Chapter 10 of 17 · 4919 words · ~25 min read

X.

In den Hotels der fashionablen Kurorte – doch glaube ich, im ganzen übrigen Europa nicht minder – richten sich die Hotelverwalter und Oberkellner bei der Anweisung der Räume für einen neueingetroffenen Gast nicht so sehr nach dessen Wünschen als nach ihrer eigenen, persönlichen Einschätzung des Betreffenden, und wie man zugeben muß, täuschen sie sich selten. Was nun aber die Babuschka betraf, da hatten sie doch ein wenig zu hoch gegriffen: vier prächtig ausgestattete Räume, ein Badezimmer, ein Zimmer für den Diener und eines für die Zofe. Dieses Appartement hatte vor einer Woche tatsächlich eine ^grande-duchesse^ bewohnt, was natürlich als erstes der neuen Einwohnerin mitgeteilt und weshalb der Preis entsprechend heraufgeschraubt wurde.

Die Großtante wurde mit ihrem Stuhl durch alle Zimmer gefahren und sie musterte sie streng und aufmerksam. Der Hotelverwalter, ein schon bejahrter Mann mit einer Glatze, begleitete sie ehrerbietig bei dieser ersten Besichtigung.

Ich weiß nicht, für wen man sie hielt, jedenfalls aber benahm man sich, als sei sie der vornehmste und reichste Hotelgast. Ins Fremdenbuch ward sogleich eingetragen: ^Madame la générale princesse de Tarassevitscheva^, obschon sie keine Fürstin war. Offenbar hatte der ganze Aufwand ihrer Reise, die eigene Dienerschaft, das besondere Coupé im Waggon, die Unmenge ihrer Gepäckstücke, Koffer und sogar Kisten, die mit ihr eingetroffen waren, die Grundlage zu diesem Prestige gelegt; und der Fahrstuhl mit den Trägern zur Überwindung der Treppen, der schroffe Ton und die Stimme der alten Dame, ihre exzentrischen Fragen, die sie wie mit der größten Selbstverständlichkeit stellte, und noch dazu mit einer Miene, die widerspruchsloseste Beantwortung heischte, kurz, die ganze Erscheinung und Haltung der Babuschka, so wie sie nun einmal war – aufrecht, stramm, schroff und gebieterisch – gab natürlich noch den Rest und steigerte die allgemeine Ehrerbietung zu wahrer Andacht vor ihr.

Bei der Besichtigung der Zimmer befahl sie zuweilen plötzlich, anzuhalten, wies auf irgend einen Gegenstand der Einrichtung und wandte sich mit nicht vorherzusehenden Fragen an den ehrerbietig lächelnden Hotelverwalter, dem es aber in ihrer Nähe nachgerade etwas unheimlich zu werden schien. Sie fragte ihn auf französisch, und da sie diese Sprache ziemlich mangelhaft beherrschte, mußte ich ihre Fragen gewöhnlich noch übersetzen. Doch die Antworten des Hotelverwalters mißfielen ihr größtenteils oder erschienen ihr wenigstens nicht befriedigend. Aber sie frug auch immer so wenig gegenständlich, oder so – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll –, so daß es wohl, weiß Gott, jedem nicht ganz leicht gewesen wäre, befriedigend zu antworten. Plötzlich z. B. läßt sie vor einem Gemälde halten – einer ziemlich schwachen Kopie irgend eines bekannten Originals, das eines der vielen mythologischen Wesen darstellen soll.

„Wessen Porträt ist das?“

Der Hotelverwalter erlaubt sich, ehrerbietigst zu meinen, daß es wahrscheinlich eine Gräfin sei.

„Wie, weißt du denn das nicht? Lebst hier und weißt es nicht. Wozu ist er überhaupt hier? Warum schielt er?“

Auf all diese Fragen wußte der gute Mann nichts Positives zu antworten, ja sie schienen ihn sogar sichtlich zu verwirren.

„Ist das ein Tölpel!“ äußerte sie sich dann auf russisch.

Der Stuhl wurde weitergeschoben. Dieselbe Geschichte wiederholte sich vor einer kleinen sächsischen Porzellanstatuette, die sie lange betrachtete und dann aus unbekannten Gründen fortzubringen befahl. Darauf wandte sie sich plötzlich an den Repräsentanten des Hotels mit der Frage, wieviel die Teppiche im Schlafzimmer gekostet hätten und wo sie gewebt würden. Der Arme versprach, sich sogleich danach zu erkundigen.

„Das sind mir mal Esel!“ brummte sie und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Bett zu.

„Was für ein pompöser Baldachin! Schlagt ihn zurück.“

Man tat es.

