Part 2
Der mittlere Flügelaltar ist der Heiligen Anna gewidmet. Ihr Kultus hängt mit der damaligen Blüte des sächsischen Silberbergbaues zusammen, als dessen Patronin die Heilige galt. Auch Heinrich von Einsiedel soll aus dem St. Annaberger Silberbergbau beträchtliche Einnahmen bezogen haben. Der links vom Annenaltar nahe der Mitte der Apsis aufgestellte Bartholomäusaltar hat leider durch die sehr ungeschickte Über-Eck-Aufstellung (rechtwinkelig zur Wand) den linken Flügel und von der Bekrönung das rechte (Schönbergische) Wappen verloren. Er war vermutlich dem Andenken der dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel gewidmet. Flechsig hat ohne weitere Begründung auch diese beiden Altäre dem Peter Breuer zugeschrieben; ob mit Recht, kann erst entschieden werden, wenn man die geschnitzten Figuren der Aufsätze, die sich in beträchtlicher Höhe befinden, genau untersucht. Denn diese beiden Altäre haben statt der Schreine mit plastischen Gestalten nur gemalte Tafelbilder.
[Illustration: Abb. 11. =Betschemel mit dem Gekreuzigten=, links Maria, rechts der Apostel Johannes. In der Mitte des Astwerks das Schönbergische Wappen. Das Ganze ein Werk von Peter Breuer]
Dagegen glaube ich in dem _altarartig ausgestatteten herrlichen Betschemel_, der jetzt an der linken Seitenwand der Apsis angebracht ist, ein Werk Peter Breuers neu entdeckt zu haben. Dieser Betschemel stand bis vor wenigen Jahren in dem vordersten, erst 1812 zur Kapelle hinzugekommenen Raume (siehe Seite 370) und galt manchen als der Rest eines 1457 in der Gnandsteiner Pfarrkirche erwähnten Dreifaltigkeitsaltars. Aber dieser Betschemel ist ein durchaus einheitlich und organisch empfundenes und ausgeführtes Werk, das nicht aus den Bruchstücken eines anderen zusammengeflickt sein kann. Sein erster uns bekannter Standort deutet allerdings darauf hin, daß er nicht zu den ursprünglichen Ausstattungsstücken der Kapelle gehörte. Da er in der Mitte der Bekrönung das Schönbergsche Wappen trägt, nehme ich an, daß dieser Betschemel ein eingebrachtes Ausstattungsstück der ersten oder dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel gewesen ist und zuerst in ihrem Schlafzimmer im Palas oder in einer benachbarten Bet- und Andachtsstube an der Wand befestigt war, vielleicht zu einer Zeit, wo der Umbau des Bollwerks zur Burgkapelle noch nicht vollendet war. Nach dem Einzug der evangelisch-lutherischen Lehre ist das Kunstwerk vielleicht auf den Boden gekommen, aber durch den romantisch fühlenden Alexander von Einsiedel (siehe Seite 380) wieder hervorgesucht und im Vorraum der eigentlichen Kapelle angebracht worden, von wo es der jetzige Schloßherr an seinen jetzigen, weit günstigeren Standpunkt versetzte (Abb. 11). Der ganze Aufbau ist alt und echt, nur das die Bibel tragende Lesebrett ist um 1812 statt des vermorschten alten ergänzt worden. Der knieend Betende blickt vom Schemel empor zu dem etwa in ²/₃ Lebensgröße (108 Zentimeter) dargestellten Heiland am Kreuz, zur Linken steht die etwa 90 Zentimeter hohe trauernde Maria, zur Rechten Johannes (92 Zentimeter), beide unter je einem gotischen Baldachin, alle drei Gestalten werden zu einer Einheit zusammengeschlossen durch ein kunstvolles, bekrönendes Astwerk. Für Peter Breuer als Schöpfer dieses schönen Werkes spricht zunächst der Gesichtsausdruck der Maria und des Johannes in ihrer versonnenen Stille; Johannes (Abb. 12) ist ganz ähnlich aufgefaßt wie der unbestritten Breuersche Johannes im Aufsatz des Marienaltars, selbst die Farbe der Gewänder (Blau und Rot) stimmen überein, nur ist der Kopf des Johannes am Betschemel ein wenig breiter. Auch die Kopfhaltung und der Faltenwurf zeigen Breuersche Züge, ebenso die gebohrten Locken des Apostels. Vor allem aber stimmt die Daumenprobe. Zwar bei Maria läßt sie sich nicht anstellen, da leider beide Daumen abgebrochen sind, aber bei Johannes sind beide Daumen und sogar die große Zehe des nackten Fußes ganz in der Breuerschen Weise abgeplattet.
