Chapter 4 of 8 · 5761 words · ~29 min read

V.

Mit schlechten Schützen treibe nicht Scherz Und merke, mein Freund, dir eines: Ihr Bolzen trifft ein großes Herz Weit leichter als ein kleines.

Passionsgeschichte.

„Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Und sieh, ein Licht ist dort entglommen, Das überstrahlt das Erdenrund, Und seine Macht ist allen kund. Und heute wie zu Christi Zeiten Nasrümpfen alle Dumm-Gescheiten, Des alten Wahnes unbenommen: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“

Ewig dasselbe.

Die großen Geister werden recht erkannt Erst, wenn sie tot. Die kommenden Geschlechter Empfinden dann mit hochgequollner Brust, Daß sie verständnisvoller und gerechter.

„Wie konnte man nur jenen großen Alten Die lauteste Bewundrung vorenthalten! Wie klein sind gegen diese Koryphäen Der ‚Jetztzeit‘ Epigonen und Pygmäen!“

So schwatzen sie und treiben’s unverdrossen Nach altem Stil mit ihren Zeitgenossen.

Anwartschaft des Ruhms.

Ein Schwätzer schmähte jüngst ein Werk von Künstlerhand. Der Pöbel fiel ihm bei. Ein andrer Künstler fand Dies Werk und sah’s mit Lust und rief gar, als er dann Den Mob gehört, voll Schmerz: „Beneidenswerter Mann.“

Gefahrvolles Schwanken.

Laß die entschiedene Kraft nicht wechseln in dir mit der Schwachheit, Oder du weckst dir gewiß Fluch nur, Verachtung und Hohn. Wenig Stärke genügt, der Schwächlinge Haß zu entfesseln; Ihn zu bezwingen, verlangt Tatkraft, die nimmer sich beugt.

Schwerstes Unglück.

Kein Dornenkranz, den uns das Schicksal flocht, Bohrt so ins Hirn sich wie der Reue Zahn, Wenn wir ein großes Werk zu tun vermocht Und tun gesollt -- und feige nicht getan.

Spruch.

Wie manchen hat ein Zufall nur gestürzt! Er schleicht verfemt, verachtet durch das Leben -- Du fluch ihm nicht; daß du gestrauchelt, sei Dir Grund genug, Gefallnen zu vergeben.

~Hic Rhodus.~

Sucht ihr der Freiheit schlimmste Feinde? Betrachtet die übergroße Gemeinde, Welcher die Knechtheit sitzt im Bauch, Die lieber atmet in Qualm und Rauch, Als hinauszuwandern auf muntern Füßen, Selber das Morgenrot zu grüßen. Wie jeder von Freiheitsreden schwitzt! Aber vom Recht, das er längst besitzt, Macht so ein widerwärtiger Gauch Aus lauter Faulheit keinen Gebrauch.

Erkennen und Lehren.

Zu der Erkenntnis Höh’n klimmst du aus finsterem Tale Freudig-sicheren Schritts; droben ja winkt dir das Licht! Aber willst du von sonnigen Höhen die Gabe des Lichtes Tragen ins finstere Tal, fehlt dir im Dunkel der Pfad.

Guter Rat.

Heut, da die Ohnmacht sich brüstet und Meinungen jeder zu Markt trägt, Die er vom Baume gerupft, eh die Vernunft sie gereift, Sei dir ein Weggenoß im tollen Gedränge der Zweifel; Aber im Frieden für dich pflanze der Zukunft die Tat.

Einem Neunmalweisen.

Ein Stümpchen Licht, mein Freund, strahlt hell genug, Ein Fleckchen Rost auf edlem Stahl zu finden; Doch einer Sonne Glanz nur kann dem Trug, Dem Graun der Nacht die bange Welt entwinden.

Moderne Gesellschaftsstützen.

„Dem Ernst gehört die heutige Zeit Dem praktischen Verrichten! Heut’ ziemt’s dem wahren Manne nicht, Zu träumen und zu dichten!“

So spreizt sich in der Gegenwart Staatsmann, Soldat und Krämer Und dünkelt sich, an männlichem Ernst Shakespeare und Schiller beschäm’ er.

Frommer Eifer.

„Vermißt du dich, mit Gott zu rechten Und seinen Ratschluß anzufechten?!“ So fauchen zornerbebend die Pfaffen Und lassen vor dir die Hölle klaffen,

Wenn du rechtest mit +ihren+ Verdrehungskünsten, Mit +ihren+ pfiffigen Hirngespinsten, Wenn du, weil du nach Gott verlangst, Für einen Popanz dich bedankst.

Zeitbild.

Einem andersgläubigen Prinzen Wird sie sich demnächst vermählen; Darum abtun ihren Glauben Wird sie und den seinen wählen. Einst die religiöse Hebung Schnöder Untertanenseelen Wird mit gottgewisser Salbung Sie der Geistlichkeit empfehlen.

Kollegialität.

Wer kennte die Herren Kollegen nicht, Die unsere Leistungen benagen, Wenn wir, die ihnen „so gut bekannt“, Ein Neues, Unerhörtes wagen!

Das sind die Kritiker, die stets Die „größeren Alten“ zu Markte tragen -- Hätte Christus mit ihnen die Schule besucht, Sie hätten ihn mit ans Kreuz geschlagen.

Auf einen Typus.

Der schnöde Knirps! An den größten Mann Drängt er sich brüderlich-frech heran, Weil er ihn hie und da verstand. Ja, wenn einst Gott am Zeitenrand Uns löst das Rätsel dieser Welt, Ruft er: „So hab’ ich’s mir vorgestellt! Du hast mir das Wort vom Munde genommen; Ich konnte nur nicht auf den Ausdruck kommen.“

Tatsache!

