Chapter 5 of 6 · 3948 words · ~20 min read

Part 5

Der Floßgraben, von dem ich erzählen will, bildet im Westen von Pegau auf weite Strecken die Grenze zwischen Sachsen und Preußen. Er heißt hier landläufig der »große« Floßgraben, auch Fließgraben, zum Unterschied von dem später zu erwähnenden »kleinen« Floßgraben. Der große Floßgraben beginnt etwa drei Wegstunden oberhalb von Zeitz bei Crossen an der Elster. Ein kleines Wehr staut hier die Elster ein wenig an. Nun zieht sich der etwa zweieinhalb Meter breite, nicht sehr tiefe Wasserlauf an den Bahnstationen Wetterzeube und Haynsburg vorbei, westlich von Zeitz vorüber, nähert sich der Eisenbahnstrecke Leipzig–Gera–Saalfeld wieder bei den Bahnhöfen Bornitz und Reuden; dann läßt er, in nördlicher Richtung weitergehend, Pegau in etwa dreiviertel Stunde Entfernung rechts liegen. Er wendet sich nun nach Werben, dem Orte, der Torstenson 1644 als Hauptquartier diente, während er Pegau, damals »Trutz-Leipzig« genannt, belagerte. Nun kommt der Floßgraben nach Orten, die uns aus der Geschichte der Freiheitskriege bekannt sind, nach Kitzen und Großgörschen. Hier schien am 2. Mai 1813 Napoleons Stern, der sich im vorhergehenden Jahre in Rußland zum Untergang neigte, wieder aufwärts zu steigen. Hier erlitt Scharnhorst seine tödliche Wunde; ein schönes Denkmal erinnert uns heute daran. Im Überfall bei Kitzen wurde der Freiheitssänger Theodor Körner verwundet. Noch einmal berührt der Floßgraben historisches Gelände, wenn er östlich von Lützen vorüberfließt, (ein Arm zweigt nach der Stadt selbst ab) um sich endlich nach rund fünfzig Kilometer Luftlinie bei Wallendorf in die Luppe, einen Arm der Weißen Elster, zu ergießen. In Wirklichkeit ist der Floßgraben natürlich viel länger als fünfzig Kilometer; kommt es doch an einzelnen Stellen vor, daß die Grabenlänge infolge der vielen Bogen das vierfache der Luftlinie erreicht. Verfolgen wir den Verlauf des Grabens auf dem Meßtischblatt, so finden wir, daß sein Lauf fast übereinstimmt mit dem Verlauf der Höhenlinien, auf Pegauer Gebiet mit der Hundertfünfzig-Meter-Linie. Gewiß eine bewundernswerte Leistung, wenn man bedenkt, daß der Graben unter dem Kurfürsten August gebaut wurde und 1587 vollendet war. Wie andre Kunstgräben in Sachsen (ich erinnere an den Schneeberger Floßgraben und an den Graben der sogenannten Grabentour; vgl. Band XII, Seite 49), so hat auch unser Graben eine ganz besondere Aufgabe. Unter dem als Vater August bekannten Kurfürsten entstanden die Salzwerke von Teuditz und Kötzschau bei Bad Dürrenberg. Um diesen Salinen das zum Salzsieden nötige Brennholz zu liefern, wurde der Floßgraben erbaut. Später wurde die Aufgabe erweitert. Schon um 1590 hatte Leipzig den Wunsch, sich durch den Floßgraben mit Feuerholz versorgen zu lassen. 1610 ging der Wunsch in Erfüllung. Man zweigte vom großen Floßgraben den kleinen oder Leipziger Floßgraben ab, der nun außer Leipzig unter anderem auch Pegau mit Brennholz versorgte. In ungefähr ein Meter langen Stücken wurde im Frühjahr im waldreichen Vogtland das Holz in die Elster geworfen. Bei Wünschendorf wurden die Hölzer herausgefischt, aufgestapelt und gezählt. Das war nötig, denn viel Holz wurde unterwegs gestohlen. Reuß erhielt von Sachsen bedeutende Holzmengen als Entgelt für den Schutz der Flößerei. Hohe Strafen standen auf Holzdiebstahl. Doch half das alles nichts. Übrigens wurde auch Wasser gestohlen! Die Bauern nahmen es zur Feldberieselung, die Herrschaften zur Füllung ihrer Fischteiche und ihrer Schloßgräben und zum Waschen der Schafe. In den Berichten, die aller zwanzig Jahre einzusenden waren, wurde bitter darüber geklagt. Von Wünschendorf aus setzte nun das Holz seine Reise auf der Elster fort bis Crossen. Hier wurde es abermals aufgehalten und in den Floßgraben geleitet. Floßknechte mit hakenbewehrten Stangen standen am Ufer, um hängengebliebene Hölzer fortzuschieben und Stauungen zu verhindern. Nachts wurde das Holz aufgehalten, um Diebstähle zu erschweren. Im Mai kam das Holz in Pegau an, wurde am Floßplatz herausgezogen, aufgestapelt und dann an die Berechtigten verkauft. Der Floßplatz lag etwa dort, wo heute die Haltestelle Pegau der Linie Pegau–Kieritzsch liegt (in der gegenüberliegenden Gärtnerei). Einer der ältesten Pegauer Einwohner erzählte mir, daß ihm und anderen Jungen die Holzhaufen willkommene Gelegenheit zu Kletterpartien boten. Der kleine Floßgraben beginnt westlich von Pegau bei dem Dorfe Stöntzsch und führt dann nördlich von Pegau vorbei in die Weiße Elster. Kurz vor seinem Ende hatte er noch ein Hindernis zu überwinden in dem breiten und tiefen Elstermühlgraben. In einer breiten Holzrinne, dem Fluter, wurde der Floßgraben drüberweg geleitet. Dann schwamm das Holz in der Elster abwärts bis etwa nach Döhlen, von hier aus in einem Graben bis Leipzig; der »Floßplatz« erinnert uns noch heute inmitten der Großstadt an jene Zeiten. Ähnliche Hindernisse wie den Mühlgraben hatte der Floßgraben noch an andern Orten zu überwinden, so daß Kunstbauten wie Dämme, Brücken, Wasserablässe u. a. m. noch oft anzutreffen sind.

