Part 5
Das Annaberger Relief des Meisters H. W. ist spätestens im Jahre 1525 gefertigt, in welchem der Tradition nach die Annenkirche vollendet wurde, vielleicht auch schon einige Jahre früher, jedenfalls kurz vor oder kurz nach Rüleins Tode (1523). Aber er verdiente es wohl, auch hier im Bilde verewigt zu werden, denn abgesehen von seinen allgemeinen Verdiensten um den Bergbau, hatte er auch schon 1496 (siehe oben) den Plan entworfen, nach dem die Stadt Annaberg erbaut wurde. Alles schließt sich zwanglos zu einem in sich gefestigten und gerundeten Beweise zusammen, so daß ich glauben kann, die von Walter Hentschel umsichtig eingeleitete und bis zu einem gewissen Punkte geführte Untersuchung über das größte und wichtigste Werk des Meisters H. W. in einem neuen Geleise weitergeleitet und zu einem für die Geistesgeschichte Freibergs wie für die sächsische Kunstgeschichte gleich wichtigen Ergebnis glücklich durchgeführt zu haben.
[Illustration:
Aufnahme von Hofphotograph Meiche in Annaberg
Abb. 8. =Hochrelief des Meisters H. W. in der St. Annenkirche zu Annaberg=]
Zum Schlusse möchte ich noch eine Vermutung über die Herkunft und den wesentlichen Wohnort des Meisters H. W. wenigstens aussprechen, wenn ich auch ihre Richtigkeit nicht beweisen kann. Der Meister H. W., unstreitig der bedeutendste sächsische bildende Künstler, der im Zeitalter des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance gelebt und gewirkt hat, ist so tief in dem Wesen des Bergbaus und seiner Technik verankert, daß ich ihn für ein Freiberger Kind halten möchte. Und wenn er das nicht sein sollte, so hat ihn vermutlich Ulrich Rülein, wie er den Rhagius und den Mosellanus herbeiholte, aus einer Bergstadt, etwa aus dem Mansfeldischen, nach Freiberg gezogen, wo er in seiner besten Zeit in enger Gemeinschaft mit Rülein den Mittelpunkt seines Schaffens fand. Will man Genaueres über sein Leben und Wesen und vielleicht auch seinen vollständigen Namen feststellen, so muß man zunächst die städtischen und bergbaulichen Akten des Freiberger Ratsarchivs und des Freiberger Bergamtes nach den Spuren dieser großen Persönlichkeit durchforschen.
Fußnoten:
[3] Man vergleiche mit unserem Kunstwerk z. B. das Bild der gemeinen Eselsdistel bei _Leunis_, Botanik II, S. 77.
[4] Die Quellen über sein Leben fließen sehr spärlich. Vergebens hat Prof. Dr. Knauth in Freiberg auf meine Bitte in den Akten, die das Bergamt aus den Jahren 1514 und 1518 über die Bergknappschaft besitzt, Rüleins Namen gesucht. Dagegen findet er sich im Ratsarchiv an drei Stellen im »Roten Stadtbuch« von 1488–1518 fol. 172~v~: der burgkmeister udalrich rulin … (a. 1514), S. 206 zweimal: udalrich rulin Burgkmeister (a. 1517) und ebenda ist auch von seinem Hause (jetzt Fischergasse 6~b~) die Rede (vgl. Täschner, Freib. Alt. Vereins-Mitt. 50, S. 71). – Außerdem erwähnt Weller in seinen ~Analecta II~, S. 30 und 31, das vergebliche Auftreten Rüleins im Rate für eine bessere Besoldung der in Freiberg wirkenden Humanisten Rhagius und Mosellanus (dazu vgl. O. Clemen N. A. S. XLI, S. 135 f., und meine Kurf. Streifz. V, S. 79).