[Illustration: Abb. 12. =Der Apostel Johannes am Betschemel=, ein Werk von Peter Breuer. Man beachte die eigenartig abgeplatteten beiden Daumen und die große Zehe des rechten Fußes]
Endlich steht die ganze Kreuzigungsgruppe Peter Breuers von etwa 1505 (_Hentschel_ a. a. O. S. 36 und Tafel 21), die sich in der Johanniskirche zu Chemnitz findet, in enger Beziehung zum Gnandsteiner Betschemel: die Kopfform und der Gesichtsausdruck des Heilands, das links nach unten und rechts nach oben schwingende Lendentuch mit seinen Röhrenfalten, die Gewandung, der Gesichtsausdruck und die Kopfhaltung der Maria, Gewandung, Körperhaltung, Kopfform und Haarbehandlung des Johannes und anderes verraten in beiden Werken die Hand desselben Künstlers und zwar die seiner Frühzeit.
Welch eine tiefe religiöse und künstlerische Kultur muß dem Vater der Gattin Heinrichs von Einsiedel und diesem selbst eigen gewesen sein, wenn sie ihr Leben und das ihrer Kinder und ihres Gesindes durch das tägliche Anschauen von so hohen, vom Hauche innerlicher Frömmigkeit beseelter Kunstwerke zu veredeln suchten. Auch das weibliche Gesinde nahm am Gottesdienste in der Burgkapelle teil. Denn zu den ursprünglichen Einrichtungen der Kapelle gehört auch die von Konsolen aus Rochlitzer Stein getragene Empore, hinter deren hölzernen Balustraden und holzvergitterten Fensterchen die Burgfrau mit ihren Mägden, von den Männern ungesehen, die Messe hörte. Diese Empore war von einer längs des Oberstockes der Kapelle hinlaufenden Holzgalerie aus zugänglich (siehe Seite 370).
Um 1812, in der Zeit der blühenden deutschen Romantik, erfuhr die Kapelle nach dem Bericht der noch vorhandenen Bauakten eine durchgreifende Veränderung. Die dem Kirchenbau vorgelegten dreigeschossigen Holzgänge wurden niedergerissen, der spitzbogige Eingang vom Burghofe her (noch jetzt hinter der Kanzel als Nische erkennbar) wurde vermauert und beides durch eine im westlichsten Teil des Kirchenbaues vom Keller aus bis zum Boden hinauf geführte hölzerne Treppenanlage ersetzt. Der Haupteingang zur Kapelle führte nun vom Westgiebel des Kirchenbaues ins Innere und zwar zunächst in das zur Kapelle gezogene Vorzimmer (siehe Seite 370), in dem jetzt die Ahnenbilder hängen.
Damals wurde auch die Kanzel an ihre jetzige Stelle gerückt; die beiden Plätze zunächst der Kanzel tragen die Wappen derer von Einsiedel und derer von Ende. Diese Wappen wurden in dieser Zeit der Franzosenherrschaft und der Sehnsucht nach der alten deutschen Kaiserherrlichkeit der Ausgangspunkt einer weitläufigen Sagenbildung. Das achtungsvolle Verhalten, das Kaiser Karl V., als er sechs Tage vor der Mühlberger Schlacht in Gnandstein rastete, gegen den frommen und seinem Landesfürsten getreuen Schloßherrn zur Schau trug, ließ sich auch ohne geschichtliche Unterlagen weiter ausspinnen. So bildete sich die Einsiedelsche Familiensage, der Kaiser habe einer an diesem Tage stattfindenden Hochzeit der Tochter des Burgherrn mit Uz von Ende beigewohnt und habe die Braut in eigener Person dem Bräutigam zugeführt. Das ist aber, da doch die Trauung in diesem der Lehre Luthers längst zugetanen Hause natürlich von einem evangelischen Geistlichen vollzogen worden wäre, nach allem, was wir von der Sinnesart des Kaisers wissen, ganz undenkbar. Wenn nun trotzdem eine geschnitzte Heroldsgestalt des Gestühls der Kapelle auf dem Spruchband die Bezeichnung trägt: Carl V., so ist diese aus dem Geiste der Romantik geborene Bezeichnung als eine spätere Fälschung anzusehen, die vermutlich 1812 hier vorgenommen wurde, als man das Gestühl ausbesserte, beziehentlich teilweise erneuerte.
