Part 4
Dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz wurden vor einigen Jahren von einem Dresdner Liebhaberphotographen eine Anzahl Tieraufnahmen verkauft. Diese Photographien, von ihrem Urheber ausdrücklich als solche _freilebender Tiere_ bezeichnet, gelangten dann, ebenfalls wieder als »Naturaufnahmen« und »Natururkunden«, auch an verschiedenen Stellen zur Veröffentlichung. So ging eine dieser, den Ernemann-Werken überlassene Aufnahme: »Bussard im Kampfe mit einem Hamster« in die von Carl W. Neumann besorgte Brehm-Ausgabe (Leipzig, Reclam; Bd. 5, Vögel 2, Tafel n. S. 112) über und neuerdings erschien eine den gleichen Vorgang darstellende, von jener aber verschiedene Aufnahme zusammen mit einer Anzahl anderer in der Sonntagsbeilage »Heim und Welt« des Dresdner Anzeigers (Nr. 34 v. 22. 8. 1926). In diesem letzteren Falle hat der Photograph den Bildern noch einen kurzen, in die Form persönlicher Erlebnisse gekleideten Begleittext angefügt, in dem die Eigenschaft der Aufnahmen als solcher _freilebender_ Tiere noch ganz besonders dick unterstrichen wird.
Die Bezeichnung der Bilder als »Naturaufnahmen«, »Natururkunden« usw. und ihre Veröffentlichung unter dieser Bezeichnung verdient jedoch die schärfste Zurückweisung. Denn sie sind bestimmt keine Aufnahmen freilebender Tiere, sondern stellen lediglich nur photographische Wiedergaben von im Freien nicht einmal mit viel Verständnis und Geschick aufgebauten toten Stopfpräparaten dar!! Sie verraten dem Kundigen die Unehrlichkeit ihres Wesens nicht bloß aus Gründen der tierphotographischen Technik, sondern sind zum Teil auch direkte zoologische Unmöglichkeiten, aber – wie es ja auch die Möglichkeit ihrer Veröffentlichungen beweist – geeignet, in einem für derartige Dinge weniger geschultem Auge die Vorstellung tatsächlichen Geschehens zu erwecken. – Mir liegen neben einigen anderen auch die folgenden drei Aufnahmen vor:
Rauhfußbussard im Kampfe mit einem Hamster, Kampfläufer bei ihren Balzkämpfen und Rohrdommel einen Feind sichtend.
Von der ersten, auf der man einen Bussard mit noch erhobenen Schwingen vor einem in der Abwehr sich aufgerichteten Hamster sieht und von dem der Photograph in seinem vorerwähnten Begleittext sagt, daß diese »in ihrer Tragik wohl einzig dastehende Naturaufnahme (!) nur einem glücklichen Zufall (!) zu verdanken ist«, kenne ich nicht weniger als vier verschiedene, mir in den Originalabzügen vorliegende »Aufmachungen«. Sie zeigen – wovon sich auch der Leser meiner Ausführungen leicht selbst durch einen Vergleich der Bilder in Brehms Tierleben und dem Dresdner Anzeiger überzeugen kann – in _unverändert gleicher Stellung ein und dieselbe Tiergruppe_, sind aber teils mit verändertem Kamerastandort aufgenommen worden, teils durch das Umstellen der Gruppe an einen anderen Platz entstanden! Die zoologische Unmöglichkeit des dargestellten Vorganges – als Ort der Aufnahme hat der Photograph, wie aus dem Charakter der auf den Bildern mit wiedergegebenen Landschaft hervorgeht, wohl eine Sandgrube in der Dresdner Heide benutzt – liegt u. a. darin, daß der Hamster auf Sandboden nie vorkommen wird und vorkommen kann; als auf Sandboden entstanden bezeichnet sie aber wiederum der Photograph selbst (»Auf der Wanderung durch die Dünen« usw.). Außerdem wird der Hamster nur in sehr seltenen Fällen einmal eine Beute des Rauhfußbussards werden können. Denn der letztere ist ja ein nordischer Brutvogel, der sich bei uns in der Regel zu einer Zeit aufhält, in der der Hamster seinen Winterschlaf hält.
