Chapter 5 of 8 · 3990 words · ~20 min read

Part 5

Edward Bok war in Holland geboren. Nachdem der Vater sein Geld in seinem Geschäft verloren hatte, ging er 1870 nach Amerika, als der junge Edward sieben Jahre alt war.

Der kleine Junge kannte kein Wort englisch. Die andern Jungen nannten ihn »Dutchy« und quälten ihn so lange, bis er vier oder fünf von ihnen verprügelt hatte. Seine Aussicht auf Erfolg war offenbar nicht allzu groß. Er hatte kein Glück -- kein Geld -- keine Freunde -- nicht einmal eine Frau.

Da seine Eltern arm waren, begann er mit zehn Jahren Geld zu verdienen. Jeden Abend putzte er das Fenster eines Bäckers und verdiente damit 50 Cent die Woche.

Dann wurde er Zeitungsjunge und verdiente wöchentlich 2,50 Dollars. Jeden Sonnabend verkaufte er Ausflüglern Limonade und verdiente damit noch einmal 2,50 Dollars.

Als sein Vater starb, zählte er 13 Jahre. Er verließ die Schule und wurde Telegraphenjunge mit 6 Dollars die Woche. Seinen ganzen Wochenlohn gab er seiner Mutter. Mit seinen 13 Jahren hatte er schon eine wahre Leidenschaft für Selbsterziehung. Er machte Überzeit in allen möglichen Beschäftigungen. Er versagte sich die halben Mahlzeiten, er sparte an Fahrgeld und legte Cent auf Cent, bis er schließlich genug hatte, um sich »Appletons Encyclopaedie« zu kaufen.

Dieses Buch war seine Erziehung. Er verschlang es mit einem wahren Wissenshunger. Jede Nacht mußte seine Mutter ihn von seinem Buch wegschleppen und ihn ins Bett bringen.

Er las am liebsten Bücher über berühmte Männer und Frauen. Und eines Tages hatte er eine kühne Idee -- er wollte an diese großen Leute schreiben, um zu sehen, ob sie ihm antworteten.

Sie taten es. Er empfing Briefe von Tennyson, Longfellow, Whittier und Präsident Garfield. Diese Briefe befeuerten ihn: Jetzt empfand er, obwohl er nur ein kleiner holländischer Junge war, tatsächlich mit den Großen dieser Welt in Fühlung zu sein.

Mit 18 Jahren hatte er eine andere kühne Idee -- er beschloß, einige dieser großen Leute zu besuchen.

Er besuchte den Präsidenten der Vereinigten Staaten

und fand zu seiner Überraschung einen einfachen, liebenswürdigen alten Herrn vor.

Er reiste 250 Meilen, um Emerson, Longfellow, Holmes und Philipp Brooks zu besuchen. Er hatte über sie in seiner großen Enzyklopädie gelesen, und er wollte sie von Angesicht zu Angesicht sehen.

Mit 19 Jahren wurde er Sekretär bei Jay Gould -- einem reichen Spekulanten. Doch ihm lag nichts daran, nur Geld zu verdienen. Gould versprach ihm, ihn reich zu machen -- aber er kündigte seine Stellung und wurde Journalist.

Seine Haupttätigkeit war, Artikel von prominenten Persönlichkeiten für die Tagespresse zu erlangen. Nachdem er dies jahrelang getan hatte, fiel ihm auf, daß so wenig Frauen sich für Zeitungen interessierten.

Er fragte sich: Warum? -- und dieses »Warum« begründete seinen Ruhm und sein Vermögen.

Er begann zu studieren, was Frauen lieben. Er entdeckte, daß Männer und Frauen so verschieden sind, wie Hunde und Katzen. Er fand heraus, daß der durchschnittliche Mann so gut wie vollständig unwissend darüber ist, was Frauen wirklich mögen und nicht mögen.