Eine andere Gnandsteiner Sage aus der Zeit der Romantik überliefert uns Fr. Riehle (Sachsengrün ~I B.~ Dresden 1861, Seite 86 f.):
Um 1800 wurde ein Herr von Einsiedel bei einer italienischen Reise von einer schweren Krankheit befallen. In einem Kloster fand er Heilung. Der Prior des Klosters erzählte dem Genesenden, vor etwa hundert Jahren sei ein Herr von Einsiedel im Kloster verstorben und habe ein Testament hinterlassen, das niemand lesen könne. Diese Schrift im Alphabet einer orientalischen Sprache schenkt der Prior dem Gnandsteiner beim Abschied, der nahm sie mit in die Heimat und übergab sie einem Leipziger Professor zur Deutung. Dieser entzifferte zunächst das erste Blatt des Pergaments. Auf ihm stand zu lesen, eine Säule der Kunigundenkapelle (?) in Gnandstein enthalte in einer Höhlung wertvolle heilige Gefäße. Ferner war eine Stelle im alten Bergfried bezeichnet, an der ein Schlüssel verborgen sei. Nach der Himmelsgegend zu, nach welcher der Bart des Schlüssels zeige, liege der Schatz vergraben, dessen Behältnis mit dem gefundenen Schlüssel zu öffnen sei. Die bezeichnete Stelle in der Kapelle fand sich, aber sie war leer. Dann durchbrachen die Maurer die Wand des Bergfrieds und fanden das eiserne Kästchen mit dem Schlüssel. Aber gerade in diesem Augenblicke war der Herr von Einsiedel nicht zugegen, und als er kam, war das Kästchen schon von den Arbeitern verdreht worden, und keiner wußte, nach welcher Richtung der Bart des Schlüssels gezeigt hatte. Zum Unglücke war unterdes auch das Pergament bei einem Stubenbrand des Professors N(obbe?) in Leipzig zugrunde gegangen. Diese Schatzsage entstammt vielleicht dem romantisch gestimmten Kreise, der sich auf Einladung Alexanders von Einsiedel und seiner Gemahlin Julie geborenen Kunze, der Pflegeschwester Theodor Körners (siehe oben) gelegentlich in einem gemieteten Lokale in Nenkersdorf oder im Jägerhause bei Frohburg oder, wenn es der Gesundheitszustand des kränklichen Schloßherrn erlaubte, auch in Gnandstein versammelte. Eine ganz ähnlich gestaltete Schatzsage lebt noch heute in dem von Zehmenschen Schlosse Stauchitz bei Oschatz.
[Illustration: Abb. 13. =Das Kapellenfenster links vom Marienaltar mit dem Spruch des Dichters Börries von Münchhausen= (S. 383)]
Zuletzt wurde die Gnandsteiner Kapelle 1922 durch den jetzigen Schloßherrn wieder aufgefrischt und ihre Ausstattung durch einige ältere und neuere Kunstwerke ergänzt. Dabei wurden die Wände und Decken durch eine anspruchslose, an alte Muster aus dem Brandenburger Dom und an das gotische Rosenmuster einer Schwarzwaldkirche angelehnte Ausmalung geschmückt (von den Dresdner Kunstmalern Trede und Wendt), die die Wirkung der trefflichen alten Kunstwerke nicht schädigt, sondern durch den Ausgleich der Farben zusammenschließt.
