Part 3
Unguja wird nicht mehr von seinen angestammten Fürsten beherrscht, Unguja ist eine Stadt der Engländer geworden. -- --
* * *
Und Unguja ist heute -- es ist der 20. September 1914 -- unser Ziel! --
In schneller Fahrt schiebt sich der schlanke Leib der »Königsberg« durch die blaue, leichtgewellte Flut nach Norden; gleichmäßig, in dicken Schwaden quillt aus den drei Schornsteinen der Rauch.
An Backbord, kaum ein Dutzend Seemeilen entfernt, sehen wir die deutschostafrikanische Küste vorbeigleiten mit ihren langwelligen, grünblauen Hügelketten, die weit nach Westen zu in bläulichem Dunst verschwinden. Überall steigen dort hohe, weißleuchtende Rauchsäulen in den Himmel -- es ist September, die Zeit der Steppenbrände. Seit Mai, Juni hat die glühende Sonne das Gras, den Busch und die Baumsteppen ausgedörrt. Von den Eingeborenen durch Absicht oder Versehen angesteckt, wälzen sich die Brände vom Winde getrieben dahin.
Dort drüben auf diesen langgestreckten Hügelwellen scheint kaum ein Luftzug zu wehen, denn kerzengerade ragen die hellen Rauchsäulen wie Zedern in die klare Luft.
Die Sonne beginnt sich zu neigen und läßt tiefdunkle Schatten auf den Ostteil der Küste fallen.
Wir passieren das Vorgebirge von Ras Kanzi und drehen etwas nach Osten. --
Es ist Nacht geworden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit sind die Purpurstreifen im Westen zerflossen. Als einheitliche dunkle Masse liegt die Küste da.
Die Rauchsäulen sind nicht mehr zu erkennen, nur ab und zu leuchtet ein roter Feuerstreifen auf!
Da blitzt voraus an Backbord ein Blinklicht auf -- es kann nur der Leuchtturm der Insel Makatumbe sein, die vor der Hafeneinfahrt von Daressalam liegt. Wir staunen alle, daß an unserer eigenen Küste jetzt im Kriegszustande noch ein Leuchtfeuer brennt, freuen uns aber, denn so haben wir nochmals einen genauen Schiffsort, bevor wir das völlig im Dunkeln liegende Sansibar ansteuern.
Schweigend in der leise wiegenden See rauschen wir nach Norden. Was mögen wir wohl im Hafen von Sansibar antreffen? Eine kühne Tat unseres Kommandanten, sich in die Höhle des Löwen, die Operationsbasis der gegen uns geschickten englischen Kreuzer, zu wagen -- noch kühner durch die große Schwierigkeit der Ansteuerung.
Schon in Friedensverhältnissen ist es keineswegs einfach, den von zahllosen Riffen und Inseln umsäumten Hafen zu erreichen. Um so schwieriger jetzt -- bei Nacht, ohne Markierung und Befeuerung des Fahrwassers.
Und gelingt es uns glücklich, die Einfahrt zu finden, so ist es sehr leicht möglich, daß wir weit überlegene feindliche Schiffe vorfinden werden. -- --
Nach Mitternacht kommt an Backbord ein Licht in Sicht. Alle Nachtgläser sind darauf gerichtet. Was kann es sein, ein Wachboot oder eine Dhau? Oder ist es -- wie die meisten glauben -- eine absichtlich falsch ausgelegte Leuchtboje?
Wir vermindern die Fahrt, steuern vorsichtig weiter.
Bald ist das Licht achteraus verschwunden. Es war ein englisches Wachschiff, das uns nicht gesehen, oder gern einem Zusammentreffen mit uns ausgewichen war, mochten seine Kameraden im Hafen von Sansibar den Schaden davon haben.
Gegen zwei Uhr nachts taucht an Steuerbord -- im Osten -- eine dunkle Landmasse auf. Es muß die Südspitze von Sansibar sein.
Dutzende von Augenpaaren durchbohren die Nacht. Gleichmäßig gleiten wir dahin.
