Chapter 9 of 12 · 1383 words · ~7 min read

IX.

Ehe nach diesem kurzweiligen Zwischenakt der Archivarius zu der Fortsetzung seiner Erzählung schritt, richtete der Vater Lehrwart an denselben die Frage: ob nicht eine alte Volkssitte der Wernigeröder, am Himmelfahrtsfeste die Himmelpforte zu besuchen, daher rührte, daß vor Zeiten an diesem Tage die Wallfahrt nach dem Kloster üblich gewesen und mit Ablaß belohnt sei? Der Archivarius aber entgegnete: Nein, mein Freund! So sehr sich auch diese Vermuthung hören ließe, so haben wir doch keinen geschichtlich urkundlichen Grund für dieselbe. Ich dächte, sagte der Prediger, ich hätte in Ihren eigenen vormaligen Mittheilungen über die Geschichte des Klosters Himmelpforte im Wochenblatte eine Andeutung davon gefunden? Das beruhet sicher auf einem Mßverständniß, versetzte der Archivarius, und zwar vermuthlich auf Mißverständniß der Erwähnung, daß der Papst Nicolaus IV. anno 1289 auf den Besuch der Augustiner=Kirche an manchen Festen Ablaß verheißen hatte, unter denen allerdings auch ein Himmelfahrtsfest genannt war, wobei aber Nota bene! nicht das Fest der Himmelfahrt Christi gemeint war, sondern das damals noch nicht lange aufgekommene Fest der angeblichen Himmelfahrt der Jungfrau Maria, welches den 15. August gefeiert wurde.

»Aha!« sagte der Prediger, »ich danke für die Bescheidung. Sollte sich aber nicht vielleicht dennoch annehmen lassen, daß aus den früheren Wallfahrten nach dem Kloster Himmelpforte am Tage der Himmelfahrt Mariä, die nachherige Sitte des Besuches seiner Stätte am Feste der Himmelfahrt Christi entstanden sei?« »Unmöglich wäre es freilich nicht,« entgegnete der Archivarius. »Indessen, mein Freund! Man kann sich nicht genug davor hüten, keine Mythen in die Geschichte einzuführen!« und fuhr demnächst in seiner Erzählung also fort.

Das anfängliche gute Gedeihen und rasche Wachsthum des Klosters Himmelpforte kann man daraus abnehmen, daß von dieser Pflanzung, als sie selber noch jung war, schon Ableger gemacht wurden.

Noch in dem Jahrhundert seiner Entstehung wurden von dem Kloster Himmelpforte zwei andere neu gestiftete Augustiner=Klöster, eines in Quedlinburg und eines in Helmstädt bevölkert. Mit der erstern Tochter kam aber die Mutter Himmelpforte bald in Streit über die Gränzen der Gebiete, innerhalb deren sie ihre Almosen einsammeln ließen. Dieser Streit wurde von dem Vikar des Provinzials des Augustiner=Ordens in Deutschland geschlichtet, welcher beiden Klöstern die Gränzen ihrer Distrikte bestimmte.

Wie einträglich dieses Terminiren sein mochte, läßt sich ohngefähr daraus ermessen, wenn man hört, daß den Brüdern der Himmelpforte dabei über Heimburg und Langenstein bis Erxstedt, Harsleben und Kloster=Gröningen zu geben erlaubt war. Auch beweisen manche noch vorhandene Urkunden über Ankäufe von Grundstücken, daß es dem Kloster nicht an Geld gefehlt haben müsse. Aber freilich erlitt das Kloster in den unruhigen Zeiten des 14. Jahrhunderts, wo das sogenannte Faustrecht mit der größten Tyrannei ausgeübt ward, auch wieder manche Verluste.

Zwar hatte schon Bischof Volrad von Halberstadt im Jahre 1284 den Bannfluch über diejenigen ausgesprochen, welche sich an der Person oder den Sachen derer, die nach der Himmelpforte wallfahrteten, vergriffen, oder das Kloster sonst gewaltsam beeinträchtigen würden. Aber daran kehrten sich die Herrn Raubritter wenig, zumal da auch für die Uebertretung eines solchen Verbotes leicht wieder Ablaß erkauft werden konnte.

Daher geschah es, daß gleich im Anfange des 14ten Jahrhunderts der gute Bruder Degenhard, ein herumreisender Almosen=Sammler unseres Klosters, als er der Himmelpforte eine schöne Ladung von wollenen Tüchern und anderen Sachen zuführen wollte, von einem Truchseß von Alvensleben und von den Gebrüdern von Romersleben überfallen, seiner Ladung sammt der Pferde beraubt und selbst gefangen genommen und auf ein Raubschloß fortgeschleppt wurde.

Auf eine noch viel ärgere Weise trieben es am Ende des 14ten Jahrhunderts die Grafen von Reinstein, die auf dem jetzigen Regensteine hausten, indem sie das Kloster Himmelpforte mit Raub und Brand überfielen und die friedlichen Mönche barbarisch schunden und plünderten.

Ei, sagte der Förster, unwillkührlich die Hand an den Hirschfänger legend, beschützten denn die guten Herrn von Hartesrode das Kloster nicht?

Vielleicht, entgegnete der Archivarius, waren sie dazu nicht mehr im Stande; wenigstens erhellt aus einer Urkunde von 1398 so viel, daß damals der letzte ihres Stammes bereits verstorben war.

Indessen nach ihrem Aussterben bestand doch ihre Stiftung noch länger als ein Jahrhundert im Segen fort.

