Part 4
Im Osten erscheint ein heller Schimmer, der sich schnell über das ganze Himmelsgewölbe ausbreitet und dann von starken, grelleren Farben abgelöst wird, bis die Spitzen der Mangroven von der aufsteigenden Sonne in blitzendes Licht getaucht werden.
Eigenartig ist das Bild, das sich jetzt uns bietet.
Von der Kommandobrücke aus übersieht man weit die tieferliegenden endlosen, niederen Mangrovenwälder, die auf beiden Seiten bis fast an die Bordwände heranreichen und langsam vorübergleiten. Man hat den Eindruck, als führe man mit dem Kreuzer, dessen Dimensionen und Größe durch die Kleinheit der Bäume ins Übergewaltige gesteigert wird, über Land durch einen Wald.
Ich muß an ein Bild denken, das ich im letzten Jahre oft in Deutschland gesehen habe: Der Dampfer »Imperator« in die Straßen einer Stadt hineingestellt, um seine gewaltigen Abmessungen dem Beschauer verständlich zu machen, ihm Vergleichsmöglichkeiten zu geben.
Ähnlich, wie das Deck dieses Kolosses über die Dächer der winzig scheinenden Häuser, ragt die »Königsberg« über die grüngelbe, jetzt voll im grellen Sonnenlicht daliegende Waldwildnis. --
An den braunen Stämmen der Mangroven kann man bereits erkennen, daß das Wasser schon wieder im Fallen ist, denn scharf ist ein fast handbreiter, nasser Streifen zu erkennen und wenn man genau hinsieht, kann man auch eine Rückwärtsbewegung von Schaumblasen und von schwimmenden Blättern feststellen.
Wir müssen uns beeilen, bevor das Wasser weiter fällt, über die letzte und Hauptbarre zu kommen. Erst dahinter finden wir die längere, freie Fahrtrinne und können uns der Reichweite der feindlichen Geschütze entziehen, die uns sicher am Nachmittag bei günstigem Wasserstand unter vernichtendes Feuer nehmen werden.
»8 Meter!«
»8 Meter« -- rufen noch immer die Lotsgäste aus, da öffnet sich vor uns die enge Wasserstraße und wir biegen in den Simba-Uranga-Arm ein.
Breit dehnt sich vor uns der Fluß aus -- wir drehen nach Backbord und steuern ein.
»Beide Maschinen stopp!«
Wir vermindern die Fahrt, denn die Barre kommt näher.
»6 Meter!«
»5 Meter 40« -- Die Lotsgäste!
»Kleine Fahrt voraus!«
Mahlend setzen sich die Schrauben in Bewegung -- jetzt gilt es -- wir müssen hinüber! -- Gelingt es nicht, bieten wir dem Engländer ein noch viel besseres Ziel als gestern; der Simba-Uranga-Arm ist an dieser Stelle bedeutend breiter und die Entfernung von der Küste hat sich nicht vergrößert, weil wir bis jetzt parallel zu ihr gefahren sind.
Unser Schicksal würde dann kaum mehr zweifelhaft sein! --
Langsam schieben wir uns jetzt weiter, das Wasser fließt bereits bedeutend schneller ab als vorher. --
»5 Meter!«
Da -- ein Ruck -- wir sitzen!
»4 Meter 60!«
»Beide Maschinen große Fahrt zurück!«
Die Maschinen rattern, dröhnen, mahlen.
Das Schiff rührt sich nicht! --
Immer schneller fließen die Wasser ab.
»Beide Maschinen äußerste Kraft zurück!«
Der Schiffskörper ächzt, zittert, tosend umschäumt jetzt der hüpfende Gischt die wirbelnden Schrauben.
Nichts -- wir sitzen fest!
Die Mannschaft läuft vom Backbord nach Steuerbord, um das Schiff etwas ins Schlingern zu bringen und vom Sand zu lösen -- die Maschinen tosen, mit dreimal äußerster Kraft zurück, Pinasse und Kutter haben Stahltrossen und Anker ausgefahren, knirschend und ächzend hieven die Spills.