Auf der Kampfläufer-Aufnahme sind zwei sich befehdende Männchen in einer Weise wiedergegeben, wie man sie in Wirklichkeit überhaupt nicht sieht und die jeder, der schon einmal die so interessanten Kämpfe dieses Vogels in der Natur hat sehen dürfen, ohne weiteres als »gestellt« empfindet. Und sie sind es tatsächlich auch, wie wiederum einige – drei – mir vorliegende Originalabzüge bezeugen, auf denen – natürlich! – wieder in unveränderter Stellung die gleichen zwei Vögel, aber an drei verschiedenen Stellen, dargestellt sind. Einmal sogar im Wasser, in dem die Kämpfe niemals stattfinden! Eine andere dieser, nach des Photographen eigenen Worten »in den Niederungen Norddeutschlands« entstandenen Kampfläufer-Aufnahmen ist genau an der Stelle im Dresdner Heidesand gemacht worden, an der sich auch der »in seiner Tragik wohl einzig dastehende« Bussard-Hamster-Kampf abgespielt hat! Denn die Aufnahmen geben nicht nur »urkundgetreu« des Photographen sich im Sande abgedrückte Fußtapfen wieder, sondern es kehrt auf beiden auch eine aus einigen Einzelbüschelchen bestehende Grasgruppe wieder, in der sogar die leicht zu zählenden Grashälmchen miteinander übereinstimmen! Selbst der Schatten von des Photographen Hut ist auf der einen dieser, nach des Photographen eigenen Angaben aus 25 Meter (!!) Entfernung gemachten Aufnahme enthalten!
Daß auch die »einen Feind sichtende Rohrdommel« in ihrem ganzen Ungeschick nur »gestellt« ist, sieht jeder, der unseren Vogel kennt; der Photograph selbst aber verrät es uns auch in diesem Falle wieder, wenn er den dargestellten Vorgang sich »in der Teichgegend von Weißig bei Dresden« abspielen läßt. Ob er wohl jemals hier außer seinem gestopften Vogel schon eine Rohrdommel gesehen hat? Ich bezweifle es!
Ich könnte nun auch noch auf die übrigen dieser »Naturaufnahmen« eingehen, etwa auf die des Helgoländer Lummenfelsens, die im Museum entstanden ist und auf der in dem mir vorliegenden Diapositiv die verräterischen Schrankleisten ausgekratzt sind, und könnte dem Photographen auch verraten, wo noch vor der Entstehung seiner »Naturaufnahmen« die von ihm dazu verwendeten Stopfpräparate bereits künstlerisch verwertet worden sind, glaube jedoch, daß das bereits Gesagte genügen dürfte, diese Art der Tierphotographie und Tierdarstellung zu kennzeichnen und vor ihr zu warnen. –
Ernste tierphotographische Arbeit stellt man heute anderen naturwissenschaftlichen Betätigungen gleichwertig an die Seite, naturwissenschaftliche Arbeit aber setzt Treue und peinlichste Wahrheitsliebe voraus. Daher wird der Unterzeichnete jeden Versuch, die gleichen oder ähnliche Aufnahmen als »Natururkunden« in die Welt zu schicken, entgegentreten und damit einer Pflicht genügen, die für den, der sie ausüben muß, freilich nicht gerade die angenehmste ist.
_Rud. Zimmermann._
Das verborgene Gesicht
Von _Paul Hille_, Schneeberg
Du wirst es mir nicht glauben wollen, lieber Leser, daß es so viele Schminkgesichter gerade in der Kleinstadt gibt. Aber es ist doch so.
Also wäre die Kleinstadt der Sitz der Überfeinerung und Unnatur?
Ja, leider.
