Part 6
Ich habe nur einen Gedanken: den muß ich haben!
Aber wie?
Wenn ich mich rühre, er mich windet -- -- ein Schritt genügt und der Busch hat ihn verschlungen. Aber so schießen? -- Aufs Geratewohl? -- Höchst unweidmännisch und wahrscheinlich auch gefährlich, ihm hinten eine Kugel hineinzujagen. --
Ich denke aber den Gedanken kaum zu Ende -- alles gleichgültig, ich muß schießen! -- Kimme, Korn, gelber Fleck.
Krach!
Ein bunter Wirbel dort vorn, -- Äste fliegen, ein gelbes Etwas bäumt sich, wirft sich in die Höhe, wälzt sich. -- Heiseres Gebrüll ertönt.
»Piga, piga« -- er ist getroffen, ruft Musa, »aber noch nicht tot!«
Langsam gehe ich vor -- nichts zu erkennen -- nur ein gelbes Knäuel rast dort auf und nieder.
Ich komme näher und näher. Da zeigt sich plötzlich zwischen dem Gewirr von herumfliegenden Ästen und Gras ein braun-graues, langhaariges Fell.
Ich halte darauf -- der Schuß kracht! Ein kurzes Gebrüll, dann Ruhe, nur die Rute peitscht in zuckenden Schlägen den Boden.
Jetzt habe ich ihn! -- Ein Hochgefühl überkommt mich, ein namenloser Stolz -- -- ein Löwe! -- Auf dem ersten Pirschgang den König der Tiere! Was werden die an Bord sagen!
Mit einigen Sprüngen bin ich an der Stelle, vorsichtig das entsicherte Gewehr in der Hand.
Da glotzen mich zwei wütende Augen an. Von ohnmächtigem Haß geschüttelt liegt vor mir ein riesenhafter -- -- Hundsaffe, ein Pavian!
Stolz, Hochgefühl, Siegerbewußtsein stürzen mit einem Krach zusammen!
Der König der Tiere -- -- ein Affe!!
Allerdings ein so selten großer, daß unser beider Irrtum wohl verständlich ist.
Ein schneller Fangschuß erlöst ihn von seinen Schmerzen. Um wenigstens meinen Fehlschuß zu entschuldigen, nehme ich als Beute den menschenkopfgroßen Schädel mit den beiden mächtigen Hauzähnen mit.
Etwas kleinlaut treten wir den Rückmarsch an. -- --
Es ist kühler geworden! Die Strahlen der afrikanischen Januarsonne fahren noch in feurigen Blitzen über das Himmelsgewölbe, tauchen alles in rotes Licht, haben aber keine Gewalt mehr.
Schnell durch den raschelnden Busch schreitend, eilen wir nach Hause. --
Schweigend liegt die Wildnis da, nur das Rucksen und Gurren einer wilden Taube ertönt in kurzen Abständen. Ein aufgestörtes Volk Perlhühner durchflattert schwirrend die Wipfel. --
Plötzlich ein anderer Laut! Ganz da vorn schrillt eine Pfeife! -- S. M. S. »Königsberg«! -- Die Bootsmannsmaatenpfeife ruft zur Flaggenparade.
Wir treten auf eine freie Lichtung. -- Karminrot beleuchtet liegt unser Kreuzer vor uns, feurige Lichter blitzen aus den Seitenfenstern und dem blanken Messing.
Es ist der letzte Gruß der untergehenden Sonne.
»Hol nieder Flagge!«
Langsam senkt sich die Kriegsflagge -- -- es ist Januar 1915! --
Die letzte, die noch im Ausland weht! Alle andern liegen zerschossen in den Weltmeeren.
Einsam und verlassen flattert sie hier in der afrikanischen Mangrovenwildnis.
Wie lange noch?
Schnell fallen die tiefen Schatten der Mangrovennacht auf das Rufijidelta. Schräg über dem Fockmast leuchtet das Kreuz des Südens auf.
