wie ein Dorf. Was ihre Lage betrifft, so erinnerte sie mich viel an jene von Valparaiso. Wie letzteres, ist sie von einer baumlosen, mit spärlichem Grün bedeckten Gebirgskette umgeben, in welcher der Tafel-, Löwen- und Teufelsberg die Hauptpunkte bilden. Vom Bord des Schiffes aus entdeckte ich ein einziges Bäumchen und nur wenig grüne Fluren, und dieß war zur Winterszeit, wo Berg und Thal im schönen Kleide prangen. Wie mag es erst im Sommer sein, wenn die glühenden, senkrecht niederfallenden Sonnenstrahlen alles versengen und verbrennen!
Kapitän +Brodie+ verließ nach dem Frühstücke sogleich das Schiff. Er war nicht so freundlich, mich nur mit an’s Land zu nehmen, er versagte mir jede Hilfe bei dem ersten Eintritte in die Stadt, eine Gefälligkeit, die mir bisher noch kein Kapitän abgeschlagen hatte, nicht einmal der ungebildete Chinesische Bootführer, der mich von Hong-Kong nach Kanton brachte. Dieser führte mich bis in die Englische Faktorei (drei Meilen weit) und suchte mit mir das Haus auf, in welches ich gewiesen war. Hier mußte ich allein an’s Land gehen, mußte allein meinen Weg suchen und mich durchfragen, bis ich zum Hamburger Konsul, Herrn +Thalwitzer+, gelangte. Glücklicherweise fand ich an diesem, so wie an seiner Frau so liebenswürdige, zuvorkommende, gefällige Leute, daß ich alsbald alle Mühen vergaß und mich in ihrem Hause, das ich nicht mehr verlassen durfte, so heimisch fühlte, wie im lieben Vaterlande.
Von der Kapstadt ist nicht viel zu sagen. Die Straßen ziehen sich alle nach dem Strande und sind sehr breit und luftig, aber wenig mehr mit Bäumen besetzt. Zur Zeit der Holländischen Herrschaft soll jede Straße mit einer schönen Allee versehen gewesen sein. Die Häuser, sonst ganz im Europäischen Style gebaut, haben nur statt der Dächer Terrassen. Das Fort ist mit vielen Kanonen versehen, die Kaserne ziemlich groß, die Börse auf dem Paradeplatze ein längliches, unansehnliches Gebäude nur mit einem Erdgeschoß. Die Privathäuser sind alle einstöckig, haben gewöhnlich 4 bis 6 Fenster in der Front und enthalten schöne, hohe Zimmer. Der botanische Garten besitzt bei weitem nicht so vielartige Blumen, Pflanzen und Bäume, als man unter solch einem Himmelsstriche erwarten dürfte.
Die Zahl der Einwohner wird auf 32,000 geschätzt, davon ein Drittheil Weiße, ein Drittheil Farbige und ein Drittheil Schwarze. Die Verzweigung und Durchkreuzung der Europäer mit den Eingebornen ist so vielfach, daß man, so zu sagen, alle Farben sieht. Echte, reine Hottentotten oder Kaffern gehören in der Kapstadt zu den seltenen Erscheinungen. Schwarze aus +Mozambique+, die wir Neger nennen, gibt es dagegen viele von reiner Abkunft. Unter den Farbigen gibt es mitunter hübsche Leute mit schönen Augen und geistreichen Zügen. Alle diese Völker sind Europäisch gekleidet; nur haben die ungetauften Malaien farbige Tücher um den Kopf geschlungen, und einige Schwarze und Farbige tragen runde, hohe, spitz zulaufende Bambushüte.
Außer diesem und den langen Gespannen an den Lastwagen sieht man in der Kapstadt durchaus nichts Außereuropäisches. An die Lastwagen, die bei uns von drei oder vier tüchtigen Pferden oder Ochsen gezogen werden, sind hier acht bis zehn Pferde oder zehn bis zwanzig Ochsen paarweise gespannt. An der Spitze eines solchen Ochsenzuges geht ein Mann oder Knabe, der ihn leitet, und auf den Wagen selbst setzt sich der Fuhrmann, mit einer ungeheuer langen Peitsche bewaffnet. Das Pferdegespann wird stets vom Wagen aus gelenkt. Bei einem Gespanne von sechs, acht Pferden sitzen zwei Kutscher auf dem Wagen, der eine ist mit der Lenkung der Thiere beschäftigt, der andere mit der langen Peitsche.
Auf dem Hauptmarkte, der jeden Tag, Sonntag ausgenommen, außerhalb der Stadt am frühen Morgen abgehalten wird, sieht man Lebensmittel jeder Art, frische und getrocknete Früchte, Gemüse, Geflügel, Kälber, Schafe, Butter, getrocknetes und geräuchertes Fleisch u. s. w., außerdem auch Häute, Schaffelle, Straußfedern und andere Gegenstände. Alles wird im Versteigerungswege losgeschlagen.
Das Leben in der Kapstadt ist ziemlich theuer; so kostet z. B. ein Pfund Kalb-, Rind- oder Hammelfleisch fünf bis sechs Pence, ein Pfund Mehl vier Pence, ein Huhn einen Schilling, ein Pfund Butter zwei Schillinge. Die Miethe eines Hauses von sechs bis acht Zimmern macht 80 bis 90 Liv. Sterl. jährlich.
Der einzige wohlfeile Lebensartikel sind die Fische. Dieß hat man noch dem Gouverneur Lord +Somerset+ zu verdanken. Im Jahre 1825 reichten nämlich die Metzger eine Bittschrift ein, in welcher sie um die Besteuerung der Fische ersuchten, durch deren Wohlfeilheit sie sehr zu Schaden kommen. Der Gouverneur schrieb ganz kurz unter die Bittschrift: „Sobald man mir einen Fischer nachweisen kann, der gleich den Schlächtern in Equipagen fährt und Diener in Livree besoldet, wird die Bitte berücksichtiget werden.“
Ich brachte in der Kapstadt vier Wochen zu, habe aber des Merkwürdigen nur wenig gesehen. Anfänglich durchstreifte ich häufig die Umgebung, um Insekten zu suchen; es wurde mir jedoch diese Unterhaltung bald durch einen höchst unangenehmen Zufall verleidet. Eines Morgens nämlich, gerade als ich eine kleine Schlange gefangen hatte, kamen zwei Negerinnen auf mich zu, hielten mich an, überschütteten mich mit Schimpfworten, spieen vor mir aus und nannten mich eine Zauberin, die man umbringen sollte. Dieser Auftritt würde für mich wahrscheinlich nicht gut geendet haben, hätte ich nicht zum Glücke in der Ferne einen Mann erblickt, den ich zu Hilfe rief und dessen Erscheinen die beiden Weiber in die Flucht jagte.