[5] Man darf allerdings im Katalog nicht unter dem Namen _Rülein_ suchen, sondern unter dem Wort _Büchlein_; denn das Werkchen ist anonym erschienen und wir wissen nur durch zwei Zitate des Chemnitzers _Georgius Agricola_, ~De re metallica libri XII~ (Vom Bergwesen zwölf Bücher), in der Einleitung fol. 2~v~ und ~pag.~ 54, daß Rülein von Calbe (~Calbus Fribergius~) der Verfasser des Bergwerkbüchleins ist. Am Schluß des älteren Dresdner Exemplars des »Bergwerksbüchleins« liest man: Getruckt zu Wormbs bei Peter Schöfern und volendet am fünfften tag April. ~M. D. XVIII.~
Anton Günthers Leben und Schaffen
(Zu seinem 50. Geburtstag am 5. Juni 1926)
Von _Alfred Venter_, Chemnitz
I. Wu da Wälder hamlich rauschen
In den Fenstern des großen Fichtelberghauses liegt roter Sonnenglanz. Sanft streicht der Gipfelwind über knorriges Nadelgestrüpp. Da wandern wir auf dem breiten Prinzenweg talwärts durch die tiefe Einsamkeit des erzgebirgischen Waldes. Ein einziges Stimmlein geht mit uns von Wipfel zu Wipfel, und wenn es schweigt, dann hören wir von fern und nah nur das heimliche Rauschen der Wälder. Plötzlich öffnet sich das Land nach Westen. Auf dem breiten Kammrücken liegt, von den höchsten Bergen bewacht, eingebettet im Heideland und düsteren Moorgrund, ein freundliches Städtchen. Hart packen hier die Wetterstürme zu; wie die Kücken um die Gluckhenne scharen sich drum die sauberen, weißen Häuser um die Kirche. Wer kennt nicht die kleine Stadt mit dem frommen, kerndeutschen Namen, die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, die eintausendundachtzehn Meter über dem Tiefland sich erhebt? Wohl gewahrt der Vielgewanderte die Anzeichen des fremden Landes, aber es ist, als ob geheime Stimmen ihn anriefen: »Komm herüber zu uns; denn wir sind deines Stammes und Blutes und haben die Bergheimat lieb wie du! Kehr ein zu Gottesgab im böhmischen Lande!«
Am besonnten Wiesenhang strecken wir uns hin und fühlen den tiefen Frieden des Erzgebirges wie ein unsichtbares Flügelpaar über uns hinrauschen. Hinter uns, zur Linken und zur Rechten, wo bis zum Himmelsrand die Wälder auf- und niedersteigen, klingt es wie eine ewige Melodie. Die Heide ist voll frohen Gesummes. Die Zippen schwatzen, und die Ziemer fallen lärmend in die Vogelbeerbäume an der Straße. Der würzige Duft des Bergwindes umweht die Wange, da hebt im Talgrunde das Ave-Glöcklein an und schallt über Höhen und Wälder und kündet denen, die in den verstreuten Hütten des Moor- und Heidelandes wohnen: ’s ist Feierabend. Und es ist, als ob einer die Harfe nähme und dazu sänge:
»On üwern Wald a Vöchela Fliecht noch sän Nastl zu. Von Därfl drüben a Glöckl klingt, Dos maant: Leecht eich ze Ruh! ’s is Feieromd, ’s is Feieromd, Es Tochwerk is vullbracht, ’s gieht alles seiner Hamit zu Ganz sachte schleicht de Nacht.«
Frieden zieht ins unruhvolle Herz, vergessen ist der laute Tag, aus dem wir kamen, fern der Menschen Neiden und Hassen, froh und frei wird die Brust … da klingt von den Straßen der Takt der Wanderschritte, und wie sie an der Waldecke sind, stimmt einer die Laute an. Horcht auf, ihr Herzen, wie ’s über die Höhen und Täler klingt! Kennt ihr das Lied?
»Of da Barch, do is halt lustich, Of da Barch, do is halt schie, Do kömmt da Sonn en allererstn, Scheint se aa en längsten hie. Wu da Wälder hamlich rauschen, Wu da Haad su rötlich blüht, Mit kan Könich mächt ich tauschn, Weil da drubn mei Heisl stieht.«
Und beim Singen drüben winken sie uns zu, und Busch und Baum singen es mit. Wie oft haben wir es schon gehört, auf den Bergen, in den Hütten, in den Schulen, auf den Bergbahnen, und der es zuerst gesungen, dem es aus dem Herzensgrund gekommen, das ist der Volksdichter des Erzgebirges Anton Günther, der Toler-Hans-Tonl von Gottesgab.
Am Waldhang, wo wir liegen, hat auch er als kleiner Bub gelegen mit dem Hirtenhütl und dem gebirgischen Gewandl und des Vaters Ziegen gehütet, und hat den Waldvögeln gelauscht und mit dem kiesigen Bächlein Zwiesprache gehalten, und das tiefe, heimliche Rauschen der Heimatwälder ist ihm durch Herz und Seele gezogen, daß er es hat nimmer vergessen können.
