IV.
Verflucht ist alles Gold, das du mit Inbrunst liebst. Zum Segen wird der Fluch, wenn du’s dem Ganzen gibst.
Was denkt der Schuft?
(1916.)
Es zogen Sechzigjährige hinaus Und trugen, jung gestrafft, des Kriegs Beschwerde. Die hart verdiente Ruh’ verschmähten sie Und lösten sich vom liebgewohnten Herde. Sie dachten: Unser Leben blüht von vorn! -- Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie wuchre ich mit meinem Korn?
Es stürmten Sechzehnjährige zum Kampf Und dachten nicht, im Mutterarm zu warten. Ein ganzes Leben -- ihnen galt’s so viel, Um Breschen auszufüllen oder Scharten. Sie dachten: Wer vorm Feinde fällt, stirbt nie! -- Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie hoch verschachre ich mein Vieh?
Und Mütter setzten in das grause Spiel Drei Söhne, vier und mehr, so viel sie hatten; Sie zahlten in den Schatz des Vaterlands Mit Kindesblut und mit dem Blut der Gatten. Sie dachten: Siegt mein Volk, so lohnt der Kauf! Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie treib ich meinen Zins hinauf?
Und kommen wird der Tag, da Blumen blühn Aus jedem Grab, in das ein Glück versank, Und kommen wird der Tag, da Ähren stehn Auf jedem Grund, der Blut und Tränen trank, Und Deutschland preist sein eisernes Geschick! Was denkt der Schuft? Er denkt nicht mehr; er hängt, will’s Gott, am Strick.
Unsere gefangenen Brüder.
(1919.)
Sie rufen euch! Hört ihr’s? Sie rufen euch! Die Frankreichs Niedertracht, die Englands Roheit In Ketten hält, aus Hunger, Gram und Schmach Her gellt ihr Schrei: „Ist Deutschland wirklich tot? Lebt keine deutsche Seele mehr, kein Herz, Das unser Elend fühlt und seine Schande? Wir hören: Deutschland tanzt! Doch das ist Lüge, Muß Lüge sein. Das Volk, von dem wir schieden, Als wir zu Felde zogen, das war groß, Und Unglück macht die Großen doch nur größer! Nein, nein, das ist gewiß: Unzähl’ge Hände Im heil’gen Vaterlande regen sich, Uns zu befrein! Was einen Stein erbarmt, Was ein Franzos’ ersinnt, ein Brite tut, Das muß dem niedrigsten der Erdenkinder Das Eingeweid’ aufwühlen -- wie nicht sollt es In Flammen setzen unsrer Brüder Herzen?! O macht uns frei! Von Tag zu Tag, von Stunde Zu Stunde, von Minute zu Minute Erharren wir, erhoffen wir, ersehnen, Erflehen wir die Freiheit! Ach, wann helft ihr? Wir möchten unsre Kinder wiedersehen Und unsere Weiber, Mütter -- unsre Lieben! Wann wird das sein? Ob’s morgen ist? Ob heute?“
So rufen sie! Hört ihr es nicht? Sie rufen! Was gebt zur Antwort ihr? Antwortet ihnen: „+Wir sind am Werk!+ Wir rasten nicht noch ruhn, Euch zu befrein. Und zögert das Gelingen, So habt Geduld und nehmt euch dies zum Trost: Mit jedem Tag, der euch in Tränen aufgeht, Wächst unsre Lieb zu euch, wächst euer Lohn! Mit jedem Tag, den ihr in Gram verhaucht, Wächst Deutschland aus der Nacht, wächst Deutschlands Kraft! Mit jedem Tag, den ihr im Grimm verflucht, Wächst schrecklich die Verdammnis eurer Henker! Auf seinem Weltenthrone sitzt noch immer, Gewärtig und gerecht, der Weltenrichter. Am Tage des Gerichtes sollt ihr kommen Und in die schwere Schale ihrer Schuld Die Zeiten eures bittren Jammers legen, Nicht Tag für Tag, nicht Stund’ für Stunde, nicht Minute für Minute, nein! Ihr sollt Sekunde für Sekunde wiederzahlen All eure Pein, auf daß die bleichen Schelme Tropfen für Tropfen würgen an dem Gift, Das sie dem Unglück fühllos eingetränkt. So schwer’s auch falle, faßt euch in Geduld! Es kommt ein Lenz und mit ihm Deutschlands Tag. Es kommt ein Tag erlösenden Gewitters, Der Deutschlands Fluren segnet mit Gedeihn Und seiner Feinde geile Saat zerschlägt. Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!
Acht Worte sind’s, in diese beißt die Zähne: +Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!+“
An jeden Deutschen.
Das grab dir, Deutscher, tief ins Herz: Kein Fremder fragt nach deinem Schmerz. Auf andre bau’n macht dich zum Spott. Hilf du dir selbst, so hilft dir Gott.
Das Notwendigste.
Mein hart geprüftes Volk, verzage nicht! In jeder Nacht wird dir ein Stern entbrennen, Reicht nur dein eigner Genius dir das Licht, In Ehrfurcht deine Genien zu erkennen.
1922.
So war es einst: Vom Neid umkreist, Stand Deutschland stolz in Stein und Erz! Nur war im Erz zu wenig Geist, Nur war im Stein zu wenig Herz.
So ist es jetzt: Geschrei und Zank, Und Leib und Seele darbt und friert. Das Vaterland zum Tode krank, Und Torenweisheit triumphiert.
So soll es sein: Ein fröhlich Mühn In Hoffnung, Zucht und Redlichkeit. Dann wird’s aus Trümmern wieder blühn; Nur neue Tat schafft neue Zeit!
Lied der Deutschen.
Wir waren noch im Unglück groß; Uns barg Germanias Mutterschoß. Da kam die Lüge, der Verrat, Da kam des Teufels schlimmste Tat: Verrat hat uns zerbrochen.
Er nahm die Freiheit, nahm das Brot, Er gab uns Leib- und Seelennot, Er gab das heilige Vaterland In schamvergessner Würger Hand. Wir wollen deß gedenken.
Für’s neue Glück die neue Saat, Wie nennt sie sich? Sie nennt sich: +Tat!+ Hier schwören wir aufs Fahnentuch: Den treffe seiner Kinder Fluch, Der jetzt noch faul und feige!
Und nun empor den Blick gewandt! Der uns das tiefste Leid gesandt, Er ließ uns eines noch: die Kraft, Die hoch die alte Fahne rafft Und sie nicht läßt im Sterben.
Schleswig-Holstein.
Aus meiner Kindheit Träumen blüht ein Land Der sanften Hügel, drinnen Helden schlafen, Der goldnen Felder, die ins Blau des Himmels Hinüberflimmern wie ein früher Traum, Der stillen Ströme, die, dem Meer verwandt, Mit ernstem Schweigen breite Schiffe tragen, Ein Land der weiten, saftgetränkten Triften, Wo schwere Rinder durch den Nebel brüllen, Ein Land, wo See’n und Wälder sich umarmen In selig-stummem Anschau’n ihrer Prächte, Ein Land, wo zwischen Dorn und wilden Rosen Die Vögel sich mit Singen bau’n ihr Glück.
Aus meiner Kindheit Tagen glänzt ein Land Der sanften Frau’n, die ohne Falschheit lächeln, Die bei der Arbeit singen, weil ihr Herz Des Himmels hellem Auge offen liegt, Der Frauen, die sich leicht im Tanze schmiegen Und starke, wangenrote Kinder nähren, Die Gudrun gleich in graue Fernen harren, Im Blick der Treue unbewegte Glut, Bis der Ersehnte kehrt aus Kampf und Not.
Aus meiner Kindheit Tagen strahlt ein Land Der ernsten Männer hinter Pflug und Amboß. Sie reden wenig und sie lachen selten Und singen kaum; allein sie träumen viel. Sie blicken zweifelnd auf, wenn von Verrat sie Und Falschheit hören, und sie fassen’s kaum. Denn ohne Arglist suchen sie das Glück In eigner Kraft und nicht in fremdem Weh. Ihr Gang ist aufrecht; ihre Brust ist breit, Sanft strahlt das Auge unter freier Stirn. Nicht laut ist ihre Kraft, nicht rauh und wild; Doch wer sie je verkannte, hat’s gebüßt. Von Schwert und Axt und Morgenstern erklingt Des Lands Geschichte und von Männern, die Wie Mauern standen. Nimmer reichte weiter Des Manns Geduld als seines Herzens Stolz.