Ich erzählte Herrn Thalwitzer diese Begebenheit, die er sogleich bei Gericht anzeigte. Die Weiber wurden alsbald ausgefunden, und es ergab sich bei der Untersuchung, daß sie die Absicht gehabt hatten, mich in ein nahes Gebüsch zu ziehen und meiner Kleidung zu berauben. Ein zehnjähriges Kind, das zufällig in demselben Busche war und sich aus Angst vor den Weibern unter dem Laube verkroch, hatte Alles gehört und gesehen, daß eine der Megären mit einem Messer bewaffnet war, welches bei der Flucht zu Boden fiel. Das Kind suchte und fand das Messer und brachte es seinen Eltern, die es dem Gerichte übergaben. Bei dem Verhöre diente es als Unterstützung des Beweises, und die beiden Weiber wurden für vier Wochen auf Reiswasser gesetzt -- eine gewöhnliche Strafe, die darin besteht, daß man dem Verurteilten gar keine andere Nahrung gibt. Mir kam diese Züchtigung zu hart vor, und ich bat um einige Linderung, allein vergebens. Man sagte mir, daß die Personen bereits sehr berüchtigt seien und mehr Zeit in, als außer dem Gefängnisse zubrächten.
Ich stellte in Folge dieser Begebenheit meine Spaziergänge zwar nicht ganz ein, beschränkte sie aber auf nähere Orte. Einen schönen Ausflug danke ich dem Herrn Botaniker +Zeiher+. Wir gingen nach +Greenpointe+, nach der +Cambs-Bay+ und rund um den Löwenberg, und hatten hübsche Ueberblicke auf das Meer, die Gebirge und die freundliche Gegend.
Die ganz nahe Umgebung der Kapstadt ist nicht schön. Die Berge sind zum größeren Theil öde oder mit magerem Gestrüppe bedeckt, und den Ebenen fehlt es an saftigem Grase oder Getreidefeldern. Ihr einziger Schmuck ist eine ungewöhnliche Menge der mannigfaltigsten Wiesenblumen. Zwischen den Steinen, durch Gebüsch und mageres Gras drängen sich diese lieblich zarten Kinder der Natur. Stundenlang verweilte ich unter ihnen, und immer fand ich neue Schönheiten, neue, noch nie gesehene Arten.
Ein beliebter Spaziergang der Städter ist ein Erlenwäldchen, welches sich rund um den Fuß des Löwenberges zieht, und von einem hübschen Fahrwege durchschnitten ist.
Des Gouverneurs Garten, so wie der botanische, steht ebenfalls dem Publikum geöffnet.
Wirklich schön und fruchtbar, einem blühenden Garten ähnlich, ist die Gegend um Rondebosch, Weinberg und Konstanzia. Der erste Ort liegt vier, die anderen neun und dreizehn Meilen von der Kapstadt entfernt. In Rondebosch wohnen viele Kaufleute und Beamte, die in Omnibussen täglich zur Stadt fahren. Konstanzia ist durch seinen edlen Traubensaft in der ganzen Welt bekannt. Ich bedauerte sehr, die Stöcke nicht in ihrem Traubenschmucke gesehen zu haben. Der Wein ist dunkelroth, ölig, süß und an Ort und Stelle schon sehr theuer.
Den Tafelberg, 3000 Fuß hoch, bestieg ich eines Morgens ganz bequem in drei Stunden. Ein großartiger Ueberblick über Land und Meer belohnte mich für die gehabte Mühe. Den Rücken dieses Berges bildet ein ausgedehntes Plateau, eine „Tafel,“ von welcher er mit Recht den Namen trägt. Es halten sich hier viele Affen auf, und ich hörte sie schreien und lärmen, war aber nicht so glücklich einen zu Gesicht zu bekommen; auch andere vierfüßige Thiere sah ich nicht. -- An einem Freitage, dem Sonntage der Malaien, besuchte ich deren Moschee, einen schönen hohen Saal in dem Hause des Oberpriesters. Obwohl Mohamedaner, sind die Malaien nicht so strenge wie ihre Glaubensbrüder im Orient, denn sie erlauben den Fremden, ihrem Gottesdienste beizuwohnen. Ich fand die Weiber, die in dem Zimmer der Priestersfrau ihre Oberkleider abgelegt hatten, in große weiße Tücher gehüllt und mit einem Schleier auf dem Kopfe, der jedoch das Gesicht unbedeckt ließ, ganz im Hintergrunde des Saales auf dem Boden sitzend. Auch die Männer zogen in dem Vorgemache des Tempels die farbigen Beinkleider aus, unter welchen sie weiße anhatten, hüllten sich ebenfalls in lange, weiße Ueberkleider und schlugen ein weißes Kopftuch über das farbige, welches sie gewöhnlich tragen. Sie warfen sich Anfangs wiederholte Male zur Erde nieder; hierauf setzten sie sich in Reihen, in deren vorderster der Oberpriester seinen Platz einnahm und zwei Gebete abhielt. Nach dem ersten küßten die Männer dem Priester die Hand, nach dem zweiten drückten sie ihm dieselbe. Ein Vorsänger begann alsdann im Hintergrund des Tempels aus voller Kehle ein Lied abzuheulen, in welches die Männer im Chore einstimmten. Nun drängte er sich durch die versammelte Menge bis an den Fuß einer kleinen Kanzel und heulte ein zweites Lied allein ab. Der Priester bestieg hierauf die Kanzel und las, gemeinschaftlich mit dem Vorsänger, halb singend und halb sprechend, während zwei voller Stunden Gebete aus dem Koran, womit sich die Zeremonie endigte.
Meine ursprüngliche Absicht war gewesen, in der Kapstadt selbst nur kurze Zeit zu verweilen, wohl aber einen Ausflug in das Innere zu machen, und, wenn möglich, bis an die Binnenseen vorzudringen. Man versicherte mich allgemein, daß ich als Frau von den Eingebornen nicht viel zu befürchten hätte, und daß selbst die Holländischen Weinbauern und Landbesitzer, -- sonst gerade nicht durch ihre Gefälligkeit berühmt, -- mich als Deutsche ruhig meines Weges würden ziehen lassen. Ihre Unfreundlichkeit erstreckt sich blos auf die Engländer, welchen sie das Eindringen in ihr Land so viel als möglich zu erschweren suchen. Auch der Krieg zwischen den Engländern und den Kaffern hätte mir keine Hindernisse in den Weg gelegt, da ich nicht nöthig hatte, den Kriegsschauplatz zu berühren; allein als ich mich nach den Kosten dieser Reise erkundigte, fand ich sie meiner Kasse weit überlegen, und der schöne Plan mußte aufgegeben werden. -- Ich glaube, daß man in keinem Lande der Welt so kostspielig und zu gleicher Zeit so langsam reist als hier am Kap.
Man muß sich einen langen, mit Linnen oder Matten gedeckten Wagen kaufen, nebst fünf bis sechs Paar Ochsen. Der Wagen wird gleich einem Hause eingerichtet, denn er dient als Wohnung und Nachtquartier. Zugleich miethet man einen Fuhrmann, Ochsenjungen und Diener, und ist genöthiget, Lebensmittel, ja nicht selten auch Wasser mitzuführen. Mit den Ochsen hat man viele Unannehmlichkeiten. Man kommt durch Gegenden, in welchen es Schwärme kleiner Fliegen gibt, deren Stich den Ochsen lebensgefährlich ist; in anderen fehlt es an Wasser, und die Thiere fallen vor Durst, oder werden krank und untauglich vom Genusse des verdorbenen Wassers, so daß man beständig entweder neue Ochsen kaufen oder die kranken umtauschen muß. Dies wird stets kostspieliger, je weiter man sich von der Stadt entfernt, da die Ochsen im Innern des Landes seltener sind. Am Ende werden die Wege unfahrbar, und man muß Wagen und Ochsen zurücklassen und Pferde kaufen.
