Part 3
Ach, es kam anders als gedacht, aber sehr: Die Mühle war weg, mauseweg! – Ich hätte Zornestränen weinen mögen. Die kräftigsten aus dem Tierreich entlehnten Kosenamen warf ich diesen Vandalen, welche gewinnsüchtig die Mühle abgebrochen hatten, im Geiste an den Grind, aber, was halfs? Die Mühle war weg, war und blieb verschwunden, und ich konnte mit Skizzenbuch und Meßwerkzeug wieder heimgehen. Um diese Mühle trauere ich noch heute. –
Auch auf der _Syrauer Höhe_ drehte bis in die achtziger Jahre eine deutsche Bockwindmühle ihre Flügel, betreut von einem Müller aus der »Torjauer Jechend«. Ein Blitzschlag setzte die Mühle in Brand. »Was haben Sie denn gemacht, wie da drüben das Knistern und Prasseln losging?« – »Wat? Ick? Ick habe mir mit meiner Jattin uff der Bank vors Häuschen hinjesetzt, und wir haben zujesehen, wie die Mühle wegbrannte.« – Das war auch das Klügste, was der Mann machen konnte. Zum Löschen fehlte es an Wasser, und zu retten war nichts.
Nach dem Brande wurde die Mühle wieder aufgebaut, nicht als Bockwindmühle, sondern als »_Holländer_«. _Sie ist die letzte Windmühle des Vogtlands!_ – Einer meiner ehemaligen Volontäre, Herr _Spörl_, hat auf meine Veranlassung hin monatelang seine knappe Freizeit darangesetzt, in allen Winkeln der Mühle herumzukriechen, zu messen und zu skizzieren, und dann nach seinen Aufnahmen eine gute und wertvolle Zeichnung von der Inneneinrichtung der Mühle anzufertigen. Hier ist eine Teilansicht davon, an Hand deren sich auch der Laie ein Bild vom Innenwerk einer Holländer Windmühle machen kann.
[Illustration: =Das Innere der Syrauer Windmühle=]
Die Drehung des Daches mitsamt der Flügelwelle erfolgt durch Drehen einer Handkurbel, die auf eine Schneckenwelle aufgesteckt ist. Das zugehörige Schneckenrad treibt eine stehende Welle an, die am oberen Ende mit einem Stirngetriebe auf einen am Dachgebälk angeschraubten Zahnkranz wirkt, und mit diesem gleichzeitig und gleichmäßig Dach, Flügelwelle und Flügelkreuz dreht. Das ist doch fein, daß man auf diese einfache Weise die Flügel nach der Windrichtung einstellen kann! Jawohl, aber der Besucher darf nicht vergessen, daß sich der Turm und seine Eingangspforte _nicht_ mit drehen, also: _Achtung beim Hinaustreten aus der Mühle!_ – Wenn während der Anwesenheit eines Besuchers in der Mühle die Flügel so gedreht werden, daß sie an der Eingangspforte vorüberkreisen, so kann der achtlos und sorglos aus der Pforte Heraustretende eine recht unangenehme Überraschung erleben, nämlich die, daß ihm ein Windmühlflügel huldvoll und gnädig eine Ohrfeige von so elementarer Wucht verabreicht, wie ihm noch keine zuteil geworden ist. Also Vorsicht! Die Windmühlflügel verstehen durchaus keinen Spaß und kennen kein Ansehen der Person. Haben sie doch sogar dem edlen Ritter von der Mancha, dem tapferen Don Quixote, benebst seinem Streitroß, der Rosinante, einen derartigen Schlenkerich gegeben, daß Roß und Reiter weithin in den Sand flogen und übel zugerichtet wie tot liegen blieben. –