[Illustration: Abb. 1. =Der Floßgraben=]

[Illustration: Abb. 2. =Am Floßgraben.= Die Baumreihe links im Hintergrund bezeichnet den Lauf des kleinen Floßgrabens]

Während der Floßgraben selbst von einem Anliegerverband unterhalten wird, sind einige zum Graben gehörige Altertümer dem Verfall preisgegeben. Diese Altertümer, es handelt sich um Steine mit Inschriften, liegen zum Teil an der Abzweigstelle des Leipziger Floßgrabens, also etwa dreiviertel Stunde westlich von Pegau. Ein kleines Wehr führt das Wasser des großen Floßgrabens dem kleinen zu. Dieser erweitert sich sofort talartig und wird nach etwa zweihundert Meter von einer drei bis vier Meter hohen Steinmauer abgesperrt. Diese Mauer, aus Sandsteinquadern errichtet und heute bis auf geringe Reste verfallen (man hat einen Teil der Steine in der Nähe zu einem Brückenbau benutzt), hatte offenbar den Zweck, das Wasser zunächst anzustauen. War das Staubecken gefüllt und lag die für Pegau bzw. Leipzig bestimmte Holzmenge darin, so wurde eine Schleuse geöffnet, und das herausströmende Wasser riß das Holz mit fort.

[Illustration: Abb. 3. =Beginn des kleinen Floßgrabens=]

Neben dieser Abzweigstelle steht ein Gedenkstein. Er ist etwa eineinviertel Meter hoch und neunzig Zentimeter breit und besteht aus Sandstein. Leider steht er ganz schief, so daß man die Inschrift der einen Seite kaum entziffern kann. Auf beiden Seiten stehen obenan die gekreuzten Kurschwerter, auf einer Seite außerdem eine Krone. Die Inschrift lautet nach Dr. Riedel (a. a. O.): »Anno 1713, als unter Regierung des allerdurchlauchtigsten großmächtigen Königs in Pohlen und Churfürsten von Sachsen Herrn Friedrich August der hochfreyherrl. Exzellenz, Herr Baron von Löwendahl, Ritter des Elefantenordens, Oberhofmarschall, wirklicher geheimbder Rath, Cammerpräsident und Oberbergrath. Direktor, der Herr Cammerjunker Philipp Ferdinand von der Heyde, Oberaufseher beyder Elsterflözen, der Herr Müntzinspektor Johann Christoph Krauße Holzverwalter zu Leipzig, Samuel Man (?) Holzverwalter zu Pegau waren …« Der Schluß ist nicht mehr zu entziffern.