Ein guter Lotse ist an Bord, der die Einfahrt bei Tage schon oft gemacht hat: der Kapitän der »Somali«, die jetzt, nachdem wir sie bei den Komoren abgeholt, im Rufijifluß auf uns wartet.
* * *
Gegen fünf Uhr rötet sich der Horizont -- fahle Schimmer leuchten im Osten auf.
In kurzer Zeit muß sich die Spannung lösen!
Hoch ragt jetzt an Steuerbord die Küste Ungujas, schnell wird es heller und heller, Einzelheiten sind bereits zu erkennen. -- Es kommt jetzt auf Minuten an, denn wir können vom Lande bereits gesehen und gemeldet sein.
Auf einem mächtigen Felsvorsprung rechterhand steht der Leuchtturm von Sansibar -- Tschumbe Island -- dunkel, düster; sein Feuer ist bei Kriegsbeginn erloschen.
Aller Augen suchen jetzt den vor uns liegenden dünnen weißlichen Dunststreifen zu durchdringen -- er verbirgt uns den inneren Hafen; -- aber die inneren Hafenfeuer sind zu erkennen. --
Blitzende Strahlen schießen über den Himmel, die Sonne taucht über Unguja auf.
Eine leichte Brise kommt auf, kräuselt die glatten Flächen und läßt den dichten Palmenwald des Ufers erwachen.
Rechts von uns, hinter einer grünbewachsenen waldigen Landzunge, tauchen die weißen Häuser der Stadt, noch verschwommen im Morgennebel, auf, wuchtig hebt sich der Palast des Sultans ab.
Da lüftet sich langsam der weiß über dem Hafen liegende Schleier.
Längst sind wir klar zum Gefecht! Durch die Zielfernrohre der Geschütze, die Entfernungsmeßgeräte, durch alle Luken blicken gespannt klare, scharfe Augen.
Ein silbergrauer Schiffsleib wird sichtbar, zwei Schornsteine, zwei Masten -- auf der Brücke hohe, übereinandergetürmte Aufbauten, -- ein englischer Kreuzer.
Nichts rührt sich bei ihm an Bord. Er liegt ahnungslos -- seine Mannschaft schläft noch in den Hängematten.
Wir drehen nach Steuerbord. Die Mündungen der Geschütze der Backbordbreitseite heben sich.
Majestätische, morgenländische Ruhe liegt über dem weiten Hafen -- nichts regt sich -- es ist Sonntagmorgen.
Nur ein knarrendes Rascheln der Palmen in der schwachen Brise -- an Bord kein Laut, Nerven und Sehnen sind zum Zerreißen angespannt! --
Weiß leuchtet der Sultanspalast!
»Salve, Feuer!«
Dröhnend, wie in Fetzen gerissen, zerreißt die Stille, das Zischen der absausenden Granaten durchschneidet die Luft.
»Aufschlag!«
Fünf haushohe Wassersäulen steigen in die Luft.
»Kurz!«
»Feuer!«
Dicht an der Bordwand des Engländers stehen die weißen Kaskaden.
»Feuer!«
Schwarzer Rauch, fliegende Eisenteile -- er ist getroffen.
Ein Sausen, Krachen und Dröhnen hebt an -- drei, vier Salven fliegen noch in die Luft, während die fünfte schon wieder abgefeuert wird.
Der Engländer ist erwacht -- er wehrt sich. Fünf weiße Wölkchen steigen an seiner Bordwand auf -- seine Granaten kommen angesaust! -- Zu kurz -- zu weit!
Der Ausgang kann nicht lang zweifelhaft sein. In einer schwarzen, weit über die Masten hinausragenden Riesenwolke fliegt seine Kommandobrücke in die Luft -- sein ganzes Vorschiff ist in schwelendem braungelben Dampf gehüllt.
Die weißen Wölkchen erscheinen nicht mehr gleichzeitig -- seine Geschütze feuern nur noch einzeln.
Ein Teil seines Achterschiffes brennt -- alle sechs Sekunden haut ein Eisenhagel in ihn ein.