„Noch, noch weiter, ganz fort! Nehmt die Kissen fort, die Decken, alles, das Federbett, hebt die Matratzen auf.“

Alles wurde umgedreht und aufmerksam von ihr betrachtet.

„Gut, daß sie keine Wanzen haben. Nehmt die ganze Bettwäsche fort! Deckt meine Wäsche auf und meine Kissen. Das ist aber doch alles viel zu luxuriös für mich Alte, eine solche Wohnung! Allein ist es langweilig. Alexei Iwanowitsch, du kommst öfter zu mir, wenn du mit dem Unterricht der Kinder fertig bist.“

„Ich bin seit gestern nicht mehr Hauslehrer der Kinder des Generals,“ versetzte ich, „ich lebe hier im Hotel ganz für mich.“

„Warum denn das?“

„Vor einigen Tagen traf hier ein angesehener deutscher Baron mit seiner Gemahlin aus Berlin ein. Gestern auf der Promenade redete ich ihn deutsch an, wobei ich mich befleißigte, von der Berliner Redeweise nicht gar zu abweichend zu sprechen.“

„Nun und?“

„Der Baron hielt das für eine Frechheit und beklagte sich beim General, und der General hat mich daraufhin noch gestern verabschiedet.“

„Ja, was hast du denn, hast du ihn denn beleidigt oder gar gescholten? Na, und wenn auch, was wäre denn dabei gewesen! Große Herrlichkeit!“

„O, nein. Im Gegenteil, der Baron machte Miene, mich mit seinem Stock zu schlagen.“

„Und du Lappen hast es erlaubt, daß man sich so etwas deinem Hauslehrer gegenüber herausnimmt?“ wandte sie sich brüsk an den General, „und hast ihn obendrein noch entlassen! Schlafmützen seid ihr alle, alle ohne Ausnahme!“

„Beunruhigen Sie sich nicht, verehrte Tante,“ erwiderte der General mit einem gewissen hochmütig-familiären Klang, „ich kann auch ohne Beistand meine Angelegenheiten ordnen. Überdies hat Ihnen Alexei Iwanowitsch den Sachverhalt nicht ganz richtig wiedergegeben.“

„Und du hast es Dir auch ruhig gefallen lassen?“ wandte sie sich wieder an mich.

„Ich wollte den Baron fordern,“ antwortete ich möglichst ruhig und gleichmütig, „doch der General widersetzte sich dem.“

„So, weshalb hast du dich denn widersetzt?“ wandte sie sich an den General. „Du aber, Väterchen, geh mal jetzt; komm, wenn man dich rufen wird,“ wandte sie sich sogleich an den Hotelverwalter. „Wozu stehst du hier mit offenem Munde, das ist ganz überflüssig. Nicht ausstehen kann ich diese Nürnberger Fratze!“ Jener verbeugte sich ehrerbietigst und verließ uns, ohne das Kompliment der Babuschka verstanden zu haben.

„Aber ich bitte Sie, Tantchen, sind denn Duelle heutzutage überhaupt noch möglich?“ fragte mit einem halb spöttischen Lächeln der General.

„Ja warum denn nicht? Männer sind nun mal Hähne: also soll man sie lassen. Schlafmützen seid ihr hier alle, wie ich sehe, keiner versteht von euch, für sein Vaterland einzustehn! Nun, vorwärts! Potapytsch, sorge dafür, daß stets zwei Träger zur Stelle sind, sprich mit ihnen und mach mit ihnen fest ab. Mehr als zwei sind nicht nötig. Zu tragen brauchen sie mich nur auf den Treppen, auf ebener Erde aber, auf der Straße nur zu schieben, und so sag du es ihnen auch. Ja, und zahle Ihnen noch voraus, dann werden sie höflicher sein. Du aber wirst immer bei mir sein, Potapytsch, und du, Alexei Iwanowitsch, zeig mir mal diesen Baron auf der Straße: ich möchte ihn mir doch wenigstens ansehen, was für ein Von-Baron er denn eigentlich ist. Nun, wo ist denn hier dieses Roulette?“

Ich erklärte ihr, daß das Roulette sich in den Sälen des Kurhauses befinde. Dann folgten noch weitere Fragen: Wieviel sind es? Spielen dort viele Menschen? Wird den ganzen Tag gespielt? Wie spielt man denn dieses Spiel? – Mir blieb zum Schluß nichts anderes übrig, als zu sagen, daß es wohl am besten wäre, sich das Spiel einmal mit eigenen Augen anzusehen, da es schwierig sei zu erklären.