Und es ist so, was ihr auch zu sagen beliebt; Ich beweis’ es, bis jeder Zweifel zerstiebt, Und ich schwör’ es euch zu mit tausend Eiden, Und Naturhistoriker mögen’s entscheiden; Wahr ist es und bleibt’s: daß es Flöhe gibt, Die den Adler um seinen Flug beneiden.

Fortschritt.

Ein Hündlein lief vorm Wagen her, Machte dem Pferd die Arbeit schwer. Das wackre Tier nicht stehen blieb Und vor sich her den Köter trieb. „Die Hundeseelen“, so dacht ich heiter, „Sie bellen; aber sie müssen weiter.“

Geburtstagsverse.

Einem Fünfzigjährigen.

Die, eigner Stärke bar, auf fremde Schwächen lauern, Sie möchten gar zu gern das Leben dir versauern. Allein des Lebens Mahl, wofern es sonst geraten Und man noch Zähne hat, schmeckt auch als Sauerbraten.

Desgleichen.

Dem Dichter, wenn ihm schon das Haar ergreist, Die Muse immer höh’re Gunst erweist. Er blüht und reift -- sein Alter ist nur Schein -- Und wächst voll Lust in Gottes Schoß hinein.

Einem Sechzigjährigen.

Das Schönste hat man dir gesagt, gewünscht -- Und doch bleibt mir noch eins zu wünschen -- leider! Bewahre dich in Sieg, Triumph und Glück Ein guter Gott vor dem Geschmeiß der Neider!

Einem Fünfundsiebzigjährigen.

Der braucht mit nichten zu zagen, -- Was auch die Zeit entrafft -- Dem stark das Herz geschlagen; Du lebst noch fernen Tagen Nach Mayers Erhaltung der Kraft.

Dein Werk ist still-lebendig -- Mag Schnee darüber weh’n -- Die Kraft sitzt ihm inwendig, Die wacht und wirkt beständig. Im Frühling wird man’s seh’n.

Marie v. Ebner-Eschenbach.

(Zum 80. Geburtstage.)

Wer wurde nicht fromm, wenn du erschienst? Melde mich auch zum Mariendienst Und wollte, meines Mundes Hauch Würd’ lauter Myrrhen und Weihrauch. Zwar wehrst du dem Dank mit schlichtem Mut; Aber unseren Herzen tut er gut.

Petrus Rosegger.

(Zu seinem 70. Geburtstage.)

Der Peter saß mit frommem Sinn, Flickte sein Netz und sang dazwischen. Sprach Jesus: „Leg die Nadel hin, Von nun an sollst du Menschen fischen“.

Mozart.

(1906.)

Über Rosenwolken ein geflügelt Schreiten, Gott im Auge, Blumen in der Hand; Dann ein jähes, großes Flügelweiten In das ewige, das dunkle Land.

XI. Fröhlicher Krieg.

Frau Beate Stupiditas.

Stupiditas, das gesunde Weib, Saß am Markt und sonnt’ ihren Leib, Tät über dem Bauch die Hände falten Und feil einen Korb voll Fische halten. Fett glänzt’ ihr Haar und breit ihr Scheitel; Auf ihre Hüften war sie eitel; Um Hüften saß und Schultern breit Zum Platzen glatt ein honettes Kleid. Schon zwanzig Minuten in guter Ruh Sah sie einem Orgeldreher zu Und sah die Kurbel sich drehn und drehn, Konnte daran nicht satt sich sehn. Hinter den Wangen blank und dick Quoll hervor der bleierne Blick; Die Unterlippe sank so tief, Daß ihr das Wasser vom Munde lief. Mit einem Male „hihi, huhu!“ Lachte sie laut und gluckste dazu; Denn über den Markt mit Wimmern und Schrein Hinkte ein Hündlein mit blutendem Bein; Johlende Buben hinterher, Bewaffnet mit Steinen groß und schwer. Kam auch daher eine Nachbarin, Hatte ein Kind im Bündel drin: „Ach gute Frau Stupiditas, Ihr wißt ja doch immer zu allem was; Seht nur die Augen von meinem Kind! Wie rot und dick! Es wird noch blind!“ „Bind’t Nußschalen drauf, tut Spinnen darein, Die saugen die Augen blank und rein.“ Stupiditas ist früh und spat Geschwind zur Hand mit klugem Rat; Die Leute plaudern gar gern mit ihr; Denn reden kann sie dort und hier. Der Bürgermeister, der Syndikus Nicken ihr würdig vertrauten Gruß; Die Ältesten, eh’ sie zu Rate gehen, Bleiben bei ihr ein Weilchen stehen; Der Richter und der Staatsanwalt Machen bei ihrem Korbe halt Und forschen bei ihr, ob sie jemand weiß, Der der Obrigkeit gezeigt den Steiß. Dem Priester küßt sie den Mantelsaum, Er sieht sie gern im heil’gen Raum; Der Deputierte Schwenkebier Holt sich ~vox populi~ von ihr, Und der Professor und Meister der Schule Läßt einen Vortrag von der Spule, Behauptet am Schluß mit schmunzelnder Ruhe: „~Faber quisque fortunae suae.~“ Stupiditas stöhnt: „Ach Gott, wie gelehrt!“ Und fühlen beide sich hoch geehrt; Dann schwärzt sie ihm einen Dorsch mit ein, Der töter ist als sein Latein. Sogar von der Oper der Herr Tenor Singt ihr ein paar Passagen vor; Ihr Blick verschwimmt in Dampf und Dunst Und winselnd haucht sie: „Die Kunst, ach die Kunst?!“ Mit einem Male -- halli hallo! Was jagt durch die Gassen mit Joh und Oho? Sie bringen einen in Ketten gebunden, Der hat ein künstliches Brot erfunden, Für jeden erreichbar! Zu Ende die Not! Darum auch schlägt man ihn heute tot. Stupiditas mitten unter der Menge, Verliert einen Schlarren im Gedränge; Aber wild-begeistert und heiter Schlampt sie auf einem Pantoffel weiter. Wie schwappt ihr Fleischwerk auf und ab, Ein Haarschwips hängt bis zum Kinn herab! Die Menge rast, die Zähne gefletscht, Einer erdrückt, ein andrer zerquetscht, Ein Dritter unter Rädern zermalmt, Daß Hirn und Blut vom Pflaster qualmt; Aber es gibt zu schaun, zu schaun! Ein Erfinder wird totgehaun! Der hebt noch die Hände beschwörend und spricht -- Und sieht Stupiditas ins Gesicht -- --: Da erblaßt er tief und verstummt sogleich Und neigt sich lächelnd dem letzten Streich. Plötzlich vom anderen Ende -- ei! Tatarata und Hochgeschrei! Ein weiter Platz von Menschen erfüllt; Ein großes Denkmal wird enthüllt. Stupiditas mitten im Schwarme dicht Hört zu dem Redner mit sanftem Gesicht: Hört von des Gefeierten Kampf und Not, Von seiner Sorge ums liebe Brot, Wie er vergeblich sein’ Kraft verschwendet Und endlich im Wahnsinn einsam geendet. Stupiditas macht das Mäulchen klein Gleichwie ein sanft-fromm Mägdelein, Spricht seufzend zur Nachbarin: „Schrecklich, nicht? Wie schwer das Große Bahn sich bricht!“ Da plötzlich wird es ihr licht im Sinn: „Ich will’s ihr sagen, Gevatterin: Die Dummheit! Die Dummheit! Wär’ die aus der Welt, ’s wär’ um uns alle besser bestellt!“