Ihr kennt dies Land, ihr schaut ihm in die Augen, Wenn ihr ins Antlitz eurer Kinder blickt: In seine jungen, hoffnungshellen Augen. Dies Land, dies flutumbrauste, sei ein Leuchtturm, Dem jeder deutsche Schiffer froh vertraut. -- Halt aus in Nacht und Not, mein Land, mein Licht!
Holsteinische Abendlandschaft.
Unschuld lugt aus dem Hain, und Freude spielt um die Hecken; Heim in sonniger Ruh wandelt der redliche Fleiß. Dir, solange sie klingt, erheb ich die funkelnde Schale Dankbar kindlichen Blicks, Heimat, du heiliges Land! Tausend Bereiche der Welt sind sonniger, stolzer, erhabner; Aber aus deinem Gefild singt mir ein kindliches Herz.
Deutsche Weihnacht.
(~Dies natalis invicti.~)
Weihnachten, Tag der Hoffnung, bist du da? Du stiller Tag, da früh die Sonne sinkt? Allein durch Nebel lacht sie rötlich schon Erlösung uns aus langer Wintersnot.
Herbei, ihr Glaubenden, ihr Wartenden, Ihr Helden, die Verrat zu Boden warf, Ihr Nackten, die verruchte Gier entblößt, Herbei! Ist auch noch fern der Ernte Fest, So sollt ihr doch das Fest der Hoffnung feiern. Vergeßt auf wenige Minuten nur Den Gram, die Sorge; holt ein Zweiglein euch Vom immergrünen Tannenbaum herbei Und richtet’s auf im roten Abendlicht, Und labt an seinem Grün den müden Blick: Denn wißt, daß in der Tanne unsere Altvordern schon das Bild des Frühlings sahn! Die schwanken Zweige raunten leise Kunde, Daß nicht vergangen sei der Erde Grün Für immerdar; nein, leuchten werde bald Der Anger wieder in verjüngter Pracht, Der Wald ein neues Lied des Lebens rauschen Und reich die Ähre schwanken auf dem Halm.
Wenn nun die heil’ge Nacht gekommen war, Da sich das Glück der dunklen Mächte wendet Und seine goldnen Pfeile prüft das Licht, Da, unbesiegt von Sturm- und Wolkenschauern, Die Sonne neu beginnt den frohen Lauf --, Dann ließen sie auf einer starken Achse Ein riesengroßes Rad sich drehn, nachdem sie Zuvor des Rades Kranz in Brand gesteckt. Da griff der Sturmwind in die Flammenspeichen Und trieb es um mit Prasseln und mit Sausen In rasend wildem Schwung, daß weit umher Durchs Grau’n der Nacht ein goldner Regen fiel. So war das Flammenrad ein Bild der Sonne, Der unbezwungnen, großen Lebensmutter, Die rüstiges Vertrauen nie betrog, Und so begingen sie mit Hoffnungsjubel Das „Auferstehungsfest der Unbesiegten“. --
Herbei, ihr Knechte denn und Bettler all, Ihr Wartenden, ihr Horchenden, herbei, Vereint euch brüderlich am kalten Herd Und feiert eurer stillen Hoffnung Fest. Laßt einmal nur die Last des Kummers sinken, Liebkost den frischen, duft’gen Tannenzweig Und glaubt mit brünstigem, bewegtem Herzen, Daß einst die Flur der Heimat neu ergrünt. Erhebt die Herzen durch ein starkes Wort, Und sprecht ihr dann vom großen Kampf, der kommt: Gewiß, daß eurem innern Blick erscheint Das Rad der Zeit, von flammenden Gedanken, Vom Sturme der Begeisterung beschwingt, Die’s treibt und treibt, daß goldne Funken sprühn. Dann sollt ihr an die goldne Sonne denken, Die ihr ersehnt und die gewiß einmal In heil’ger Morgenröte kommen wird ... Und sollt im leisen Lächeln dieser Stunde, Im stumm-beredten Druck der Hand begehn +Das Auferstehungsfest der Unbesiegten+.
VIII. Kunst und Dichter.
Der Ruf.
Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte Der Schlaf hervor. Schon raunte mir die ersten, leisen Worte Der Traum ins Ohr. Da klang von nahen Zweigen Ein tiefer Freudenschall, Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume Im Traum, im Traum. Nur fern, o fern, durch mitternächt’ge Bäume Ein lichter Saum. Doch horch: von jenen Röten Ein süß geheimer Hall, Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme Von je erklang Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme Voll Hoffnung sang. Ein Land des Lichtes träumen Wir armen Seelen all! Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: In meinen Traum singt eine Nachtigall.
Wintermärchen.
Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch?
Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?“
Antwort gab sie leisen Tones: „Weil ich nicht wie andre bin, Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn.
Die da wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt.
Mir erglüht’s mit ewigem Strahle -- Ob auch Nacht auf Erden zieht --, Sing ich unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied.
Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut dein Blick nach innen In das ewige Sonnenreich.
Laß uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.“
Schiller.
In einer großen Stadt, wo ich gewohnt, In einem volk- und häuserreichen Viertel, Sah ich aus meiner Kammer unterm Dach In das Gewirr der Steine oft und lang. Schier unabsehbar lagen vor mir da Kamine, Mauern, Dächer und Mansarden, Ein wirres Auf und Ab und Durcheinander, Ein steinern Meer, im Wellenspiel erstarrt. Und aus den Schlünden dieses Meeres drang Des Alltags Raserei in Lust und Angst: Des Hungers Seufzen und Gebrüll des Rausches, Der Schrei der Gier, der Kindheit Morgenlachen, Der Arbeit Hämmern und des Tanzes Spiel.
Und immer, immer, wenn ich Sinn und Seele An diesem Brei von Dunst und Lärm ersättigt, Schlich glücksgewiß und still mein Blick zur Seite, Wo sich ein Wunder groß und ernst erhob. Da, dicht umwühlt von Essen, Erkern, Giebeln, Und ganz doch unberührt von ihrem Schwall, Ein ewig strömender Gesang von Stein, Stieg eines Domes Turm zu Himmelshöhn. In breiten Massen wuchtig aufgeschichtet, Schwang er doch leicht sich auf ins reine Blau. Es überschlug der Blick sich, der ihn maß, Und sank nach innen, schauernden Entzückens; Denn seine herrlich ragende Gewalt Umfloß der Schönheit ruhiges Gewand. Von Zeit zu Zeit erdröhnte dumpf erhallend Der Glocken tiefer Ton -- dann drang ein Zittern Bis in der Häuser, in der Herzen Grund, Und wohl durch manche Seele, manches Haus Ging Wunsch und Hoffnung, groß und rein zu sein. Und klang am Feierabend gar ein Lied Vom Turm herab, dann quoll’s wie Rosenwolken Durch allen Gassendunst, ein Duft von Frieden Durchdrang den Lärm, und hoch an rauchgeschwärzten Gemäuern hing ein stiller Abendglanz Wie herbstlich rotes Weinlaub ... Aber auch Wenn er geheimnisvoll und schweigend stand, Wie ewige Gedanken überdenkend, Stieg mancher Blick empor an seinen Zinnen, Empor in eine ahnungsreiche Welt.
Ja, auch die nie durch seine Pforte schritten, Die ihn nur ragen sahn aus ferner Gasse -- Sie sahn ihn mit Bewunderung, mit Andacht, Ja ja, sie liebten ihn aus dunklem Drang Und wandten gern zu ihm den müden Blick --
Denn daß er groß war, das war Trost und Glück. Daß er aus Qual und Qualm und Last und Lärm Erhaben sich und schönheitsmild erhob, Das war Befreiung aus bedrängtem Leid. Daß er aus allen Engen sich entriß, Das war Erlösung. Und die Zweifler selbst, Die Hoffnungslosen schauten milden Blicks Auf diesen Weiser nach dem beßren Land.
Schon mehr als hundert Jahre stand der Turm, Und ragen wird er durch Jahrhunderte In ferne Zukunft. Und aus Tür und Fenster In Hütte und Palast wird manch ein Antlitz Sich neigen und dies Mal der Hoffnung suchen, Und manche Seele wird an ihm empor In unsrer Sehnsucht Heimatland entschweben.
Goethe und Tasso[2].
So wird sich wieder denn der Vorhang heben Vor Belriguardos lorbeerstillen Gärten, Wo zarte Fraun Gedankenkränze winden Und alle Schönheit ahndevoll umfangen, Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil er Nicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt, Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht, Und wo in Sonnenglanz und Myrtendüften Torquato Tassos traurige Geschichte Sich zuträgt, der mit traumgeschwellten Segeln Gescheitert einst am starren Fels des Lebens -- Um ihn in höchster Not doch zu umklammern.
Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hat Ein glücklicherer Genius uns gesungen. Und war er glücklicher? Nahm ihm das Schicksal Nicht nur die äußre Bürde von den Schultern, Daß tiefer er den innren Schmerz empfinde? O glaubt: er hat das eigne Leid gesungen In Tassos Schmerzen! Ach, in süßen Worten Hat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt, Gefrorner Neid mit scharfen Eisesnadeln Sein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allem Ist gottgeborner Seelen tiefster Drang: Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen! Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen: Warum ward unter Seligen ich geboren, Wenn unter Menschen ich mein Leben lang Die Heimat suchen soll? --
Allein er suchte Und suchte mit dem treusten Menschenherzen Geruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern. Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt er In Liebe wohnen. Und im Angesichte, Im ungeheuren Rätselangesichte Des Lebens forscht’ er Tag für Tag und Stunde Für Stunde. Und war seelentief beglückt, Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihn Ein heimlich, heilig Wissen überdrang. Da weckte solch ein Licht in seinem Busen Das große Feuer seines Herzens auf, Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sie Ein selig Wissen uns vom harten Leben. Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührte Das Heldenglück des Lebensüberwinders -- Das Glück, das einst Ferraras armer Sänger Mit irrem Flügelschlag umsonst gesucht.
Und wir, vereint in seinem großen Namen, O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s! Noch fliehen irrend Leben sich und Lied. Des Lebens Helle suchte einst die Kunst Und zagte feigen Blicks vor seinen Nächten -- In seines Dunkels Schrecken drang sie vor Und haßte lichtvergeßnen Aug’s die Sonne -- Vergessen und verloren hatte sie Das Werk des großen Schöpfers aller Dinge, Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht. Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelnd Die Arme breitet nach des Lebens Fülle -- Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt. Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen, Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen, Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtet Zur Seite des Gedankens und der Sitte, Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze: „Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“ Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe, Nein, von des Eifrers zorngesträubtem Munde, Von Pharisäer- und Pedantenlippen Gellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“
Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling; Goldregen hängt herab aus leichten Lüften, Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf, Demselben Schoße beide sie entsprungen. Oh, daß dereinst in einem neuen Frühling Entgegenwüchsen Leben sich und Lied, In Mutterarmen der Natur versöhnt! Wohl käme dann auch Tassos „goldne Zeit“! Am Zeitenstrom hinwandelten sie beide, Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunken Im starken Frieden spät erkannter Liebe. Nicht mehr begehrte eines, was das andre Nicht willig aus verwandtem Trieb gewährt. So führend wie geführt, frohlockten beide Dem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu, Und im Geriesel warmer Sonnenfluten Und im verborgnen Silberklang der Quellen, Im rauschenden Gesang aus Busch und Bäumen Bewegte das Erlösungswort die Welt, Das selige Wort: „+Erlaubt ist, was gefällt!+“
[2] Als Prolog gesprochen bei einer Tasso-Aufführung in Hamburg.
Hebbel der Nibelungendichter.
Prolog zu einer Nibelungen-Aufführung.
Von Siegfried tönt ein hoher Klang. Ein Siegfried war es, der ihn sang.
Von Friedrich Hebbeln heb ich an, Der war ein stolzer Knab und Mann.
Den nackten Stecken in der Hand, Zog er allein durchs deutsche Land
Und schaut’ nach starken Schmieden aus Und fand die rechten bald heraus
Und übt’ in Feuers Licht und Brunst Bei großen Meistern seine Kunst.
Er schlug, daß hell die Welt erklang Und Splitter rings und Funke sprang,
Und schmiedet’ sich ein funkelnd Schwert, Das macht’ ihn tausend Ritter wert.
Er zwang die Riesen Not und Leid, Wusch sich im Blut des Drachen Neid,
Gewann das Kleid Unsterblichkeit Und deutsche Kunst, die Sternenmaid.
Wie früh sein irdisch Auge brach! Der Tod ihn hinterrücks erstach.
Doch ruht auf deutscher Seelen Grund Des werten Helden goldner Fund
Und strahlt in Tag und Nacht hinein Mit tiefer Glut und klarem Schein.
Der ihn errang, lebt ewig-jung Wie Siegfried lebt, der Nibelung.
Elise Lensing[3].
An einen armen Dichter denk ich heute, Der eines nebligen Novembertags Von Hamburg mit der Post gen Norden fuhr. In Kiel ward Rast gemacht. Die Passagiere, Nach wohl durchrüttelter, durchfrorner Nacht Der nahen Labung froh, entstürzten fröhlich Dem Wagen, riefen nach dem Wirt und heischten Ein gastlich Zimmer und ein dampfend Mahl. Nur Friedrich Hebbel schwieg. Die Barschaft reichte Zu einem warmen Trunke kaum. Gegessen Hatt’ er am Abend und am Morgen nicht; Auch jetzt entschlug er rechnend sich des Mahls. Er hatte seinen Deutschen erst die „Judith“ Geschenkt, darum auch war es ihm versagt, Ein Zimmer zu bezahlen. Unter Knechten, Fuhrleuten, die sich lärmend unterhielten, Saß er im Postkontor und schrieb ein Brieflein. Er schrieb: „Als ich Dich gestern nun verlassen, Als ich im Wagen saß, schloß ich die Augen Und öffnete sie eher nicht, als bis Die Tore Hamburgs wir im Rücken hatten. Nichts sollte mir Dein liebes Bild verdrängen Ich wollt es mit mir nehmen in die Nacht, Und sieh, in Traum und Schlummer dieser Stunden Wie viel hab’ ich an Dich gedacht, Elise.“
Du Liebesmacht des Weibes, sei gesegnet In Ewigkeit. Blickt hin auf die Geschichte Erhabner Geister, die im Kampf bestanden: Wie oft blüht neben ihrem lauten Ruhme Nicht eines edlen Weibes stiller Ruhm. Denn eines Weibes Liebe, merkt es wohl, Ist ganz so stark wie eine Welt voll Haß. „Männer gebären soll das Weib, nicht Männer morden“, So klingt ein mächtig Wort in dieser „Judith“. Ich aber weiß ein Höhres noch dem Weibe: In Not und Nacht uns Männer zu erhalten. So lang der Name Friedrich Hebbel leuchtet -- Und strahlen wird er durch Jahrhunderte -- So lange werden neben ihm erglänzen Wie stille Flammen, die im Sturm nicht beben, Zwei Namen auch: Elise und Christine. Zweimal war er dem Untergange nah, Und zweimal hat ihn eines Weibes Liebe Uns neu geschenkt. Christine und Elise! Ihr gabt so viel uns, wie der Dichter gab, Ihr gabt uns Hebbeln. Und ihr lebt wie er! Noch freut Christine sich des Sonnenlichts, Die edle Frau, um deren hohe Scheitel Ein jubelnd Volk des Dankes Lorbeer schlingt. Seit vielen Jahren aber schläft Elise Den traumlos tiefen Schlaf. Oh, kämen Träume In diesem Schlaf, gewiß umschwebte sie Das Bild des Helden, den sie so geliebt, Wie einst ihr Bild ihm in die Nacht gefolgt. Allein, wie tief und fest dein Schlummer sei, Unsterblich ist, was wahrhaft einst gelebt: So wacht in treuen Herzen deine Treue. Ja, +deine+ Treue, +deine+ Liebe ist’s, Die zum Gedächtnis dir ein Mal errichtet, Und was des Steines Inschrift immer sei, Vom Feuer +deines+ Herzens wird er klingen Und rufen in die haßerfüllte Welt: Durch Liebe lebt, was groß und köstlich ist!
[3] Als Prolog gesprochen bei einer Judith-Aufführung zum Besten eines Elise Lensing-Denkmals in Hamburg.
Der Gekrönte.
Von eines kunstgeweihten Tempels Stufen Stieg er herab: der Sieger im Gesang. Im abendlichen Dunkel dicht gedrängt, In langen Reihen harrte sein die Menge. Wohin er lächelnd schritt, da brandete, Brausend im Anprall die Begeisterung; Der Fackeln Glut umflog die hohe Stirn Ganz wie das düstre Flackerlicht des Ruhms. Und mit ihm ging die Woge ihres Zurufs Und trug ihn wie auf holdbewegter Flut. Erstiegen war der Gipfel -- und vergessen War das verschwiegene Elend langer Jahre, Sein nie belohntes Ringen um den Preis, Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn. Des Volkes Gunst erhob ihn über alle Und trug ihn nun gewiß zum sichren Hafen.
Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin, Hört’ er Gelächter neben sich -- Gelächter ... Hört’ er dergleichen nicht in frühern Tagen? Und einen Mann erblickt’ er bald, bedrängt Von einer Schar von Spöttern. Und sie riefen: „He, Freundchen, schau: so sieht ein Dichter aus! Betracht ihn recht! Allein, wie ist mir denn? Du bist ja +auch+ ein ‚Dichter‘! Wenigstens Glaubst du es selbst! Ja, willst du denn dem Sieger Nicht deinen Gruß entbieten? Nicht die Hand Ihm reichen als -- Kollege? Hahahaaa!“ Und lauter scholl das Lachen. Der Geschmähte Sah fern ins Dunkel, bleich bis in die Lippen; Die Seele war noch jung genug zum Schmerz.
Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten, Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte Vortrefflich Stimm’ und Antlitz jener Edlen. Das waren ganz dieselben breiten Fratzen, Die in den Morgen seines jungen Glaubens Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren’s, Die ihm das reine, adlerfrohe Herz Mit Geifer überströmt. Der Pöbel war es, Der ungeheure, der nicht Götter hat, Nein Götzen nur, Idole, selbstgemachte, Und der nach vornen nicht kann beten, ohne Mit Eselshufen hinten auszuschlagen. Der Seele Gleichgewicht verlangt es so. Und sah er überall nicht gleiche Züge? Auch hier -- und hier? Und solch Gesindel pries ihn Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor --
Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen, Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten, Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß; Heimweh nach seines Glaubens Morgenröten, Nach hohen Festen seiner Einsamkeit, Nach jener Jünglingsträne, die nicht fließt, Weil sie des Auges Glut zu rasch verzehrt, Heimweh nach bittrem Jubel, trotziger Lust, Nach reicher Not und königlicher Schmach. Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern, Die er verlassen, die in Staub und Hunger, Verhöhnt, verfolgt, in dunkler Tiefe keuchten, Indessen er auf freier Höhe stand ...
Ausstreckt’ er weit die Hand, daß der Verhöhnte Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast. -- --
Wem hohe Kraft die Schöpferseele füllt -- Trägt auch der Menge Gunst ihn bis ans Ende -- An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz; Bei den Verschmähten ist sein Heimatland.
Glosse.
Im Fleiß kann dich die Biene meistern, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein; Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern; Die Kunst, o Mensch, hast du allein.
Schiller.
Du rühmst, o Mensch, der Arbeit dich, der harten. Tritt in den sommerlichen Tag hinaus! Ein emsig Völklein wirkt in deinem Garten Von früh bis spät mit ewigem Ein und Aus. Ein Schwarm von nimmermüden Segensgeistern! +Im Fleiß kann dich die Biene meistern.+
Bestaunst du deiner Hände Werk so gerne, Wenn zierlich dir’s und anmutvoll gelang? Geh hin zum stillen Seidenwurm und lerne: Ein Fädchen spinne du so zart, so lang! Es kann, und spinnt dein Finger noch so fein, +In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein+.
Jedoch dein Geist: was hat er nicht ersonnen! Strömt Weisheit nicht aus deiner Stimme Schall? Allein -- hat er das letzte Ziel gewonnen? Und atmet nicht ein Gott im weiten All? Kannst du das Weltenrätsel je bemeistern? +Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern.+
So bei mir denkend, bin ich trüb gewandelt Durch Nacht und Tag. Und brennende Begier Nach jenem Geiste, der +allwissend handelt+, Verzehrte meine durstige Seele schier. Da rührte mich sein Hauch -- ein Lied ward mein: +Die Kunst, o Mensch, hast du allein!+
Die Künstler.
Denen, die der Wüste Sand durchschreiten, Denen, die das wilde Meer befahren, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.
Aus den Wellen, aus dem Sand erhebt sie Palmengrüne Küsten und Oasen, Hohe Säulentempel, die der Osten Überspinnt mit wunderbarem Lichte. --
Unsrer Wüstenwandrung winkt ein Eden, Unsrer Meerfahrt solch ein selig Eiland. Jene schauen’s, die das Ruder lenken, Die voran dem Wüstenzuge reiten.
Schauen’s nicht in seiner wahren Schönheit; Zitternd nur in ferner Luft begegnet Ihrem Blick das Trugbild der Morgana -- Und ihr Auge glüht in Seherflammen.
Und den wild verzweifelnden Genossen, Die, am Boden schmachtend, sich verfluchen, Künden sie mit schauerndem Erstaunen Alle Wonnen der beglückten Ferne.
Seltsam strömt’s von den beredten Lippen, Und in nie gehörten, heiligen Lauten Singen in prophetischer Begeistrung Sie der Menschheit kommende Vollendung.
Wer die Seher sind? Wie oft, o Seele, Rafftest du dich auf zu neuer Wandrung, Wenn in seligen Tönen und Gestalten Ihre Hoffnung sprach vom Paradiese! --
Denen, die des Lebens Meer befahren, Die des Daseins Wüstensand durchschreiten, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.
IX. Gott und Gedanke.
Gesegnete Wandrung.
In fernes Licht hinein Schreit’ ich schon lange, lange; Um graue Trümmer hängt’s An jenem Felsenhange.
Um Sagentore blühn Die abendroten Ranken; Durch Fensterhöhlen schau’n Verschollene Gedanken.
Und meine Seele schwebt Durch Tor- und Fensterbogen Ins Land des warmen Lichts, Allmächtig hingezogen.
Ich weiß es nun gewiß: Es schwebt ein selig Leben Schon über dieser Welt Und ist uns schon gegeben.
Ich weiß seit diesem Tag: Es klingt Gesang und Reigen Aus einer reinen Welt In jedes tiefe Schweigen.
Alles ist ewig.
In den morgenfrischen Bäumen Hing ein letzter Hauch der Nacht, Und die Blumen machten Augen Wie ein Kind, wenn es erwacht --
Holder Schreck entriß mich plötzlich Lächelnder Versunkenheit --: Eine Rose hat geduftet Wie ein Lied aus Kinderzeit! --
Aufgehoben bleibt im Ganzen Jedes Atems leises Wehn; Einst an einem großen Morgen Wirst du’s lächelnd wiedersehn.
Eine Rose hat geduftet Wie ein Klang aus Kinderzeit; Duft und Klingen, Heut und Gestern Weben all an +einem+ Kleid.
Hingebung.
Das All erstrahlt von Millionen Sternen. Die Erde blickt hinauf in stummer Ruh Und haucht in selbstvergessenem Entzücken Dem Himmel ihren warmen Odem zu.
Im Unermessnen geht ihr Hauch verloren! Und doch gibt sie des Herzens Glut dahin Und sieht sich selbst in Schnee und Eis erstarren. Der ferne Glanz belohnt die Dulderin.
Der Wahrheit Sternen opfert so der Denker Das Leben, das in seinen Adern glüht. Dem fernen Lichte gibt er sich zu eigen Und fragt nicht, ob ihm hier ein Frühling blüht.
Andacht im Gebirge.
Im Tal vernahm ich’s: „Zwischen Felsenmauern Wird dich die Macht des Ewigen durchschauern; Dein Ich zermalmen wird der tote Stein. Er wird zu dir mit Donnerworten sprechen; Dann wird dein Menschenstolz zusammenbrechen, Und wie ein Nichts wirst du dir selber sein.“
Und ich erhob den Stab mit frohem Wagen Dorthin, wo ich bis in die Wolken ragen Der Berge schneebekrönte Gipfel sah. Der Jugend raschen, kecken Mut zu kühlen, Schritt in des Felsendomes Chorgestühlen Ich fort und fort, dem Thron der Blitze nah.
Verloren bald im öden Meer der Steine, Verirrt, verlassen von des Tages Scheine, Stand ich allein in nebelweißer Nacht. Dann sank der Mond hinab zu früher Stunde, Und fern erhob wie mit metallnem Munde Der Herrn des Sturms den ersten Ruf zur Jagd.
Da fuhr’s auf wucht’gen Schwingen durch die Lüfte Und überschrie den Klang der Felsenklüfte, Wo lauter Donner aus den Schlünden brach. Aus dunkler Tiefe klommen ohn’ Ermatten Zu mir herauf des Abgrunds Riesenschatten, Bis sie ein jäh gezückter Blitz durchstach.
Und jetzt -- des Felsentempels Säulen zittern! Durchrast ein ganzer Aufruhr von Gewittern Die Täler rings zum Auferstehungstag? Erdröhnend schob sich’s an den Felsenwänden In Sturmeslauf hinab, um jäh zu enden Mit gellend wiederholtem Donnerschlag.