[Illustration: Abb. 4. =Der Floßgraben.= Am Wehr beginnt der kleine Floßgraben]

Kurz nach dieser Stelle führt der Floßgraben auf einem hohen Damm über ein Tälchen hinweg. Der Damm hat einen mannshohen, gemauerten Durchlaß für ein im allgemeinen nur bei Regen und Tauwetter fließendes Bächlein. An diesem Durchlaß sind drei weitere Denksteine. Da steht auf dem nach Osten gelegenen Ausgang am Schlußsteine: Johann Adam Schmidt, Floßverwalter in Zeitz, Samuel Brohl (?) (s. o.!) Floßverwalter in Pegau, Gottfried Lindenhayn, (Maurer)meister anno 1729. Am Schlußstein der entgegengesetzten Seite entzifferte ich nur die Worte: Carl … von … Floßdirektor … Floßmeister 1729. Nach Dr. Riedel (a. a. O.) lautet die Inschrift: »Karl Gottlob von Leubnitz, Floßdirektor und Inspektor, und Philipp Ferdinand von der Heyde, Oberaufseher der Flöße …« Interessanter ist ein Mauerstein an der westlichen Seite mit den Worten: Anno 1728, den 29. August (ist dieses) Gewölbe durch einen entstandenen (Hoch)wasserfluß von Grund aus umgerissen und das darauffolgende Jahr hinwieder ganz neu erbaut. Michael Pauli, Floß(meister) (n. Dr. Riedel). Irgendein Naturereignis hat also damals das kleine Bächlein zum zerstörenden Strome anschwellen lassen. Eine ähnliche Katastrophe hat übrigens 1712 in Näthern bei Zeitz den Floßgraben heimgesucht (a. a. O.).

[Illustration: Abb. 5. =Der Floßgraben.= Rechts die talartige Erweiterung. Am rechten Ufer der Denkstein]

Da der große Floßgraben noch heute von dem erwähnten Interessenverbande in gutem Stande gehalten wird, hat er offenbar auch noch irgendwelche Aufgaben zu erfüllen. Die Flößerei selbst ist seit 1864 eingestellt. Die Eisenbahn, die so manchem alten Verkehrsmittel ein Ende bereitete, lieferte das Holz billiger, als es mit dem Floßgraben möglich war. In der Blütezeit dagegen hat die Flößerei große Gewinne erzielt, die den sächsischen Fürsten willkommen waren.

[Illustration: Abb. 6. =Der Denkstein=]

Der kleine Floßgraben ist verfallen; nur zu Regenzeiten ist er stellenweise mit Wasser gefüllt. Einen zusammenhängenden Wasserlauf stellt er nur ganz selten dar.

[Illustration: Abb. 7. =Floßgraben mit Denkstein=]

Erwähnt werden mag noch die Bedeutung des Floßgrabens für das Landschaftsbild der Pegauer Pflege. Er ist an beiden Ufern von meist hohen Bäumen bestanden. Vor allem wechseln Erlen, Weiden, Pappeln, Eschen einander ab. Diese Baumreihe fällt in unsrer baumarmen Gegend um so mehr ins Auge, so daß man den Verlauf des Floßgrabens aus großer Entfernung verfolgen kann; als besonders geeignete Punkte wären Pegauer und Zeitzer Rathausturm zu empfehlen. Auch dem aufmerksamen Eisenbahnreisenden, der etwa von Leipzig nach Gera zu fährt, wird die auffällige Baumreihe im Westen nicht entgehen. Einige Male kann er sogar den Spiegel unsres alten Floßgrabens sehen.