Von der Syrauer Windmühle genießt man eine prächtige Rundsicht. Als wir – ein Trupp Jungvolk – vor Jahrzehnten einmal dort oben mit Landkarten und Feldstechern das Vogtland musterten, sagte, mitten in unsere Unterhaltung hinein, der Windmüller: »Die Herren wollen doch nach Syrau? Ja? Na dann beeilen sie sich, daß sie trocken in den Gasthof kommen, denn in _zehn Minuten haben wir Regen_.« – Wir lachten hell auf, denn kein Wölkchen stand am Himmel, und Mutter Sonne meinte es gut, aber der Müller ließ sich nicht beirren, drängte zum Aufbruch, und so folgten wir endlich und gingen dem Dorfe und dem Zaumseilschen Gasthofe zu. – Wir gingen nicht lange langsam, wir gingen bald gar nicht mehr: In schärfstem Dauerlauf nahmen wir die Strecke bis zur Bahn und suchten unter dem Bogen, der den Fröbersgrüner Weg überspannt, Schutz vor der niederprasselnden Flut. Ei, wie hat der Windmüller Recht gehabt! Ei, wie kannte der Mann aus der »Torjauer Jechend« seinen vogtländischen Himmel! – Der Mann war eine Natur. Wie oft sagte er mir: »Ich bin hier oben König. Was ich rundum sehe, ist mein!« Dieser Geist fängt an, uns bedenklich zu fehlen. –
Der Freundlichkeit des Müllers verdanke ich längeren Aufenthalt unter dem Dach der Windmühle während eines Sturms, ein Kunstgenuß furchtbarster Art. Jawohl Kunstgenuß, denn die grause Schönheit der entfesselten Naturgewalt gemahnt an Michelangelo und Dante. Sie wirkt auf Menschen mit Menschennerven geradezu zermalmend und ruinierend. Ich warne Neugierige. –
_Die Letzte im Vogtland!_ Die Syrauer Windmühle dürfte erhalten bleiben. Wer auf der Strecke Hof–Plauen zwischen Mehltheuer und Syrau links zum Fenster hinausguckt, kann die letzten Flügel einstiger Windmühlenherrlichkeit haspeln oder ruhen sehen: der Abschiedsgruß eines untergehenden Gewerbes! Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen. Aber dieses »neue Leben« ist gar nicht so »neu«, wie es den Anschein hat, und wie wir uns nur allzugern einreden, oder allzuwillig einreden lassen. Leben ist ewige Wiederkehr, für uns Menschen, wie für unsere Werke. Über ein Weilchen werden auch die Windmühlen wiederkommen, wenn auch in anderer Form, wenn auch zu anderem Zweck, vielleicht als irgendein Windmotor zur Erzeugung von elektrischem Strom. Auf Wiedersehen dann!
Unsere Rohrdommeln
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Meine vogelkundlichen Studien in dem Oberlausitzer Niederungsgebiet während der letzten Jahre brachten mich in nähere Berührung auch mit zwei Vögeln, die ich zwar bereits früher schon kennen gelernt hatte, bis dahin aber noch nie in einer so ausgezeichneten und eingehenden Weise besonders auch an ihren Nestern beobachten durfte, wie hier. Es sind dies unsere zwei Rohrdommeln. Sie führen ja beide eine sehr versteckte Lebensweise, so daß sie auch der, der Teichlandschaften regelmäßiger besucht, meistens weniger und sicherlich seltener zu Gesicht bekommt, als so manche andere teichbewohnende Vogelart, während sie den vielen anderen, die Teichgegenden nicht oder nur flüchtiger kennen, in der Regel überhaupt unbekannte Erscheinungen sind. –
[Illustration: Abb. 1. =Brütende Zwergrohrdommel=]
Im zeitigen Frühjahr schon erfolgt an den sommersüber von ihr bewohnten Stätten die Rückkehr der zuweilen auch bei uns überwinternden größeren Art, der Großen Rohrdommel, die im Frühjahr 1925 in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiete bereits in den ersten Märztagen wieder an ihren Brutplätzen eingetroffen war – ein im vorhergegangenem Jahr erbrüteter und von mir beringter Jungvogel allerdings trieb sich noch Ende April in Norditalien umher –, und etwas später als die Große kehrt – in der Regel im April – die kleinere Art, die Zwergrohrdommel, in die Heimat zurück. Die aus den Vorjahren erhalten gebliebenen dichten Bestände alten Rohres und Schilfes bilden tagsüber die Aufenthaltsorte unserer Vögel; selten nur, daß man einmal einen aus ihnen aufsteigen und über einen Teich dahinfliegen sieht, die Kleine ihrer größeren Häufigkeit entsprechend eher noch als die auch