Chapter 7 of 8 · 3994 words · ~20 min read

Part 7

Da schlürft und schmatzt es dicht neben meinem Kopfe. Fast bewegungslos eingebunden, kann ich mich kaum rühren. Ich drehe langsam den Kopf: eine dicke Ratte sitzt auf dem Rande meines Feldstuhls, hat den Kopf tief in meine Tasse gesteckt und trinkt schnalzend meine Milch. Mit Mühe verscheuche ich sie. Plumpsend springt sie auf den Boden, schleift ihren Bauch über die sandigen Bretter, rast eine Wand empor und springt auf mein Moskitonetz. Dicht über mir piepst sie einige Male und läßt sich dann mit einem Platsch zur Erde fallen. --

Ein irrer Schrei tönt herüber -- aus dem dritten oder vierten Zimmer -- dort muß ein sehr schwer Verwundeter liegen. Auch mein Beinstumpf brennt in der Blechschiene. Schon über einen Monat liege ich hier bewegungslos auf dem Rücken, den Fuß in die Höhe gebunden!

Mit Mühe richte ich mich auf, starre durch das Moskitonetz in die Nacht. Da vorn liegen schweigend die niederen Grashäuser der beiden Ärzte und der zwei Schwestern vom Roten Kreuz, die von Daressalam geschickt wurden. Gespenstisch heben sich ihre Giebel vom sternenübersäten Nachthimmel ab, gespenstisch in der unendlichen Ruhe und Schweigsamkeit der afrikanischen Steppe, über die hinweg Millionen von Zikaden ihr gleichmäßiges Lied ertönen lassen. Der Nachtwind haucht raschelnd durch die metallenen Moskitogitter der Veranda, fröstelnd sinke ich auf mein Kissen zurück und wickle mich fester in meine Decke.

Das Morphium gaukelt mir bunte Bilder vor, ich denke an die ferne Heimat, an den letzten Kampf der »Königsberg«, unsern Kreuzer, den wir alle so sehr geliebt, der jetzt zerschossen und zerfetzt wenige Stunden weit, dort drüben in der Einsamkeit liegt. --

Von fern hallt das Dröhnen einer Flußpferdherde herüber. Angestrengt lausche ich ihm.

Minutenlang hält es an -- minutenlang tritt wieder Stille ein. Plötzlich zerreißt ein dumpfes Brüllen aus nächster Nähe das lastende Schweigen. Ich halte den Atem an: ein Löwe! Da ertönt es wieder und wieder, unheimlich rauh -- noch einmal und noch einmal.

Unwillkürlich richte ich mich wieder auf: Zwei Stimmen sind zu unterscheiden -- eine tiefe knurrende und eine hellere. Anscheinend ein Löwenpärchen.

Sie umstreifen in weitem Kreis unser altes morsches Holzhaus. Kommen näher und näher, verstummen und ziehen dann kurz brüllend langsam in westlicher Richtung weiter.

Fast Nacht für Nacht kommen sie -- es müssen immer dieselben sein -- sie ziehen denselben Weg, brüllen zu gleicher Stunde.

Stärker lärmt der Luftzug in dem verrosteten Moskitogitter, die Netze der Betten bewegen sich leise. Es muß gegen Morgen zu gehen. --

Langsam wirken Morphium und Müdigkeit -- ich sinke in unruhigen Fieberschlaf. -- -- --

* * *

Ein Vierteljahr später! Die kalte Zeit ist vorüber -- glühend brennt die Sonne auf das dampfende Land. Es ist Dezember.

Das einsame Pflanzerhaus von Kingwangwanda hat sich geleert, die Verwundeten sind teils nach dem fünf Tagemärsche entfernten Daressalam ins Hospital, teils auf den verlassenen Steppenfriedhof zwischen der rohen, mächtigen Umzäunung getragen worden.

In langer Tragbahre werde ich zum Fluß gebracht und an Deck des kleinen Einraddampfers »Tomondo« gelegt, der mich rufijiabwärts nach der Karawanenstraße Kilwa-Daressalam bringen soll. Die kleinen Grashäuser um das Pflanzerhaus, die Herberge so vieler Schwarzer, die armseligen kegelförmigen Hütten von Kingwangwanda verschwinden am Horizont der Steppe, schnell entführt uns der schweigend dahinfließende Strom.

