Chapter 6 of 6 · 3470 words · ~17 min read

Part 6

In dieser langen, dunklen Winterzeit rücken sie alle näher aneinander; ihre Herzen tun sich auf, und ihr Mund singt es heraus, was an Leid und Freud tief innen wohnt. Ihr Volksdichter ist immer mitten unter ihnen, wenn auch nicht in Person, so doch in seinen Liedern. Wie der Bergmann, der mit seiner Blende den dunklen Schacht der Erde ableuchtet, so findet er im Herzen des Volkes manchen Schatz, den die neue Zeit verschüttet hat, die alte Treue und gebirgische Art, die Rechtschaffenheit, Biederkeit und Zufriedenheit, »das beste Kraitl«, das in der Welt gedeiht. Ist es nicht schlichteste, aber unzerstörbare Lebensweisheit, wenn er das Leben als Büchel besingt, in dem nur Gutes stehen soll, wenn er sagt:

»Drem war a Herz gefondn hat, Dar sell net meh begarn, A Harz, wos schleecht vull Lieb on Trei, Werd of dr Walt wuhls Beste sei – Doch ’s muß verstandn warn.«

Aber immer klingt in seinen Liedern jene wunderbare Mischung zwischen tiefem Lebensernst und Scherz auf, der allen Großmeistern der Freude eigen ist.

»Jeder Baam hot sei Astl, jeder Barch hot sa Spitz, Jed’s Vöchla sei Nastl, jed’s Flamml sei Hitz, ’s hot alles sei Ordnung, ’s hot alles sei Zeit, Jeder Mensch macht wos andersch, ’s hot halt jeder sei Freid.«

Und der Gottesgaber Sänger ist der letzte, der gegen diese echte – Gottesgabe predigen will. Wie die Sonne durch dunkles Gewölk lächelt, so blitzt hier und da ein Strahl echten, goldenen Humors in seinen Liedern auf, bricht der Schalk durch, lacht das lustige oesterreichische Gemüt, das ein unvergängliches Erbteil dieses schwergeprüften deutschen Volksstammes ist. Nimm und sing nur seine heiteren Lieder: Da Ufnbank, ’s fallische Nannel, Da Pfeif, Da zwaa Finken, ’s Annl mit’n Kannl, Dr Grenzschutz, Allerhand ve dr Gutsgoh!

Aber diese Stunden der Freude und des Lachens sind nur Ruhepausen im Kampfe des Lebens. Denn nicht nur die Not des eigenen Daseins, auch die Not seines ganzen Volksstammes hat bei seinen Liedern Pate gestanden. So wie sich der Geleitsspruch: »War sei Hamit liebt, liebt a sei Volk« durch alle Lieder hindurchzieht, so gewiß ist auch, daß diese Liebe nur durch harten Kampf erworben ward. »Deitsch on frei wolln mr sei!« ist Notruf und ewige Losung des deutschböhmischen Bruderstammes hier oben. Gerade das ist es, was dem Heimatvolk des Sängers so furchtbar schwer gemacht wird durch Jahrhunderte hindurch, so lange hier deutsche Herzen schlagen. Notzeiten hat es im Gebirge immer gegeben, als der Bergsegen erstarb, wenn die Ernte verdarb, wenn der Verdienst im Wechsel der Zeiten karg ward, aber nie waren die Wasser der Not so hoch gestiegen als in den letzten Kriegsjahren, da das Hungergespenst diesseits und jenseits der abgebrochenen schwarz-gelben Grenzpfähle umging und in den kleinen Hütten auf den Bergen das Licht erlosch. Ergreifend klingt dies in dem Gedicht »Kaa Licht« wieder, für das der Sänger weder Bild noch Weise fand. In stillem, zähem Behaupten und unwandelbarem Vertrauen ward der Grenzstamm zum Duldervolk, aber daß es nicht mit Seufzen und Bangen unterlag, hat es nicht zum geringsten Teile seinen treudeutschen Führern zu verdanken, zu denen auch Anton Günther zu zählen ist. Auf den Flügeln seiner Lieder geht die Klage der Väter und der Weckruf der Brüder zu uns ins Reichsland. Nichts Undeutsches ist in seinem Wesen und seinen Weisen.

