Part 4
In Abbildung 1 sehen wir in der Mitte eine zerbrochene Deckschale, welche auf die Knochenurne gestülpt war, diese steht aufrecht darunter. Verschiedene Beigefäße stehen um diese her, sie sind umgestülpt und stellen wohl Topfgerät dar, welches der Tote im Leben benutzte und das ihm ins Jenseits mitgegeben wurde. Andere Gefäße wiederum stehen aufrecht, sie enthielten zur Zeit der Grabsetzung die Totennahrung, von der wir hin und wieder verkrustete Reste im Innern der aufrechtstehenden Krüge und Kannen vorfanden. Das Grab selbst ist stark beschädigt, es war einst mit Steinplatten bedeckt. Als man aber während der Kriegs- und Inflationszeit hier Kleingärten anlegte, rodeten die fleißigen Leute all die unbequemen Steine, die in zwanzig bis dreißig Zentimeter Tiefe den Wurzeln die nötige Nahrung versagten, aus, und zerstörten dabei die Gräber. Nur wenige kleinere Gefäße sind uns erhalten geblieben – Abbildung 1: die bauchige Henkeltasse links und die Tasse darüber. Die anderen Gefäße sind mehr oder weniger zerdrückt und müssen erst in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt werden.
[Illustration: Abb. 3. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne mit Resten eines Kindes, in der Mitte Scherben von Beigefäßen, rechts Urne mit Resten eines Erwachsenen, rechts davor eine verschobene Wandplatte und darauf die nach rechts entführte Deckplatte der Steinkiste]
Eine andere Art, das Geschlecht des Toten zu bestimmen, besteht in der Beobachtung der Beigaben. In Abbildung 2 ist ein Frauengrab dargestellt, das als solches durch die Beigabe eines Spinnwirtels (auf dem Erdkegel hinter der Bildmitte) dargestellt ist. Die Knochenurne steht am weitesten links, Hausgerätschaften sind in östlicher Richtung davor aufgereiht. Die Bestimmung des Alters der Toten durch Beobachtung der Größenverhältnisse der einzelnen Knochenreste führte bei dem Grabe auf Bild 3 und 4 dazu, das wir folgende Feststellung machen konnten: In dem schräg liegenden kleinen Gefäß auf der linken Bildseite (angebrochene Deckschale), lagen die Reste eines Kindes, dessen ungefähres Alter durch die Beigabe eines kleinen Fingerringes, der den Umfang der Fingerweichteile widerspiegelt, festgelegt ist. In der großen Knochenurne auf der rechten Bildhälfte war eine erwachsene Person beigesetzt.
[Illustration: Abb. 4. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 1. Links Urne mit Resten eines Kindes, schräg darüber die Deckschale. Rechts Urne mit Resten eines Erwachsenen auf der Grundplatte einer sonst weggeräumten Steinkiste]
Die bezeichnendste Grabform der Lausitzer Zeit ist die Steinkiste: Um eine wagerecht liegende viereckige Grundplatte stellte man aufrecht vier Wandplatten, setzte die Knochenurne und etwaige Beigefäße in die so entstehende Steinkiste hinein und deckte das Ganze durch eine Deckplatte zum Würfel ab. Auf Abbildung 3 sehen wir die durch den Pflug zerstörten Reste der Steinkiste auf der rechten Bildfläche bei der Urne mit den Überresten des Erwachsenen. In Abbildung 4 sind die Wandplatten beiseite geräumt, die zerdrückte Urne ist freigelegt und steht auf der granitenen Grundplatte. An ihrer rechten Seite gewahrt man ein kleines Schälchen, das unter dem eingezogenen Leibe der Urne gerade noch Platz gefunden hatte. Nur in Gebieten, wo der schalig klüftende Granit ansteht, konnten regelmäßige Steinkisten errichtet werden. Aber die Steinkiste ist nicht die Regel. Vom selben Gräberfelde stammt das Bild 5, welches eine Steinpackung darstellt, die allerdings durch Pflug und Rodung aus ihrer sonst völlig pflastermäßigen Ordnung gebracht ist.