[Illustration: Abb. 8. =Floßgraben mit Baumreihe=]

Fußnote:

[2] Auf den Floßgraben sich beziehende geschichtliche Daten sind einem Aufsatz von Studienrat Dr. Riedel, Leipzig, entnommen: »Wanderungen am Floßgraben.« (Wanderbuch: »Rund um Leipzig«.)

Deutsche Volkskunde

Von _E. Mogk_, Leipzig

Als im Mai dieses Jahres die Gesellschaft für Deutsche Bildung, die Deutschkundler, in Düsseldorf tagte, fand unter anderem auch eine Aussprache über die Behandlung der Volkskunde auf unseren höheren Schulen statt. Besonders erfreut hat mich der Bericht über diese Aussprache nicht. Denn er zeigte klar, wie unklar über die Volkskunde als Wissenschaft die Redner gewesen sind, obgleich doch gerade unter den Lehrern des Deutschen über sie und ihre Verwertung in der Schule Klarheit herrschen sollte. Daher fragte ich mich, ob es überhaupt schon an der Zeit ist, die Volkskunde allgemein in den Schulen einzuführen, wie es der Verband deutscher Vereine für Volkskunde anstrebt. Notwendig dünkt mich vor allem die Heranbildung von Lehrern, die in der wissenschaftlichen Volkskunde, in der historischen und psychologischen Erklärung der Tatsachen ebenso zu Hause sind wie in der praktischen, im Leben und Fühlen unseres Volkes. Sich hier heimisch zu machen, verlangt unsere Zeit. Wie die Pilze schießen jedes Jahr volkskundliche Werke mit örtlicher Umgrenzung auf, und wohl kein deutsches Land, keine preußische Provinz gibt es, die nicht schon jetzt ihre Volkskunde hätte. Freilich auch in diesen Werken ist die Umreißung des Gebietes öfter recht unklar, und manches ist eigentlich mehr eine Heimatskunde als eine Volkskunde. Auch Bücher, die die Volkskunde ganz Deutschlands behandeln, sind in letzter Zeit neben E. H. Meyers Werk mehrere erschienen. Ich erwähne nur die Bändchen von K. Reuschel und H. Naumann, recht erfreuliche Leistungen, die aber doch auch ihre Schwächen haben, weil ein einzelner nicht auf all den zahlreichen Teilgebieten der Volkskunde heimisch sein kann. Daher ist es freudig zu begrüßen, daß John Meier, zurzeit der Vorsitzende des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde, eine Anzahl auf ihrem Gebiete bewährter Kräfte zu gemeinsamer Herausgabe einer Deutschen Volkskunde veranlaßt hat[3]. Selbstverständlich sind nicht alle Teile gleich ausgefallen, aber jeder hat geleistet, was in seinen Kräften steht. Aufgefallen ist mir bei den ersten Abschnitten, daß diese ausschließlich auf das Bauerntum eingestellt sind. Aber in den Städten lebt doch auch noch Volkstum fort, und gerade die Umwandlung agrarischer Sitten und Gebräuche in den Städten ist eines der anziehendsten Kapitel auf dem Gebiete der historischen Volkskunde. So ist gleich _Boettes_ Einführung nichts anders als eine Charakteristik des deutschen Bauern, wobei man l’Houes Psychologie des Bauerntums hier wie in der Bibliographie ungern vermißt. Über das Wesen der Volkskunde und ihre Aufgaben wird nichts gesagt. Auch _Lauffer_ hat seinen an und für sich trefflichen Beitrag auf das bäuerliche Gehöfte und die Dorfanlage beschränkt. In einer neuen Auflage, die sicher bald zu erwarten ist, berichtet er hoffentlich auch über den Hausrat, der ja zu seinem besonderen Forschungsgebiete gehört. Selbst _Sartori_, der doch in der Geschichte von Sitte und Brauch wie selten einer heimisch ist, läßt nur ganz selten seine Blicke über die bäuerlichen Verhältnisse hinausschweifen. In dankenswerter Weise geht er aber auf Sinn, Ursprung und Entwicklung der Bräuche ein und tritt hier manchem landläufigen Irrtum entgegen. Recht gut ist der Abschnitt über den Aberglauben von _Bächtold-Stäubli_, wenn auch natürlich der Volksglaube nicht in seinem vollen Umfange behandelt wird. Ganz besonders hervorgehoben werden möchte die vierfache Wurzel des Aberglaubens, da sie fast für alle Zweige der Volkskunde Geltung hat: das germanische Heidentum, antiker (griechisch-römischer) Glaube, wissenschaftliche Anschauungen früherer Zeiten (höherer Kreise?), neuer Aberglaube, wie er in der menschlichen Psyche jederzeit entstehen kann. – Mit _John Meiers_ Namenkunde betritt man das physiologische Gebiet der Volkskunde. Personen-, Familien-, Flur- und Ortsnamen werden in gründlicher Weise geschichtlich verfolgt und erklärt, wobei für die Siedlungsgeschichte manch dankenswerter Brocken abfällt. Etwas anders hatte ich unter _Jos. Müllers_ »Rede des Volkes« erwartet. Ich dachte an eine neue Aufnahme der seiner Zeit von Polle behandelten Frage: »Wie denkt das Volk über die Sprache?«, wozu ja die volkskundlichen Zeitschriften, namentlich die Berliner, öfter Stoff geboten haben. Statt dessen gibt Müller nur eine Skizze dialektischer Erscheinung und stellt das Verhältnis zwischen Dialektforschung und Volkskunde in klarer verständlicher Weise fest.