Von der Bildung und Gelehrsamkeit, die in dem Kloster Himmelpforte in jenen, sonst so finsteren Zeiten herrschte, sind uns einige erfreuliche Zeugnisse übrig geblieben. Schon unter jenen Mönchen, welche von der Himmelpforte aus nach Quedlinburg verpflanzt wurden, war einer Namens Jordan gewesen, der nachher Professor der Theologie wurde und eine Menge von gelehrten Schriften hinterlassen hat. Ein Hauptgeschäft der Augustiner=Mönche überhaupt und derer in der Himmelpforte besonders war der Unterricht und die Erziehung der Jugend. Es gab damals keine öffentlichen Schulen außer in den Klöstern und Stiftern. Der Augustiner=Orden setzte seinen Ruhm nächst der Beredsamkeit seiner Prediger vorzüglich darein, gelehrte und würdige Zöglinge aufzuziehen. Die Zahl der Prediger, des Klosters Himmelpforte war auf zwölf festgestellt, die frühzeitig auch in der Stadt Wernigerode gewisse Predigten hielten. Unter anderem hatten sie des Sonntags Nachmittags in der Nicolai=Kirche zu predigen.

Ein ausgezeichneter Beweis von der Vorzüglichkeit der Schule der Himmelpforte ist der, daß in derselben der fromme, gottesfürchtige und gelehrte Graf Albert von Wernigerode von Kind auf erzogen war, der 1386 Domprobst und 1411 Bischof von Halberstadt wurde, das Bisthum 7 Jahre lang vortrefflich regierte, guten Frieden hielt und keine anderen Kriege führte außer gegen die Raubritter von der Harzburg und ihresgleichen. Dieser Bischof erwies sich denn auch, wie natürlich, aus schuldiger Dankbarkeit, dem Kloster Himmelpforte sehr günstig. Er war ein Bruder des letzten Grafen Henrich von Wernigerode, nach dessen im Jahre 1429 erfolgten Tode unsere Grafschaft durch einen Erbvertrag an das Haus Stolberg kam.

Bei dieser Erwähnung rief der Förster: »Vivat, das Haus Stolberg!« in welchen Ruf denn nebst der ganzen übrigen Gesellschaft auch der Archivarius freudig einstimmte, jedoch sogleich nach Ausleerung des ihm dargereichten Glases selber bat, ihn seine einmal angefangene Erzählung nun auch bis zu Ende bringen und wenigstens noch von der wichtigsten Hauptperson aus der Geschichte des Klosters Himmelpforte reden zu lassen.

Diese war ohne Zweifel, fuhr er rasch fort, da alsbald Alles mäuschenstill wurde, der berühmte Andreas Proles, der 1429 in Dresden geboren war, in Leipzig studierte, 1451 als Mönch in dem Kloster Himmelpforte eingekleidet wurde, 1456 zu der Würde eines Priors dieses Klosters und einige Jahre darauf zu der eines Provinzials des Augustiner=Ordens in Deutschland erhoben wurde, während er seinen Sitz in Himmelpforte beibehielt. Mehr als diese seine hohe Würde, worin er den edlen Staupitz, den väterlichen Freund und Gönner Luthers, zum Nachfolger hatte, gereicht dem Andreas Proles zum Nachruhme, daß er ein Zeuge der Wahrheit vor Luther und ein Vorläufer der Reformation zu heißen verdient. Er war ein Mann von exemplarischem Lebenswandel, ein gewaltiger Prediger, voll weitläufiger Wissenschaft, schrieb indessen nur wenig.

Er sah den Verfall der Religion und der Geistlichkeit zu seiner Zeit ein, forderte deren Verbesserung, erklärte freimüthig Hussens Verdammung für eine begangene hinterlistige Ungerechtigkeit und weissagte einen nahen Fall der päpstlichen Herrschaft. Obgleich er es dabei bewenden ließ und zu der Herbeiführung der gewünschten Verbesserung nicht selbst Hand ans Werk legte, weil er sich dazu für zu schwach und zu alt hielt, so hatte er sich über seine Meinungen und Gesinnungen doch so kräftig geäußert, daß er dadurch dem päpstlichen Stuhle verhaßt geworden war. Er pflegte zu seinen Augustinern zu sagen: O ihr Brüder, die Christenheit hat einer tapfern und großen Reformation nöthig und ich sehe schon, daß sie sehr nahe ist. Gott wird einen Held erwecken, der genug Jugend, Kräfte, Fleiß, Lehre, Gaben und Beredsamkeit haben wird; der soll die Reformation anfangen und den Irrthümern sich entgegen setzen. Dergleichen Aeußerungen waren nicht verborgen geblieben.

Schon hatte Proles einige Male nach Rom reisen müssen und hatte dabei das dortige Unwesen selbst angesehen. Auf einer neuen Reise dahin begriffen, ward er plötzlich in den Bann gethan und mußte, von Banditen und Meuchelmördern verfolgt, heimlich aus Welschland fliehen. Der Erzbischof von Magdeburg bewirkte seine Lossprechung, doch sollte er sich selbst in Rom stellen und sich verantworten. Im hohen Alter trat er zum vierten Male den Weg an. Unterwegs, an der Gränze von Deutschland, ließ ihn ein Kardinal durch einen geheimen Boten warnen, ja nicht nach Rom zu gehen. Er achtete den Rath, kehrte um, sah aber die Himmelpforte nicht wieder, sondern starb am 6. Juni 1503 in dem Kloster zu Kulmbach.

»Friede sei mit seiner Asche!« sprach in gerührtem, feierlichen Tone der Prediger. Ja, und mit dem Kloster Himmelpforte auch! fügte der Archivarius hinzu, denn von diesem habe ich nichts mehr zu erzählen, als die Geschichte seines traurigen Untergangs.