Chapter 3 of 6 · 3979 words · ~20 min read

Part 3

Maria geht mit dem Kinde langsam dahin, kopfschüttelnd. Josef folgt ihr. Hinterdrein schreiten die Musikanten, die eine getragene Weise spielen. Den Beschluß macht der Blinde mit seinem Hund.

Zuletzt ragt nur noch hoch das Kreuz. Oben drauf sitzt, von der Morgensonne beschienen, der kleine Vogel und jubiliert.

Beim Türmer in Marienberg

Von _Martin Schmidt-Breitung_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Von welcher Seite du auch unser Marienberger Stadtbild schaust, ob von den Wäldern des Reitzenhainer Gebirgskamms, vom geschlängelten Tale des Schlettenbachs, in dem dich die Bahn aus dem Niederland zu uns heraufbringt – ja, von den die Stadt überragenden Höhen im Westen, die du beim Anwandern von Wolkenstein und Zschopau überwinden mußt – immer grüßt dich als Wahrzeichen der allein beherrschende, im weiten Achteck unverjüngt bis zur Zwiebelkuppel aufgeführte Turm der Stadtkirche. Kein Fabrikschlot, keine unmäßige Mietskaserne verschandelt bis zur Stunde das Bild des alten Stadtkerns. Der zierliche Uhrturm des Rathauses hat vor allem verständig-bescheiden Maß und Linie gewahrt, so daß auch er als Nebenbuhler sich nicht vordrängt. Er weiß, der große Kirchturm muß ihm anderwärts doch parieren, denn die Rathausuhr schlägt nach altem Herkommen die Stunden vor, ehe die Kirchglocke mit tieferem Baß die Zahl wiederholen darf.

[Illustration: Abb. 1. =Marienberg, von Osten gesehen=]

Aber wie wir nun unmittelbar vor der wuchtigen Stadtkirche stehen und in der Morgensonne zum Turme hinauflugen, da erkennen wir ja Fenster einer Wohnung dort oben und eine kleine Ziegelesse, die die Schieferhaube zaghaft durchbricht. Die offene Treppentüre braucht darum nicht lange auf uns zu warten und entdeckerfreudig klimmen wir die breiten, steinernen Wendelstufen hinan. An die dreihundert Stufen haben wir hinter uns, als wir am Ende des Treppenturms angelangt sind. Nun geht es schmälere Holzstiegen hinan, vorbei an den Glocken, bis auf unsern Anruf sich über unsern Köpfen eine Dielentüre öffnet und wir, man kann es ruhig heute sagen, ins Märchenreich einer alten Türmerwohnung treten!

[Illustration: Abb. 2. =Marienberger Stadtkirche=, vom Marktplatz gesehen]

Wohl ragen noch aller Orten die Glockentürme im Land. Aber sie haben ihre frühere Alleinherrschaft, der politischen Entwicklung folgend, oft mit zahllosen anderen Großhäuptern teilen müssen, die meist wenig von ihrer inneren Art haben: Rathaustürme, qualmende Fabrikschlote, Silos, Krane und bald Wolkenkratzer amerikanischen Geistes. Aber schlimmer noch – die neue Zeit hat die Turmwarte, die Jahrhunderte ihres schönen Amtes walteten, entbehrlich gemacht. Elektrische Alarmwerke rufen jetzt bei gemeiner Feuers- und Wassergefahr die Wehren zusammen, mechanische Kunst läßt die Uhren schlagen und Glocken läuten. Und so mag bald in unserem Lande die Zeit kommen, wo der letzte Türmer seines Amtes gewaltet haben wird und abermals ein Denkmal heimatlicher Romantik dahingegangen ist …

[Illustration: Abb. 3. =Die Bergstraße in Marienberg=]