Da schweigt er! --
Fünf lange Minuten feuern wir noch weiter -- da ertönt eine Stimme: er zeigt die weiße Flagge!
Ein englisches Kriegsschiff -- die weiße Flagge? Ungläubig suchen wir mit den Gläsern seine Masten ab -- der Kommandant läßt das Feuer einstellen.
Wir sind ganz nahe an die Küste gekommen, dicht vor uns rauschen die hohen schlankstämmigen Kokospalmen, fliehende Eingeborene jagen vorbei.
Auf dem Engländer scheint sich nichts zu rühren. Die Entfernung ist nur etwa sechs Kilometer -- eine masthohe dunkelschwelende Rauchwolke zieht von achtern her über sein Mitteldeck und entzieht unseren Augen die weiße Flagge, die am Großmast weht. Hätten wir sie erkannt, so wäre der Besatzung Gnade gewährt.
So muß weiter gekämpft werden.
»Salve, Feuer!«
Von neuem hageln die Granaten auf ihn ein.
Er verteidigt sich nicht mehr. Langsam neigt er sich auf die Backbordseite und zeigt seinen grünbewachsenen Boden.
Wir lassen jetzt von ihm ab, er ist erledigt.
Lange Rauchschwaden ziehen über ihn hin. -- Die leichte Brise ist eingeschlafen, matt hängt die rote Fahne des Propheten am Sultanspalast.
Rauchend liegt unter Land eine Dampfbarkasse. Sie wollte sich uns nähern, da wurde sie vernichtet.
Die Sonne hat sich über der Stadt erhoben. Weiß leuchten die Paläste, Häuser und Minarets von Sansibar.
Kaum tausend Meter vor den Toren des Sultanspalastes liegt der untergehende englische Kreuzer -- es ist der »Pegasus«!
Auf den Kais sind Menschengruppen zu erkennen. Wir drehen langsam nach Süden -- verlassen den Hafen! Einige Schuß noch auf die englische Funkenstation, krachend stürzen zwei von ihren Masten zusammen, sie schweigt. Sansibar ist ohne Funkenverbindung mit der Außenwelt. --
* * *
Wiegend empfängt uns die weite Dünung der freien See -- im Westen tauchen die bewaldeten Höhenzüge der afrikanischen Küste auf -- die hohen weißen Rauchsäulen der Steppenbrände schlängeln sich in den azurblauen Himmel.
Hinter uns versinken langsam die grünen Palmenhaine Sansibars. Grell von der Sonne beschienen, leuchtet der rotfarbene Leuchtturm, hellgelb und weiß das Felsengestade und die Riffe seiner Südküste.
Mehr und mehr verschwinden seine Konturen, werden von der weiten Kimm des Ozeans verschlungen.
Die Sonne hat noch nicht den zehnten Teil ihres Weges vollendet, da versinken auch die letzten Höhenzüge der einstigen Perle des Ostens unter dem Horizont -- -- -- Unguja ist verschwunden.
II. IM RUFIJIDELTA
[Illustration: Ornament]
Salale
Die Wasser der Hochsteppen der Wahehe und der Wabena sammeln sich in dem Ruaha und Ulanga. Im weiten Bogen durchfließen sie das Herz Deutschostafrikas und vereinigen sich dann in dem Fluß Rufiji, der seine meist braungrünen Wassermassen durch die Ebene an Nyakisiku, Mpanganja und Utete vorbei nach Mohoro wälzt. Dort teilt er sich in eine Unzahl von breiten Armen. Im Laufe der Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, hat er seine nördlich liegenden Mündungen immer weiter nach Süden verschoben und biegt jetzt bei Mohoro schräg nach der Kilwagegend zu ab.
Aber die andern mächtigen Arme sind noch keineswegs versandet. In weiten Bogen und Windungen, bis zu tausend Meter und mehr breit, durchschneiden sie eine unabsehbare Mangrovenwildnis.
Sie bilden das gewaltige, dem Nil- und Mississippidelta an Größe kaum nachstehende Rufijidelta.