heimlichere Große. Dem aufmerksamen Beobachter aber verraten sie ihre Anwesenheit bald durch ihre Stimmen. Die zunächst nur gelegentlichen und einsilbigen, wenig auffallenden und nicht besonders lauten, dumpfen Rufe der Großen Rohrdommel gehen, nicht selten schon in der zweiten Märzhälfte, spätestens aber in den ersten Apriltagen, in das bekannte, so oft schon geschilderte, kräftige und stundenweit vernehmbare ui_hump ui_hump über. Und bald wird man es vom frühen Morgen bis zum späten Abend und regelmäßiger noch während der Nacht in fast ununterbrochener, pausenloser Folge hören können, daß man sich oft fragt, ob denn unser Vogel nicht auch einmal der Ruhe bedarf? Und in das ui_hump ui_hump der Großen klingt das freilich weniger auffallende, leichter zu überhörende und wohl auch oft genug schon überhörte Wrurr-wrurr der Zwergrohrdommel hinein, das eine große Ähnlichkeit mit dem Gequarre manches Frosches besitzt und auch leicht mit einer Froschstimme verwechselt werden kann.
[Illustration: Abb. 2. =Zwergrohrdommel sichernd auf dem Nest=]
Über das Vorkommen und die Häufigkeit der beiden Rohrdommelarten in unserem sächsischen Vaterlande waren wir bis in die neueste Zeit hinein nicht gerade sonderlich gut unterrichtet. Die Große bevölkert heute ausschließlich nur ostelbische Landschaften, den flachen, teichreichen Nordosten des Landes etwa von der Gegend von Königswartha an ostwärts, ist hier erfreulicherweise aber durchaus noch keine seltene Erscheinung. Ich bin überrascht von der Zahl der von mir während der letzten Jahre verhörten rufenden Männchen und glaube nach den Erfahrungen, die ich an anderen Orten des Vorkommens unseres Vogels gemacht habe, daß eine wesentlich höhere Besiedelungsdichte in unserem Gebiet auch kaum möglich ist. Westlich der hier gekennzeichneten nordostlausitzischen Landschaften tritt unser Vogel nur vereinzelt und wohl auch mehr gelegentlich auf. So wurden rufende Männchen 1924 an dem Zschornaer und dem Grüngräbchener Lugteich, ein anderes sogar am Dippelsdorfer Teich verhört. Früher allerdings scheint der Vogel auch hier häufiger gewesen und regelmäßiger vorgekommen zu sein, scheint das heute nur auf den Osten beschränkte Gebiet regelmäßigeren Vorkommens sich in westlicher Richtung bis an die Moritzburg-Dippelsdorfer Teiche ausgedehnt zu haben. Ob aber der Rückgang hier ausschließlich nur auf die Nachstellungen zurückzuführen ist, denen unser Vogel als »Fischereischädling« ausgesetzt gewesen ist und die, wenn man aus den Erzählungen alter Förster und den Trophäen, die man in so manchem Forst- und Jagdhaus findet, einen Schluß ziehen darf, manchesmal allerdings sehr rücksichtslose gewesen sein mögen, möchte ich trotz alledem noch bezweifeln; es scheinen auf ihn vor allem auch Veränderungen in den Vegetationsverhältnissen, die heute viel weniger dichte Bewachsung vieler der hier in Frage kommenden Teiche von großem, ausschlaggebendem Einfluß gewesen zu sein. In der Nordostlausitz wird unser Vogel von den dort angesessenen Grundherren erfreulicherweise durchgängig geschont und ihm das Deputat an Fischen, das er erhebt, gern gegönnt; es fällt ja auch gar nicht so sehr ins Gewicht bei dem großen Anteil, den besonders auch wirtschaftlich wertlosere Fische an ihm haben. Wenn hier ja einmal noch eine Rohrdommel einer Kugel zum Opfer fällt, so geschieht dies nur ganz selten und auch nur versehentlich auf einer Entenjagd oder – wovon ich mich im Vorjahre selbst überzeugen mußte – auf Pachtrevieren, die ja selten Pflegstätten des Naturschutzes sind.