Am Bumba-Arm
Gleich hinter dem Liegeplatz der »Königsberg« -- nach Westen, der weiten Steppe zu -- kommen die beiden großen Biegungen, wo der Rufiji in zwei langen Schleifen beinahe zweimal um sich selbst fließt.
Dort, an der konvexen Seite der ersten Schleife, mündet der interessantere Flußarm: der Bumba.
Interessant, weil er einmal in grotesken Windungen und Biegungen sich auf weiten Umwegen zwischen seinen engen Mangrovenufern der Küste zuschlängelt und dann wegen seiner Schlupfwinkel, schweigsamen Buchten und tiefen Kreeks ein Sammelplatz für zahlreiche Flußpferdherden ist.
Fährt man im schlanken Einbaum unter dem weit überhängenden Dach der bewaldeten Ufer, sich lautlos von der Strömung treiben lassend, flußabwärts, entrollen sich die seltsamsten Bilder urwüchsigen Urwaldlebens.
In nächster Nähe, so daß man oft mit einem etwas zweifelhaften Blick die schwache Nußschale betrachtet, taucht plötzlich ein breites, borstiges Riesenmaul auf, öffnet mit tiefem Schnauben seine riesigen Kinnladen -- einen Anblick bietend wie die gähnende Leere eines offenen Möbelwagens -- und verschwindet glucksend in einem Wasserschwall.
Drei, vier, fünf, zehn, zwanzig tauchen auf, unter, spritzen Wasser, grunzen und schnauben. --
In einer verschwiegenen Bucht des Flusses, dort, wo sich eine weite, flache Muttstrecke aus dem Wasser hebt, war ich einmal Zeuge der Begattung von zwei gewaltigen Flußpferden.
Wie ein Blockhaus türmten sich die mächtigen Fleischmassen, dröhnend erzitterte die Luft von ihrem Brunstgebrüll! -- --
Unter Tags, flußabwärts sich treiben lassend, kehren sie abends mehr nach dem Oberlauf des Armes zurück, um dann bei Dunkelheit in der Nähe des Hauptstromes an Land kletternd, die feste, grasbewachsene Steppe vor sich zu haben.
Dort, keine zweitausend Meter oberhalb der »Königsberg«, habe ich manch kräftigen Bullen erlegt, dessen mächtige Zähne an Bord auf den glühend heißen Skylights und Ventilatorköpfen im Sonnenlicht bleichen.
Mancher dickgedunsene Kadaver ist dort den Krokodilen eine willkommene Beute geworden. Kein Wunder, daß sich auf der breiten Sandbank an der Innenseite der Flußbiegung bei Niedrigwasser Dutzende dieser scheußlichen Echsen aller Größen träge blinzelnd die Sonne auf den Panzerrücken brennen lassen. Den gezackten Schwanz meist noch halb im Wasser, um immer zum blitzschnellen Rückzug klar zu sein, auf die kurzen greulichkrummen Füße mit der hellgrünen Unterseite gestützt, lassen sie den langen, scheußlichen Schädel faul auf dem weichen, warmen Sande ruhen.
Manche haben wie in träger Erstarrung den Rachen weit offen stehen, so daß die ungleichmäßigen Spitzzähne in der Sonne funkeln.
Bei sehr alten Tieren -- solchen, die über fünf bis sechs Meter Länge haben -- kann man mit dem Glase sogar die gähnenden Zahnlücken erkennen und die braunen oder gelbschwarzen Stümpfe, die vom jahrzehntelangen Aasfressen verfault zu sein scheinen.
So viel dort auch Tag für Tag, unbekümmert darum, daß beinahe in Schußweite ein moderner Kreuzer mit dreihundert Menschen liegt, sich die schuppigen Leiber sonnen, so schwer ist es doch, eines von ihnen zu treffen, so daß man die Beute auch bekommen kann. Denn ein Anpirschen auf näher als hundert Meter ist unmöglich, da sich hier die tellerglatte, deckungslose Sandbank erstreckt, dort der an dieser Stelle außerordentlich breite Wasserspiegel ausdehnt.