Die waldigen Ufer ziehen vorüber, Krokodile platschen ins Wasser, weiße, langgefiederte Reiher flattern auf.

Eine Lichtung fliegt vorbei, zwei Wasserböcke äugen scheu herüber und verschwinden in langen Fluchten. Träge trottet dort ein Warzenschweinkeiler. --

Stark hat sich die Sonne schon nach Westen geneigt, da biegen wir knarrend und rauschend aus dem Bumi in den Hauptstrom des Rufiji.

Hier kenne ich jede Biegung, fast jeden Baum und Strauch. Dutzende Male bin ich hier mit meiner Kuttermannschaft vorübergepullt.

Bekannte Sandbänke tauchen auf: Hier habe ich einen Flußpferdkadaver festgebunden, dort mein größtes Krokodil geschossen.

[Illustration: 10,5-Geschütz bei Mtama (Lukuledital) beschießt im Juli 1917 die engl. Stellungen]

[Illustration: Der letzte Schuß aus dem _letzten_ 10,5-Geschütz nach der Schlacht von Mahiwa. -- Gleich darauf wird das Geschütz gesprengt (Links der Verfasser)]

[Illustration: Englische Ansichtskarte -- Links das bei Mahiwa vernichtete letzte 10,5-cm-Geschütz der »Königsberg«]

Bald müssen wir die verschwiegene Biegung ansteuern, die dem zerfetzten Wrack der »Königsberg« zum letzten Liegeplatz geworden ist.

Die Sonne ist hinter den grellgrünen Mangrovenwänden, deren Schatten sich weithin auf den Fluß legen, zur Neige gegangen, und Purpurlichter überfluten unsern kleinen, jetzt stark qualmenden Dampfer. Wir drehen nach Backbord -- -- mein Herz klopft höher!

Da taucht vorn über den Mangroven der schrägstehende Stumpf eines Mastes auf!

Die Ufer treten zurück -- -- -- vor uns liegt geisterhaft schweigend der zerschossene Rumpf der »Königsberg« -- ein Wirrwarr von verbogenen Eisenteilen und aufgeplatztem Blech -- schräg nach Steuerbord überliegend.

Die ablaufenden Wasser spülen über sein aufgerissenes, verbranntes Deck und gurgeln durch die wie leere Augenhöhlen starrenden Bullaugen der Back. In sich zusammengesunken, wie von kräftiger Faust zusammengeballtes Papier, liegt der mittlere Schornstein auf der eingedrückten Laufbrücke -- einsam, von hunderten von Sprengstücken durchsiebt, ragen die beiden andern, wie warnende Denkmäler der Vergänglichkeit alles Irdischen, in den dunkelnden, jetzt von unzählig aufblitzenden Sternen übersäten Abendhimmel.

Die Aufbauten sind eingestürzt, ihr Eisenblech wie Pergament aufgerollt.

Von dem geknickten Fockmast pendelt in der Abendbrise ein einsamer Stahlständer, dessen Block ab und zu melancholisch gegen das dumpfklingende Metall des Eisenmastes schlägt. -- --

Wir haben gestoppt und treiben langsam vorbei. Kein Laut unterbricht die drückende Urwaldstille -- nur ganz fern flötet einsam ein Tippu-tipp.

Wie ein Steppenbrand glühend, leuchtet ein schmaler Purpurstreifen am Horizont durch die verrosteten, zerschossenen Eisenteile. --

Schweigend, in den sich senkenden Schleiern der beginnenden Nacht, voll erdrückender Wucht liegt gespensterhaft vor uns das Wrack unseres einst so stolzen Schiffes!

Einsam und verlassen! Selten kommt eines Menschen Fuß hierher, selten wird ein Einbaum hier vorbeitreiben, denn der abgelegene Rufijiarm wird fast nicht befahren. Selten nur mögen staunende Eingeborene mit ihren schwarzen Augen in abergläubischer Furcht auf diese gefallene gewaltige Boma ihrer einstigen weißen Herren blicken. -- --

Jahrhunderte lang wird die Sage in den Rufijiländern von dem Kämpfen und Sterben des riesigen deutschen Kriegsschiffes gehen, von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbt.