In der Behaglichkeit des Wohnzimmers, in das wir zuerst von dem durchaus nicht beengten Vorraum treten, der sogar ein Gastbette birgt, schweigen vor der lebendigen Gegenwart alle diese Empfindungen. Ein munterer Zeisig und ein Kreuzschnabel bewillkommnen uns seltene Gäste. Die dicken Außenwände des Turmes bieten jedem Wetter wacker Trotz und der Knick im Zimmer – zwei Seiten des Achtflächners gehören ihm – schafft ein desto traulicheres Gehäuse. Die kräftige Hausfrau, der das Treppensteigen ebenso wie allen anderen Familiengliedern gut zu bekommen scheint, waltet gerade am Herde ihres Amtes. Die Quellen der städtischen Wasserleitung liegen so hoch, daß das Wasser noch eben hier oben läuft. Holz und Kohlen werden mit der Winde, deren Holzarm man schon im Mittelflächner von unten gewahrt, heraufgezogen. »S is itze grade Lichtmeß im Hulze«, meint der Hausvater, »de Feiertog werd neies rankomm!« – An der Wand hängt das Horn des Türmers, eine blecherne Tuba. Ihr Äußeres zeigt, daß sie manchem Geschlechte schon gedient hat. Mit einem: »Versuchens ner mal!« reichts uns der Meister unbefangen zum Blasen hin. – In der Nacht wird jede Viertelstunde, volle Stundenschläge ausgenommen, darauf zum Fenster hinaus stadtwärts geblasen: ein einziger, hoher Ton – zum Zeichen, daß der Türmer seines Amtes waltet und alles in Ordnung befunden hat. Wie streng hierüber gewacht wird, zeigt folgendes Geschichtchen, das wir am besten so wiedergeben, wie es in den Akten des Stadtrates zu lesen ist:

»933 ~IA.~ Marienberg, am 21. XI. … wird bemerkt, daß der Türmer in der Nacht vom 20. zum 21. ds. Ms. um 4 Uhr früh die Stunde nicht angeschlagen, auch, und ¼, ½ und ¾ fünf Uhr entgegen § 1 seiner Dienstanweisung das Hornzeichen nicht gegeben hat«.

(Unterschrift)

Beschluß vom 21. XI. …

Zur verantwortlichen Auslassung an den Türmer, Herrn …

Marienberg, 22. XI. … An den Stadtrat.

Zur Beantwortung vorstehender Bemerkung habe ich folgendes zu berichten:

Daß ich am 21. früh 4 Uhr nicht angeschlagen haben soll, ist nicht zutreffend. Jedenfalls ist es von meinem Ankläger nicht gehört worden, weil wegen Westwindes die Schalläden geschlossen waren.

Dagegen ist es richtig, daß ich die erwähnten Hornzeichen nicht gegeben habe, aber trotzdem wachsam sein mußte, schon wegen des 5-Uhr-Läutens. Ich leugne auch gar nicht, daß ich mir in dieser Beziehung zuweilen Einschränkungen eigenmächtig erlaubt habe, die in Umständen zu suchen sind, die anzuführen ich jederzeit mündlich oder schriftlich bereit bin. Ich versichere, daß ich das infolge dieses Vorkommnisses vielleicht gesunkene Vertrauen meiner vorgesetzten Behörde durch erneute Aufmerksamkeit und Wahrnehmung meiner Dienstpflicht wieder zu erreichen bestrebt sein werde.

Hochachtungsvoll

(Name), Türmer.

Beschluß vom 23. XI. … Herrn Türmer … zur Kenntnis vorzulegen, daß der Unterzeichnete der »Ankläger« ist.

Im übrigen soll es für diesmal bei der Ausführung bewenden usw.

(Name des Bürgermeisters.)

23. XI. … Vom Vorstehenden Kenntnis genommen.

(Name), Türmer.

[Illustration: Abb. 4. =Haus Nr. 14 der Bergstraße in Marienberg=]

Jetzt waltet ein Nestler, aus dem nahen Großrückerswalde gebürtig, seines verantwortungsvollen Amtes. Außer dem besonders nachts ununterbrochenen Rundgang hat er die in der Turmspitze hängende kleine Glocke zu folgenden Zeiten zu läuten: Früh 5 Uhr, vormittags 11 Uhr, mittags 12 Uhr, abends 7 und 8 Uhr. Das 11-Uhr-Läuten trägt dem Brauch der Bauern Rechnung, um diese Zeit Mittag zu halten, da sie ja ihr Tagewerk schon so früh beginnen. Aber auch die vollen Stunden muß er selber anschlagen. Um diese Zeit ist das Fenster nach der Marktseite geöffnet und sobald es dort ausgeschlagen hat, beginnt der Nestler gewichtig zählend seinen Glockenstrang vom Vorraum seiner Wohnung zu ziehen. Welche Verwirrung im Tageslauf der Marienberger, wenn er sich einmal verzählen sollte!