Er überredete mehrere Zeitungen, eine Frauenseite einzuführen. Das war im Jahre 1880. Es war eine neue Idee. Es war nie vorher getan worden.

1889 lernte er Cyrus Curtis kennen, der ihn ersuchte, die Redaktion des »Ladies’ Home Journal« zu übernehmen. Gegen den Rat aller seiner Freunde nahm er den Antrag an.

Seine erste Tat als Schriftleiter war, Preise für Vorschläge seiner Leserinnen auszusetzen. Er begann mit Lernen. Er war vielleicht der erste Redakteur, der sich nicht für einen Alleswisser hielt.

Sein Motto war: »Das Publikum verlangt etwas, das ein bißchen besser ist als das, was es verlangt.«

Er fand bald heraus, daß die Frauen doch hauptsächlich an ihrem Heim Interesse haben. Er fand, daß die männerartigen Frauen nur posieren, -- daß Frauen viel persönlicher, viel geselliger und viel mehr auf sich selbst eingestellt sind als die Männer.

Er erkannte, daß eine Frau an sich selbst interessiert ist -- an ihrem Aussehen -- ihrem Platz in der Gesellschaft -- ihren Kindern -- ihrem Gatten -- ihrem Haushalt -- ihren Kleidern und Möbeln. Sie hat nichts für die abstrakten Gegenstände übrig, die die Männer interessieren. Sie lebt nur für die eigene kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt sie selbst steht.

Richtig oder falsch, das war Boks Idee, und sie machte ihn zum Führer von zwei Millionen Frauen.

Kein anderer Mann, der je gelebt hat, ist bei den Frauen so populär gewesen wie Bok.

Nach dem Ergebnis zu urteilen, war seine Ansicht richtig.

Er veröffentlichte »Worte von Herz zu Herzen«, einfache, freimütige Artikel über Gefühlsangelegenheiten. Er stellte den tüchtigsten Arzt an, den er finden konnte, um jungen Müttern Rat zu erteilen. Mehr als 90000 Säuglinge wurden durch den Rat und die persönliche Hilfe des »Ladies’ Home Journal« aufgezogen.

Bok richtete eine Dienstabteilung im Zusammenhang mit seiner Zeitschrift ein; er stellte 35 Redakteure an, die Anfragen brieflich zu beantworten hatten, und sie beantworteten über eine Million Briefe jährlich.

Er inserierte. Er entwarf seine eigenen Anzeigen. Er gab 400000 Dollars jährlich für seine Anzeigen aus.

Er zeigte, wie man ein besseres Heim erbauen könne. Er verkaufte Pläne für nette Häuser um 5 Dollars das Stück. Dann zeigte er, wie man ein solches Heim einrichten solle. Er erklärte die Bedeutung des guten Geschmacks.

Er ging noch weiter und lehrte seine zwei Millionen Frauen, die Kunst zu schätzen. Er reproduzierte vierzig der größten Gemälde der Welt und schenkte seinen Lesern siebzig Millionen Reproduktionen.

Nicht immer hatte er Erfolg. Einmal versuchte er, da er ja bloß ein Mann war, der Herrschaft der Pariser Mode ein Ende zu machen, und es mißlang. Er erfuhr zu seinem Schaden, daß die Eitelkeit ihre eigenen Wege gehen will.

Während des Krieges mobilisierte Bok seine zwei Millionen Frauen. Er ließ sie alle an die Arbeit gehen, Geld aufzubringen und den Soldaten Bequemlichkeiten zu schaffen. Im Jahre 1917 ging er selbst an die Front.

Im Jahre 1919 zog er sich vom Geschäft zurück. Seine Lebensphilosophie ist, daß ein Mann sein Leben in drei Teile teilen sollte: 1. Erziehung, 2. Vollbringung, 3. Dienst.

Dies der Grund, warum er sich mit 56 Jahren vom Geschäft zurückzog. Er wünschte den Rest seines Lebens ohne Bezahlung zu arbeiten, um die verworrenen Knoten menschlicher Angelegenheiten zu entwirren.