»Deitsch is mei’ denk’n On deitsch mei’ Gemüt, Deitsch is mei Hamit, Mei Vater sei’ Hütt’ … Deitsch is mei’ Tracht’n, Mei Tu on mei’ Treib’n, Deitsch on frei bie ich On wills immer bleib’n …«

Und die Lauen rüttelt er auf:

»Scham dich fei, scham dich fei, Du willst aa a Deitscher sei? Denkst wuhl, weil du deitsch tust redn, Schüna Wärter sochst en jedn, On drbei, als wie a Kind, Drehst du en Mantl noch na Wind, Denkst wuhl, weil du deitsch mich grüßt, Doß du schu a Deitscher bist?« …

Aber nicht nur mit dem Wort – auch mit der Tat, mit Gut und Blut trat er für sein Volk ein, zog in den Krieg und trug schwere Wunden mit heim. Draußen am Isonzo richtete er die verzagten Kameraden mit seinen Liedern auf und ist bis heute nicht müde geworden, die Getrennten zu sammeln, zur Einheit zu mahnen und die »niedertrachticha, waggeschmissina, falischa Politik« in die »Feirist« zu hängen.

»Ich bin net schwarz, ich bin net weiß, ich bin net rut, ich bin net grü. Ich halt zer Hamit, ze mein Volk, weil ich a Arzgebircher bin.«

Aber nicht nur als Volksdichter, Volkserzieher, sondern auch als praktischer Volkswirt erweist er sich, wenn er aufruft:

»Schafft Vieh in Haus, ’s werd Wuhlstand drauß, Da Nut die huppt zen Fenster naus. Host du a Flackl Ard, Bebau dei Fald mit frischem Mut, Weil dr Segn när in dr Arweit ruht. Nort hot erst ’s Labn en Wert, Bebau dei Flackl Ard!«

Er selbst gibt den Seinen darin ein gutes Vorbild und zeigt, auch wenn seine Lieder nicht klingen: Wer der Heimatscholle treu bleibt, dem bleibt auch die Heimat.

V. Traute Lieder hör ich wieder Hamlich in dr Mottersproch

In der großen Stadt ist Stiftungsfest des Erzgebirgsvereins. Dort finden sich Leute zusammen, die vom Gebirge her stammen oder Freunde der Berge sind, die das Erzgebirge aufschließen helfen, Wege bauen, Wanderheime und Jugendherbergen gründen und, wenn sie zusammenkommen, erzgebirgische Art und Sitte pflegen. Da werden mundartliche Volksstücke aufgeführt, heitere, gebirgische Geschichten vorgetragen und Lieder gesungen. Wie oft heißt es da nicht hier und da: Wir wollen den Toler-Hans-Tonl bitten, daß er selbst einmal zu uns komme, und wenn er in seiner grünen Gebirgstracht leibhaftig vor ihnen steht und seine Lieder zur Laute singt, dann ist es, als wenn die grünen Fichten rauschten und die Waldharfen aufklängen im großen Lichtersaal, als wenn der Bergquell spränge, als wenn das liebe Erzgebirge in seiner biederen Frömmigkeit selbst zu ihnen gekommen wäre, und mancher Mund summt, der »Gongazeit« gedenkend, leise mit:

»Grüß dich Gott, o du mei Arzgebirch, Grüß dich Gott, du grüner Wald. O wie garn kehr ich zu dir zurück, Wus su hamlich klingt on schallt.« – –