Trotz der Lüge.

Hast du dir in der Seele Gelobt mit starkem Eid, Zu kämpfen für die Wahrheit In jedem Erdenstreit, So darfst du nie dich zeigen Entwaffnet und besiegt, Wie schreckbar auch und drohend Der Feind im Felde liegt.

Vielleicht, daß ein Gewalt’ger Dich richtet und verdammt, Weil deines Geistes Leuchte Zu hell die Nacht durchflammt; Doch schlimmer sind die Feinde, Die meuchlings dich bedroh’n Mit Trug und feiger Lüge, Mit scheelem Neid und Hohn.

Du wirst sie kennen lernen, Die angstvoll-herbe Qual, Daß du um solche Feinde Verzagst am Ideal, Daß alles dir im Geiste Zusammenbricht und fällt Und dir entgegendüstert In öder Nacht die Welt.

Dann aber darfst mit nichten Du still von dannen gehn, Es darf in deinen Augen Nicht eine Träne stehn! Sonst bricht in frechen Tönen Der Feinde Jubel los; Sie nähren ihre Freude Mit deinen Schmerzen groß.

Nein, lachen sollst du, lachen Der schnöden Meuchlerzunft! Und ob sie schon nicht hörten Die Stimme der Vernunft, Ob sie des Mitleids Regung Fühllos vernommen nie -- Dein trotzig, fröhlich Lachen Betäubt, vernichtet sie.

Da prallen Pfeil und Lanze Von deinem Panzer ab; Du schreitest klaren Auges Hin über Tod und Grab. Die Feinde werden scheuen, Führst du mit Lachen Krieg Und mit geruhigem Glauben An den gewissen Sieg.

Adler und Pfau.

„Welch dummer Stolz,“ so sprach der Adler einst Zum Pfau, „um solch ein glänzendes Gefieder, Da man doch eine Stimme hat, Die allen Hörern gleich zuwider!“ „Du sprichst vom Hahn?“ versetzt der Pfau frohlockend, „Ei freilich, dieser Geck, auf seinem Miste hockend! Mit seinem Schrein beleidigt er mich täglich; Auch mir ist längst sein Dünkel unerträglich.“

Schwan und Gans.

„O Schwester!“ sprach der Schwan zur Gans, „O Schwester, könnt ich mich doch dir vergleichen! Du übertriffst mich weit durch deines Kleides Glanz; An edler Windung muß mein Hals dem deinen weichen, Oh, glitt ich auf dem See dahin So stolz wie du, der Wellen Königin!“ -- Das Gänschen sprach: „Ich seh es, in der Tat, Wie sehr mich die Natur bevorzugt hat; Den eignen Wert erkenn’ ich mehr und mehr, Und deine Huldigung erfreut mich sehr.“ -- „Du dumme Gans!“ fuhr da der Schwan heraus, „Glaubst du, mein Schmeicheln wollte da hinaus? +Dein+ Lob zu singen, tat es mir nicht not!“ Und wütend biß der Schwan das Gänschen tot. --

Die beiden Hähne.

Ein junges, keckes Hähnchen schrie Hell in die Luft sein Kikriki. Das klang so kräftig-wunderbar, So herzerfrischend-morgenklar: Tausend Nachtmützen, unerhört! Wurden vom Kissen aufgestört.

Beschwichtigend rief ein alter Hahn: „Schlaft weiter!“ Ich hab’ es nicht getan, Nicht ich, der amtliche Wächter im Hof, Der besoldete Dünger-Philosoph. Es war die Stimme des Dilettantismus, Ein frecher Neuling war’s, der schrie. Es hat keine Ahnung, das gute Vieh, Vom akademischen Kikerikismus.

Das Zentral-Eichamt.