Ein Näherkommen, sei es im unhörbar gleitenden Einbaum oder Stück für Stück im Sande kriechend ist unmöglich -- eines von den vielen Bestien hat immer seine falschblickenden, gelbgrünen Äuglein zufällig in derselben Richtung. Ein kurzes Zucken in den Körpern und alle sind im aufspritzenden Wasser verschwunden.
Den Schuß auf weite Entfernung habe ich hier oft gewagt, aber es ist mir an dieser Stelle nie gelungen, eines der alten Tiere zu bekommen, denn mit einigen Windungen -- und ist es auch noch so schwer getroffen -- erreicht es immer den schützenden Fluß und verschwindet.
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Trocknen der aus dem gesunkenen Kreuzer heraufgetauchten Munition]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin. Verladen der abmontierten 10,5-cm-Geschütze]
[Illustration: Askarischützenlinie kurz vor dem Gefecht]
[Illustration: Trägerlager]
Nur eine Stelle gibt es, die, getroffen, das Tier wie vom Blitze erschlagen, bewegungslos liegen läßt: der Ansatz des Rückgrates gleich hinter dem Schädelknochen.
Diese Stelle aber ist so klein! --
Eines Vormittags ist es mir gelungen, im Bumba-Arm einen selten großen Flußpferdbullen tödlich zu treffen.
Schon nach kurzer Zeit treiben ihn die Verwesungsgase nach oben und, die vier Stummelbeine wie anklagend gegen den Himmel gestreckt, erscheint der dickwanstige Kadaver an der Oberfläche, mit dem zurückströmenden Flutwassern flußaufwärts treibend.
Er segelt geradenwegs auf die Sandbank zu, die wieder den Anblick bietet, wie eine Sonnenbadeanstalt für Krokodile. -- Wir langsam im Einbaum hinterher! --
Klatschend verschwinden die Echsen.
Die Strömung macht hier eine scharfe Wendung, und so wird denn der in seiner Aufgedunsenheit jetzt doppelt ungeschlachte Körper durch den Schwung seiner eigenen Bewegung hinaufgeschoben. Wir springen aus dem Tumbi und im Verein mit dem schnellströmenden Wasser, das jetzt fast seine höchste Höhe erreicht und die Sandbank ganz überflutet hat, gelingt es uns, unsere Beute bis an das dichte Gebüsch des Steppenrandes zu ziehen, wo wir die massiven Beine mit Stricken fest an gedrungene, kurze Baumstümpfe binden.
Um die Jagdtrophäe, den Kopf, zu bekommen, der jetzt zu unterst hängt, müssen wir noch etwa eine Stunde warten, bis das Wasser wieder so weit abgelaufen ist, daß der Schädel frei liegt, um ihn abnehmen zu können.
Ich setze mich ins Gras, während meine beiden schwarzen Ruderer den Einbaum heraufziehen und sich die Zeit damit vertreiben, das arme, schon allmählich stinkende Flußpferd zu verspotten, daß es so dumm gewesen, sich erwischen zu lassen.
Von meinem Platze aus kann ich gerade die Masten der »Königsberg« und den vorderen Scheinwerfer erkennen. Die ab und zu umspringende Brise weht den Schall von langhingezogenen Kommandorufen herüber. Ein Kutter wird aufgeheißt. --
Die Brise wird stärker und kräuselt die Oberfläche des Flusses, der jetzt nach kurzer Zeit der Stauung sich wieder seewärts bewegt.
Mehr und mehr tritt die weißliche Bauchseite des Flußpferdes zutage, die, von starken Runzeln durchzogen, sich über den dicken, jetzt aufgedunsenen Leib spannt. Die mächtigen Fettdrüsen werden sichtbar, die Farbe der Haut nimmt nach dem Rücken zu eine dunklere bis ins Schwarzbraun gehende Färbung an.