»Niemand«, sagte er, »hat ein Recht, die Welt so schlecht zu verlassen, wie er sie vorgefunden hat.«

Luther Burbank, der König der Gärtner.

Burbank ist der Pflanzenzauberer von Kalifornien. Er hat mehr neue Blumen und Früchte geschaffen als irgendein anderer lebender Mensch. Er ist der König der Gärtner.

Er hat die Rosen gelehrt, ohne Dornen zu wachsen, und den Kaktus, ohne Stachel.

Er hat die Kartoffel gelehrt, größer zu werden, und die Kirschen, ihren Samen nach außen zu verlegen.

Er erzog die Margueriten des Chastertals zu großen, leuchtenden, reinweißen Blumen.

Er hat wissenschaftliche Verwaltung auf die Gartenkunst angewendet und Ergebnisse erzielt, die die Welt in Erstaunen versetzten.

Er hat zahlreiche neue und bessere Abarten von Früchten, Blumen, Gemüsen und Sträuchern hervorgebracht.

Er ist

der Edison des Gartens,

die höchste Autorität in der Welt für Boden und Bodenprodukte.

Er ist über 75 Jahre alt, ein zarter, schlanker, glattrasierter Mann mit schneeweißem Haar und freundlichen Augen.

Wie alle Leute, die der Beachtung wert sind, ist er arm geboren. Sein Vater war ein Anglo-Amerikaner, der auf einer kleinen steinigen Farm in Neu-England mühselig sein Leben fristete.

Der arme kleine Luther hatte kein Geld -- keine Gesundheit -- wenig Schulbildung und keine wie immer gearteten Vorteile.

Er dachte nicht daran, daß er irgendeine Art Genie sei, ließ sich zunächst vom Strom treiben und versuchte nur, einen bescheidenen Lebensunterhalt zu erwerben.

Er arbeitete um 50 Cent per Tag in einer Pflugfabrik. Dann bekam er eine etwas bessere Stellung in einem Möbelgeschäft.

Aber er fand bald heraus, daß er sich weder zum Fabrizieren noch zum Verkaufen eignete. Er beschloß, Arzt zu werden, und begann Medizin zu studieren.

Dann, mit 26 Jahren, erkrankte er an einem Sonnenstich, der seinem Leben beinahe ein Ende machte.

Krank, arm und freundlos ging er nach Kalifornien. Er hatte keinen Beruf. Er war kein gelernter Arbeiter. Er war ein Farmarbeiter, nicht mehr.

Zunächst fand er niemanden, der ihm Arbeit geben wollte. Um sich vor dem Verhungern zu schützen, reinigte er Hühnerhäuser.

Endlich wurde er als Hilfsarbeiter in einer Baumschule angestellt, aber sein Lohn war so niedrig, daß er gezwungen war, in dem Glashaus zu schlafen.

Dadurch holte er sich ein Fieber und kam kaum mit dem Leben davon. Wirklich wurde er nur durch die Güte einer alten Frau gerettet, die ihm täglich mehrere Wochen lang einen Liter Milch brachte.

Wieder zu Kräften gekommen, fand er eine bessere Stellung. Er sparte den größten Teil seines Lohnes und kaufte eine eigene kleine Baumschule.

Dann kam seine erste Chance -- ein reicher Obstzüchter bot eine große Summe Geldes demjenigen, der ihm innerhalb 10 Monaten 20000 junge Pflaumenbäume liefern könne.

Alle Baumschulen sagten: »Unmöglich.« Niemand wollte sich der Aufgabe unterziehen, nicht einer -- außer Burbank.

In 6 Monaten lieferte er 19025 junge Bäume ab -- eine Höchstleistung. Er gewann den Preis. Noch besser, er wurde mit einem Male als

der tüchtigste Baumzüchter in Kalifornien

berühmt.

