Chapter 1 of 8 · 3956 words · ~20 min read

Part 1

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen, lange Folgen von Gedankenstrichen auf eine einheitliche Länge gekürzt. Lediglich offensichtliche Druckfehler sind korrigiert worden. Der Schmutztitel wurde entfernt.

[Illustration: Signet Safari-Verlag]

I N M O N S U N U N D P O R I

VON

RICHARD WENIG

SAFARI-VERLAG G.M.B.H. BERLIN W9

Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1922 by Safari-Verlag G. m. b. H., Berlin

I N M O N S U N U N D P O R I

DEM KOMMANDANTEN DES LETZTEN DEUTSCHEN AUSLANDSKREUZERS VICEADMIRAL _M. LOOF_ _IN TREUE GEWIDMET_

MÜNCHEN, JULI 1922 RICHARD WENIG

_VORWORT_

Eine Reihe von Bildern -- Bruchstücke aus dem Schicksal des letzten deutschen Auslandkreuzers in knapper Form -- sollen das Eigenartige der tropischen Welt, glühender Sandküsten, sumpfiger Urwaldniederungen, endloser Buschsteppen, in denen sie sich abspielen, schildern.

Ein verbotenes Paradies sind für uns Deutsche vorläufig diese fernen Zonen, nach denen wir uns mit dem Wandertrieb unserer Urväter, der Zimbern und Teutonen, der Goten und Vandalen, sehnen.

Sie haben ihr Sehnen, da wo man sie hindern wollte, mit Feuer, Schwert und trotziger Kraft in Taten umgewandelt.

Mögen sich die Völker hüten, die uns zu demselben Mittel zwingen!

RICHARD WENIG

_EINLEITUNG_

An einem lichten Junimorgen im Jahre 1914 steuerte ein schlanker Kreuzer, von der Heimat kommend, durch die palmenumsäumte Einfahrt von Daressalam, um den Schutz der deutschen Interessen in den Gewässern des westlichen Indischen Ozeans und an der deutsch-ostafrikanischen Küste zu übernehmen -- S. M. S. »Königsberg«.

Donnernd krachte über die im hellen Morgenlicht daliegenden weißen Tropenhäuser, die Kirchen, die Boma hinweg der Salut, und leise fächelte der anhebende Monsun in den schlanken, hochstämmigen Palmenwäldern.

Die Eingeborenen kamen staunend, und die Kunde ging von Dorf zu Dorf, an der Küste und im Innern weitererzählt, daß ein großes deutsches Schiff mit drei dicken Schornsteinen im Hafen von Daressalam läge, mächtiger und stärker als alle, auch die englischen, die sie bisher gesehen!

Sämtliche Hafenstädte sollten angelaufen werden! Vor Tanga, in der Mansabucht, vor Bagamojo lag der graue Kreuzer, immer umgeben von einer Menge großer und kleiner Boote, Einbäumen und Dhaus, voll von neugierigen Kindern des Landes. --

Ende Juli ballten sich schwarze Gewitterwolken -- eifrig arbeiteten die Kabel!

Dann schwiegen sie -- -- sie waren in englischer Hand.

Da verließ der Kreuzer seinen Hafen, -- in der letzten Julinacht verschwand für ihn am Horizont der dunkle Streifen der ostafrikanischen Küste.

I. IM INDISCHEN OZEAN

[Illustration: Ornament]

Kap Guardafui

Zehn Uhr nachts -- man könnte meinen mittags -- so hell strahlt die runde Scheibe des Vollmondes über dem rauschenden Indischen Ozean. Er rauscht wie ein Fluß, dessen Lauf durch mächtige Felsblöcke gehemmt wird und sich nun in weißschäumendem Gischt rasend durch sein eingeengtes Bett zwängt. Von Süden, Südwesten kommend, peitscht ihn der Monsun mit elementarer Wucht und kämmt den im Mondlicht glitzernden Seen die schäumenden Köpfe, so daß die langen Spritzer weithin flatternden weißen Greisenhaaren gleichen.