Weiter fällt das Wasser! -- Endlich wird der riesige Hals frei.
Wir können beginnen! Mit langen Schnitten wird die fast drei Zentimeter dicke Haut durchtrennt und tiefer und tiefer wühlend erreicht das lange Messer die Wirbelknochen. Ein Knacken, ein Krachen -- auch sie sind gelöst und der gewaltige Schädel, dessen unheimliche Formen jetzt vom Wasser frei sichtbar werden, fällt zurück -- noch einige Schnitte und er liegt auf der Sandbank.
Mit vereinten Kräften suchen wir den Rachen zu öffnen, um die Zähne zu sehen. Sie sind noch größer, als wir erwartet haben. Wie zwei braune im Feuer gehärtete Spieße springen die inneren vor, wie zwei krumme, breite Säbelscheiden ragen die äußeren.
In einem großen Loch der Sandbank vergraben wir ihn. In wenigen Wochen werden ihn Käfer und Ameisen gesäubert haben und seine weißen Knochenwände sauber gebleicht in der Sonne trocknen können.
Als ich den mächtigen Kadaver, aus dessen Halswunde noch immer in roten Strömen das Blut fließt, so am Uferhang liegen sehe und dahinter das dichte verwachsene Schilfgestrüpp, kommt mir der Gedanke, ihn hier als Köder für Krokodile liegen zu lassen und dahinter einen kleinen Anstand zu bauen.
Mit kräftigem Bordtauwerk binden wir ihn so fest an die Uferbäume, daß das größte Krokodil ihn nicht wegreißen kann. Etwa zwanzig Meter dahinter wird aus Laub und Gras eine Wand aufgebaut und dann das Schilf des Zugangsweges niedergeschlagen, damit ich mich abends unhörbar anschleichen kann.
Große Teile der Sandbank liegen jetzt wieder frei. Ein eingerammter Pfosten bezeichnet die Stelle, wo der vergrabene Schädel liegt. Mit einigen starken Stößen schieben wir den Einbaum ins Wasser.
»Huko mamba -- dort kommt ein Krokodil!«
Wir sind eben beim Ablegen, da schiebt sich keine fünfzig Meter von uns weg ein langer, schmutzig grüner Schädel aus dem Wasser -- gelbe Äuglein blinken. Ein Ruck -- weg ist er! --
Schon zieht die Witterung des in der Sonne liegenden Kadavers über Fluß und Ufer! Drei große Geier kreisen über der Sandbank.
Die Sonne hat mittlerweile beinahe Mittagshöhe erreicht. In glühender Hitze zittert die Luft. Rasch fließt das Wasser stromab. Bald tauchen die grauen Wände der »Königsberg« auf, und wir klettern an Bord. -- --
* * *
Mit Befriedigung fühle ich nachmittags das Umspringen des Windes -- er kommt jetzt genau von Osten -- so kann ich abends gegen den Wind meinen Anstand erreichen.
Von nur einem Schwarzen begleitet, gehe ich nach dem Dienst an Land. Die Sonne steht noch hoch am Himmel.
Wir haben den kurzen Steppenstreifen rasch durchschritten und tauchen seitwärts ins Schilf.
Es gilt den kurzen Weg zu finden, den wir heute morgen eingeschlagen haben.
Die Funkenrahen der »Königsberg«, die über dem niedern Unterholz sichtbar sind, als Orientierungsmittel hinter uns, schlängeln wir uns weiter. Da vorn kreisen in weiten Bogen einige Aasgeier, verschwinden und fliegen wieder hoch. Dort muß der Kadaver liegen!
Leiser und leiser werden unsere Schritte, denn wir können nicht mehr weit ab sein.
Ein stinkender Aasgeruch zieht in Schwaden über uns hin.
Plötzlich hält mein Führer. Er zeigt nach unten: da ist abgehauenes Schilf -- also der Zugangsweg von heute morgen. Die gespannte Büchse in der Hand, schleiche ich unhörbar vor.
