XII.
Die übrigen Wallfahrer der Himmelpforte waren sämmtlich schon fort. Auch die Gründlersche und Lehrwartsche Familie wollten sich von der des Försters dankbar verabschieden. Aber diese mit ihren frühern Gästen baten einstimmig so dringend, noch etwas länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben und mit ihnen über Hasserode zurückzugehen, daß der Archivarius der erste war, der darein willigte, diesen Umweg zu wählen. Während die Frau Försterin im Jagdhäuschen aufräumte und die mitgebrachten Geräthschaften wieder einpackte, beeilte sich der gefällige Förster, den Kindern auf ihren Wunsch in der Geschwindigkeit noch die innere Einrichtung des Saufanges zu zeigen und ihnen die Art und Weise der Einkörnung der Thiere und ihrer Erlegung zu schildern. Dann wurde aufgebrochen. Ehe man den Wiesengrund des Thales der Himmelpforte verließ, machte der Förster die Kinder noch auf die hier nahe am Wege zahlreich zu findenden gelben Himmelschlüssel und, weiter hin, auf die am Waldrande blühenden blauen Hasselblümchen aufmerksam und sagte von den erstern, scherzhafter Weise, man könne sie als die Früchte der Aussaat betrachten, die von den Mönchen bei ihrer Flucht aus dem Kloster, wobei sie die Schlüssel desselben verloren hätten, ausgestreuet wäre. Von den Hasselblümchen dagegen ersann er in der Geschwindigkeit das artige Mährchen, daß von diesen einfachen, anspruchslosen Kindern der Natur der Name Hasserode und das ursprüngliche ächte Wappen der Ritter dieses Namens entlehnt sei. Weil sie das aber nachmals verläugnet und die Hasselblümchen aus ihrem Schilde ausgerodet hätten, so sei deshalb ihr Geschlecht so früh verblüht.
So ungehalten der Archivarius über diese Vermengung von Mythen mit wahrer Geschichte that, so wurden die launigen Einfälle des Försters dennoch von den Frauen belobt und die Kinder pflückten Himmelschlüssel und Hasselblumen in Menge, um sie zu einem Kranze zu verflechten. Durch eine kleine Waldstrecke führte der Fußpfad, den man eingeschlagen hatte, zu der sogenannten Kuhbreite, einer hochgelegenen weiten Wiesenfläche hinan. Hier wurde ein augenblicklicher Halt gemacht, um die liebliche Aussicht auf das noch durch den Abendschimmer hindurch blickende hehre Grafenschloß zu genießen. Während von jedem in der Gesellschaft im Geiste ein herzlicher segnender Abendgruß dahin gesandt ward, hatte der Förster unvermerkt aus dem Korbe der Magd, die das Geräth trug, das darin verborgen gewesene Waldhorn hervorgeholt und überraschte plötzliche die Gesellschaft mit dem schönen harmonischen Dreiklang, den ein mehrfaches Echo aus dem Walde erwiederte. Dadurch wurden die Kinder vollends gleichsam bezaubert und es hielt schwer, ihren immer erneuerten Wünschen nach einer öftern Wiederholung dieses Concertes sobald ein Ziel zu setzen, als es die zunehmende Dämmerung und die Weite des noch übrigen Weges erforderte. Auf einem sehr steilen Pfade an dem jähen Abhange des Kellerberges herunter, stieg man in das Thal hinab, in welchem die von dem starken Regengusse im Gebirge hochangeschwollene Holtemme brauste. Da sich dieselbe nun nicht wie sonst allenthalben leicht überschreiten ließ, so sah sich die Hasseröder Gesellschaft genöthigt, noch eine Strecke am linken Ufer derselben entlang mit den Städtern fortzugehen, bis zu dem schmalen Stege, der nahe dem Standorte der ehemaligen Burg und des nachmaligen Amtes von Hasserode über den Fluß führte. Diesen Steg bei der schon angebrochenen Dunkelheit zu überschreiten war für die Stadtkinder gefährlich. Hier trennte man sich also mit gegenseitigem herzlichem Danke und mit dem Wunsche bald einmal wieder zusammen zu treffen.