Bei dem Schein der flackernden abendlichen Lagerfeuer wird ein zitternder, weißwolliger Greis erzählen, wie er selbst vor vielen, vielen Jahren, so viel -- er weiß die Zahl nicht mehr -- als junger Bursch auf einer Dhau Holz an Bord des Kreuzers getragen, wie die Maschinen dröhnten, die Schornsteine dunklen Rauch ausspien, die Ventilatoren rauschten und eilige, frische Schritte kräftiger, junger, weißer Männer über Deck sprangen.

Er wird erzählen, wie eines Tages eine lange Reihe von Kriegsschiffen in die verschwiegenen Rufijimündungen einsteuerte, wie zwei riesige Vögel ankamen, die unter Surren und Brummen über dem deutschen Kreuzer in weiten Kreisen hin und her schwirrten, -- von langanhaltendem Donner, der über die Mangrovengebiete dröhnte, und weißen, aufschäumenden Riesenfontänen.

Wie nach stundenlangem Gebrüll der Geschütze plötzlich ein ungeheurer Krach die Luft zerriß, der von den Pemba- und Matumbibergen bis zur Küste widerhallte, und der deutsche Kreuzer, der zuletzt nur noch mit einem Geschütz geschossen, sich rauchend, brennend, sterbend auf die Seite legte.

Und sollten die Länder dort am ruhig strömenden Rufiji auch in alle Zukunft englisch bleiben und die Erinnerung an alles Deutsche dort mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden: nie wird bei den schwarzen Bewohnern dieser weiten Niederungen die Erinnerung an den Todeskampf des großen, vielbewunderten deutschen Kriegsschiffes schwinden, dessen Taten im Laufe der Jahrzehnte ins Ungemessene steigen und die Zahl der Fabelgeschichten des abergläubischen Rufijivolkes um eine vermehren werden. -- --

Tiefe Dunkelheit hat sich herniedergesenkt -- ein Käuzchen klagt -- leise schluchzen und gurgeln die Wasser an der Böschung, Stück für Stück lösend und in ihr Bett ziehend.

In wenigen Jahren wird hier dichter Mangrovenwald sein, der Fluß wird sich ein anderes Bett gesucht haben und die Trümmer der »Königsberg« werden rostig und zersplittert aus grünendem Laube ragen.

Krebse und Wasserspinnen, hartschuppige Krokodile werden dort ihr Wesen treiben, wo früher fröhliche, lachende, junge Menschen gelebt, gekämpft und ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. --

Die Maschine geht an, leise gleiten wir weiter.

Weit lehne ich mich über meine Tragbahre, sehe mit brennenden Augen zurück -- -- -- schwarzdunkle Mangroven schieben sich vor.

Verschwunden in der Nacht ist das Wrack der »Königsberg«! --

Ich habe es nie wieder gesehen. -- -- --

III. AUF AFRIKANISCHEM BODEN

[Illustration: Ornament]

Kismagao

»Mamba hi -- mamba he Heia -- mamba tafuteni! Wumm -- wumm -- wumm --!«

Eine dicke Staubwolke liegt über dem tiefen Sandweg, der von Daressalam an der Küste entlang nach Kilwa-Lindi führt. Dröhnend hallt der vielhundertstimmige Chorgesang daraus hervor.

Wumm -- wumm -- wumm -- stampfen die Beine!

Da kommt es näher und näher -- aus den weißgelben Staubschwaden grinsen Hunderte von schweißtriefenden und schmutzbedeckten schwarzen Gesichtern, es erscheinen Hunderte von vornübergebeugten, vom Staub wie mit Mehl überzogenen dunklen Körpern, deren Muskeln zum Platzen angespannt sind, deren sehnige Beine im Gleichtakt langsam vorwärts schreitend den sandigen Boden stampfen, jedesmal bis über die Knöchel versinkend.

»Mamba hi -- mamba he Heia -- mamba tafuteni! Wumm -- wumm -- wumm --!«

dröhnt es von wulstigen Negerlippen.