Von der Höhe des überragenden Pembaberges sieht es im Lichte der untergehenden Sonne aus wie ein weitmaschiges Netz von ineinandergeflochtenen Gold- und Silberfäden, die sich in wunderlichen Krümmungen, bald dick, bald in haarfeinem Gespinst durch den grünen, ungeheuren Mangroventeppich ziehen.
Ganz weit im Osten, wo der silberne Indische Ozean scharf diese waldige Sumpfwildnis abschneidet, ragen hohe dunkle Kasuarinen, die nur in dichtester Nähe des Salzatems des Ozeans leben können.
Dort, fast im Herzen der weitverzweigten Insel- und Wasserwirrnis, wird das Grün heller, an manchen Stellen fast gelb; dort wehen weite Palmenwaldungen in leichtem Luftzuge, dort liegt der einzige bewohnte Ort: Salale.
An dem mächtigen, tiefen Saningaarm gelegen, ist es von See aus selbst durch große Küstendampfer zu erreichen, sie laufen dort an, um das Mangrovenholz und die Erzeugnisse der wenigen am oberen Rufiji gelegenen Pflanzungen zu verladen.
Salale ist sogar Poststelle. Mitten im Wald, an einer besonders hohen schlanken Palme, ist ein blauer Briefkasten angenagelt, daneben steht ein kleines, sauberes Lehmhäuschen, in dem der Leiter dieser Nebenstelle, ein biederer, goldbrauner Goanese sein bescheidenes Dasein fristet.
Die einzigen Europäer dieses verborgenen Ortes sind zwei alte Deutsch-Afrikaner: ein Forstbeamter und seine Frau. Sie haben hier schon viele Jahre ihres Lebens unter den nickenden Palmen zwischen den Eingeborenen ihrer Station verbracht.
Ihr weißes, einstöckiges Steinhaus steht fast am Strande, mitten in dem tiefen, hellbraunen Sande, dort gedeiht die Kokospalme am besten. Sie kommt denn auch überhaupt nur hier oder nicht allzuweit von der Küste vor. Das ganze übrige Gebiet des weiten Deltas ist von dunkelgrünen Mangroven bewachsen, ihre Luftwurzeln ragen bei Niedrigwasser in grotesken Verschlingungen aus dem weichen, tiefen Mutt hervor. Ein Anlandsteigen ist hier überall fast unmöglich -- man versinkt ohne weiteres in diesem sumpfigen Lehmbrei.
Gleich hinter Salale hört das tiefe Wasser auf, der Saningaarm macht eine Biegung und nur eine schmale, keine zwanzig Meter breite Fahrrinne ist noch vorhanden.
In ihr liegt am 4. November 1914 die »Königsberg«, ganz dicht an die Mangroven gepreßt, so daß man fast hinüberlangen kann. --
Der Kohlenvorrat ist erschöpft! --
Sie hat im Rufiji Schutz gesucht und auch gefunden. Erst gestern ist sie von englischen Kreuzern entdeckt worden, die die »Somali«, die nordöstlich von Salale verankert liegt, um einfahrenden Feinden ein Hindernis zu bieten, schwer unter Feuer genommen haben.
* * *
Heute erwarten wir einen entscheidenden Angriff. Allerdings erst gegen Nachmittag, da nur dann, beim höchsten Hochwasser, die vor der Einfahrt liegende Barre von den englischen Kreuzern passiert werden kann. --
Die Eigenart der Verhältnisse hat uns gezwungen, ein Verteidigungsmittel seltener Art zu erfinden.
Wir müssen unbedingt verhindern, daß die englischen, uns artilleristisch weit überlegenen Kreuzer -- es sind die »Weymouth«, »Dartmouth« und »Falmouth« -- einlaufen, müssen sie gleich beim Einfahren in die Mündungen angreifen.
Das wirksamste Mittel dafür sind unsere fünf Torpedos. Wir haben aber keine Boote, von denen aus wir sie abfeuern können. So müssen wir uns eben auf andere Weise helfen.
Zwei Einbäume werden mit Querbalken in einem Abstand von einem Meter aneinander gebunden und in der Mitte an den Verstrebungen Laufschienen angebracht, in denen der Torpedo hängt.