Da ich in Folge der aufgezählten Schwierigkeiten gezwungen war, diese Reise zu unterlassen, warf ich meine Blicke auf Australien. Doch dahin fehlt es von der Kapstadt aus an Gelegenheit. -- Eine Bremer Brigg, „Louise Friederike,“ Kapitän +Nienhaber+, lag im Hafen zur Reise nach +Singapore+. Ich überlegte nicht lange. Einmal in Singapore findet man Schiffe nach allen Himmelsgegenden. Durch die Verwendung Herrn +Haase’s+, eines englischen Beamten, kostete mich die Ueberfahrt beinahe nichts; der Kapitän rechnete mir nur die Kost, und zwar so geringe, daß ich für die ganze Reise von 8000 Seemeilen blos drei Livres Sterl. zu bezahlen hatte.
Am +25. September+ gingen wir unter Segel. Günstige Winde brachten uns in 40 Tagen an die Einfahrt der +Sunda-Straße+; diese rasche Fahrt erleichterte einigermaßen die Einförmigkeit der See, denn wir begegneten weder Schiffen, noch bekamen wir Land zu Gesicht. In der Sunda-Straße war es schon anders. Schiffe und Dampfer segelten an uns vorüber, und Gebirge und Land stiegen aus dem Meere. Der Java-head, der zuerst unsere Blicke fesselte, ist ein reich bewaldeter Berg von 4000 Fuß Höhe, an den sich niedrigere Gebirgszüge und lachende Hügelketten anschließen. Von nun an verloren wir das Land selten mehr aus dem Auge. Bald erschienen größere oder kleinere Inseln, bald Felskolosse, die aus der Tiefe des Meeres auftauchten, bald Baumgruppen, deren Aeste so tief herniederhingen, daß sie im Wasser selbst zu wurzeln schienen.
Wir durchschifften die +Java-See+ längs der Küste von +Sumatra+, und gelangten in die +Banka+-Straße, die von den Inseln Sumatra und Banka an manchen Stellen so eingeengt wird, daß sie einem Strome gleicht. Auf den beiderseitigen Ufern zeigten uns die mit hohem Grase und dichten Waldungen bedeckten Ebenen und Gebirge die Ueppigkeit der tropischen Vegetation.
Die Entfernung von dem Eingange der Sundastraße bis Singapore beträgt acht Grad, mit deren Durchschiffung wir vierzehn Tage zu thun hatten. Windstillen und Gegenwinde brachen die Kraft der Segel, die Richtung des Steuerruders; wir gingen wohl ein halb Dutzend Mal über den Aequator hin und her, und manche Nacht lagen wir sogar vor Anker. Die Hitze war unerträglich. Sie stieg im Schatten häufig auf 27 Grad Réaumur. Dessen ungeachtet verging uns die Zeit ziemlich schnell, denn der Kapitän war ein gebildeter Mann, der nebenbei recht hübsch die Flöte blies. Auf der einförmigen See ist dies kein Fehler. Außerdem machten uns die Eingebornen mitunter Besuche, vertauschten Geflügel und Früchte gegen bunte Tücher, Spiegel oder Gold und sorgten auf solche Weise für unsere Tafel; dazu kam die Abwechslung der vorüberziehenden Landschaften; -- wir durften also es uns nicht als Verdienst anrechnen, die vierzehn Tage mit Geduld ertragen zu haben. Doch gab es auch einige unangenehme Zufälle. Eines Morgens fiel ein Matrose beim Umstellen der Segel über Bord und denselben Tag der Obersteuermann beim Lootsen[11]. Glücklicher Weise hatten wir wenig Wind. Beide wurden gerettet. Eine Nacht ging gleichfalls nicht ohne Abenteuer vorüber. Wir lagen vor Anker, und da sich in diesen Meeren von Zeit zu Zeit Piraten blicken lassen, empfahl der Kapitän den Matrosen strenge Aufmerksamkeit. Kaum waren wir zur Ruhe, so erscholl der Ruf: „zwei Boote in Sicht vom Lande her.“ Alles sprang vom Lager auf; Gewehre, Kugelbüchsen, Pistolen, Säbel wurden auf das Deck gebracht, unter die Mannschaft vertheilt, die beiden sechspfündigen Kanonen geladen, und so gerüstet erwartete man den Feind. Die gefürchteten Boote nahten sich jedoch nicht unserem Schiffe, und wir begaben uns wieder zur Ruhe. Später erfuhren wir, daß die Piraten die Europäischen Schiffe nicht angreifen.
Am +16. November+ erreichten wir Singapore nach einer Fahrt von 54 Tagen.
Die Familie +Behn+ nahm mich so liebevoll auf, wie vor vier Jahren, als ich das erstemal nach diesem Platze kam.
In +Singapore+ selbst fand ich nichts verändert. Doch ungefähr zwanzig Meilen von dieser Insel war während der Zeit ein herrlicher Leuchtthurm entstanden auf einem Felsen mitten im Meere, wo die Brandung so stark ist, daß der Wächter stets auf sechs Monate mit Wasser und Lebensmitteln versehen wird. Den Thurm erbaute man in 18 Monaten aus Granitsteinen, die von der Insel +Urbin+, unweit Singapore, kommen.
Ebenfalls neu für mich war ein kleines Häuschen, das erst ganz kürzlich von einigen Familien gebaut worden war, damit sie von Zeit zu Zeit dort ein wenig frische Luft schöpfen könnten. Da das Häuschen bei meiner Ankunft gerade leer stand und Herr +Behn+ wußte, daß er mir keine größere Freude machen könne, als mich auf einige Tage mitten in einen Jungle zu versetzen, wo ich nach Herzenslust der Natur und dem Insektenfange leben konnte, so wies er mir dieses Häuschen als Wohnort an. Er stellte auch ein Boot und fünf Männer zu meiner Verfügung, damit ich die nahe gelegenen kleinen Eilande besuchen könne. Die fünf Männer (Malaien) kamen jeden Morgen. Wollte ich nicht fahren, so durchstreiften sie mit mir den Jungle, halfen Insekten fangen, deren es hier im Ueberflusse gab, und dienten mir zugleich als Schutzwehr gegen die zahllosen Tiger, die stets von Malakka über den schmalen Meeresarm geschwommen kommen. Diese Thiere haben in den letzten Jahren sehr zugenommen; sie scheuen sich nicht, am hellen Tage in die Pflanzungen einzubrechen und Arbeiter heraus zu holen. Im Jahre 1851 wurden 400 Personen von ihnen auf der kleinen Insel Singapore aufgezehrt.