So sind wir auf stillen, reinen Wogen in des Dichters Lande gekommen und ziehen seine Heimatstraße hinab nach Gottesgab. Am »Neuen Haus«, der großen, schönen Einkehrstätte an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmerland, müssen wir vorerst vorüber. Da ist immer ein lebhaftes Gedränge von wanderfrohen Menschen. Aus den Stuben erschallt Saitenspiel, singt man des Toler-Hans-Tonls Heimatlieder. Dann gelangen wir zum Verbrüderungsturm; der trutzige, leider nur halbfertige Bau erinnert wehmütig an jene Tage, da alte Nibelungentreue noch lebte und Alt-Oesterreichs Herrlichkeit noch festzustehen schien wie die Berge ringsumher. Bald sind wir mitten in der schnurgeraden Häuserzeile: Gaststätten und Weinschenken laden uns ein. Ein Hündlein bellt uns an, ein Brunnen rauscht am umgrünten Markt. Erzgebirgischer Stadtfrieden umfängt uns. Der Name Günther ist hier und da zu lesen. Oben am Rande der braunen Heide steht schlicht und einfach das Häuschen des Toler-Hans-Tonl.
II. Un is mr in dr Fremd, uje …
Aus Gottesgab zog einst der Großvater Anton Günthers mit den Seinen hinab ins »Tol«, (Joachimstal) und sein Vater »Dr Tolerhans« kehrte wieder heim in die »Gutsgoh«, nachdem er beim großen Brand der Stadt Hab und Gut verloren. Aus dem armen Bergmann wurde ein ebenso armer Stickmeister. Sein Reichtum bestand in zehn Kindern, einem verschuldeten Häuschen und in einem echtdeutschen Herzen.
Es ist fast wie ein ewiges Gesetz in der Welt: je ernster das Gesicht der Heimat, desto lieber haben sie die Menschen. Längst ist auch hier oben der Bergsegen erschöpft, karg der Boden, die Bearbeitung schwer, gering der Verdienst, den Hausklöppeln und Sticken abwerfen; der Nebel drückt schwer auf die kleinen Schindeldächer, und an die Türen pochte oft die Not. Was wissen von dem allen die Menschen im bequemen Unterland? Da ist es eine Gottesgabe, ein frohes Herz zu behalten. Auch den Tonl, den Zweitältesten daheim, traf das Los des armen Erzgebirglers: es kam der Tag, da er Abschied nehmen mußte vom bunten Wiesenhang, vom lieben Wald mit seinem Singen und Klingen, aus dem der Kuckuck ruft zur Frühlingszeit. Sein Herzenswunsch, Forstmann zu werden, fand keine Erfüllung; er mußte in die Fremde ziehen. Doch zunächst ging es noch nicht allzuweit, gerade so weit, daß er den weißen Schneemantel des Fichtelberges sehen konnte, hinter dem die Heimat liegt. Hier in Buchholz lernte er bei Eduard Schmidt die Kunst des Lithographierens. Aber bald wachte in seinem Herzen auf, was alle Kinder des Berglandes plagt: die Sehnsucht nach daheim. Fast zur Heimkrankheit wurde sie, als er später nach Prag kam. In der Hauptstadt des Böhmerlandes, dem goldenen Prag, wo die Menschen so fremd und stolz, die Straßen so laut, die Herzen so hart, die Worte so liebeleer waren, konnte das rauschende Leben das Herz des stillen Erzgebirglers nicht satt machen. Wohl war er einsam, doch nicht allein. Allerlei Freunde und Bekannte aus der Heimat fanden sich hier regelmäßig zu einem »Gutsgewer Omd« zusammen. Der war wie eine Insel im weiten Meer der Fremde. Hier tauschten sie Heimaterinnerungen aus und stärkten einander im Kampfe um ihr Deutschtum, indem sie alles Undeutsche in Wort und Wesen verbannten und das deutsche Lied sangen. Denn gesungen wird immer, wenn Erzgebirgler beieinander sind; dazu ward die Fiedel gestrichen und die