Seine Baumschule blühte auf. Jetzt ist sie in der ganzen Welt unter dem Namen »Burbanks Versuchsfarm« in Santa Rosa (Kalifornien) bekannt.

Im Verlauf der letzten 12 oder 15 Jahre haben ihm reiche Leute ein wenig geholfen; aber in seinen jungen Jahren half ihm niemand -- niemand außer der armen alten Frau, die sein Leben rettete.

Er war immer gebrechlich. Noch vor zwanzig Jahren sagten ihm die Ärzte, daß er nur noch 18 Monate zu leben habe. Aber Burbank lächelte nur und ging drei Wochen in die Berge zum Ferienaufenthalt.

Vierzig Jahre lang hat er täglich 10 bis 14 Stunden gearbeitet. Auf diese Weise wurde er ein »Zauberer«.

Er glaubt nicht an Feen oder glückliche Zufalle. Das Geheimnis seines Erfolges, sagte er, ist ausschließlich harte Arbeit und Ausdauer.

Er hat verschiedene neue Abarten Pflaumen entwickelt -- die Gold-, Wickson-, Apfel-, Oktober-, Amerika-, Chalco-, Santa Rosa-, Formosa- und Climax-, von größeren Abarten die Grant-, Splendour-, Zucker-, Standard- und endlich die kernlose Pflaume. Von neuen Rosen zog er die Peachblow, die Abundance, die Burbank und die Santa Rosa.

Nacheinander schuf er neue Abarten von Äpfeln, Pfirsichen, Nüssen, Beeren, Gräsern, Getreiden und Gemüsen.

Er schuf eine Frucht, die etwas vollkommen Neues ist und die er »Blumcot« nannte.

Zur Zeit führt er sechstausend Versuche durch, und jährlich zieht er eine Million Pflanzen, um sie auszuprobieren.

So wenig Schulbildung er hatte, ist er jetzt der angesehenste Professor der Leland Stanford-Universität. Er liest über Erziehung und Evolution.

Er hat den langen Bericht seiner Methoden und Entdeckungen in zwölf Bänden veröffentlicht.

Er war so von seiner Arbeit erfüllt, daß er erst vor drei Jahren sich verheiratete.

Seine Baumschule war sein Heim und sein Geschäft.

Burbank ist fasziniert von den Pflanzen und ihren Möglichkeiten. Er liebt es, ein Unkraut oder eine ganz gewöhnliche Pflanze zu nehmen und sie zu einer höheren Form zu entwickeln.

Er liebt es, der Natur einen kürzeren Weg zu zeigen -- eine schnellere Methode zur Entwicklung.

Er hat seine Baumschule zu einer bedeutenden Universität der Gartenkunst gemacht. Er hat das Geheimnis der Erziehung von Pflanzen und Bäumen gelöst.

Er findet, daß Pflanzen außerordentlich den Massen gleichen. Manche lassen sich belehren und andere nicht.

Es gibt z. B. bestimmte Arten Palmen, denen man nichts beibringen kann. Sie können nicht verbessert werden. Sie wehren sich hartnäckig gegen eine höhere Daseinsform.

Burbank hat sehr bestimmte Ansichten über Erziehung: kein Kind solle mit Büchern gequält werden, bevor es mindestens zehn Jahre alt ist. Es sollte seine erste Belehrung im Kindergarten, im Feld und auf dem Spielplatz erhalten.

»Es ist ein Verbrechen gegen die Natur,« sagte er, »die zarte Menschenpflanze zu nehmen und ihre geistige Entwicklung vorzeitig in der Gewächshausatmosphäre des Schulzimmers zu forcieren.«

Burbank ist niemals gereist. Er fand keine Zeit dazu. Aber weise Männer aus allen Weltteilen kamen nach Kalifornien, um ihn in Santa Rosa zu besuchen.

Er hatte ein Leben des höchsten Erfolges. Er begann in einer Höhle der Armut und Krankheit, um zu einem Gipfel des Ruhms, des Reichtums und des Dienstes an seiner Nation aufzusteigen.