In lang ausholenden gleichmäßigen Schwingungen rollt der kleine Kreuzer »Königsberg« von Backbord nach Steuerbord, Steuerbord nach Backbord, tief mit dem Bug eintauchend oder ihn hoch über den Horizont hebend. Seine Masten beschreiben lang hingezogene Ellipsen an dem strahlenden hellen Tropenhimmel, Kurven, deren Linien sich manchmal in wunderlichen Winkeln schneiden und verflechten, wenn der schlanke graue Leib schräg in ein Wellental taucht und der Flaggenknopf des Großmastes sich nach vorn zu verschieben scheint.

Die von achtern auflaufenden Seen rollen mit dumpfem Rauschen unter dem Heck durch und wischen dann brausend die grauen Flanken entlang. Pfeifend und stöhnend singt die Takelage ihr eintöniges Lied, das im An- und Abschwellen der Monsun ihr entlockt.

Da drüben, weit im Westen, liegt der glühendste Teil des heißen Afrika: das Somaliland, dieses Land der weiten, unermeßlich weiten Sandwüsten, Sandberge, Sandebenen.

Nehmen wir das Segelhandbuch zur Hand und sehen wir nach, was es über diese sich endlos nach Norden und Süden ausdehnende Küste schreibt, so finden wir, daß es fast nichts weiß, denn wenig ist darüber bekannt. Die Einwohner, schlanke, schwarze Gestalten vom Stamm der Somali, haben es bisher verstanden, die Geheimnisse ihres Landes zu hüten. In nicht aufzufindenden Schlupfwinkeln leben sie im Innern der weiten Wüste als Nomaden, oft ihre Lagerplätze wechselnd, und überfallen die Besatzungen der an ihrer Küste gescheiterten Schiffe. Selten hat man von diesen armen Schiffbrüchigen wieder gehört -- sie werden weit ins Innere des sonnendurchglühten Sandlandes geschleppt oder kurzerhand erschlagen.

Dreimal haben die Italiener, die dem Namen nach Herren dieses Landes sind, versucht, auf dem berühmten und berüchtigten Kap Guardafui, der östlichsten Spitze Afrikas, einen Leuchtturm aufzubauen, dreimal ist er von den Somalis dem Erdboden gleichgemacht worden.

Und jetzt liegt dieses mächtige, einem ruhenden Löwen gleichende Vorgebirge des Nachts wieder einsam und dunkeldräuend da, wie ein schwarzer Riese aus dem Wasser aufragend.

Siegreich hat es das Werk weißer, nicht seinem Kontinent entstammender Hände abgeschüttelt und seine wilde Unnahbarkeit bewahrt.

Dieses Kap sollen wir morgen gegen Mittag umsegeln. --

Wir lehnen an der Reeling der Kommandobrücke, machen, gleichmäßig das Schwergewicht des Körpers von einem Bein auf das andere legend, die langen Schwingungen des Schiffes mit und starren auf die mondbeglänzte See.

Deutschland hat mobil gemacht -- unser gewaltiges Volk ist zu den Waffen gerufen. Wird es zum Krieg kommen? -- Um diesen Punkt kreisen dauernd alle Gedanken; schon über zwei Stunden unterhalten wir uns darüber -- mein Wachoffizier und ich.

Unsere Verbindung mit der Welt ist so gut wie abgerissen. Sämtliche Kabel sind ja in Englands Händen! Nur der Funke spricht noch zu uns, aber er spricht nur wenig und das Wenige undeutlich, denn er hat einen weiten Weg zu machen.

Von Nauen überspringt er ganz Europa, das Mittelmeer und die weite Sahara, bis er in Togo aufgefangen wird. Dann macht er einen gewaltigen Satz über ganz Afrika nach Muansa am Viktoriasee, um von dort nach Daressalam weitergeschickt zu werden. Die Hauptstadt unseres Schutzgebietes sendet ihn dann uns -- wieder hat er einige tausend Meilen zu durchmessen.