Nichts -- schneller und schneller fließen die Wasser ab!
Schon erscheint ein fingerbreiter Streifen des grün bewachsenen Schiffbodens.
Da geben wir es auf.
Schweigend verläßt alles die Manöverstationen. Was in Menschenkräften liegt, ist getan worden.
Was werden soll? -- Der Nachmittag wird es zeigen! -- -- --
Rauschend und brausend strömt der Fluß jetzt vorbei -- der See zu. Gegen 8 Uhr erscheinen bereits die oberen Enden der Schraubenflügel über dem Wasser.
Da neigt sich langsam die »Königsberg« nach Steuerbord -- senkt sich und senkt sich mehr und mehr. Schräg stehen Masten und Decks, die Gefahr des Kenterns droht. Ohnmächtig muß man zusehen! Alle Versuche, das Schiff abzustützen, sind vergeblich.
Fast zwei Meter des mit Muscheln, Algen und Schlamm dichtbewachsenen Schiffbodens sind jetzt frei. Wir machen aus der Not eine Tugend: Boote werden heruntergelassen, um ihn abzuschaben, zu reinigen.
Eine mächtige Sandbank taucht vor dem Bug aus dem abfließenden Strom, weiter und weiter senkt sich das Wasser.
Die Schraubenflügel werden frei, gegen zehn Uhr ist sogar die Schraubenwelle sichtbar!
Der tiefste Wasserstand ist eingetreten. -- Beim Hochwasser des Nachmittags werden die Engländer ihre Beschießung wiederholen.
Das Nachmittagshochwasser ist aber nie so hoch wie das des Morgens. Eisern festgenagelt werden wir auf dem Grund sitzen, werden wehrlos, auf dem Präsentierteller liegen und ihren Granaten preisgegeben sein. --
Gegen Mittag fahren wir mit den Torpedoeinbäumen wieder nach der Mündung, legen uns in den Kreek von gestern.
Um vier Uhr haben wir Hochwasser, um vier Uhr muß es sich entscheiden.
Entweder erscheint der graue Bug eines Kreuzers dort an der Ecke bei den überhängenden Mangrovenbüschen, oder schwere Schläge dröhnen von See herauf, von dumpfem Krachen weit im Innern des Deltas gefolgt, wo unser wehrloses Schiff auf der Sandbank sitzt, wo unsere Kameraden ergeben ihr Schicksal erwarten. --
Wieder steigen die Wasser, wieder flattern die Reiher und flöten die Regenpfeifer.
Wieder tritt die lautlose Stille des höchsten, des Stauwassers, ein.
Wieder warten wir atemlos, Seh- und Gehörnerven aufs äußerste angespannt.
Wieder summen die Moskitos, flüchten die langbeinigen Wasserspinnen. -- -- --
Aber nichts unterbricht die Stille, kein Bug erscheint, keine Breitseite erdröhnt! -- --
Mit der Pinasse fahren wir vor bis zur Mündung -- da liegen die drei großen englischen Kreuzer -- einer hinter dem andern -- weit ab -- keiner rührt sich.
Die Wasser setzen sich allmählich in Bewegung, strömen ab -- die Sonne senkt sich.
Bewegunsgslos liegen noch immer die drei mächtigen Engländer, jeder allein zwei Schiffen wie die »Königsberg« gewachsen -- bewegungslos -- schweigend. Wie ausgeschnitten heben sich ihre langgestreckten dunklen Umrisse vom hellen Himmel ab. --
Warum sind sie heute nicht gekommen, heute, wo wir gebunden und geknebelt auf dem Sandhaufen stehen, das Unvermeidliche erwartend, heute, wo sie mit uns leichteres Spiel gehabt hätten, als der Henker mit seinem gefesselten Opfer?
Wunderlich spinnt das Schicksal oft seine Fäden.