Trotz der schaudervollen Begebenheiten, die man mir erzählt hatte, fand ich einen eigenen Reiz, von Morgen bis Abend in diesen schönen Waldungen umherzustreifen. Meine fünf braunen Begleiter waren mit Gewehren, Lanzen und langen Messern bewaffnet, stießen von Zeit zu Zeit ein lautes Geschrei aus und schlugen an Aeste und Bäume, um die bösen Gäste zu schrecken und zu verscheuchen. Dies alles erweckte nicht die geringste Furcht in mir. Ich war zu sehr beschäftigt mit den reizenden Gegenständen, die sich auf jedem Schritte meinem Blicke darboten. Hier sprangen lustige Affen von Ast zu Ast, dort flogen buntgefiederte Vögel auf, hier waren es wieder Blumen, die aus den Stämmen der Bäume zu wurzeln schienen, sich um die Aeste rankten und ihre Blüthen durch die Zweige und Blätter drängten, dort setzten mich die Bäume selbst durch ihren Umfang, durch ihre Höhe und Fremdartigkeit in Erstaunen. Nie werde ich der glücklichen, schönen Tage vergessen, die ich in diesem Jungle verlebte, und von weiter Ferne sende ich dem Veranlasser jenes schönen Aufenthaltes, Herrn Behn, meinen innigen Dank.
Spuren der Tiger sahen wir täglich; überall fanden wir Abdrücke ihrer Krallen im Sande oder in der weichen Erde. Eines Mittags kam ein solcher Gast ganz nahe an das Häuschen und holte sich einen Hund, den er in gemütlicher Ruhe, kaum einige hundert Schritte entfernt, verzehrte. In einer Nacht wurde ich durch einen Lärm in der Gallerie neben meinem Schlafgemache aufgeschreckt. Ich dachte wohl, daß es keine vierfüßigen Besucher seien; aber ich fürchtete eben so sehr zweifüßige, um so mehr, als unweit des Häuschens 20 bis 30 Verbrecher wohnten, die das Gouvernement hierher versetzt hatte, um Holz zu fällen. Man wußte, daß meine Wache in einer entfernten Hütte schlief, daß ich allein in dem Häuschen wohne und daß die Thüren gar nicht geschlossen werden konnten. Ich hatte zwar stets ein großes Messer bei mir; das würde mir aber wahrscheinlich nicht viel geholfen haben. Dessenungeachtet rief ich beherzt. „Wer da?“ -- Ich erhielt zur Antwort, daß ein Tiger bemerkt worden sei, der um die Hütte kreise und daß man Jagd auf ihn mache. Das war leicht möglich; doch hörte ich keinen Schuß fallen und die Stille der Nacht ward nicht weiter getrübt. Am andern Morgen spielte ein Aeffchen beinahe vor der Thüre; einer meiner Beschützer legte sein Gewehr an -- der Schuß versagte aber, und zwar wiederholte Male. Welch ein Glück, daß wir der Waffen nicht in Wirklichkeit benöthigten!
Die kleine Insel +Urbin+, unweit +Changie+, verdient einen Besuch. Sie hat außer dem bereits erwähnten Granit eine Merkwürdigkeit aufzuweisen, die noch kein Naturforscher erklären konnte. Die Felspartien am Meergestade sind nämlich nicht glatt und rund, wie an allen Orten, wo sie vom Wasser überspült werden, sondern im Gegentheile scharfkantig und wie in Fächer getheilt. Die Kanten mögen 1 bis 1½ Fuß eingeschnitten sein und stehen 1 bis 2 Fuß von einander entfernt.
Ich änderte in Singapore abermals meinen Reiseplan: anstatt nach +Adelaide+ (Australien) ging ich nach der Westküste Borneo’s, nach +Sarawak+, dem unabhängigen Besitzthume eines Engländers, Namens +Brooke+.
Kapitän +Layall+ vom Trident, 320 Tonnen, war so gefällig, mich für einen mäßigen Preis dahin mitzunehmen.
Man rechnet von Singapore nach der Stadt +Sarawak+ 450 Seemeilen. Wir benöthigten zwölf Tage bis an das Kap +Datu+ an der Mündung des Flusses +Sarawak+, der hier über eine Meile breit ist. Einen halben Tag mußten wir auf der Rhede liegen bleiben, um mit der Fluth in den Strom zu kommen, auf welchem man noch 25 Meilen aufwärts zu segeln hat.
Bevor ich Sarawak beschreibe, will ich meine Leser in wenigen Worten mit der Geschichte Herrn +Brooke’s+ bekannt machen, welchen der Sultan von +Borneo+ zum Rajah (Fürsten) ernannt und mit dem Gebiete von Sarawak belehnt hat. -- Ich schöpfe diese kurzen Mittheilungen aus „~+Keppel’s+ Expedition to Borneo.~“
+James Brooke+ stammt aus der Familie des Sir +Robert Vyner+, Baronet, welcher unter +Karl+ dem ~II.~ Lord-Mayor von London war. +James Brooke+, im Jahre 1803 geboren, ging als Kadet nach Indien, zeichnete sich sehr aus und erhielt in einem Gefechte mit den Burmesen einen Schuß durch den Leib, in Folge dessen er nach England zurückkehrte, um sich herzustellen. Er nahm späterhin wieder Dienst; seine geschwächte Gesundheit erlaubte ihm aber nicht, demselben lange vorzustehen, und er ging im Jahre 1830 von Calcutta nach China, um Luft zu verändern und sich zu zerstreuen. Auf dieser Reise war es, daß er den +Indischen Archipel+ kennen lernte, der ihm ausnehmend gefiel. Er las die vorzüglichsten Werke, die über diesen Theil der Welt existiren, und gelangte alsbald zur Ueberzeugung, daß die östlichen Inseln und besonders Borneo ein reiches Feld für Forschungen und Unternehmungen darböten. Seine Hauptzwecke waren: den Sklavenhandel aufzuheben, den Seeräubereien zu steuern und die Eingebornen zu Menschen zu bilden. Er kehrte nach England zurück, hatte aber mit vielen Hindernissen und Unannehmlichkeiten zu kämpfen, bevor es ihm möglich wurde, seinen Plan in Ausführung zu bringen. Im Jahre 1838 verließ er endlich England auf einem kleinen, aber wohl ausgerüsteten Kriegsschooner und mit Leuten, die er während der letzten Jahre für sein Unternehmen vorbereitet hatte. „Und wenn je ein Mann“ sagt Keppel, „für solch ein Unternehmen geeignet war, so war es James Brooke. Ein ausgezeichneter Verstand, schnelle Fassungsgabe, Großmuth, Entschiedenheit, mit einem Worte alle guten Eigenschaften des Kopfes und des Herzens zierten ihn, und er verband damit ein überaus freies und liebenswürdiges Benehmen.“
Als J. Brooke in Sarawak ankam, fand er den Rajah, +Muda Hassim+, in großen Zwistigkeiten mit seinem Volke. J. Brooke stand ihm bei und brachte nach zwei Jahren vollkommene Ruhe und Ordnung im ganzen Lande zu Stande. Er richtete hierauf seine Aufmerksamkeit auf die Piraten und reinigte die Küste gänzlich von ihnen. Muda Hassim trat ihm aus Dankbarkeit den Distrikt Sarawak ab und ernannte ihn zum Rajah. Er nahm das Land im Jahre 1841 in Besitz und wurde sowohl von dem Sultane von +Bronni+ (Borneo), als auch von den Engländern als Fürst und Eigenthümer anerkannt.
