Chapter 2 of 8 · 1713 words · ~9 min read

II.

„Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Den müden Geist zu dichterischem Flug, Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.“

So schriebst du einst nach qualerfülltem Ringen, Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug, Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.

Begnüge dich! Du trägst nach heißem Ringen Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen Die große Poesie der Herzensreinheit.

Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.

An den frischen Gräbern.

Die alten Gräber ruhen Verborgen unterm Laub; Vieljährige Tannen düstern Über dem alten Staub.

Kaum weht um diese Stätten Wohl noch ein Klageton, Wo das Vergessen schweigend Sitzt auf ewigem Thron.

Im kalten Winterwehen Hebt dorthin sich mein Fuß, Wo noch um die Kreuze flattert Ein junger Blumengruß.

Die frische Gräberstätte! Ein weites, kahles Feld! Ein irrender Strahl der Sonne Den gelben Sand erhellt.

Hier haucht die Luft noch Jammer, Hier schleicht noch verlassene Not, Und alles ist blutendes Wehe Und alles ist herber Tod.

Ein reiches Blumenprangen Verschüttet schier den Pfad; Da liegen volle Rosen, Die schon ein Fuß zertrat.

Wie hatt’ ich ganz vergessen Das Sterben, das Vergehn Und Lachen nur und Leben In liebenden Augen gesehn --

In schmeichelnden Sommerlüften, Wenn golden die Sonne loht, In heulenden Winterstürmen: Wie üppig blühst du, Tod!

Rhapsodie.

~Fortuna, quem nimium fovet, sapientem faciat.~

Als ich geboren ward, Rauschte der Sturm im Wald. Auf nachtumschatteten Schwingen Flog er durch nebelumgraute Weiten, Trug er den Tod ins blühende Land. Durch Tore und Gassen Trieb er die Wolken erstickenden Staubs Und warf an die Fenster Dürre Blätter und tote Blumen. -- -- -- -- -- -- -- --

Als ich, geliebtes Weib, Einst mit fiebernder Glut dir Preßte die zarte Hand, Als ich dich bebend gefragt: „Liebst du mich denn?“ Als du ans Herz mir sankst, Zitternd und heimlich bejahend: Sieh! da troff unendlicher Regen Aus grauer, wolkenumschleierter Höhe, Und wir standen in herbstdurchschauerter Nacht. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn ich sterbe dereinst, Mög es herrlich prangender Frühling sein! Mit hellstrahlendem Glanz Grüße durchs Fenster mich singend und klingend, Grüße mich jubelnd der letzte Tag! Neidlos sterben im Frühling, Wenn sich der andern Leben erneut: Gebt mir, Götter, die Kraft selbstvergessender Liebe! So nur trüg’ ich die Schuld ab, Die sich mir aufgewälzt, Als des Glückes ich friedlich genossen, Während viel andre gewandelt Einsam den Pfad der Dornen.

Nimmer zürne dereinst, Von hinnen scheidend, meine Seele, Daß der Tag, der vielen zur Wonne glänzt, Mir die welkende Wange bleicht Und auf mein Antlitz Ewige Schatten des Todes legt.

Mahnung.

Eine Sense hängt im Baum. Hat der Mäher sie vergessen? Oder wessen ist sie -- wessen? -- -- Sah man heut den Gärtner? -- Kaum.

Kirsche blüht und Apfelbaum. Aber alle Blüten schauen, All auf mich mit stillem Grauen -- Jemand schleicht am Gartensaum.

Durch den lenzerhellten Raum Ohne Zwitschern, ohne Singen Schlüpft die Amsel; ihre Schwingen Heben sich vom Boden kaum.

Unser Leben Schlaf und Traum -- Soll ich nun so bald erwachen? Sonne scheint und will nicht lachen. Eine Sense hängt im Baum.

Das eine Ziel.

Ich war ein Kind und bat die Schickung: „O mach’ mich groß und stark und frei! Zerreiß, die mir die Seele schnüren, Der Kindheit Bande reiß entzwei!“

Ich war ein Jüngling und ich flehte: „O Schicksal, schmiede mich zum Mann, Daß ich das Glück mit stärkrem Arme Ergreifen und umschlingen kann!“

Ich war ein Mann und bat in Schmerzen: „O gib der Weisheit Ruhe mir! Laß mild des Abends Sonne scheinen Und schweigen meiner Wünsche Gier!“

Da stand der Tod an meiner Pforte. „Wer“, rief ich bleich, „wer rief denn +dich+?“ Er sprach: „Du rufst seit langen Tagen, Seit Kindheitstagen rufst du mich.“

Friedhof in Hannover.