Die Nacht sinkt hernieder. Um Mitternacht setzt die Flutwelle ein, im Morgengrauen arbeiten Maschinen und Spills, die Mannschaft legt sich in die Trossen, das Schiff löst sich langsam vom Grunde, richtet sich mit pendelnden Bewegungen auf -- -- die aufgehende Sonne sieht uns weit hinter der Barre im tiefen Wasser des Rufiji nach Westen ins Innere dampfen.
Simba-Uranga
Alle Seekarten vom Rufijidelta, sowohl die englischen wie die von den Engländern übernommenen deutschen zeigen nur in _einem_ Arm solche Wassertiefen, daß bei Hochwasser auch größere Schiffe einlaufen können. Dieser Arm ist der vorher erwähnte Saningaarm, der zwischen der Simba-Uranga- und Saninga-Insel in die See mündet.
Alle südlichen Rufijimündungen, wie die Kiomboni-, Msalla-, Ndahi- oder Kiassimündung, sind bei einer Breite von fast einem Kilometer so versandet, daß kaum eine flachgehende Dhau bei Niedrigwasser eine schmale Einfahrtsrinne finden kann.
Auch in dem nördlich der Simba-Uranga-Insel mündenden mächtigen Kikunjaarm finden wir selbst in den neuesten Seekarten an der Mündung Wassertiefen von nur zwei bis drei Metern, daher kann auch dieser Zweig des Rufiji zu Schiffahrtszwecken nicht benutzt werden, obwohl er an sich sehr günstig gelegen ist, weil er sich nahe der Straße Daressalam-Kilwa-Lindi hinzieht.
Das deutsche Vermessungsschiff »Möve« aber hat nur wenige Wochen vor Kriegsbeginn festgestellt, daß alle diese Tiefenangaben der Karten in Wirklichkeit nicht mehr zutreffen, da durch das starke An- und Abschwellen aller afrikanischen Flüsse zur Regen- und Trockenzeit auch eine andauernde Verschiebung der Flußbettverhältnisse bedingt ist, die eigentlich eine alljährliche genaue Vermessung verlangte.
Und so finden wir denn im Kikunjaarm Tiefen von zehn bis vierzehn Metern, genügend, bei Hochwasser jedem Ozeanriesen Einlaß zu gewähren.
Den Engländern ist dies aber zum Glück unbekannt, und so richten sie lediglich ihr Augenmerk und ihre Wachsamkeit auf die Simba-Uranga- oder Saninga-Mündung. Sie sind jetzt vollkommen beruhigt, da sie glauben, diesen Arm durch die Versenkung der »Newbridge«, die mit anerkennenswertem Mut und seemännischem Geschick unter dem Feuer unserer Maschinengewehre und kleinen Geschütze in den Saningaarm gesteuert, quer zum Fahrwasser gelegt und gesprengt wurde, vollkommen gesperrt und unpassierbar gemacht zu haben.
Aber die ganze »Newbridge« ist nicht den dritten Teil so lang, wie der Saningaarm an der Stelle breit ist. Ruhig und sicher können ganze Geschwader noch an ihr vorbeifahren und uns bleibt immer noch, sollten wir die Absicht haben, auszulaufen, der große tiefe Kikunjaarm übrig, den sie gänzlich unberücksichtigt ließen.
Der Ausdruck »bottled up«, mit dem der englische Vizeadmiral King Hall unsere Einschließung dem War office in London gemeldet hatte, dürfte also keineswegs der Wahrheit entsprechen.
Die Blockadekreuzer, die uns nun sicher in der geschlossenen Mausefalle glauben, machen denn auch aus ihrer Nichtachtung der Situation gar keinen Hehl und legen sich mitunter so nahe dem Strand verankert, daß man mit einem guten Glase in der erleuchteten Offiziersmesse weiße Gestalten in Dinnerjacketts beim Abendbrot sitzen sehen kann.