[Illustration: Abb. 3. =Junge Zwergrohrdommel=]
Fast dürftiger noch als über das Vorkommen der Großen sind wir zeitweise über das der Zwergrohrdommel unterrichtet gewesen, ist sie von vielen doch häufig für seltener als ihre große Schwester gehalten worden. Dank einer auf Freund Heyders Anregung hin von P. Weißmantel vorgenommenen gründlichen Untersuchung des Vorkommens der Zwergrohrdommel in Sachsen[1] wissen wir heute, daß sie ein bei uns weitverbreiteter Vogel und in allen größeren Teichgebieten des Landes mit ihr zusagender Vegetation eine regelmäßige und stellenweise sogar recht häufige Erscheinung ist. Sie kommt in den westsächsischen Teichlandschaften ebenso wie in den ostsächsischen vor und erreicht in diesen letzteren ihre größte Häufigkeit in unserem sächsischen Vaterlande. In dem Königswarthaer Gebiet sind mir alljährlich, meistens ohne daß ich sonderlich danach gesucht habe, in fast allen der von mir regelmäßig begangenen Teiche Nester, in vielen sogar in größerer Anzahl, bekannt geworden (so z. B. 1925 in einem nur etwas über einem Hektar großen allein drei, die so dicht beieinanderstanden, daß man von den Anfängen einer Koloniebildung reden konnte). Und wie um Königswartha selbst, so fand ich die Verhältnisse auch in dessen weiterer Umgebung, ganz in Übereinstimmung mit Freund Weißmantels längeren Lausitzer Erfahrungen.
»Wenn in den Apriltagen,« so schildert der Genannte unseren Vogel, »junges Grün die fahlen Überreste der vorjährigen Schilfbestände durchsetzt, stellen sich die ersten Zwergrohrdommeln ein. Längere Zeit suchen sie dem Beobachter ihre Ankunft geheim zu halten. Weder ein Ruf ist in den ersten Tagen ihrer Rückkehr zu hören, noch zeigt sich ein Vogel für kurze Zeit über dem im lauen Frühlingswinde erwachenden Rohrwalde. Erst, sobald die wärmende Frühlingssonne ihren Einfluß auch auf die Nachttemperatur geltend machen kann, fängt es im Rohr an zu rumoren. »Wrurr,« erst einzeln und leise, für den Unaufmerksamen kaum hörbar, dann zwei bis dreimal hintereinander, bis zuletzt lange Reihen daraus werden, so lockts im Röhricht. Die Zwergrohrdommel balzt … Werden die Tageszeiten wärmer, liegt vor allem Gewitterstimmung in der Luft, dann schweigt die Zwergrohrdommel auch am Tage nicht, dann heißt es auch aufpassen. Unversehens und geräuschlos fliegt sie auf fällt bald wieder ein oder wechselt von einem Schilfdickicht hinüber zu dem des Nachbarteiches. Unvergessen steht mir da der 30. Juli 1923 in der Erinnerung. Ich saß mitten im ausgedehnten Teichgebiete von Königswartha auf einem Teichschützen. Gewitterschwüle nötigte zum Ausruhen. Vor mir wrurrte eine Zwergrohrdommel. Bald erklang derselbe dumpfe Ruf von rechts und von links, von vorn und von hinten. Nicht genug damit, eine ganze Anzahl Dommeln, vier bis sechs gleichzeitig, hatten das schützende Röhricht verlassen. Dicht über das Dickicht dahinstreichend, fielen sie nach kurzem Fluge an anderen Stellen wieder ein … Selten gelingt es, die Zwergrohrdommel beim Fischen zu beobachten. Am schönsten konnte ich dies in Döbra. Ebenfalls am 30. Juni, jenem großartigen Rohrdommeltag, stand ein alter Vogel regungslos, den