[Illustration: Abb. 5. =Marienberger Rathausportal=]

Nun aber gilt es Ausschau zu halten. Wir klimmen noch eine Stiege höher und sind im gebälkereichen Boden der Türmerwohnung. Da läßt es sich gut Wäsche trocknen!

[Illustration: Abb. 6. =Das Zschopauer Tor in Marienberg mit Rest der Stadtmauer.= (Im Vordergrund ein geschickt angeschlossener elektrischer Transformator)]

Unser erster Ausblick aus dem Fensterkranz geht nach dem Markte der Stadt. Welche ganz ungewöhnliche Größe für diese Bergstadt, deren Kern heute, vierhundert Jahre nach der Stadtgründung, nicht mehr als fünftausend Seelen zählt! Dem Gründer Marienbergs, Herzog Heinrich dem Frommen, dessen Standbild den Platz ziert und das Mittelpunkt aller Marktveranstaltungen ist, wird nach dem Beispiel Freibergs eine größere Zukunftsstadt vorgeschwebt haben. Wir freuen uns jedenfalls heute dieses großen, lindengesäumten Freiplatzes, dem freilich die Stadt, das gilt besonders von dem erfreulicherweise vorhandenen Marktbrunnen, eine etwas liebevollere Pflege durch Blumenschmuck angedeihen lassen könnte.

[Illustration: Abb. 7. =Ausblick vom Kirchturm nach dem Marienberger Markt und der Zschopauer Straße=]

Nächstdem zieht die breite Zschopauer Straße mit ihrem köstlichen Stadttore unsere Blicke auf sich. Noch heute steht dieses Tor am eigentlichen Eingang (Nordwest) der Stadt und seine Maße waren weitschauend genug gewählt, daß in unsern Tagen die großen gelben Wagen der Kraftwagenlinie Wolkenstein–Olbernhau ohne Gefahr passieren können. Ja, zu abendlicher Stunde ergibt sich aus solcher Durchfahrt ein köstliches Bild:

In das spärliche Licht der Straßenlaternen fällt auf einmal die blendende Helle der Scheinwerfer eines Kraftwagens und je näher diese Lichter dem Tore kommen, desto wuchtiger tritt es aus dem Straßenbilde hervor, bis die Lichtbahn sich mehr und mehr in die Toröffnung zusammenzieht, schließlich in dieses Dunkel einen goldenen Kegel zaubert, um dann unvermittelt nach der Durchfahrt alles wieder in seinen Märchentraum versinken zu lassen …

Aber jetzt wandern unsere Blicke aus luftiger Höhe ins Weite! Da grüßen als Wahrzeichen des schon Ende des vorigen Jahrhunderts zur Ruhe gegangenen Bergbaues die mehr und mehr baumbestandenen, umbuschten Halden von Lauta und Lauterbach. Nach Sonnenaufgang blinken auf luftiger Höhe die Häuser der Stadt Zöblitz mit ihren Serpentinsteinbrüchen, gen Nordosten geht der Weg ins Niederland durchs waldgesäumte, felsumragte Pockautal und nach der Grenzseite liegen die ausgedehnten Wälder der Reitzenhainer Reviere. Eben faucht in weitausholendem Bogen ein Güterzug bergan nach Gelobtland, ein etwa dreiviertel Wegstunde vom Stadtkern abgelegener Ortsteil Marienbergs. Der biblische Name, ebenfalls ein Zeuge vergangener Bergbauherrlichkeit, lockt dich in anderem Sinne auch heute nicht unbelohnt in sein waldumschirmtes Hochland.

