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Part 1

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[Illustration: Cover]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden

Mitteilungen Heft 11 bis 12

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends deutscher Kultur – Das Herz im Walde, ein kleines deutsches Krippen- und Sonnenwendspiel – Beim Türmer in Marienberg – Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf – Wo die Sage raunt – Wie »Tier«photographien entstehen können – Das verborgene Gesicht – Sachsens Binnenlands-Seeschwalben – Der Floßgraben bei Pegau – Deutsche Volkskunde – Schützenfest in der Kleinstadt – Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung für die allgemeine Geschichte – Das Liebenauer Christspiel – Galgenmauern – Bücherbesprechungen

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Dresden 1926

Ziehung _bestimmt_ am 9. und 11. April 1927

3. Geldlotterie

für die Erhaltung des Dresdner Zwingers

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden-A., Schießgasse 24

Band XV Heft 11/12 1926

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 30. November 1926

Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends deutscher Kultur

Von _Otto Eduard Schmidt_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Wer in Chemnitz, dem geräuschvollen Mittelpunkt unserer sächsischen Eisen- und Webwarenindustrie

»stumpf über Hallen und Höfen den träge zerfasernden Atem der Kessel und Öfen«

gesehen und dann wieder »straßenlang gefoltertes Eisen zetern« gehört hat, der ist, wenn er der Stadt den Rücken kehrt, darauf gefaßt, noch lange Strecken zwischen Schornsteinen und surrenden Maschinen dahinzufahren. Ja, wenn gar die noch größere Fabrikstadt Leipzig, in der Luftlinie nur siebzig Kilometer von Chemnitz entfernt, sein Ziel ist, dann fürchtet er wohl, auf der ganzen Strecke nicht aus der rußigen, hämmernden, spinnenden und wirkenden Sphäre des sächsischen Manchesters herauszukommen. Aber glücklicherweise ist dem nicht so. Schon hinter Neumittelwittgensdorf strecken sich nach allen Richtungen wieder gesegnete Breiten von Äckern aus, die der Sense des Schnitters entgegenwogen. In Burgstädt stellen sich zwar die Fabrikschlote, Geschäftshäuser und die langen Zeilen der Arbeiterwohnungen noch einmal in Reih und Glied zum Kampf gegen die agrarischen Gewalten, aber sie können den Sieg nicht behaupten. Denn weiterhin gewinnt das ländliche Element unumstritten wieder die Oberhand, und wenn auch die Wasser der Mulde, die wir hinter Cossen kreuzen, mit ihrer dunklen Farbe noch von der Knechtschaft reden, die sie bis dahin erduldet haben, so sind doch die Zuchtmeister des geschändeten Flusses selbst nicht mehr sichtbar: in ihren natürlichen Verhältnissen liegen die fruchtbringenden Täler da, und aus den Wiesengründen heben sich die grünen Baumgewölbe der den Bach begleitenden Erlen, Pappeln und Linden empor bis zu den beherrschenden Höhen, die dunkelgrüne Nadelwälder umsäumen. Der starke und bis heute erfolgreiche Widerstand, den das zwischen den beiden Großstädten liegende zentrale Gebiet der neuzeitlichen Industrialisierung entgegensetzt, wurzelt in dem noch unzerstörten Erbe der deutschen Kolonisationszeit, in der lehnsmännische, kirchliche und bäuerliche Kulturschöpfungen wie ein engmaschiges, festverknotetes Netz dieses Gebiet überzogen haben. Drum scharen sich noch heute echte deutsche Bauerndörfer hier um eine ragende Burg, dort um die Ruine eines Klosters, dort um eine altertümliche Kirche, deren Glöcklein jeden Morgen und jeden Abend für die Einheimischen wie für den Wandersmann über die grünen Auen siegesgewiß ruft: »Wir sind noch da, wir leben noch und hoffen noch manches Jahrhundert zu leben«. Und so geht es weithin nach Norden fort, bis die Randzone der Leipziger Pflege den grünen Scharen der Ländlichkeit neue Kämpferhorden des Gewerbfleißes siegreich entgegenwirft … Wir wollen heute nicht bis zu dieser Linie vordringen, sondern im Herzen des ländlichen Bezirks bleiben, um einen wichtigen Stützpunkt der alten Kultur- und Lebensweise in aller Muße zu betrachten und dem zu lauschen, was er uns Spätgebornen zu erzählen hat.