[Illustration: Abb. 5. =Niederkaina= bei Bautzen. Grab 3. Vom Pfluge und durch frühere Waldrodung gestörte Steinsetzung]
Eine andere Grabanordnung mit reicheren Beigaben an Tonware bildet sich beim Übergang zur jüngeren Bronzezeit in den nächsten Jahrhunderten aus. Das Grab, welches in Abbildung 6 dargestellt ist, enthält nicht weniger als neunzehn Gefäße der verschiedensten Art. Auch dieses Grab ist durch den Pflug arg zerstört. Im Vordergrunde sieht man den Bodenteil der Knochenurne, deren gehenkelter Oberteil nach der Bildmitte zu verdrückt ist. Zwischen beiden liegen in einem wirren Haufen die Reste des Toten.
[Illustration: Abb. 6. =Wessel= bei Milkel. Grab 18. Vom Pfluge zerstört nach Abräumung der Steinsetzung darüber. 19 Gefäße sind beigesetzt]
Aber nicht immer bettete man den Toten zur letzten Ruhe in einer Urne. In Diehmen bei Gaußig fand ich in einer flachen Mulde die Knochen zu unterst frei in der Erde liegend, darüber war die Holzkohleschicht, die von der Totenverbrennung herstammte, geschüttet. Nicht ein einziger Schorb war auf _dieser_ Grabstelle des bronzezeitlichen Gräberfeldes Diehmen zu finden. Das Vorkommen derartiger Brandschüttungsgräber erklärt uns aber auch die merkwürdige Tatsache, daß umfangreiche Gefäßstellungen aufgedeckt werden, in denen nicht ein einziger Knochenrest gefunden wurde. Ein solches Schein- oder Ehrengrab ist in den Abbildungen 7 und 8 dargestellt. In der Mitte stehen übereinander drei Gefäße, die zwei unteren aufrecht, das obere, welches stark zerdrückt war und von dem sich der Boden und ein Henkel in der Mündung des größeren Gefäßes zeigen, verkehrt. Ringsum aber waren sieben Krüge, Tassen und Kannen verkehrt aufgestellt. Gefühlsmäßig möchte man eine solche Grabstellung als Äußerung der Trauer ausdeuten.
[Illustration: Abb. 7. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. Schein- oder Ehrengrab nach Wegräumung der Steinsetzung]
[Illustration: Abb. 8. =Wessel= bei Milkel. Grab 2 ~G~. In der Mündung des aufrechtstehenden Mittelgefäßes ein halber Boden und ein Henkel einer ursprünglich verkehrt darübergestülpten Henkeltasse]
Noch eine letzte Form der Totenbestattung sei hier gestreift und durch Bilder erläutert. An der Südseite des Grabes, Abbildung 9, sind deutlich die Gefäße in aufrechter bzw. verkehrter Stellung zu erkennen. Nach Norden zu aber, in der Blickrichtung des Beschauers, erstreckt sich eine dicke Lagerung von Holzkohlen und Steinen: Die Verbrennungsstelle (Ustrine). Hier war der Tote niedergelegt und über ihm ein Scheiterhaufen aus wagerechten Bohlen, die wir noch fanden, und Hitzesteinen zum Aufspeichern der Wärme, errichtet. Diese sollten dazu dienen, den zu verbrennenden Körper auszudörren, damit bei den wenig heizkräftigen Brennmitteln jener Zeit der Körper verzehrt werde. Die Hitzesteine sind infolge der starken und wahrscheinlich wiederholten Erwärmung kantig zersprungen. Um das Grab äußerlich zu kennzeichnen, wurde aber auch ein Grabmal errichtet: Man rammte einen Pfahl senkrecht in die Erde, an dessen oberem Teile man irgendwelche Kennzeichnung des Grabes oder des Toten, vielleicht auch seiner Verdienste, seiner sozialen Stellung und wirtschaftlichen Lage anbrachte. Der Oberteil des Pfahles ist naturgemäß restlos vergangen, aber in der Tiefe ist er unter Luftabschluß verkohlt (wärme- und lichtlose Verbrennung). In Abbildung 10, die vom gleichen Standpunkte aus hergestellt wurde, zeichnet sich auf dem hellen Sandboden deutlich der Pfahlrest ab. In Abbildung 11 ist er aus größter Nähe aufgenommen, während Abbildung 12 seine letzten Überreste nach Abgrabung einer Zwanzigzentimeterstufe darstellt. Noch tiefer hinab kann man den Pfahl nicht verfolgen. Die hier auftretenden Kohlereste sind durch Regenwürmer noch weiter hinabgeführt, deren mit schwarzer Erde gefüllten Bohrlöcher man auf Abbildung 12 unter Zuhilfenahme eines Vergrößerungsglases noch erkennen kann.