An Großartigkeit freilich können sich diese Bilder nicht messen mit dem Ausblick nach Süden und Südosten. Der Pöhlberg (830 Meter) erscheint in seinem langgezogenen Kamm wie die schirmende Bastion Annabergs. Links davon, ganz zart in bläulichen Konturen, grüßt das Massiv des Fichtelberges. Noch einmal so hoch, als unsere Gebirgsstadt über dem Meeresspiegel liegt, gilt es zu steigen, um jenen stolzen Gipfel unseres Erzgebirges zu gewinnen.

Das Gesamtbild vor unseren Augen ist ein echtes Stück sächsischen, waldreichen Kammlandes – in seinen Hauptlinien noch nicht zerrissen von geschlossenen, großen Ortschaften, noch nicht bestimmt von rauchenden Essen gewaltiger Industriezentren, sondern ausgedehnte Wälder umsäumen kleine Siedlungen, die bald am schirmenden Berghang eingenistet, bald auf zugiger Höhe weithin verstreut liegen.

Unser Führer braucht keine Landkarte. Jedes Gehöft ist ihm vertraut. Er weiß zu erzählen, wie da und dort einmal ein Brand ausgekommen; aber auch für die verschiedenen Bilder der Jahreszeiten, der Tag- und Nachtstunden, der Sonne- und Sturmeswetter findet er seine schlichten Worte. »Wanns när recht verwerrt zugieht, is es am schänsten«, gibt er zur Antwort auf unsere Frage, ob es bei Wind und Gewitter nicht oft recht ungemütlich hier oben sei.

Die rote Fahne an langer Stange wird tagsüber zu der Seite rausgehangen, nach der ein Brand gesichtet worden ist. Bei Dunkelheit erscheint an Stelle der Fahne eine große, altväterische Laterne mit roten Scheiben. Zudem ist ein dickbauchiges Horn vorhanden, durch das der Türmer seine Wahrnehmungen unten nach der Straße verständlich machen kann, wenn schon dieses Horn jetzt durch den Fernsprecher meist entbehrlich wird.

[Illustration: Abb. 8. =Türmer Nestler beim Ausblick nach der Stadt=]

Eine alte Eisenbahner-, eine Infanterie- und eine Jägermütze, die beiden letzten mit ergänzter weicher Blende, alle drei von Bekannten geschenkt, geben dem an Körperlänge kleinen Wächter der Stadt doch eine gewisse amtliche Würde. Und er weiß uns zu erklären, wie jede Kopfbedeckung einer anderen »Funktion« dient: die steife Eisenbahnermütze ist natürlich für den Ausgang in die Stadt, aber die weite Infanteriemütze kann man hübsch mit über die Ohren ziehen, wenn man in kalter Nacht seinen Umgang zu halten hat!

Auf der höchsten Turmspitze, zu der immer steiler und schmäler die Holzstiegen führen, hängt jetzt die Glocke, die ehedem bei Kindtaufen geläutet wurde und die daher den Spruch trägt: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich«. Alle anderen alten Glocken sind der Kriegszeit zum Opfer gefallen, diese kleine silberne Glocke, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts gegossen, hat die Zeiten überdauert und läutet nun Morgen, Mittag und Abend von ihrer luftigen, einsamen Höhe (64 Meter).

»Ja, ja«, meint der brave Nestler abschließend, »Törmer, das hob ich mir schu immer gewünscht, all mei Lebtag. Hier hat mer sei Ruh – da kimmt mir kee Hauswirt zu nahe un mer hat aa ken Menschen noch über sich als när den lieb’n Gott!«

Glückliche Seele! Du stehst wirklich über vielen von uns, die da unten hasten und jagen, die kaum einen Blick einmal über sich und um sich tun. Und du erfaßt in deiner Art ohne viel Umschweife, was für ein köstlich Amt dir gesetzt ist, über deiner Stadt emsig zu wachen, allen Schaden von ihr und ihrem Umkreis nach Möglichkeit zu wehren, die rechten Stunden allem Tagewerk und allen Festen zu schlagen, zum Gotteshaus zu rufen, zu Brautfahrt und zu seligem Heimgang deiner Mitbürger fröhlich wie tröstlich die Glocken zu läuten …

Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf

Von Polizei-Oberleutnant _Fritz Göhler_

(Mit zwei Aufnahmen des Verfassers)

Die Urnen- und Gefäßfunde in Weinböhla vom vorigen Jahre sind noch in bester Erinnerung. Glücklicherweise hat das Eingreifen staatlicher Organe die dort gefundenen Schätze in größerem Umfange geborgen.