Beim Schuß wird einfach der Öffnungshebel durch Ziehen an einem Drahtstropp umgelegt und mit einem gewaltigen Satz springt dann der glänzende, stählerne Riesenfisch, der größer ist als das ganze Torpedoboot selbst, in der angesteuerte Richtung in die Luft, um dann im hochaufspritzenden Wasser unterzutauchen und seinem Ziel zuzuschwimmen.
Wir haben es schon ein paarmal versucht und über Erwarten günstige Erfolge damit erzielt. Daß beim Schuß, durch den Stoß, die Hälfte der Besatzung jedesmal über Bord fällt und prustend wieder in die Einbäume, die dann halb voll Wasser sind, klettern müssen, tut dem Eifer nicht den geringsten Abbruch.
Wir wollen uns heute in der Nähe der Mündung mit unserem »Torpedotumbi« -- tumbi heißt auf Kisuaheli »Einbaum« -- in einem verschwiegenen Seitenkreeck hinter den Mangroven verbergen und dem ersten Engländer, der versuchen sollte einzudringen, auf 300–400 Meter einen Torpedo in den Leib jagen. -- Auf diese Entfernung muß er treffen und wirken!
Von der Pinasse geschleppt, steuern wir langsam an Salale vorbei, das verlassen daliegt. Seine Bewohner, Weiße sowohl wie Schwarze und Braune, sind jetzt längst geflüchtet. Auf der höchsten Palme sitzt ein Beobachtungsposten von uns.
Weiter geht es, die schweigenden Mangroven entlang, der Mündung zu. Das Wasser läuft noch stark stromauf, in zwei Stunden -- etwa um vier Uhr nachmittag -- wird Hochwasser sein.
Wir passieren die »Somali«, die einsam und verlassen im Fahrwasser liegt. Treu wie ein Hund ist sie uns bis hierher gefolgt und muß sich jetzt hier für uns vernichten lassen. Verschiedene Löcher, herabhängende Eisenfetzen und geknickte Stützen zeugen von der gestrigen Beschießung.
Wir erreichen die Hauptbiegung des Saningaarmes und somit unser Ziel.
Von den Dutzenden von abzweigenden Querkanälen wählen wir den tiefsten, zugleich den am besten unter überhängenden Mangroven verborgenen.
Der Doppeleinbaum wird mit frischem Grün geschmückt -- er ist jetzt vollkommen unkenntlich -- und in der passenden Schußrichtung festgepflöckt. Die Pinasse verschwindet im Innern des Kreeks.
So sitzen wir und lauern!
Das Wasser steigt nur mehr langsam, also muß es sich bald entscheiden!
Wollen die Engländer uns angreifen, so müssen sie einlaufen, denn von See aus beträgt die Entfernung bis zur »Königsberg« mindestens 15 Kilometer -- sie ist außer theoretischer Reichweite der englischen Schiffsgeschütze.
Also müssen sie kommen -- wir erwarten sie. --
Ins Wasser gestreute Blätter zeigen, daß jetzt Stauwasser ist -- die höchste Höhe ist erreicht.
Angestrengt starren wir auf die Biegung. Jeden Augenblick kann dicht vor uns der graue Bug eines langsam um die Ecke steuernden Kreuzers sichtbar werden.
Es herrscht vollkommene Stille. Das leise Rauschen des aufströmenden Wassers ist verklungen -- bewegungslos, wie ein Spiegel liegt es vor uns. Man kann die Ringe erkennen, wenn eine der langarmigen, tropischen Wasserspinnen über seine Fläche läuft. Leise summen die Moskiten, ein Regenpfeifer flötet ab und zu, oder Affengekreisch zerreißt mißtönend für einen Augenblick das Schweigen.
* * *
Da dröhnen fünf schwere Schläge durch die Luft. Zitternd rascheln die Mangroven, hoch über unseren Köpfen saust das Zischen darüber hinwegfliegender Granaten.