Diese Harmlosigkeit muß unbedingt unsererseits ausgenutzt werden. Deshalb warten wir mit unseren beiden Torpedoeinbäumen -- Abend für Abend -- auf eine günstige Gelegenheit hinauszupaddeln, um nächtlicherweile an einen der schlafenden Kreuzer heranzuschleichen und ihm ein Torpedo in den Leib zu jagen. --
Aber jeder Versuch scheitert zu unserer Verwunderung ausnahmslos daran, daß ausgerechnet in dem Augenblick, wo wir bei Simba-Uranga die Vorbereitungen zum Auslaufen treffen, er jedesmal seinen Anker einhievt und in langsamer Fahrt ostwärts, in der Richtung auf die Insel Mafia zu, in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwindet.
Ein Hinauswagen in die offene See mit unseren kleinen Fahrzeugen, die kaum handbreit über das Wasser ragen, ist aber ausgeschlossen, da uns die Dünung sofort zu fassen bekommt und die Einbäume, wie schon in mehreren Fällen, zum Volllaufen und Kentern bringt.
Allmählich wird uns klar, daß hier nur Verrat im Spiel sein kann.
Jeden Abend gehe ich voll Erwartung quer über die Simba-Urangainsel nach dem Strand zu, um bei der untergehenden Sonne Ausschau zu halten. Hoch oben auf einer schlanken Kasuarine, deren schwarze, tannenartige Gestalt sich düster von den rauschenden, raschelnden Palmen und Mangobäumen abhebt, haben wir einen Ausguck gebaut und in diesem genieße ich Abend für Abend dasselbe Schauspiel: Ruhig auf dem blauen, bewegten Ozean liegt der graue Rumpf des Engländers -- bewegungslos, plump und massig. Dahinter, fast am Horizont, dehnt sich ein heller Streifen von Norden nach Süden: der gelbe Strand von Mafia, eingesäumt vom weißen Gischt der anrollenden Brandung.
Rings um meinen luftigen Standort wogt ein Meer von nickenden, wiegenden Kasuarinen und Palmen, zwischen deren riesigen gestreiften Blättern klobige, grünbraune Kokosnüsse hervorlugen -- unterbrochen von den fast kugelrunden Laubmassen der Mangobäume. Die sind jetzt, zur Zeit der Reife, über und über mit hellgelben und hellgrünen, saftigen Früchten bedeckt, die sich seinerzeit die weltbeherrschende Queen von England vergebens auf ihren Tisch gewünscht hat, da es nicht möglich war, sie im frischen Zustand von Indien nach England zu bringen.
Allmählich senkt sich die Sonne, hüllt Mafia, den grauen Engländer, die Palmenwälder, hinter denen sich die Mangrovenwildnis ausdehnt, in glühende Purpurschleier. -- --
Da steigt Rauch aus einem der Schornsteine des Kreuzers. Wutentbrannt muß ich zusehen, wie sein langer Leib sich dreht, langsam nach Osten steuert und kleiner und kleiner wird.
Tiefe Schatten senken sich dann über die weiten Niederungen, über die dunkelnde See und verschlingen ihn ganz.
Enttäuscht verläßt man den Beobachtungsposten -- argwöhnisch sieht man auf die leuchtenden Feuer, die dort auf den Höhen des Pembaberges aufglimmen, bald hellglühend erstrahlen, bald zu verlöschen scheinen.
Kann nicht eines von ihnen der Verräter sein?
Und sicher ist es eines gewesen. -- Zu viel der Anzeichen haben später dafür gesprochen! --
Vergeblich warteten wir Tag um Tag. -- --
Eines Nachmittags springe ich wieder aus dem Boot, um durch den Sand stapfend nach der Ostseite der Insel auf meinen Beobachtungsposten zu gehen, als mir ein biederer Landsturmmann entgegen kommt:
»Haben Sie gestern einen Torpedo verloren?« fragt er mich.
Ich lache -- komische Frage!
»Aber da hinten, ganz hoch in den Mangroven, hängt einer!«
Ich kann mir mit dem besten Willen nicht erklären, woher hier mitten im Rufijidelta ein Torpedo herkommen soll, steige in mein Boot und lasse mir die Stelle beschreiben.
Wir setzen über den Saningaarm und erreichen das gegenüberliegende Dickicht, steuern dann das gewundene sumpfige Ufer entlang.