Unter ängstlichem Nachsehen der Städter kamen die Hasseröder, einer nach dem andern, glücklich hinüber und riefen von jenseit jenen, die ihren Weg auf dem linken Ufer des Flusses fortsetzten, den Wunsch einer guten Nacht nach.
Die noch übrige Strecke der Wanderung hinter dem Flecken Hasserode=Friedrichsthal das Thal entlang bis zu der Stadt verkürzte der Archivarius dadurch, daß er erzählte, wie nach dem Aussterben des Geschlechtes der Herren von Hasserode die Stammburg derselben mit ihrem Gebiete den Lehnsherren, den Grafen von Wernigerode anheimfiel, wie der letzte von diesen sie Anfangs der Stadt Wernigerode verpfändete, dann als Lehn überließ; wie von ihr jedoch zur Zeit der Reformation dieses Besitzthum vernachlässigt, die Pfarrkirche des alten Hasserode eingezogen und der Nikolai=Pfarre zu Wernigerode einverleibt wurde; wie späterhin die Burg zu Hasseorde der Sitz eines Königl. Preuß. Amtes ward und wie dieß dann zu der Stiftung eines reformierten Gottesdienstes, einer Kirche und dann selbst zu der Anlage der Colonie Friedrichsthal die Veranlassung hergab.
Ehe man sich dessen versah, war man am Westernthore angelangt, wo beide Familien Abschied von einander nahmen, indem die eine wieder in dieses Thor einging, während die andere den Weg nach dem Johannisthore einschlug.
Bei der Rückkehr in das Haus dankten die Lehrwartschen Kinder der Tante und dem Vater mit der innigsten Zärtlichkeit für das gehabte, große Vergnügen. Väterchen, sagte die kleine Sophie, laß uns doch übers Jahr ja wieder nach der Himmelpforte gehen! Vater Lehrwart sagte: Wir wollen sehen! Indessen wollen wir uns heute nicht schlafen legen, liebe Kinder, ohne uns noch dazu ermuntert zu haben, schon mit dem morgendlichen Tage wieder den Gang anzutreten, zu dessen täglicher, freudiger, beharrlicher und unermüdet geduldiger Fortsetzung uns die Feier des heutigen festlichen Tages hat Lust machen sollen, nämlich den Wandel in der Nachfolge unseres Heilandes, der in den Himmel einhergegangen und zu der Rechten Gottes erhöhet ist. Lasset und noch gemeinsam singen:
Er bringt und an die Pforten, Die in den Himmel führt, Daran mit güldnen Worten Der Reim gelesen wird: "Wer dort wird mit verhöhnt, Wird hier auch mit gekrönt; Wer dort mit Sterben geht, Wird hier auch mit erhöht."
Nun: »Gute Nacht!«
*Hinweise zu diesem eBook*
Titel: Der Gang nach der Himmelpforte Autor: Ferdinand Friederich (1798-1873), Pastor zu Ilsenburg Erschienen in Wernigerode, 1851 (Druck von B. Angerstein) Digitalisiert durch die ULB Sachsen-Anhalt, 2009 Open-Access-Publikation, Public Domain Mark DOI: 10.25673/86636 URN: urn:nbn:de:gbv:3.3-7134 https://opendata.uni-halle.de/handle/1981185920/88591 <https:// opendata.uni-halle.de/handle/1981185920/88591>
Transkribiert von Christian Reinboth, 2024 (unter Beibehaltung der Orthografie des Originals)
*Anmerkungen zur Transkription*
Der vorliegende Text wurde anhand der 1851 erschienenen und durch die ULB Sachsen-Anhalt digitalisierten Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche und altertümliche Ausdrücke (z.B. ‚tapfern‘, ‚Rathschlusse‘, ‚Irrthum‘, ‚sämmtliche‘ oder Kopplungen mit ‚=‘ wie ‚Augustiner=Eremiten‘) wurden beibehalten, sofern die Verständlichkeit durch diese nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B. erwidern/erwiedern; gelegentliche Verwendung von Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden ebenfalls nicht vereinheitlicht.