Und nie zu vergessen -- niemand half ihm -- niemand, außer einer armen Frau, die ihm im Namen Christi einige Glas Milch schenkte.

King C. Gillette.

»Wer ist der außerordentlichste Verkäufer, den Sie je kennengelernt haben?« fragte mich ein Freund in Birmingham.

Das war keine leichte Frage, aber nach einem Augenblick des Nachdenkens antwortete ich: »Gillette, der Erfinder des Rasierapparates.«

Meiner Meinung nach war er der außerordentlichste, weil er Verkäufer, Erfinder, Idealist, Fabrikant und Finanzmann in einer Person war.

Gillettes voller Name ist King C. Gillette. Er war in einer kleinen Stadt in den Wäldern von Wisconsin geboren. Sein Vater war ein Geschäftsmann, der sich durchkämpfte, schlecht und recht.

Als der junge Gillette 17 Jahre alt war, verlor sein Vater alles durch ein Feuer, und der Junge hatte seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Mit 21 Jahren war er ein Verkäufer mit weitem Blick und neuen Ideen.

Ich lernte ihn im Jahre 1894 kennen. Er kam zu einer Reihe von Vorlesungen, die ich hielt, und sandte mir nachher ein Buch, das er geschrieben hatte.

Er hatte dieses Buch über einen neuen Haustyp geschrieben, den er erfunden hatte -- einen riesigen Bau in Form eines Domes, groß genug, um mehrere hundert Familien unterzubringen.

Wir beide, er und ich, versuchten zu dieser Zeit einen Weg zu finden, um die ungesunden, dumpfigen Wohnquartiere der Bevölkerung abzuschaffen. Wir glaubten daran, daß Armut sich verhindern ließe, und behaupteten, daß das schwerste Verbrechen in der Welt sei, zu gestatten, daß Kinder in einer Umgebung von Schmutz und Unflat auf die Welt kommen.

Gillettes Vater war schon eine Art Erfinder, und auch Gillette erfand in seiner freien Zeit immer irgend etwas. Immer hatte er die Idee, daß er eines Tages irgend etwas Wundervolles erfinden und dadurch ein Vermögen erwerben würde.

Mit 36 Jahren lernte er einen reichen Erfinder kennen -- William Painter --, er hatte den »Crown-Seal«-Metallkork erfunden, der jetzt allgemein an Bier- und Mineralwasserflaschen verwendet wird.

Eines Tages sagte Painter zu Gillette: »Warum erfinden Sie nicht irgend etwas, das die Leute nötigt, von Ihnen zu kaufen, solange sie leben? Es hat keinen Zweck, gerade eine einmalige Sache einem Menschen zu verkaufen. Verkaufen Sie ihm etwas, das er gebraucht und wegwirft.«

Diese Anregung wurde die schöpferische Ursache des Gillette-Rasierapparates. Wochenlang dachte Gillette daran, dachte daran, wie er eine vergängliche Notwendigkeit erfinden könnte.

Dann, eines Morgens, rasierte er sich. Das Rasiermesser war stumpf. Sein Bart war struppig. Er kratzte unter Schmerzen an seinem Gesicht herum, als ihm wie der Blitz der Gedanke kam: Warum nicht eine bessere Art Rasiermesser?

Warum nicht ein Messer mit einer entfernbaren Schneide erfinden?

Er legte sein Rasiermesser hin, und noch mit dem Seifenschaum auf seinem Gesicht begann er den Entwurf eines neuen Messers zu skizzieren, das aus einer Klinge und einem Klingenhalter bestehen sollte.

Binnen einer Stunde war sein Entwurf vollendet. Dann beendete er die Rasur seines Gesichtes und eilte zu einem Eisenhändler, um Stahlband und eine Feile zu kaufen.