Die letzten drei Abschnitte behandeln die literarischen Erzeugnisse des Volksgeistes, wenn man sich so ausdrücken darf, alle drei von besten Kennern des Sondergebiets bearbeitet: Die Sage von _Fr. Ranke_, Das Märchen von _Fr. Panzer_, Das Volkslied von _Erich Saemann_. In allen diesen Abschnitten wird über Inhalt und Form, sowie über den Ursprung und den Wandel dieser Volkspoesie gehandelt, zur Sammlung von Volkssagen werden gute Fingerzeige gegeben, die Geschichte der Märchenforschung, die zum Verständnis des Märchens unbedingt notwendig ist, wird skizziert, für die Behandlung des Volksliedes in der Schule wird eine Lanze gebrochen. So belehren sie und regen zugleich zu weiterer volkskundlicher Tätigkeit an. Und das ist der Zweck des ganzen Buches, wozu auch der reichliche, wenn auch nicht vollständige bibliographische Anhang die Hand bietet.

Fußnote:

[3] _Deutsche Volkskunde_ im besonderen zum Gebrauch des Volksschullebens. Im Auftrage des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde herausgegeben von _John Meier_. 344 Seiten 8°. Berlin und Leipzig, Walter de Gruyter & Co., 1926.

Schützenfest in der Kleinstadt

Von _W. Rudolf Leonhardi_, Wilsdruff

Acht Tage lang steht Dresden im Zeichen seiner Vogelwiese, acht Tage lang ist der große Rummel- und Tummelplatz an der Elbe erfüllt von jenem Vielklang von Stimmen, Instrumenten und jenem Lärm, den man mit mehr oder minderem Recht als Musik bezeichnet. Zu Tausenden pilgern dann die Dresdner und die Fremden hinaus, um an dem fröhlichen Treiben teilzuhaben. Und der Chronist notiert einen schönen Verlauf dieses »Volksfestes«.

Aber – Hand aufs Herz – sind sie alle draußen, die Dresdner, die in ihrer Gemeinsamkeit das »Volk« darstellen? Steckt nicht manch einer, ob nun jung oder alt, in seiner Behausung, in seiner Werkstatt, hinter seinem Ladentische und spürt nichts, aber auch gar nichts von dem bunten Treiben? Vielleicht, daß einmal eine vollbesetzte Straßenbahn oder ein knarrender Omnibus mit unternehmungslustigen Insassen an ihm vorbeifährt, oder die mißgestimmten Töne eines auf dem Festplatze erstandenen Blasinstrumentes, einer Fiepe[4], wie der Dresdner sagt, ihn aus seiner Ruhe schrecken. Wer nicht zur Vogelwiese gehen will, wer nicht zu ihr kommt, der spürt sie wenig oder gar nicht.