Der Wind ist günstig, er kommt direkt auf mich zu. Der Verwesungsgeruch wird so durchdringend, daß ich mir das Taschentuch vor die Nase binde.
Hoffentlich sehen mich die Aasvögel nicht -- dicht vor mir flattern sie jetzt rauschend mit mächtigen Schwingen auf und nieder.
Ich drücke mich tief an den Schilfrand -- denn vor mir wird die grüne heute morgen von uns gebaute Wand sichtbar. -- Keine zwanzig Meter mehr!
Eine leichte Bö läßt das Schilf rascheln -- ich benutze sie, mit einigen Sprüngen bin ich vorn und kauere mich nieder.
Trotz des Taschentuches ist der Aasgestank kaum zu ertragen. Ich fühle einen starken Brechreiz -- der Kadaver liegt ja dicht da vorn.
Leise schiebe ich einige Blätter zurück -- die linke Hand auf die Nase gepreßt, sehe ich hindurch und -- -- pralle zurück! -- Das Flußpferd lebt. -- Sein Leib geht auf und nieder -- es wälzt sich -- scheuert sich auf dem Boden. Die kurzen Walzenbeine wackeln!
Drei -- vier Aasgeier sitzen auf dem Bauch und hacken an der Haut herum.
Da sehe ich plötzlich, wie sich aus dem abgeschnittenen Hals ein Schuppenschwanz herausschiebt -- -- er bewegt sich langsam nach außen. Jetzt noch einer und -- -- noch einer!
Ein leises Grauen überläuft mich, wie ich dieses furchtbare Vernichtungsdrama keine zwanzig Meter vor mir in dem bestialischen Gestank sich abspielen sehe.
Der ganze Leib des Flußpferdes ist voll von Krokodilen, die sich durch die Halsöffnung hindurch in das Innere gefressen haben, weil die Haut, noch frisch und fest, allen Angriffen widerstanden hat.
Ab und zu geht ein Zucken und Rütteln durch den gewaltigen Körper -- einer der aus dem Hals ragenden Schwänze peitscht den Sand -- wieder hat eines der grauenhaften Tiere ein Stück aus dem Innern des Wanstes losgerissen.
Wie einen Sack höhlen sie von innen den Kadaver aus -- wälzen sich im Aas, während die Geier, wütend und vergeblich, immer noch auf die zähe Haut einhacken.
Ein furchtbares Bild des Daseinskampfes. Ich bin so benommen von der Wucht dieses Bildes, daß ich an ein Schießen gar nicht denke, das Gewehr hingelegt habe und mit offenen Augen nach vorn starre.
Da geht plötzlich ein mächtiger Ruck durch den verwesenden Körper und ein riesiges Krokodil schnellt aus der Halsöffnung hervor, über und über braunrot mit Blut, Aas und Kot besudelt, grell von den leuchtenden Strahlen der eben untergehenden Sonne beschienen, im Rachen einen halb menschengroßen Fetzen Knochen, Gedärme und Fleisch.
Ein bestialisch greulicher Gestank weht mir ins Gesicht!
Im selben Augenblick springt die Brise um -- gedämpft, wie unwirklich -- von unendlich weit her -- erklingen verwehte Fetzen der Königshymne: -- -- -- die Abendmusik an Bord der »Königsberg«!
Stutzend halten einen Augenblick Krokodile und Geier im Fraß inne, dem ungewöhnten Geräusch lauschend, nur der rotbraunbesudelte Bursche schleppt langsam rückwärts kriechend seine Beute über die Sandbank dem Flusse zu, einen breiten Blut- und Kotstreifen hinter sich lassend.
Da flaut der Wind plötzlich ab, die Sonne ist weg! -- -- Nur noch das Knacken und Krachen von zermalmten Knochen, das Reißen von Haut- und Fleischfetzen -- lautes Schnalzen, Schmatzen, Mahlen von Kiefern ist zu hören.