Harmonie gespielt. Wohl sprachen sie miteinander in der Mundart der Heimat, wohl pflegten sie den deutschen Sang, aber eins vermißten sie schmerzlich: ein erzgebirgisch Lied. Und sieh, da geschah es, der Toler-Hans-Tonl erzählt es selbst: »Ich weiß selbst nicht, wie es kam, ich war gerade beim Gravieren, da summte mir eine Melodie durchs Gemüt, meine Gedanken waren im alten Elternhäusel daheim, und ein Lied war fertig. Ich brachte es zu Papier. Es war mein erstes Lied: Drham is drham. Mir war, als sei mir ein Stein vom Herzen gefallen, und je mehr später Lieder entstanden, desto leichter wurde mir.«
Das war eine Freude, als er es zum ersten Male am »Gutsgewer Omd« seinen Landsleuten vorsang! Jeder wollte es haben. Da vervielfältigte er es auf Postkarten, ließ hundert Stück davon drucken, und jeder schickte davon ein paar in die Heimat. Als er zu Weihnachten heimkam, da ward es schon im Konzert des Gottesgaber Gesangvereins mit hellem Jubel gesungen, und alle sangen es mit. Um die Not im Vaterhause zu lindern, ließ es der jugendliche Dichter abermals drucken, und zwar mit Singweise, und von den Seinen verkaufen. Erzgebirgische Wanderkapellen spielten es. Langsam, aber mit steigendem Erfolg, fand das erste erzgebirgische Lied seinen Weg in die Welt. Ihm folgten bald andere. Sein Herz war stets daheim bei den Seinen, und seine Hand arbeitete in der Fremde für sie. Immer standen der Heimat Bilder um ihn her; er träumte sich in seinen Liedern hinauf an die »Grenz ve Sachsen, wu da Schwarzbeer wachsen«, wo die Lüfte so frisch, frei und rein wehen, wo er zur Gongazeit am Heidehang der Lerche gelauscht, wo der Lenzwind die Schneedecke wegfegt und die Himmelschlüssel weckt, wo im Herbst die Weinbeeren des Erzgebirges glühen, die korallenroten Vogelbeeren, und wo er auf der Heide den toten Vogel fand, der vor Heimweh nach den grünen Wäldern gestorben ist. Der Heimat liebe Gestalten kamen auf allen Wegen ihm entgegen, die Kinder des Waldes und die schlichten Menschen des Gebirges, denen sein Herz gehörte, der »Schwammagieher« der »Muhtstacher«, der alte Musikant der »alta Bordenhannler« und »Hannelsmah«, der mit seiner Hausierkraxe von Tür zu Tür geht. Nicht nur das schlichte Volksdichterwort, auch die Musik klang zugleich in ihm auf, und weil er auch ein Malersmann ist, nahm er den Künstlerstift und zeichnete zu jedem Liede ein liebes, gemütvolles Bildchen dazu. Bald riefen ihn auch andere deutsche Vereinigungen in Prag, selbst in Wien mußte er seine Lieder singen. Zu seiner Freude erlebte er es, daß er dadurch seine Brüder in der Fremde unterstützen und den Seinen in der Heimat helfen konnte. Für sie arbeitete er, zeichnete er, gab Zitherstunden, mußte zwischendurch nach Komotau einrücken, um dem Vaterlande zu dienen, und war »immer zum Singen bereit«. Die Not daheim ward nicht geringer. Er sah den Alten im Vaterhaus, von Sorgen gedrückt, bis tief in die Nacht hinein beim Stickmuster sitzen, sah die »alte Mahm« daheim unermüdlich am Klöppelsack sitzen und Mutter und Schwester nähen. Da entstand in tiefer Nacht eins seiner ernstesten und besten Lieder: »Mei Vaterhaus«.
Do drauß’n in der fremd’n Walt, Da find ich holt kaa Ruh’, Da Heiser sei do ganz aus Staa, Da Mensch’n aa a su. A jeder singt a andersch Lied, Doch mitt’n drinna ’raus, Do klingt’s on ruft’s: Vergaß fei net Drham dei Vaterhaus!