Es ist jetzt fast Niedrigwasser. Von den frei in die Luft ragenden, geschwungenen Wurzeln der Mangroven bis zum langsam abfließenden Wasser liegt ein breiter, braungelber Muttstreifen. --
Die Stelle ist erreicht.
Ein kleines Gerinnsel plätschert aus den Büschen heraus, langsam stoßen wir den Einbaum hinein und schieben uns unter die Zweige.
»Huko -- dort« meint mein schwarzer Steuerer.
Und wirklich! -- -- -- Kaum kann ich meinen Augen trauen -- hoch zwischen den Ästen einer starken Mangrove hängt ein mächtiger, silberglänzender Torpedo mit stark kegelförmigem Kopf schräg nach unten.
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers]
[Illustration Copyright Walther Dobbertin. Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Wrack der »Königsberg« bei Hochwasser]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Ausgebranntes, noch schwimmendes Wrack der »Somali«]
Auf den ersten Blick sehe ich, daß es kein deutscher sein kann, er ist silberbronziert, kürzer und schlanker als unser Schiffstorpedo. --
Mit seinem Schwanzruder und den Schrauben liegt er auf einem dicken Ast auf, während seine Nase, die in zwei propellerförmige Zacken ausläuft, sich in einen Stamm eingeklemmt hat.
Ich kann nicht erkennen, ob er scharf oder nicht scharf ist, oder ob er abgeschossen wurde.
Vorsichtig untersuche ich ihn -- das System ist mir unbekannt, ein Fehlgriff kann ihn zur Explosion bringen.
Ich nehme an, daß er von den Engländern irgendwann gegen ein mir allerdings nicht erklärliches Ziel geschossen worden ist, vorbeiging und dann bei Hochwasser in die Mangroven trieb, wo er sich festhakte, um jetzt bei Niedrigwasser wie ein großer Vogel in den Ästen zu sitzen.
Also müßte er noch scharf sein, ein Druck oder Schlag auf seine Greifnasen genügen, ihn zur Explosion zu bringen, was gleichbedeutend wäre mit einer Kraftentwicklung von etwa zwanzigtausend Sekundenmetertons oder einer Kraft, die das größte Linienschiff in der Sekunde einen Meter hoch schleudern würde. Darum Vorsicht!
Wir fahren wieder ab -- ich melde telephonisch nach der »Königsberg«, und wir bekommen den Befehl, den Torpedo zu bergen und an Bord zu bringen. -- --
Ein Kutter und zehn kräftige Matrosen pullen uns an Ort und Stelle.
Wir haben das Hochwasser abgewartet und diesmal liegt ein Teil des silberglänzenden Leibes im Wasser. Er hängt aber immer noch, denn wir haben augenblicklich Nipp-Tide, erstes Mondviertel, also die Zeit des niedrigsten Hochwassers, das nur bei Voll- und insbesondere Neumond seine höchste Höhe erreicht.
Zwei kräftige Matrosen steigen aus und versuchen den Torpedo vorsichtig, sich mit den Beinen gegen die Bäume stemmend, herunterzuheben.
Es gelingt nicht!
So muß der Ast abgesägt werden! -- Peinlich, denn der Torpedo wird dann mit der Nase nach unten ins Wasser fallen!
Die Säge kreischt -- alles raucht Zigaretten und sieht möglichst gleichgültig auf den größer und größer werdenden Spalt im Ast.
Da neigt er sich allmählich -- jeder hält den Atem an -- das Schwanzstück rutscht -- -- -- platsch!
Er liegt im Wasser!
Alles lacht! -- Wie ein großer Fisch wird er weggeschleppt -- -- --
Später haben wir ihn geöffnet und studiert. Es war ein englischer Whitehead-Torpedo. Englische Gefangene erzählten uns dann, daß eine der Barkassen, die die »Newbridge« in die Deltamündung begleitet hatte, Torpedos mitführte, um notfalls die Versenkung zu beschleunigen, und bei der raschen Rückfahrt einen davon verloren habe. Er muß dann vom Hochwasser in die Mangroven getrieben worden und dort hängen geblieben sein. --
So haben wir bei Simba-Uranga nicht nur keinen einzigen Torpedo verschossen, sondern sogar noch einen dazubekommen.