Wir starren in die Höhe! Wem kann dies gelten? Sollten die vor der Mündung liegenden Engländer die »Somali« beschießen?
Wieder das ferne Krachen einer Breitseite, das Sausen und Heulen weit über uns -- wir sitzen mit der Uhr in der Hand -- dann ganz fern fünf dumpfe Aufschläge.
Nochmals und nochmals zählen wir am Sekundenzeiger die Zeit zwischen Abschuß und Aufschlag -- diese Granaten fliegen weiter wie dreizehn Kilometer!
Sollten die Engländer trotz der verkleidenden Büsche auf den Toppen unserer Masten von See aus die »Königsberg« hinter den Palmenwaldungen von Salale gesichtet haben und sie nun beschießen?
Aber wie?
Keiner von den da draußen liegenden Kreuzern kann fünfzehn Kilometern weit schießen. Sollten unerwartet neuere, größere Schiffe eingetroffen sein?
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Heliographenposten auf dem Kembaberg]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. »Unsere kleinen Hilfsschiffe« im sicheren Versteck Von links nach rechts: die »Rovuma«, der »Tomondo«, die »Hedwig«]
[Illustration: Schädel eines vom Verfasser erlegten Flußpferdes]
[Illustration: Vom Kommandanten gefangenes Flußpferdbaby auf den Decksplanken der »Königsberg«]
Kaum anzunehmen! Deren Erscheinen wäre uns längst schon von irgendeinem der vielen Küstenposten von Tanga bis zur Rovumamündung gemeldet worden.
Vorläufig ein ungelöstes Rätsel. --
Alle zwanzig Sekunden braust eine Salve über uns hin, um nach einer endlos scheinenden Zeit mit dumpfem fernem Krachen zu krepieren.
Wir aber erwarten immer noch jeden Augenblick das Erscheinen eines grauen Buges dort hinten bei der Ecke, wo die Mangroven sich in dichten Büscheln über den Flußarm neigen.
Das Wasser steht noch immer. Vor einer Viertelstunde hineingeworfene Zweige haben sich noch keinen Zentimeter von ihrer Stelle gerührt.
Die Sonne hat sich weiter nach Westen geneigt. Das unangenehme Summen der Moskiten verstärkt sich; blutgierig in leisem metallischen Singen umkreisen sie unsere nackten Arme, um die Gelegenheit zum Stich zu erspähen.
Hier, rechter Hand, steht eine schlanke dünne Mangrove, deren Stamm, Äste und Blätter, wie mit braunem Rost überzogen scheinen; tausende von Moskiten hängen an ihm, schlafen, die Zeit des Sonnenuntergangs erwartend. --
Noch immer dröhnen in gleichen Zwischenräumen von See her dumpf die Schläge der Breitseiten, das Heulen in der Luft, das ferne Krachen der Aufschläge.
Da kommt allmählich Bewegung in die Wasser, langsam, ganz langsam beginnen sie zurückzufließen -- nach See zu.
Wir geben die Hoffnung auf, heute noch den grauen Bug um die Ecke biegen zu sehen. Der Torpedokopf wird wieder gesichert, die Pinasse kommt aus ihrem grünen Versteck hervor, nimmt das Doppeltumbi im Schlepp, und langsam dampfen wir gegen den nun immer schneller abfließenden Strom zurück.
Der Kanonendonner hat aufgehört. Die Ruhe der verlassenen Urwaldwildnis liegt auf der weiten Mangrovenlandschaft.
Die Abendsonne wirft schräge Schatten auf das Grün, gibt ihm allmählich eine hellgelbe Färbung und weckt den Tippu-tipp, Afrikas Kuckuck, der mit seinen eine ganze Oktave durchflötenden Tönen über die leise glucksenden und rauschenden Wasser hinklagt. Er kann kaum fliegen -- ab und zu sieht man den braunen, plumpen Vogelkörper wie ein Huhn von Ast zu Ast flattern.
Man kann es nicht fassen, daß diese heilige Urwaldstille eben noch von dem Dröhnen der raffinierten Vernichtungsmittel des höchstentwickelten Wesens in dieser Welt, des Menschen, erfüllt worden ist.