Der Affe Bimbo saß im Wald Und rezensiert’ mit Mordsgewalt: „Ich“, rief er, „bin dazu berufen, Die Sänger richtig abzustufen. Es ist zum Lachen und Entsetzen, Wie sich die Leutlein überschätzen. Ich werde sie nunmehr rangieren Und ihren Größenwahn kurieren. Die Nachtigall dünkt sich die Erste. Daß sie nur nicht vor Dünkel berste! Mein Zeugnis lautet: ‚2-3‘! Dem Buchfink geb ich eine ‚2‘. Die Drossel -- wenn sie’s auch verletzt -- Wird ‚3-4‘ von mir geschätzt; Dem Kuckuck, ist er auch nicht frei Von Mängeln, geb ich ‚1-2‘; Rotkehlchen, Lerche (Anempfinder!) Sind ‚4-5‘, nicht mehr, nicht minder --.“

So sitzt der Affe und orakelt, Und jeder Stolz wird abgetakelt.

Der Rabe hört und sieht es stumm, Dann wird ihm das Gewäsch zu dumm. Er lacht aus vollem Hals und spricht: „Bedenk, du aufgeblas’ner Wicht, Du würdest nicht Zensuren schrein, Wenn du nicht glaubtest, +Mensch+ zu sein.“

Der alte Hahn.

Ein alter Hahn, Der stets mit Fleiß das Seinige getan, Lag schnappend, abgelebt und mager Auf seinem Sterbelager, Und schluchzend, Glucksend Umstand der Gattinnen, der Kind’ und Kindeskinder Heer Den armen Mann. „Ach, meine Lieben, ach,“ so keucht’ er schwer, „Wie ich gelebt, ich kann Vor Gott und Hühnern es nicht eben rühmen. Ich folgte nur zu gern den ungestümen Begierden meiner Brust; Umkrallt hielt mich die schnöde Sinnenlust; O glaubt es, glaubt es mir: sie ist vom Teufel! Jetzt steht mir’s außer Zweifel. O meine Lieben, seid --“ er haucht’s gewaltsam Mit letzter Kraft -- „Geliebte, seid enthaltsam!“ Erschöpft sank er zurück.

Das Korps der Hennen Ließ nicht mit Sicherheit erkennen, Was seine Meinung sei. Man widersprach nicht, stimmte aber auch nicht bei Und sah zu Boden keuschen Angesichts. Auch Söhn’ und Enkel sagten lange nichts -- -- -- Bis dann der jüngste, Nicht geringste Der Gockel doch das Schweigen brach Und sprach: „Verehrter, heißgeliebter Urpapa! Von deines Worts erhabener Gewalt Erschüttert steh’n wir da; Bewahren wollen wir es im Gedächtnis Als heiligstes Vermächtnis. Wir freilich sind nun wohl zu alt, Um einen andern Weg noch einzuschlagen; Doch wollen wir’s -- das schwören wir dir zu -- Mit Ernst und Nachdruck +unsern Kindern+ sagen!“

Darauf verschied der alte Hahn in Ruh’.

Wahlgeschichten.

1. Der Regierungskandidat.

Die Hasen wollten sich vertreten lassen Durch einen Abgeordneten beim Jäger: Das sollte den aufs Blut bedrängten Massen Ein Anwalt sein und ihres Rechtes Träger. Da trat des Jägers Hund in ihren Kreis Und sprach -- er ließ sich gern herab zu wedeln --: „Wer euch noch einen bessern Anwalt weiß Als mich, der rede frei heraus, ihr Edeln! Des Jägers Ohr, so darf ich schmeicheln mir, Besitz ich ganz, und unverbrüchlich treu Fühl ich mit euch, wohlweises Mitgetier, Vor unserm Herrn die gleiche fromme Scheu. Bekannt sind beide Teile mir auf Grund Langjähriger Erfahrung, und beständig War mein Int’resse -- dafür bin ich Hund! -- Für Jäger wie für Hasen gleich lebendig --“ Da scholl Hurra aus tausend Hasenkehlen, Und jeder drängte sich, den Hund zu wählen.

2. Die freie Wahl.

Erloschen war des Hundes Wahlmandat. Der Jäger schoß die Hasen tot wie immer. Da flog ein Etwas durch den Hasenstaat Wie erster, schwacher Freiheitsmorgenschimmer. Zur Neuwahl ließ der Hund die Hasen laden; Er rief bewegt: „Man juble, man erstaune! Mein Souverän von Blei und Pulvers Gnaden Erwachte heut in liberaler Laune. Er will, daß jeder frei sein Wahlrecht übe Und ganz nach seiner Überzeugung stimme, Wer frech das Bild der Volksabstimmung trübe, Dem droh er schwer mit seinem höchsten Grimme. Dies ist sein Wunsch. Doch wünscht der Herrscher auch, Daß ich euch klug zu wählen, gründlich lehre, Daß ich des Rechts unwürdigen Gebrauch Beleuchte durch der Folgen ganze Schwere. Hört nicht auf Freiheitsphrasen, wüst und hohl -- Ihr könntet eure Lage noch verschlimmern -- Die Wahl ist frei! -- Doch was zu eurem Wohl --“ Hier ließ der Hund die Zähne freundlich schimmern -- Und wunderbar: bei vorgenommner Wahl Fiel auf den Hund der Stimmen ganze Zahl.

3. Die moralische Konsequenz.

Und wieder Wahl nach abgelaufner Frist! Zur Zeit der Schonung ward sie angesetzt, Da von den Hasen nichts zu holen ist Und sie sich mehren dürfen ungehetzt. Des Jägers Büchse hatte den Etat An feisten Hasen reichlich eingebracht. Er sprach bei sich: „Gelegne Zeit ist da, Daß man zum Schein ein Zugeständnis macht.“ Da ließ der Hund die Hasen sich versammeln. „Der Jäger will,“ so rief er durch den Hain, „Ein Hase soll, vernehmt’s mit Dankesstammeln, In Zukunft euer Deputierter sein. Denn was sein Volk bewegt im tiefsten Grunde -- Der Herrscher nimmt es ernst mit seiner Pflicht! -- Vernehmen will er’s nun aus Hasenmunde; Ich aber kandidiere diesmal +nicht+!“

Die Hasen wählten wie aus einem Mund Zu ihrem Abgeordneten den Hund.