Dies ist ein tiefsinniges Bekenntnis, das manch einer draußen in der wilden Welt sich zu Herzen nehmen könnte: »Erst kommt mein Vaterhaus und alles, was in ihm lebt und webt, und dann komm ich«. Dem alten Vater rollten die Tränen in den Bart, als er das Lied zum ersten Male hörte, und noch einmal hatte er die Freude, seine drei Söhne und die kranke Tochter in Prag zu sehen … noch einmal …
III. »A Hütt’l, när aus Holz gebaut«
»Barchaufwärts, barchaufwärts, Barchaufwärts zieh ich ham, Barchaufwärts, barchaufwärts Do kenn ich jedn Baam, On do kenn ich jeden Wach, Jed’s Flackl, jedn Staach, Barchaufwärts gieh ich ham, Do kenn ich jedn Baam.«
Wie manchesmal mag es der Toler-Hans-Tonl gesungen haben, wenn er in guten und in bösen Tagen in die alte Heimat heraufgewandert ist, und immer war er »fruh, wennrs Heisl sah«.
Dort oben sang es und klang es aus den kleinen Hütten, trotz Sorgen und großen Plagen, wenn am Feierabend die Sternlein über den Wäldern standen; doch an jenem Novemberabend, als er mit pochendem Herzen heimkam, war es finster im Vaterhaus, und alle weinten. Der Vater war tot –. Erst fünfundzwanzigjährig, mußte Anton nun an dessen Stelle für die Seinen sorgen. Doch das Schicksal konnte ihn nicht niederdrücken. Er nahm die Arbeit und Fürsorge um so tapferer auf, als er doch endlich nun daheim war. Wenn aber der Abendfriede über den Bergen der Heimat lag, nahm er nach des Tages Mühen die Gitarre zur Hand und sang sich das Herz frei. In dieser Wehstimmung nach des Vaters Tod entstand eines seiner innigsten und musikalisch bedeutsamsten Lieder, der vielgesungene »Feieromd«, dessen letzte Strophe lautet:
»Gar manichs Herz hat ausgeschlogn, Verbei is Sorg on Müh’, On üvern Grob ganz sachta zieht A Rauschen drüwer hie, ’s is Feieromd, ’s is Feieromd, Es Tochwark is vullbracht, ’s gieht alles seiner Hamit zu, Ganz sachte schleicht de Nacht.«
Um diese Zeit, als er sich im »Tiroler« eine kleine Verkaufsstelle seiner Lieder eingerichtet hatte und des Sonntags oft mit einem Rucksack voll hinauszog über die Berge, floß reich der Liederquell in seinem Innern, wenn er mit Freunden aus fern und nah zusammensaß, dann rollte froh und heiter das alte österreichische Musikantenblut in ihm, dann ward wohl auch mal »derzehlt on Hetz gemacht bis oft nach Mitternacht«. Aber dann zog es ihn wieder hinaus in die heilige Ruh des Waldes, wo so »stad« der Wind weht – und das »Zäßichla« singt. »Ja frei ist der Mensch när do draußen in Wald«, wo »der Wilpertschütz hie dorch de Fichten schleicht« und im Dickicht die Schwämme sich verstecken. Dort draußen in der tiefen Einsamkeit stieg ihm auch einst aus seines Herzensgrund eines seiner lustigsten und volkstümlichsten Lieder: »Da Draakschenk«. Immer wieder kehrte er heim zum liebsten Erdenfleck, ins Vaterhaus zu den Seinen; denn sie brauchten ihn und seine Hilfe. Er fühlte, daß hier die Wurzeln seiner Kraft und seiner Lieder waren; nimmer vergaß er in Dankbarkeit das »arme Stüwel«, aus dem all seine Heimatsänge stammen.