[Illustration: Abb. 1. =Burg Gnandstein vom Kohrener Wege aus. Bergfried und Schildmauer=]

In Narsdorf verlassen wir die Bahn. Zwei stämmige Rappen ziehen uns durch eine reichgegliederte Kulturlandschaft alten Stils. Zur Linken winkt aus sattgrünen Wipfeln das trauliche Sahlis, einst die Arbeitsstätte des Dichters Börries von Münchhausen, der jetzt im Schlosse Windischleuba nahe bei Altenburg wohnt, rechts die heroische Linie der beiden dohlenumflatterten Bergfriede von Kohren mit der stimmungsvollen Kirche und zu ihren Füßen das idyllische Städtchen, in dem der Ackerbürger noch immer den vorherrschenden Stand bildet. Ein steilerer Anstieg des Sträßchens verkündet die Nähe der uralten Burg _Gnandstein_ (Abb. 1), und bald grüßt uns der zinnengekrönte Turm des Schlosses und unten auf smaragdener Wiese die behagliche Rinderherde des Gutshofes. Wir durchfahren den Zwinger, vor dem zweiten Tore (Abb. 2) steigen wir aus dem Wagen. Der Schloßherr, Kammerherr von Einsiedel, begrüßt und geleitet uns in die uns zugedachten Zimmer. Ich hause in zwei traulichen Räumen des älteren Torhauses. Aus jedem der sechs Fenster schaue ich auf ein anderes Landschaftsbild, aber überall herrscht das Grün alter Baumwipfel. Eine weiße Tür führt in eine Nische, in der man die gewaltige Mauerstärke messen kann, und selbst das einscheibige Fensterlein der Nische, eine ehemalige Schießscharte, lenkt den Blick an der Talseite des Schlosses vorbei und vorbei an den weißen Giebeln des tief unter mir ruhenden Dorfes hinüber zu der 1518 vollendeten gotischen Kirche (auf der anderen Seite des Tals), in der die lange Reihe der auf Gnandstein gesessenen Einsiedel schlummert. Aus meinem Vorzimmer führt der Wehrgang auf einer schwanken Bohle, die nur lose auf den mächtigen Balken liegt, hinüber in die gotischen Teile der Burg (Abb. 3), durch das Fenster des Vorraums aber blicke ich empor zum gekoppelten romanischen Fenster des über dem Torbau aufstrebenden älteren Palas; und ins obere Stockwerk des Torhauses, wo mein Reisegefährte wohnt, führt ein echter Wendelstein aus den Tagen Arnolds von Westfalen empor. So bin ich mitten hineingestellt in die ganze romanische und gotische Herrlichkeit und Heimlichkeit dieser alten Burg, und ein wohliges Gefühl des Geborgenseins überkommt mich, das ganz und gar dem Namen und Zweck der »Burg« entspricht.

[Illustration: Abb. 2. =Blick vom zweiten Burgtor aus in den Zwinger=]

Wann und wie ist dieses wundersame Gebilde des »Gnannensteins« entstanden? Der älteste Teil, der auf der höchsten (östlichen) Felsplatte errichtete kreisrunde Bergfried (36 Meter hoch, 9¹/₃ Meter Durchmesser, 3¹/₃ Meter Mauerstärke, 2²/₃ Meter Hohlraum) führt uns in entlegene Jahrhunderte zurück. Zwischen sechshundert und neunhundert war dieser Landesteil in den Händen der Sorben-Wenden gewesen, aber im zehnten Jahrhundert wurde er von den über die Saale und Elster wieder vorgedrungenen Deutschen zurückerobert und durch feste Burganlagen gesichert. Im Verein mit der ebenso alten Feste _Kohren_, von der zwei gewaltige Rundtürme übrig geblieben sind, bildete Gnandstein schon um das Jahr Tausend den festen Mittelpunkt der deutschen Verwaltung: Bischof Thietmar von Merseburg erzählt uns, daß er am 2. Mai 1018 seinen »Hof Chorun« besuchte, die Christen der Umgegend, die sich dort zusammenfanden, segnete und ganze sieben Tage dort zubrachte. Eine zweite Bauperiode, die sich die Erfahrungen der Kreuz- und Römerzüge zunutze machte, umgab den Bergfried (zwischen 1150–1200) auf der Nord- und Ostseite mit einer zweischenkeligen, zinnengekrönten Schildmauer, der im Westen anfangs eine Mauer, später ein Wohngebäude, der »Neubau«, im Süden ein romanischer Palas und das ihm rechtwinkelig vorgelegte Torgebäude entsprach. Seitdem bildete die Burg (Abb. 4) ein geschlossenes Viereck mit engem Hofe, aus dem der Bergfried gewaltig emporstieg.

