IV.
Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, so begann Vater Lehrwart seine Erzählung, gab es unter den Christen manche, welche in ihrem ernstlichen und eifrigen Streben, ein recht frommes heiliges Leben zu führen, so weit gingen, daß sie sich ganz von der übrigen menschlichen Gesellschaft absonderten und in Höhlen und Wüsten begaben, um in der Einsamkeit desto ungestörter ihre Andacht verrichten und sich desto besser in der Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung üben zu können. Unter den Leuten dieser Art, die man Eremiten oder Einsiedler nannte, erlange einen besonders großen Ruf der Frömmigkeit und Heiligkeit ein gewisser Antonius, der deshalb auch der Heilige oder der Große hieß und der zu der Zeit des ersten christlichen Kaisers, Constantin des Großen, 300 Jahre nach Christi Geburt, in Aegyptenland lebte. Zu diesem gesellten sich in seiner Einsamkeit bald mehrere gleichgesinnte Leute, welche ihre Hütten neben die seinige bauten und eine der seinigen ähnliche Lebensart führten. Dieß Beispiel von Vereinigung einer frommen Gesellschaft zu einer gemeinschaftlichen heiligen Lebensart fand anderweit Nachahmung. Man erbaute sich in abgelegenen, unbewohnten stillen Gegenden Häuser, in denen man zusammen mit anderen Gleichgesinnten wohnen und sich gemeinschaftlich mit ihnen der Andacht und Frömmigkeit befleißigen wollte. Solche Häuser wurden Klöster und die Bewohner derselben Mönche und Nonnen genannt.
Auch fehlte es nicht an reichen und vornehmen Leuten, welche zwar nicht selbst Lust hatten, das für besonders heilig und Gott wohlgefällig gehaltene Klosterleben zu führen, aber doch für Andere auf ihre Kosten Klöster erbauen ließen und dieselben überdem mit Gärten und Feldern und allerlei Einkünften zum Lebensunterhalte ihrer Bewohner ausstatteten, weil sie das für ein gutes Werk hielten, um dessen willen sie wähnten in den Himmel zu kommen.
Es hatte sich bald gezeigt, daß diejenigen, welche in den Klöstern lebten, nicht bloß Vorsteher, sondern auch bestimmte Gesetze haben müßten, nach denen sie sich richteten, damit Ordnung unter ihnen statt fände. Die Gesetze, welche in einem Kloster befolgt wurden, nannte man die Regel desselben. Alle die Mönche und Nonnen, welche dieselbe Kloster=Regel befolgten, machten zusammen einen Orden aus und pflegten auch zum Unterschiede von anderen eine besondere Kleidung zu tragen, fast wie die verschiedenen Truppen=Gattungen einer Armee.
Sie waren auch in der That gleichsam die geistlichen Soldaten des Papstes und trugen sehr viel zu der Ausbreitung und Aufrechterhaltung der angemaßten Gewalt dieses vermeintlichen Statthalters Christi auf Erden bei. Jeder besondere Orden hatte einen eigenen General. Ueber die Klöster eines Ordens, die sich in einem und demselben Lande befanden, war ein Provinzial gesetzt. Die Vorsteher der einzelnen Mönchsklöster pflegen Aebte, Prioren oder auch wohl Pröbste zu heißen. Die Nonnenklöster hatten Aebtissinnen oder Priorinnen an ihrer Spitze.
Anfangs gehörten zwar die Kloster=Leute mehrentheils dem weltlichen Stande an und nur zu den Vorstehern der Klöster pflegte man Geistliche zu wählen. In der Folge aber erlangten auch die meisten der Mönche, welche einige Gelehrsamkeit und Bildung besaßen, das Ansehen und die Rechte der Geistlichen und genossen dann auch in den Klöstern manche Vorzüge vor den übrigen Mönchen, welche Laienbrüder genannt wurden und geringere Dienste verrichteten, z.B. allerlei Handarbeit leisten, die Aecker und Gärten des Klosters bestellen, auch wohl in den benachbarten Städten und Dörfern terminiren d.h. umherziehen und milde Beiträge für die Unterhaltung des Klosters einsammeln, mit einem Worte: betteln mußten, während ihre geistlichen Brüder theils in der Umgegend predigten und andere gottesdienstliche Geschäfte verrichteten, theils der Jugend Unterricht gaben, theils innerhalb der Klostermauern in ihren Zellen allerlei Wissenschaften studirten und sich besonders viel mit dem Abschreiben der heiligen Schrift und anderer Bücher beschäftigten, wodurch sie sich um die Mit= und Nachwelt hauptsächlich verdient gemacht haben.
Die Klosterregeln der verschiedenen Orden wichen von einender darin ab, daß sie mehr oder minder strenge Vorschriften für die tägliche Lebensordnung der Klosterleute enthielten. Darin aber stimmten fast alle überein, daß sie den, der einmal in den Orden aufgenommen wurde, durch ein feierliches Gelübde zum unbedingten Gehorsam gegen die Vorgesetzten, zum ehelosen Leben, zu vielen an gewissen Stunden des Tages und in der Nacht zu haltenden Andachtsübungen, zu mancherlei Selbstverläugnungen und besonders zu häufigem Fasten verpflichteten. Doch wurde unter dem Fasten nicht die strenge Enthaltung von aller Speise, sondern nur die Verzichtung auf den Genuß des Fleisches an gewissen Tagen verstanden und auch dieß war wieder dadurch gemildert, daß dabei der Genuß von Fischen, als welchen man kein Fleisch zuschrieb, erlaubt war. Daher pflegten natürlich die Klosterleute so gescheut zu sein, dafür zu sorgen, daß es ihnen an Fischen nicht fehlte und legten alle viele Fischteiche in der Nähe ihrer Klöster an. Auch die Mönche des vormaligen Klosters Himmelpforte haben es so gemacht, wie ihr die deutlichen Spuren davon sogleich mit euren eigenen Augen sehen könnt.
Man hatte während der letzten Erzählung das Thal der Holtemme, in dem die Kolonie Friedrichsthal liegt, die nahe vor dem Westernthore von Wernigerode anhebt, verlassen und den Weg in ein Seitenthal eingeschlagen, dessen Anfangs ziemlich weite Mündung sich an dem Punkte, wo man jetzt stand, verengte. Hier sah man einen hohen Damm, der das Thal vormals geschlossen hatte, aber durchstochen war, so daß das sonst von dem Damme angehaltene und angesammelte Wasser eines kleinen Bächleins abfließen konnte. Mit verwunderungsvollen Ausrufungen, wodurch sie die folgende Fortsetzung der Erzählung des Vaters Lehrwart öfter unterbrachen, zählten die Kinder nachher noch sechs bis sieben ähnliche Dämme in dem Thale, in welchem man weiter hinauf stieg.
Vorerst sah sich der Vater Lehrwart genöthigt, eine kleine Pause in seiner Erzählung zu machen, weil der Fußpfad, den man verfolgte und der an dem Bergabhange zur Rechten des Thalgrundes hinlief, so schmal war, daß die Gesellschaft sich in eine lange Reihe auflösen mußte und nur einzeln hintereinander hergehen konnte.