„Nun, dann vorwärts, bringt mich hin! Und du, Alexei Iwanowitsch, geh voran und zeige uns den Weg.“

„Wie, Tantchen, wollen Sie sich denn nicht einmal von der Reise erholen?“ fragte der General ganz besorgt. Er schien unruhig zu werden und auch die anderen tauschten untereinander besorgte Blicke aus. Offenbar waren sie durch diese Überraschung etwas unangenehm berührt; vielleicht aber genierten sie sich auch, die Großtante so ohne weiteres in den Kursaal zu begleiten, wo sie durch ihr originelles Wesen ganz gewiß Aufsehen erregen würde, was in der Öffentlichkeit sehr unangenehm wäre. Indessen erboten sich doch alle, sie zu begleiten.

„Wovon soll ich mich erholen? Ich bin nicht müde; habe ohnehin ganze fünf Tage gesessen. Später aber wollen wir sehen, was für Heilquellen es hier gibt und wo sie sind. Und dann ... wie hieß das nun gleich wieder, Praskowja, – der Schlangenberg, nicht?“

„Ja, Babuschka, der Schlangenberg.“

„Nun, dann meinetwegen der Schlangenberg. Was aber gibt es hier sonst noch zu sehen?“

„Es gibt hier Verschiedenes, Babuschka,“ sagte Polina etwas ratlos.

„Nun, scheinst ja selbst nichts zu wissen. Marfa, du kommst auch mit,“ sagte sie zu ihrem Kammermädchen.

„Aber warum denn auch die noch, Tantchen?“ warf der General ein, wohl um das Gefolge möglichst zu verringern. „Und übrigens wird man sie kaum das Kurhaus betreten lassen, ja selbst bei Potapytsch bin ich dessen nicht ganz sicher.“

„Na, solch ein Unsinn! Bloß weil sie meine Dienerin ist, soll ich sie hier allein sitzen lassen? Sie ist doch auch ein lebendiger Mensch. Fast eine ganze Woche waren wir unterwegs – sie will doch auch etwas sehen. Mit wem soll sie denn gehen, wenn nicht mit mir? Allein würde sie ja nicht mal wagen, ihre Nase aus der Tür zu stecken.“

„Aber ...“

„Oder schämst du dich etwa, mit mir und ihr zu gehen? So bleib doch zu Haus, niemand bittet dich. Seht doch mal an, was das für ein General ist! Ich bin selbst eine Generalin. Und überhaupt, wozu soll mir denn solch ein ganzer Schweif folgen? Ich werde mir auch ohne euch mit Alexei Iwanowitsch alles ansehen können ...“

Doch de Grillet bestand mit größtem Eifer darauf, daß alle sie begleiteten, und erging sich in den liebenswürdigsten Phrasen bezüglich des Vergnügens, sie begleiten zu dürfen, usw., usw. So brachen wir auf.

„^Elle est tombée en enfance^,“ flüsterte de Grillet dem General zu, „^seule – elle fera des bêtises^ ...“ weiter konnte ich das Geflüster nicht verstehen, doch genügte mir das, um zu erraten, daß er gewisse Absichten haben mußte und daß er vielleicht sogar neue Hoffnung schöpfte.

Bis zum Kurhaus hatten wir von unserem Hotel aus kaum tausend Schritte zu gehen. Unser Weg führte uns durch die Kastanienallee bis zum Square vor dem Kurhaus. Der General beruhigte sich unterwegs ein wenig, denn wenn unsere Völkerwanderung auch etwas auffallend war, so machten wir doch zweifellos einen guten Eindruck. Und übrigens war es ja gar nicht erstaunlich, daß eine kranke Person, die im Stuhl gefahren werden mußte, hier zur Kur erschienen war, in gutem Vertrauen auf die Wirkung der Heilquellen. Der General hegte denn auch einzig wegen der Spielsäle seine Befürchtungen, denn: daß ein kranker Mensch zu einer Heilquelle reiste, war sehr natürlich, viel weniger natürlich war es aber, wenn dieser Kranke – in diesem Fall noch dazu eine alte Dame – die Spielsäle besuchte. Polina und Mademoiselle Blanche gingen jede zu einer Seite des Fahrstuhls. Mademoiselle Blanche lachte, war fröhlich, doch in bescheidenen Grenzen, und widmete sich sogar sehr liebenswürdig der alten Dame, so daß diese sich schließlich lobend über sie äußerte. Polina auf der anderen Seite war wiederum verpflichtet, alle Augenblicke die unzähligen plötzlichen Fragen der Babuschka zu beantworten, Fragen von der Art wie: „Wer war das, der soeben vorüberging? Ist die Stadt groß? Wie groß ist der Park? Was sind das für Bäume? Was sind das dort für Berge? Fliegen hier auch Adler? Was ist das da für ein eigentümliches Dach?“

Mister Astley ging neben mir und flüsterte mir unbemerkt zu, daß er für diesen Tag noch vieles erwarte.