Schwer arbeitend kommen die ersten heran, zehn Mann in einer Reihe nebeneinander, vornüber gebeugt, an einem langen Querholz ziehend. Reihe auf Reihe folgt, kaum im Abstand von zwei Schritt, alle schräg liegend vor Anstrengung, schwitzend, stampfend, brüllend. Sie haben schwer zu schleppen. Stärker wie Zugstiere legen sie sich in ihr mächtiges Geschirr, in die langen Querbalken hinein, die alle in der Mitte mit einer armdicken Stahltrosse verbunden sind.

»Mamba hi -- mamba he Heia -- mamba tafuteni! Wumm -- wumm -- wumm --!«

Beizender Schweißgeruch liegt über den dampfenden Negerkörpern.

Einhundert sind vorüber, das nächste Hundert wälzt sich vorbei, das dritte Hundert, kaum mehr sichtbar in der dicken, wirbelnden Staubwolke, stampft vorüber.

Eine Lücke entsteht, nur ausgefüllt von straffgespannten Stahltauen, die mächtige Deichsel erscheint, gelenkt von zwei stämmigen Europäern und zehn Schwarzen, dann taucht gigantisch aus den Staub-, Schweiß- und Dunstschwaden eine hohe Protze auf, zieht knirschend vorüber -- -- an ihr hängt ein gewaltiges Schiffsgeschütz. Tief drücken sich die mannshohen, breiten Eisenräder in den weichen, nachgebenden Sand -- -- schlingernd, krachend, klirrend schiebt sich das Ungetüm vorüber.

Fast zwanzigtausend Pfund werden von den sehnigen Negerbeinen durch den Sand der afrikanischen Karawanenstraße gezogen; stoßend zermalmen die massigen Räder Äste und Baumstümpfe.

Es ist ein Geschütz meiner Batterie, ein 10,5-Geschütz der »Königsberg«. Mit vieler Mühe wurde es nach dem Untergang von dem Wrack des Kreuzers abmontiert, auf Schlitten nach Daressalam geschleift und dort in der kleinen Hafenwerft mit Fahrlafettierung versehen.

In Daressalam hatte es von Land aus schwer gegen das übermächtige englische Blockadegeschwader zu kämpfen. Daressalam ist jetzt vom Feinde genommen.

In Gewaltmärschen sind wir auf dem Rückzug nach Süden.

Es ist September 1916.

Ohne Ruhe und ohne Unterlaß vom ersten Schimmer des beginnenden Tages bis in die Nacht hinein knirschen die Räder, stampfen die Beine -- wumm -- wumm -- wumm! Der Feind drängt -- alles hinter uns wird zerstört, die wenigen primitiven Brücken abgebrochen.

Mein Beinstumpf ist verheilt, ich kann bereits vom Morgen bis zum Abend im Sattel sitzen. --

Glühend sticht die Sonne vom Himmel, sie spiegelt sich auf den meist geschorenen, schweißtriefenden Schädeln der Schwarzen wie in Billardkugeln.

Die Augen und Mund voll Sand, umreite ich wie ein Schäferhund die lange wimmelnde Kolonne. Es gilt die äußerste Kraft anzuspannen! Hart ist der Krieg -- -- wir müssen weiter.

»Maji, maji -- Wasser, Wasser« rufen die schwitzenden schwarzen Lippen. Sie müssen warten -- nur gemeinsam kann getrunken werden. Ein Verlassen des Zuggeschirres ist unmöglich.

Hier zieht ein vornehmer Diener, der im Hotel »Kaiserhof« serviert hat, im langen Kanzu, die gestickte Mütze auf dem frisierten Kopf, neben dem stinkenden Buschneger aus Kissangire, Schuster und Schneider von großen Daressalamer Geschäften neben schlanken Steppensöhnen aus Unyamwesi und Usukuma.

Um nicht das für die Verteidigung der Kolonie so wichtige moderne schwere Geschütz den Engländern in die Hände fallen zu lassen, war ich gezwungen, in der Eile alles, was zu finden war, einzustellen, um nur erst wegzukommen. War das Königsberg-Geschütz in der neuen Verteidigungsstellung in Sicherheit, konnten sie alle reich entlohnt entlassen werden.