Er konstruierte sein erstes Rasiermesser persönlich und ließ es patentieren. Das war im Jahre 1895. Er war 40 Jahre alt geworden, bevor er auf die Fährte seines großen Erfolges kam.

Zunächst war sein Rasiermesser ein Mißerfolg. Neun Jahre lang war es ein Witz. Seine Freunde -- und er hatte ihrer stets eine Menge -- neckten ihn ohne Gnade mit seinem phantastischen Rasiermesser.

Gillette und sein dummes Rasiermesser wurden neun Jahre lang ausgelacht -- an diesen Punkt muß man sich erinnern. Jeder Kapitalist, den Gillette im Verlaufe dieser neun Jahre kennenlernte, hätte für einen Pappenstiel einige dieser Gillette-Aktien bekommen können.

Im Jahre 1901 fand Gillette einen Meistermechaniker -- W. E. Nickerson --, einen Mann von ungewöhnlicher Geschicklichkeit. Er vervollkommnete das Rasiermesser, und eine Gesellschaft wurde gebildet.

Aber bis zum Jahre 1902 konnte kein einziger Rasierapparat verkauft werden. Niemand wollte ihn haben. In Verzweiflung begann Gillette die Rasierapparate zu verschenken.

Einen davon gab er einem Geschäftsmann namens John Joyce. Joyce rasierte sich damit. Er gefiel ihm. Er kaufte für 12000 Pfund Aktien.

Die kleine Rasierapparate-Gesellschaft begann dann zwar einige Rasiermesser zu verkaufen, aber Gillette mußte sich und seine Familie durch den Verkauf von Stahlkorken in England und den Staaten erhalten.

Im Jahre 1904 betrat der richtige Reklamemann die Bühne. Ich weiß nicht, wie er hieß, aber er war das letzte Glied in der Kette des Erfolges.

Der Rasierapparat begann zu gehen.

Geld in Fülle ergoß sich über Gillette.

Sein langjähriger Chef im Stahlkorkengeschäft kaufte für 8000 Pfund Aktien und ist heute mächtig froh, daß er es getan hat.

Gillette war klug genug, eine große Anzahl Aktien für sich selbst zu behalten. So war sein Traum mit 49 Jahren Wahrheit geworden.

Heute ist sein Bild in jedem Ort der Welt zu sehen, ja fast in jeder Straße, da es auf der Verpackung einer jeden Rasierklinge angebracht ist.

In den letzten 17 Jahren hat er eine Gesellschaft mit einem Vermögen von 6000000 Pfund aufgebaut, deren Reingewinn 1500000 Pfund jährlich beträgt.

Er hat drei Fabriken -- in England, Kanada und den Vereinigten Staaten. Er hat einen vollständig neuen Typus des Rasiermessers geschaffen und hat ihn zu gutem Preise an Millionen Männer verkauft.

Er ist noch am Leben und voll neuer Ideen.

Seine letzte Vorliebe ist der Nera-Car -- eine neue Art Motorrad.

Er ist nahezu 70 Jahre alt und ein Weltbürger. Er hat in London, Paris, Florida und Neuyork gelebt. Zur Zeit lebt er in Kalifornien.

Er hat eine vergängliche Notwendigkeit erfunden. Er hat etwas erfunden, was die Käufer zwang, seine dauernden Kunden zu werden.

King C. Gillette stellte stets neue Ideen voran, und er hatte immer großzügige Ideen. Er schuf eine neue Idee. Er formte diese Idee zu einer Tatsache und dann verkaufte er diese Tatsache an die glattrasierten Männer der zivilisierten Welt.

Das ist der Grund, warum ich ihn den größten Verkäufer nennen kann, dem ich jemals begegnet bin.

Joseph Fels.

Joseph Fels war der kleinste Mann, den ich jemals gekannt habe. Er war nicht größer als ein zwölfjähriger Junge. Aber in Verstand und Herz war er einer der größten und edelsten Menschen seiner Generation.