[Illustration: Abb. 3. =Das zweite Burgtor von innen, Wehrgang (rechts) und Zwinger=]

Seit dieser Zeit (1205) ist Gnandstein der Sitz eines vornehmen ritterlichen Geschlechts: der Marschall oder Kämmerer des Markgrafen von Meißen, die ihren Amtstitel zugleich als Familiennamen führen; so gibt es einen Heinrich Marschall von Gnannenstein, sein jüngerer Bruder Konrad nennt sich Kämmerer von Gnannenstein; beide gehören schon durch ihre Hofämter zu dem besonders angesehenen Teile des Meißner Lehnsadels. Sie verpflanzten ein gewisses ritterlich-höfisches Leben auch auf ihre Burg. Der steinerne Zeuge davon ist noch heute der bei aller Schlichtheit vornehme romanische Saal im Palas mit seinen schönen gekoppelten romanischen Fenstern und den Resten eines Kamins, der Saal, in dem des fahrenden Sängers Lied ertönte und den Frauen nach der Sitte des Minnedienstes ritterlich gehuldigt wurde. (Abb. 5.) Keine andere sächsische Burg hat ein so echtes und so altes Kleinod aufzuweisen (Abb. 6). Die Marschall von Frohburg (nördlich von Gnandstein), die Marschall von Mockritz und die Marschall von Bieberstein, ebenso die Kämmerer von Gruna sind aus der Familie der Schloßherren von Gnandstein hervorgewachsen, indem sie ihren alten Amtstitel mit dem Namen eines neuen Besitztums verbanden.

[Illustration: Abb. 4. =Gesamtansicht von Gnandstein.= Rechts das geschlossene Viereck der romanischen Burg mit Bergfried, Schildmauer und Palas. Links der größere gotische Palas; das ihm nördlich gegenüberliegende »Bollwerk«, mit dem Kapellenflügel überbaut, ist nur teilweise sichtbar]

Eine dritte Bauperiode legte um 1350 auf der weit geräumigeren Westplatte des Gnandsteiner Felsens eine größere gotische Burg an, die mit der romanischen durch einen steinernen Wehrgang (siehe oben) an der Südseite verbunden war und aus einem zweiten Torbau, einem hochragenden Palas und einem langgestreckten »Bollwerk« auf der Nordseite bestand. Sowohl dieser gotische Palas wie das später zum Kapellenflügel ausgebaute Bollwerk erheben sich auf tief in den Felsen eingearbeiteten, in Tonnenform gewölbten Unterkellerungen, die unter dem Palas bis zum Wasserspiegel der Wyhra hinabreichen und teils der Wasserversorgung (Brunnenstube), teils der Verteidigung dienten.

[Illustration: Abb. 5. =Der Aufgang zum romanischen Saal im Palas.= Rechts vor den Holzsäulen der kleine viereckige Hof, in dem der Bergfried steht]