Wie viele zogen von Gottesgab, Preßnitz, Reitschdorf und Kesselwald aus ihrer Heimat in die Fremde. Die Gabe der edlen Musika und das wanderlustige erzgebirgische Gemüt steckte in ihnen und trieb sie von Ort zu Ort, aber glücklich sind sie draußen nicht geworden. Vöglein, die sich in die Welt verflogen. Im Volksmund wurden die böhmischen Musikanten die »Fatzer« genannt. Mit dem Lammetierholz (Klarinette), der Harmonie, der Fiedel und dem Waldhorn zogen sie in fremden Städten, auf Jahrmärkten, unter fremden Menschen rast- und ruhelos umher, abgesprengt von ihrem Volkstum. – –
Im Gasthaus am Fuße des Fichtelberges, von den Einheimischen das »Neue Haus« genannt, ging es vor zwei Jahrzehnten schon immer lustig zu. Da sangen zur Fremdenzeit die alten Schubert-Leute, das »blinde Madl«, der Wolf Tonl und der alte, blinde Vater Lehnhardt. Aber was sie sangen, waren zumeist bayrische, Wiener und Tiroler Lieder. Wohl waren das frohe, muntere Weisen; das erzgebirgische Lied gab es damals noch nicht. Das hat als erster Anton Günther, der erste und beste Volkssänger des Erzgebirges, geschaffen. Bald verlangten die Fremden, die immer zahlreicher, selbst in sturmbrausender Winterszeit heraufkamen, nur noch die lieben, anheimelnden Sänge des Erzgebirges zu hören, sangen sie begeistert mit, trugen sie weiter und erhoben damit manches Gemüt, das durch das seichte Operettenlied schon angekränkelt war. Namentlich am Heimatorte des Dichters selbst erklangen sie aus allen Schankstätten. Wer erinnerte sich da nicht des kleinen »Annl«, im Tiroler, die dem Dichter alle seine Lieder ablauschte und so rührend auf der Gitarre den Gästen vortragen konnte? Musikkapellen und Harfinisten sangen sie auf ihren Reisen, so daß sie heute in ganz Deutschland und weit darüber hinaus bekannt sind. So ward Anton Günther mit seinen Liedern der Lobkünder seiner erzgebirgischen Heimat draußen in der weiten Welt, und der Segen kam von einem kleinen, schlichten Haus und kehrte wieder dahin zurück, ins Vaterhaus, einem »Hüttl, när aus Holz gebaut«.
Unweit davon hat sich der Volksdichter ein eigenes Heim geschaffen. Es ist ebenso schlicht wie das alte Haus, aber es ist umklungen von seinen Liedern. Wie oft kommen nicht eine fremde Wanderschar oder eine Schulklasse und singen vor seiner Tür das volkstümlichste seiner Lieder: »Wu da Wälder hamlich rauschen« oder ein paar alte Musikanten kehren heim und singen ihm: »Vergaß dei Hamit net«. Auch allerlei neugierige Leute tauchen hin und wieder auf, die da meinen, einen Dichtersmann mit der Brille, immer mit Büchel und Feder bewaffnet, zu sehen, und sie finden einen biederen, schlichten Erzgebirgler im Ehrenkleid des Werktags, der für Weib, Kinder und Heimatscholle schafft, getreu seinem Wahlspruch:
»Aafach on racht, Gerod raus on net schlacht, Dr Hamit, on Volk trei, A su will ich sei.«
IV. »Wie dr Schnawl stieht – Deitsch is mei Liedl«
Es ist doch wundersam: Gar mancher mit und nach ihm hat Volks- und Heimatlieder gesungen und ersonnen, aber nur wenigen sind sie gelungen. Wer Anton Günthers Lieder hörte, vergißt sie nicht gleich wieder. Sie kommen aus dem Herzen und gehen zu Herzen. Das könnte vielleicht als billige Redensart angesehen werden, aber man fühlt: diese Worte in der Mundart des Erzgebirgsvolks, die er vorerst gar nicht aufs Papier zu bringen und in die Welt zu schicken sich traute, sind echt, wahr und klar, schlicht und einfach, treffsicher, ohne Schnörkel und Künstelei, und zu ihnen paßt die Melodie. Sie erscheint, wie bei jeder guten Vertonung, als die Fortsetzung, die Ergänzung und Verinnerlichung. Sang und Klang sind eins geworden. Mit ein paar einfachen Akkorden drückt er aus, was vielen in umständlicher Rede kaum zu sagen gelingt. Hier ist erfüllt, was einst ein großer Dichter über den echten Volkssänger sagt: »Er wecket der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen.« Wie in dem Meistererzähler des österreichischen Volksstammes Peter Rosegger lebt in ihm die aufgespeicherte, unverbrauchte Gemütskraft der Bergkinder. Ein stilles Flämmlein wird zum Lichtschein, der vielen leuchtet. Schlichte Lieder nur wollen seine Sänge sein, aber sie tragen die Merkmale echter Dichtung: sie sind aus einem Erlebnis erwachsen, sind eine Eingebung und ein Stück Bekenntnis. Mit feinem natürlichem Empfinden ist auf den meisten seiner Karten zu lesen: Dies Lied _entstand_ 1907 usw. Er kann keine auf Bestellung machen, wie etwa die Reklamedichter der modernen Zeit. In seinen Liedern leben die Düfte des Heidelands und der Morgenwind, der darüber weht, das Echo der Bergwälder und das Rauschen der Bäume, jenes unsagbar heimliche und tiefe Rauschen des erzgebirgischen Waldes, dem kein anderes vergleichbar ist. Aus ihnen steigt der herbe Duft der Erzgebirgsscholle, der gesunde Anhauch des Fichtengrünes; das Murmeln des kiesigen Waldbächleins flüstert in ihnen und der Liebeszwiegesang der gefiederten Sänger, die in den Zweigen wohnen. Frage den Wald, warum er rauscht, frage den Wind, warum er weht und wohin er geht, frage den Toler-Hans-Tonl, warum und wie er singt:
»Weils Vöchela singt wie sei Schnawela stieht, Nooch seiner Art a jed’s Blümela blüht, Will ich aa singa, weils en bestn a su gieht, Wie mr dr Schnawl halt stieht.«
So sind bis heute über hundert herzinnige Lieder entstanden, davon sind vierundsiebzig zu singen und mit Bildern geschmückt, und klingen in den Bergen und in gar manchem Menschenherzen.