Mit der dem Neger eigenen glücklichen Anlage machten sie denn auch gute Miene zum bösen Spiel, sahen sie doch die zwingende Notwendigkeit ein und fühlten sich gerecht, wenn auch streng behandelt. --

Dröhnend singen sie schon den ganzen Tag, singen Chorgesang mit Vorsängern oder Spottlieder auf die Engländer. --

»Mamba hi -- mamba he Heia -- mamba tafuteni! -- Wumm -- wumm -- wumm --!«

Fast unerträglich heiß sticht die Sonne, kein Lüftchen fächelt Kühlung, matt und matter wird der Gesang, die Rufe nach Wasser mehren sich. Da vorn steht eine Palmgruppe, einige Mangobäume. Ich reite voraus.

Eine kurze, sumpfige Niederung unterbricht die eintönige Sandstrecke, Schlingpflanzen, weiches Gras -- -- einige Wasserlöcher.

»Halt!«

Das Stampfen, der Gesang verstummt, eine leichte Brise verweht die lastende Staubwolke, schwitzend, dampfend stehen die Träger.

Kette um Kette wird zum Wasserloch geführt. Lachend, schnatternd, schnalzend verschwinden sie mit stelzenden Schritten im Grün, legen sich reihweise auf den Bauch, schlürfen gierig das bräunliche, klebrige Wasser oder reichen gefüllte Kokosnußschalen herum. Die Trinkgefäße, leere Kürbisse oder ausgehöhlte Früchte des Affenbrotbaumes, die nebst anderem Krimskrams von den Gürteln baumeln, werden aufgefüllt.

Eine Arbeitskolonne fällt indessen Bäume, um die sumpfige Niederung für das Geschütz passierbar zu machen, schneidet Laubwerk, schlägt Äste. -- Stamm an Stamm wird über Kreuz in den Mutt gelegt, Zweige und Gras darauf verteilt, Erde und Sand darüber geschüttet.

Eine kurze Ruhepause, und mit langhinhallendem Schrei ziehen die erfrischten Menschenmassen an -- -- zwei-, dreimal vergebens, dann ein Ruck -- die wuchtigen Räder bewegen sich, knirschend wälzt sich das Geschütz durch den Sand.

Die ersten Trägerreihen schreiten bereits über die Brücke und klimmen die jenseitige Böschung hoch. Die Beine schreiten schneller und schneller, setzen sich in Laufschritt, alle Sehnen und Muskeln angespannt! Das Geschütz muß im Schwung hindurch, sonst versinken die Stämme im Sumpf.

Polternd rasselt es den Abhang hinunter, stoßend hüpft die Protze auf die Brücke, schlingernd wackelt die schwerfällige Lafette. Brüllen, Rufen, Schreien -- Hunderte von trappelnden Negerbeinen in höchster Anstrengung. Da gleitet ein Rad, zwei Stämme verschieben sich, nach vorn über liegend versinkt das Geschütz bis an die Achse. Bewegungslos steckt es fest!

Picken und Schaufeln arbeiten, tiefatmend mit angezogenen Beinen hocken die Schwarzen, um Kräfte für die erneute Anstrengung zu sammeln.

Ein kurzer Gang ist freigegraben, zu Bergen türmen sich Lehm und Schlamm.

»Auf!«

Mit hundertstimmigem Ruf ziehen die schwarzen Massen an, das Zuggeschirr ächzt, Sehnen und Adern sind zum Platzen gespannt. -- -- Nichts -- das Geschütz rührt sich nicht! --

Nochmals und nochmals wird es wiederholt -- alle Reserven und Arbeiterkolonnen vorgespannt, die Europäer legen sich in die Speichen -- -- umsonst.

Da werden Boten nach hinten gesandt, um die Zugmannschaften des zweiten, nachfolgenden Geschützes heranzuholen.

Eine Viertelstunde vergeht.

Da kommen im Trab, die dicken Zugseile am Boden schleifend, lange Trägermassen an. Fast vierhundert Mann.

Sie werden vorgespannt.

Die Reihen sind jetzt so lang, daß ein Kommandoruf sie nicht mehr lenken kann. Fast achthundert Mann stehen da und warten.

Weiße Mannschaften sind verteilt, um anzuspornen, anzutreiben, die Befehle weiterzugeben.