Weniger bekannt dürften die Funde sein, die in dem etwa eine halbe Stunde von Weinböhla entfernten Zaschendorf, das der Stadt Meißen einverleibt ist, gemacht worden sind.

Unmittelbar am Ostausgang von Zaschendorf hat der Gärtnereibesitzer Schönfeld sein Anwesen. Zaschendorf liegt am Fuße des mittleren Teiles des Spaargebirges, geschützt gegen Nord- und Nordwestwinde. Hinter den Gärtnereigebäuden, die an dem Wege nach Niederau liegen, ziehen sich die gärtnerischen Anlagen hin und stoßen am Ende der Gärtnerei an einen Bach, der noch innerhalb des Schönfeldschen Grundstückes durch einen künstlich erweiterten Teich fließt, der für Pflanzenfreunde sehenswert ist. Die Ländereien hinter den Gebäuden sind nicht eben, vielmehr zieht sich eine kaum wahrnehmbare Geländewelle durch das Grundstück und diese Geländewelle barg den letztgehobenen Schatz. Vielerlei Gründe lassen mich als Laien ahnen, warum in die sanfte Welle die Gefäße eingegraben wurden. Die Geländewelle besteht nämlich aus Sand. Ob die Gefäße auch dann dort eingegraben worden wären, wenn die Erdwelle aus schwerem harten Tonboden bestünde, der sonst in dieser Gegend so überaus häufig vorkommt? Ich glaube es nicht.

Ein Zufall brachte die Gefäße zutage. Beim Rigolen eines Feldstückes stieß man in der Tiefe von fünfzig bis sechzig Zentimetern auf Scherben und förderte zunächst drei gut erhaltene Urnen, mehrere tassenähnliche Gefäße, in denen die gleichen Gefäße in verkleinertem Maßstabe enthalten waren, ans Tageslicht. Aus einem größeren Scherbenhaufen gelang es mir, noch zwei Schüsseln, die mit je einem Henkel versehen sind, zusammenzustellen. Da die Urnen verbrannte und ausgeglühte Knochenteilchen enthielten, unterliegt es keinem Zweifel, daß man es mit einem Gräberfeld zu tun hat.

[Illustration: Abb. 1. =Höhle, in der die Gefäße verborgen lagen=]

Diese Funde sind nicht die ersten, die auf dem Schönfeldschen Grundstück gemacht worden sind. Schon vor Jahren hat Herr Schönfeld einen sehr reichen Fund gemacht, der restlos in Privathände übergegangen ist. Man darf annehmen, daß es sich bei den Zaschendorfer Urnen- und Gefäßfunden um einen Begräbnisplatz einer größeren Siedlung handelt. Zu dieser Annahme berechtigt auch die Angabe des Herrn Schönfeld, der beim Umgraben einer Feldparzelle auch einen großen Brandplatz freigelegt hatte, von dem aber heute leider nichts mehr, auch keine Photographie, erhalten geblieben ist.

Es lohnte sich meines Erachtens sehr, wenn mit dem Besitzer des an das Schönfeldsche Grundstück angrenzenden Feldes in Verbindung getreten würde und die Ausgrabungen in östlicher Richtung – und zwar vom Fundort der letzten Ausgrabungen beginnend – weitergeführt würden. Es steht zu erwarten, daß sich genügend freiwillige Helfer finden würden, die unter sachkundiger Leitung die erfolgversprechenden Ausgrabungsarbeiten unternehmen.

Damit die Fundstelle nicht das Schicksal ereilen sollte, das der sicherlich interessante und aufschlußreiche Brandplatz gefunden hat, habe ich vor dem Rigolen von der historischen Fundstelle einige Aufnahmen gemacht.