[Illustration: Abb. 9. =Wessel= bei Milkel. Grab 15. Gefäßstellung und anschließende Ustrine. In Richtung des Pfeiles zeichnet sich der dunkle Fleck des Pfahles ab. Der gefiederte Pfeil zeigt auf die Holzkohleschicht der Ustrine]
[Illustration: Abb. 10. =Wessel= bei Milkel. Unter dem Grabe 15 zeichnet sich im Sandboden der dunkle Kohlefleck des Grabpfahles ab]
Die vorgeführten Arten bronzezeitlicher Grabformen erschöpfen jedoch bei weitem nicht die zahlreichen Bilder, die bei genauem und wissenschaftlich einwandfreiem Graben sich im Erdboden zeigen. Eine erschöpfende Darstellung war auch nicht beabsichtigt. Ich glaube aber nachgewiesen zu haben, daß trotz des ungünstigen Erhaltungszustandes – sämtliche vorgeführten Gräber waren durch Rodung oder Pflugbau zerstört – eine genaue Untersuchung noch überaus aufschlußreiche Ergebnisse zeitigen kann. Die Lehre aber, die man hieraus entnehmen wolle, ist diese: Wer vorgeschichtliche Reste in der Erde findet und seien diese noch so zertrümmert und unscheinbar, der wende sich an den nächst erreichbaren Fachmann, der mit geschulter Hand selbst noch so trostlos erscheinende Reste heimischen Altertums retten und der Wissenschaft erhalten kann. Die Meldestellen für Sachsen sind: Leipzig, Grassi-Museum, Dr. Richter; Dresden, Zwingermuseum, Dr. Bierbaum, Fernruf 18020; Bautzen, Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen, Stieberstraße 36, Fernruf 3773.
[Illustration: Abb. 11. =Wessel= bei Milkel. Die Pfahlreste aus größerer Nähe. Grab 15]
[Illustration: Abb. 12. =Wessel= bei Milkel. Ausklingen der Pfahlreste von Grab 15]
Das Rätsel der Tulpenkanzel im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von Calbe
Von _Otto Eduard Schmidt_
Im Sächsischen Altertumsverein hielt am 3. Dezember 1925 Dr. Walter Hentschel, Assistent des Altertumsmuseums, einen mit vorzüglichen Lichtbildern ausgestatteten, überaus anregenden Vortrag über den »Meister H. W.« (siehe den Bericht von Dr. Naumann im Dresdner Anzeiger vom 8. Dezember 1925). So nennt die Kunstgeschichte einen besonders zwischen 1500 und 1525 in Sachsen wirkenden Meister der spätgotischen Plastik, der zwei seiner Werke, das Altarwerk zu Borna vom Jahre 1511 und die »schöne Tür« im ehemaligen Franziskanerkloster zu Annaberg – jetzt in der St. Annenkirche dieser Stadt – mit den Buchstaben H. W. gezeichnet hat, die wir trotz langwieriger und sorgfältiger Forschungen auch heute noch nicht zu seinem vollen Namen zu ergänzen vermögen. Zu seinen leider nicht bezeichneten, aber durch ihre stilistische Eigenart ihm mit ziemlicher Sicherheit zuzuweisenden Schöpfungen zählen die beiden Pulthalter in der Stiftskirche zu Ebersdorf, die große Holzskulptur der Geißelung Christi in der Schloßkirche (ehemalige Klosterkirche) zu Chemnitz und vor allem die berühmte »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom. Sie ist eine der auffallendsten und merkwürdigsten Erscheinungen in der bildenden Kunst überhaupt. Mitten hineingestellt zwischen die himmelanstrebenden schlanken Steinpfeiler des Doms, der in seinem ganzen Bau mit der starken Betonung des Schiffes und der fast durchgeführten Losschnürung des