Die vier kurzen Stummelbeine wackeln, als ob sie sich sträuben wollten und heben sich phantastisch vom dunkelnden Himmel ab. Die Geier, denen jetzt einige aus dem Halse hängende Fleischfetzen zur Beute gefallen sind, hacken darauf herum, reißen sie in Stücke und flattern, im beschmierten Schnabel den stinkenden Fraß, auf und davon.
Schnell wird es dunkel! Ein Schuß hätte keinen Sinn mehr, auch habe ich keine Lust dazu. Warum dies seltsam schauerliche Naturbild stören!
Kampf, überall Kampf um Sein und Nichtsein! Hier wühlen Krokodile im stinkenden Flußpferdaas, hacken flatternde Geier, dort in verworrenster, afrikanischer Flußwildnis ein Kreuzer mit dreihundert Menschenleben, die tagtäglich kämpfen müssen -- gegen andere Geschöpfe gleicher Rasse, die nach ihrer Vernichtung lechzen.
Es scheint, als hätte alles Leben nur Sinn eben durch Vernichtung des Lebens! --
Ein langsames Rascheln, Reiben und Gleiten kommt von der Sandbank her -- ich sehe zwei dunkle Striche sich näher schieben -- -- zwei neue, fraßgierige Krokodile.
Da drin aber in dem Flußpferdleib wühlt und wogt es noch, die Haut schwankt und schlappt, ekelhaftes Schmatzen und Knacken tönt hervor. --
Die Brise ist jetzt vollkommen eingeschlafen. Der Aasgestank bleibt über dem dichten Schilfe hängen, er wird so stark, daß ich mich, die Hände vors Gesicht gepreßt, wegschleiche. -- --
Im hohen Schilfe raschelnd gehen wir nach Westen, um die freie Steppe zu erreichen, dann nach unserm Liegeplatz abzubiegen.
Tief aufatmend saugen wir die reine Luft in unsere Lungen! --
Schilf und Gestrüpp weichen zurück, dunkel liegt vor uns die weite Steppe, an ihrem Westrand noch von einem schmalen hellen Streifen abgegrenzt.
Das Schweigen der Nacht liegt über der einsamen Landschaft.
Dicht aufbleibend folge ich meinem Führer, der mit seinem rasch fördernden Schritt durch die Nacht eilt, schwarz in der schwarzen Dunkelheit kaum zu erkennen.
Da dröhnt von fern her Getrappel -- -- wie von galoppierenden Pferdehufen!
Wir stutzen einen Augenblick -- da sausen zwei abenteuerlich dicke, mächtige Körper hopsend an uns vorüber.
»Viboko -- Flußpferde!«
Wie Spukgestalten sind sie erschienen und verschwunden, schon wieder weit weg verklingt das Dröhnen ihres Galopps. --
Der schmale Schimmer im Westen ist verschwunden, tiefe Nacht liegt über der Steppe.
Gleichmäßig klappert Gewehr und Wasserflasche auf dem Rücken meines Führers, der sicher mit seinen nackten Beinen dem schmalen Negerpfad folgt.
Moskiten summen, Glühwürmchen gaukeln, ferne Tierlaute erschallen -- -- das Nachtleben der Steppe erwacht!
Kingwangwanda
Monate sind vergangen.
Es ist August 1915! Die Sonne läuft auf ihrer Bahn jetzt weit im Norden. In Deutschland -- in Europa schreibt man Sommer!
So weit nördlich zieht das Tagesgestirn, daß seine Strahlen auf der südlichen Halbkugel stark an Kraft verloren haben, selbst hier in der Nähe des Äquators, und schon abends nach Sonnenuntergang erfrischende Kühle über das Land zieht.
Es ist Nacht.
Schlaflos starre ich auf die weißlichen Falten des Moskitonetzes trotz des Morphiums, schlaflos vor Schmerzen im abgerissenen, entzündeten Fuß. Eine englische Granate hat ihn zerschmettert -- sie hatte erst die Back und das Zwischendeck durchschlagen.