[Illustration: Abb. 2. =Der Gefäßfund aus nächster Nähe=]

Die Abbildung 1 zeigt die Höhlung unter dem lockeren Ackerboden, in der die Gefäße verborgen lagen. Auf dem umgestürzten Pflanzkasten stehen drei größere Urnen mit verschiedener Ornamentik und eine kleine Urne. Davor sind vier größere tassenähnliche Gefäße und drei kleinere aufgebaut, die in der Form den größeren gleichen, und die in die größeren Henkeltöpfchen hineingelegt waren. Vor dem Kasten liegen große Scherben mit Henkeln und Ornamenten versehen, aus denen später noch einzelne Stücke gebildet werden konnten. Die links und rechts des Kastens niedergelegten Steine haben vermutlich als Seiten- und Dachplatten für die Urnenkammer gedient.

Die Abbildung 2 zeigt den Gefäßfund aus nächster Nähe. Besonders auffällig ist das kleine Henkelschälchen und das kleine, zuckerschälchenähnliche Gefäß, das am Rande ein eingebohrtes Loch von etwa drei Millimetern Durchmesser aufweist.

Leider hat die Zeitungsmitteilung und die Ausstellung der Bilder von dem Funde noch nicht den Erfolg gehabt, daß weitere Ausgrabungen vorgenommen worden sind. Und doch steht zu erwarten, daß hier ein den Weinböhlaer Funden ebenbürtiges Ergebnis die Ausgrabungsarbeiten reich belohnt. Zur weiteren Erforschung der Besiedlung unsrer Heimat wäre eine systematische Durchsuchung des Geländes unter fachkundiger Leitung von jedem Heimatfreunde zu wünschen.

_Anmerkung_:

Das Gräberfeld gehört in die Kultur der älteren vorrömischen Eisenzeit. Die Gefäße zeigen den für diese Zeit charakteristischen Billendorfer Typus. – Wenn auf meine Orts- und Fundbesichtigung vom 30. Juni 1926 bisher an dieser Stelle keine Grabung erfolgen konnte, dann liegt der Grund darin, daß ich vom 19. Juli an bis zum 23. Oktober in Köllmichen bei der teilweisen Abtragung des dortigen slawischen Walles beschäftigt war. So lange seitens des Staates nicht die erforderlichen Mittel bewilligt werden, wie sie zur Anstellung von wissenschaftlich vorgebildeten Hilfskräften erforderlich sind, so lange ich zu allen Arbeiten sowohl für das Museum als auch ganz besonders für die Inventarisation der urgeschichtlichen Altertümer des _ganzen_ Landes allein tätig sein muß, so lange wird es vollkommen unmöglich sein, alle Fundnachrichten durch eine Grabung weiter zu verfolgen, wie es an sich notwendig und auch mir selbst am meisten erwünscht wäre. Ich möchte an dieser Stelle mit allem Nachdruck betonen, daß weder die mit der Inventarisation der urgeschichtlichen Altertümer beauftragte Dienststelle noch mich auch nur ein kleiner Teil Schuld daran trifft, wenn im Laufe jeden Jahres unzählige Überreste der Vorzeit verkommen müssen und unerkannt für die Wissenschaft verloren gehen. In bezug auf die Erwähnung der Weinböhlaer Funde aber will ich den Verfasser des Artikels damit trösten, daß die siebenunddreißig Kisten Ausgrabungsergebnisse von Weinböhla heute noch ganz genau so in ihren Kisten schlummern, in denen sie seiner Zeit hereintransportiert worden sind. Und das aus dem Grunde, weil die Zeit zur Bearbeitung bisher gefehlt hat und weil die katastrophale und nachgerade unerträgliche Raumnot im Museum in Verbindung mit den baulichen Arbeiten _jede_ Arbeit unmöglich macht, zu der irgendwie Platz erforderlich ist.

Dr. Georg Bierbaum, Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen.

Wo die Sage raunt

Eine Anregung von _F. Sieber_

Es ist eine eigene Sache um das Leben der Sage. Seit fünfundsiebzig Jahren etwa wird sie von den Volkskundlern für tot gesagt, seit fünfundsiebzig Jahren etwa sprechen sie in den Aufrufen zur Sammlung von Sagen von der berühmten zwölften Stunde.

