Chapter 3 of 12 · 740 words · ~4 min read

III.

Der elfjährige Ernst Lehrwart, der sich neidlos über den Beifall, den seine kleine Schwester erhalten hatte, mitfreute, wollte ihr vermuthlich auch den seinen bezeugen, hatte diese daher bei der Hand erfaßt, um sie zu führen und sagte zu ihr: »Komm, mein liebes Sophiechen, laß uns vorangehen, da wirst du weniger müde und dann sind wir die ersten in der Himmelpforte und ich zeige dir gleich die Stelle, wo Jakob geschlafen und wo das Gotteshaus, welches er nachher baute, gestanden hat!«

Bei diesen Worten brach die Tante Elisabeth in ein lautes Gelächter aus und sagte mit einem etwas schalkhaften Seitenblicke auf ihren Bruder: Nun, das muß ich sagen, das ist ein lustiger Irrthum! Dachte ich's doch beinahe, daß so etwas herauskommen würde, als der Vater bei seiner Erklärung des Namens der Himmelpforte so gar weit ausholte und bis auf die Geschichte des Erzvaters Jakob und seines Traumes von der Himmelsleiter zurückging. Die ganze übrige Gesellschaft stimmte in das Gelächter der Tante ein und Vater Lehrwart selbst nahm einen Augenblick daran Antheil. Doch faßte er sich bald wieder, als er sah, wie sehr sich Ernst beschämt dadurch fühlte, dem, ungeachtet aller seiner Bemühung sie zurückzuhalten, Thränen entfielen. Er redete ihm tröstlich zu mit den Worten: »Du hast nicht Ursach, mein Sohn, dich so sehr zu schämen und zu betrüben. Der Irrthum, in den du geraten und wegen dessen du so eben verlacht bist, ist sehr zu entschuldigen. Dein Vater selbst ist gewissermaßen Schuld an demselben gewesen. Uebrigens hättest du bei etwas mehr Nachdenken wohl auch von selbst einsehen können, daß die Himmelpforte, nach der wir gehen, nicht derselbe Ort sein könne, an welchem Jakob schlief, als er auf der Reise nach Haran in Mesopotamien begriffen war. Es bedarf nur, daß du auf einige Umstände aufmerksam gemacht wirst und du wirst dann selbst deinen Irrthum lächerlich finden.

Du weißt doch, in welchem Welttheile das Land Kanaan liegt, von welchem Jakob dazumal ausging? In Asien. Wie heißt dagegen der Welttheil, in welchem wir wohnen? Europa! Wie weit meinst du wohl, daß es von uns bis dorthin sei?« Ernst besann sich einen Augenblick und erklärte dann, indem er sich lachend vor die Stirn schlug: Ach, viele hundert Meilen weit. - Jakob aber, wie lange war der erst gegangen, als er das Nachtlager hielt, während dessen er im Traume die Himmelsleiter erblickte? Mit zunehmendem Lachen sagte Ernst: Er war erst einen Tag lang gegangen! Und also - half der Vater fort, - kann der Ort, den Jakob die Himmelpforte nannte, nicht unsere Himmelpforte gewesen sein.

Nun erfordert aber die Billigkeit, fiel hier der Archivarius ein, daß Sie, mein lieber Freund, das Unrecht vergüten, welches Ihrem Sohne geschehen ist, als er so sehr ausgelacht wurde und daß Sie die in seinem Irrthume verborgen liegende Wahrheit an's Licht ziehen; denn sicher hat er die Glocke läuten gehört, nur ohne zu wissen, wo sie hängt, wie man zu sagen pflegt. Ja, sagte Vater Lehrwart, Ernst wird wohl früher schon von mir gehört haben, daß einst in unserer Himmelpforte wirklich ein Gotteshaus, ein Gott geweihtes Heiligthum gestanden und daß der Ort daher seinen Namen erhalten hat. Vielleicht habe ich ihm damals auch gesagt, daß das sonst hier befindlich gewesene Gotteshaus vermuthlich seine Entstehung einem ähnlichen Gelübde, wie das des Erzvaters Jakob war, zu danken gehabt hat.

Nicht bloß vermuthlich, entgegnete der Archivarius, sondern wir dürfen dieß nunmehr als gewiß ansehen, nachdem vor einigen Jahren die Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte im Archive des Johannisklosters zu Halberstadt aufgefunden worden ist. - Ei, sagte Vater Lehrwart, das ist mir ja lieb zu vernehmen! Ich wiederhole nun meine vorherige Bitte, daß Sie, mein werther Freund, jetzt an meiner Statt reden, und meinen Kindern in der Kürze das Wichtigste von der Geschichte des vormaligen Klosters Himmelpforte erzählen, was mir doch nur aus Ihren schätzbaren Mittheilungen in einem früheren Jahrgange unseres Wochenblattes bekannt ist. Das will ich gern thun, erwiederte der gefällige Freund, und ich werde dabei jene Mittheilungen durch Angabe einiger Umstände berichtigen und ergänzen können, die damals mir selbst noch unbekannt waren. Aber es heißt ja im Sprüchwort: Schuster, bleib' bei deinen Leisten! Und ich würde Ihnen vorgreifen, wenn ich es nicht Ihnen selbst überließe, unseren Kindern vorerst das Nöthige über die Klöster überhaupt und über den Augustiner=Orden insbesondere zu sagen, was wir doch wohl billig der Geschichte des Klosters Himmelpforte vorangehen lassen.

In letztrer Hinsicht haben Sie Recht, sagte Vater Lehrwart; ich will das Meinige thun und mich dabei kurz zu fassen versuchen.