Er war so liebenswürdig, daß es schwer ist, über ihn zu schreiben, ohne sich fortreißen zu lassen und zuviel zu sagen. Er war ein Freundschaftsmensch, er erwarb Freunde leicht und behielt sie.

Durch Joseph Fels habe ich erfahren, wie verwerflich es war, daß man tausend Leuten gestattete, den größten Teil des englischen Grund und Bodens zu monopolisieren. Joseph Fels war ein Anhänger des Einheitssteuersystems.

Seine Überzeugung war, daß man das brachliegende Land und nicht das tätige Kapital besteuern müsse. Er war der tätigste und weitblickendste Landreformator, den England gehabt hat. Er war der Schöpfer des »Verteilungssystems«.

Wenn jemals ein Mensch bis in sein tiefstes Inneres durch menschliches Elend erschüttert worden ist, so war es Joseph Fels. Er war mehr wie eine Mutter als wie ein Mann:

ein Millionär -- und trotzdem marschierte er mit den Arbeitslosen im Jahre 1905 nach dem Hyde-Park.

Er war der Freund sozialistischer Führer und des Kronprinzen von Schweden. Er saß in Oxford und in den Gewerkschaftshallen. Er war ein ernster, wohlerfahrener Mann, ohne Prahlerei, Doppelzüngigkeit oder angemaßte Würde. Er verdient ein Denkmal im Hyde-Park. Eines Tages wird er es haben -- er sowohl wie Henry George und Alfred Russel Wallace, die Führer der Landreform.

Joseph Fels war in einem kleinen Landhaus in Virginia zur Welt gekommen. Sein Vater arbeitete emsig, aber nicht sehr erfolgreich. Er machte Toilettenseife.

Joseph war ein schlechter Schüler, wie die besten Jungen es gewöhnlich sind. Er liebte das tägliche Einerlei und das Auswendiglernen nicht. Mit 15 Jahren lehnte er sich auf und verweigerte es, länger in die Schule zu gehen.

Er wurde Reisender in Seife. Er sparte sein Geld und mit 22 Jahren kaufte er eine kleine Seifensiederei um 800 Dollar und wurde Fabrikant.

Fünfzehn Jahre lang widmete er seine volle Energie seinem Geschäft. Er nahm seine Brüder als Teilhaber hinein.

Da die Konkurrenz im Seifengeschäft sehr lebhaft war, erkannte er die Notwendigkeit einer Spezialität. Er fand sie -- eine Naphtaseife, mit der man Flecken aus Kleidern entfernen konnte. Er kaufte das Rezept zur Erzeugung dieser Seife und begründete so sein Vermögen. Sie ist jetzt über die ganze Welt verbreitet.

Mit 20 Jahren verliebte er sich in ein Mädchen von großem Reiz und großer Tüchtigkeit. Auch sie war sehr klein. Sie paßten ausgezeichnet zueinander und waren in ihrem Familienleben sehr glücklich. Soviel ich weiß, war das einzige Leid, das jemals ihr Heim befiel, der Tod ihres Kindes. Fels hatte eine Leidenschaft für Kinder und erholte sich niemals vollständig von diesem Verlust.

Als er reich geworden war, widmete er den größten Teil seiner Zeit sozialen Problemen.

Er hörte auf, für sich selbst zu arbeiten und arbeitete für andere.

Es gab zwei Dinge, die Joseph Fels haßte, soweit seine Natur ihm überhaupt zu hassen gestattete, und diese beiden Dinge waren Verschwendung und Ungerechtigkeit. Wie Sie sehen, war er halb ein Geschäftsmann und halb ein Apostel. Er glaubte gleichmäßig an Erfolg und an Güte.

Er war nicht der Meinung, daß Geld irgend etwas Gutes bewirken könne, und ebensowenig glaubte er daran, daß man den Himmel auf Erden Leuten predigen sollte, die ungerecht behandelt wurden.