Zwei Liebende, zu kurz vereint auf Erden, Schloß diese Gruft mit schweren Quadern ein. „Niemals soll dieses Grab geöffnet werden“ -- Ihr letzter Wille schrieb es auf den Stein.

Ein Reislein klomm aus schmalem Spalt nach oben Und ward ein Reis, ein Baum, ein Riese gar; Der Deckel sprang, und weit zurückgeschoben Liegt der granitne Block schon manches Jahr.

Das Reislein schickten +sie+ aus düstrer Zelle, Und ihre Sehnsucht hob des Steins Gewicht. Allmächtig überschritt die Felsenschwelle Des Menschenstaubes Heimweh nach dem Licht.

Dem Andenken meines Vaters.

Was oft in Tagen, die in Nacht versanken, Mit gleicher Glut in unsern Herzen brannte, Was dann im Tausch verschwiegener Gedanken Ein froh-beredter Blick dem andern nannte,

Aus diesen Blättern sollt’ es dich umwehn Mit der Erinnrung traumbeglänztem Flügel -- Nun wird’s allein durch meine Seele gehn Als Geistergruß von einem stillen Hügel.

Allein im Dunkel.

Her durch Wände und geschloßne Türen Schwebt ein Spiel von leisen, weichen Händen, Oft so zart -- ich weiß nicht: ist’s des Weltalls Tönend Schweigen, oder ist es Klingen? Ist es Klingen?

Klang es nicht wie längst verwehtes Leben? Ja, es rief wie erste Kindertage, War wie alter Ahnen leises Rufen, Die noch wachen in vergeßnen Gräbern, In vergeßnen Gräbern.

Meinen Enkel einst umhaucht mein Leben Wie ein fernes Spiel von leisen Händen -- Hörbar kaum, wie Traum von einem Klange, Wird es klingen durch verschloßne Türen -- Durch verschloßne Türen. --

VII. Vaterland und Heimat.

Deutschland.

Deutschland, geliebte Mutter, Du gabst mir, was ich bin; Du sangst das Lied der Hoffnung In meinen Kindersinn, Und ruhig wuchs mein Wille Wie deiner Felsen Hang; Durch meines Herzens Gründe Ging deiner Ströme Klang.

Wo ich nun weil’ und wandre, Bleib ich in deiner Haft; Ich trank ja deine Liebe, Du Land voll Morgenkraft. In Not und Fremde such ich Dein Auge groß und lind Und weiß, ich bin geborgen Wie einer Mutter Kind.

So nimm auch, heilige Mutter, Nimm meine Liebe an, Und will der Neid dich schänden, O fordre, fordre dann! Mein Herz mit allen Wünschen Sei dir ein Opferbrand, Ruht einst nur seine Asche In deiner Mutterhand.

An mein Vaterland.

(1914.)

O mein Deutschland, wie sie dich ehren! Sieben Völker mit ihren Heeren Fielen tapfer über dich her; Denn für sechse wär es zu schwer.

O mein Deutschland, wie mußt du stark sein, Wie gesund bis ins innerste Mark sein, Daß sich’s keiner allein getraut, Daß er nach sechsen um Hilfe schaut.

Deutschland, wie mußt du von Herzen echt sein, O wie strahlend hell muß dein Recht sein, Daß der mächtigste Heuchler dich haßt, Daß der Brite vor Wut erblaßt!

Wär es zu denken, könnt’ es sich fügen, Deutschland, könntest du unterliegen -- Wer einer Welt von Feinden sich stellt, Ist auch im Sturze der siegende Held.

Aber du wirst sie zermalmen zu Staube, Die dich umschlichen zu nächtlichem Raube. Fege die Welt vom Truge rein, Laß die Unschuld geborgen sein!

Stürz’ dich ins siebenfache Gewimmel, Morde den Teufel und hol’ dir vom Himmel Sieben Kränze des Menschentums, Sieben Sonnen unsterblichen Ruhms!