Neu hinzu kam das Grabmal der kurfürstlichen Hofmeisterin Madalena von Einsiedel, die am 11. April 1592 in Altenburg gestorben war. Es wurde schon 1878 durch den Vater des Schloßherrn aus der dortigen Bartholomäuskirche nach Gnandstein gebracht, aber erst im Jahre 1922 vom Bildhauer Dietze in der Kapelle wieder aufgestellt. Auch das nach einem Vorbild in der Sakristei der Klosterkirche zu Reichenau am Bodensee gebildete Lesepult, ferner der barocke Taufstein mit der 1923 von J. Pilling in Altenburg in Messing getriebenen Taufschüssel, der alte schmiedeeiserne Kronleuchter bayrischen Ursprungs und einige andere Ausstattungsstücke gehören nicht zu dem alten Bestand der Kapelle. Ebenso ist das seitlich vom Annenaltar erhöhte mittelalterliche Kruzifix erst seit 1922 in der Kapelle. (Abb. 9.) Es lag vordem unbeachtet auf dem Boden der Dorfkirche, darf aber in seiner herben Realistik als ein Werk des fünfzehnten Jahrhunderts gelten und verdient in jeder Hinsicht den Platz, den es jetzt einnimmt.
Auch die Fenster der Apsis haben bedeutende Umgestaltungen erfahren. Alt und von großer Schönheit sind im Mittelfenster die beiden auf Glas gemalten Wappen der Einsiedel und der Schenk von Tautenburg, und das einst über der Kapellentür angebrachte Einsiedelsche Wappen auf Purpurgrund, das jetzt das vierte Fenster, links vom Marienaltar, schmückt. Dagegen sind die zu den Füllungen zwischen den Glasmalereien verwendeten Butzenscheiben zwar alt, aber nicht bodenständig, sondern erst vom Schloßherrn in jahrelangem Bemühen gesammelt worden. Die figürlichen Glasmalereien außer den genannten alten Wappen sind neu und zwar ist die Kreuzigungsgruppe des Mittelfensters die Nachbildung eines Fensters der Stadtkirche zu Rottweil in Württemberg, die geschichtlichen Bilder in den Seitenfenstern der Apsis sind von Professor Jelin, dem Direktor der Kunstakademie in Stuttgart, entworfen und 1922 in der Glasmalerei Seile in Stuttgart ausgeführt worden. Das Bild des rechten Fensters zeigt im Anschluß an die oben erwähnte Sage den Brautzug mit Kaiser Karl V., das Bild des linken Fensters den Erneuerer der evangelischen Religion Martin Luther, wie er in der Gnandsteiner Kapelle in Anwesenheit Spalatins vor Heinrich von Einsiedel predigt. Das Mittelfenster ist vom Schloßherrn »Dem Andenken seiner Ahnen Hildebrand († 1461) und Heinrich von Einsiedel (1457–1507)« geweiht, das vierte Fenster, links vom Marienaltar, von Olbricht in Leipzig gezeichnet und von Stockinger ausgeführt, den in den Kriegen von 1794, 1813, 1870, 1914 bis 1918 gefallenen Gliedern der Familie von Einsiedel. (Abb. 13.) Den Spruch für dieses Fenster hat der Freiherr Börries von Münchhausen, als ihn der Kammerherr von Einsiedel zur Zeit der Kapellenerneuerung einmal auf Schloß Windischleuba besuchte und ihm von seinen Plänen erzählte, in rasch geformter Eingebung also gefaßt:
[Illustration: Abb. 14. =Schloß Gnandstein von Süden, in der Mitte der es umgebenden Landschaft=]
»Ihrer die Wunden, unser die Narben«, »Wir leben schwerer als jene starben«.
Dieser Spruch des Dichters ist ebenso herb wie wahrhaftig. Oder könnte der Druck, der auf den Deutschen unserer Zeit lastet, treffender und eindrucksvoller bezeichnet werden als durch diese Inschrift? So wird jeder, der dem Gnandstein und insbesondere auch seiner erneuerten Burgkapelle eine eingehende Betrachtung geschenkt hat, befriedigt und innerlich bereichert von dannen gehen und der Schloßherrschaft dafür dankbar sein, daß sie mit redlichem Bemühen und glücklichem Gelingen eine altehrwürdige Erinnerungsstätte (Abb. 14 und 15) so schonend und treu bewahrt und erhält, daß man in ihr durch echte Denkmäler fast aller Epochen der deutschen Entwickelung, vom Jahre 1000 an bis zur Gegenwart, schauend und sinnend hindurchschreitet.