Nur zwei bis drei Menschenalter nach der ersten Erbauung der gotischen Burg kam Gnandstein in die Hand des seit 1435 im Kohrener Land angesessenen Geschlechts derer von Einsiedel. Die Nachricht des Fabricius, daß schon 1265 ein Heinricius ab Einsiedel de Gnannenstein zu verzeichnen und daß seit 1427 die Burg das Stammschloß dieser Familie sei, ist urkundlich nicht verbürgt. Der erste geschichtlich beglaubigte Einsiedel auf Gnandstein ist Hildebrand I. (seit 1435), der 1451 die Burg Kohren hinzu erwarb und mit dem Prinzenräuber Kunz von Kauffungen verschwägert war. Sein Sohn Heinrich I. Einsiedel († 1507) eröffnete die vierte Bauperiode, indem er den engräumigen gotischen Palas zwischen 1475 und 1500 im Geiste Arnolds von Westfalen, des Erbauers der Meißner Albrechtsburg, durch einen bequemeren, schon die Weiträumigkeit der Renaissancekunst zeigenden Wohnbau ersetzte, der noch heute den Mittelpunkt des Gnandsteiner Burglebens bildet (Abb. 4), und zugleich das ihm nördlich gegenüberliegende Bollwerk mit einem seinen Grundlinien folgenden Kapellenbau bekrönte. Eine aus der westöstlichen Hauptachse rechtwinkelig nach Norden ausfallende Bastion bildete dabei eine Art von Apsis des langgestreckten Gotteshauses. Das verfeinerte Adelsleben des achtzehnten Jahrhunderts führte eine fünfte Bauperiode herauf: längs des Wohnschlosses wurde im Inneren des Burghofes eine Reihe steinerne Arkaden errichtet als Träger von Gängen vor den Zimmern des ersten und zweiten Obergeschosses, auf denen die aufwartenden Diener hin und her eilten. Diesem die ganze Nordwand des Palas umspannenden Vorbau entsprach auf der gegenüberliegenden Hofseite ein aus hölzernen Säulen und Brettern gefügter Vorbau, auf dem in beiden, auf offenen Holztreppen erreichbaren Obergeschossen Holzgänge zu den Kaminen und Türen führten, durch die man in die Kapelle und in die alte Gerichtsstube und einige Nebenräume gelangte. Endlich begann, laut Ausweis der noch vorhandenen Rechnungen, 1809, ein reichliches Jahr nach dem Einzuge der jungen Schloßherrin Julia von Einsiedel geborenen Kunze, eine sechste und letzte Bauperiode, bei der die alten baufälligen Holzgänge am Kirchengebäude abgerissen und dadurch ersetzt wurden, daß man die Treppe einerseits in den Keller hinab und andererseits durch ein ehemaliges Gewölbe und zwei Kammern des Westbaues bis zum Boden emporführte, auch die neben der Kapelle befindliche Stube wurde zum Vorzimmer der Kapelle gemacht (1812). Gleichzeitig wurde der Eingang in den Zwinger (Burggraben) unter dem Bogengang des Wohngebäudes durchgebrochen und der Holzschuppen und Wagenschuppen teilweise in Stein erneuert und endlich der steinerne Arkadengang der Langseite des Kirchenbaues vorgelegt. Damit war, wenn man von kleinen Besserungen und Vervollkommnungen absieht, die die neuzeitlichen Lebensgewohnheiten einführten, ungefähr der Baubestand der Burg erreicht, der noch heute besteht.

[Illustration: Abb. 6. =Der romanische Saal im Obergeschoß des älteren Palas mit den romanisch-gekoppelten Fenstern und den Resten des Kamins in der rechten vorderen Ecke=]

Vielfältig waren die Schicksale der Burg und ihre Beziehungen zu den Zeitverhältnissen. Bei der Gründung von Gnandstein überwog der Gedanke, durch diese Burg die umwohnenden Slawen zu beherrschen alles andere. Später diente sie der Sicherung der deutsch-christlichen Bauern der benachbarten Dörfer vor feindlichen Überfällen und zum Schutze der von Halle über Merseburg und Leipzig über Chemnitz nach Prag führenden Straße (Salzstraße), im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert war sie der Brennpunkt eines hochstrebenden ritterlichen Lebens, das in diesem burgenreichen Landesteil (Gnandstein, Kohren, Sahlis, Rüdigsdorf, Frohburg, Wolftitz, Waldenburg, Wolkenburg, Rochsburg, Wechselburg, Rochlitz) sich besonders reich entfaltete. Aber noch im sechzehnten Jahrhundert galt der Gnandstein als die festeste und sicherste Burg Westsachsens: noch liegen in ihrem Archiv die Verzeichnisse der Kostbarkeiten und Schätze, die aus dem Vogtland und aus pleißenländischen Edelsitzen während des Schmalkaldischen Krieges in der Gnandsteiner Burgkapelle geborgen wurden.