Körper fast wagerecht haltend, mit eingezogenem Halse im seichten Wasser eines Brutteiches. Zeitweise bog er den Hals langsam in eine schöne ~S~-Form, um ihn zuletzt blitzschnell schräg nach vorn zu strecken, dabei den Schnabel, meist auch den Kopf ins Wasser steckend. Nur Augenblicke dauerte es, dann kehrten Hals und Kopf in die ursprüngliche Lage zurück, nur mit dem Unterschiede, daß ein fingerlanger Fisch unter fortgesetztem Strecken und Zusammenziehen des Halses hinabgewürgt wurde. Dreimal konnte ich das seltene Schauspiel genießen und mich anschließend überzeugen, daß die Zwergrohrdommel durchaus Feinschmecker ist. Die Fische waren halbwüchsige Schleien. Ein leises Knacken von dürren Zweigen – ein Reh zog am Teichufer vorüber – änderte das Bild. Augenblicklich kauerte die Zwergrohrdommel zusammen, Rumpf, Hals, Kopf und Schnabel schnellten lotrecht empor. Kaum eine Sekunde lang verharrte sie in dieser wunderlichen Stellung, dann flog sie mit ängstlichem ›gät gät‹ in die nächste Rohrdickung.«
Von Ende Mai an, häufiger aber im Juni und selbst noch im Juli findet man die in der Regel mit fünf bis sechs, aber auch mit sieben reinweißen Eiern voll belegten Nester. Sie sind immer sehr versteckt in dichtem, häufig von Weiden- und anderem Gestrüpp durchsetzten Dickichten jungen und älteren Schilfes und Rohres zu finden, stehen in der Regel über dem Wasser nahe des Ufers, können aber auch – allerdings etwas weniger häufig – weiter im Innern der Teiche, dann aber auch wieder selbst am Ufer über dem Lande, wenn dieses das dem Vogel gut bergende und daher von ihm auch unbedingt verlangte dichte Gestrüpp von Schilf und Rohr, strauchigen Weiden und anderen, ähnlich hoch wachsenden Pflanzen trägt, angelegt sein. Das Nest ist ein nur kleiner, flacher und locker geschichteter Bau aus alten Rohrstengeln, Schilfblättern und ähnlichem Pflanzenmaterial, bald auf dürrem, umgeknicktem Rohr aufgeschichtet, bald in das Gewirr der jungen, grünen und der mehrjährig-dürren Stengel und Halme eingefügt, bald fast der Wasserfläche aufsitzend, bald wieder bis zu einem halben Meter hoch und vielleicht hin und wieder auch noch etwas darüber angelegt. – Häufig und gern habe ich, gut gegen Sicht gedeckt, an den Nestern unseres Vogels gesessen, und manchesmal, auch wenn an kühleren Tagen die im Wasser stehenden Füße eine Gänsehaut überlief und fröstelnd auch der übrige Körper erschauerte, stundenlang ausgeharrt, die immer wieder neuen Reize bestrickendster Bilder voll auskostend. Der Vogel bietet des Anziehenden ja so unendlich viel. Seine Scheu und Vorsicht und das ihm eigene große Mißtrauen geraten in einen ganz eigenartig berührenden Gegensatz zu seiner fast rührenden Anhänglichkeit an Nest und Gelege oder der bereits ausgefallenen Brut, und so ergeben sich dann, wenn der durch den Beobachter vom Neste geschreckte Vogel fast unmittelbar nach dem Verlassen desselben wieder zu ihm zurückstrebt, sich ihm unter ununterbrochenen Sichern und den phantastischsten Körperhaltungen und Körperverrenkungen nähert, die wunderlichsten, fesselndsten Szenen, die nur der verstehen kann, der sie schon einmal mit beobachten durfte.