Wir glauben nicht an den Krieg, die Völker werden vor dem letzten entscheidenden Schritt zurückschrecken!

[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Der kleine Kreuzer »Königsberg« im Hafen von Daressalam Juli 1914]

[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Der Kilimandscharo]

[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Der Meru. Die beiden Wahrzeichen Deutschostafrikas]

Der Mond steigt höher und höher. Der Wachoffizier übergibt mir das Kommando, er geht in die Funkenbude, denn um diese Zeit soll, wie ausgemacht, Daressalam uns geben.

Wir steuern genau nach Norden! Wie ein Pferd bäumt sich ab und zu der Bug, wird von einer rundanlaufenden See emporgehoben, daß der fast am Horizont stehende Polarstern verschwindet, und wuchtet dann wieder in die Tiefe, als ob die Erde unter ihm wiche, nach beiden Seiten Berge weißschäumenden Wassers schleudernd.

Der Rudergänger sieht schweigend auf die hellerleuchtete Scheibe des Kompasses, die in ihren zweiachsigen Aufhängungsringen hin- und herpendelt. Mit starken, knochigen Händen hält er das Ruder, er legt es einige Drehungen nach Backbord, dann wieder Steuerbord, um das stark gierende Schiff zu stützen. Der klirrende Klang des Rudergestänges ist der einzige Laut auf der Brücke -- alle Posten, der Ausguck und die Scheinwerferleute, stehen schweigend da und sehen auf die brausende See. Auf der Laufbrücke, die die Hütte mit der Back verbindet und sich eng und schmal an den drei Schornsteinen vorbeiklemmt, kommt eine weiße Gestalt gegen den Wind ankämpfend nach vorn -- irgendein Offizier, den die Hitze noch nicht schlafen läßt.

Er leistet mir Gesellschaft -- wir stehen zusammen auf der äußersten Nock der Kommandobrücke, die frei in die Luft hinaushängend über dem weißen Gischt schwebt.

Wir sprechen vom Krieg -- vom Krieg, der nicht kommen wird.

Soll man ihn wünschen? Soll man nicht? Wir sind wohl auf verlorenem Posten -- verloren -- Tausende von Meilen um uns kein Freund, nur Feinde. -- --

Aber man ist jung, voll Tatendrang, voll Lust, die Kräfte zu messen, zu zeigen, daß man der Stärkere ist.

Denkt der Baum, der kraftstrotzend emporwächst und seine Nachbarn erdrückt, daran, daß er Leben vernichtet -- oder das Tier, das doch nur ein Gesetz kennt -- das des Stärkeren?

Soll man gegen die Natur kämpfen?

Gewiß, gewaltig würde die Übermacht der Feinde sein, unermeßlich schwer würde es werden, hoffnungslos für uns hier! -- Trotzdem! --

Es dauert lange! Bereits halb 11 Uhr -- -- der Funkenoffizier ist noch immer nicht zurück.

»Gehen Sie nach unten und sehen Sie nach, ob Daressalam gegeben hat, ich werde solange hier fahren!«

Ich stolpere über das Mitteldeck nach achtern, alle paar Schritte über Leinen kletternd, die gespannt sind, um bei dem starken Schlingern einen Halt zu geben.

Ein mächtiger Brecher kommt über und wirft mich wie einen Sack auf das nasse Deck!

In der Messe ist Licht!

Ich öffne die schmale Tür -- dahinten in der Ecke sitzt der Funkenoffizier, krumm über Chiffrierbücher gebeugt, mit hochrotem Kopf.

Er sieht auf und sagt: »Egima!« -- -- --

»Egima« war das mit Daressalam verabredete Kennwort für: »Kriege mit Rußland, Frankreich und England!«

Donnerwetter! -- Ich stehe wie angewurzelt.