Lehrreiche Fabel.

Vom Zaune schreit ein hocherzürntes Spätzchen, Ein recht gefräßig-dummes Straßenmätzchen: „Wie ärgert mich doch diese Nachtigall! Sie hört nicht auf, mit ihrer Stimme Schall Tagaus, tagein die Hörer zu entzücken. Mich will kein Mensch mit seiner Gunst beglücken. Bequemt sie nur zu einem Seufzer sich, Dünkt mein Gesang den Menschen lächerlich. Gewiß: Sie hat Talent, ist musikalisch, Doch daß sie’s zeigt, ist unkollegialisch!“

Denunziation.

„Huldvollst geruhten Seine Majestät Dies köstliche Bonmot zu machen: --“ Und ein paar Worte folgen drauf, Zum Weinen nicht und nicht zum Lachen. Nur Unsinn ist es eben nicht, Was Seine Majestät da spricht; Doch das genügt den öden Kriechern, Sich untertänigst totzukichern. Schleppt vor den Richterstuhl die Lecker, Ihr Hochverratsprozeßaushecker! Wenn Kön’ge reden mit Vernunft, Als Wunder rühmt’s die Schmeichlerzunft!

Zweifelhaftes Heldentum.

„Vivat die Propaganda der Tat!“ Ei, Ihr seid mir ja mutige Kerle! Verputzt die Welt wie eine Schmerle Oder wie einen Kopf Salat.

Ein roher, hinterlistiger Mord: +Die+ Tat ist feiger als ein Wort, Das einer ruhig und unverzagt Euch Dummköpfen grad ins Gesicht gesagt.

Die unterbrochene Predigt.

Beim Gottesdienst auf freiem Felde hielt Ein wütend Pfäfflein eine Donnerpredigt. Mit seines Herrgotts schärfsten Blitzen spielt Das Männlein ungeniert und unbeschädigt. Er spricht von einer fernen großen Stadt, Wo eine Seuche alt und jung verschlingt, Wo Tag und Nacht durch Werk- und Schlummerstatt Der Wimmerton der Sterbeglocke klingt. „Seht,“ ruft er, „seht allda den Finger Gottes! Seht, wie der Herr die Glaubenslosen schlägt! Gott ist gerecht! Wie auf die Stadt des Spottes Der Herr nun endlich seine Hand gelegt --“ Er hob den Blick. Da flog ein Vogel, und Der schloß durch ein Geschenk aus seinem Schoß -- Ein seltner Glücksfall -- ihm den losen Mund -- Der Vogel, wie mir schien, war ziemlich groß.

Hier sah der Mann den Finger Gottes nicht, Und das mit Recht. Denn es bedünkt mich schier: So viel Gefühl, zu strafen diesen Wicht, So viel Vernunft besitzt wohl auch ein Tier.

Der Sieger.

Der Löwe hält auf offnem Felde Hof, Und ihn umgibt der Tiere bunt Gewimmel. Ein kohlenblanker Rappe naht dem Thron, Mit ihm zugleich ein blütenweißer Schimmel. „Erhabner König, schlichte du den Streit,“ So riefen sie, „wer schöner von uns beiden. Ob Schwarz, ob Weiß der Schönheit Preis gebührt, Wir stritten lang darum; du magst entscheiden.“ Der Leu versinkt darauf in tiefes Sinnen, Wiegt schwer und lange sein erlauchtes Haupt. Da tritt bescheidnen und gesenkten Blickes Ein Esel vor und näselt: „Wenn’s erlaubt, Daß ich mit meinem Rat euch unterstütze, Ist weder Schwarz noch Weiß zu etwas nütze. +Extrem+ sind schwarze so wie weiße Haare, Und in der +Mitte+ lag noch stets das Wahre.“ „Ha!“ rief der König aus, „nicht Schwarz, nicht Weiß -- Dir, weiser Freund, gebührt der Schönheit Preis; Du fährst am besten, du, in diesem Streit der dritte, Ein grauer Esel nur, und doch die goldne Mitte!“

Der Kritiker spricht:

Gott ist gewiß ein begabter Mann; Nur glaubt er, daß er alles kann. Säuseln will er und will gewittern -- Ich meine, er sollte sich nicht zersplittern. Am besten gelingen ihm die Kamele, Die schuf er mir recht aus der Seele. Das ist sein Fach! -- Und ich sollte denken, Er könnte sich wohl darauf beschränken.

Göttliche Komödie.

Zwei Zeitungen haben voll Gift und Wut Erbitterten Krieg miteinander gemacht; Ich habe darüber frohgemut Mich krank -- und endlich gar tot gelacht.

Doch als sie einander mit Würde sodann Im Anstand Lektionen gegeben, Da packt’ es mit Rütteln und Schütteln mich an, Und ich lachte mich wieder zurück ins Leben.

Das erlösende Wort.

Ich hatte mich eifrig fürs Ganze gemüht; Viel Arbeit und Ärger war mir erblüht. Ich kämpfte, schuftete ums Gelingen -- Mir sollt’s und konnt’s keinen Vorteil bringen.

Da kommt so’n Mensch, den Gott in die Welt Als Stütze für’n Naströpfel hingestellt, Und sagt ganz frech hinter meinem Rücken: Ich wolle mich nur mit Lorbeern schmücken.

Zwar dumm war’s, doch auch niederträchtig; Drei Tag’ lang war mir’s im Herzen nächtig. Am vierten aber, da fiel mir’s ein: „Der Kerl ist ein Gesinnungsschwein.“

„Gesinnungsschwein“ -- famos! famos! Gleich war ich allen Kummer los. Muse, hab’ Dank für das hehre Wort! Ich pfeif mir ein Lied und wirke fort.