Es war zur Hauptversammlung des Erzgebirgsvereins, die 1905 zu Zwönitz stattfand. Bei der Erstaufführung des erzgebirgischen Volksstückes »Heimkehr« von Pfarrer Löscher, dem verdienten Freund und Förderer des Vereins, wirkte auch Anton Günther mit und ward zum ersten Male einem größeren Kreise bekannt. Seitdem war er gewissermaßen entdeckt, und trat in der Folgezeit auf besondere Einladung hin in Landsmannschaften, Heimatvereinen, deutschen Sprachvereinen, Vereinen für Volkskunde, Gesangvereinen, literarischen Verbänden und Erzgebirgszweigvereinen als hochwillkommener Gast auf. Nicht nur in Sachsen und Böhmerland, auch in Wien und Berlin erwarb er sich begeisterte Freunde. Erzherzöge und Könige begehrten ihn zu hören. Im Jahre 1913 sang er auf dem Fichtelberge vor dem ehemaligen König Friedrich August, der durch die Liedstelle

»Mit kan Könich mächt ich tauschen, Weil do drubn mei Heisl stieht.«

zu Tränen gerührt ward und den Sänger durch das Ehrenkreuz mit der Krone auszeichnete. Wohl war des Toler-Hans-Tonls Freude darüber groß, aber in seiner schlichten Art sagt er später:

»Das Kreizl ehr net mich allaa on aa net när mei Lied, Das ehrt es ganze Arzgebarch, es Volk mit sein Gemüt.«

Wie oft ist er bis zum heutigen Tage gesucht und zu Gast gebeten worden, aber er kann nicht auf allen Bergen sitzen und singen. Das Leben ist ernst und verlangt noch andere Pflichten von ihm, und wo er selbst nicht hinkommt, da sind als Boten seine Liedergrüße gegangen. Auf tausenden von Postkarten sind sie in die Welt geflattert, aus dem stillen Gottesgab, vom Fichtel- und Keilberge, von den Sommerfrischen des Gebirges, aus den Schaukästen der Großstädte. Fürstenkinder und schlichte Leute kennen und singen sie, selbst nach Amerika gingen sie – ein Strahl der Heimatsonne übers ferne Meer. Und sie werden bleiben, wenn schon mancher Sang verschollen, den heute die Welt liebt. Drum kauft seine Lieder! Sie sind ein Quell reiner Freude, ein Wegweiser ins Erzgebirge, eine ausgestreckte Bruderhand, ein Gruß aus der Heimat, denen, die sie verloren, ein Bollwerk gegen alles Undeutsche in und um uns.

Aus dem stillen Heimatglück des Vaterhauses, woher sie gekommen, kehren zurück alle seine Lieder, und in der Heimat ist auch der Toler-Hans-Tonl am liebsten. Er selbst bekennt es: … ’s werd aus ’ner Ficht kaa Birnbaam draus, dort, wu ich harstamm, halt ich hie … Seinem lieben Gottesgab, dessen Ehrenbürger er ist, hat er Treue geschworen, ihm gehören alle seine Lieder, er nimmt Anteil an seinem Geschick in guten und bösen Tagen, leitet ihre Jugend und hilft nach Kräften den Gebirgsarmen, für die er eine Toler-Hans-Tonl-Stiftung gegründet hat.

»Drham is drham!« so sagte er, als er mir zum Abschied die Hand reichte, aber wir wissen: Kein Grenzpfahl kann uns scheiden; denn _sein_ Volk ist _unser_ Volk, und seine Lieder leben, so lange die deutsche Treue und gebirgische Art in Hütten und Herzen leben; so lange die Berge stehen und die Wälder heimlich rauschen. Glück auf, du treuer deutscher Grenzwächter im Böhmerland!

Der Hacksilberfund von Poppitz bei Riesa

Von _Alfred Mirtschin_, Riesa

Dem Poppitzer Nachtwächter hatte einst ein Zigeunerweib prophezeit, unter Poppitz lägen Millionen vergraben, und er …!

Er ist der Glückliche, der am 17. März 1926 einen »Topf voll Geld« findet.