Mächtig holt der Kreuzer über, mit lautem Klatsch fällt ein Buch an Deck und unterbricht die Stille.

Klirrend rasselt im Schrank das Geschirr! -- --

Die Offiziere werden geweckt.

Der Kommandant und erste Offizier gehen auf der Hütte auf und ab und ich klettere wieder auf die Brücke. --

Also Krieg! -- Eigenartig -- der Mond leuchtet wie vorher, die See rauscht, die Takelage heult -- nichts hat sich geändert!

Wie ist das nur möglich? Muß der Mond sich nicht verschleiern, die See sich nicht verdunkeln?!

Nichts! -- Sie lächeln über die Händel der Menschen -- was geht das All der Kampf von Atomen an!

Vor Jahrtausenden war es so, und in Jahrtausenden wird es noch immer so sein. --

Aber mir ist jetzt die Fahrt zu langsam, der Seegang zu weich, das Brausen zu schwach. Die Brust ist voll zum Überlaufen, man muß sich mitteilen.

Überall stehen Gruppen und unterhalten sich gedämpft. Aus dem unteren Deck kommt es herauf, an den langen Strecktauen stehen die Matrosen verschlafen, in Hemd und Hose.

Nach Mitternacht hat der Wind an Stärke noch zugenommen, mächtige Brecher stürzen sich wie Kaskaden auf die Back und prallen polternd und krachend am Wellenbrecher ab.

Die zwischen Spill und Klüsen etwas lose liegenden Ankerketten schlagen dröhnend auf die Back. Sie sehen in dem weißen Schaum aus wie zwei langgestreckte, schwarze Schlangen.

In Fetzen zerrissen fegt die Rauchfahne unserer qualmenden drei Schornsteine über uns hinweg, huscht über das Gesicht des Mondes und läßt es rötlichbraun erglänzen. Das Heulen in den Masten und Stagen ist so stark geworden, daß es selbst das unaufhörliche gleichmäßige Surren der Ventilationsmaschinen übertönt.

Wir behalten den Kurs bei.

Im Laufe des nächsten Vormittags wollen wir den Lloyddampfer »Ziethen« treffen, der, von Colombo kommend, auf dem Wege nach Aden ist. Wir wollen ihn warnen und nach einem anderen Bestimmungshafen schicken. Er hat einige 100 Kameraden von uns aus der Südsee an Bord, die nach jahrelanger Abwesenheit der Heimat zusteuern.

Zwar stehen wir bereits mit ihm in funkentelegraphischer Verbindung, aber wir müssen äußerst vorsichtig sein, damit die auf dieser Weltverkehrsstraße in Mengen fahrenden, nun auf einmal meist feindlichen Schiffe noch nichts von unserer Gegenwart merken. -- --

Die trotz des Monsuns drückende Hitze läßt gegen Morgen nach und weicht einer erfrischenden Kühle.

Soweit es der mächtige Seegang erlaubt, werden Bullaugen und Luken geöffnet, um die stickige Luft aus dem heißen, nach Öl und Menschendunst stinkenden Schiffsinnern zu blasen.

Allmählich verfärbt sich der Himmel, die Sterne verblassen, blauschwarzer Dunst liegt auf dem Horizont, über den sich bereits gelbe und rötliche Streifen hinziehen, ab und zu von feurigen rotglühenden Flaumwölkchen unterbrochen.

Mit der überraschenden Schnelligkeit der Tropen erscheint das Tagesgestirn und in kürzester Zeit hat die Wandlung von Nacht in Tag stattgefunden. Strahlend, glitzernd im Morgenlicht liegt die weite, mächtige See da, deren Fluten alle einem fernen im Norden liegenden Ziele zuzurollen scheinen.

An Backbord zieht sich, einige zwanzig Seemeilen entfernt, die hohe gelbsandige Steilküste des Somalilandes dahin und fern, fast rechts voraus, ragt das Löwenhaupt des Kap Guardafui über die Kimm. --

Wir müssen beim Umsteuern des Kaps bereit sein, englischen Kreuzern zu begegnen.