An einen außerordentlichen Professor,

so mich mit einem Elefanten verglich.

Symbol der Weisheit ist der Elefant, Und heilig hält man ihn am Flusse Ganges; Er ist des Buddha irdisches Gewand; Ganesa, Gott der Künste, des Gesanges, Wird elefantenhäuptig dargestellt; Auf Elefanten ruht das All der Welt; Ein Elefant ist Indras Schlachtgenosse --

Nie hört ich gleiches vom Rhinozerosse.

An einen Erfolggekrönten.

„Wie sich Verdienst und Glück verketten, Das fällt den Toren niemals ein.“ Du wirst dich vor dem Schimpf nicht retten, Ein „Tantiemenhecht“ zu sein. Brauchst aber nicht viel danach zu fragen. Laß du getrost deine Villa ragen Und in Goldschrift über der Tür anbringen Die Einladung Götzens von Berlichingen.

Päan.

Heute will ich mit Harfenton Weiber und Männer besingen, Die Europens faule Kultur Fabelhaft vorwärts bringen. „Umjewertet muß alles sein!“ Dies ist ihr großer Gedanke. Ärmliches Rinnsal nur ist der Nil; Aber ein Strom ist die Panke.

„Spießer“ wäre, wer bei der Frau Und den zwölf Kindern bliebe! Nur ein doppelter Ehebruch Ist genialische Liebe. Eines verbotenen Ehebands Lieblich-heimliche Schlingung Ist für eine erhöhte Kultur Allererste Bedingung.

Äußerst wichtig ist außerdem, Daß du nicht zahlst, was du schuldest, Und kein achtungverletzendes Wort Von dem Gläubiger duldest. Wenn dein Schneider die viere streckt, Soll er doch ruhig verrecken! Gott sei Dank ist die Menschheit da, Um das Genie zu bezwecken.

„Wahrheit“, „Ehre“, „Gerechtigkeit“ Is ja man „Quatsch mit Soße“. Alles, was andere schaffen ist Kitsch; +Euer+ Tun ist „das Große“. Was euch ragend im Wege steht, Haut es in Knäuel und Klumpen -- „Herrenmenschen“ nennt man euch dann! (Früher sagte man „Lumpen“.)

Hamlet im 20. Jahrhundert.

Letzte Szene. Der König, die Königin, Hamlet und Laertes liegen als Leichen auf der Bühne.

+Fortinbras+ (Herr Schulz):

Laßt vier Hauptleute Hamlet hoch zu Throne Gleich einem Krieger tragen: bei dem Zug Laßt Feldmusik und alle Kriegsgebräuche Laut für ihn sprechen! Nehmet auf die Leichen! (Zum Publikum:) In Arrangierung solcher Leichenzüge Ist unsere Firma ohne Konkurrenz. Zur Übernahme von Beerdigungen Sowie Beschaffung feinster Trauerroben Empfiehlt sich dem verehrten Publikum +Das Trauermagazin von Schulz & Söhne+.

(Trauermarsch. Der Vorhang fällt langsam.)

Nibelungenstrophen des Oberlehrers Ambrosius Fuchser[4].

1. ~Probatum est.~

Uns ward in diesen Tagen verheißungsvolle Mär; Von einem mitteldeutschen Gymnasio kam sie her. Von Sexta bis zur Prima jedweder Tadel soll, Den sich ein Schüler zuzog, geschrieben werden in ein Protokoll.

Zum Beispiel, wenn in Sexta ein Kind so ruchlos war, Ein andres Kind zu zupfen am Ohre oder Haar, Vielleicht es gar zu piksen im dicksten Teil des Beins, So nimmt der Lehrer Feder und Protokoll her und notiert ihm eins.

Dort bleibt nun +bis zum Abgang+ das schnöde Schandmal stehn, Und all und jedes -- wär’s auch das winzigste Vergehn -- Trägt man +mit echter Tinte+ in diese Blätter ein. (Das Buch muß selbstverständlich zu diesem Zweck ein ziemlich dickes sein!)

Steht nun der bange Jüngling im Abiturium, So wendet der Herr Schulrat bloß diese Blätter um. Nicht fürchtet ihn der Fromme -- den Bösen trifft sein Fluch; Des Prüflings ganze Seele, sie liegt ja offen vor ihm wie ein Buch!

O Heil der neuen Schule, die Konduiten schreibt, Daß auch der kleinste Fehler nicht ungeahndet bleibt! Hätt’ also man den Goethe traktiert von Anfang an, Er wär vielleicht geworden ein tugendhafter, ordentlicher Mann.

2. Der Fleck.

O großer, hehrer Schiller, ich geb es gerne zu: Nicht nur ein großer Dichter, ein großer Mensch warst du. Du hieltst in reinen Händen das hehre Ideal, Und das ist stets zu loben, in unsrer tief gesunkenen Zeit zumal.

Doch eins, o großer Schiller, gereicht dir nicht zur Ehr; Du reistest +ohne Urlaub+ zur Räuber-Première. Wo hielt dein guter Engel, o Schiller sich versteckt, Als du dich so vergingest! Das war, ach, nie und nimmermehr korrekt!

Sieh, wenn so stark dein Herz dir nach jenem Mannheim schlug, So war’s nicht mehr als schicklich, um Urlaub ein Gesuch Auf längsgefalztem Bogen, mit Achtungsstrich zuletzt, Zu schreiben an die hohe Behörde, welche Gott dir vorgesetzt!