Chors vom Schiff als »Gemeindekirche« selbst eine Revolution gegen die althergebrachten Grundsätze der Gotik darstellt, ist die »Tulpenkanzel« der Gipfel und die Bekrönung dieser Revolution, entstanden in Jahren, wo der Sturmwind des neuen Geistes vom Munde des Wittenberger Augustiners zu wehen begann. Das ist keine Kanzel alten Stils, sondern eine steingewordene Riesenpflanze, die mit elementarer Gewalt in drei sich übereinandertürmenden Gestaltungen aus dem dürren Felsboden drängt, keine sanfte holländische Tulpe, sondern die saftstrotzende, kraftvolle, stacheltragende deutsche Distel, die oben in einem verhältnismäßig breitausladenden Blätter- und Blütenknauf ausgeht, dessen Inneres sich dem Prediger als Sprechort darbietet, wie wenn ein aus den Tiefen der Erde aufgestiegener Geist den Gläubigen die emporquellenden Geheimnisse verkünden wollte. (Abb. 1.) Allerhand Phantasiegestalten durchschweben den Raum: unten Putten in halber Bergmannstracht, oben die vier Kirchenfürsten Hieronymus, Erzbischof Ambrosius mit Mitra und Krummstab, der greise Papst Gregor und St. Augustin. (Abb. 2.) Blätter und Zweige schlingen sich um sie, schlingen sich ineinander und durcheinander, und so stark ist das Sausen des Sturmes, daß in zwei verschiedenen Höhen steinerne Seile die Ranken umschnüren und zusammenhalten und ein junger, zugleich die kühne Treppe tragender Berggesell diese Seile an das kahle, starke, die Treppe stützende Astwerk zweier entlaubter, ineinanderverwachsener Bäume verknotet. Was ist hier noch gotisch? Höchstens erinnern gewisse Linien der Distelblätter an gotische Säulenkapitelle, aber der Geist, der im Kunstwerke weht, gehört bereits der von den Fesseln der Gotik befreiten Renaissance an, die sich hier zunächst in dem ausgesprochenen Naturalismus der Gesamterscheinung und zweitens in der Symbolik ihrer Teile offenbart. So steht die »Distelkanzel[3]« wie ich sie, ihre wirkliche Erscheinung besser bezeichnend, nennen möchte, zwischen zwei Zeitaltern als ein Werk von ganz besonderer, niemals wiederkehrender Eigenart. Die Deutung des Ganzen auf eine Grundstimmung, die Beziehung der Figuren zu der Zeit ihrer Entstehung, namentlich aber die Benennung der zu Füßen der Treppe sitzenden eindrucksvollen Mannesgestalt und des darüber, zwischen Treppe und Baumwerk eingeklemmten Jünglings war bis vor kurzen ein ungelöstes Rätsel. Die Erzählung vom Meister und dem Gesellen, der den Meister übertraf und deshalb von ihm den Tod erlitt – ein öfters vorkommendes Motiv der deutschen Sagenbildung – trägt den Stempel des Notbehelfs an sich. Der Vortragende verwarf sie mit Recht und erklärte den sitzenden Mann im Hinblick auf die um ihn kreisenden Löwen für eine Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel in der Löwengrube. Daniel habe damals, allerdings nur kurze Zeit, in Sachsen als Patron des Bergbaus gegolten, und da doch die Kanzel vermutlich eine Stiftung der Freiberger Bergknappschaft sei, so habe der Meister hier den Propheten Daniel als ihren Patron dargestellt. Den Zusammenhang der Kanzel mit dem Bergbau und eine Beziehung der sitzenden Gestalt zum Propheten Daniel konnte man dem