* * *
Allabendlich stieg ich noch eine Woche lang auf meinen hohen Kasuarinenausguck, allabendlich rauschten die grünen Palmen hier, die blaue See dort -- lag träge und stumm ein grauer Kreuzer.
Wurde dann aber das Sonnenlicht röter und röter, die Strahlen schräger und schräger, leuchteten sie karmin- und zinnoberfarben, dann kam Bewegung in diesen grauen Leib -- er verschwand in den sich auf den Indischen Ozean senkenden Schleiern der warmen Tropennacht.
Allabendlich aber erglühten auf den dunklen Bergen lodernde Feuer, allabendlich sah ich lange durch die Nacht dort hinüber.
Eines war dabei, das uns verriet!
Waren es Schwarze -- waren es Inder -- Inder aus dem am Fuße des langen Höhenrückens liegenden Dorfe Kikale, die dort in ihren viereckigen Lehmhütten wohnen und Handel treiben? -- Wir wissen es nicht -- -- haben es nie erfahren! --
Aber nur der Jäger, der hartnäckig und zäh Abend für Abend seinen Hochstand bezieht und scharfen Auges auf die im unsicheren Mondlicht glänzende Lichtung späht, hat Erfolg. Urplötzlich teilen sich die lichten, wallenden Nebelschleier und vor ihm steht wie ein Bild aus Bronze das Ziel seiner Jägersehnsucht -- der König der Tiere. -- --
Nicht wankende, zielbewußte Ausdauer hat ihn diesen Augenblick erleben lassen! -- --
Ein halbes hundertmal wohl versank die Sonne in der weiten Steppe, ein halbes hundertmal tauchte sie strahlend aus dem Ozean -- der Mond nahm zu, der Mond nahm ab -- -- er nahm wieder zu, er nahm nochmals ab -- -- unverdrossen harrten wir unserer Beute!
* * *
Da -- am 6. Februar 1915 -- -- noch kaum erkennbar im frühen Morgenlicht, schiebt sich ein grauer Leib in die Mündung zwischen Simba-Uranga und Saninga. -- Schnell bewegt er sich westwärts, flußauf. Es ist ein kleines Kanonenboot.
Aber schon hat ihn unser Auge erspäht -- die hinter Mangroven versteckte Bootskanone der »Königsberg« und zwei Maschinengewehre eröffnen ihr Feuer -- -- weithin hallend in der tropischen Morgenstille über die spiegelnde, gleitende Wasserfläche.
Wie der Büffel im Blattschuß zeichnet und nach einem kurzen Hacken blitzartig zusammenbricht, so stoppt das feindliche Späherschiff, nachdem es sich kaum verteidigt, dreht scharf nach Steuerbord und läuft in voller Kraft auf den Strand von Simba-Uranga, tief sich in den weißen Küstensand wühlend.
Dann liegt es still! --
Die weiße Flagge geht hoch -- -- das Feuer verstummt. -- --
Der Kapitän und einundzwanzig Mann werden gefangen, zwei Tote begraben -- -- das Kanonenboot, ein gekaperter deutscher und von den Engländern armierter Sambesi-Barrendampfer, der »Adjutant«, wird unsere Beute.
Gleich einer der ersten Schüsse hatte die Rudermaschine beschädigt und so das Stranden verursacht.
Eben so schnell wie die Sonne steigt, strömen die Wasser bei Eintreten der Ebbe dem Meere zu und als der gestrandete Schiffskörper hoch und trocken auf dem Sande liegt, überschüttet ihn der Blockadekreuzer »Hyacinth« mit Feuer, um ihn zu vernichten.