Er ist in Tagesschicht beschäftigt, den kaum merklichen Straßengraben einer Straße mitten im Dorf um einen Spatenstich zu vertiefen. Ganz dicht neben einer Mauer stößt plötzlich seine Schaufel auf etwas Hartes. Ein Stein. Einige wuchtige Stöße. Die Schaufel gräbt sich weiter. Hoch! Da rollen ihm Silbermünzen wie ausgeschüttete Erbsen entgegen. Ein paar Hundert. Noch ehe er sich von seinem Erstaunen erholt, ist schon jung und alt aus der Nachbarschaft um ihn versammelt und drängt und rafft, Silbermünzen zu erhaschen, reich zu werden. Aber o weh! Wie dünn sie sind! Und wie zerbröcklich! Mancher wirft sie wieder weg. Andere treten drauf und raffen sie wieder von neuem. Ein Gewoge und Geschiebe und Geplauder an der Fundstelle. Der arme Nachtwächter weiß sich gar nicht zu helfen. Er ist nur froh, ein viertelhundert Münzen für sich gerettet zu haben. Die übrigen sind unter der Einwohnerschaft verstreut wie Flugblätter vom Flugzeug herabgeworfen. Und das Harte, das der Schaufel Widerstand geleistet? Es ist ein Topf, der nun von den Leuten kurz und klein getreten worden ist.

Ein Bild sinnloser Zerstörung. Aufregung, Tagesgespräch im Dorfe, das sich bis zu einsichtigen Menschen fortpflanzt. Sie erkennen, daß es sich bei diesem Fund nicht um den geringen Silberwert, sondern um wichtigere Dinge handelt. Sie kennen mich von meinen Ausgrabungen in Poppitz her und holen mich. Am Fundplatz kann ich nur noch Nachlese halten. Schneidersleute übergeben mir die von ihnen sorgfältig gesammelten Topfreste und den von niemand beachteten »Bleideckel«. Aber wie die Münzen wiederbekommen? Zwang und Belohnung haben eher entgegengesetzte Wirkung. Also Aufklärung und gütliches Zureden. Die Besinnung kehrt bei allen wieder. Niemand verweigert die Herausgabe. Manchem fällt es schwer. Doch die bessere Einsicht siegt. Die Dorfjugend hilft. Ich gehe von Haus zu Haus. Tagelang spüre ich nach, wie kein gewissenhafter Kriminalbeamter gründlicher tun kann. Und so habe ich nun wohl fast alle Münzen wieder beisammen. Nur einige wenige Stücke werden noch verborgen sein.

[Illustration: Abb. 1. =Der vom Verfasser aus sechsundsiebzig Scherben wieder zusammengesetzte Topf des Poppitzer Hacksilberfundes.= Ungefähr einhalb natürliche Größe]

Was ist das nun für ein Fund und welcher Zeit entstammt er? Diese Fragen drängen sich nun ohne weiteres auf. Zur Beantwortung der ersten kommen nur Vermutungen in Frage. Die geschichtlichen Ereignisse der Heimat geben nur geringen Aufschluß. Wer kann es wissen, ob es ein Schatz des zwei Kilometer entfernten 1111 bis 1119 gegründeten Klosters Rezowe, ob es ein Privatgut war, das aus Furcht vor den Feinden – der Meißner Markgraf Heinrich der Erlauchte – 1221 bis 1288 – lag seit 1240 in mehrjähriger unglücklicher Fehde mit den beiden Brandenburger Markgrafen Otto und Johann – versteckt worden war, ob es ein unehrlich oder verbrecherisch erworbenes Gut war. Niemand kann es mit Bestimmtheit sagen, sicher ist aber, daß der Fund in jenes unruhige dreizehnte Jahrhundert gehört. Darauf weisen Topf und Münzen. Solche Gefäße (siehe Abbildung 1) waren bei den Deutschen im dreizehnten Jahrhundert im Gebrauch. Es ist eine Bombe mit gewölbtem Boden. Der Hals ist wenig umgelegt und hat innen eine Hohlkehlleiste. Das Material besteht aus schwarzgrauem, klingend hart gebranntem Ton, die Wandstärke nimmt vom Hals nach dem Boden zu immer mehr ab, ein Topfdeckel fehlt.