Vortragenden zugeben, wie hätte man sonst die den Mann bedrohenden brüllenden Löwen verstehen sollen? Aber unmöglich konnte ich in dem sitzenden Manne die Persönlichkeit Daniels erkennen. Wie kommt ein alttestamentlicher Prophet dazu, einen Rosenkranz in der Hand zu halten? Aber auch das Gewand (Schaube), die Schuhe und der Hut des Mannes sind durchaus zeitgenössisch, und nun vollends das Gesicht! Wer würde wohl je in diesem vollkommen realistisch geformten, vom Ohr bis zur Unterlippe ausrasierten Kopfe, der nur um das Kinn seinen starken Bartwuchs trägt, einen Propheten sehen? Wäre das eine Gestalt aus der Werkstatt der Phantasie des Meisters, so wissen wir aus seinen Pultträgern und Madonnen, und auch aus den Büsten der vier Kirchenfürsten im Blütenkelche der Distelkanzel, wie stark er und nach welchen Richtungen hin er zu idealisieren pflegt. Nein, die ganze herbe ungeschönte Erscheinung des Mannes, dazu auch seine Stellung als Hörer der Predigt zeigt uns, daß wir es hier mit einer Wirklichkeitsdarstellung, mit dem Bildnis eines Mannes von Fleisch und Blut, mit einem Porträt zu tun haben. (Abb. 3.) Und wie ich nun, noch während der Redner sprach, die nicht allzuvielen bekannten Freiberger der Epoche von 1500 bis 1520 an meinem inneren Auge vorüberziehen ließ, da durchzuckte es mich mit einemmal, und festumrissen stand eine Persönlichkeit vor mir, mit der ich mich in anderem Zusammenhange schon lange beschäftigt hatte, die einzige, die geeignet war, alle bisher ungelösten Rätsel der Distelkanzel zu entschleiern und uns dabei noch mit einem lange vermißten und lange gesuchten Bilde ihrerselbst zu beschenken: Ulrich Rülein von Calbe[4].
[Illustration:
Aufnahme des Sächsischen Landesamts für Denkmalpflege
Abb. 1. =Gesamtansicht der »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom=]
Ich kann hier nicht auf die Einzelheiten seines noch gar nicht erforschten Lebens eingehen, aber in kurzen Worten sei die Bedeutung, die er für Freiberg im allgemeinen und für den Bergbau im besonderen gehabt hat, zusammengefaßt. Rülein von Calbe war im Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert auf geistigem, wie auf technischem Gebiete der Führer der aufstrebenden Freiberger Bürgerschaft und Bergknappschaft. Er war Ratsherr, Bürgermeister, Stadtarzt, Bergbauverständiger, Astrologe, Vermessungsingenieur und Organisator eines neuen Bildungswesens in einer Person. Im Jahre 1496 entwarf er den Plan, nach dem die Bergstadt Annaberg erbaut wurde, 1497 erscheint er als Stadtarzt, 1505 hat er das erste bergwissenschaftliche Buch der Welt verfaßt: »Ein wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie man Bergwerk suchen und finden soll«, 1509 wird er Ratsherr, von 1514 bis 1519 war er Bürgermeister und als solcher bewog er die beiden tüchtigsten Humanisten der Leipziger Universität Johann Rhagius, einen Meister der lateinischen Beredsamkeit, und den begeisterten Apostel des Griechischen Peter Mosellanus nach Freiberg überzusiedeln. So wurde 1515 in Freiberg das erste humanistische Gymnasium der meißnisch-sächsischen Lande eröffnet. Gleichzeitig bekämpfte Rülein erfolgreich die in Freiberg