Die Bäume reckten sich mit tiefem Stöhnen; Ihr Angstruf klang aus dem Gewirr von Tönen Wie aufgescheuchter Vögel Klageschrein. Ein blauer Strahl aus weitem Flammenrachen -- Und mir zu Füßen schlug mit lautem Krachen Ein Föhrenstamm zerborsten auf den Stein.
Da riß es sich in trotz’gem Überschwange Vom Munde mir: „Frohlockend deinem Klange Geb ich, Natur, mein klopfend Herz dahin: Euch übertönt des Herzens Schlag, ihr Stürme, Euch überragt, ihr grauen Felsentürme, Des Menschen hoher, lichtgeborner Sinn!
Vor euch nicht sink ich in den Staub danieder; Nein, eure Donner sind mir Freudenlieder, Das Herz mir füllend mit erhabner Lust. Mag nur der Sturm in euren Klüften hausen! Fliegt er vorüber mir mit Zornesbrausen, Werd’ ich der stärkern Schwinge mir bewußt.
In Nichts sollt ich vor euch zusammenschrumpfen? Hier sollte sich das Schwert des Geistes stumpfen? Dies Schwert, fürwahr, zerspringt auf keinem Stein! An seinem Stahl zerbrechen eure Blitze, Mit ihm bewaffnet, dringt zum Himmelssitze Der Wahrheit einst der Mensch, der Kämpfer, ein.
Seid mir gegrüßt, erhabne Bergesriesen, Erhaben, weil ihr mir den Weg gewiesen Zu meines Menschentums Erhabenheit. Willkommner Schemel seid ihr meinen Füßen, Von eurem Rücken aus den Bau zu grüßen, Den unermeßlichen, der Ewigkeit.“ --
Den Weg ins Tal fand ich am frühen Morgen; Die Berge hielt, den Himmel mir verborgen Ein Wolkenschleier. Aber klar und fern, An meines Geistes Himmel aufgegangen Mit überirdisch morgendlichem Prangen, Stand selig lockend des Gedankens Stern.
Menschenlos.
Das ist ein Augenblick der Seligkeit, Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke,
Wenn unser Geist den Brand entzündet glaubt, Der in des Daseins Rätseltiefen leuchtet, Und sich im Rausche des begeisterten Entzückens unvermerkt die Wimper feuchtet.
Da wähnt der Blick, er sähe groß und klar Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; Aufatmend spricht das Herz: „Ich bin getrost: Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.“
Gewißheit: -- Schöner Wahn des Augenblicks! Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; Der feste Boden weicht -- dir schwindelt -- weit Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
Die kluge Antwort, die dein Hirn ersann Auf Fragen, die die Menschenbrust zerfleischen, Sie löste sich in tausend Rätsel auf, Die doppelt gierig neue Antwort heischen.
Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, Daß er der Heimat festen Grund gewahre.
Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.
Zum Strande der Gewißheit lenkt dein Schiff Nur, um ins Unbestimmte neu zu fliehen, Bis einst auf hoher See in ihren Schoß Das sturmzerschlagne Wrack die Wellen ziehen.
Das Gesicht der Wahrheit.
„Wenn Menschen schweigen, werden die Steine schreien.“
Seit wenig Tagen geh’ ich fromm und froh Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär Kam mir von irgendwo und irgendwann, Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --
Gefangen hatten ihn die Häscher nun, Den Herben, Wilden, Stolzen, dem der Spott Wie ätzend Gift vom Munde floß -- doch war’s Ein heilsam Gift -- dem die Begeisterung, Wie Donnerflammen aus dem Krater, prasselnd Von heißer Lippe sprang. Doch ging er leicht Und stolz in seinen Fesseln; denn ihn trug Geheime göttliche Allgegenwart. Allgegenwärtig fühlt’ er seinen Gott, Wo er auch ging und stand, den neuen Gott! Und so vermaß er sich verwegner Hoffnung: Auch seine Richter müsse ja berühren Die Nähe dieses Gottes und die Kraft Und Reinheit seines Atems. Denn er war Ein Mann an Stolz und Trotz, ein Kind an Hoffnung.
Die Richter aber thronten rings auf Stühlen Von Eisen, und die Stühle hießen Ordnung Und Religion und Sitte und Gewohnheit. In diesen Stühlen ruhten breit und fest Die Fundamente des gemeinen Wohles. Wenn aber vor der Glut der neuen Lehre Die wackern Stühle schmolzen, so gerieten Die Fundamente des gemeinen Wohles In glühende Bedrängnis. Und so bliesen Die Richter denn mit hoheitsvollen Backen Den Hauch der prallen Sonne sich vom Leibe Und saßen tot auf ihren toten Stühlen. Und sprachen dann: „Er soll am Pranger stehen Auf off’nem Markt, vor allem Volk, nachdem man Zuvor die Ohren ihm vom Kopf geschnitten.“ Auf den Tribünen hatte rings das Volk Gelauscht, und als der Richter Weisheit nun In jenem Spruch sich froh und stolz befestigt, Zerstreute schwatzend, lachend sich die Menge, In Ehr’ und Zucht des Gaudiums gewärtig, Das ihr der heil’ge Sonntag bringen werde. --
Hoch aus dem surrenden und plappernden Und gurgelnden und schnatternden Gebrodel Der Menge, die den weiten Markt erfüllte, Stieg schwarz und grausenhaft der Prangerkasten, Der den Verdammten noch dem Blick verbarg, Und schwärzer gähnte drin das Loch, in dem Des armen Sünders Kopf erscheinen sollte.
Mit faulen Äpfeln, Eiern und noch manchem In stiller Emsigkeit gehäuften Unrat Höchst sorgsam ausgerüstet, harrt die Menge, Harrt stundenlang. Denn neben ihrem Zorn, Dem Löwen, ruht das Eselein Geduld. Auf hoher Balustrade leuchten Rat Und Älteste der Stadt, des schönen Wetters Und der im tiefsten Herzen sanft empfund’nen Weltordnung froh -- den armen Sünder packte Ein wilder Schauder vor dem nahen Greuel. An beide Ohren preßt er bang die Hände -- Nah ist hier keiner, der ihn retten möchte. Denn jeder haßt ihn -- +könnte+ wohl ihn lieben, Doch haßt ihn. Und ihm ist, als trennt’ ihn doch Von diesen allen nur ein dünner Vorhang -- Er klagt sich an, daß er das rechte Wort, Das eine, kurze, klare Wort nicht fand, Das +alle+, +alle+ überzeugen mußte -- Ja, wenn er jetzt --! Allein nun war’s zu spät.
Und tief im Kopfe hub ein Singen an Von lauen Jugendtagen. Warum blieb er Nicht still am warmen Herde seiner Heimat? Und sanft und fest in seiner Mutter Schoß Fühlt’ er sein Haupt gedrückt -- und auf der Wange Fühlt’ er die rauhe, warme, gute Hand: Mein Junge bist du -- mein -- mein guter Junge -- -- Der Henker winkt. -- -- -- Die Augen fest geschlossen, Des Hagels von Geschossen schon gewärtig, Zwängt er den Kopf durchs enge Loch des Prangers; Im Hirne braust und wirbelt wilde Scham -- --
Da stößt ein süßer Schreck ihm tief ins Herz, Und seliges Erschauern rinnt ihm kalt Vom Wirbel bis zur Zeh’. Und fühlt sogleich, Daß alle, alle, die dort unten stehen, Derselbe große, stille Strom durchrinnt.
Und schlägt die Augen auf -- und sieht das Volk, Das hängt mit +einem+ Blick an seinem Antlitz Und starrt hinauf und schweigt. Und starrt -- und schweigt.
Und sieht um seinen Mund, den Blut benetzt, Ein zuckend Lächeln, sieht die dunklen Haare In feuchten Strähnen an den Wangen kleben, Und aus den Haaren, an den Wangen nieder Rinnt Blut, rinnt Blut -- so stumm und so geschäftig, Das warme Blut -- und hilflos starrt der Kopf Hervor aus schwarzer Wand, und hilflos irren Die Blicke hin und her: Wo seid ihr, Hände? Was helft ihr nicht? O wischtet ihr mir nur Das Blut vom Mund! -- Und klagend glänzt das Auge.
Und vor dem hilflos armen Kopf erbleicht Der Rat der Stadt, und ganz geheim ins Ohr Schreit gellend, jauchzend ihm die Totenstille ...