Wie oft habe ich da draußen empfunden, wie lächerlich winzig und bedeutungslos das Kampfgetümmel menschlicher Zwergwesen und ihrer kleinlichen Leidenschaften ist neben der ruhigen Größe dieser mächtigen Natur -- ja ein Gefühl der Beschämung wollte mich übermannen, wenn ich bedachte, daß ich eben noch mit allen Fasern, mit allen Kräften des Denkens am Kampfe teilgenommen hatte. -- --
Was sind um irgend welche Vorteile, und sei es selbst um die Existenz kämpfende Atome gegen diese schweigende, ursprüngliche Unendlichkeit? --
* * *
Die Palmen von Salale tauchen auf, die bereits nur mehr als dunkle, verästelte Silhouetten sich gegen den rasch verblassenden Himmel abheben.
Wir legen an, um den Beobachtungsposten mitzunehmen. Vor uns liegen die dunklen Umrisse einer alten, einst seebefahrenen Dhau, rechts davon eine halbverfallene Grashütte.
Die Leute steigen an Bord. Aufgeregt erzählen sie, daß tatsächlich die »Königsberg« beschossen und schwer beschädigt worden sein müsse, da alle Granaten unmittelbar bei dem Schiff eingeschlagen seien. Kreuzer anderer Art, als die bisher gemeldeten, hätten sie nicht gesehen.
Also ist das Wie dieser Beschießung noch immer ein ungelöstes Rätsel. --
Es ist mittlerweile fast vollkommen Nacht geworden. Wir folgen dem breiten, hellen Rand des Saningaarmes, dessen Ufer man nicht mehr erkennen kann, da die tiefdunklen Schatten der Mangroven sich mit ihrem tintenschwarzen Spiegelbilde im Wasser zu einem unsicheren, breiten, dunklen Streifen vereinigen. --
Der sehnige, achtern stehende Bootssteurer, dessen Mützenbänder im Winde flattern, legt langsam die Ruderpinne, wir drehen nach Steuerbord, passieren die Biegung, und vor uns liegt der dunkle, in der Finsternis riesenhaft erscheinende Rumpf der »Königsberg«. Fast keine Lichter sind zu sehen -- man könnte glauben, sie wäre vollkommen verlassen, wenn nicht dumpfes Stimmengewirr, Hämmern und Klopfen herübertönte.
Wir legen am Fallreep an.
Schnell sind unsere Fragen beantwortet. Die »Königsberg« hat tatsächlich heute nachmittag lange im schweren englischen Feuer gelegen, ist aber wie durch ein Wunder nicht ein einziges Mal getroffen worden, hat nicht einen Mann verloren.
Wie wir später erfahren haben, sind die Palmenbüsche auf den Toppen der Masten uns zum Verhängnis geworden. Sie wurden, an Höhe weit den Palmenwald von Salale überragend, von See aus gesehen und von den Engländern sofort als Masten der »Königsberg« angesprochen.
Da die feindlichen Kommandanten nicht so weit schießen konnten, drängten sie durch Fluten der Seitenräume ihre Schiffe so weit nach der entgegengesetzten Seite, daß den Geschützen die für die weite Entfernung nötige Erhöhung gegeben werden konnte. --
* * *
Da wir für den nächsten Tag bestimmt mit einer Wiederholung rechnen konnten, die uns unbedingt verhängnisvoll werden mußte, hatte sich unser Kommandant entschlossen, nachts beim höchstem Hochwasser zu versuchen, über die uns den Weg nach hinten sperrenden Barren zu fahren, um im Innern des Deltas einen vorläufig für die Engländer nicht erreichbaren Platz aufzusuchen.
Das Fahrwasser hatten wir zu diesem Zweck früher schon genau ausgelotet. Der Tidenhub, der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, beträgt dort fast fünf Meter; wir hatten rund 4,8 Meter Tiefgang, es mußte uns also möglich sein, bei höchstem Wasserstand über die bei Ebbe fast trocken liegenden Sandbänke zu fahren.