Es gelingt ihm aber nicht, die Entfernung ist zu weit und er wagt sich nicht heran. Als nun die Nacht sich herniedersenkt und die Flut ihren höchsten Stand erreicht hat, schleppen wir unsere Beute ab. --
Wenige Tage vergehen, und ein weiteres Fahrzeug patrouilliert die endlosen Arme des Rufiji auf und ab, die flatternde deutsche Kriegsflagge am Heck, ein 8,8-cm-Geschütz an Bord. -- -- --
Von da ab erlosch das Feuer auf dem Pembaberg!
Am Steppenrand
Langsam schreitet der Wanderer von Norden kommend über die niedrigen Höhenwellen westlich Nyemsati, um das große Akidendorf Kikale zu erreichen, denn der schmale Negerpfad ist schlecht, vielfach gewunden und von den Güssen der Regenzeit ausgewaschen.
Wenn er den kleinen, halbabgeholzten Miombowald an dem sich sanft zur Küste neigenden schrägen Hang hinter sich hat, wo der gewundene Weg sich im hohen Steppengras verliert, bleibt sein Fuß wie angewurzelt stehen: Vor ihm breiten sich die gewaltigen Niederungen des Rufijideltas aus, dessen Umrisse im Süden im wogenden, zitternden Glast der Mittagssonne verschwinden. Rechter Hand, nach Südosten zu, erstrecken sich die blauen Matumbiberge, deren kantige Erhebungen zum Teil in weißgeballten Wolkenhauben stecken.
Zwischen ihnen und dem Delta dehnt sich die weite, gelbbraune Steppe, über die der Blick unbegrenzt nach Westen schweift.
Dort, wo das silberne Band des Rufiji die Grenzen des Mangrovengebiets verläßt, scheint es sich zweimal um sich selbst zu schlingen, bevor es im Steppengras verschwindet, und dort, kurz vor der ersten Windung, liegt seit gestern der graue schlanke Leib der »Königsberg«.
Einen ganzen Monat hindurch Hoch- und Niedrigwasser ausnutzend, ist es ihr gelungen, bis zum Steppenrand vorzudringen und sich dem übermächtigen Feinde zu entziehen.
An Steuerbord liegt eine große mit Holz beladene Dhau, auf der träge Schwarze sitzen, die Mangrovenscheit um Mangrovenscheit an Deck emporreichen.
Die Kohlen sind ausgegangen -- der Kreuzer heizt seine Kessel mit Holz.
So entsteigt denn auch kaum ein leichter Qualm einem der drei Schornsteine, nur ein fast unsichtbares, weißgelbes Wölkchen schwebt ab und zu in den klaren Aether empor. -- Weiß glänzen die Sonnensegel.
Noch einige Fahrzeuge sind neben ihr zu erkennen: Ein kleiner Küstendampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie liegt stromaufwärts, ein größeres grüngestrichenes Fahrzeug mit der Kriegsflagge daneben. Es ist der kürzlich von uns zurückeroberte »Adjutant«, der, flink und beweglich, eben von einer Patrouillenfahrt nach den Mündungen zurückgekehrt ist.
Weiter unterhalb, fast am Heck der »Königsberg«, auf der Innenseite der Strombiegung, spiegelt sich in dem ruhigen Wasser ein eigenartiges, wie eine große, flache Zigarrenkiste aussehendes Fahrzeug: es ist der kleine Heckraddampfer »Tomondo«, der in Friedenszeiten den Verkehr mit der Küste und den paar im Innern gelegenen Pflanzungen vermittelte. Von einer schwarzen Schiffsmannschaft bedient, wird er von einem Weißen gesteuert, einem alten, groben, gelben Afrikaner mit abstoßenden Zahnlücken, und steht jetzt im Dienste der »Königsberg«, um Nahrung und Verpflegung herbeizuholen.
Weiter nach Osten, dort, wo die nickenden Palmen von Salale stehen, steigen dunkelbraune Rauchschwaden auf, vermischt mit schwärzlichen Wölkchen; dort ragen zwei Masten, der eine geknickt, der andere schief: es ist die »Somali«, unsere getreue Begleiterin, die sich jetzt für uns dort geopfert hat und im Sterben liegt.