[Illustration: Abb. 15. =Schloß Gnandstein mit dem Ausblick nach Westen=]
Fußnote:
[1] Die Kennzeichen 1–4 hebt außer anderen _Johannes Hartenstein_ (Sächs. Heimat 1921, 4. Heft, S. 272 f.) hervor, die Kennzeichen 5 und 6 _Johannes Brückner_, Die Holzplastik im Greizer Land (Marburger Dissertation 1924), S. 28 und 34.
Das Herz im Walde
Ein kleines deutsches Krippen- und Sonnwendspiel
Von _Kurt Arnold Findeisen_
Mit vier Zeichnungen von Alfred Hofmann-Stollberg
Dezembernacht gegen Morgen.
Zu beiden Seiten verschneiter deutscher Wald. Kreuzweg mit einem Meilenstein, dahinter ein schneebedeckter Wegweiser, der von Wind und Wetter schwarz ist, deutlich gegen den Himmel gestellt. Ein Stern darüber, der allmählich erblaßt.
_Josef_, ein ärmlicher alter Mann, mit einer erloschenen Stall-Laterne, auf einen Stock gestützt, kommt gehumpelt.
_Maria_, ihr Kind auf dem Arm, das sie sorglich in Tücher gewickelt trägt, folgt ihm mühsam.
_Maria_:
Lieber Mann, verhalt’ den Tritt kann nicht weiter, nicht ein’ Schritt. Seind zerschlagen mir die Knochen als wär’ gewandert sieben Wochen, seind zerrissen mir die Schuh’; gönn mir ein halbes Stündlein Ruh! – Will mich an diesen Wegweis setzen und unser liebes Kindlein letzen.
_Josef_:
Liebes Weib, und hör mich an: Hier rasten ist nicht wohlgetan; nimm dein’ letzte Kraft zusammen, müssen zu guten Leuten kommen, setz’ dich nicht in Eis und Schnee, tust uns allen ewig weh!
_Maria_:
Lieber Mann, ich muß mich setzen, muß unser liebes Kindlein letzen. Sieh, ich blas den Schnee vom Stein, soll mir ein feiner Sessel sein.
(Sie setzt sich auf den Meilenstein unter den Wegweiser.)
_Josef_:
Liebes Weib, ich bitt’ dich teuer: Im nächt’gen Wald ist’s nicht geheuer. Du erfrierst im kalten Hauch und unser armes Kindlein auch!
_Maria_:
Lieber Mann, woll’st dich nicht härmen: Mich tut unser Kindlein wärmen, fühl nur her, wie’s strahlt und glüht, wie ein kleiner Sommer blüht. Komm, dich freißt’s an Haupt und Füßen, magst sein Gutsein mit genießen.
_Josef_ (rückt neben sie und kuschelt sich an Mutter und Kind, brummend, schnurrend, buckelnd wie ein alter Kater):
Ei, ei, ei, das liebe Blut! Sapperlot, wie wohl das tut! Wie ein kleiner Kachelofen; traun, ich seh das Türlein offen, wirft ein hellen Flammenschein über mein altes Herz herein.
[Illustration]
_Maria_ (verweisend):
Nicht ein Öflein, ein Sönnlein brav! Sieh, jetzt tut es ab den Schlaf, stemmt die Füße, hebt die Lider, schickt die Äuglein hin und wider. Gott, wie leuchten sie im Kreis! Lieber Mann, mir wird ganz heiß!
(Es geht ein sanftes Licht von dem Kinde aus.)
_Josef_:
Ei potz Tausend, Mond und Sternel, als wär’ entzunden das Laternel!
_Maria_:
Schau mir noch die Augen blind. Josef, ist das unser Kind? Trau mir nicht mehr, es zu tränken, mein’, ich könnt’ sein’ Schimmer kränken; trau mir nicht mehr aufzustehn, fürcht’, es könnt’ sein Glanz vergehn.
_Josef_:
Bleib allhier, Maria mein, könnten nicht besser behauset sein!
_Maria_ (drückt das Kind ans Herz und singt versonnen):
Jesulein zart, von seltener Art, leucht’ als ein Licht im Hage. Jesulein lind, mein goldnes Kind, wandelt die Nacht zum Tage.