»Achtung!«

Die Massen beugen sich nach vorn, der rechte Fuß ist vorgesetzt, eisern umklammern die Finger die Zughölzer.

»Hol an!«

Fast wagerecht liegen die Körper -- -- ein hellklingender Ton! Wie wenn ein plötzlicher Windstoß weithin das Steppengras niederdrückt, so liegen die schwarzen Menschenmassen auf den Boden hingemäht, schreien, sich wälzend, im Knäuel verstrickt: das Zugtau ist gerissen!

Mit Mühe wird das Durcheinander der verwickelten Arme und Beine entwirrt, einige Verwundete losgebunden, der Schaden repariert.

Von neuem muß es versucht werden. Das hintere Geschütz wartet. Die Sonne hat den Zenit bereits passiert. Noch nicht die Hälfte des Weges ist zurückgelegt, die Engländer drängen!

Wieder und wieder ziehen die Achthundert.

Da plötzlich hebt sich das Geschütz, krachend rollt es über berstende Stämme -- -- im Galopp wird es herausgeholt.

»Halt!«

Der widerliche Schweißgeruch von achthundert triefenden Negern zieht über die Kolonne hin. Der Vorspann wird abgekuppelt, trabt lachend zurück.

Und weiter geht’s!

Schwitzend, dampfend, singend in weißlichgelber Staubwolke.

»Mamba hi -- Mamba he -- Heia -- mamba tafuteni! -- Wumm -- wumm -- wumm!«

hallt es johlend und summend über die ausgedörrte Küstenlandschaft hin.

Stunden um Stunden stampfen sehnige Negerbeine, Stunden um Stunden knirschen klingend die Räder, bleiben stecken, drehen sich, rasseln in ein Bachbett! --

Spät nachmittags tauchen hohe, schwankende Kokospalmen auf, verfilzte Grasdächer lugen auf dunkeln oder gelbbraunen Lehmwänden durch das Grün -- wir erreichen das Dorf Kismagao. Es ist verlassen. Die Eingeborenen sind geflohen, da das Kriegsgetöse sich ihrer verschwiegenen Landschaft nähert.

Halb niedergebrannte Feuer, einige kläffende Negerköter, ein paar regungslos, stumpfsinnig hockende Greise und alte Weiber zwischen termitenzerfressenen Türpfosten!

Die Sonne neigt sich dem Untergang zu. Der Gesang ist verstummt, nur mehr automatisch stampfen die Beine, kaum ein lauter Ruf ertönt, schwerfällig, wie ein vorweltliches Urwaldtier wackelt das Geschütz durch den hohen Palmenwald. --

Eine weite Lichtung -- -- verschwiegen, einladend liegt sie in dem Purpur der letzten Strahlenblitze.

Ein Lagerplatz für die Nacht!

»Halt!«

Das lange Zuggeschirr wird niedergelegt, Posten ziehen auf, müde hinkend sucht sich Kette um Kette Brennholz und Äste, holt sich Wasser zum Kochen.

Die Lagerfeuer blitzen auf und spiegeln sich flackernd in ermüdeten, hungrigen, schwarzen Gesichtern. Von brodelnden Kesseln und Kochtöpfen steigt Dampf auf, gierige Finger stecken den geballten Brei zwischen die schmatzenden Lippen. Reihweise liegen schon schwarze Körper, vor Müdigkeit das Essen vergessend. Nur mit Gewalt können sie geweckt werden!

Die Gesättigten sinken um und schnarchen, einer an den andern gepreßt, um der Kühle der Nacht zu begegnen, in totenähnlichem Schlaf. --

Das dumpfe Gemurmel des Lagerlärms verstummt, die Feuer brennen herunter, das Licht des strahlenden Sternenhimmels kommt zu seinem Recht. -- --

Ich reite nochmals um das Lager, tiefe Ruhe liegt über den zusammengekauerten Menschenkörpern.

Dort hinten zwischen hohem Gebüsch steht das verstaubte Geschütz! -- Schweigend, drohend reckt es sein Rohr in die Höhe.