Gegen elf Uhr wird »Klar Schiff zum Gefecht« angeschlagen!

Das Löwenkap ist näher gekommen, dicht an Backbord ragt es trotzig in die Luft. Ein zerklüfteter, kahler Sandberg von gewaltigen Ausmaßen, in dessen Steilabfälle der Regen von Jahrtausenden tiefe Furchen gezogen hat! Ein breiter Schaumstreifen zieht sich zu seinen Füßen hin, wild lecken die anprallenden Seen an seinen Flanken empor. In schweigender Majestät stehen die hohen Wände -- achtlos zerstäuben die Seen zu weißem Gischt und Dampf.

Gar manches Schiff ist hier gescheitert, gar manche Besatzung hat hier das Schicksal des Seemanns ereilt.

* * *

An Steuerbord am Horizont erscheint Rauch! -- Eine hohe Säule, die sich nach oben zu pinienartig erweitert.

Es wird der »Ziethen« sein!

Gespannt sieht alles durchs Glas.

Ein gelber Schornstein schiebt sich allmählich über den Horizont, ein gelbes Aufbaudeck folgt. Er ist es.

Bereits hat er uns gesehen und hält auf uns zu.

Wir fahren ihm entgegen und stoppen in seiner Nähe. Hunderte von Menschen, darunter unsere Kameraden aus der Südsee, stehen auf dem Promenadendeck und sehen zu uns herüber. Tücher schwenken. Auf dem »Ziethen« spielt die Bordmusik. Der große Dampfer hat Schlagseite, er liegt etwas nach Backbord über.

Eben haben wir begonnen uns zu verständigen, Nachrichten werden ausgetauscht, Befehle erteilt -- da meldet der hoch im Krähennest sitzende Ausguck:

»Drei Strich an Steuerbord eine starke Rauchwolke!«

Das kann nur der Feind sein!

Kurzerhand drehen wir ab, sagen dem »Ziethen«, er soll versuchen uns zu folgen, und steuern voll Mut und Tatendrang auf den Rauch los.

Wir haben Guardafui jetzt achteraus. Eine dunstig heißzitternde Luft liegt über der sich entfernenden Küste und läßt die vorher so scharfen Umrisse verschwimmen. Wie eine wogende gelbe Wand liegt sie da! -- --

Wir kommen näher!

Die Rauchwolke nimmt Gestalt an, zwei lange, etwas schräg stehende Masten werden sichtbar, denen ein schwarzglänzender Schornstein folgt.

Ein Dampfer! -- Mit Kurs nach Westen, nach Aden! Er muß uns ebenfalls längst gesehen haben, denn er beginnt mächtig zu qualmen und erhöht sichtlich seine Fahrt.

Der Funke springt: Wir fragen ihn nach dem Namen.

Keine Antwort!

Wir fragen nochmals.

Keine Antwort!

Wir befehlen ihm zu stoppen.

Keine Antwort!

Noch dicker als vorher quillt schwarzbrauner Rauch aus seinem Schornstein, vermischt mit emporstiebendem Funkenregen.

Der Abstand vermindert sich nicht mehr! Er läuft ebenso schnell wie wir, und wir müssen neue Kessel in Betrieb nehmen, um ihm näher zu kommen.

Ärgerlich gibt der Kommandant den Befehl dazu. Ärgerlich, denn wir brauchen bei noch höherer Fahrt unverhältnismäßig viel Kohlen -- Kohlen, unser Lebenselement.

Hundert Tonnen weniger, und wir müssen einen Tag der Lebensdauer streichen! --

Wir funken noch einmal:

Stoppen Sie!

Er denkt nicht daran. Er rast nach Westen!

Wir hinterher!

Eine halbe Stunde vergeht -- der Abstand wird kleiner und kleiner.

An unserem Vorstopp geht ein Flaggensignal hoch: Stoppen Sie!