Ein großes Wagnis allerdings blieb es trotzdem, denn bei Nacht im unsicheren Sternenglanz verschieben sich Konturen und Entfernungen, und es ist nicht leicht, den langen Körper eines Kreuzers in einer schmalen Rinne durch die nächtliche Mangrovenwirrnis zu führen. -- --
An den Masten wird gehämmert und geklopft. Der erste Offizier will sie verkürzen, damit sie nicht wieder zum Verräter werden.
Erst gegen Mitternacht tritt Ruhe ein, der Arbeitslärm verklingt, die schweigende Tropennacht tritt in ihre Rechte.
Grünlich leuchtende Scharen von Glühwürmchen gaukeln durch die Mangroven, in der Luft singt und surrt das tausendfältige Schwirren der erwachten Moskiten, die hier im Rufijigebiet besonders berüchtigt sind, als Träger der Malaria.
Nicht grundlos flattert ab und zu aus dem Vorschiff ein Stöhnen auf, oder wirre Worte klingen durch die Nacht. Fieberkranke liegen dort im Mannschaftslazarett.
Klar und glänzend steht der Orion, das schönste Sternbild der nördlichen wie der südlichen Halbkugel am Himmel und zieht langsam, langsam seinen Weg nach Westen. -- --
Die Wasser sind rauschend abgeflossen, glucksend zum Stillstand gekommen -- der Strom kenterte -- erst langsam, dann brausend strömten sie wieder zurück -- jetzt verlangsamen sie ihren Lauf -- bald müssen sie ihre höchste Höhe haben.
Alles ist klar zum Manöver! --
Es ist lauter geworden im Walde! Mancher Reiher mußte infolge des starken Stromes seinen niedrigen Schlafplatz verlassen und flattert nun unruhig hin und her. Affen, denen es ebenso ergangen, kreischen, schimpfen und springen knackend durch die Wipfel.
Die Nachtfrösche lärmen -- auch sie sind wach geworden und müssen schwimmen. -- --
»Beide Maschinen kleine Fahrt voraus!«
Langsam setzt sich der dunkle Koloß in Bewegung und steuert in das im Sternenlicht unsicher glänzende dunkle Gewässer.
Die Rufe der Lotsgäste, die abwechselnd die Tiefe aussingen, hallen eintönig durch die Nacht. Schemenhaft schweben dicht an den Bordwänden die gespenstischen Schatten der Mangroven zum Greifen nahe vorbei.
»5 Meter 20!« singen die Lotsgäste.
»5 Meter 10!«
»5 Meter!«
4 Meter 80 tief gehen wir! -- aber wir müssen hinüber -- entweder -- oder!
»4 Meter 80!«
Ein leises Knirschen -- ein rauhes Scharren auf dem Grund.
»5 Meter!«
Wir sind hinüber!
Tieferes Wasser kommt wieder. Da vorn sieht es aus, als ob der Arm zu Ende wäre, durch tiefe Schatten ist der Wasserspiegel abgeschlossen.
Es geht nach rechts in einen Seitenarm. Langsam, langsam dreht der Riese in eine schmale Wasserstraße.
Wieder huschen dunkle, nicht erkennbare Bäume vorüber, deren Äste manchmal raschelnd und knarrend an den Bordwänden längsfahren.
Kein Wort wird gesprochen, nur ab und zu ein ruhiger, mit halblauter Stimme gesprochener Befehl des Kommandanten oder des Navigationsoffiziers -- die ruhige, eintönige Wiederholung des Rudergängers oder ein Rasseln der Maschinentelegraphen.
Dumpf tönt das Mahlen der Schrauben, das im Schiffskörper wie auf einem Resonanzboden wiederhallt.
8 Meter, 10 Meter werden ausgerufen.
Dieser kleine Seitenarm, durch den wir vom Saninga- in den Simba-Uranga-Arm wollen, hat mehr Wasser, als man vermutet hatte.
Mit erstaunlicher Gewandtheit folgt der mächtige dunkle Koloß den vielen Windungen und Biegungen des schmalen Kreeks.