Und doch, bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß die Sage lebendig blieb, daß sie lebendig blieb bis heute. Freilich haben die Volkskundler in einem recht gehabt: Die Volkssage hat in den letzten Jahrzehnten starke innere Umbildungen erfahren. Wann dieser Vorgang einsetzte? Das ist in Jahreszahlen schwer festzuhalten. Ganz allmählich wächst einer nach dem andern, ein Volkskreis nach dem andern, heraus aus den Anschauungsformen der urtümlichen Gemeinschaft. Manche lösen sich ganz los von diesem ihren Heimatboden, andere stehen noch mit einem Fuße darin, wieder andere beginnen sich mit erstem schüchternem Griffe zu entstricken. Dieser Vorgang des Herauswachsens aus dem Bannkreis der urtümlichen Gemeinschaft ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Auch unter uns gibt es noch den Primitiven.

Der Vorgang setzt für weitere Volksschichten etwa ein mit der Reformation. Er schwillt beträchtlich an zur Zeit der Aufklärung. Ein Halberstädtischer Bauer sagte in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den beiden norddeutschen Sammlern Kuhn und Schwartz: Der alte Fritz hat die Zwerge verjagt, Napoleon hat allen Spuk aus dem Lande vertrieben. Nach der Gegenwart zu steigert sich der Vorgang des Herauswachsens zu außerordentlicher Geschwindigkeit. Das Zeitmaß in den einzelnen deutschen Landschaften ist verschieden. In Sachsen ist ein besonderer Unterschied innerhalb der einzelnen Landschaften kaum spürbar.

Dieser Vorgang des Sichlösens mußte natürlich das Wesen aller Volksüberlieferungen tief berühren. Die Treue der Überlieferung wird erschüttert. Schwierigere Überlieferungen, die Anforderungen an das Gedächtnis stellen, verkümmern. Die organische Lagerung der Überlieferung, die als ein durchaus Sinnganzes zu werten ist, wird verschoben. Stücke wachsen ineinander und verschmelzen, die ursprünglich einander fremd waren. Entstellung und Verzerrung auf allen Seiten. Der üppige Wuchs der Überlieferung, der einige deutlich erkennbare Hauptstämme umrankte, wurde zur wirren, ungegliederten Hecke. Glaube wurde zum Aberglauben. Die primitivsten Züge, da sie am sinnlichsten, am einfachsten sind, blieben oft erhalten. In diesem Zustande befindet sich die heutige Volksüberlieferung.

Die Entwicklung, die wir kennzeichneten, ist mit der gesamten geistigen Entwicklung der letzten Jahrhunderte unlöslich verbunden. Aber auch von der rein zivilisatorischen Seite der Lebensentwicklung her droht der Volksüberlieferung die größte Gefahr. Beschränken wir uns auf das Gebiet der Sage.

Die zivilisatorische Umbildung der Landschaft und der mittelalterlichen Architektur raubte der Sage ihre natürliche Grundlage. Denn die Sage ist tief im Boden verwurzelt. Diese ihre Bodenständigkeit ist eine ihrer wertvollsten Eigenschaften, die sie in der Erziehung zum heimatlichen Menschen zu einem hervorragenden Bildungsmittel erhebt. Aber die erwähnte zivilisatorische Entwicklung ist heute dabei, die Sage zu entwurzeln und heimatlos zu machen. In der volksläufigen Überlieferung werden die Sagenörtlichkeiten allmählich vergessen. Wer aber weiß, mit welch’ bewundernswerter Treue die Sagenörtlichkeit Jahrhunderte hindurch in der Überlieferung festgehalten wurde, wer weiß, in wie vielen Geschlechtern durch diese Stätten und den damit verknüpften Glaubenswert die Heimat zu einer geradezu metaphysischen Gegebenheit erhöht wurde, der kann auch ermessen, welch’ großer Verlust unserm Volkstum hier droht.