Und das ist der große Unterschied zwischen diesem Volksfest in Dresden und jenem in der Kleinstadt. Das Schützenfest, wie es dort heißt, kommt zu jedem. Es trägt seinen Zauber in die Straßen des Städtleins und in die Häuser selbst hinein. Und wird so zum wirklichen Volksfest. Das alte Mütterlein, welches sonst müde aus dem kleinen Fenster über das Gäßchen schaut, und dessen ganze Welt die vier Häuschen sind, die ihr Blick umfaßt, der Meister, der von früh bis abends an seiner Werkbank um’s tägliche Brot arbeitet, die Männer in den Amtsstuben, die Frauen in ihren schwülen Küchen, durch deren Fenster das grüne Gemüsegärtchen blickt – sie alle, alle haben teil am Schützenfest, denn es sendet seinen Gruß in jeden Winkel der Stadt, und jedes Fenster grüßt freundlich zurück.

Schon ein paar Tage vor dem Festsonntag ziehen die Schützen zur »Revue« und zum Exerzieren auf den Schützenplatz hinaus. Musik hallt durch die Straßen, die Fenster gehen auf, Groß und Klein, was nur immer Zeit und Beine hat, marschiert mit zu dem grünen Wiesenplan hinaus. Und mit diesem Auftakt wird’s im Städtchen lebendig. Alles rüstet sich zum Feste. Am emsigsten Hausfrauen. Freilich, die weißen Uniformhosen des Gatten sind schon lange gewaschen und gebügelt, die Knöpfe sind blank geputzt, und der Gestrenge selbst hat seinem Gewehr mit eifrigem »Flimmern« neuen Glanz verliehen. Aber nun geht es an’s Backen, an’s Zurichten und an’s große Reinemachen, denn der Festtag bringt Gäste. Und die Kinder winden derweilen Kränze und Girlanden zum äußeren Schmucke des Häuschens und der Straße. Nach des Tages Arbeit treffen sich am Abend die Schützenfrauen, winden und binden, sinnen und spinnen wie weiland die Parzen, um den besonders schönen Schmuck des Hauses und der Straße herzustellen, wo der Schützenkönig wohnt. Und nach Art der Schicksalsgöttinnen weissagen sie wohl auch während der guten Reden, die die Arbeit begleiten, wer dessen Nachfolger wird – ob’s stimmt, ist freilich eine andere Frage. Vorerst aber gilt ihrer Hände Werk dem bisherigen. Die Ehrenscheibe, die ihm im Vorjahre die majestätische Würde einbrachte, wird umrankt und über des Hauses Tor angebracht. Eine fahnengeschmückte Ehrenpforte grüßt ihn auf der Straße.

Am Sonnabend abend ertönt der Zapfenstreich auf dem Marktplatze, des Sonntags in aller Herrgottsfrühe wird geweckt. Durch alle Straßen des Ortes zieht die nimmermüde Stadtkapelle, eine Begleitmannschaft der Schützen gibt ihr das Geleit. Gar festlich und feierlich ist der Anblick des Kirchleins, in dem sich die Vereine mit ihren Fahnen zum Festgottesdienste eingefunden haben. Ihm folgt das Königsfrühstück im ersten Gasthofe der Stadt, und kaum hat die Mittagsglocke geläutet und die vielgeplagte Hausfrau die um zahlreiche liebe Gäste vermehrte Tischrunde gespeist, beginnt der große Königsauszug. Das Städtlein hat seinen Festschmuck vollendet, Fahnen, Girlanden, Ranken und Kränze heißen die Schützen willkommen. Würdevoll schreitet der Schutzmann voran, dann folgt ein Spielmannszug und die Kapelle, die den traditionellen Schützenmarsch des Ortes – und welche Stadt hätte nicht ihren eigenen Schützenmarsch – erschallen läßt. Hoch zu Pferde folgen der Kommandant und sein Adjutant, schmuck steht ihnen die grüne Paradeuniform, die erworbenen Medaillen und Ehrenzeichen der Schützengilde schmücken ihre Brust. Aber manch ein Eisern’ Kreuz zeugt auch davon, daß auch im blutigen Ernst Aug’ und Hand fürs Vaterland erprobt worden sind. Schwarz und im Schlot schreitet das Präsidium der Gesellschaft hinter ihnen her und fährt mit dem König im blumengeschmückten Wagen. Und dann kommt die Kompagnie. Weiße Hosen, grüner Rock, federgeschmückter Schützenhut, so marschiert sie im gleichen Schritt daher. Alte, wetterharte Gesichter oder zielbewußte junge. Schwielige Fäuste, die von des Werktags fleißigem Schaffen Zeugnis geben, halten die Büchsen. Vereine mit ihren Fahnen und oft eigner Musikbande, folgen. Über allem aber weht die Fahne der Schützengilde, alt, traditionsreich, von den Besten der alten Krieger getragen. Noch immer – wie einst – hat die Fahne ihre sammelnde, führende Wirkung. »Es weht eine Fahne vor uns her, herrliche Fahne!« sang Richard Dehmel anno 1914.