Und wenn man’s dann dir abschlug, so war es sonnenklar, Daß es zu deinem Besten und Schwabens Wohle war. Doch daß du schwänztest -- warst du auch zehnmal ein Genie -- Das bleibt ein Fleck, o Schiller, in deiner sonst so reinen Biographie! -- --

3. Zur sozialen Frage.

Ich las in einer Zeitung von einer Ladnerin, Die aus der Kasse Geld nahm, das sich befand darin. Zum Glück ward die Verworfne zur rechten Zeit erwischt Und fortgeschleppt zum Kerker, daß ihr Charakter werde aufgefrischt.

Bezog sie auch pro Monat nur dreißig Mark an Lohn Und war er einbehalten seit zweien Monden schon, Weil sie zerschmissen hatte verschiednes Porzellan -- Ein +ordentliches+ Mädchen, das hätte so was dennoch nicht getan.

Der Mensch ist frei geboren, ist frei, das steht mir fest, Und der nur wird verleitet, der sich verleiten läßt. Und bellte laut sein Magen, viel lauter bellen muß Aus seines Wesen Tiefe der ~Imperativus categoricus~.

Und geht’s in solchem Falle dem Sünder nicht so schlecht, So läßt man eben Gnade ergehen mal vor Recht; Denn Hunger und dergleichen Entschuldigungen gibt’s +Nicht+ für den +Legislator+, und darf’s auch nicht, aus Gründen des +Prinzips+!

Wohl gibt’s ein Recht zum Leben, ein Recht auf Arbeit auch, Ein Recht auf Nahrung nimmer, der Mensch ist +mehr+ als Bauch! Der Mensch soll eben stark sein, beherrschen soll er sich! Behandelt man ihn milde, gebärdet er nur immer toller sich.

Käm ich mal in die Lage, zu hungern oder so, Ich trotzte jeder Lockung und stürbe frei und froh. Doch eben weil ich ehrlich mich hielt mein Leben lang Mit ungeheurer Mühe, so hab’ ich Trank und Speise. Gott sei Dank.

4. Die Wissenschaft muß umkehren.

Gib, daß ich heut, o Muse, mit Engelszungen sprech’; Die Wissenschaft, du Hehre, die wird ’mal wieder frech! Trotz meines ernsten Mühens weicht sie um keinen Schritt Und leugnet alte Lehren, die ehmals kein Gesitteter bestritt.

Es wird so ziemlich alles mit frevlem Mut gewagt; Vermessen nach dem +Alter der Erde+ wird gefragt! Fünftausendneunmalhundert sind es und dreizehn Jahr, Seit Gott die Welt erschaffen: das ist, ihr Herr’n, der frömmsten Einfalt klar!

Nach +Affenmenschen+ sucht man auf Javas ferner Flur; O bleibt, ihr blinden Toren, bei uns im Lande nur! Ihr lästert Gott und Menschen mit dem, was ihr bezweckt: Ich stamme +nicht+ vom Affen, das sag ich euch, zum mindesten nicht direkt.

Man sollt es gar nicht glauben: Der Schwindel geht so weit Daß ein gewisser Virchow mit „Wissenschaftlichkeit“ Erklärt: „Des Denkens Vorgang wird bald erkennbar sein.“ Na ja, ich sag euch so viel: In +meinen+ Schädel dringt ihr +nicht+ hinein!

Ich frage: +Warum greift hier nicht die Regierung ein+? Kann +sie+ denn bei der Drohung des Virchow ruhig sein? Sie steure diesem Greuel mit Schneidigkeit und Schwung; Dazu hat sie ein Recht und -- das wissen alle -- auch Befähigung!

Auch ich bin ein Gelehrter und Freund der Wissenschaft; Doch über meine +Seele+ gewinnt sie keine Kraft! Vom frevlen Wissensdünkel halt’ ich mein Herze rein; Mein Wissen kann nicht anders als immer nur ein höchst bescheidnes sein!

Stellt gegen +meinen+ Glauben nur +eure+ Wissenschaft, Und lernt, wem Gott gekrönet die Stirn mit höh’rer Kraft! Ich lehre und verkünde in Stadt sowohl als Land, Was Gott der Herr gesprochen und ich als gut und richtig anerkannt.

[4] Ambrosius liebt die in der letzten Zeile achtsilbige Nibelungenstrophe des Gudrunliedes, weil sie lang nachschleppt wie der Mantel eines ~rector magnificus~.

Eruption.

In einem Bade, dahin man geht Wegen beginnender Nervosität, Saß ich friedlich bei einem Glas Bier, Eben versöhnt mit der Welt und mir. Da muß zu meinem starren Entsetzen Die Kurkapelle die Bögen wetzen, Die Kurkapelle -- ~mon sort tragigue~! Denn ich liebe so sehr die Musik! Entkommen konnt’ ich für kein Geld, Weil mich mein Freund, der Arzt bestellt, Klappt’ also hoch meinen Kragen nur Und unterwarf mich auch dieser Kur.

Die Herren spielten sich ein Programm -- Höll’ und Himmel und Gottverdamm’! „Die Schmiede im Walde“ -- o ungeheuer! -- Mit Hammerschlag und bengalischem Feuer --! „Du liebes Aug’, du lieber Stern“ -- „Zigeunerkind hat niemand gern“ Und -- ob sich mir auch das Herz gebäumt hat -- „Weißt du, Mutter, was mi’ träumt hat!“ Tod und Teufel! Mein Freund, der Wicht, Kommt die Kanaille noch immer nicht?

Nun obendrein noch ein Potpourri -- +Muß+ man nun dazu schweigen? wie? Was zögert der Freund? Sein Wort soll ihn brennen! Ist das überhaupt noch „Freund“ zu nennen?

Zu meiner Linken saßen bei Bier, Tabak und Skat der Mannen vier. Drei sahen das Meer mit dem Rücken an; Die Daumen drehte der vierte Mann. Sie säßen seit sieben Stunden dabei, Erklärten sie selber offen und frei, Sie sagten, hier säße man am besten Im ganzen Ort -- und lüpften die Westen.