Die Folgen seiner kräftigen und gerechten Regierung zeigten sich in seinem Lande bald. Die Bevölkerung der Stadt stieg in zehn Jahren (1841 bis 1851) von 1500 Seelen auf 10,000, und so wie in der Stadt, nahm auch die Bevölkerung auf dem Lande durch zahlreiche Einwanderer aus den umliegenden Staaten zu. Selbst die freien und wilden Dayaker im Innern des Landes kennen seinen Namen und ehren und achten in ihm den Befreier ihrer Landsleute, die unter dem Joche der Malaien gleich Sklaven lebten und die er letzteren in allem gleich gestellt hat. Jeder findet Sicherheit, Frieden und Verdienst. Der Kaufmann kann ruhig seinem Handel leben, der Bauer erhält unentgeltlich so viel Land als er besorgen kann und überdies noch einen Vorschuß von Reis zur Saat und zum Leben bis zur Ernte; der Arbeiter findet Beschäftigung in den Gold-, Diamanten- und Antimonium-Minen. Die Steuern sind äußerst geringe: der Kaufmann zahlt eine Kleinigkeit für seinen Laden, der Bauer einen Pikul (125 Pfund leichtes Gewicht) Reis per Jahr, und der Arbeiter gar nichts.
Die Haupteinkünfte des Rajah sind die Antimonium-Minen und der Opium-Pacht, welch letzterer nicht nur hier, sondern in ganz Indien ungemein hoch ist und das bedeutendste Einkommen der Regierungen ausmacht. Ich werde im Verlaufe meiner Beschreibung ausführlich von diesem Monopole sprechen.
Auf Sarawak wie überall wird das Opium von den Chinesen viel, von den Malaien wenig geraucht.
Ich bedauerte sehr, Herrn J. Brooke nicht kennen gelernt zu haben, da er sich gerade in London befand. Seine Stelle vertrat sein Neffe, Kapitän +John Brooke-Brooke+, den er an Sohnesstatt angenommen hat und der somit der künftige Erbe seines Titels und Landes ist.
Kaum hatte Kapitän Brooke erfahren, daß ich am Bord des +Trident+ sei, als er sein eigenes, bequemes Prauh[12] unter Befehl des Schiffskapitäns +Grimble+ sandte, um mir die für Segelschiffe oft langweilige Fahrt stromaufwärts zu verkürzen. Der Trident hatte auch wirklich drei Tage dazu nöthig, während ich selbst sie in vier Stunden machte.
Die Flußufer sind äußerst niedrig, so daß das Wasser sie an vielen Orten überschwemmt und fortgesetzte Reihen von Morästen bildet. Die ersten 10 bis 12 Meilen vom Flusse an gegen das Innere sind auf beiden Seiten mit Nipa- und Mangrova-Palmen bedeckt, dann fängt junger Jungle an. Die Nipa-Palme ist den Eingebornen von unendlichem Werthe. Sie hat keinen Stamm, die Blätter, 12 bis 15 Fuß lang, schießen gleich aus den Wurzeln empor. Alle Theile dieser Palme sind nützlich: von den Rippen der Blätter werden die Wände der Hütten gemacht; die Blätter selbst dienen als Bedachung, oder werden zu Asche gebrannt, aus der man Salz gewinnt. Matten und Körbe werden aus den Blättern geflochten und der ihnen entzogene Saft wird zu Syrup gekocht.
In der Nähe der Stadt erhöhen sich die Ufer, und die Gegend wird teilweise hügelig. Weiter im Innern zeigen sich Gebirgszüge, deren höchste Berge Matang, Santabong 3000 Fuß messen. Als eine Eigenthümlichkeit des Landes erschienen mir mehrere steilaufsteigende, einige tausend Fuß hohe Berge mit spitzen Kuppeln, die ohne Verbindung mit andern Bergen oder Hügeln frei in der Mitte von Ebenen standen.
Was die Bevölkerung anbelangt, so ist sie an der Meeresküste und an den Ufern des Flusses sehr spärlich. Ich sah an der Mündung nur ein einziges Haus, welches ungefähr hundert Fuß lang ist, auf 20 Fuß hohen Pfählen ruht und von Dayakern bewohnt wird; dann hört jede Ansiedlung auf bis ungefähr acht Meilen vor der Stadt. In früheren Zeiten war das Land bis auf 20 oder 30 Meilen von der Küste unbewohnt. Die Furcht vor den Piraten war so groß, daß Niemand es wagte, seine Hütte in ihrem Bereiche zu bauen. Seit der Ankunft Rajah Brooke’s hat, wie gesagt, an der West- und Nordwest-Küste Borneo’s die Piraterie gänzlich aufgehört.
An dem Landungsplatze empfing mich Kapitän Brooke persönlich und geleitete mich in das Haus seines Onkels. Als ich ihm meinen Empfehlungsbrief überreichte, war er so artig, mich zu versichern, daß mein Name schon hierher gedrungen sei und ich keines Empfehlungsbriefes bedürfe.
Die Stadt Sarawak hat weder Straßen noch Plätze; sie besteht aus einer Menge größerer und kleinerer Hütten, die ohne Symmetrie und Ordnung in Haufen zusammengedrängt liegen. Die Hütten sind aus der Nipa-Palme gebaut und stehen auf 8 bis 10 Fuß hohen Pfählen, welche Bauart den Malaien eigen ist und von den Chinesen selten nachgeahmt wird. Die Aufgänge sind Leitern, deren Sproßen aber so weit von einander stehen, daß ihr Ersteigen für einen ungeübten Kletterer gefährlich wird. Noch gefährlicher sind die Vorplätze, deren Boden einem grob geflochtenen Netze gleicht, das aus dünnen, runden und glatten Bambus-Stämmchen besteht, von welchen man leicht abgleitet und dann mit dem Fuße in den Zwischenräumen hängen bleibt. Im Innern der Hütten ist dieses Bambus-Gitter wenigstens enger und mit Matten überlegt. -- Von Haus-Einrichtung ist wenig zu sehen: einige Körbe, hölzerne Kisten, Strohmatten, Polster, irdenes Kochgeschirr, ein Gong, ein Parang[13] und einige Klambu’s. Letztere bilden eine Art Schlafgemach für die verheirateten Leute und die erwachsenen Mädchen. Sie bestehen aus einer Himmeldecke mit Vorhängen von Kammertuch, die bis zur Erde reichen. Die Klambu’s sind ungefähr fünf Fuß hoch und breit und sechs Fuß lang, können leicht an jeder Stelle aufgemacht werden und schützen auch gegen die Moskitos.
Der Raum unter dem Hause ist von Hühnern, Hunden und anderen Thieren, bei den Chinesen auch von Schweinen bevölkert. Er gleicht einer wahren Mistpfütze, denn aller Unrath wird durch den gegitterten Boden hinabgeworfen.
Die Einwohner Sarawak’s sind Malaien und Chinesen; die wenigen Dayaker, die man sieht, bilden keine Familien; sie stehen entweder in Diensten oder kommen in Geschäften. Die Chinesen bewohnen einen Theil der Stadt, die Malaien einen andern; jeder dieser Theile wird Kampon genannt.