Potapytsch und Marfa gingen hinter dem Fahrstuhl: Potapytsch in seinem Frack mit weißer Krawatte, doch auf dem Kopf eine Mütze mit einem Schirm, und Marfa – ein vierzigjähriges, rotwangiges Mädchen, deren Haar jedoch schon zu ergrauen begann – in einem Kattunkleide und in knarrenden, bockledernen Schuhen. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube. Die Babuschka wandte sich sehr oft nach den beiden um und machte sie auf dieses und jenes aufmerksam, oder fragte sie, wie ihnen dieses und jenes gefalle.

De Grillet unterhielt sich mit dem General. Vielleicht sprach er ihm Mut zu. Jedenfalls aber schien er ihm Ratschläge zu erteilen. Leider hatte die Erbtante das entscheidende Wort bereits ausgesprochen: „Geld werde ich dir übrigens nicht geben.“ Möglich jedoch, daß de Grillet die Androhung nicht ganz so ernst nahm. Dafür aber kannte der General den Charakter der alten Dame zu gut, um sich über die Bedeutung der Worte tröstende Illusionen zu machen. Es fiel mir auf, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche fortfuhren, heimlich Blicke auszutauschen.

Den Fürsten und den deutschen Wissenschaftler erblickte ich weit hinter uns am Ende der Allee. Sie waren wohl absichtlich zurückgeblieben, und schlugen eine andere Richtung ein.

Wie ein Triumphzug erschienen wir im Kurhaus. Der Portier und die Diener legten hier gegen uns dieselbe an Ehrfurcht grenzende Höflichkeit an den Tag, wie das Dienstpersonal des Hotels, sahen uns aber doch mit größtem Interesse nach.

Die Babuschka wollte zuerst alle Säle sehen; einiges lobte sie, anderes ließ sie ganz gleichgültig; nach allem aber fragte sie. Endlich langten wir bei den Spielsälen an. Der Diener, der dort als Schildwache an der geschlossenen Tür steht, war bei unserem Anblick zuerst ganz verblüfft, faßte sich aber im Augenblick und riß beide Türflügel sperrangelweit auf.

Wie sollten wir da nicht Aufsehen erregen! Dazu war noch unser Mittelpunkt eine alte Dame, die sich trotz Krankheit und Lähmung in die Spielsäle fahren ließ – wie sollte da ihr Erscheinen nicht Eindruck auf das Spielerpublikum machen?

An den Tischen, an denen Roulette gespielt wurde, und ebenso am anderen Ende des Saales, wo man ^trente et quarante^ spielte, drängten sich etwa hundertundfünfzig bis zweihundert Menschen, die die Tische in drei- und vierfachen Reihen umlagerten. Jene, die sich glücklich bis an einen Tisch hatten durchdrängen können, wußten ihren schwereroberten Platz mit größter Zähigkeit zu behaupten und gaben ihn gewöhnlich nicht früher auf, als bis sie alles verspielt hatten; denn, nur so als Zuschauer am Tisch zu stehen, ohne zu spielen, das ließ man natürlich nicht zu. Obschon rings um jeden Tisch Stühle stehen, setzen sich doch nur sehr wenige Spieler, namentlich wenn sich viele an den Tisch drängen, da stehend eine größere Anzahl Platz hat, denn wer unmittelbar am Tische steht, kann am bequemsten sein Geld anbringen. Die zweite und dritte Reihe drängen sich auf die erste, und man beobachtet und wartet, bis sich Gelegenheit bietet, sich weiterzudrängen und dann gleichfalls zu setzen. Doch nicht alle sind so geduldig und gewöhnlich machen sie ihre Einsätze über die Schultern der vor ihnen Stehenden – oder sie zwängen ihre Hand zwischen den anderen durch – und sogar aus der dritten Reihe bringen manche das Kunststück fertig, über zwei Reihen hinweg ihr Geld zu setzen. Infolgedessen vergehen keine zehn Minuten, ohne daß an einem Tische Streit entsteht. Die Polizei der Spielsäle ist übrigens nicht schlecht. Das Gedränge läßt sich selbstverständlich nicht vermeiden, ganz abgesehen davon, daß es für die Bank vorteilhafter ist: je mehr Menschen an einem Tisch spielen, um so mehr verdient die Bank. Die acht Croupiers, die an einem Tisch sitzen, verfolgen natürlich aufmerksam die Einsätze der Spieler, und da sie jedem das gewonnene Geld auszahlen, sind sie in der Regel diejenigen, die die bei der Gelegenheit entstandenen Streitigkeiten schlichten. Im äußersten Fall wird aber die Polizei herbeigerufen und die Sache damit schnell erledigt.