Die Gnandsteiner Lehnsbriefe sind auf dem sächsischen Hauptstaatsarchive leider erst vom Jahre 1539 an erhalten. Sie zeigen den weiten Umfang des Besitzes der Einsiedel auf Gnandstein. So umfaßt der Lehnsbrief, den Herzog Heinrich im Jahre 1539 zu Kempnitz (Chemnitz) Donnerstags nach Martini dem Heinrich Hiltbrand von Einsiedel verlieh, außer Schloß und Dorf Gnandstein die Dörfer Wüstenstein und Dolsenhain, Dorf und Vorwerk Syhra »mit der Siritz«, Trusselsdorf, Roda, Niedergräfenhain in der Rochlitzer Pflege »wie solch Dorf Her Heinrich von Einsiedeln seliger sein Vater etwan von Caspar und Gorgen von Rüdigstorff abkaufft und zu Lehen empfangen, ynnegehapt, besessen und gebraucht hat«, ferner Einkünfte aus Rattendorf, Zinsen zu Seyffersdorf, Breitenborn, Ottenhain, Geithain, Wickershain, Weißbach und Nauenmerbitz. Besonders im Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert und in der Zeit der Reformation offenbarten die Gnandsteiner Herren von Einsiedel Treue gegen den Landesherrn, religiösen Sinn und hohes Verständnis für die bildende Kunst. Heinrich I. Einsiedel, der Erbauer des westlichen Wohnschlosses in seiner heutigen Gestalt und des Kapellenflügels, war der vertraute Rat des Kurfürsten Ernst und des Herzogs Albrecht, sein Sohn Heinrich II. Hildebrand, der Freund Luthers, beherbergte am 18. April 1547 den Kaiser Karl V. und bemühte sich, »durch Interzession großer Herren und der Kaiserlichen Räte« den Kaiser von der Fortsetzung des Heereszuges gegen den Kurfürsten Johann Friedrich abzuhalten. Ein reicher Legendenkranz hat sich um das, was damals in Gnandstein vorging, herumgeschlungen. Ein ehemals (1895) im Dresdner Hauptstaatsarchiv im Locat (Fach) 9142 befindliches, augenblicklich nicht auffindbares Manuskript erzählt, der Kaiser, der im Schlosse selbst zur Nacht blieb, während sein Bruder Ferdinand, der Böhmenkönig, in der Dorfschänke, die sächsischen Herzöge Moritz und August aber unterm Zelt im freien Feld ihr Lager hielten, habe sich gewundert, daß er in einem ketzerischen Hause Bilder der bedeutendsten Kirchenlehrer mit frommen Unterschriften an den Wänden fand und daß der Hausherr dem Hause Sachsen so redlich Treue hielt.

Im Freiheitskrieg war die Pflegeschwester Theodor Körners, Julie von Einsiedel geborene Kunze, die Gattin Alexanders von Einsiedel, Schloßherrin auf Gnandstein. Sie war die Tochter des Leipziger Kauf- und Handelsherrn Kunze, eines vertrauten Freundes Christian Gottfried Körners, des Vaters des Dichters. Dieser nahm nach dem Tode der Eltern die verwaiste Tochter Julie, ein sehr schönes und reich, namentlich musikalisch begabtes Kind, in sein Haus auf. Sie war die Seele der kleinen Aufführungen, die Theodor Körner schon als Knabe veranstaltete. Im Jahre 1807 hatte Heinrich von Kleist um sie geworben, aber sein stürmisches und krankhaftes Wesen hatte ihre Liebe nicht ausreifen lassen. Am 2. November hat sie Alexander von Einsiedel auf Gnandstein geheiratet. Und hier fand Theodor Körner, als er nach seiner schweren Verwundung bei Kitzen aus Leipzig flüchtete, vom 27. bis 28. Juni 1813 ein Asyl, aus dem er am 28. nach Chemnitz und von da über die böhmische Grenze nach Gottesgab und Joachimstal gelangte. Hier, im Bereiche der böhmischen Armee der Verbündeten war er vor den Schergen Napoleons gerettet. Unterwegs schrieb er auf einen Zettel an Julie von Einsiedel: »Gnandsteins Gebieterin grüßt noch mit herzlichem Dank C. T. Körner« und auf der Rückseite die beiden Distichen:

»Lebe wohl, du freundliches Schloß, wo die Schwester mir weilet, Die mit melodischem Ton lieblich den Wandrer begrüßt; Süß, wie des Frühlings Pracht auf deiner Flur mich umfangen, So, an des Gatten Herz, blüh ihr ein ewiger Lenz!«

Ein Erinnerungsstein an Theodor Körner und Julie von Einsiedel, den die jetzige Schloßherrschaft im Garten errichtet hat, trägt diese Verse als Inschrift (Abb. 7).

Ein gütiges Schicksal hat die Burg Gnandstein vor feindlichen Erstürmungen und vollständigen Einäscherungen bewahrt; nur kleinere Feuerschäden, zwei davon durch Blitzschlag, werden aus den Jahren 1577 und 1646 und eine durch schwedische Brandstiftung (1632) verzeichnet.