besonders heftig auftretende Pest und schrieb 1521 ein längeres und ein kürzeres Büchlein über die Eindämmung und Heilung dieser Krankheit, auch entwarf er den Plan für den Bau der Stadt Marienberg, schmückte das Freiberger Rathaus mit »Gemälden der himmlichen Zeichen« und starb 1523 in Leipzig. Man wird zugeben, daß ein solches Universalgenie auch für den Meister H. W., dessen überaus reger und selbständig pulsierender Geist aus seinen Werken spricht, der wichtigste Mann in Freiberg war und daß es für den Meister eine der lockendsten Aufgaben sein mußte, dieses Mannes Bild festzuhalten und statt irgendeiner Idealgestalt diesen bedeutendsten Bürger der Stadt in Zusammenhang mit seinem großartigen Kanzelwerk zu bringen. Der augenscheinliche Beweis dafür, daß dies geschehen ist, findet sich in dem oben erwähnten Bergwerksbüchlein. Der erste Druck desselben aus Augsburg vom Jahre 1505 ist, wenn er überhaupt vorhanden ist, eine große Seltenheit, ich konnte ihn in keiner sächsischen Bibliothek auftreiben. Dagegen fand ich in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden wenigstens die zweite Ausgabe aus Worms 1518 (Abb. 4) und die vierte von Augsburg 1534[5]. Und gleich auf der zweiten Seite des Wormser Druckes leuchtete mir die Überschrift in die Augen: »_Daniel der bergverstendig zum jungen Knappio_.« Also bezeichnete sich Rülein selbst hier als den bergverständigen Daniel. Wie kam er darauf? Der Prophet Daniel galt, wie der Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius in seiner »Bergpostilla« (Nürnberg 1578) Seite 40 bezeugt, den Bergleuten für einen Bergmann, »weil er (im Kapitel 10) die vier Keiserthumb in vier metallen abmalet und des Sons Gottes arm und füsse in einem gluwen (glühenden) ertz oder kupffer oder glantzendem kiß oder marckasit gesehen und gehört habe.« Die Stelle im zehnten Kapitel Daniel lautet: »Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sahe wie ein Blitz, seine Augen wie eine feurige Fackel, seine Arme und Füße wie ein glühend Erz und seine Rede war wie ein große Getöne«.
[Illustration:
Aufnahme des Landesamts für Denkmalpflege
Abb. 2. =Der obere Knauf der Kanzel mit den Büsten der vier Kirchenfürsten=]
Rülein hat schon als Stadtarzt von Freiberg, ferner als Bürgermeister, vor allem aber als Verfasser des Bergwerkbüchleins, viele Beziehungen zur Freiberger Bergknappschaft und auch zu den Bergherren gehabt, die, wie er, der Ansicht waren, daß die Erze nicht im Inneren der Erde festliegen, sondern von Fall zu Fall unter besonderen, von Gott bestimmten Verhältnissen im Berge wachsen und sich dem frommen, geschickten und ernstlich strebenden Bergmanne »höflich zeigen«, d. h. sich von ihm erbeuten lassen, während Gottlosigkeit und Ungeschick der Bergleute es den finsteren Geistern der Tiefe ermöglichen, das Erz wieder in Quarz und dergleichen wertloses Gestein zu verwandeln oder dem Bergmanne zu entziehen. Rüleins Bergwerkbüchlein lehrte die Kunst, den wachsenden Erzen richtig zu begegnen, kein Wunder also, daß er auch deshalb wie ein Patron des Bergbaus erschien und an der von den Bergleuten gestifteten Kanzel sein wunderbares Denkmal erhielt.