Jesulein zart von seltner Art glimmt als ein’ blanke Kerzen. Jesulein lind, mein goldnes Kind, wärmt’ alle Welt mit dem Herzen.
(Josef und Maria kauern versunken. Vom Kinde geht nach wie vor ein heller Schein aus.)
_Stimme des Meilensteins_ (auf dem die heiligen Eltern sitzen, tief):
Ich, der Stein am Scheidewege, höre eines Herzens Schläge meinen Drusen eingeprägt.
_Stimme eines Grashalms_ (mitteltönig):
Ich, ein Gras vom Straßendamme, spüre eines Herzens Flamme durch den kalten Wald gefegt.
_Stimme eines kleinen Vogels_ (der plötzlich auf dem Wegweiser sitzt, hoch):
Ich, ein Piepmatz, halberfroren, fühle eines Herzens Bohren, das die ganze Nacht erregt.
_Stimme des Meilensteins_:
Warmes, gutes Herz im Walde, Sonnenkuß im Felsenspalte, alle Steine grüßen dich.
_Stimme des Grashalms_:
Warmes, gutes Herz im scharfen Eiskristall, du Frühlingsharfe, alle Pflanzen grüßen dich.
_Stimme des Vogels_ (indem er sich unter Mariens Schultertuch duckt):
Warmes, gutes Herz im bleichen Todesdunkel. Lebenszeichen, alle Tiere grüßen dich!
_Alle drei Stimmen_:
Heil’ger Herzschlag, Weltenuhr, dich begreift die Kreatur!
_Maria_ (schlaftrunken):
Lieber Josef, sag, was machst du? Träumst du, schläfst du oder wachst du?
_Josef_:
Träumte grad’, ich klebte fest in ein’m warmen Vogelnest. Frierst du, liebes Weib?
_Maria_:
O nein, sitz an einem Feuerlein. Wenn ich nur den Schein verstünde über unserm lieben Kinde.
_Josef_:
Beste Frau, mich will bedeuchten: alle kleinen Kinder leuchten.
_Maria_:
Wenn ich nur die Ursach wüßt, daß es so voll Wunder ist. Glaub mir, seines Herzens Tönen spür ich weit und weiter dröhnen, höre, wie der ganze Wald leise davon widerhallt, fühle, wie vor seinen blauen Augen Eis und Schnee zertauen.
_Josef_:
Liebe Frau, sei unbeirrt, schlafe, bis es Morgen wird.
Es dämmert grau. Im Umkreis des Kindes, immer weiter sich verbreiternd, beginnen Eis und Schnee zu schwinden. Der Wegweiser hebt sich deutlicher vom Himmel ab.
_Ein zerlumpter blinder Bettler_ kommt, von seinem struppigen Hunde geführt. Er trägt einen schwarzen Schirm über den Augen, den Bettelsack umgehängt. An seinem Humpelstock ist sein Hund angebunden.
Komm, mein Hund, du Steigbereiter meiner Blindheit, Hungerleider aus Beruf und Mitgefühl, tags mein Stab und nachts mein Pfühl, komm, mein guter Hund, Gefährte meiner Bettelwegsbeschwerde, andre Zeiten führst du mich, heute führ’ ich einmal dich.
(Unbeirrt auf Mutter und Kind zu.)
Hier ist Helle, hier ist Wärme, spür’s bis in mein tiefst’ Gedärme, hier ist Herberg’ aufgetan, und da spricht der Bettler an.
(Er tastet nach dem Kind.)
_Maria_ (erschrocken):
Josef, Jo –
[Illustration]
_Der blinde Bettler_:
Nur keine Bange, waches Stimmlein, hold von Klange! Ich und dieser Hund, wir ziehn einem Stern nach, der uns schien, innerlich war er entglommen, und – nun sind wir angekommen.
_Josef_:
Ja, was wollt ihr?
_Der blinde Bettler_:
Nichts als Milde! Unwirtlich starrt das Gefilde, Nacht und Winter, Bettlers Feind; aber hier scheint’s gut gemeint, hier ist Heizung, hier ist Helle, gehn nicht mehr von dieser Schwelle.
(zögernd:)
Seid – ihr – mehr als zwei?