Die Polizeibeamten tragen hier unauffällige Zivilkleidung und halten sich wie Privatleute, gleich allen den unzähligen Promenierenden und Zuschauenden, in den Sälen auf, so daß niemand sie als Angestellte der Bank erkennen kann. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die kleinen Diebe im Auge zu behalten. Solcher gibt es an den Roulettetischen sehr viele, da ihnen die Ausübung ihres Gewerbes so leicht gemacht wird. In der Tat, an jedem anderen Ort muß man, wenn man stehlen will, in fremde Taschen greifen oder Schlösser sprengen, – das aber zieht im Fall eines Mißlingens unangenehme Folgen nach sich. Beim Roulette jedoch braucht man nur an den Tisch zu treten, ein paar Francs zu setzen und plötzlich ganz offen und nur mit größter Unverfrorenheit einen fremden Gewinn vom Tisch zu nehmen, und in die Tasche zu stecken, und, wenn dann ein Streit entsteht, ganz entrüstet zu behaupten, daß es der eigene Einsatz gewesen sei. Wenn der Spitzbube es geschickt und unauffällig zu machen versteht und die übrigen Spieler in ihren Zeugenaussagen nicht ganz sicher sind, so bleibt der Dieb sehr oft im Besitz des fremden Geldes – d. h. wenn die Summe nicht gar so groß war. – Die großen Einsätze werden in der Regel von den Croupiers oder den übrigen Spielern und Zuschauern mehr beachtet. Ist aber die Summe nicht so groß, so verzichtet ihr wirklicher Besitzer sehr oft auf eine Fortsetzung des Streites, da ihm ein Skandal zu unangenehm ist, und er verläßt den Tisch. Gelingt es aber, den Dieb zu überführen, so wird er unter großem Trubel von den Polizeibeamten hinausgeschafft.

Alles das sah sich die Babuschka aus der Ferne mit gespanntem Interesse an. Es gefiel ihr sehr, daß die Diebe abgeführt wurden. ^Trente et quarante^ fand bei ihr kein besonderes Interesse; besser gefiel ihr das Roulette und am besten die weiße kleine Kugel, und daß sie sich drehte. Endlich wünschte sie jedoch, das Spiel sich aus der Nähe genauer anzusehen.

Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber den angestellten und den freipraktizierenden Dienern – letztere sind vornehmlich Polen, die ihr Geld verspielt haben und nun glücklichen Spielern oder Ausländern ihre Dienste aufdrängen – gelang es jedenfalls im Augenblick, trotz des Gedränges, neben dem Hauptcroupier, der an der Mitte des Tisches sitzt, Platz zu schaffen, und ehe ich mich dessen versah, wurde auch schon ihr Stuhl dorthin geschoben. Sogleich drängten sich viele Zuschauer, die sich der Kuriosität halber in den Spielsälen aufhielten, ohne selbst zu spielen – meist Engländer mit ihren Familien – von allen Seiten an den Tisch heran, um die alte Dame zu betrachten. Unzählige Lorgnons richteten sich auf sie. Die Croupiers schöpften Hoffnung: eine so absonderliche Spielerin verhieß ja wirklich etwas Außergewöhnliches. Freilich, eine fünfundsiebzigjährige Dame, die trotz halber Lähmung noch zu spielen wünschte – das war allerdings nichts Alltägliches. Ich drängte mich gleichfalls an den Tisch und blieb neben ihrem Stuhl stehen. Potapytsch und Marfa waren ganz von uns fortgedrängt worden und standen irgendwo wie verlassen unter den vielen Menschen. Der General, Polina, de Grillet und Mademoiselle Blanche hielten sich gleichfalls unter den Zuschauern auf, doch absichtlich weiter von uns entfernt.

Die Babuschka begann zuerst, die Spieler zu betrachten. Und natürlich folgten dann wieder ihre plötzlichen Fragen, die sie mir schnell und halblaut zuflüsterte. „Wer ist dieser dort? Und wer ist jene?“ Am meisten gefiel ihr ein ganz junger Mensch, der am Ende des Tisches saß und sehr hoch spielte: er setzte zu Tausenden und hatte, wie man ringsum flüsterte, schon gegen vierzigtausend Francs gewonnen, die in einem ganzen Haufen von Gold und Banknoten vor ihm lagen. Er war bleich; seine Augen glänzten fieberhaft und seine Hände zitterten. Er setzte bereits ohne jede Berechnung, setzte, soviel die Hand griff, und immer noch gewann er und gewann er und scharrte das Geld zusammen. Die Diener behandelten ihn wie ihren Augapfel, waren unermüdlich in ihren Dienstleistungen, schleppten ihm sogar einen Sessel herbei und hielten ihm die anderen vom Leibe, damit er es bequemer habe – alles das, versteht sich, in Erwartung gemünzter Dankbarkeit. Es geben ihnen nämlich die meisten Spieler, wenn sie größere Summen gewonnen haben, beim Fortgehen in der Freude über den Gewinn reichen Lohn für diese kleinen Dienstleistungen, gewöhnlich so viel, wieviel die Hand aus der Tasche zieht. Deshalb hatte sich auch neben diesem ununterbrochen, doch untertänigst etwas zuflüsterte jungen Menschen schon einer von den bewußten Polen eingefunden, der sich nun nach Kräften mühte und ihm – wahrscheinlich riet er ihm, wie er spielen solle – selbstverständlich gleichfalls in Erwartung eines Almosens! Doch der Spieler sah ihn kaum, und setzte planlos, achtlos, wirr – und gewann immer noch. Ich glaube, er war sich seiner Handlungen kaum noch bewußt.