Da schwirrt vom Markt ein Lerchenstimmlein auf, Und sieh, ein Kind, ein Mägdlein, steigt behende Zum Schandgerüst empor und trägt ein Kränzlein Von Löwenzahn, den es am Rain gepflückt. Und streckt den Kranz empor und langt und langt Und kann es nicht erreichen. Und ein Greis Folgt ihm geschäftig, hebt das Kind empor, Und in die nassen, wirren Haare drückt es Mit leiser Hand den weichen, goldnen Kranz. -- --
Seit wenig Tagen geh ich fromm und froh Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär Kam mir von irgendwo und irgendwann, Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --
Das Dogma.
„Wenn aller Welten Ende nun erscheint, Dann wird ein Hirt und eine Herde werden, Und Millionen Augen werden selig Sich baden in dem einen Strom des Lichtes, Der von dem Throne des Allweisen rinnt. Dann wird kein Streiten sein und kein Entzweien; Sie glauben all an +einen+ Gott und folgen Dem guten Hirten auf die ewige Weide.“ -- Also verheißen wird’s von Priestermund.
Wer aber will die Weitverstreuten sammeln, Die hier in Wüsten wandeln, dort auf Meeren In schwankem Fahrzeug treiben -- hier auf Bergen Fernblickend schreiten, dort in tiefen Tälern Nichtsahnend schlummern in des Stumpfsinns Träumen, Und zwischen ihnen Felsen, Wüsten, Meere!? Ha, wie ihr selbstbewußt die Lippen aufwerft Zu salbungsvoller Straf- und Donnerrede, Ihr Weihrauch-, doch nicht Himmelshauchumwehten, Die ihr statt Gottes nur das Dogma kennt! Euch dünkt, gelingen müss’ es, alle Wesen Zum ewigen Lobe Gottes zu vereinen, Wenn in des Dogmenzwanges enge Hürde Die Willigen und Trotzigen, die Toren Und die Vernünft’gen ihr zusammenpfercht! Und wenn ihr frisch die Geißel schwingt, vermeint Ihr gar, der Liebe Hirtendienst zu tun! Ihr kennt der Menschheit Pilgerstraße nicht. Den ihr gefunden und uns aufgedrungen, Der ist nicht Gott; doch den wir rastlos suchen Mit ewig nie ermattendem Verlangen Und den wir jubelnd ahnen: der ist Gott!
Kennt ihr die Schranke, die den Nachbarn scheidet Vom Nachbarn, ob auch ihre Hütten traulich Im gleichen Tal am gleichen Abhang lehnen? Kennt ihr die Schranke zwischen Ich und Ich, Die selbst nicht sinkt, wenn Mann und Weib ihr Lieben In süß erschauernder Umarmung tauschen?
Ein dichtumwachsnes, engummauertes Geheimnis ist die scheue Menschenseele. Selbst nicht der Liebe Wort vermag die Fülle Des Herzens bis zum Grunde auszuschöpfen, Und nie vermählt ein Ich sich ganz dem andern. Nein, es bewahrt in frommer Keuschheit sich Für jene einzige Braut, die kommen wird, Daß wir sie ganz besitzen, wie sie uns. Einsam harrt jede Menschenbrust der Wahrheit. --
Einsam? Und ewig abgeschlossen läge Der Garten einer Menschenseele da, Nur sich erblühend und dem fernen Himmel? O nein! Prangt auch die Rose dunkelglühend Auf diesem Grund, auf jenem schimmernd weiß; Singt auch die Nachtigall in bangen Seufzern Aus diesem Strauch und schmetternd hell aus jenem, Hoch in die Luft erhebt sich Duft und Sang, Und über Hecken, über Mauern fließen In eins zusammen Klang und Blumendüfte.
Kein Menschengeist umschließt die Wahrheit ganz; Doch flammt ein Teil von jenem Lichte, das Die Welt durchrinnt, in jedem Erdendasein. Ja, selbst des Tieres Dämmerleben bebt In froher Ahnung auf zum Sonnenlicht. Und lebte wo ein Wesen, das die Gottheit Einsam im ewig Dunkeln ließe tasten, Das nimmer Teil gewänne an der Wahrheit, So wär die Wahrheit aller Lügen größte Und unerhörteste und grausenvollste. Die Wahrheit ist -- und ist darum in +allen+.
Aus allen Kehlen wird mit siegender Begeisterung der Ruf erschallen: „Land“, Wenn einst an einem großen „Allerseelen“ Wir ans Gestade der Erlösung stoßen. Dann wird des Jünglings trotzig kühnes Wort Sich mit des Greises mild bedachter Rede, Der kaum erwachten Kindesseele Stammeln Sich mit dem Hauch aus Gräbern des Vergangnen, Der Glanz im Tau, im schimmernden Gestein Sich mit dem Licht im Blick des Adlers einen, Und jeder Strom des Daseins wird erbrausen Im endlichen Triumphgesang der Wahrheit.
Ein Besuch.
In jenem Hause war ich, wo man Tiere Bewacht und füttert, welche Menschen heißen, Wo dem gebornen Wahnsinn ein Asyl Man bietet und den Stumpfsinn zärtlich pflegt, Daß dem Gesunden sich bei seinem Anblick Vor starrem Schreck das Hirn im Kopfe löst Und einen eigensinnigen Wirbel tanzt. --
In jenem Hause war ich, wo der Mensch Am Boden hockt wie ein verschüchtert Tier. Die Augen rot und stumpf, die Haare gelb Wie trocknes Stroh und schwammig aufgedunsen Die grauen Wangen --: so, sich selbst begeifernd, Die Zähne fletschend oder äffisch grinsend, Dann plötzlich wild die ungeschlachten Glieder Wie Mühlenflügel drehend, sah ich sie, Aus deren Lallen Gott kein Lob erschallt. -- Sieh diesen da, wie er die Nägel gräbt In die Matratze, wie er kratzt und kratzt, Aufwühlend seines Lagers Eingeweide: Er sucht, so scheint mir, seines Daseins „Zweck“. Und jener Greis, der uns entgegengrinst, Der närrisch tanzend unsre Hände faßt Und uns sein Spielwerk zeigt: ein blökend Schäflein, Das ihm auf Rollen durch die Stube folgt -- Mich packt und schüttelt Frost -- hinweg! -- er wird Sogleich uns gellend in die Ohren schreien: „Verfluchte Welt, wo ist mein Menschentum?“
Auf der Materie weißes Blatt gedrückt Hat hier der Geist ein schief-verschwomm’nes Bild. Stoff ohne Geist erblick ich schaudernd hier, Und tiefer schaudernd noch empfind ich Geist, Der der Materie Grenzen überschritten Und heimatlos in öder Leere schwärmt. --
In jenem Hause war ich -- wenn du dort Gewesen, mundet dir die Welt nicht mehr Für lange Zeit, und erst mit vielen Monden Rollt auch der Vorhang des Vergessens nieder. Was du gesehen, legt so schwer und dumpf Sich hinter deine Stirn, daß du nur leis Des Geistes Auge aufzuschlagen brauchst, Um stets das gleiche Grauenbild zu sehn. Und immer fragst du dich: Wozu die Sonne Am Himmel noch? Wozu noch wandeln Sterne? Warum entströmt der nimmermüden Erde Mit jedem Lenz der Auferstehung Duft? Wozu ihr blüh’nder Leib, wenn er, befruchtet, Ein Menschenkind als eklen Wurm gebiert? Ist nicht das Streben unsres Geistes, ist Nicht sein Besitz ein großer, hohler Bettel? Denn -- fanden wir das Glück -- wo bleiben diese?
In jenem Hause war ich; fortgeschleudert Von diesem Erdball schien ich mir; ich sah Wie eine taube Schnuppe ihn den Weltraum Durchirren, und von diesen Tollen einer Schlug mit der Hand danach: Ein Wölkchen Staub!
Herbei, ihr glaubensvoll beglückten Brüder, Die mitten ihr ins All den Gott uns setztet, Euch selbst zur tröstlichen Beruhigung, Herbei und wandelt mit durch diese Hallen!