Mir würde es ein Hauptspaß sein, einmal nachts mein Unwesen zu treiben unter den Schminkgesichtern. Das gäb andern Tages einiges Aufsehen! Rotschwänzchen, die lieben Frühaufe, die heiser und stotternd, wie es sich in dem ungewissen Dämmerlichte ziemt, von Dach zu Dachfirst Zwiesprach halten in der Morgeneinsamkeit, sie würden ihre alte Gasse nicht wiedererkennen. Ihr Getue bringt die schlafbefangenen Kleinstadthäuschen zum aufmerken. Im Morgengrauen werfen sie sich lange Frageblicke zu. Was ist’s mit dir? Wie steht’s mit mir? Wenn’s doch erst richtig hell wäre, damit man klarer sehen könnte! – Arbeiter eilen zum Frühzug, eilen und stocken. Welche Neuerung im gewohnten Straßenbilde! – Etwas später. Der Bürgersmann guckt zum Fenster heraus. »Potz tausend! Wie ist das mit meiner Brille, was hat’s mit Nachbars Häuschen?« – Als dann der Schwarm der Schulkinder kommt, geht das Verwundern erst richtig an. »Guck, Karle; sieh nur, Liesel!«
Was ist geschehen?
Nichts weiter. Der falsche Putz ist verschwunden vom Obergeschoß der Häuschen. Altes Fachwerk kam zum Vorschein. Die Felder zwischen dem Gebälk sind frisch abgeputzt, die Balken mit einer rechtschaffenen Farbe gestrichen. Die Gasse sieht in der munteren Gliederung ihrer Wandflächen viel schmucker aus als ehedem. Etwas Behagliches, Erwärmendes, viel Bildhafteres, durchaus zum Wesen der gemütlichen deutschen Siedelung Passendes ist hereingekommen. Die Häuschen haben mit ihrem neuen Gesicht geradezu Charakter gekriegt, stehen da wie Persönlichkeiten mit erhöhtem Selbstgefühl.
Gut, diese Verschönerung und Wertsteigerung lasse ich gelten.
Wie aber steht es mit der Haltbarkeit? Das Gebälk ist doch jetzt Wind und Wetter preisgegeben und verfällt viel rascher als früher, da schützender Kalkbewurf darüber lag!
Mit Verlaub! Man hat Beispiele, daß unter dem Putz der Verfall des Holzes munter vor sich ging. Niemand sah es; der Schaden war ja verkleistert. Als man aufmerksam wurde, war die Sache schon bedenklich. Also ist es besser, man entzieht das wandelbare Holzgebälk nicht dem kontrollierenden Blicke.
Übrigens ist Holz in der Form von Fachwerkbalken ein recht dauerhafter Stoff. Viele, viele Städte im deutschen Lande reden vernehmlich davon. Drei, vier Jahrhunderte sind die Fachwerkbauten alt in Nord und Süd, in Quedlinburg, Goslar, Hildesheim, in Nürnberg, Dinkelsbühl und im Schwabenland. Genannte Örtlichkeiten sind vielbesuchte Wanderziele. Der Fremde läßt Geld dort sitzen. Die trauliche Schönheit der Fachwerkbauten hat es ihm angetan.
Warum aber ist man bei uns im Sachsenland zum Verbergen der Fachwerkflächen unter Putz gekommen?
Das hängt mit unserer Art zusammen, die nicht so urtümlich und fest ist wie die anderer deutscher Stämme. Und das hängt mit unserem Schicksal zusammen. Sachsen ist Industrieland. Überall wollte man sich der aufblühenden Industriestadt anpassen. Wo nicht Steinfassaden waren, wurden sie wenigstens vorgetäuscht. Der Stolz auf das Vätererbe war nicht so groß, wie die Sucht nach dem Neuen. So bekamen die alten Häuser zwei Gesichter, eines, das man schamhaft versteckte und eines, mit dem man neumodisch zu blenden suchte. Diese Einstellung ist vom Standpunkte der Wahrheit und Ehrlichkeit ebenso anfechtbar wie von dem der Schönheit. Was hältst du von einem Menschen, der gewisse Äußerlichkeiten der vornehmen Welt zur Schau trägt, dabei unverkennbar ein ungehobelter Kerl ist? Da fühlst du die Ungereimtheit, die Würdelosigkeit. Das frisierte Bürschchen ist verächtlich, der unverkünstelte Mensch aus dem Volk aber eindringlich und achtunggebietend in seiner Art. Häuser gehören zu den Ausstattungsstücken, die den Kultur- und Bildungsstand eines Menschen fast ebenso untrüglich anzeigen wie Sprache, Kleidung, Gebaren. Wie steht es mit der Bildung auf sittlichem und schönheitlichem Gebiete bei denen, die aus den alten bodenständigen Fachwerkbauten Wechselbälge machen?