Die Babuschka betrachtete ihn eine Weile regungslos. Plötzlich stieß sie mich ganz erregt an und flüsterte mir schnell zu:

„Sag ihm, sag ihm, daß er fortgehen soll, daß er sein Geld nehmen und fortgehen soll, schnell, schnell, sag’s ihm doch! Er wird es verlieren, er wird sofort alles verlieren, so geh doch! – Wo ist Potapytsch? Schick Potapytsch zu ihm! Schnell! Aber so sag’s ihm, so sag’s ihm doch!“ Und sie stieß mich immer heftiger, damit ich ging. „Wo ist Potapytsch? ^Sortez! Sortez!^“ begann sie selbst dem jungen Menschen zuzurufen. Ich beugte mich schnell zu ihr und flüsterte ihr scharf zu, daß man hier nicht so schreien dürfe, daß es nicht einmal erlaubt sei, etwas lauter als im Flüsterton zu sprechen, da fremdes Gespräch die Spieler in ihren Berechnungen störe, und daß man uns andernfalls sogleich hinausweisen würde.

„Ach, wie ärgerlich! Der Mensch ist verloren! Aber er will es ja selbst ... ich mag ihn nicht mehr ansehen, er bringt mich aus der Haut. Solch ein Tölpel!“ Und sie wandte sich geärgert von ihm fort und begann die Spieler an der anderen Hälfte des Tisches zu betrachten.

Dort an der linken Seite des Tisches fiel unter den Spielern namentlich eine junge Dame auf, neben der ein Zwerg stand. Wer dieser Zwerg war, das weiß ich nicht – vielleicht war es ein Verwandter von ihr, vielleicht nahm sie ihn nur so mit, um Aufsehen zu erregen. Diese Dame war mir auch früher schon aufgefallen. Sie erschien täglich um die Mittagszeit in den Spielsälen, gewöhnlich um ein Uhr, und um zwei Uhr ging sie wieder fort – nur eine Stunde spielte sie. Man kannte sie schon und verschaffte ihr sogleich einen Stuhl. Sie nahm dann aus ihrer Tasche etwas Geld, einige Tausendfrancs-Scheine und begann ruhig, kaltblütig, berechnend zu setzen, notierte sich mit ihrem Bleistift die Zahlen, die herauskamen, und bemühte sich, das System zu erraten, nach dem im gegebenen Augenblick die Chancen wechselten. Sie setzte ziemlich bedeutende Summen und gewann täglich ein-, zwei-, höchstens dreitausend Francs – nicht mehr, und sobald sie gewonnen hatte, ging sie fort. Der Babuschka fiel sie sogleich auf und sie betrachtete sie lange.

„Nun, diese dort wird sicherlich nicht verlieren! Nein, diese ganz gewiß nicht! Die ist die Richtige! – Weißt du nicht, wer sie ist?“

„Eine Französin wahrscheinlich, eine von jenen,“ flüsterte ich.

„Ah! Das sieht man! Man erkennt den Vogel schon am Flug; ja, die hat scharfe Krallen. So, und jetzt erkläre mir, was jede Drehung zu bedeuten hat und wie man setzen muß.“

Ich versuchte, so gut es ging, mich möglichst kurz zu fassen und ihr ungefähr die verschiedenen Kombinationen des Spiels, ^rouge et noir^, ^pair et impair^, ^manque et passe^ und die verschiedenen Bedeutungen der Zahlen zu erklären. Sie folgte sehr aufmerksam meiner Erläuterung, prägte sich die Hauptsachen ein, fragte zuweilen nochmals und schien alles gut zu behalten. Übrigens hatten wir die Beispiele vor Augen, was das Begreifen und Behalten wesentlich erleichterte. Die Babuschka war jedenfalls sehr zufrieden mit meiner Erklärung.