[Illustration: Abb. 4. =Große Rohrdommel auf dem Nest=]
Und wenn gar die Jungen im Neste sitzen, diese graugelblichen und flaumigen, abenteuerlichen Gestalten, und wütend den Beobachter anfauchen oder wehrhaft nach ihm mit den spitzen Schnäbeln hacken, wenn sie flüchtend, mit den unendlich langen Ständern weitausgreifend im Rohre verschwinden, um aber, wenn die eingebildete Gefahr vorüber ist, sofort wieder in das Nest zurückzukehren, wenn dann gar die Mutter mit einem jungen Fische zurückkommt, die hungrigen atzend, da vergißt man über dem Gesehenen auch gern einmal die besonders auf der materiellen Seite liegenden Schattenseiten des freien Naturforscherlebens und freut sich ungeschmälert eines Berufes, der einem mit jedem Tag in immer engere Beziehungen zu der ewig-jungen Natur bringt. –
[Illustration: Abb. 5. =Große Rohrdommel brütend=]
Zeitiger als die Zwergrohrdommel, ihrer früheren Rückkehr an die Brutplätze entsprechend, denkt die Große Rohrdommel an das Fortpflanzungsgeschäft. Ich fand 1924 in meinem Königswarthaer Beobachtungsgebiet zwei Nester, in denen die Vögel bereits im April mit dem Legen begonnen haben mußten. Sie boten mir nicht nur Gelegenheit zu ausgiebigen Beobachtungen über das in vielem noch recht wenig bekannte Brutleben, sondern brachten mir auch die überhaupt ersten Nestaufnahmen unseres bisher am Neste ja so wenig beobachteten Vogels. Ich habe über meine Beobachtungen bereits ausführlicher an anderer Stelle berichtet[2], möchte aber daraus hier für diejenigen vogelkundlich interessierten Leser der Heimatschutz-Mitteilungen, denen meine Arbeit nicht zugänglich ist, das folgende wiederholen:
»Beim Näherkommen an das Nest richtet in der bekannten Weise der Vogel Kopf und Hals senkrecht empor (die beiden auch hier beigegebenen Aufnahmen geben dies ja sehr schön wieder) und erhebt sich schließlich, wenn ihm die Nähe des Beobachters zu gefahrdrohend wird, vielfach deutlich zögernd, zum Abflug. ›Unbeweglich,‹ so notierte ich an Ort und Stelle, ›verharrt beim Näherkommen der Vogel noch auf dem Nest, flacher nur legt sich der Rumpf auf dieses, gestreckter und dünner wird der höher und höher emporwachsende Hals, scharf blickt das in seiner absoluten Unbeweglichkeit fast wie ein eingesetzter glänzender Edelstein wirkende gelbe Auge, bis dann endlich Leben in ihn kommt: langsam und ohne jede hastende Eile, ruckweise, mit deutlich abgesetzten Bewegungen in den Gelenken, daß man an ein aufgezogenes mechanisches Kunstwerk erinnert wird, erhebt er sich, macht eine leichte Wendung zur Seite und fliegt ab, in gerader Richtung nach einer etwa hundert Meter entfernten Stelle im Teichinnern, wo er im Rohrbestande einfällt.‹ Dieses Einfallen erfolgte, sooft ich es sah, ausnahmslos an der gleichen Stelle …, der nach dem Abflug vom Neste eingefallene Vogel richtete sich sofort auf kurze Augenblicke sichernd zur Pfahlstellung auf, hastete dann im Rohre kletternd und mit den Ständern weit ausgreifend, daß diese viel länger schienen, als sie es wirklich sind, einige Meter vorwärts, sicherte von neuem, und strebte so, ununterbrochen zwischen hastigem Klettern und sicherndem, kurzem Verweilen wechselnd, dem Neststandort zu, so daß er fast unmittelbar nach seinem Abflug schon wieder in Nestnähe war und aufmerksam, zum unbeweglichen Pfahl geworden, die Vorgänge an ihm verfolgte, das Entfernen des Beobachters abwartete … Verschieden von dem eben geschilderten Verhalten des noch brütenden ist dasjenige des