Der Dörfler, vor allem der kleine Häusler, hat sich scheinbar den Sinn für das Natürliche am überlieferten Wohnhaus treuer bewahrt. Jedenfalls ist das Fachwerkhaus, wie es uns L. Richter auf seinen trauten Blättern gerade aus Sachsen zeigt, im Bauerndorfe auch heute noch nicht selten. Ist diese Tatsache nur auf die größere Unberührtheit des Landbewohners von industriellen Einflüssen zurückzuführen?
Zuweilen sieht man auch in diesen Beobachtungsgebieten Zeichen von Verkümmerung, die als Blutleere des natürlichen Schönheitsempfindens anzusprechen sind. Fachwerkhäuser, deren Gebälk zwar noch offen zutage liegt, bei denen aber der Pinsel des Tünchers von oben bis unten dieselbe Farbe hinstrich, sind lieblos behandelte, fade Dinger. Denn ihnen war bestimmt, in kontrastreicher Munterkeit zu erscheinen, nicht in einförmigem Gleichton. Dunkles Geäder und helle Wänglein dazwischen, das ist ihre Art. Stellen sie sich in dieser nicht offensichtlich als wieder zeitgemäße Gebilde dar?
Farbe an die Häuser, lustige Buntheit in die Gassen, das ist ja die Forderung der Gegenwart. Man sucht ihr gerecht zu werden. Schon bekommen die Hauswände auch in den kleineren Orten unseres sächsischen Gebietes farbigen Anflug. Die Fachwerkbauten sind _Natur_kinder mit farbigem Gesicht. Man erkenne und würdige sie als solche. Dann werden sie auch wieder ungeschminkt ihre schlichte Schönheit zeigen. Sie ersparen dem Maler die Verlegenheit, wie er die Farbe anordnen soll und verbürgen durch ihre bauliche Eigenheit eine gewisse Güte der ornamentalen Behandlung. Bei zweistöckigen Gebäuden, die im Erdgeschoß massiv und nur im Oberstock als Fachwerkbau errichtet sind, stellt sich ungesucht eine treffliche Beherrschung der großen Wandflächen ein. Es wirkt der Gegensatz zwischen dem im Fachwerk rege aufgeteilten Oberbau und der Unterwand mit ihrer viel geringeren Gliederung.
Die volkstümliche Farbgebung, wie sie nach bisheriger Gepflogenheit bei Fachwerkhäuschen üblich war, ist eine interessante Äußerung des Landschafts- und Stammescharakters, als solche einfach und überzeugend. Schwarzes Gebälk hat der Schneeberger Bergbaubezirk, schwarz wie der Bergmannskittel, ernst wie die Bergmannsarbeit, düster wie die erzgebirgischen Nadelwälder. Vollfarbig grün, braun, rot wird im Gebiet, wo Lausitz und Sächsische Schweiz aneinanderrainen, der Balken gestrichen, entsprechend der mannigfaltigeren, anmutigeren Formenwelt der Landschaft. Das farblustigste Häuschen fand ich in der heiteren Elbtalwanne, ein himmelblaues Wesen mit warm braunem Holzwerk und Strohdach. Trotz seiner armseligen Bauart machte es einen anheimelnd wohligen Eindruck. Mehr Beobachtungen in dieser Richtung sind erwünscht.