Die Münzen stammen ebenfalls aus dem dreizehnten Jahrhundert, und zwar aus der ersten Hälfte. Es sind einseitig geprägte Brakteaten aus dünnstem Silberblech. Sie sind durchschnittlich vier Zentimeter groß und wiegen ein reichliches halbes Gramm. Das Bild wurde mit einem Stempel aus Hartholz oder Metall eingeschlagen, so, daß es reliefartig hervortritt. Jegliche Angaben über Wert, Hersteller und Prägungsjahr fehlen. Sie wurden nach dem Gewicht gewertet. Darum zerschnitt man sie ohne Bedenken in Halbe und Viertel, wie sich solche Teile bei dem Fund in gleicher Anzahl wie die ganzen Stücke fanden. Sie dienten nur zum Ausgleich und dem Kleinverkehr. Das Hauptzahlungsmittel war der Silberbarren. In einen Schmelztiegel wurde soviel Silber gegossen, als die Zahlung erforderte. Daher die Kugelkappenform des Gußkuchens. War das notwendige Gewicht nicht ganz erreicht, so glich man den Rest mit Brakteaten aus. Nach der karolingischen Münzordnung galt damals noch die Silberwährung. Goldmünzen gab es in Deutschland noch nicht. Die Fürsten hatten Münzhoheit. Eine Menge neuer Münzprägestellen kam dadurch auf. Bedrängte Fürsten haben da oft dasselbe getan, was Deutschland heute tut: viel unedles Metall in das Silber gemengt und minderwertiges Geld geschaffen.

[Illustration: Abb. 2. =Die verschiedenen Typen der Brakteaten und der Gußkuchen aus dem Poppitzer Hacksilberfund.= Ungefähr einhalb natürliche Größe]

Das Bild auf den Poppitzer Brakteaten gibt nun Aufschluß, wo deren Prägestelle zu suchen ist. Nicht allzuweit vom Fundplatz weg. Im zwanzig Kilometer entfernten Meißen. Dort sind sie in den Jahren 1208 bis 1258 von den Bischöfen Bruno II. (III.) 1208 bis 1230, Heinrich 1230 bis 1240 oder Konrad 1240 bis 1258 geprägt worden. Sie gehören mithin zu den älteren Brakteaten, die sich vor den späteren durch ihre Größe, ihre Schönheit (namentlich die selteneren bischöflichen) und durch ihre bessere Prägung auszeichnen. Die hundertsechsundachtzig Münzen, ganze und geteilte, des Poppitzer Fundes zeigen mit nur einer Ausnahme eine auf einem oder zwei Bogen sitzende Figur, den Meißner Bischof, der in den Händen je ein kirchliches Symbol hält, z. B. einen Krummstab (Abb. 2 Nr. 4, 15 und 20), eine Hostienschachtel (?) (Nr. 5, 10 und 28), ein Patriarchalkreuz (Nr. 1, 19 und 34), ein Malteserkreuz (Nr. 1, 19 und 29), einen Stern (Nr. 11 und 14), ein Kugelkreuzszepter (Nr. 6, 24 und 25), ein Lilienszepter (Nr. 3, 5, 6, 7, 8, 12, 13, 14, 22, 26, 27, 33 und 35), ein Lilienszepter mit Doppelkelch (Nr. 9 und 23), ein Lilienszepter mit Kreuz (Nr. 3, 4, 8 und 21) und eine Fahne (Nr. 2, 30 und 31). So ergeben sich fünfzehn verschiedene Sorten ganzer Brakteaten, denen die zerteilten entsprechen. (Abb. 2.)