„Aber was bedeutet ^zéro^? Dieser Croupier hier, der Krauskopf, rief soeben ^zéro^! Und weshalb zieht er alles ein, sieh doch, alles was auf dem Tisch ist? Und den ganzen Haufen behält er für sich! Was hat denn das zu bedeuten?“

„Ja, ^zéro^, Babuschka, ist der Gewinn der Bank. Wenn die Kugel auf ^zéro^ fällt, so gehören alle Einsätze der Bank, die dann niemandem etwas auszahlt.“

„So, das ist mir mal nett! Und ich erhalte gar nichts?“

„O, doch, Babuschka, aber nur, wenn Sie vorher auch auf ^zéro^ gesetzt haben, dann aber das fünfunddreißigfache Ihres Einsatzes.“

„Was, fünfunddreißigmal mehr? Und kommt das oft heraus? Warum setzen sie dann nicht auf ^zéro^, die Dummköpfe?“

„Weil sechsunddreißig Chancen dagegen sind.“

„Unsinn! Potapytsch, Potapytsch! Wart, auch ich habe Geld bei mir, – hier!“ Sie zog aus ihrer Tasche einen zum Platzen vollen Geldbeutel hervor und entnahm ihm einen Friedrichsdor. „Da, setz ihn gleich auf ^zéro^!“

„Aber ^zéro^ hat doch eben erst gewonnen,“ bemerkte ich, „jetzt wird es so bald nicht wieder gewinnen. Sie würden viel verlieren, wenn Sie jetzt schon anfangen wollten, auf ^zéro^ zu setzen. Warten Sie noch ein wenig.“

„Unsinn, tu, was ich dir sage!“

„Wie Sie wünschen, nur wird ^zéro^ vielleicht nicht vor dem Abend gewinnen und Sie können Tausende verlieren. Das ist schon vorgekommen.“

„Ach, Unsinn, sprich nicht! Wer den Wolf fürchtet, der gehe nicht in den Wald. Was? Verloren? Setz noch einmal!“

Auch der zweite Friedrichsdor wurde verspielt. Wir setzten den dritten. Die Babuschka konnte kaum ruhig bleiben und ihre Augen folgten wie gebannt der springenden Kugel. Und wir verloren auch den dritten. Die Babuschka war außer sich, sie saß wie auf Kohlen und klopfte sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier „^trente six^“ rief, anstatt des erwarteten ^zéro^.

„Ach, das ist doch! ...“ ärgerte sie sich, „wird denn nicht endlich einmal diese elende Null herauskommen! Ich will nicht leben, wenn ich das nicht zurückgewinne! Ich bleibe hier bis zum ^zéro^! Das macht ja doch alles dieser verwünschte Croupierbengel, der Krauskopf, dieser Elende! Der macht es absichtlich! Alexei Iwanowitsch, setze zwei Goldstücke auf ^zéro^! Du setzt ja immer so wenig, daß man doch nichts bekäme, wenn es mal trifft!“

„Babuschka!“

„Setz, sag ich dir, setz! Ist nicht dein Geld.“

Ich setzte zwei Friedrichsdor. Die Kugel kreiste lange im Rad, endlich begann sie an den Zacken zu springen. Die Babuschka hielt den Atem an und preßte meine Hand wie mit einem Schraubstock, und plötzlich –

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

„Siehst du! siehst du!“ wandte sie sich hastig zu mir, strahlend vor Zufriedenheit. „Ich sagte dir doch! Muß mir doch Gott selbst eingegeben haben, zwei Goldstücke statt eines zu setzen! Nun, wieviel bekomme ich denn jetzt? Warum zahlen sie mir denn noch nicht aus? Potapytsch, Marfa, wo seid ihr denn alle? Wo sind die Unsrigen geblieben? Potapytsch! Potapytsch!“

„Babuschka, später!“ flüsterte ich ihr zu. „Potapytsch steht an der Tür, man läßt ihn gar nicht zum Tisch. Sehen Sie, da zahlt man Ihnen das Geld aus, nehmen Sie es!“

Man schob uns eine in blaues Papier eingeschlagene und versiegelte schwere Rolle zu, die fünfzig Friedrichsdor enthielt, und außerdem noch zwanzig Friedrichsdor, die der Croupier einzeln aufzählte. Alles das zog ich mit der Krücke näher zur Babuschka.

„^Faites le jeu, messieurs! Faites le jeu, messieurs! Rien ne va plus?^“ rief der Croupier, um die Spieler zum Einsatz aufzufordern und bereits im Begriff, das Rad zu drehen.

„Mein Gott! Jetzt kommen wir zu spät! Gleich wird er drehen! So setz doch, setz doch!“ trieb mich die Babuschka an, „aber so trödel doch nicht! schneller!“ Sie geriet ganz aus dem Häuschen und stieß mich immer wieder an.