[Illustration: Abb. 1]
Welches sind nun die Häuschen, unter deren trügerischer Außenhaut ein Fachwerkbau seinen Dornröschenschlaf hält: Das ist leicht zu ergründen. Selbst für den Unkundigen gibt es ziemlich sichere Kennzeichen des verborgenen Gesichtes. Solche sind: Das Vorkragen des Obergeschosses, der Mangel steinerner Fenstergewände, zuweilen ein helles Negativ des gesamten Gebälkes, geradlinige Risse im Putz oder Bloßlegung eines Balkenteiles (denn gerade auf dem Holze hält der Putz nur unter Anwendung besonderer Vorkehrungen). Erstaunlich ist es, wie viele Fachwerkgestalten der Vorzeit mancherorts unter einer Kalkhaut verkrustet sind. Ganze Straßenzüge im älteren Ortsteil, namentlich dessen äußere Gassen, enthüllen dem aufmerksamen Betrachter ihre wahre Natur. Aber auch im vornehmeren Kerne der Stadt gibt es verborgene Fachwerkgesichter. Ich bin schon wiederholt entzückt gewesen von der Belebung des Ortsbildes, die entstand, wenn bei Erneuerungsarbeiten altes Fachwerk zum Vorschein kam. Gestalten aus einer entschwundenen schönen Zeit guckten herein in die Gegenwart. Und seltsam, wie gut und lebendig diese warmen Wesen unter den Maskengesichtern einer nüchternen Umgebung sich ausnahmen! Meinem Entzücken folgte aber auch regelmäßig die Enttäuschung. Es waren stumpfe Erwecker, die das verzauberte deutsche Kind aus seinem mehr als halbhundertjährigen Schlafe lösten. Sie zogen samt und sonders, Besitzer, Tüncher und Baumeister in trautem Verein, der schlichten lieben Schönheit die Kalkschicht wieder übers Angesicht.
[Illustration: Abb. 2]
Nun, lieber Leser, versuche Entdeckungen zu machen in deinem Städtchen, deinem Dorfe! Und versuche eine Tat! Sage den Besitzern von den schönen Möglichkeiten, die sich bei einer Erneuerung ihrer Hauswände zeigen! Vielleicht hast du Erfolg. Du bringst dabei ein Stück verlorene Heimatschönheit wieder. Du bist Teilhaber daran. Heimatschönheit, das ist öffentlicher Besitz, das ist etwas, was auch zum »goldenen Überfluß der Welt« gehört und eine gute Medizin sein soll gegen allerlei Anfechtungen. Wo die Erde schön ist, da schlägt die Seele Wurzel. Und wo dies Pflänzchen gedeiht, da grünt etwas aus Gottes heil’gem Garten Eden.
Nachwort.
Der Aufsatz »Das verborgene Gesicht« war schon seit Jahresfrist in den Händen des Heimatschutzes, als durch die Tageszeitungen bekannt wurde, daß der Bürgermeister eines rheinischen Städtchens die Gedanken, für die vorstehend geworben wird, in seinem Verwaltungsbezirk erfolgreich in die Tat umgesetzt hat. Also: Es geht! Und was hier angestrebt wird, ist nicht unzeitgemäß. An weit entfernten Orten unseres deutschen Vaterlandes wird völlig unabhängig voneinander derselbe Gedanke wach und verfochten.
Sachsens Binnenlands-Seeschwalben
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Von den im Binnenlande nistenden Seeschwalbenarten zählte Sachsen drei zu seinen Brutvögeln: die Flußseeschwalbe, Sterna hirundo L., die Zwergseeschwalbe, St. albifrons Pall., und die Trauerseeschwalbe, Chlidonias nigra L. Von ihnen nistet heute aber nur noch unregelmäßig die Trauerseeschwalbe im Lande, während Zwerg- und Flußseeschwalbe als Brutvögel verschwunden sind und höchstens die letztere ab und zu sich noch einmal zu einem Brutversuch aufschwingt. Zwerg- und Flußseeschwalbe, die erstere als die spärlichere neben ihrer zahlreicheren größeren Schwester, bewohnten einst die Kiesbänke und Heger der Elbe und der Vereinigten Mulde bei und unterhalb Wurzens, die letztere außerdem noch geeignete Teiche vorzugsweise Ostsachsens, auf denen noch zahlreicher als sie die den stehenden