Als Ablenkungsmittel und Zielscheibe für die englischen Kreuzer mußte sie bei Salale vor Anker liegend warten, bis die täglich sich wiederholenden Beschießungen ihr ein langsames, aber sicheres Ende brachten.
Seit Wochen schon brennt sie, sind ihre Bordwände durchglüht, ist ihre Farbe abgeschmolzen.
Treibt man in einem Einbaum, vorsichtig an den Mangroven entlang steuernd, an ihr vorbei, dröhnt ab und zu ein dumpfer Knall, erschallt ein krachendes Poltern. Irgendein Deck, ein Luk, dessen Tragepfeiler abgeschmort oder verbrannt sind, ist eingestürzt. Sie liegt stark auf der Backbordseite, ihre Bordwände leuchten knallrot, ihre Wanten hängen über Bord!
Und wendet der Wanderer auf seinem Hügel kurz vor Kikale den Blick noch weiter nach Osten, nach der breiten, glitzernden Einfahrt südlich der Simba-Uranga-Insel, dann sieht er dort, quer zum Fahrwasser, einen dunklen Strich liegen, der aber so klein und kurz ist wie ein Punkt auf einem Telegraphenstreifen: die von den Engländern versenkte »Newbridge«, deren Bug so unter Land liegt, daß er, von hier aus gesehen, die Mangroven fast zu berühren scheint.
Darüber hinaus, über die wehenden Palmen von Simba-Uranga, Saninga und Kiomboni hinweg schweift das Auge über die weite See und bleibt wiederum an einem grauen, schlanken Körper hängen, ganz ähnlich dem, der dort hinten am Steppenrand liegt -- dem englischen Blockadekreuzer.
Zwei graue Körper, beide sich ähnlich, beide zum selben Zweck gebaut -- aber zwei Todfeinde, von denen jeder nur ein Ziel hat -- -- die Vernichtung des anderen.
Aber jetzt sind sie noch getrennt durch den weiten grünen Teppich der Mangrovenwälder, der vorläufig eine unüberwindliche Schranke bildet.
Wie lange noch?
Ganz dort hinten, am Horizont, nach Südosten zu, auf dem glitzernden Ozean hebt sich der dunklere Strich von Mafia ab, dessen wehende Palmen aus dieser weiten Entfernung wie vom Winde bewegte Haare eines Katzenpelzes aussehen.
Dort sitzt jetzt der Feind. Vor einigen Tagen hat er die Insel besetzt!
Dort, wo die der afrikanischen Küste zu gelegene Tirenebucht sich weitet, hat er seine Kreuzer, seine Geschwader liegen, von dort dröhnt das dumpfe Rollen seiner Schießübungen herüber, mit denen er sich auf den Endkampf, der einmal kommen muß, vorbereitet, von dort steigen seine Flieger auf, die wie große Vögel, weißen Reihern gleich, über die Rufijiwildnis flattern -- äugend und spähend. --
Zitternd, flimmernd liegt der heiße Dunst des Mittags über der weiten Landschaft, einem Bild, das den Ozean, die Steppe, Flüsse, Sümpfe und Gebirge umfaßt, das als winzige Punkte zwei von der sengenden Sonne beschienene Todfeinde zeigt.
Ein helles Klingen geht durch die dampfende, glühende Luft. Millionen von Grillen und Zykaden zirpen, pfeifen und singen. --
Weiter stapft der Wanderer durch den tiefen Sand. -- -- --
* * *
Blauschwarze Nacht liegt über den weiten Mangrovenniederungen und der flachen Steppe -- blauschwarze Nacht über dem dazwischen schimmernden Arm des Rufiji, der schlafenden »Königsberg«.
Schwüle Hitze lastet über dem Deck, noch schwülere in den Kammern.
Der Ventilator drückt gleichmäßig summend und surrend einen starken Luftstrom durch die Moskitonetze auf die nackten, schweißnassen Körper der Schlafenden.