Und darum wende ich mich an den Heimatschutz. Der Heimatschutz hat für die Erhaltung natürlicher, unberührter Landschaftsgebiete, für die Erhaltung vorgeschichtlicher und geschichtlicher Denkmale aller Art seine Kräfte eingesetzt. Soll uns aber der im Boden festgewachsene Volksglaube verloren gehen? Die geschichtlichen Denkmäler sind überwiegend dem hochkultivierten Geiste der Volksgemeinschaft entsprungen. Sie müssen selbstverständlich geschützt werden. Aber sollen uns die Örtlichkeiten, Landschaft und Bauwerk gleichermaßen, an die sich der Glaube unsrer Ureltern rankte, die für sie Anhaltpunkte ihres metaphysischen Erlebens waren und in diesem Sinne neben den Kirchen als Kultstätten zu werten sind, sollen diese Örtlichkeiten tatsächlich der Vergessenheit und unwiederbringlicher Zerstörung anheimfallen? Wollen wir die Bildungswerte, die in diesen Stätten für die Erziehung zur Bodenständigkeit liegen, ungenutzt verkümmern lassen? Nein, so reich an heimatlichen Werten sind wir nicht.

Und so bitte ich den Heimatschutz: Breite deine schützende Tätigkeit auch auf die Sagenstätten aus! Schaffe uns ein Anschauungsbuch unseres bodenständigen Volksglaubens! Wir werden in stiller Betrachtung dieses Anschauungsbuches die Schauer nachempfinden können, die unsere Ureltern an diesen Orten empfanden. Wir werden uns in die seelischen Grundlagen einfühlen können, aus denen heraus ihr Glaube entsprang. Uralte Wesensgründe, die in der Hast der Tage in uns verfallen, werden offen bleiben. Wir werden groß und riesig empfinden das Wirken der ewigen Kräfte der Natur, wir werden schauernd stehen vor dem Geheimnis des Lebens. Unsere heimische Landschaft, für uns nur belebt aus der Fülle oder Dürftigkeit der Einzelseele heraus, wird gleichsam objektives metaphysisches Leben in sich tragen.

Und wie ich mir die Herstellung eines solchen Anschauungsbuches denke? Der Heimatfreund und Liebhaberphotograph hält die Sagenstätte im Lichtbilde fest. Doch ehe er das tut, muß er sich in die Sage, die an der Örtlichkeit haftet, mit aller Kraft seelisch einzufühlen versuchen. Er wird den Waldstreifen, durch den der wilde Jäger zieht, nicht photographieren im stillen Glanze eines Sommertages, nein, wenn zu den Zeiten der Tag- und Nachtgleiche in der Dämmerung der Sturm die Wipfel biegt und Wolkenfetzen darüber hasten, dann wird er sein Werk tun. Aber die Fluren, auf denen die Mittagsfrau sich zeigte, wird er festhalten im hellen Flimmer des Sommermittags. Im Photographen schon muß die Sage in aller ihrer dunklen Gewalt lebendig sein.

Das Gebiet, das hier dem Heimatfreunde und Liebhaberphotographen aufgetan ist, ist reich und dankbar wie kaum ein andres. Von zahlreichen Felsen werden Sprungsagen erzählt, viele gewaltige Landschaftsgebilde stehen mit der Riesen- und Teufelssage im Zusammenhang. Die unheimlichen Gemäuer alter Türme und Ritterhöfe sind belebt von allerlei Spuk. In den trägen Wirbeln der Flüsse sitzt der Wassermann. An Bergen wohnen die Zwerge oder an den Halden bleichen die weißen Frauen ihre Wäsche. Und die vielen, vielen Schatzstätten! Alle Möglichkeiten aufzuzählen geht hier nicht an. Aber zu weiteren Hinweisen und Ratschlägen bin ich gern bereit.

Hat der Heimatfreund ein schönes Lichtbild hergestellt, wird er dem Heimatschutze einen Abzug oder die Platte zur Verfügung stellen. Ob der Heimatschutz die Selbstkosten bezahlen wird, das weiß ich nicht. Der Heimatschutz legt eine Sammelstelle für diese Bilder an und läßt Lichtbilder fertigen. Die werden gegen eine geringe Gebühr an Schulen, Jugendgruppen und Vereine verliehen. Vielleicht kann auch der Heimatschutz selbst einen seiner Vorträge nach dieser Seite hin organisieren.

Von den Lichtbildern und den geistigen Werten, die daran haften, wird eine wirksame Kraft in der Erziehung zum heimatlichen Menschen hinaus ins Land strömen.

Wie »Tier«photographien entstehen können