[Illustration:
Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte
Abb. 3. =Die unteren Teile der Kanzel mit der Treppe und der sitzenden Gestalt des Ulrich Rülein von Calbe=]
Aber die Löwen, die ihn umkreisen, werden hierdurch noch nicht erklärt. Denn sie können kaum, wie Dr. Hentschel will, als Symbole der Gefahren des bergmännischen Berufs aufgefaßt werden. Erstens waren die Gefahren in jener alten Zeit, wo die Gruben noch nicht so tief »geteuft« waren, weit geringer als später und zweitens war doch Rülein kein aktiver Bergmann und deshalb nicht so sehr von ihnen bedroht. Und doch war er, der sich selbst als den bergverständigen Daniel bezeichnete, ein »Daniel in der Löwengrube«, d. h. ein Mann, der fortwährend schwerer Lebensgefahr ausgesetzt war. Denn er hat als Stadtphysikus nicht nur durch seine Schriften, sondern auch als praktischer Arzt die furchtbaren Pestepidemien bekämpft, die in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts Freiberg heimsuchten. Gerade im Jahre 1521 wütete die Seuche in Freiberg so furchtbar, daß Herzog Heinrich und seine Hofleute auf die an der oberen Zschopau gelegene Feste Wolkenstein entflohen und daß in Freiberg zum ersten Male, offenbar auf Rüleins Antrag, zur Befreiung der Stadt von den furchtbaren Verwesungsstoffen ein Friedhof außerhalb der Mauern, der noch heute bestehende Donats-Friedhof, angelegt wurde. In seinen »Freiberger Annalen« schreibt der Chronist Andreas Möller zum Jahre 1521: »Sonst hat dieses Jahr die Pest gewaltig zu Freybergk regieret, also daß von Bartholomaei bis ~Trium Regum~ (Dreikönigstag) über zweitausend Personen gestorben, daher Hertzog Heinrich zu Sachsen nicht allein eine gewisse Pestordnung publicieren lassen, sondern auch dem Rath befohlen, für die Toten den Donatskirchhof für (vor) der Stadt zum Gottesacker und -gemeinen Begräbnüs zuzurichten … Die Pestordnung ist Sonntags ~post Ascensionis Mariae~, war der 19. Augusti, der Gemeine fürgehalten worden … deßwegen auch die Hofhaltung eine Zeitlang von hier auff Wolckenstein geleget worden.« Daß bei der Aufstellung und Durchführung der Pestordnung Dr. Rülein in seiner Doppeleigenschaft als Stadtarzt und Bürgermeister die wichtigste Rolle spielte, ist selbstverständlich.
[Illustration: Abb. 4. =Titelblatt des Bergwerksbüchleins von Ulrich Rülein von Calbe=, Worms 1518]
Der Meister H. W. hat den Ulrich Rülein von Calbe, als er seine Distelkanzel für den Dom entwarf, zunächst wohl als den Repräsentanten des Freiberger Stadtgeistes und als geistigen Patron des Bergbaus ins Auge gefaßt, darüber hinaus aber gab ihm dessen selbstgewählter Name Daniel die Veranlassung, als Symbol der furchtbaren Gefahren, die ihn und die Bürgerschaft während der Pest umtobt hatten, die gräßlichen Löwen an der Kanzel anzubringen und damit zu sagen: wie der Prophet Daniel durch Gottvertrauen und Mut die Ungeheuer der Löwengrube überwand, so hat Rülein, durch unerschrockene Hilfeleistung als Arzt die Stadt von der Pest befreit. Demnach ist die Gestalt Rüleins, wie er zu Füßen der Kanzel demütig der Dankpredigt lauscht, die seine und der Bürgerschaft Errettung feiert, durch die ihn umkreisenden Löwen zugleich ein Denkmal für das Heldentum, das er als Arzt bewiesen hat. (Abb. 5.)
[Illustration:
Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte
Abb. 5. =Die Löwen an der Kanzeltreppe=]
Von diesem Gedanken aus verstehen wir erst den ganzen Sinn der Stiftung: sie ist ein Denkmal der Errettung der Stadt von der furchtbaren Seuche, dargebracht von der Bergknappschaft und ausgeschmückt mit dem Bild ihres geistigen Führers und heldenmütigen Arztes. Deshalb meine ich, daß die Distelkanzel nicht schon 1520 im Dom aufgestellt sein kann, sondern erst 1521, und zwar erst gegen das Jahresende. Erst unter dem Drucke der furchtbarsten Pestepidemie, die Freiberg heimgesucht hatte, gewinnen die Löwen ihre prägnanteste Bedeutung.