So gehört Gnandstein neben Kriebstein nicht nur zu den am reichsten entwickelten, sondern auch zu den am besten erhaltenen Burganlagen Sachsens. Und dem jetzigen Burgherrn, Kammerherrn Hans von Einsiedel und seiner Gemahlin gebührt der aufrichtige Dank aller wahren Altertumsfreunde, daß sie die in Rücksicht auf die Behaglichkeit des Wohnens wünschenswerten Veränderungen des Burginnern auf ein Mindestmaß beschränkt haben und daß sie die baulichen Wiederherstellungen verfallener Teile in der alten Schlichtheit und Wahrhaftigkeit haben durchführen lassen. Das gilt namentlich von den Arbeiten des Architekten Kandler an den romanischen Teilen der Burg. Der Bergfried nebst seinen Schildmauern und der Palas, insbesondere der große Saal, strahlen noch heute den kraftvollen, etwas rauhen Geist der Zeit ihrer Entstehung wieder, ohne jede süßliche Verschönerung. Sie wirken deshalb natürlich viel nüchterner auf den Beschauer als die mit Werken neuzeitlicher Künstler geschmückten Säle der Wartburg, aber auch viel echter (Abb. 6). Hervorzuheben ist auch der aus echten alten Stücken der Schloßeinrichtung zusammengestellte »Empire-Saal« und das »Biedermeierzimmer«, sowie die Beschaffung eines die handschriftlichen Schätze des Hauses in mehreren Zimmern des Erdgeschosses vereinigenden Archives.

[Illustration: Abb. 7. =Erinnerungsstein an Theodor Körner im Schloßgarten=]

In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen des Schloßherrn besonders der Auffrischung des _Kapellenflügels_ zugewendet (Abb. 8). Über den ursprünglichen Bestand dieses eigenartigen Bauwerkes (siehe Seite 370) an kirchlichen Kunstwerken und Einrichtungsstücken fehlt es leider an jeder zeitgenössischen Nachricht. Man wird aber wohl annehmen dürfen, daß die Sitzbänke des langgestreckten Raumes, wenn auch nicht in allen Einzelheiten (siehe unten Seite 381), ferner die älteren Glasmalereien der Fenster, der Wandschrank mit den geschnitzten Wappen Heinrichs I. von Einsiedel und seiner Frauen, eine Kanzel (die jetzige ist allerdings späteren Ursprungs und steht auch nicht an der ursprünglichen Stelle), vor allem aber die _drei schönen Flügelaltäre_, die vermutlich auch das Andenken an die drei Eheschließungen Heinrichs lebendig erhalten sollten, zur ursprünglichen Ausstattung der Kapelle gehören.

[Illustration: Abb. 8. =Der Kapellenbau in der Längsachse, im Vordergrunde rechts der Anfang der nördlich gerichteten Apsis und ein Stück des Betschemels (S. 378), im Obergeschoß der Kapelle die Betstübchen der Frauen=]

Der am Ostende der Längsachse des Kapellenbaues aufgestellte Altar ist der schönste und best erhaltene (Abb. 9). Er gilt seit Flechsig (Zeitschrift für bildende Kunst XX [1909] Seite 234) für eins der Werke des Zwickauer Meisters _Peter Breuer_, eines Zeitgenossen Till Riemenschneiders, der wie dieser (Riemenschneider) von der Würzburger Bildschnitzschule beeinflußt war, aber in Einzelheiten auch wieder seine eigenen Wege ging. Er war um 1470 in Zwickau geboren, wird 1492 als »Peter Breuer von Zwickaw« in Würzburg als Geselle erwähnt (Hentschel, Sächs. Plastik um 1500, S. 35), schuf 1497 den Altar von Steinsdorf bei Elsterberg (sein erstes Werk in Sachsen) und darnach eine große Reihe von Altarwerken, die über das nördliche Vorgelände des Erzgebirges und des Vogtlandes verstreut sind, vereinzelt aber auch sich im Erzgebirge selbst und im nördlichen Böhmen finden. Die Liste seiner Werke ist noch nicht völlig abgeschlossen (siehe Seite 378).