Er kann es nicht ablesen, seine dicke Rauchfahne verhindert ihm die Sicht.

Der Abstand wird kleiner und kleiner. Schon riechen wir seinen Rauch, den der Wind in Fetzen uns entgegen trägt.

Mit zwanzig Knoten die Stunde jagen wir jetzt in voller Fahrt durch die brausende, saphirblaue See.

Warte, du Bursche, gleich werden wir dich haben! Daß du uns die Kohlen nimmst, die wir zum Leben brauchen, mußt du büßen.

Ein blinder Schuß donnert!

Jetzt sind wir ganz nahe!

Eine Minute vergeht: Er stoppt!

Nun haben wir dich!

Seine Flagge geht hoch -- hunderte von Augen starren -- -- --

Die deutsche! -- -- -- Der deutsche Hamburger Dampfer »Goldenfels«! Er hatte uns für einen englischen Kreuzer gehalten.

Das war am 6. August nachmittags drei Uhr.

Die Schuria-Muria-Inseln

Östlich von Aden, mitten in dem im Monsun brandenden Indischen Ozean liegen wie von Gigantenhand hineingeschleudert mehrere mächtige rotgelbe Felsblöcke: die Schuria-Muria-Inseln.

Hätte Daniel Defoe diese Eilande gekannt, als er seinen Robinson Crusoe schrieb, so hätte er den Schauplatz der Geschicke seines Helden dorthin verlegt, denn sie sind noch weltabgelegener, wilder, unwirtlicher als die karaibischen Inseln oder San Juan Fernandez.

Mit elementarer Gewalt rast der Wind in den zerklüfteten Felsenriffen -- Millionen von Vögeln kreischen; in dicken Klumpen hängt granitfarbener Guano an steilen Sandsteinwänden.

Nach Süden zu liegt das Felsmassiv der Insel Hallanya, weiter nördlich ragt wie ein glatter, kantiger Meteorstein die Insel Soda aus den blauen, schäumenden Wassern.

Vierkantig wie eine Pyramide steht sie klotzig da, keine zweihundert Meter hoch, kaum zwei, drei Kilometer im Umfang. Weithin leuchten ihre rötlichen, glänzenden Wände -- kein Baum, kein Strauch, nicht der spärlichste Grashalm bringt Abwechslung in die sonnendurchglühten Hänge.

Dicht an ihrer Nordseite, im Windschutz, liegt unsere »Königsberg« -- sie wartet hier auf einen Dampfer, die »Somali«, der als einziger Freund in dem weiten Indischen Ozean Kohlen in ihr Versteck bringen soll. Er ist von Daressalam dorthin bestellt.

Das Versteck ist gut, -- weit ab liegt es von allen Dampferstraßen. Nicht alle Seekarten enthalten diese einsame Inselgruppe. Dort können wir ungestört Kohlen ergänzen. --

Aber der Feind ist auf der Suche!

Es ist Mitternacht. Warm in meinen Mantel gehüllt gehe ich die Mittelwache auf der Brücke.

Es ist kalt -- trotz der Nähe des Äquators, trotz der Sonnenglut! Der Wind braust mit phantastischer Stärke. Er kommt von oben, von dem Gipfel des Felszackens, an dessen Kante er sich bricht, und rast schräg nach unten. -- Die Stöße sind so stark, daß man das Gefühl hat, als würde das Schiff ab und zu tief ins Wasser gedrückt.

Hoch über der Brücke hebt sich wie das Haupt eines schlafenden Riesen die nachtschwarze Wand der einsamen Insel von dem strahlenden Sternenhimmel ab. Kein Laut übertönt das Brausen des Sturmes. Die Vögel schweigen, sie haben sich in ihre Felsennischen zur Nachtruhe zurückgezogen.

Nur die Pardunen und Stagen am Mast singen ihr Lied, bald stärker, bald schwächer, je nachdem der Wind auf ihnen spielt.