seine Jungen bereits betreuenden Vogels. Auf meinen beiden Nestern traf ich, nachdem diese die bei meinen Besuchen allerdings schon einige Tage alten Jungen enthielten, die alten Vögel überhaupt nicht mehr an; sie hielten sich im Pflanzenbestand neben den Nestern auf und wurden nur in Ausnahmefällen hoch. Ob vielleicht, von mir unbemerkt, erst vor meinem Herankommen an die Nester die Vögel diese verlassen hatten, vermag ich allerdings nicht zu sagen. Das erste Nest enthielt bei meinem Besuche am 31. Mai drei Junge, ruppig aussehende und lebhafte, sich äußerst wehrhaft gebärdende Kerlchen, die durch rauhes, krächzendes Geschrei und unmöglich weites Aufreißen der Schnäbel – man glaubte, in unergründliche Abgründe zu schauen – des Beobachters sich zu erwehren versuchten oder durch Verschwinden und gewandtes Umherklettern im Rohr, aus dem sie sich aber immer wieder ins Nest zurückfanden, sobald die eingebildete Gefahr vorüber war, sich ihm zu entziehen trachteten. Als ich eines der Jungen in die Hand nahm, verkündete mir ein rasch aufeinanderfolgendes, nicht übermäßig lautes, rauhes ›Goak-goak‹, daß der bisher von mir trotz aller darauf verwandten Aufmerksamkeit noch nicht gesehene und sich auch jetzt dem Anblick entziehende alte Vogel doch in unmittelbarster Nestnähe sein mußte. Erst als ich nochmals eines der Jungen in die Hand nahm und ihn dadurch zu neuen Rufen veranlaßte, entdeckte ich ihn. Drei bis dreieinhalb Meter nur von mir entfernt, in der üblichen Pfahlstellung sich an einige Typhastengel anklammernd, klebte er, mir zugeneigt, als ob er jeden Augenblick sich auf mich stürzen wolle, und dabei in seiner Umgebung so aufgehend, daß ich ihn trotz meiner dafür doch leidlich geschärften Augen bislang übersehen hatte und es auch jetzt, wenn ich einmal die Blicke von ihm abgelenkt hatte, immer wieder eines erneuten, sekundenlangen Suchens bedurfte, um ihn in dem braunen Pflanzenbestand auszumachen. Die Schutzfärbung des Tieres ist eine höchst vollkommene, und das Aufgehen des Vogels in seiner Umgebung wirkt manchesmal direkt verblüffend.«
[Illustration: Abb. 6. =Große Rohrdommel fliegend=]
In unseren Naturgeschichtswerken kommen die beiden Rohrdommeln, vor allem die Große, nicht immer gut weg. Zwar werden sie gern, in erster Linie wohl ihrer wenig offenkundigen Lebensweise und des Dunkels wegen, das noch über manchen ihrer Lebensäußerungen liegt, »interessante« Geschöpfe genannt, umgekehrt aber als falsch und heimtückisch bezeichnet und mit noch anderen ähnlichen, vom Menschen als häßlich empfundenen Eigenschaften ausgestattet. Kann man aber einem Vogel, der so wie unsere Rohrdommeln die Heimlichkeit liebt und aus diesem Grunde schon mit einem gewissen Mißtrauen ausgerüstet ist und ausgerüstet sein muß, es zum Vorwurf machen, wenn er, in die Enge getrieben, sich auch einmal dem Menschen gegenüber zur Wehr setzt, wenn er, wohl gar durch die ihm vom letzteren angetragene Kugel verwundet, diesem – seinem Peiniger – seine in dem kräftigen und spitzen Schnabel bestehende Waffe fühlen läßt? Wohl kaum! Ich würde dem, der mich auf die linke Wange schlägt, auch meine »Rechte« darbieten, derb und kräftig, daß er sich einen zweiten Schlag wohl überlegen würde, und ich würde es meinem künftigen Biographen (der allerdings wahrscheinlich noch gar nicht geboren ist) schon heute verübeln, wenn er mir deswegen Eigenschaften andichten wollte, mit denen eifrige Naturgeschichtsschreiber unsere Rohrdommeln belastet haben.