Grad vor mir stritt ein edler Haufe, Wo man das beste „Pilsner“ kaufe, Und wo es zu warm und wo es kalt sei, Und ob es mit zwanzig Pfennig bezahlt sei; Auch applaudierte man dem Konzerte, Macht’ eine Lebensversich’rungsofferte Und rief im Mäcenatenton: „Ach spiel’n Sie noch ’mal die ‚Holzauktion‘!“

Zu meiner Rechten aber, ei ei, Saßen zierlicher Damen drei: Die waren im Tagewerk schon weit, Bei der vierten Torte, beim fünften Kleid. Bedachten soeben, was sie nun wollten, Ob sie sich +nochmal+ umzieh’n sollten, Sprachen von Nizza und anderen Stätten: Ja, da sehe man nach Toiletten! Andre als hier! Hier sei es ja kläglich! Z. B. die Oberstin trage täglich Das rosageblümte Morgenkleid, Und das sei ihr auch noch hier oben zu weit. So kamen sie bald durch Analogie Auf die Romane der Nataly Und den Heldenspieler Herrn Bogentritt. Summten auch schmachtend ein Weilchen mit „Ist denn kein Stuhl da?“ und ähnliche Lieder, Fuhren plötzlich zusammen wieder: „Ob man’s beachtet -- es sei ein Skandal! -- Daß nun heut schon zum zweitenmal Die Kammerrätin ganz ~sans façon~ Flaniere mit einem Seladon -- Was? Ein Verwandter? Haha! So dumm!“

Da reißt es mir jäh den Kopf herum: Die spielen bei Gott -- was packt mich denn an? -- Das Menuett aus dem „Don Juan“. Und da schossen auch schon -- ja scheltet mich „Tor“! Die Tränen mir wild aus den Augen hervor, Und in mir rief’s mit Entsetzen schier: „Allmächtiger Mozart -- was willst du +hier+?!“ Da +war+ er!! Ich sah durch den Garten ihn gehn -- Starrend hab ich ihn angesehn -- Wollt’ es ihm gern mit Blicken beschreiben: Nicht hier! O +hier+ nicht! +Hier+ kannst du nicht bleiben ... Da war er schon fort. Die Kapelle spielte Ein Gassenlied, das soundsovielte. -- --

Und jäh verstand ich das heiße Leid Von alles Großen Einsamkeit. Griff schnell nach dem Seidel und biß ins Glas -- Nicht heulen! Die Damen merken schon was! Nahm’s Tuch und schnaufte, erhob mich flink, Stolperte, stieß einen Stuhl um und ging.

Draußen kam auch mein Freund daher, Dem beichtet’ ich bald die ganze Mär. Der schüttelt den Kopf, ich weiß nicht wie: „Hyperästhesis -- Neurasthenie! Da sieh dir die andern Leutchen an: Die sind gesund -- nimm dir’n Beispiel dran.“

Ich blickte zum Himmel: da loderte fern Venus, der große, blühende Stern. Und rufen mußt’ ich’s mit lachendem Mund: „Bin ich denn krank und sind jene gesund -- Dann dank ich dir, Gott, mit bewegtem Sinn, Daß ich ein Neurastheniker bin!“

XII. +Denkzettel.+

Offenes Visier.

Schlag frei des Geistes Auge auf im Angesicht der Welt Und modle deine Rede nicht, daß allen sie gefällt; Der Feige gibt ein schillernd Wort gelegner Deutung hin -- Ein Sinn beherrsche jedes Wort; doch nie das Wort den Sinn.

Karriere.

Er stieg von Amt zu Amt mit stetem Glück, Verkehrte höflich selbst mit Erzhallunken, Wich freundlich hier und freundlich dort zurück -- Und so ist er gemach emporgesunken.

Der Diplomat.

Herr Luchs spricht keinem Menschen nach dem Mund; -- Und doch gelang es ihm, so hoch zu steigen? Ja: denn der Schalk versteht die feinre Kunst, Den großen Herren nach dem Ohr zu schweigen.

Ein Korrekter.

Das ist ein Kerl nach der Zeiten Gebot! Und bät ihn Gott selbst um ein Stücklein Brot, Er fragte zunächst, was, wenn er’s schenke, Die vorgesetzte Behörde denke.

An eine kleine Pharisäerin.

„Dieser Mann ward arm durch eigne Schuld! Und mit voller Hand sollt’ ich ihm geben?“ Edle Dame voller Lieb’ und Huld, Ja! -- Denn von der Schuld kann er nicht leben.

Den Feinden der Mode.

Wer schilt mir noch die Mode gar? Erscheint’s euch denn so wunderbar, Daß, was die „halbe Welt“ beglückt, Die andre Hälfte mit entzückt?

Auf einen feisten Monarchen.

Kein Schlemmer hat bei Spiel und Bauch-Ergetzen Solch ein Gewicht wie König Rülps erreicht. Auf seinen Grabstein wird sein Volk ihm setzen Das schlichte Wort: „Er sei der Erde leicht!“

Der Snob im Theater.

Des Volkes Stimme macht Ihm nie Beschwerde; Ihm gilt kein Urteil, das nicht Er gefällt. Er hält ein ganzes Volk für eine „Herde“, Eh’ Er Sich Selbst für einen Ochsen hält.

Auf einen bürokratischen Emporkömmling.

„Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand.“ O Lügenwort, das Ohnmacht sich erfand! Dem Flachkopf, der durch Gunst ein Amt erklommen, Hat Dünkel bald den Rest von Hirn genommen.

Seitdem er stieg, trägt er ein frommes Kleid. Ich schätz’ ihn wegen dieser Dankbarkeit. Er fühlt’s: So dumm sein und so hoch es bringen, Das geht nur zu mit überirdschen Dingen.