Neben mir schläft mein Kommandant -- ruhig, gleichmäßig geht sein Atem. Er ist schwer verwundet!
Durch den Schleier des Moskitonetzes sehe ich seinen weißen Verband.
Es ist ein altes hölzernes Pflanzerhaus, in dem wir liegen. Fünf Zimmer und zwei Veranden -- alle voll von Verwundeten. -- Alle haben den ehrenvollen Untergang der »Königsberg« in aussichtslosem Kampf gegen zwanzigfache Überlegenheit mit ihrem Blute bezahlt.
Ein Stöhnen flattert auf -- ein Seufzen, ab und zu leises Wimmern! --
Leuchtend spannt sich der klare Tropenhimmel über der weiten Steppe -- einsam träumt das alte Pflanzerhaus, nur armselige, kleine Negerhütten liegen zu einem Klumpen geballt daneben -- das Dorf Kingwangwanda. Nach Norden und Westen zu dehnen sich Kulturen von Kautschuk und Sisal. Alle sind verlassen, verwildert. Nach Süden und Osten erstreckt sich die weite Steppe. Raschelnd haucht der Nachtwind über sie hin.
Dort liegt ein einsames Geviert, darin Kreuz an Kreuz, alle gleichmäßig, alle schlicht, alle mit kurzer Aufschrift:
»Beim Untergang S. M. S. Königsberg am 11. 7. 15 gefallen!«
In der Mitte ein großer Stein, daran eine Kupfertafel, gehämmert aus einem zerschossenen Dampfrohr mit dem von ungeübter Hand eingehauenen Taufspruch der »Königsberg«:
Biet’ dem Feinde Trutz, Sei dem Vaterlande Schutz, Und treu bis zum Tod -- Im Kampf und in Not, Sei stets deiner Mannschaft höchstes Gebot!
Alle, die hier liegen, haben nach ihm gehandelt! In den schlichten, vertrockneten Palmenkränzen flüstert der nächtliche Steppenwind, -- weht feinen Sand über die niederen Hügel.
Ein plumper, fester Zaun aus dicken, unbehauenen Stämmen ist jetzt um das Gräberfeld gezogen. Flußpferde hatten auf ihrer nächtlichen Steppenstreife die Kreuze umgeworfen, die aufgeschütteten Hügel zerstampft. Rings herum ist der Steppenboden von ihren Spuren durchfurcht, tiefe Löcher sind in langen Reihen getreten.
Zwischen dunklen Ufern schickt dort drüben träge ein breiter Flußarm seine schwärzlichen Wasser dem Rufiji zu -- es ist der Bumi.
Keine vier Stunden braucht ein Einbaum, gleichmäßig dahingleitend, bis zu der verschwiegenen Flußbiegung, die dem letzten der deutschen Auslandskreuzer zur Ruhestätte geworden ist. -- --
* * *
Tief auf die Seite geneigt liegt er dort in den glucksenden Wassern.
Schwer war sein Ende! Einundzwanzig gegen eins.
So hatte sie es doch gewagt, die ruhmreiche englische Flotte! Aber einundzwanzig brauchte sie, um den einen zu töten!
In langer Kiellinie liefen sie ein in die weite Mündung des Kikunja-Armes, als die Sonne im Zenit stand, mit rasendem Feuer jede Mangrove, jede Palme überschüttend.
Zwei Flieger kreisten über dem kleinen deutschen Kreuzer, der dort hinten am Steppenrand wütend um sein Leben kämpfte mit seinen fünf bellenden Breitseitgeschützen -- -- unbeweglich im engen Fahrwasser. Sie wiesen dem sausenden Eisenhagel, der heulend über die weite, dampfende Mangrovenwildnis brauste, den Weg. -- -- Und nur zu gut!
In Fetzen wurden die Geschützbedienungsmannschaften gerissen, in Fetzen Bleche und Eisenwände!
Aber weiter kämpfte er!