Das Übel dieses Daseins ist entweder Von Gott gesandte Strafe oder Prüfung. Nicht wahr, so lehrt ihr doch? Und werft dabei Des läst’gen Zweifels brennende Gedanken Aus einer Hand behutsam in die andre, Bis sie sich abgekühlt. Warum nun wird Allhier gestraft und wozu wird geprüft? Ein artiges Problem für euren Witz! Wir Gottes Ebenbilder? Und was sind Nun diese? Gottes Ebenbilder auch? Wollt’ er in genialer Schöpferlaune Sich selbst verhöhnen, als er diese schuf? Das konnt’ er nicht! Denn Gott ist ja die Liebe, Und Liebe weint, die solchen Jammer sieht. Wie, oder büßen sie der Väter Sünden? Ich bitt’ euch, sagt das nicht, auch denkt es nicht! Denn wer es nur in meiner Nähe denkt, Dem Pharisäer fahr’ ich an die Kehle! -- Kommt mit, wir wollen lieber beten gehn. Ich bete mit, wenn mir’s schon nicht behagt, Auf eure Art zu beten. Habt ihr dort Den mißgebornen Seelen eine Kirche Nicht jüngst erbaut? Wir weihen sie nicht besser, Als wenn wir Gott in ihren Hallen suchen Und also betend vor ihm niedersinken: „Allmächtiger, gerechter Gott der Liebe! Du träufelst Tod auf die erblüh’nden Lippen Des holden Säuglings, den in Schlummer wiegt Die frohe Mutter; Sterben träufelst du Dem Mann ins heitre Aug’, das hoffend blickt Ins weite Feld der goldnen Zukunftssaaten; Zum letzten Schlaf berauschest du die Braut, Wenn schon ihr Geist im Myrtenzauber träumt -- So laß mit ernstem Ringen dich erbitten: Auf diese Stätte einen Tropfen Tod! Des Todes Wolke laß auf diesen Greuel Herniederfallen, den du nicht gewollt!“ Denn, meine Brüder im Gebet, gewiß: Jehovah reut es, daß er diese schuf. Die Bibel lehrt uns ja, daß er bereut. Er will sich nur von diesem Irrtum nicht So wohlfeil lösen wie durch jene Flut, In der er alles Lebende ersäufte. Wenn aber wir ihn bitten mit der Kraft Inbrünstigen Gebets, wenn in die Hand Wir ihm mit allem Schmerz des Mitleids fallen, So muß sich ja sein göttlich Herz erweichen, Und segnen muß er unsre Hände, wenn Sie töten, was dem Tod geboren ward. O seid versichert: Dankend und frohlockend, Mit heißen Tränen himmlischen Erbarmens Empfängt er den verlornen Staub zurück. Fortströmen läßt er ihn von neuem dann Ins All und -- um unsäglich Leid zu lohnen -- Läßt er auf bess’rem Stern zu Tage keimen, Was hier erlöst in Todesnacht versank, Läßt er, was hier verdorrt am Zweige hing, Den Morgentau des Paradieses trinken! --
Pestalozzi.
(1896.)
Ein fremder Klang fürwahr in unsrer Zeit: Der Name Pestalozzi! Zwar gehört Hat man ihn oft genug in diesen Tagen; Herab von tausend Rednerbühnen klang er Und hallte nach von Millionen Lippen; Doch der herabbeschworne Genius findet Ein anderes Geschlecht, als er ersehnt.
War er nicht schwach im Kleinen, stark im Großen? Und also ganz ein Gegenteil von uns? War er nicht ungeschickt und unbeholfen? So ratlos und so hilflos wie ein Kind? Besaß er Biegsamkeit und Witz genug Für jene vielgewandte Kunst des Rechts? Verstand er Zeit und Menschen zu gebrauchen? Verstand er zu regieren und zu herrschen? Ach, nicht einmal den eignen Vorteil kannt’ er; Den andern konnt’ er helfen, aber nicht Sich selber. Hat er jemals wohl verstanden, Zu einer „immer gleich gestellten Uhr“ Die Schule aufzubaun, zum Mechanismus, Erstaunlich, wunderbar, von einem Punkt aus Geregelt und bewegt und täglich, stündlich Abschnurrend in vortrefflich ödem Tiktak? In diesen Walzen, diesen Rädern freilich Bewegung gibt es viel und viel Geschnarre; Doch ist das Kunstwerk leider, leider tot. Was Pestalozzi schuf, war nur ein Garten, Von einem ewig frischen Quell genährt. Aus seinem Herzen stark und eben floß Der immer gleiche, reine Strom der Liebe, Und hundert welke Blumen hoben rings Die müden Köpfchen, von verschmachtetem Gezweig erglänzte junges Frühlingslächeln; Durch halb erstorbne Wesen ließ er strömen Des Lebens Atem und des Morgens Kraft -- Und diese Kunst verstehn wir leider nicht.
Er, dessen Bild euch grüßt, war ein Genie, Das heißt, er ward verachtet und gemieden, Das heißt, er ward verspottet und gehaßt. Doch solcher Geister köstlichster Besitz Ist ein geheimes, felsenfestes Wissen. Und tief gelassen zog er sich zurück In seines Ringens still beglückten Frieden. Er brauchte Kinder nur zu seinem Werk; Denn alles andere besaß er selbst. Und alle sollten klug und glücklich werden, Die ärmsten und die schmutzigsten und kränksten -- Und solcher Kinder fand er bald und viel. Sie zog er sanft in seinen Zauberkreis. Und herrlich klingt sein Wort: „Sie waren außer Der Welt; sie waren außer Stanz; sie waren Bei mir und ich bei Ihnen.“ Bebt darin nicht Der stille Jubel eines Siegergeistes? --
Die Neider kamen und verklagten ihn: Er weicht von den gewohnten Wegen ab! Er treibt es anders, als wir’s Tag für Tag Und Jahr um Jahr zu treiben längst gewohnt; Er will ein Andrer, Bessrer sein als wir. Es kann nicht gut und echt sein, was er tut; Denn wir durchschauen’s, wir begreifen’s nicht! Und als das Werk des Sonderlings man prüfte: Sieh, da durch Wolken drang zum erstenmal Die Sonne Pestalozzis klar und groß, Da ward des Ruhmes grünster Lorbeer ihm, Als man gestand: Er weiß die Kraft zu wecken. Kein höherer Ruhm ist ihm zuteil geworden; Denn höheren gewährt die Erde nicht.
Der Großen edles Vorrecht war’s von je, Im Morgensonnenlicht das Ziel zu zeigen Und neue Wanderfreude zu erwecken In müden selbst und staubbedeckten Seelen. Und ob er tausendfältig auch geirrt: Am fernen Morgenhimmel sah er deutlich Die lichten Berge unsrer Hoffnung glänzen; Mit einem Wink wies er die rechte Bahn, Und heut noch weckt in uns geheime Kraft Sein großer Blick aus großen Liebesaugen. Oh, wär er ganz lebendig noch in uns, Oh, trüg er uns aus aller dumpfen Kleinheit Zur Freiheit seiner Größe mit empor! Nun, da er längst gestorben, längst gekrönt, Nun ist es kein Verdienst, zu tausend Kränzen Noch einen neuen Lorbeer aufzuhängen. Doch bleibt uns andres, edleres Verdienst: Das Große zu erkennen und zu lieben Und aufzunehmen in das eigne Herz. Wohlan denn, Freunde, weitet euer Herz, Im Innersten den Helden zu empfangen. Groß sei euch groß, und klein sei wieder klein, Weckt aus geheimstem Seelengrund die Kraft. Wo Kraft ist, da ist Tat, und nur wo Tat ist, Ist Freiheit.
Comenius.
(1892.)
Ein Licht aus Finsternissen stieg empor: Der Frühling kam mit seinem Morgenglanze. Das Leben bricht, ein frischer Quell, hervor Und spielt mit seiner Hoffnung Blumenkranze; Was in beschränkte Sorgen sich verlor, Taucht freudedürstend wieder in das Ganze, Und alles jauchzt, vom Taumel fortgerissen: „Willkommen, holdes Licht aus Finsternissen!“
Wie fügt sich’s gut, in solcher Werdezeit Sich dankbar eines großen Manns zu freuen, Der wie ein Sämann, stets zum Wurf bereit, Durchs Leben ging, der Liebe Saat zu streuen, Der durch die Nacht geleuchtet klar und weit Mit Lichtgedanken, ungeahnten, neuen Und früh der Menschenbildung Ackerfeld Mit Sonnenschein und lindem Tau bestellt.
Aus Finsternissen stieg empor ein Licht, Als jene Furie schnob durch Deutschlands Gauen, Die, Wahn und Gier im grassen Angesicht, Das Land beschattete mit blut’gem Grauen. Recht, Ordnung, Sitte, Treu und Nächstenpflicht Vom Riesenschwert der Barbarei zerhauen -- Und unersättlich schüren neues Hassen Der Großen Laune und der Wahn der Massen.
Von Gott erwählt zu sein zum Kampf für ihn: Der Wahn läßt Deutschlands Völker sich zermalmen; Die Schwerter wüten, Völkerstämme fliehn; Das Feld steht öd; die Frucht stirbt auf den Halmen; Die Pest, den Hunger im Gefolge, ziehn Die Horden durch das Land, die Dörfer qualmen -- Haß, Wut und Mord der Scharen Religion, Ihr Götzenbild -- die heil’ge Konfession!
