Chapter 7 of 12 · 893 words · ~4 min read

VII.

»Es wird schlimm werden!« sagte mit besorglicher Miene der Archivarius, indem er den Vater Lehrwart auf die über den nahen waldigen Bergrücken heranziehenden dunklen Wolken aufmerksam machte. »Wir werden wohlthun,« fügte er hinzu, »wenn wir uns eilig aufmachen, um vor dem Ausbruch des Wetters nach Haus zu kommen, oder wenigstens ein schirmendes Obdach im Friedrichsthale zu finden.« Ein mehrstimmiges: Ach! und O! von Seiten der Kinder erhoben, zeigte deren Betrübniß über die gehörten Worte an und sicherte dem Vater Lehrwart im Voraus eine bedeutend überwiegende Stimmen=Mehrheit für den Vorschlag zu, den er dem Rathe des älteren Freundes mit geziemender Bescheidenheit entgegenzustellen wagte, indem er das Bedenken äußerte, daß man wohl selbst das nahe Hasserode nicht mehr erreichen würde, ehe es zu regnen anfinge, und dabei die Hoffnung ausdrückte, es dürfe ein viel näherer sicherer Schutz gegen das, wahrscheinlich sehr bald vorübergehende, leichte Gewitter zu finden sein. Denn, sagte er, wenn mich meine Augen nicht trügen, so sahe ich vorhin die Thüre des Jagdhäuschens am Saufange geöffnet und unsern Freund, den Herrn Förster Immermann, in dasselbe hineingehen.

»Ja, ja,« bestätigte die Frau Archivarius, »das habe ich auch gesehen!«

»Aber,« wandte ihr Mann ein, indem er die Uhr herauszog, »es wird ohnehin sehr bald Zeit zu der Rückkehr werden, es ist gleich halb fünf Uhr.«

Ein stärkeres Rollen des Donners, welches halb nach einem leuchtenden Blitzstrahle folgte, hob inzwischen alle weiteren Bedenken, und der Archivarius folgte halb unbewußt und unwillkürlich der überwiegenden Neigung seiner Ehe=Hälfte und der ihr anhängenden Kinderschaar, welche sich sämmtlich mit eiligen Schritten nach dem nur einige hundert Schritte weiter hinaufliegenden und das Thal abschließenden Saufange wandten, wo das rothe Dach des Jagdhauses Schirm gegen den Platzregen verhieß, dessen Vortrab sich in einzelnen großen Tropfen, die herniederfielen, bereits eingestellt hatte.

Aus den raschen Schritten der Kinder, die selbst bei ihrer Verdoppelung doch denen der Erwachsenen kaum zu folgen vermochten, wurde bald ein völliger Wettlauf, wobei denn wieder das Alter zurückbleiben mußte. Doch kam noch eben zu rechter Zeit Alles unter Dach und Fach in dem Jagdhäuschen, dessen Thüre den Schutz suchenden Flüchtlingen von dem ihnen entgegenkommenden und sie freundlich willkommen heißenden Förster gastfreundlich so weit als möglich geöffnet ward.

Das Jagdhäuschen, welches von Niemand bewohnt wurde, und eigentlich nur bestimmt war, zum sicheren und bequemen Schießstande Behufs der Erlegung der im angränzenden Garten eingefangenen wilden Schweine zu dienen, war zwar eng und klein. Das im oberen Raume desselben befindliche Zimmer schien bei dem Eintritt der Flüchtlinge schon hinlänglich besetzt zu sein; denn die Frau Försterin bewirthete in demselben eine befreundete Familie, die der schöne Tag und die Volkssitte gleichfalls zum Besuche der Himmelpforte angelockt hatte. Aber da man eng zusammenrückte, so fand sich doch am Ende auf den an den Wänden des Zimmers umherlaufenden Pritschen und auf einigen Stühlen in der Mitte desselben noch Platz zum Sitzen für die ganze Gesellschaft. Ja, als in Kurzem der Regen rauschend herabfloß und noch mehr als ein Häufchen von der auf den Wiesen der Himmelpforte hie und da gelagerten Menge seine Zuflucht hierher nahm, so zeigte sich's, daß das Häuschen im Stande war, in dem Raume seines unteren Schießstandes, seiner kleinen Küche und seines Ein= und Ausgangs noch mehr als ein Dutzend von Menschen zu bergen, während sich noch manche Andere an der von dem Wetter abgekehrten äußeren Seite desselben, unter dem überragenden Dache, wenigstens einigermaßen gedeckt sahen.

Zum Glücke folgten nur noch sehr wenige Donnerschläge. Sonst hätte sich vielleicht der bedachtsame Herr Archivarius, der nicht mit Unrecht die Anhäufung so vieler Menschen im engen Raume, während des Gewitters, gefährlich fand, nicht abhalten lassen, sich mit seiner Familie lieber in das kalte Traufbad zu stürzen. Da sich aber die tröstliche Verheißung des Försters bewährte und das immer später eintretende und immer schwächer werdende Rollen des Donners bewies, daß das Gewitter vorüberzog, während das Rauschen des Regens noch anhielt, so nahm Vater Lehrwart die Gunst der Umstände wahr und unterbrach die trauliche Stille des auf den Regenguß lauschenden Kreises mit der an den Archivarius gerichteten Bitte, in Gemäßigkeit seines früheren Versprechens, jetzt die Geschichte des Klosters Himmelpforte zum Besten zu geben, wobei er bemerkte, daß er den ansehnlichen Zuwachs des Auditoriums, welches er sich zu Danke verpflichten werde, als eine Aufforderung mehr dazu ansehen müsse. Der Förster und mehrere der im Häuschen versammelten Leute, sowie sämmtliche Kinder unterstützten die Bitte des Predigers.

Der Archivarius sträubte sich zwar etwas dagegen, indem er die Besorgniß äußerte, daß seine Erzählung gegen den vorherigen Vortrag des Predigers zu sehr abstechen und desto trockener ausfallen werde, je mehr jener erbaulich gewesen sei. Indessen schlug ihn der Prediger mit der scherzhaften Gegenbemerkung, daß, wer eine nasse Salbung lieben sollte, ja nur hinauszugehen brauche, um sie zu finden. Dieß erregte allgemeines Gelächter. Der Archivarius wurde von dem Förster und Prediger mit vereinter sanfter Gewalt in die Mitte des Kreises gezogen und statt des Katheders auf den daselbst stehenden, schon vorher abgeräumten, handfesten eichenen Tisch gesetzt, worauf er denn nach einigem Räuspern erklärte, er sehe wohl, er müsse sich fügen, wolle es wenigstens in einer Hinsicht, nämlich der, der belobten Kürze, seinem Vorredner zuvorzuthun versuchen und übrigens seinem Vortrag nach der beliebten Weise des Herrn Prediger 3 Theile geben, indem er kürzlich erstlich die Geschichte der Entstehung, zweitens die des Bestehens und drittens die des Unterganges des Klosters Himmelpforte zu erzählen gedenke.

Er holte dabei die Uhr heraus und nahm sie in die Hand.