Wie die Seele des toten Kreuzers, ausgeschickt, ihn zu rächen! -- --

Fünf solcher Sendboten der »Königsberg« durchziehen jetzt knirschend und stöhnend auf Lettow-Vorbecks Rückzug die Steppen Afrikas zwischen Tanganjikasee und der Küste, von den schwarzen Söhnen des Landes gezogen, um den Rest der Munition, die dem zerschossenen Rumpf des Kreuzers entnommen, auf den Feind zu speien.

Ein heller flackerndes Feuer wirft seinen roten Schein auf das Rohr, düster gleiten die Schatten schlanker Äste darüber hin! -- -- --

Mahiwa

Mahiwa -- eine Baumwollstation am Lukuledi, nördlich vom Makondeplateau, in der Südostecke von Deutsch-Ostafrika.

Der 18. Oktober 1917 -- der letzte Tag des größten Kampfes in der ostafrikanischen Kolonie, der jetzt schon ununterbrochen vier Tage und Nächte dauert.

Ein azurblauer Himmel spannt sich über die freie Fläche rings um die Häuser und Schuppen von Mahiwa, über die angrenzenden weiten Wälder. Das letzte zusammengeschmolzene Häuflein der Schutztruppe wehrt sich hier gegen Tausende des übermächtigen Feindes, der seine weißen, schwarzen, braunen und gelben Kriegermassen seit Tagen anrennen läßt.

Zu Haufen getürmt liegen die Toten -- -- auf beiden Seiten! --

Nur Stück für Stück werden die Patronen verteilt -- die deutsche Munition ist schon seit zwei Tagen fast zu Ende. Rauchstarke Gewehre und Jagdbüchsen kämpfen gegen die zehnfache Überzahl modernster Waffen, Minenwerfer, Flugzeuge.

Weithin hallt das Dröhnen, Brüllen, Krachen!

Kommt man von Westen, von der am Uferlauf des Lukuledi liegenden Mission Ndanda, deren langgestreckte weiße Häuser jetzt voll von Verwundeten liegen, und nähert sich von hinten der Kampffront, so sieht man plötzlich auf einer Anhöhe dicht hinter dem Naungosumpf die eingefallenen, rötlichen Mauerreste eines Steinhauses.

Trotzig ragen einige noch stehende, halbzerfallene Pfeiler aus dem umgebenden Unterholz.

Man sagt, es sei von einem Pflanzer begonnen worden, der sich hier ansiedeln wollte, nach kurzer Zeit aber dem den Niederungen des Sumpfes entsteigenden Fieber erlegen ist.

Hier steht zwischen schlanken Bäumen, das heiße Rohr emporgereckt, mit darübergebundenem Laub unsichtbar gemacht, das letzte der zehn Geschütze der »Königsberg« in heißem Kampf. Alle andern sind vernichtet, gesprengt, in Feindeshand!

Es verschießt seine letzte Munition -- am letzten Tag der Schlacht von Mahiwa -- dem letzten großen Kampfe in der letzten deutschen Kolonie!

Braungebrannte Matrosen der »Königsberg«, in zwei langen Jahren des Kampfes und der Entbehrungen zu zähen Afrikanern geworden, bedienen es.

Immer wieder und wieder öffnet es seinen ehernen Mund und heult eisernes Verderben. Hoch am Himmelsgewölbe, dem Auge unsichtbar, ziehen seine Geschosse singend ihre Bahn.

Die Sonne neigt sich stark nach Westen. Matter werden die Angriffe des Feindes. --

Da schrillt vorn in der Linie mein Telephon: »Gesamter Munitionsvorrat noch neun Schuß!« --

Dort drüben in den Miombobäumen knattert es noch heftig!

»Salve, Feuer!«

Neunmal bersten dort die letzten Granaten des Geschützes, das im Dienst der Rache sein zerschossenes Schiff um mehr denn zwei Jahre überlebt hat! --

Im Miombowald da drüben ist es still geworden!

Die Schlacht war schon seit heute mittag im Abflauen. Jetzt ist fast vollkommene Ruhe eingetreten. Nur vereinzelt ertönt das Rattern eines Maschinengewehrs.

Die Truppe hat den größten Sieg in der Geschichte der Kolonien errungen. Aber einen Pyrrhussieg!