Mir sind sie jederzeit ungemein fesselnde und anziehende Vögel gewesen und werden dies auch bleiben, solange Frühlingssonnenglanz mich noch zu Teichexkursionen zu begeistern vermag.
Fußnoten:
[1] P. Weißmantel, Ueber Vorkommen und Lebensweise der Zwergrohrdommel, ~Ixobrychus minutus~ (L.), in Sachsen. Mitt. d. Ver. sächs. Ornithol. 1, 5. Heft (1925) S. 89–98.
[2] Rud. Zimmermann, Am Neste der Großen Rohrdommel, ~Botaurus stellaris~ (L.). Pallasia, Ztschr. f. Wirbeltierkunde 2 (1924/25), S. 185–194.
Gräberfelder der Lausitzer Kultur
Von Dr. _Walter Frenzel_, Bautzen
Abbildungen aus dem Bildarchiv der Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen
Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wohnte in Ostdeutschland ein Volksstamm, dessen eigentlichen Namen die Wissenschaft mangels schriftlicher Überlieferung noch nicht kennt. Da seine auffallendsten Kulturüberreste, die Gräberfelder mit den Buckelurnen, doppelkonischen und gehenkelten Näpfen zuerst in der Ober- und Niederlausitz gefunden wurden, sprach man von der Lausitzer Kultur und dem Volke der Lausitzer auch noch dann, als man mit dem Fortschritt der Forschung gefunden hatte, daß diese Kultur bis an die Küste der Ostsee reicht, bis weit nach Polen hinein sich erstreckt, über Elbe und Saale hinaus westwärts vorgedrungen ist und im Süden einst die böhmischen und ungarischen Gefilde als Wohnstätte sich auserkoren hatte. Wenn daher eigentlich der Name »Lausitzer« zu eng gefaßt ist für die geographische Verbreitung der Kultur, so wird er doch von der Wissenschaft weiterhin fortgeführt, da man erkannt hat, daß diese Kultur in den beiden Lausitzen Brennpunkte höchster künstlerischer Entwicklung zeitigten. Nur einen kleinen Ausschnitt aus den ungeheueren Stoffmassen, die für die Lausitzer Kultur bereits vorliegen, will ich hier aufzeigen und einen Gegenstand behandeln, der selten breiterer Öffentlichkeit zugänglich ist: _Grabformen_. Auch dieses Teilgebiet kann hier nicht erschöpft werden, da im Laufe der einzelnen Jahrhunderte, während der die Lausitzer Kultur blühte, sich zahlreiche Wandlungen auch in den Grabbräuchen und nicht nur in den Gefäßformen entwickelten. Überdies vermag heute die Wissenschaft noch nicht anzugeben, ob in den verschiedenen Grabformen auch soziale, rechtliche und besondere religiöse Anschauungen sich widerspiegeln.
[Illustration: Abb. 1. =Bautzen. Kriegersiedlung.= Grab 2]
Aus der mittleren Bronzezeit (1500 bis 1200 v. Chr.) ist in Abbildung 1 ein Grab von dem weitgedehnten Gräberfelde Bautzen-Kriegersiedlung dargestellt. In jener Zeit war man voll und ganz zur Totenverbrennung übergegangen. Wir finden daher in diesen Gräbern keine Skelette, wohl aber die verbrannten und nachträglich noch zerkleinerten Knochenreste der Toten. Aus einigen Merkmalen (Abnutzung der Zahnkronen, Größenverhältnisse einzelner Skeletteile) kann man noch Rückschlüsse auf Alter und Geschlecht des Toten ziehen.
[Illustration: Abb. 2. =Wessel= bei Milkel. Grab 10. Hinter der Buckelurne mit abgebrochenem Ösenhenkel auf dem Erdkegel der Spinnwirtel, durch den das Grab als einer Frau gehörig bezeichnet wird. Rechts bei der Grabsetzung (absichtlich aus kultischen Anschauungen?) zerbrochene Gefäße]