Die Chinesen weichen in nichts von ihren vaterländischen Sitten, Gebräuchen und Trachten ab. Die einzige Aenderung zu der sie gezwungen sind, ist, daß sie ihre Frauen bei den Malaien oder Dayakern suchen müssen. Die Chinesische Regierung erlaubt nämlich dem weiblichen Geschlechte nicht, auszuwandern; eine Frau oder ein Mädchen, die China verlassen, sind ihres Vermögens verlustig und dürfen nie wiederkehren. Die Chinesen auf Borneo wählen ihre Frauen gewöhnlich aus dem Dayakischen Volke; die Dayakerinnen sind viel arbeitsamer als die Malaiinnen und haben den großen Vortheil, eigentlich keine Religion zu besitzen und daher leicht die ihrer Männer anzunehmen, oder wenigstens kein Aergerniß daran zu finden.
Man kann die Chinesen als das Glück und das Unglück des Landes betrachten, in dem sie sich niederlassen. Einerseits sind sie arbeitsam und ausdauernd in allem was sie unternehmen, andererseits aber im höchsten Grade gewinnsüchtig, falsch und listig. In ihren Händen liegt der ganze Handel, der größte Theil der Gewerbe, die Bearbeitung der Minen; sie entziehen den trägen Malaien, den ehrlichen Dayakern jeden Gewinn und übervortheilen und betrügen sie auf alle Art.
Die Malaien sind Mohamedaner, weichen aber in manchen Gebräuchen von den Mohamedanern im Oriente ab. So genießen z. B. ihre Weiber sehr viel Freiheit; sie gehen ungehindert aus und haben das Gesicht nicht verschleiert; sie sind im Gegentheile nur zu leicht gekleidet, denn die meisten tragen blos den Sarong, ein Stück Zeug, welches über oder unter der Brust befestiget wird und bis über die Schenkel reicht. Andere vervollständigen ihren Anzug mit einem kurzen Jäckchen (Kabay) oder einem längeren Oberkleide (Padju). Die Weiber der Vornehmen gehen zwar wenig aus; doch ist dieß ihrer Trägheit und nicht einem Verbote zuzuschreiben, denn im Hause empfangen sie jede Art Besuche.
Die Tracht der Männer weicht von jener der Weiber wenig ab; sie tragen, wie diese, den Sarong, den Kabay, ja manche auch den Padju. Viele haben unter dem Sarong kurze Beinkleider an. Auf den ersten Blick würde man oft die Geschlechter nicht unterscheiden, hätten die Männer nicht Tücher um den Kopf geschlagen, während die Weiber in ihrem bloßen Haarschmucke gehen.
Die Ehen werden hier ohne große Zeremonien geschlossen und sehr leicht gelöst. Jedes der Eheleute hat das Recht sich zu trennen. Man findet unter jungen Männern oder Frauen viele, die mehr als ein halb Dutzendmal ihre Ehe-Hälften verändert haben.
Die Malaische Race zeichnet sich nicht durch Schönheit aus. Besser ist noch der Körper bedacht als das Gesicht. Letzteres ist durch den breiten, stark hervortretenden Oberkiefer, durch den großen Mund, die schwarzen, abgefeilten Zähne und die schlappe, ausgedehnte Unterlippe im höchsten Grade entstellt. Die Zähne werden mit Antimonium, Gambir und noch andern Ingredienzien glänzend schwarz gefärbt, welche sonderbare Mode bei den Malaien als Schönheit gilt. Viele feilen sie auch halb ab oder spitzen sie pyramidenförmig zu. Die Ausdehnung der Unterlippe rührt von dem Siri her, welches sie kauen und häufig zwischen den untern Zähnen und der Lippe halten. Ihr Körper ist durchschnittlich von mittlerer Größe, die Männer sind etwas schlanker als die Weiber. Ihre Hautfarbe ist licht röthlichbraun bis dunkelbraun; Haare und Augen schwarz, Nase flach mit breiten Nasenflügeln, Hände und Füße klein, aber zu mager und knochig.
Sie beginnen schon mit acht oder zehn Jahren Siri zu kauen. Das Siri besteht aus einem Betelblatte, in welches ein Stückchen Arecanuß, aus Seemuscheln gebrannter Kalk und etwas Gambir gewickelt wird. Bevor sie dieses Päckchen in den Mund schieben, reiben sie auf ekelhafte Weise die Zähne und Lippen mit Tabak ein und nehmen ihn gleichfalls in den Mund. Durch das Sirikauen wird der Speichel wie der ganze Mund blutroth gefärbt. Diese schöne Gewohnheit ist so beliebt, daß alte Leute, welchen die Zähne zum kauen fehlen, stets ein kleines Rohr mit sich führen, in welchem sie das Siri zerstoßen.
Die Umgebung von Sarawak ist lieblich und wird durch die wenigen Europäischen Häuser verschönert, die nebst einer artigen Kirche, einem Missionshause, einem kleinen Fort und einer Gerichtshalle, auf den umliegenden Hügeln stehen. Alle diese Gebäude sind von Holz, Rajah Brooke’s Residenz nicht ausgenommen. Bei dem Missionshause befindet sich eine Schule für die Eingebornen; 24 Kinder, meist Waisen, waren gänzlich in Kost und Verpflegung aufgenommen. Das unbedeutende Fort besitzt ein Paar Kanonen und gar keine Besatzung. Rajah Brooke ist nicht nur von seinen Unterthanen, sondern auch von den benachbarten Völkern so geachtet und geliebt, daß er der Waffen nicht bedarf.
Ich besuchte die Häuser einiger der vornehmsten Malaien, meist ehemaliger Piratenhäuptlinge, die sich seitdem in friedliche Bürger, ja zum Theil in brauchbare Beamte des Rajah’s umgewandelt haben.
Die Wohnung eines reichen Malaien besteht, wie die des armen, aus einem einzigen, nur größeren Gemache, oft von 50 Fuß Länge und Breite, welches außer den Klambu’s auch noch einige kleine Abtheilungen enthält, die durch niedere Blätterwände gebildet werden. Man sieht hier mitunter Teppiche und hübsche Matten; den Hauptreichthum aber machen die Gongs, die Waffen und die Balangas aus. Letztere sind irdene, vasenartige Gefäße von zwei bis vier Fuß Höhe, mit Arabesken verziert und anscheinend ohne allen Werth. Ich hätte sie gar nicht beachtet oder für große Wassergefäße gehalten. Aber man machte mich auf sie aufmerksam, und ich erstaunte sehr, als man mir sagte, daß diese Gefäße von hundert bis einige tausend Rupien[14] werth seien (wahrscheinlich eine etwas übertriebene Angabe). Der Besitzer einer solchen Vase soll, im Falle er Geld nöthig hat, mit Leichtigkeit von Jedermann einen Theil oder den ganzen Werth darauf vorgestreckt bekommen. Man kennt weder ihren Ursprung noch ihr Vaterland noch ihren Nutzen oder Gebrauch. Man vermuthet, daß sie von China kommen. Die Chinesen ahmen in neuerer Zeit diese Vasen täuschend nach; doch wissen die Kenner auf den ersten Blick die echten von den falschen zu unterscheiden.