_Maria_:
Wir sind drei, hier liegt ein kleines Kind.
_Der blinde Bettler_ (voll Freude zu seinem Hund):
Hast du’s auch gehört, mein Alter? Fehlt nur ein Zitronenfalter und ein Vogelpiep im Hain, glaub ich, ’s müßte Frühling sein!
Unter der linken Achselhöhle der Maria trällert der kleine Vogel. Aus ihrer rechten Achselhöhle kommt ein Zitronenfalter geflattert, setzt sich auf Bettelmanns Nase, probt die Schwingen und schwirrt weiter.
_Der blinde Bettler_ (entgeistert):
Vogel singt und Falter fliegen –
(Außer sich:)
Laßt mich in der Sonne liegen!
(Stammelnd vor Entzücken:)
Laßt mich streicheln – Kinderhand – Wunder – Allmacht – Unterpfand! – Ich bin blind, jedoch ich sehe: hier ist Gott in nächster Nähe!
(Er sinkt vor dem Kind in die Knie.)
_Maria_ (zu Josef, der wie betäubt sitzt):
Josef, Josef, hörst du mich? Mir ist gar so wunderlich.
_Josef_ (sich wendend):
Wunderlich? Ach, meine Gute, mir ist ganz verquer zumute; überhaupt – du lieber Schreck! – hier – und hier – der Schnee ist weg!
Während sie sich voll Erstaunen umblicken und der Bettler sich zu ihren Füßen mit wohligen Gebärden neben seinen Hund kauert, kommen
_drei Dorfmusikanten_, vergnügte Seelen, etwas angeheitert, denn sie haben bis spät nach Mitternacht bei einer Hochzeit aufgespielt: zwei Fiedeln und ein Kontrabaß, ein Langer, ein Dünner und ein Dicker.
Inzwischen ist es fast hell geworden. Der Schein des Kindes, das wieder eingeschlafen ist, ist in Morgenlicht übergegangen.
_Der erste Fiedler_ (schwankend):
Dunnerkiel, das war ’ne scheene Hochzeit! Bloß die Wackelbeene!
_Der zweite Fiedler_ (sich die Pelzmütze befühlend):
Ui, mir is mei Kopp fexiert! Hab’n wir drei nich musiziert?
_Der mit dem Baß_ (sehr wacklig):
Musiziert? Nu ob, ich gloobe. Und dann kam de Nagelprobe!
(Er lacht selig, die andern stimmen in sein Gelächter ein.)
_Der erste_ (sich betroffen umsehend):
Sagt emal: bin ich verrückt? Hat uns nich eb’n noch Frost gezwickt?
_Der zweite_:
Frost? Nu freilich! (Sich betastend.) Nas und Ohren! Aber hier? Wie neugeboren!
[Illustration]
_Der dritte_:
Sapperment! (Schnüffelnd.) Und Blumenduft! Riecht ihr’sch? Richt’ge Maienluft?
_Der erste_:
Hab ich denn so viel gesoffen? Sind wir nich im Schnee geloffen?
_Der zweite_:
Schnee? Weeß Gott! Bis zu den Knien! Mensch, und hier is alles grün!
_Der dritte_:
Ohne Tauwind und Spektakel, das ’s ja förmlich e Mirakel!
_Der erste_ (die heilige Familie entdeckend):
Und was hockt denn hier zuhauf?
(Die andern treten verdutzt herzu, alle plötzlich nüchtern und verständig.)
_Maria_ (bittend, mit leisem Vorwurf):
Weckt mir doch mein Kind nicht auf!
_Der zweite Fiedler_ (in täppischer Verlegenheit):
Nee, das woll’n wir nich, behüte. –
(Das Kind betrachtend:)
So ’ne Unschuld, so e Friede!
_Der erste_:
Und die hübschen kleenen Patschen!
_Der zweite_ (ihn zurechtweisend):
Tu’s doch nich so derb antatschen!
_Der dritte_:
He, laßt mich nur ooch mal ’ran,
(Zu Josef:)
’samster Diener, guter Mann!
_Der erste_ (in plötzlicher, nachträglicher Höflichkeit vor Maria und Josef die Mütze abnehmend):
Kompliment!
_Der zweite_ (ebenso):
Ich hab de Ehr’.