Aber der Feind ist auf der Suche!

Leise summen die Hörer im Funkenraum. Da spricht das im Norden Indiens liegende Karachi mit Bombay, da ruft ein Kreuzer Karachi an, ein anderer antwortet. Sein Laut ist klar und stark -- weitab kann er nicht sein! --

Wir sind allein, allein einer Welt von Feinden gegenüber. Wo sind deutsche Geschwader?

Tausende von Meilen nach Nordwesten in den deutschen Gewässern, Tausende von Meilen nach Nordosten -- an der Küste Ostasiens!

Eintönig hallt der Schritt des Bootsmannsmaaten, der Wache auf den Decksplanken, vornübergebeugt stemmt er sich gegen den Wind.

Das Schiff schläft. -- Schwarz und winzig liegt es in der dunklen Nacht. Der Wind fegt die weißen Kämme an seine Flanken. -- --

Rotglühend, glitzernd, strahlend bricht der Tag an. Wir warten! -- Warten!

Der Monsun rast mit unverminderter Stärke. Lange, zerfetzte Nebel und Dunstschwaden ziehen in sausender Fahrt an dem Gipfel des Felsberges vorbei, verzerrte Schatten auf die hellrot glänzenden Sandsteinwände werfend.

Zwischen den weißen Schaumköpfen der brausenden See taucht ein schwarzer Körper auf. Massig, plump! -- Ein Hai?

Er kommt näher und näher -- langsam treibend, wie eine Kuff vor dem Winde. -- Es ist eine Riesenschildkröte! Ein Tier von seltener Größe. Über ihren gepanzertem Rücken, dessen Schild in der strahlenden Sonne glänzt, springen die weißen Schaumkämme. Sie verschwindet, taucht wieder empor und rudert langsam dem weißen Streifen der Brandung zu. Dort am Strande, zwischen den brechenden Seen liegen in feinem Triebsande Berge von weißgebleichten Schildkrötenschädeln. Die meisten größer als Kinderköpfe, viele so alt und verwaschen, daß ein leichter Tritt des Fußes sie in Staub auflöst.

Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte mögen sie hier liegen. Ihre großen schwarzen Augenhöhlen starren in die blendende Sonne. -- --

* * *

Ich steige langsam auf den Gipfel, gebückt mit Händen und Füßen kletternd, um nicht umgeweht zu werden.

Wolken von weißen Vogelmassen umschwirren die Insel und betäuben mit tausendfältigem Kreischen das Ohr.

Die Spitze ist erreicht! Kaum Platz für zwei bis drei Menschen, ringsherum fallen gleichmäßig schräg nach unten die fast glatten, roten Wände ab.

Ein Blick, vergleichbar dem von der Cheopspyramide! Hier wie dort nach allen Seiten der unbegrenzte Fernblick. Hier der blaue, rauschende Indische Ozean, dort die weißen Sandflächen.

Aber der Eindruck hier ist viel gewaltiger, er wirkt viel großartiger durch die unendliche Einsamkeit!

Fern im Süden ragen die hellfleckigen Felsen von Hallanya, zu Füßen liegt wie ein kleines Kinderspielzeug die »Königsberg«. --

* * *

Wir warten! -- Der Tag neigt sich dem Ende zu, die Nacht vergeht, der zweite Tag schwindet ebenfalls dahin. Von der Somali, die uns Kohlen bringen soll, noch keine Spur. --

Da entschließen wir uns! Einen Dampfer haben wir noch bei uns. -- Eine englische Prise -- es ist die erste, die wir, die Deutschland im großen Krieg gemacht hat -- die »City of Winchester«. Sie hat fast alle Kohlen an den »Ziethen« abgegeben, der damit einen neutralen Hafen aufsuchen soll. Nur ihre Heizraumbunker sind noch voll. Es ist aber nur Bombaykohle, schlackig und schlecht, wir können mit ihr kaum zwei Drittel unserer Geschwindigkeit erreichen.