Da vorn in dem kleinen Taleinschnitt quer zur Mtamastraße liegen die Leichen zu Hügeln getürmt! -- -- --

Ich melde, daß die letzte Granate verschossen, und reite zurück, um das Geschütz zu sprengen.

Der Weg nach hinten ist angefüllt von Trägern, die in Hängematten die Schwerverwundeten zurücktragen; eine Askarikompanie rückt vorbei. Überanstrengte, schweißgebadete, schwarze Gesichter grinsen mich an, aus zerfetztem Khaki starren straffe Muskeln. Die Augen glänzen, Witze fliegen hin und her -- sie gehen in Ruhestellung. Verdorrt hängt an Tarbusch und Tropenhelmen der Europäer das Laub, das vor vier Tagen aufgesteckt wurde, um den Kopf im hohen Gras unkenntlich zu machen.

Mein Maultier schreitet wacker aus, bald bin ich aus dem Gedränge, und im Trabe geht es in Richtung auf die Sonne zu, die schon fast am Rande des Horizonts steht. Linker Hand erstrecken sich die schwarzen Abhänge des Makondeplateaus, nach Norden zu dehnen sich die blauen Schattenbilder der Mueraberge. Da drüben, ganz in der Nordwestecke, fast im wogenden Dunst verschwimmend, liegen die beiden an ihrer grotesken Form leicht kenntlichen Höhenzüge von Ruponda. Auch dort steht bereits der Feind.

Klein ist das Gebiet geworden, das von der großen Kolonie noch in unseren Händen ist. Zwei starke Tagesmärsche, und es ist durchmessen. Nicht schwer, jetzt einen eisernen Ring zu ziehen und zu versuchen, uns zu erdrosseln.

Das zeitweilige Knattern hinter mir ist gänzlich verstummt, trabend passiert mein Maultier eine kleine Lichtung, seitlich dehnt sich der Naungosumpf. Ein einsamer Ochsenfrosch trommelt. Man glaubt fast bis hierher das Summen der Moskiten zu hören.

Eine niedrige Anhöhe. Rote verfallene Mauern im Grünen. Dicht dahinter meine Leute!

»Klar zum Sprengen« meldet der alte, rotbärtige Deckoffizier der »Königsberg«.

Dahinten zwischen dichten Büschen unter dem Laubdach des Miombowaldes steht das Geschütz, verrostet, die Farbe im Laufe der Jahre abgeblättert und abgestoßen. Ein alter Veteran!

Verbogen die Speichen, manche Niete abgesprengt. Hier in dieser einsamen Waldwildnis soll es sein Ende finden, nachdem es bis zum letzten Schuß seine Pflicht getan, von Daressalam zum Rufiji gewackelt ist, vom Rufiji zum Rovuma, vom Rovuma zum Lutuladi durch Urwälder und Sümpfe, über Steppen und Hochländer.

Das Rohr ist mit Dynamit gefüllt, eine fast fünfzig Meter lange Abzugsschnur hängt am Verschluß.

Die Leute treten in den Busch zurück, ich stelle mich hinter einen dicken Baum, die Leine in der Hand.

Ein kurzer Ruck -- -- ein gewaltiger Schlag. Sausen von Eisenteilen, Rauch -- die Schnur wird mir aus der Hand gerissen!

Ein langer Sprung klafft das Rohr entlang, der Verschluß ist in Fetzen herausgeschleudert, das Bodenstück trichterförmig ausgeweitet. --

Das letzte Geschütz, der letzte Sendbote der »Königsberg« ist vernichtet -- ist tot!

In der Ferne rattert nochmals ein Maschinengewehr. Der Feind ist nervös, er hat den gewaltigen Schlag der Explosion gehört! -- --

Die Sonne ist jetzt im Untergehen. Emsig regen sich die Hände, um die Geschützreste abzumontieren, in den Busch zu schleppen und zu vergraben. Nichts, keine Spur soll der Engländer vorfinden.

Von hundert Trägern wird in den dunkelnden Wald das gespaltene Rohr geschleppt, monoton verhallt in der Ferne ihr Gesang.

Bald wird auch hier der Feind stehen, bald werden wir gezwungen sein, als kleine Schar das deutsche Gebiet zu verlassen und auf fremdem, unbekanntem Boden für Leben und Freiheit zu kämpfen.