Gewittersegen.

(1914.)

Mag die Welt in Wettern beben, Bis sie Deutschland fürchten lernte. Heldentod ist ewiges Leben; Heldensaat ist ewige Ernte.

Die singenden Helden.

Das waren unsre Jüngsten, schier noch Knaben, Die stürzten sich mit Singen in die Schlacht. Daß sie am Todestor gesungen haben, Des sei, solange Deutschland lebt, gedacht.

England, sieh her auf deiner Feindin Söhne Und fühl’ im Herzen deinen tiefsten Neid: Im Land der Lieder klingt wie Jubeltöne Der Söhne Sterben und der Mütter Leid.

Du rissest sie aus ihrer Mütter Armen, Die edlen Knaben, jugendzart und hold; Du hast für keiner Mutter Sohn Erbarmen, England, du Spottgeburt von Gift und Gold.

Doch sei gewiß: den Reigen der Gestirne Bewegt ein Sehender, der nimmt und gibt: Verdorren soll dein Leib, du Mammonsdirne, Und keinen Sohn mehr tragen, der dich liebt.

Dich aber, Deutschland, werden Geister tragen Zu jedem Sieg mit unhemmbarem Schritt; Denn überall, wo deine Zeichen ragen, Dies Lied der Helden zieht im Winde mit.

Wo immer ihr Gesang auf Purpurschwingen Einher vor deinen stolzen Scharen weht: Anheben wird ein Herz- und Schwertersingen, Vor dem kein Teufel dieser Welt besteht.

Das Kindergesicht

(1915.)

+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+ So schrieb ein Mann, der sie sterben gesehen, Die in die Schlacht wie zum Brautlauf gehen. Ich las dies Wort und vergeß es nicht.

Das ist ein Wort wie ein Gedicht. Ich hör’s die deutsche Sage singen, Aus Strömen und Wäldern der Heimat klingen -- Ist es das Lied von Deutschland nicht?

Die deutsche Seele glaubt ans Recht, An den Sieg der Unschuld in künftigen Tagen; Drum wird sie von Engeln zum Siege getragen, Drum wird sie zur Flamme in Sturm und Gefecht.

Da graust es dem Feinde, da starrt ihm ins Herz Vieltausendfach das Aug’ der Gorgone, Da bricht ihm das Knie vor Deutschlands Sohne; Des Blick ist Stein, sein Arm ist Erz.

Sein Blick ist Stein -- bis das Auge bricht. Da fällt die Maske! -- O mögen sie sagen Von Deutschlands Helden in ewigen Tagen: „+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+“

Ostern 1915.

Wieder kreischen wilde Pöbelhorden. Deutschland wollen sie am Kreuze morden. Kann dies Deutschland blutend je vergehn, Dritten Tages wird es auferstehn.

Der Sohn.

Seinem Vater schuf er Zorn; Seiner Mutter schuf er Leiden, Und im Herzen wie ein Dorn Saß sein wildes Leben beiden.

Hielten sie ihn an der Brust, War er kindlich und voll Reue. Schwamm er fern im Strom der Lust, So verpraßt’ er Pflicht und Treue.

Und sie fügten still sich schon, Ihre Hoffnung auszumerzen. Nächtlich: „Ein verlorner Sohn --!“ Schluchzten heimlich ihre Herzen. -- --

„Jene Brücke wird gesprengt!“ Die es tun, sind Toderkorne. Stürmisch aus den Reihen drängt Hellen Augs sich der Verlorne.

Und die Kunde kam nach Haus: „Als ein Held ist er gefallen. Dieses Sieges Rosenstrauß, Er hat ihn gepflückt vor allen!“ --

Lächelnd sprach der Vater: „Sieh, Wieder ist er uns gegeben. Was er lebte, das war nie! Dieser Tod ist nun sein Leben.“

Das Gold dem Vaterlande.

Dein Bruder gibt sein Blut. Willst du dein Gold nicht geben? Behalt’s: so ist es tot. Gib’s hin: so wird es leben!

Ringsum ist Kampf und Not. Ringsum ist bittres Muß. Freiwillig gib dein Gold: du gibst vom Überfluß.

Bist du so undankbar, an deinem Gold zu kleben? Du gibst es nur zurück; dein Land hat dir’s gegeben.