Gewässern den Vorzug gebende Trauerseeschwalbe ihre manches Mal sehr volkreichen Brutkolonien unterhielt. Das Verschwinden der Zwerg- und der Flußseeschwalbe an der Elbe, über deren Brutvorkommen von Pirna stromabwärts bis über Meißen hinaus zahlreiche Angaben früherer Beobachter vorliegen, die heute in uns nur noch wehmütige Erinnerungen an das Gewesene wecken, scheint um oder nach der Jahrhundertwende erfolgt zu sein; keiner der doch wohl auch damals zahlreichen Dresdner Beobachter jedoch hat uns sichere Angaben darüber hinterlassen! An der Mulde dürften beide Vögel sich noch etwas länger gehalten haben; Richard Schlegel in seiner »Vogelwelt des nordwestlichen Sachsenlandes« gibt für die Zwergseeschwalbe noch einen gesicherten Brutnachweis für das Jahr 1911 und für die Flußseeschwalbe für 1913 wieder. Für die Oberlausitzer Teichgebiete bezeichnet 1917 Stolz die Flußseeschwalbe als so selten, daß »jede Begegnung mit ihr ein ornithologisches Ereignis bildet«. Ihm war also von einem Brüten des von allen früheren Lausitzer Beobachtern noch nistend angetroffenen Vogels nichts mehr bekannt. 1924 glückte es jedoch, zwei Brutpaare unseres Vogels in der im folgenden Jahre aber leider eingegangenen Koblenzer Lachmöwenkolonie (preuß. Oberlausitz) aufzufinden – die Flußseeschwalbe scheint gern die Gesellschaft der Lachmöwe zu suchen, in deren Siedlungen sie dann auch die eigenen Nester errichtet – und auch 1925 konnten die Vögel wieder in der Nähe ihres vorjährigen Brutplatzes beobachtet werden, ohne daß jedoch ein Brutnachweis möglich war. Im letztgenannten Jahre versuchte außerdem ein Paar auf dem Königswarthaer Biwatschteich zu nisten; meine Hoffnung auf einen (und vielleicht auch den letzten) photographischen Brutnachweis für unseren Vogel für Sachsen machten leider Enten zunichte, die das bereits fertige Nest des Seeschwalbenpaares als Ruheplatz sich aneigneten und dadurch die beiden Vögel zum Abwandern veranlaßten.
[Illustration: Abb. 1. =Brütende Trauerseeschwalbe.= Königswartha, Biwatschteich. Juni 1925]
Der Trauerseeschwalbe begegnete ich in der Oberlausitz jedoch alljährlich und sicherlich als Brutvogel auch in den Fällen, in denen ein direkter Brutnachweis nicht möglich war. 1919 traf ich sie bei Königswartha an, fand aber damals, da mich ein anhaltender Landregen zu einer ungewollten, verfrühten Rückreise zwang, nicht die erhoffte Kolonie. Und von neuem kreuzte sie, nachdem ich in der Zwischenzeit die östliche Lausitz nicht mehr hatte aufsuchen können, meine Wege 1923 am Caminauer Altteich, ohne daß es mir jedoch auch jetzt möglich gewesen wäre, die auf diesem Teiche vermutete Brutkolonie zweifelsfrei festzustellen. Jedoch erfuhr ich später von Herrn Dr. Bäßler-Dresden, daß dieser eine Siedlung auf dem genannten Teiche bereits 1920 bestätigen konnte. 1924 gelang dann ein Nachweis des Brütens von unserem Vogel auf dem Groß-Särchener Großteich (preuß. Oberlausitz), über dem kreuzende Trauerseeschwalben von mir bereits im Vorjahre in größerer Zahl beobachtet worden waren. Die Art unterhielt in diesem Jahre zwei Siedlungen auf dem Teiche, ein Besuch der einen ergab eine schätzungsweise Stärke derselben von fünfundzwanzig bis dreißig Brutpaaren. Die gleiche Stärke mochte auch die zweite Kolonie besessen haben. 