So geht es von Straße zu Straße, überall miterlebende Menschen, überall Gruß und Freude, Blumen aus den Fenstern, Heilrufe. Denn das Fest ist in die Stadt zu den Menschen gekommen und nimmt sie mit hinaus auf den Festplatz vor den Toren. Das alte Mütterlein hat das Fest begrüßt und den arbeitsgebundenen Mann hinterm Ladentisch, und das Klingen tönt weiter in den Straßen, in den Häusern und in den Herzen. Ihr lächelnden Großstädter mit eurer Vogelwiese, mit eurem geringschätzigen Blick auf die kleine Stadt, kommt her und seht’s euch an.

Nicht nur das bunte Treiben auf dem Festplatze draußen, nicht nur den eifrigen, wehenden Tanz im geschmückten Saale des Schützenhauses, nein, am Montag abend müßt ihr kommen, wenn das Knallen der Büchsen verstummt ist und der neue Schützenkönig seinen Einzug hält. Längst ist schon die Sonne gesunken, sternenübersät (wer schaute wohl auf der Dresdner Vogelwiese nach den Sternen?) breitet sich der dunkle Nachthimmel über das Städtlein, fast verschlafen liegt es da. Vom Rummelplatze her trägt der Abendwind zerrissene Töne über die Dächer. Und da – mit einem Male wird’s lebendig. »Sie kommen! Sie kommen!« Mit einem Schlage ist das Städtlein quicklebendig. Buntfeuer steigen auf, nicht wenige nur, jedes Haus erstrahlt in anderem Glanze. Lampions in allen Farben und Formen erglimmen, ganze Fensterreihen tragen Illuminationslichtlein, Flämmchen an Flämmchen, straßenlang und um den ganzen sonst so stillen Marktplatz herum. Musik! Musik! Das Leben, die Freude! Tausende ziehen mit – wie der Schritt durch die Straßen hallt! Der glücklich lachende König grüßt aus seinem Wagen und Unzählige grüßen wieder. Sie kennen einander ja alle in dieser kleinen Stadt. Die Frau Königin dünkt sich die Schönste heut, wie einst die Königin im Märchen. Und wie ein Märchen ist ja das alles. Der ahnungslose Fremde glaubt sich in eine sagenhafte Stadt versetzt, so viel Licht, so viel Leben. Denn wieder kam das Fest zur Stadt herein, bis zu dem Mütterchen, das an’s Stübchen gefesselt ist.

Der große, ungefüge Kraftomnibus auf dem Marktplatze schaut verwundert drein. Was will er, der Moderne, in diesem weltabgeschiedenen Idyll? Auf diesem strahlenden Markte, wo eine unübersehbare Menge schweigend nun den Zapfenstreich anhört – »Ich bete an die Macht der Liebe« – da reichen sich Neuzeit und Vergangenheit die Hand. Bringt uns herein das Neue, Fördernde, Fortschrittliche, was uns aufbauen hilft, ins Städtchen, aber rührt nicht an das, was uns lieb und wert ist. Rührt nicht an die alte, schöne Tradition, an dieses Stück Heimatpflege und Volksgebrauch, das ihr uns da drin in den großen Städten nimmer nachmachen könnt, weil es viel, viel zu – schön ist.