„Aber auf was denn, Babuschka?“

„Auf ^zéro^, auf ^zéro^! Wieder auf ^zéro^! Setz so viel als möglich! Wieviel haben wir? Siebzig Friedrichsdor? Nichts da! Setze sie alle, aber immer zu zwanzig Friedrichsdor auf einmal.“

„Babuschka, besinnen Sie sich! ^Zéro^ kommt oft zweihundertmal nicht wieder! Ich versichere Sie, so können Sie Ihr ganzes Kapital verspielen!“

„Unsinn, schwatz nicht! Setz! Ich weiß, was ich tue!“ Sie zitterte am ganzen Körper.

„Nach der Vorschrift ist es nicht erlaubt, mehr als zwölf Friedrichsdor auf einmal auf ^zéro^ zu setzen,“ sagte ich, „so – und die habe ich jetzt gesetzt.“

„Wieso nicht erlaubt? Lügst du nicht etwa? Mßjö! Mßjö!“ wandte sie sich an den Croupier, der links neben ihr saß, und im Begriff war das Rad zu drehen, und sie stieß ihn mit dem Finger an, „^combien zéro? Douze? Douze?^“

Ich beeilte mich, die Frage im Französischen verständlich zu erläutern.

„^Oui, madame^,“ bestätigte der Croupier höflich, „ganz wie auch jeder andere Einsatz nicht die Höhe von viertausend Florins überschreiten darf – der Vorschrift gemäß,“ fügte er zur Erklärung hinzu.

„Nun, nichts zu machen, dann setz nur zwölf.“

„^Le jeu est fait!^“ rief der Croupier.

Das Rad drehte sich und es kam Dreizehn heraus. Wir hatten verloren.

„Noch! noch! noch! Setz noch einmal auf ^zéro^!“

Ich widersprach nicht mehr, zuckte nur mit der Achsel und setzte nochmals zwölf Friedrichsdor auf ^zéro^.

Das Rad drehte sich sehr lange. Die Babuschka bebte am ganzen Leibe und ihr Blick folgte wie gebannt der Kugel. „Sollte sie wirklich glauben, daß jetzt ^zéro^ gewinnen wird?“ fragte ich mich, indem ich sie ganz verwundert betrachtete. In ihrem Gesicht las ich die unerschütterliche Überzeugung, daß sie gewinnen, daß der Croupier jetzt gleich, im nächsten Augenblick, ^zéro^ rufen werde.

Die Kugel sprang in ein Fach.

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

„Was!“ wandte sich mit triumphierender Genugtuung die Babuschka strahlend nach mir um.

Ich bin selbst ein Spieler. Das fühlte ich in diesem Augenblick. Meine Hände und Füße zitterten, in meinem Gehirn hämmerte es. Natürlich war es nur ein seltener Zufall, daß von etwa zehn Spielen dreimal ^zéro^ gewann; doch war es schließlich nichts gar so Verwunderliches. Ich hatte es noch vor drei Tagen erlebt, daß ^zéro^ dreimal nach der Reihe herauskam, und bei der Gelegenheit bemerkte einer der Spieler, der sich eifrig alles notierte, daß während des ganzen vorigen Tages ^zéro^ nur ein einziges Mal herausgekommen sei.

Der Babuschka wurde der Gewinn, da er der größte war, ganz besonders aufmerksam und höflich ausgezahlt. Sie erhielt vierhundert und zwanzig Friedrichsdor, also viertausend Florins und zwanzig Friedrichsdor. Die zwanzig Friedrichsdor zahlte man ihr in Gold aus, die viertausend Florins in Banknoten.

Diesmal rief sie nicht mehr nach Potapytsch; sie war jetzt mit anderem beschäftigt. Und auch äußerlich zitterte sie weder noch stieß sie mich wie zuvor. Ihre Gedanken schienen vollkommen konzentriert zu sein, nichts hätte sie mehr ablenken können.

„Alexei Iwanowitsch! Er sagte, daß man nicht mehr als viertausend Florins auf einmal setzen darf? Hier, nimm, setz diese ganzen vier auf Rot.“

Ich sparte mir die vergebliche Mühe, ihr zu widersprechen. Das Rad begann sich zu drehen.

„Rouge!“ rief der Croupier.

Wieder ein Gewinn von viertausend Florins, im ganzen waren es jetzt acht.

„Vier gib mir her, die anderen vier aber setz wieder auf Rot!“ kommandierte die Babuschka.

Ich setzte wieder viertausend Florins.

„Rouge!“ rief wieder der Croupier.

„Das macht im ganzen zwölf! Gib sie mir alle her. Das Gold schütte hierher, so, in den Beutel, das Papiergeld bewahre du auf. So! Basta! Nach Haus jetzt! Schiebt den Stuhl fort!“