Es ist nur eine engbegrenzte Welt, die sein Lied besingt, aber im Leben und Weben der ewigen Natur und im armen Menschendasein dort oben erscheint ihm nichts zu gering und unbedeutend, daß es nicht eines Liedertones wert sei, ob er nun das Aufblühen des Vergißmeinnichts im Wiesengrunde sieht, oder das Finkenpaar im Nachbarbaum belauscht oder dem kleinen »Grünents« und »Hanftlich« nachblickt, die über den düsteren Moorgrund fliegen, oder das Sommergesumm am würzduftenden Waldrand vernimmt, ob der Glockenschall der kleinen Waldkapelle an sein Ohr dringt oder ob er zur »Harwistzeit« das Aufbrausen des Höhensturmes und das Weihnachtsahnen im Winterwalde erlebt. Wie schlicht und innig ist das Zum-Gleichnis-werden alles Vergänglichen in dem kleinen Liede: »Blüh, Schwarzbeer, blüh« zum Ausdruck gebracht! Alles Süße und Liebe der armen Heimaterde ist eingefangen in seine anspruchslosen Verse. Sie ist ihm, gleich dem Leben, ein heiliges Buch, das auf allen Seiten großen Inhalt zeigt und zeigen soll, und über dieser Erde leuchtet ihm ein schöner, unbeweglicher Stern: das ist die Liebe zur Berg- und Waldheimat. Ihr gilt sein erstes und sein letztes Lied. In der Lebensbeschreibung, die er dem ersten Bande seiner Lieder vorausschickt, bekennt er es: »Aus ärmlichen Verhältnissen sind meine Lieder entsprungen zum Wohle einer ganzen Familie und nicht minder zum Wohle unseres Gebirges.« Und wer sollte nicht lieb haben diese schlichten, geraden und selbstgenügsamen Menschen, die vom Sonnenaufgang bis -niedergang eingespannt sind in den Tageslauf! Viele von ihnen haben noch etwas vom knorrigen Geschlecht der Vorzeit in sich, sind Leute vom »alten Schlag«, gesund am Mark und in ihrer Lebensweisheit, voll Hingebung an die Arbeit und voll Ehrfurcht vor dem Alter. In ihrer Bedürfnislosigkeit können sie dem neuen Weltmenschen ein Vorbild sein. An einem Stück Brot, ein paar Kartoffeln, einem geringen Kaffee, mit der Schwammabrüh im Topf und einer Pfeife Tabak finden viele ihr Genügen. Sie sind die Nachfahren der rauhen, aber wackeren Hammerschmiede und Bergwurzeln des erzgebirgischen Volkes, in denen der Erdsegen und die Lichtsehnsucht der alten Zeit fortleben. Der in der Weltverlassenheit schaffende Holzknecht, der arme »Großhaaner«, selbst der alte »Bettelmah«, der im Kampf um die Heimatscholle unterlag, stehen unserem Toler-Hans-Tonl höher, als die, die in »Grustu an Olmerichkeit« draußen in der Welt verdarben und die Heimat vergaßen. Unter dem Sammelruf: »Vergaß die Hamit net!« sendet er auch diesen Verlorenen und Wankenden seine Lieder. Hört ihr es? … »Ach wie schü wars daham of der Uf’nbank« … wenn Heimatfriede in Hütten und Herzen einkehrte und in die Spinnstuben zum »Hutznomd« die heilige, heimliche Weihnachtsstimmung sich ausbreitete.