Von diesem Haß auch er verfolgt, gehetzt, Der edle Weise heimatlos, vertrieben, Dem Elend und der Sorge ausgesetzt! Sein Hab und Gut, was er erdacht, geschrieben, Ein Raub der Kriegesfackel noch zuletzt -- Er aber hegte treu sein großes Lieben; Und als man endlich Duldung fand und Frieden, War seinem Glauben Duldung nicht beschieden.
Und blieb im Kampfe doch ein Friedensheld! Rings blutete die Welt aus tausend Wunden, Da hat sein Geist, von heiligem Strahl erhellt, Ein tief versöhnend Ideal gefunden: Nicht mehr nach Gütern, Rang und Stand zerspellt, Nein, innig-fest nach Menschenrecht verbunden, Soll sich versammeln vor der Weisheit Stuhle Des ganzen Volkes allgemeine Schule!
Fürwahr ein Genius, der in weite Ferne Der Zukunft seines Geistes Blitze sendet! Noch heute locken uns dieselben Sterne, Zu denen er den Seherblick gewendet; Noch ladet uns die Frucht, in deren Kerne Er Nahrung für Jahrhunderte gespendet, Noch steht’s der Nachwelt staunenswürdig da, Sein stolzes Werk: ~Magna Didactica!~
„Er wußte nur die Geister zu vergnügen, Drum ließen ihn die Körper ohne Brot.“ So auch mit unerbittlich harten Zügen Trat ihm vor Augen oft die bleiche Not; Er aber sah mit seligem Genügen In eines Jenseits Duft und Morgenrot; Ein Vaterland dem müden Pilgrim wies Weltferner Schimmer: ~Lux in tenebris!~
Auf seines Lebens wechselvoller Reise Erhob ihn oft Prophetenvision. Nicht war’s ein Mann nach unsrer Zeiten Weise, Doch ein Genie und aller Zeiten Sohn. Die Sonnen ziehn in eigenem Geleise -- Was Dogma, Glaube, Sekte, Konfession! Was ihm die Nachwelt dankt mit höchstem Ruhm, War kraft- und liebereiches Menschentum.
O helft, ihr reinen Geister, die in Treuen Um unser Liebstes weit die Flügel breiten Und die, wie schwer ihm Lug und Narrheit dräuen, Den Geist des Werdenden zur Klarheit leiten! O hilf uns du, des wir uns heute freuen, Dem wir erhobnen Sinns ein Fest bereiten: Wenn wir zur Kriegesfahrt die Segel hissen, Strahl’ uns voran, ein Licht in Finsternissen!
Chidhr.
(Ein Epilog.)
Ein wunderbarer Traum hat mich besucht. Ich saß an eines Berges Hang und schaute, In einer flüchtigen Minute Raum Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten. Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen Auf Blumen sich erschließen und vergehn, Sah Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen Und wachsen, blühen, welken und vermodern, Und sah ich Menschen von der Wiege bis Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln. Ich sah sie lachen, weinen -- weinen, lachen, Sah sie verzweifeln, hoffen und -- verzweifeln, Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte, Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück In ewiger Kette.
Namenlose Trauer Sank mir mit schweren Schatten in die Seele. „Wann endlich,“ dacht’ ich, „sinnlos-blödes Spiel, Wirst du dich enden? Auf und ab und auf Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel -- Auf einer Seite staunend sitzt das Leben, Und auf der andern grinsend wippt der Tod -- Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott, Den dieses grause Einerlei vergnügt? Der ärmste Menschengeist, er hätte längst Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug Zertrümmert --!“
Wie ich also bei mir dachte, Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten -- Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen Der frohe Mund, das Auge sonnentief. Er hob den Arm und winkte freundlich „Komm!“ „Wer bist du?“ rief ich. Er drauf: „Chidhr bin ich, Der Grüne, Ewig-junge, der im Lande Der Finsternis des Lebens Quellen hütet. Komm, folge mir.“
Und Falterflug des Traumes Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen In eine schreckendüst’re Felsenwelt. -- Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge Sprang bläulich-silbern einer Quelle Strahl, Der wie ein ewig junges Lachen klang. Und Chidhr sprach: „In hundert Jahren furcht Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette Um eines Fingers Breite. Alexander, Den bis nach Indien trug der Siegeswagen, Stand einst wie du an diesem Lebensquell. Seit jenem Tage grub der Silberstrang Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein. Und einst wird diese Quelle im Verein Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen. Hier maß der göttergleiche Alexander Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens. Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen, Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen gehn.
Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle, Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht. Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten, Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht. Doch hinter weltenweiten Finsternissen Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen Und Sonnenchöre selig überstrahlt. Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß, Wie unbegreiflich schön, wie über alles Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf, Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht, Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht, Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.
O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum Den Samen senkten und nach Blumen schon Und reifen Früchten spähn! Taucht die Gedanken Ins märchengraue Alter dieser Welt Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern Der Mörder Kain seinen Bruder schlug. Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen, Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel. Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell, Noch nie ein Strom den Weg zurück genommen -- So glaube: auch der Strom des Lebens nicht. „Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Sinn der Quellen, „Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Ströme Sinn, Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen. Er, der die Welt gewollt, und dessen Namen Kein endlich Wesen nennen darf noch kann, Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen Zum Lichte gehn -- und gab euch, daß ihr’s +wißt+.“
So sprach der Ewig-junge. Oder sprach’s Der Quell? Im Silberklange rann zusammen, Was Chidhr sprach und was die Quelle sang. Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos Von dannen, und vom Tageslicht geblendet, Erwacht’ ich jäh.
Am Waldesrand erwacht’ ich, Wo singend aus dem Fels die Quelle springt, Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.
X. Sprüche und Spruchartiges.
Kopf hoch!
Freuden, die sich dir heute verschließen, Morgen wirst du sie doppelt genießen. Lächelnd einst blickst du auf heute zurück; Alles wird einst Erinnrungsglück.
Glaub’s!
Ich sag’s mit Ernst: Bleib froh gesinnt! Werd ganz ein Mann und bleib ein Kind! Nimm klein nicht groß, nimm leicht nicht schwer! Es hilft zu nichts; es drückt nur mehr.
In ein Kinderalbum
zum Besten kranker Kinder.
Mein Kind, gelangst du einst zu Rang und Ruhm und Macht -- Ein Mann und Vater sagt dir dieses mit Bedacht: Erwächst aus deinem Tun nur +einem+ Kranken Heil, So sei dir dieser Ruhm um keinen Lorbeer feil.
Freundliches Schicksal.
Mensch, schließ der Auster gleich dich ein und laß kein Loch, Es hilft dir alles nichts; gefressen wirst du doch. Bleib aber eingedenk: der Lose schönstes ist, Wenn dich wie jenes Tier ein Mensch vor Liebe frißt.
Zur Seelendiät.
Wenn Verleumder kleinlich dich begeifern, Wurmt’s dich auch, du sollst dich nicht ereifern. Frage dich -- das wird dir Ruhe schenken --: Wie werd’ ich nach Jahren drüber denken?
Triumph!
O Menschheit von heute, nun hast du Flügel! Zur schwebenden Schwinge machst du das Erz. Dein Leben rast ohne Zaum und Zügel; Nur eins schläft langsam ein: dein Herz.
Zweierlei Begeisterung.
Begeistrung nur beginnt ein großes Werk, Und nur Begeistrung führt’s zum guten Ende. Sie wirft den ersten Blitzstrahl in den Geist; Sie führt ans Ziel die nimmermüden Hände.
Durchhalten.
Ein erster Sturm, ein rasches Wagen Gelingt wohl auch dem wilden Blut. Stark sein heißt schlagen und ertragen. Nur langer Mut ist Heldenmut.
Schützensprüche.
Sich’re Hand und klares Auge, Ob das nur dem Schützen tauge? Nein, es frommt in jedem Stand Klares Aug’ und sich’re Hand.
Was die Welt erfüllt, das sauge Durstig ein mit weitem Auge; Was dir dient in Meer und Land, Ohne Zittern pack’s die Hand.
Daß dein Werk dem Ganzen tauge, Stärk’ die Hand und schärf’ das Auge; Wer mit Ruh’ eräugt sein Ziel, Lenkt die Kugel wie den Kiel.
Freund, halte die Brust nicht allzu keck Den Pfeilen der Feinde offen; Denn hast du das Herz auf dem rechten Fleck, So wird es sicher getroffen.