1925 aber hatte sich die Zahl der Vögel hier so verringert, daß zwei Besuche des Teiches eine Schätzung auf höchstens nur noch zehn Paare zuließen. Und im vergangenen Frühjahre endlich, in dem der in nächster Zeit dem Kohlenabbau zum Opfer fallende Teich auffallend niedrig bewässert war und einen größeren Wasserreichtum erst nach den Überschwemmungen im Juni wieder erhielt, waren die Vögel völlig verschwunden. Dagegen entstand 1925 eine neue Kolonie der Trauerseeschwalbe auf dem Biwatschteich bei Königswartha, auf dem nach einer Mitteilung des Herrn Professors Bernhard Hoffmann-Dresden unser Vogel bereits in früheren Jahren Siedelungen unterhalten hatte. Die Zahl der gebrüteten Paare dürfte mit zwanzig nicht zu hoch gegriffen sein. Leider aber gingen zahlreiche Jungvögel unter den Folgen der Kälte und Nässe des Juni zugrunde, so daß ich mit einer Abnahme der Vögel im Jahre 1926 rechnete. Sie stellten sich jedoch überraschenderweise im vergangenen Frühjahre in einer sichtlich größeren Zahl wieder auf dem Teiche ein; ihr Verhalten deutete Brutabsichten auch für dieses Jahr an und aus ihrem Betragen um Mitte Mai durfte man auch auf die ersten getroffenen Brutvorbereitungen schließen – als sie auf einmal spurlos verschwunden waren! Die Ursachen ihres Wegzuges sind mir unbekannt geblieben, mögen aber vielleicht in der Anwesenheit eines Rohrweihenpaares auf dem Biwatschteich und in den Raubzügen von Krähengesellschaften begründet sein, durch die die Vögel beunruhigt wurden. Den räuberischen Gelüsten der Krähen fiel übrigens auch, wie ich aus den aufgefundenen Eischalenresten feststellen konnte, das oder ein Gelege des Rohrweihenpaares zum Opfer, sie vergalten ihm mit dem Maße, mit dem dieses auch seinerseits die Gelege des Wassergeflügels zehntet! – Ein Teil der vom Königswarthaer Biwatschteich abgewanderten Trauerseeschwalben – wahrscheinlich der, der sich dann Ende Juni von neuem im Königswarthaer Teichgebiet einstellte – hatte sich nach dem Holschaer Großteich gewendet; die Nester wurden hier jedoch ein Opfer des Hochwassers. Wo der Rest der Vögel – und zwar scheint dieser den größeren Teil umfaßt zu haben – gebrütet hat, ließ sich leider nicht feststellen.
[Illustration: Abb. 2. =Trauerseeschwalbe am Neste anfliegend.= Auf dem Neste neben einem Ei ein einen Tag alter Jungvogel. Königswartha, Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbe verlangt für die Anlage ihrer Nester schwimmendes Pflanzenmaterial, Schlammbänke und dergl.; auf dem Groß-Särchener Großteich bildeten Laichkrautpolster, die in einer manches Mal fast undurchdringlichen Dichte den Teich durchsetzten, die Unterlage der immer schwimmend angelegten und oft so wenig über die Wasserfläche emporragenden Nester, daß die Eier fast im Wasser schwimmen, und auf dem Königswarthaer Biwatschteich waren es Schlammbänke, die die Vögel zur Gründung einer Siedlung auf diesem veranlaßten. Diese in den vorhergegangenen Jahren nicht vorhanden gewesenen Schlammbänke waren dadurch entstanden, daß der Teich im Winter trocken gestanden hatte, vor seiner Wiederbewässerung aber umgepflügt worden war und daß dann dadurch aus dem Boden gerissenes Wurzelwerk zusammen mit anderen faulenden Pflanzenteilen an die Oberfläche gestiegen war; sie wurden aber nicht nur die Ursache zur Ansiedlung der Trauerseeschwalbe, sondern übten eine große Anziehungskraft auch auf anderes Wassergeflügel aus, das sie ebenfalls teils für Nistzwecke benutzte, teils aber auch infolge ihres Reichtums an allerhand Kleingetier als üppig spendende, nie versagende Nahrungsquelle in Anspruch nahm. Jedenfalls zeigen uns die hier beobachteten Erscheinungen sehr deutlich die Abhängigkeit der Vogelwelt eines Teiches von der Art seiner Bewirtschaftung und können uns dabei zugleich Hinweise werden für die Behandlung solcher Teiche, die man dem Naturschutz dienstbar gemacht hat oder dienstbar zu machen gedenkt. Auf ihnen der Natur