Eine Sonderstellung nehmen die Brakteaten Nr. 16 und 17 (Abbildung 2) ein. Sie tragen Schriftzeichen. Die auf Nr. 16 ließen sich entziffern als ~DId~ ----~D~ (?) ~GIIII~. Es ist fraglich, ob sich diese Schrift auf den Markgrafen Dietrich den Bedrängten (1195 bis 1221) oder auf den Bischof Dietrich II. von Meißen (1190 bis 1208) bezieht.

Sicher nicht bischöflichen Ursprungs ist der Brakteat Nr. 17. Die Kronen und die Löwenköpfe in den Winkeln des Kreuzes und die Schrift ~MONETA DOMINI IMPERATORIS~ weisen auf den Kaiser Otto IV. (1209 bis 1215) hin.

Der Gußkuchen, der erst für einen gewöhnlichen Bleideckel gehalten wurde, wiegt vierhunderteinundvierzig Gramm und besteht, wie die chemische Untersuchung ergab, aus fast reinem Silber, dem nur eine winzige Menge Kupfer und Eisen beigemengt sind. Seine Höhe beträgt 9,5 Millimeter, sein größerer Durchmesser 8 und sein kleinerer 7,2 Zentimeter.

Bedenkt man, daß nach der sich in den Städten allmählich durchsetzenden Kölner Gewichtsordnung das Pfund vierhundertsechsundsechzig Gramm wog und die Hälfte, zweihundertdreiunddreißig Gramm, eine Mark betrug, daß der Poppitzer Fund ein Metallgewicht von fünfhundertsechsundfünfzig Gramm besitzt, also knapp 2,50 Mark Wert darstellt, und bedenkt man, daß man schon Funde bis zu fünftausend Stück Brakteaten gemacht hat, so ist der Poppitzer als ein kleiner zu betrachten. Doch er ist für unsere Riesaer Heimat und auch für unsere sächsische Heimat von um so größerer Bedeutung. Zum ersten Male gelang ein solcher Fund in unserer Gegend, der aus unserer heimischen Diözese Meißen stammt. Er kann geschlossen, Topf, Silberbarren und Brakteaten in unserer Heimat von der Allgemeinheit betrachtet werden. Das ist der Einsicht und dem Opfersinn der Gemeinde Poppitz zu verdanken, die den Fund in anerkennenswerter Weise dem Riesaer Heimatmuseum spendete.

Vom Steinkreuz bei Großerkmannsdorf

Von _Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz

Nicht weit vom Dorf an der Straße nach Radeberg lauern bewaffnete Männer, Bauern aus Großerkmannsdorf. Der Wald verbirgt sie. Michel Merkel, der Erbrichter, ist ihr Führer. Der hat in der Frühe erkundet, ein Trupp kaiserlicher Soldaten käme mit ein paar Salzwagen aus Radeberg. »Ihr Bauernschinder! Euch wollen wir’s geben! Ihr habt uns genug geplagt! Soldatenblut für Bauernblut!«

Sie lauschen. Still bleibt’s im Wald, auf der Straße.

Die Kaiserlichen sind noch ein ganzes Stück davon. Aber auf ihrer Hut sind sie! Der Kornett hat sein Pistol geladen in der Faust. Vom Pferd herab überschaut er die Straße. Nichts, was verdächtig sein könnte! Er hängt den Gedanken nach. Heute früh war er mit ein paar Musketieren nach Radeberg gezogen, Salz sollte er auf Befehl ins Lager bringen. Hier an der Grenze zwischen der Lausitz und Kursachsen war dafür Stapel- und Zollstätte. Nur wenige Vorräte waren dagewesen. Ein paar Bürger hat er aus Vorsicht gezwungen, mit Musketen bewaffnet die Wagen zu begleiten.

Die Wagen poltern durch den stillen Wald.