Aber was hilft es -- wir werden die Bunker auskratzen! Wir gehen mit der »Königsberg« längsseit der Prise.

Im sinkenden Licht des Abends nähern sich die Bordwände, Leinen fliegen hinüber -- die beiden Schiffe liegen Seite an Seite -- der kleine deutsche Kreuzer und der große plumpe Frachtdampfer, der Millionenwerte an bestem indischen Tee, an persischen Teppichen, an Gold- und Silberwaren in seinem Bauch birgt. --

In die dunkle Nacht hinein rattern die Winden, kreischen die Spills, hallen laute Rufe.

Mit Krachen schlagen gefüllte Kohlensäcke an Deck, die hoch in der Luft von Bord zu Bord fliegen.

Es ist eine schwere Arbeit. Tief unten im Bauche des Schiffes liegen die Bunker, nur durch kleine Löcher zugänglich.

Heizer und Matrosen arbeiten dort, kaum als Menschen noch kenntlich, in den Wolken schwarzen Dunstes, den die einzige Lampe mühsam durchdringen kann. Ein Scharren, ein Kratzen, ein Rufen, eine Luft, getränkt von Schweiß und Menschenausdünstung, durchsetzt von Kohlenstaub.

Die Stunden vergehen. Ab und zu dröhnen die beiden Bordwände aneinander, die Belegtrossen klirren und ächzen, wenn ein plötzlicher Windstoß mit elementarer Wucht herniederfährt und die Schiffe gegeneinander preßt.

Ich stehe einen Augenblick an Deck, um frische Luft zu schöpfen, die Lungen saugen gierig den frischen reinen Seehauch.

Strahlend wölbt sich der Sternenhimmel über den beiden arbeitenden, nachtschwarzen Kolossen, im Vordergrund drohen schwarz und finster die schweigenden Felswände, die noch nie in ihrer erhabenen Einsamkeit von dem Hasten und Drängen der kleinen und großen Menschensorgen gestört sein mögen.

Dieses Schiff, auf dem ich jetzt stehe, ein mächtiges Werk von Menschenhand, wird morgen nicht mehr sein.

Seine Ladung -- ein Wertgegenstand, der Hunderten von Menschen ein sorgenfreies Leben bis an ihr Ende ermöglicht hätte -- wird morgen nicht mehr sein, wird morgen tief in den Wassern dieser unbekannten, weltfernen Bucht liegen.

Warum?

Weil es Menschen angehört, die eine andere Sprache sprechen als wir, weil es Menschen angehört, die uns den Platz und die Freiheit auf dieser Erde nicht gönnen.

Um Platz und Freiheit! Auf dieser weiten, endlos weiten Erde! -- --

Nachtschwarz -- stumm liegt da vor mir nach Norden eine dunkle Ländermasse.

Dort dehnt sich Arabien aus! -- Dort weiter in unendlicher Ferne liegt der Himalaja -- Indien --, und dort nach Süden die Somaliländer -- riesenhafte Gebiete -- unendliche Weiten! --

Die Welt aber ist zu klein für uns Menschen?

Ich steige zurück in die rußige, dumpfige Tiefe, aus der heraus das Klingen der Schaufeln und Poltern der Kohlen dringt. --

Die Sonne steigt über den Horizont -- -- -- Salven krachen. Granaten wühlen sich in den Leib des »City of Winchester«.

Der Dampfer neigt sich, mit seinen Schätzen wird er versinken.

Majestätisch, vom brausenden Sturm umtobt, in stolzer Einsamkeit, erhaben über Menschenhasten und Drängen -- über ihre Leidenschaften ragt grell rotbraun der Felsberg Halanya in den blauen Äther.

Ras Hafun

Eine schweigende Tropennacht. -- Im Norden, dort wo der nachtblaue Himmel und die schwarze Masse des Ozeans ineinander fließen, muß die Insel Sokotra liegen.