[Illustration: Abb. 9. =Der Marienaltar von Peter Breuer am Ostende des Kapellenbaues.= An der linken Seitenwand der alte Kruzifixus aus der Gnandsteiner Dorfkirche, davor ein Stück des Annenaltars]

Der Gnandsteiner Marienaltar trägt leider keine Bezeichnung von Peter Breuers Hand und ist auch nicht datiert – wenigstens hat man bis jetzt weder eine Jahreszahl noch ein Meisterzeichen Breuers an ihm entdeckt – aber er hat doch so viele Merkmale der Breuerschen Werkstatt an sich, daß er dem Meister mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden kann. Als solche Kennzeichen hat man an den unzweifelhaft echten, vom Künstler selbst bezeichneten Werken Breuers außer anderen folgende beobachtet: 1. die Sockel der Figuren sind oft gebildet als »grüne Hügelchen aus schuppenartig übereinander vorstehenden Grasspitzen«, 2. »die Hände nehmen mit Vorliebe eine Falte zwischen die Finger oder nehmen den Mantel hoch, um, indem sie sich durch den Stoff abzeichnen, dem Beschauer fühlen zu lassen, wie anschmiegsam er ist«, 3. Johannes und Barbara nehmen den Knauf ihres Kelches zwischen die Finger, 4. die »schlichte Mütterlichkeit der Madonna«, die das Jesuskind am Fuße anfaßt, oder am Knie stützt und ihm ein Spielzeug (eine Birne oder Traube) in die Hand gibt, 5. die eigentümlich abgeplattete Form des Daumens (z. B. bei der Papstgestalt und der Heiligen Barbara aus Schweinsburg im Leipziger Kunstgewerbemuseum, siehe Flechsig a. a. O. S. 230 und 231) und endlich 6. die eigenartige Behandlung des Hintergrundes des Schreins als ornamentiertes Flachrelief[1].

Außerdem ist in Breuers Gestalten die überkommene steife spätgotische Gewandform der »Knitterfalten« fast überwunden durch einen immer natürlicher werdenden Faltenwurf und der unpersönliche Typus der Gesichter durch individuelle Einzelzüge, die dem Leben und der menschlichen Umgebung des Künstlers abgelauscht sind. Er ist noch Gotiker, aber der große Drang vom Schema weg zur Natur, der die anbrechende Renaissance kennzeichnet, beginnt sich in ihm schon zu regen. Seine Männergestalten mit den tiefgebohrten, an Riemenschneiders Art erinnernden Locken, den stark hervortretenden Backenknochen und den teils weitgeöffneten, fragenden, teils schräg zueinander gestellten Augen haben etwas Versonnenes, die weiblichen mit dem auffallend kleinen, zusammengezogenen Mund, den schweren Augenlidern und dem etwas geneigten Kopfe haben leicht etwas Versorgtes: die lebenden Ebenbilder beider waren Frauen und Männer aus Zwickau und anderen westsächsischen Städten.

Der Mittelschrein des Breuerschen Altars in Gnandstein enthält die Gestalten der Maria, links davon die Heilige Katharina mit dem Schwert, rechts die Heilige Margareta mit dem Kreuz in der Hand (Abb. 10), vielleicht in Anspielung auf die zweite Gemahlin Heinrichs von Einsiedel, die Margareta von Schleinitz und Tochter des gewaltigen Erbmarschalls Hugold von Schleinitz (siehe Kursächsische Streifzüge III³, Seite 84). Im linken Flügel des Altars steht die Heilige Barbara mit dem Kelche, im rechten die Heilige Dorothea mit dem Fruchtkorbe. Wenn man diese Gestalten nach den oben genannten Kennzeichen prüft, so muß jeder Zweifel an Breuers Urheberschaft schwinden. Denn 1. ist der Hintergrund durchaus reliefartig behandelt, zu zwei Dritteln in Gold, das oberste Drittel in Blau mit goldenen Sternen, 2. findet sich das schuppenförmig sprießende Gras am Sockel der Barbara und der Dorothea, 3. durchbricht bei Barbara der Knauf des Kelches in sehr auffälliger Weise mit dem Rautenwürfel den Zusammenhang der Finger, 4. wird das lebhaft spielende Jesuskind von der Mutter unter dem Arm mit der Rechten, am Knie mit der Linken gestützt und 5. findet sich der abgeplattete Daumen ganz ausgeprägt bei Barbara und Dorothea.

[Illustration: Abb. 10. =Der Mittelschrein des Breuerschen Marienaltars.= Mittelgruppe: Maria mit dem Jesuskind; links davon: St. Katharina mit dem Schwert; rechts davon: St. Margareta mit dem Kreuz. Linker Flügel: St. Barbara mit dem Kelche; rechter Flügel: St. Dorothea mit dem Fruchtkorbe]