Da auf einmal tauchen hinter den Bäumen die Bauern auf, ihre Büchsen knallen los. Der Rauch verzieht – sie haben schlecht getroffen. Aber schon hat der Kornett den Anführer erkannt, ein wohlgezielter Schuß, und Michel Merkel sinkt verwundet zur Erde. Die Bauern überkommt ein Schreck, sie springen und fliehen in den Wald hinein. Die Fuhrleute hauen auf die Gäule ein, schnell rattern die Wagen davon.

Und nun ist’s wieder still.

Geraume Zeit vergeht. Die Bauern wagen sich heran, sie tragen den Schwerverwundeten ins Erbgericht. Keine Pflege hilft, am zehnten Tage danach ist er ein stiller, toter Mann. –

Wo jetzt am Ende des Dorfes das verwitterte Steinkreuz steht, dort soll es gewesen sein, daß Michel Merkel in seinem Blute gelegen hat. Ein Mordkreuz nennen es die Leute heute noch. Doch, wer weiß das so genau? Auch das Kirchenbuch des Dorfes berichtet von dem Kreuze nichts, nur hat der Pfarrer von damals eingetragen:

»1634 Mittwoch in der Marterwoche (war 2. April) gingen auf Begehren etliche aus unsrem Dorfe mit Musqueten auff Radeberg, etliche salzwagen aufzuhalten, damit sie nicht den Kaiserlichen zukämen. Darunter war auch Michel Merkel. Weil aber die Radeberger den Salzwagen beystunden und die Unsrigen meistenteils nicht stunden, ward Michel Merkel von dem Conovier der Salzwagen, so ein Kornett sein sollte, geschossen, an welchem Schusse Er den Sonntag Quasimodogeniti (war den 13. April) starb und wurde den 14. begraben.«

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei

Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden – Photographische Platten »Sigurd« und »Satrap«, photographische, sowie kinematographische Aufnahme- und Wiedergabeapparate »Ernemann«

Photographische Aufnahmen: Max Nowak

Sächsischer Bauern-Kalender 1926

Herausgegeben von der Landwirtschaftskammer für Sachsen Bearbeitet von Dr. Horst Höfer, Meißen Bildschmuck von A. Weßner-Collenbey

Zum fünften Male nimmt der stattliche Bauern-Kalender seinen Weg hinaus in das sächsische Land. Was er bei seinem erstmaligen Erscheinen versprach, hat er treulich gehalten; er ist ein Kulturwerk geworden, auf das wir Sachsen stolz sein können. Der künstlerisch vollendet ausgestattete Kalender ist als Pionier des guten Geschmacks in das Bauernhaus gezogen, wo er vielfach der bevorzugte Lesestoff des Jahres ist, und hat dort die ärmlichen, ja oft erbärmlichen Kalendermachwerke früherer Zeit verdrängt und den Sinn für das Gute und Schöne geweckt. Aber nicht nur das! Der Bauern-Kalender ist auch ein treuer Pfleger des Schollenbewußtseins und der Heimatliebe. In jedem der vielen prächtigen Bilder von der Meisterhand A. Weßner-Collenbeys spiegelt sichs wieder: Wie schön ist doch unser liebes Sachsenland! Und aus jedem der zahlreichen, belehrenden und unterhaltenden Aufsätze klingts hervor: Wie reich ist unser Bauernland und wie kraftvoll und stark ist noch unser Bauernstand, der Urquell unserer Volkskraft. Nicht nur der Landmann wird seine Freude an dem prächtigen Kalenderbuche haben, jeder Freund des ländlichen Sachsens – und wer wäre das nicht! – wird sich mit hohem Genuß hinein vertiefen. Daß die Auswahl des Stoffes und die ganze Zusammenstellung und Ausstattung des Kalenders nichts zu wünschen übrig lassen, war nach dem, was die früheren Jahrgänge geboten haben, nicht anders zu erwarten.

_Klengel._

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Obiges mit hundert Abbildungen ausgestattetes Heimatbuch ist zum Preise von

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Jahrgang 1925 (Band XIV)

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=Dresden-A.=, Schießgasse 24

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.