Da ich auch gerne mit den Dayakern Bekanntschaft gemacht hätte, war Kapitän Brooke so gefällig, mir einen Ausflug nach einer ihrer Behausungen vorzuschlagen; nur, meinte er, müsse ich das Bergklettern gut gewohnt sein. Die Dayaker lieben nämlich die Ebene nicht, sondern bauen ihre Hütten auf die Spitzen der Berge, je höher und unzugänglicher desto lieber. In früheren Zeiten thaten sie das der Sicherheit wegen, jetzt unter der ruhigen Regierung Rajah Brooke’s thun sie es aus alter Gewohnheit.
Unser Ausflug galt dem Berge +Serambo+, von 1500 Fuß Höhe, auf welchem ungefähr 80 Familien unter einem Häuptlinge leben.
Am +20. Dezember+ um elf Uhr Nachts, traten wir unsere kleine Reise auf dem Flusse Sarawak an. Die Nacht war finster und regnerisch; doch uns hatte weder Regen noch Finsterniß etwas an. Das Prauh war gut gedeckt, hell erleuchtet und durch Vorhänge in Gemächer getheilt, in deren einem ich ein weiches Lager unter einem Muskito-Netze fand. Die Fluth half unserer Fahrt, und als ich des Morgens erwachte, landeten wir gerade in +Siniawan+, einem chinesischen Kampon, aus zwei Reihen Hütten bestehend, die eine kleine Straße bilden. Ich sah hier, daß der Chinese den Schmutz nicht minder liebt als der Malaie; der Unterschied zwischen beiden ist, daß der Malaie, der sein Haus auf Pfähle setzt, über dem Schmutze lebt, während der Chinese ihn vor seiner Thüre hat.
Kapitän Brooke hatte Küche, Diener und Lebensmittel vorausgesandt, und bald saßen wir um ein leckeres Mahl. Außer Herrn Brooke und mir waren noch zwei Europäer von der Gesellschaft.
Nach dem Frühstücke ging es an die Fußparthie. Ein munterer Trupp Dayaker, welchen unsere Ankunft schon Tages zuvor bekannt gemacht worden war, umringte uns; jeder wollte etwas zu tragen haben, um ein wenig Tabak zu verdienen. Wir hatten über zwanzig im Gefolge, von welchen manche bloß eine kleine Kochpfanne trugen; nichts desto weniger ließ Kapitän Brooke reiche Spenden von Tabak und Kupfermünzen unter sie vertheilen.
Der Weg führte bis an den Fuß des Berges durch ausgebreitete, gut kultivirte Reispflanzungen. Der Berg selbst stieg steil und schroff aus der Ebene empor.
Ich hatte schon viel von den schlechten Wegen auf Borneo gehört, dennoch war meine Verwunderung groß, als ich den wahrhaft lebensgefährlichen Pfad sah der auf die Spitze des Berges führte. Ueber Pfützen, Sumpfstellen, Bäche oder Abgründe lagen zwei Bambusstämmchen oder ein dünnes, rundes Bäumchen, -- an schroffen Felskegeln, die man erklimmen mußte lehnten ebenfalls nur einzelne, schmale Baumstämmchen, hie und da ein wenig eingekerbt, um dem Fuße einen Halt zu geben. An den gefährlichsten Stellen war wohl eine Art Geländer angebracht, aber von so zarter Beschaffenheit, daß man unvermeidlich gefallen wäre, hätte man sich im Ernste darauf gestützt. Ich mußte meine Augen beständig auf den Pfad gerichtet haben, und konnte den mich umgebenden Naturschönheiten nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Nur auf den Haltpunkten, die von Zeit zu Zeit gemacht wurden, fand ich Muße, die üppigen Wälder, durch welche unser Weg führte, die schönen Schlingpflanzen und Orchideen zu betrachten. Die Palmen sind auf Borneo umfangsreicher als irgendwo, besonders die Sago-Palmen. Blumen und Vögel fand ich aber in geringerer Anzahl als auf Singapore. Es war wohl, wie man mir sagte, nicht die Blüthenzeit; doch hielt ich mich sechs Monate auf Borneo auf und sah diese Blüthenzeit nicht kommen.
Auf einer Höhe von 1200 Fuß fanden wir den ersten Wohnplatz der Dayaker, eine große Hütte von 50 Fuß Länge und Breite, deren ganze Einrichtung aus einer Menge von Schlafstellen bestand, die ringsum an den Wänden angebracht waren. Es ist nämlich unter einigen der Dayakischen Stämme Sitte, daß die Jünglinge einige hundert Schritte von dem elterlichen Dorfe entfernt, in einer gemeinschaftlichen Hütte unter der Aufsicht des Häuptlings schlafen. Diese Hütte dient zugleich zum Tummel- und Festplatze, und zur Aufbewahrung der Kriegstrophäen, die in den abgeschnittenen Köpfen der Feinde bestehen. Mit wahrem Grausen sah ich hier 36 Schädel aneinander gereiht und gleich einer Guirlande aufgehangen. Die Augenhöhlen waren mit weißen, länglichen Muscheln ausgefüllt. Unter Rajah Brooke’s Regierung hat zwar das Kopf-Abschneiden in dem Bezirke von Sarawak sein Ende gefunden; aber die Eingebornen verehren noch immer diese Schädel -- Denkmale einer blutigen Vergangenheit, die ihren Augen wahrscheinlich ruhmvoll erscheint.
Wir setzten unsere Wanderung fort zu dem nahen Wohnplatze der Familien. Hier standen zwei große Hütten auf Pfähle gebaut, jede über 150 Fuß lang, einander gegenüber. Als Aufgänge dienten schmale, eingekerbte Baumstämme, die Nachts gewöhnlich weggenommen werden. Jede Hütte hatte einen geräumigen, gedeckten Vorplatz, von welchem Thüren zu den Kammern der Familien führten. Die meisten Familien haben eine, manche zwei Kämmerchen; diese enthalten Schlaf- und Feuerstellen und einiges Kochgeschirr. Das eigentliche Leben ist auf dem Vorplatze; hier wird gearbeitet, hier tummeln sich die Kinder umher, hier ruhen die alten Leute. Alles scheint eine Familie auszumachen. Die Weiber flechten Matten und Körbe, die Männer schnitzen zierliche Büchschen für Tabak, Kalk und Gambir, so wie auch sehr schöne Hefte zu ihren Parangs. Auf den Vorplätzen gibt es ebenfalls Feuerstellen, die aber weniger zum Kochen, als zur Beleuchtung dienen. Ueber diesen Feuerstellen wurden vor noch wenig Jahren die frischen Menschenköpfe aufgehangen und so lange gelassen, bis sie vollkommen eingetrocknet und geräuchert waren, worauf man sie unter großen Zeremonien nach dem Ehrenplatze, der Hütte des Häuptlings trug.
Die Dayaker wohnen gleich den Malaien, über einer Pfütze in der sich Schweine[15], Hunde und Hühner umhertreiben. Wenn man diesen Unrath sieht, begreift man kaum, daß die Leute nicht alle stets fieberkrank sind. Außer Hautausschlägen und Geschwüren bemerkte ich jedoch keine Krankheiten unter ihnen. An letztgenannten Uebeln leidet das männliche Geschlecht ungleich häufiger als das weibliche.