Fußnote:

[4] Fiepen nennt der Waidmann das Schreien der Rehkitzen.

Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung für die allgemeine Geschichte

Gegenwärtig ist man an vielen Orten bestrebt, längst vergangene Zeiten dem Volke nahe zu bringen und so den Sinn für die Vergangenheit zu erwecken. Diesen Zweck zu erreichen, greift man zu verschiedenen Mitteln. Man begründet örtliche Geschichtsvereine, Vereine für Heimatgeschichte oder Volkskunde, die durch Vorträge, Veröffentlichungen in Zeitungen oder Sonderheften die Verhältnisse der Heimat historisch erläutert, zur Kenntnis zu bringen suchen. Man öffnet dem Publikum Museen, welche durch eifrige Bemühungen einzelner, sowie durch die Opferwilligkeit mancher Ortsbewohner in kurzer Zeit verhältnismäßig mannigfaltige und dabei reichhaltige Ausstattung erhalten haben. So ist jedem sich für Geschichte Interessierenden die Möglichkeit gegeben, die Kulturverhältnisse und damit das Leben vor mehreren Jahrhunderten an seinem Auge vorüberziehen zu lassen. Nicht minder will auch die Veranstaltung der Heimatfeste diesem Bedürfnis gerecht werden.

Man könnte fragen, ob lokalgeschichtliche Erörterungen und Bestrebungen nicht nur einen volkstümlichen, sondern vor allem auch einen wissenschaftlichen Wert haben, ob es also einen Gewinn verspricht, ein lokalgeschichtliches Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Die Lokalgeschichte will zur Hebung der Volksbildung, besonders zur Erhaltung und Belebung des historischen Sinnes als einer starken Stütze wahren Heimatgefühls beitragen. Doch damit ist noch lange nicht gesagt, daß derartige Erörterungen auch für den Historiker vom Fach wertvoll sind. Und dennoch! Sie liefern der Wissenschaft das Quellenmaterial, das sie zu ihren zusammenfassenden Darstellungen braucht; dazu aber gehört die stille, entsagungsvolle Gelehrtenarbeit von Jahren. Nur dann kann die Lokalgeschichte in den Dienst der allgemeinen Geschichte treten, wenn sie wissenschaftlich und nicht populär betrieben wird.

Als Quellen für dieses historische Forschen kommen vor allen Dingen die Hauptstaats[5]-, Ratsarchive und Bibliotheken in Frage. Hier finden wir die Urkunden und Akten, die Zeugen früheren Rechts-, Wirtschafts- und politischen Lebens sind. Nur wer auf diese Weise forscht und darstellt, kann der Nachwelt wissenschaftliche Werte hinterlassen.

Herb. Pönicke, ~cand. phil.~

Fußnote:

[5] Dr. _W. Lippert_: Das Sächsische Hauptstaatsarchiv. Sein Werden und Wesen. Dresden 1922.

Das Liebenauer Christspiel

Von Pfarrer i. R. _Richter_, Zwickau-Schedewitz

Volkstümliches zu pflegen und volkstümliche Einrichtungen zu fördern und zu unterstützen, muß jedem Freund seines Volks und seiner Heimat am Herzen liegen. Für die kommende Weihnachtszeit möchte ich zur Betätigung solcher Heimatgesinnung auf das von schlichten Landleuten in echt volkstümlicher, dabei aber sehr würdiger und feierlicher Weise aufgeführte Liebenauer Christspiel hinweisen. Es ist in dem Kirchdorf Liebenau bei Lauenstein (oberes Müglitztal) seit vielen Jahren eingebürgert und erfreut sich großer Beliebtheit in der Gemeinde, wie in weitem Umkreis. Der frühere Ortspfarrer Dr. Johannes Müller verfaßte es nach dem Vorbild des ursprünglichen Lößnitzer Christspiels unter Zuhilfenahme anderer Weihnachtsdichtungen.