ausschließlich das Wort zu lassen, wie man dies immer fordert, ist meines Erachtens grundfalsch, es würde auf diese Weise lediglich nur ein Teil der Vogelwelt dieser Teiche erhalten, der andere aber bestimmt zum Abwandern veranlaßt werden. Denn die Ansprüche eines Vogels an seine Aufenthaltsorte sind selbst in einer so engbegrenzten und scheinbar auffallendere Unterschiede gar nicht aufweisenden Lebensgemeinschaft, wie sie ein Teich darstellt, grundverschieden. Teiche mit nie oder selten beseitigter und infolgedessen dichter, einen Urwald im Kleinen bildender Vegetation – um nur auf einige gröbere Unterschiede einzugehen – zeigen ein ganz anderes Vogelbild als jene, in denen Rohr und Schilf von Zeit zu Zeit gehauen werden und infolgedessen auch lockerer stehen; jene ersteren »sich selbst überlassen gebliebenen Teiche« sind nach meinen Erfahrungen in der Regel vogelärmer, als sinngemäß bewirtschaftete, können allerdings umgekehrt wieder gerade unseren seltensten gefiederten Teichbewohnern Rahmen ihres Lebens werden. Ich würde daher auch, wenn ich in derartigen Schutzfällen zu entscheiden hätte, nur einen Teil eines solchen Teiches sich selbst überlassen, den anderen aber bis zu einem gewissen Grade (und in Würdigung auch der mit ins Gewicht fallenden örtlichen Verhältnisse) »unter Kultur nehmen« und ich bin dabei auf Grund meiner ja nun schon langjährigen und in den verschiedensten Teichgebieten gesammelten Erfahrungen davon überzeugt, daß nur auf einem in dieser Weise behandelten Teiche das Vogelleben sowohl hinsichtlich der Arten, wie auch in bezug auf die Stückzahl seiner gefiederten Bewohner den größten Reichtum aufweisen würde. –
[Illustration: Abb. 3. =Trauerseeschwalbe auf dem Nest.= Ein Junges auf dem Nest, das andere aus dem Wasser zu ihm emporkletternd. Der alte Vogel im Übergang vom Frühjahrs- zum Herbstkleid. Königswartha, Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbenkolonie im Königswarthaer Biwatschteich konnte ich im verflossenen Jahre, den Teich teils abwatend, teils mit dem Boote befahrend, ziemlich regelmäßig besuchen. Ich sah die Nester entstehen und konnte die Ablage der Eier, die einmal auch von ein paar Knaben geplündert wurden, verfolgen, schaute dann wieder die alten Vögel brütend auf den Nestern und sah die Jungen schlüpfen und heranwachsen, sah sie aber auch, wie schon erwähnt, unter den Folgen von Kälte und Nässe leiden und leider auch in größerer Zahl zugrunde gehen. In das Erinnern an die dabei oft genossenen Stunden stiller Beobachterfreuden mischen sich auch die Gedanken an einige weniger angenehme Stunden. Es sind diese die des photographischen Ansitzes, die gerade in die Zeit der größten Junikälte fielen und während deren den Körper manches Mal eine rauhe Gänsehaut überlief, die Glieder bitterlich vom Froste geschüttelt wurden. Sie waren aber wenigstens nicht erfolglose, und der Leser der Heimatschutzmitteilungen mag beim Betrachten der hier beigegebenen Aufnahmen wenigstens im Geiste mit mir nochmals die Stunden durchkosten, die ich damals erlebte. Die Bilder sollen von dem Vorkommen unseres Vogels in unserem schönen sächsischen Vaterlande aber auch dann noch zeugen, wenn ihm – was jedenfalls sehr wahrscheinlich ist – hier einmal das Schicksal ereilt haben wird, das die Zwerg- und die Flußseeschwalbe schon betroffen hat.
[Illustration: Abb. 4. =Junge Trauerseeschwalben.= Königswartha, Biwatschteich. Juni 1925]
Der Floßgraben bei Pegau[2]
Von _Fritz Irmscher_, Pegau
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
[Illustration: _Der Floßgraben bei Pegau._
_M. 1 : 100000_]