Die Dayaker sind eben so wenig mit Schönheit begabt wie die Malaien. Sie haben das Nasenbein flach, die Nasenflügel sehr breit, den Mund groß, die Lippen blaß und aufgedunsen und die Zahnkiefer hervorstehend. Die Zähne feilen sie gleich den Malaien ab und färben sie schwarz. Der Ausdruck ihrer Gesichter ist im Allgemeinen gelassen und gutmüthig, mitunter etwas dumm, was zum Theile von der Gewohnheit herrühren mag, den Mund beständig offen zu haben. Ihre Hautfarbe ist lichtbraun, Haare und Augen sind schwarz. Die Männer tragen das Haar kurz, die Weiber lang, straff, hinabhängend und ungeflochten. Der Gang und die Haltung der Weiber ist sehr unzierlich; sie setzen die Füße weit auseinander und strecken den Unterleib sehr hervor. Diese Unzierlichkeit der Haltung ist zum Theile auch dem Malaischen weiblichen Geschlechte eigen.
Die Bekleidung der Dayaker ist die allereinfachste. Die ganze Garderobe der Männer besteht in einem handbreiten Streifen von Bast, den sie um die Mitte des Leibes geschlagen haben. Gewöhnlich gehen sie auch ohne Kopfbedeckung, selten daß einer ein Stück Bast um den Kopf bindet. Sie haben ein großes Wohlgefallen an Glasperlen und Messingringen, und behängen sich damit Hals und Arme. Die Männer schmücken sich weit mehr als die Weiber, ja die Glasperlen scheinen ihr Vorrecht zu sein. Ich bemerkte deren höchst selten an den Weibern. Die Dayaker tragen stets an einer Seite ein langes, breites Messer, wie bei den Malaien „Parang“ genannt, an der andern ein zierliches Körbchen, welches die Bestandteile des Siri enthält.
Die Weiber kleiden sich mit einem knapp anliegenden Röckchen von Zeug (Bidang), welches von den Lenden bis an die Schenkel reicht; um den Leib tragen sie einen Gürtel (Raway) von vielen Messingreifen oder schwarz geputzten Bambusringen, der bei manchen zwei, bei andern sechs bis acht Zoll breit ist, je nach der Wohlhabenheit der Besitzerin. Die Mädchen legen ihn an, wenn sie aus den Kinderjahren treten, was hier schon gewöhnlich im zehnten Jahre der Fall ist. Dieser oft fünfzehn Pfund schwere eng anschließende Gürtel wird nur für die Zeit abgelegt, als das Weib nahe daran ist Mutter zu werden. Geschmeide sah ich bei den Weibern dieses Stammes wenig. Einige trugen am linken Arme, von dem Handgelenke bis zum Ellbogen viele Messingringe. Die Ohrläppchen hatten sie so stark durchlöchert, daß man ein zolldickes Stück Holz hätte durchziehen können. Sie tätowiren sich nicht, färben aber zuweilen Füße, Nägel und Fingerspitzen rothbraun.
Wir brachten bei diesem Völkchen den Rest des Tages und die Nacht zu. Abends bewirthete Kapitän Brooke die Leute mit Branntwein, den sie sehr lieben, und forderte sie auf, uns dagegen mit Tänzen zu unterhalten. Sie schienen nicht sehr geneigt, unserem Wunsche zu willfahren, und es kostete Mühe, sie dazu zu bewegen. Ihr Tanz ist ruhig und gelassen und gibt, gleich jenen Hindostans, weniger den Füßen, als den Händen und Armen zu thun. Er wird entweder von einem Manne allein, oder von einem Manne und einem Weibe aufgeführt. Das Weib macht dieselben Bewegungen wie der Mann, schlägt aber dabei die Augen so tief zu Boden, daß man glauben möchte, sie seien geschlossen. Ein Mann oder ein Paar tanzt nie lange und wird dann von andern abgelöst. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong. Die übrigen Dayaker saßen still, ja beinahe bewegungslos da. Ernst und Ruhe scheint in ihrem Charakter zu liegen. Nirgends ward ich weniger von Neugierde belästigt als hier.
Den folgenden Morgen ging es an die Rückreise. War das Aufsteigen schon schwierig, so war es das Hinuntersteigen noch mehr, namentlich da ein stark anhaltender Regen in der Nacht die Pfade glatt und schlüpfrig gemacht hatte. Es blieb mir nichts anders übrig als die Schuhe auszuziehen und mit bloßen Füßen über Stock und Stein, durch Disteln und Dornen meine Wanderung bis in das Thal zu machen.
Zu Siniawan wurde wieder gefrühstückt, dann fuhren wir fünf Meilen den Fluß Sarawak stromaufwärts, gingen weiter drei Meilen in einem engen Thale zu Fuße und befanden uns mitten im Antimonium-Erze.
Das Erz liegt hier so reich auf der Oberfläche der Erde, daß man gar keine Minen zu graben braucht. Es wird ganz einfach mit Brecheisen und Hämmern in Stücke geschlagen, in Körbe geladen und durch Menschen bis an den Fluß getragen. Ein Chinese trägt mittelst einer Stange, an deren jedem Ende ein Korb hängt, zwei Pikul und läuft mit dieser Last noch dazu ziemlich rasch fort. Das Erz soll 90 Procent liefern.
Von diesen Minen, oder besser gesagt diesem Lager, begaben wir uns nach einem Sommerhause Rajah Brooke’s, mit welchem eine kleine Meierei verbunden ist. Herr Brooke hält hier einige Dutzend Kühe und läßt täglich Butter machen, die nebst der Milch an seine Küche geliefert wird.
Kühe und Pferde findet man auf Borneo nur bei den Europäern; erstere arten sehr bald aus, geben wenig und schlechte Milch, die Kälber sterben häufig; die Pferde werden nicht so alt, wie in ihrem Vaterlande und pflanzen sich gar nicht fort. Dagegen sah ich beim Rajah Brooke einen herrlichen Nasen-Affen, zwei große Orangutangs und einen Honigbären, Thiere die bloß auf Borneo vorkommen.
Am +24. Dezember+ kamen wir wieder nach Sarawak zurück.
[9] Für Segelschiffe rechnet man 8000 Seemeilen, da man der Winde halber einen ungeheuern Bogen nach Westen beschreiben muß und Brasiliens Küste ziemlich nahe kommt, für Dampfschiffe 5000 Meilen. -- Wenn ich wo immer zu Wasser reise, rechne ich nach Seemeilen, deren vier auf eine deutsche Meile gehen.
[10] Man nennt „über dem Winde“ die Seite von welcher der Wind kommt -- „unter dem Winde“ wohin er geht.
[11] Lootsen heißt, mittelst des Senkbleies die Tiefe der See messen.
[12] Prauh ist ein Malaisches Boot von 20 bis 80 Fuß Länge und 6 bis 8 Fuß Breite, welches nicht tief geht. Die Piraten bedienen sich dieser Fahrzeuge vorzugsweise, weil sie damit in jeden Fluß lenken und sich so der Verfolgung leicht entziehen können.
[13] Der Gong ist ein musikalisches Instrument, aus einer Messing-Platte bestehend, auf welche mit einem Klöppel geschlagen wird. -- Parang ein anderthalb Fuß langes Messer.
[14] Eine Rupie ist ungefähr zwei Schillinge Englisch (1 fl. Oesterreichisches Geld) werth.
[15] Da die Dayaker nicht Mohamedanischen Glaubens sind, können sie Schweine halten.