[Illustration: Abb. 6. =Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1518=]
Aber es gibt noch mehr Beziehungen zwischen dem Bergwerksbüchlein und der Distelkanzel. Das Baumwerk, an dem die Kanzel verankert ist, findet sein Gegenstück in dem Baumwerk, das Rülein in einigen Zeichnungen seines Bergbüchleins verwendet hat, um der Bergwerkslandschaft ihr Gepräge zu geben. (Abb. 6.) Auch ähnelt die schuppenartige Gesteinschichtung des Rüleinschen Goldwerkbildes auf dem Bogen ~C^V~ in dem Augsburger Druck von 1534 (Abb. 7) sehr der Felsschichtung, aus der sich die Distelkanzel des Freiberger Doms erhebt. Wer kann sagen, ob diese Übereinstimmung, wenn sie nicht eine rein zufällige ist, darauf hindeutet, daß der Meister H. W. den Rülein beeinflußt hat, oder ob Rüleins technisch und künstlerisch gebildeter Geist den Meister H. W. dahin beeinflußte, daß er seiner kühn naturalistischen Kanzel durch Anlehnung und Verknüpfung an die entlaubten, ineinanderverwachsenen Baumstämme Halt verlieh? Auch das Baumwerk am Portal der Chemnitzer Schloßkirche, in das der Meister H. W. später seine Gestalten hineingestellt hat, ist eine Weiterbildung des bei der Distelkanzel und noch früher schon im »Bergwerksbüchlein« verwendeten naturalistischen Motivs. Jedenfalls bestanden zwischen diesen beiden hochstrebenden Geistern, dem Meister H. W. und dem Bürgermeister Rülein, tiefwurzelnde Beziehungen und Wechselwirkungen. Diese Beziehungen wurden auch nach der Vollendung der Distelkanzel weitergesponnen. Denn der Meister H. W. hat noch ein _zweites Werk_ geschaffen, in dem Ulrich Rülein von Calbe leibhaftig dargestellt ist: das ist ein allerdings stark verwittertes, aber in den Hauptzügen noch wohlerkennbares kreisrundes Hochrelief, das ursprünglich als Schlußstein des Gewölbes über dem Bergaltar der St. Annenkirche diente, später aber an der Ecke eines Vorhäuschens zur Kirche angebracht war (s. Ernst Oswald Schmidt, Die St. Annenkirche zu Annaberg S. 34) und sich jetzt im Innern befindet. In diesem Relief ist nicht der geschichtliche Vorgang der Fündigwerdung Annabergs vom 27. Oktober 1492 dargestellt, sondern die sich darum rankende Sage, in der der schürfende Bergmann Caspar Nietzel aus Frohnau, offenbar unter dem Einfluß von Rüleins Bergwerkbüchlein, ersetzt ist durch den »armen Bergmann Daniel Knappe«. Wir besinnen uns darauf, daß in Rüleins Büchlein der Bergverständige Daniel zu dem jungen Knappius spricht. Wir sehen auf dem Relief (Abb. 8) die Tanne, in deren Zweigen Daniel Knappe, einem Traume folgend, vergebens nach den silbernen Eiern gesucht hat. Darüber schwebt noch der Engel Gottes, der ihm den Gedanken eingab, daß auch die Wurzeln zu den Zweigen gehörten. Auf der rechten Seite sehen wir, wie ein Bergmann nunmehr mit Erfolg an den Wurzeln des Baumes geschürft hat, in der Mitte steht Daniel Knappius, der den Fund in der Hand hält und ihn dem wieder in seiner Schaube und dem eigenartigen Hut erschienenen Bergverständigen Rülein zeigt, der den Fund begutachtet. Er ist unterdessen älter geworden, das Gesicht ist faltig, aber die Ähnlichkeit mit der sitzenden Gestalt am Fuße der Distelkanzel unverkennbar. Auch die an der Freiberger Figur verstümmelte und (1862) schlecht ergänzte Nase ist hier als eine echte Adlernase erhalten. Das ganze ehrwürdige Antlitz zeugt von Geistesschärfe und Willenskraft. In dieser aus der vollen Realität des Lebens gegriffenen, durchaus individuellen Gestalt die Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel zu finden, ist mir schlechterdings unmöglich, zumal da hier auch nicht das geringste Symbol vorhanden ist, das sich auf den Propheten beziehen ließe. Ebensowenig aber läßt sich an der Identität des Annaberger Porträts mit dem an der Distelkanzel zweifeln.
[Illustration: Abb. 7. =Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1534=]