Er behauptete, daß die größte Verschwendung in England das brachliegende Land sei. Da liegt es, dreißigtausend Morgen groß, während fünfzigtausend Arbeitslose auf dem Trafalgar-Square nach Brot rufen!

Brachliegendes Land und brachliegende Menschen: Warum werden im Namen der Menschlichkeit und der Vernunft diese beiden nicht zusammengebracht, um so die Fruchtlosigkeit beider abzuschaffen? Das war die Frage, die Joseph Fels den Staatsmännern Englands vorlegte, und keiner von ihnen hat sie bis jetzt beantwortet.

Noch immer gibt es brachliegendes Land, und noch immer gibt es arbeitslose Männer -- frühere Soldaten und Seeleute --, Zehntausende davon.

Als das größte aller Verbrechen erschien Fels, für einen Mann einen Palast inmitten zehntausend Morgen brachliegenden Landes zu errichten, während zweihundert Familien in schmutzigen Hütten zusammengepfercht sind, ohne einen Fuß Landes ihr Eigen nennen zu können.

Fels mochte weder Armut noch Luxus leiden. Er betrachtete beides als dem Volke nachteilig. Niemand sollte ganz ohne Besitz sein, dachte er, und niemand sollte zuviel davon haben.

Er betrachtete die Menschen als wichtiger denn alles übrige, als Finanz und Geschäft, als Erblichkeit und Aristokratie, ja selbst als Regierung: er war wirklich ein eigenartiger Millionär.

In einer Ansprache an eine Handelskammer sagte er einmal: »Ich besitze in einer gewissen Stadt 11½ Morgen Land, für die ich vor einigen Jahren 6500 Pfund Sterling gezahlt habe. Durch das Anwachsen der Bevölkerung dieser Stadt ist mein Grundbesitz jetzt auf 25000 Pfund Sterling gestiegen.

Ich habe nichts dazu getan, diese Wertsteigerung zu bewirken. Meine Mitbürger haben sie geschaffen, und ich glaube, daß sie ihnen und nicht mir zugute kommen soll. Ich glaube daran, daß wir diese Gemeinschaftswerte für unsere gemeinsamen Zwecke in Anspruch nehmen sollten, anstatt Unternehmungen und Industrien zu besteuern.«

Fels gab Tausende aus, um seine Idee

»Das Land dem Volk«

zu verbreiten. Er sandte jedem Wähler in Großbritannien ein Paket Flugblätter, Jahr für Jahr nahm er an jedem Gewerkschaftskongreß teil.

Einmal hatte er versprochen, einem fünfjährigen kleinen Mädchen einen Esel zu kaufen. Kurz darauf kam er auch an, einen Esel am Halfter, dem jedoch noch ein kleiner neugeborener Esel folgte. Man fragte ihn: »Warum haben Sie zwei gekauft?« »Sie sehen,« antwortete er, »ich konnte doch Mutter und Kind nicht trennen, und so habe ich beide gekauft.«

Bei einer Tischgesellschaft saß er neben einer Dame, die versuchte, ihm ihre überlegene Bedeutung einzuprägen. Sie beschrieb einen gewissen Mann und sagte: »Natürlich ist er nicht unseresgleichen.« Fels antwortete ruhig: »Ist nicht jedermann unseresgleichen?«

Er baute sich ein Haus in Bickley in Kent und ließ folgende Inschrift über seinem Tor anbringen:

Was ich ausgegeben habe, das hatte ich.

Was ich gespart habe, habe ich verloren.

Was ich gegeben habe, das habe ich.

Als er einmal im Balliol-Kolleg in Oxford sprach, begann er seine Vorlesung mit den Worten: »Ich will zu Ihnen über das Land sprechen, über diese Erde, auf der Sie leben. Wer schuf sie? Wem gehört sie? Wer hat ein Recht auf sie?

Und wie kann Gelehrsamkeit in einem Volke blühen, das Ungerechtigkeit gestattet?«