(Den Bettler und den Hund bemerkend):
Hoi, hier hauchen ja noch mehr.
_Der Bettler_:
Achtet nicht des alten Blinden.
(Nach dem Kind hinweisend:)
Dort ist euer Heil zu finden.
_Der erste Fiedler_ (durch den Liebesanhauch des Kindes erwärmt):
Wart’ emal, – das wär’ noch scheener –, wer gesund, wie unsereener, kann schon mal ’en Pfeng entbehr’n und den Armen was bescher’n.
(Er langt dem Bettler Geld hin.)
_Der zweite_:
Stimmt, wir lassen uns nich lumpen; komm, ich werd’ dir ooch was pumpen; Hochzeitsvater hat spendiert –
(Er schüttet dem Bettler einen Beutel Geld in den Schoß.)
Immerzu und nich scheniert!
_Der dritte_:
Na, bei soviel guten Gaben muß das Hundchen ooch was haben; da ’en Zippel Leberwurscht und ’ne halbe Gänsebrust.
(Er füttert den Hund.)
_Der Bettler_ (segnend):
Gott vergelt’s, ihr wackern Leute: Wahrlich: Feiertag ist heute!
_Maria und Josef_ (gerührt):
Gott vergelt’s euch, gute Herrn!
_Der erste Fiedler_ (immer mehr entfacht):
Ha, das tut mer doch ganz gern! – Wenn mer nur was Hübsches wüßt’ für den kleenen Strampelchrist.
_Der zweite_:
Hast ooch recht. Und nich zu wenig! Stehn da wie die heil’gen Dreikönig’, müssen ’s Kindel nu bedenken und ihm was Gehörig’s schenken.
_Der dritte_:
Sind wir denn nich Musici? Bring’n wir ihm e Ständchen. Wie?
_Der erste_ (begeistert):
Mensch, das haste fein erdacht, gleich geht’s los!
_Der zweite_ (mit Entschiedenheit):
Das wird gemacht!
Sie stellen sich umständlich auf und kratzen und schaben mit Andacht eine schlichte, sanft heitere Musik, die dem Liede der Maria ähnlich ist. Während sie spielen, schwingt sich der kleine Vogel auf einen Baum und fängt inbrünstig zu singen an. Eine Wolke gelber Schmetterlinge kommt geflogen und umtanzt die Fiedelleute, sich dann und wann auf den schwirrenden Saiten niederlassend.
Wie die Musikanten stolz geendet haben, steht der Wald frühlingsfrisch und grün. Wolken wandern. Auf den Wegweiser fällt helles Morgenlicht.
_Maria_ (die versonnen lächelnd und über das Kind gebeugt gelauscht hat, steht rasch auf, mit ernstem Angesicht):
Josef, komm, ’woll’n weiterziehn, viel Wunderliches ist gediehn. Bin zwar froh, doch klopft mein Herz, an der Freude zupft ein Schmerz. Mein’, unser Kindlein, kaum geboren, zu schweren Dingen ist’s erkoren; können’s nur noch nicht verstehn. Josef, komm, woll’n weitergehn.
_Josef_ (nickt ihr nachdenklich zu, wendet sich zu den Spielleuten):
Dank euch, war ein braves Stück. Müssen weiter!
_Die Musikanten_:
Bleiben nicht zurück.
_Maria_ (die sich ebenfalls gewendet, umfängt, das Kind an sich gedrückt, mit grübelnden Augen den Platz, auf dem sie gesessen hat. Wie sich ihr Blick zu dem Wegweiser hebt, schreit sie auf: Er steht da, mit schwarzgespreizten Armen gegen den hellen Morgenhimmel, starr und unerbittlich wie ein Kreuz):
Josef, sieh, ein schwarzes Kreuz, Lieber, das bedeut’ was Leids. Um unser Kind ist mir so bang: sorge mich, es lebt nicht lang!
[Illustration]
_Josef_:
Komm, ’s geht alles seinen Gang.
_Der blinde Bettler_:
Arme Mutter, laß das Härmen: Was den kalten Wald tut wärmen, heil’ge Wintersonnenwende, ist ohne Anfang, ohne Ende. Stehn wir auch noch blind und fern: Ewig ist das Herz des Herrn!