Das Deck troff vor Blut, nur schaufelweis gestreuter Sand machte es passierbar. Da vorne, unter der Back, lagen die Leichen zu Haufen. Zwei abgerissene Köpfe ruhten friedlich Gesicht an Gesicht unter einem Spind -- -- sie gehörten den Matrosen Prest und Stange. --
Aber weiter kämpfte er!
Nur mehr mit zwei Geschützen! Der durchsiebte, mittlere Schornstein neigte sich -- brach in sich zusammen. Beinahe erschlug er den schwerverwundeten Kommandanten, der vom Kommandostand nach achtern gebracht wurde. Da vorne gab es nichts Lebendiges mehr! Der Eisenhagel wurde zum Eisengewitter und durchpflügte die Flanken des bebenden, zitternden Kreuzers.
Aber weiter kämpfte er!
Jetzt von achtern geleitet, -- immer noch mit zwei Geschützen! Das eine bedienten Offiziere, das andere Heizer. Verkrampfte Wut wendete sich gegen die Flieger. -- Vergeblich! Sie schienen unerreichbar im Aether! Da -- -- das letzte Schrapnell verließ das Rohr -- -- da -- -- sollte es sein -- -- sollte Gott uns wenigstens diese eine Genugtuung geben -- -- da -- -- ein Flieger neigte sich, verharrte sekundenlang unbeweglich -- -- dann stürzte er pfeilschnell krachend nach unten.
Ein Leuchten ging über die pulver- und blutgeschwärzten Gesichter der Geschützbedienung. Die von ohnmächtiger Manneswut geschnürte Brust weitete sich.
Nur ein Augenblick! Verschwunden waren sie, die eben triumphierten, in Fetzen klebte ihr Fleisch an der Bordwand und den zerspellten Decksplanken. -- -- Eine Granate schlug zwischen sie.
Aber weiter kämpfte er!
Nur noch mit einem Geschütz! Zwischen all dem Rauch und Feuer war sein Blitz nicht mehr zu sehen, seine Stimme verhallte im Tosen der Explosionen. Feuerfontänen auf Feuerfontänen zischten gen Himmel, breiter und breiter wurden die Glutmassen, sie durchrasten, vom Wind gepeitscht, die Decks. Da war Menschenwille und -kraft zu Ende! Das letzte Geschütz verstummte!
Nochmals schwer getroffen gab der Kommandant den Befehl zum Verlassen des Schiffes. Als der letzte Mann von Bord war, zerriß eine furchtbare Detonation die Luft -- -- turmhoch stieg eine Feuersäule himmelwärts, der brennende, aus tausend Wunden blutende Kreuzer barst entzwei und versank langsam in den braunen Lehmfluten des Rufiji.
Da hörte er auf zu kämpfen! -- -- --
Dort hinten aber, am Rande der Steppe, hinter der sich der Glutball der Sonne zum Untergang neigte, umstand ein kleines Häuflein, besudelt mit Pulver, Blut und Lehmwasser, den auf dem Boden gebetteten Kommandanten, und erst zaghaft, dann anschwellend lauter und lauter hallte das deutsche Flaggenlied im leisen Abendwind über die weite afrikanische Steppe und durch den leise rauschenden Buschwald. -- -- --
* * *
Die Stunden vergehen, es muß längst Mitternacht sein, meine Augen brennen im hohen Fieber! Hundertstimmig pfeifen, zwitschern und krabbeln über mir die Fledermäuse, sie nisten im Dach zwischen Wellblech und Holz, dicht über meinem Bett. Ihr Gestank zieht ab und zu wie eine dicke Wolke über die Veranda.
Punkt sechs Uhr abends verlassen sie zu Tausenden in stinkenden schwarzen Massen ihren Schlupfwinkel, um durch die Nacht flatternd Nahrung zu suchen, nur Weibchen und Junge zurücklassend, die ungeduldig zirpend und scharrend auf ihre Ernährer warten.