Chapter 5 of 17 · 3879 words · ~19 min read

V.

Ihre Gedanken waren mit etwas ganz anderem beschäftigt; das sah man ihr an; doch sogleich nach Tisch sagte sie zu mir, ich solle sie auf einem Spaziergang begleiten. Wir nahmen die Kinder mit und gingen in den Park zum Springbrunnen.

Da ich in ganz besonders aufgeregter Stimmung war, platzte ich dumm und grob mit der Frage heraus, weshalb denn unser Marquis de Grillet, so hieß mein Franzusischka, sie jetzt weder auf ihren Spaziergängen begleite, noch sich mit ihr wie früher unterhalte. Es war mir aufgefallen, daß er oft tagelang kein Wort mit ihr sprach.

„Weil er ein verächtliches Subjekt ist,“ sagte sie seltsamerweise.

Noch nie hatte ich von ihr eine solche Äußerung über de Grillet gehört und ich schwieg unwillkürlich. Ich fürchtete mich, nach einer Erklärung dieser Gereiztheit zu suchen.

„Haben Sie nicht bemerkt, daß er und der General heute nicht gut aufeinander zu sprechen sind?“

„Damit wollen Sie mich wohl fragen, um was es sich handelt?“ fragte sie trocken und gereizt. „Sie wissen doch, daß der General von ihm Geld geliehen, wofür er ihm Wechsel ausgestellt und das ganze Gut verpfändet hat, so daß de Grillet, falls die Babuschka nicht stirbt, sogleich in den Besitz dessen treten kann, was er als Pfand bereits in der Hand hat.“

„Ah, dann ist es also wirklich wahr, daß alles verpfändet ist? Ich habe davon gehört, nur wußte ich nicht, ob es sich tatsächlich um alles handelte.“

„Um was denn sonst?“

„Nun, dann Adieu, Mademoiselle Blanche,“ bemerkte ich, „dann ist’s nichts mit der Generalin! Aber wissen Sie, mir scheint, der General ist so verliebt, daß er sich womöglich erschießen wird, wenn Mademoiselle Blanche ihn verläßt. In seinen Jahren sich so zu verlieben, ist sehr gefährlich.“

„Ja, auch ich glaube, daß man sich in dem Fall auf etwas Schlimmes wird gefaßt machen müssen,“ sprach Polina Alexandrowna nachdenklich vor sich hin.

„Und wie wundervoll deutlich das wäre!“ lachte ich. „Nicht wahr, deutlicher könnte man es doch nicht gut zeigen, daß sie es nur auf sein Geld abgesehen hat! Hier wird ja nicht einmal der äußere Anstand gewahrt, nicht einmal um den Schein ist es ihr zu tun! Wundervoll! Und was die Babuschka betrifft, was kann es Lächerlicheres und Schmutzigeres geben, als Depesche auf Depesche abzusenden mit ewig derselben gierigen Frage: ist sie tot? – ist sie schon gestorben? – stirbt sie? ... Wie gefällt Ihnen das, Polina Alexandrowna?“

„Lassen Sie doch den Unsinn!“ schnitt sie kurz ab. „Ich wundere mich nur, daß er Sie in so gute Laune versetzt. Worüber freuen Sie sich denn? Etwa darüber, daß Sie mein Geld verspielt haben?“

„Warum gaben Sie es mir zum Verspielen? Ich sagte Ihnen doch, daß ich nicht für andere spielen kann und für Sie am allerwenigsten! Ich werde jeden Ihrer Befehle ausführen, gleichviel welcher Art er sein sollte, doch die Folgen hängen nicht von mir ab. Ich sagte Ihnen im voraus, daß nichts dabei herauskommen würde. Sagen Sie, ist es Ihnen sehr nahe gegangen, daß Sie so viel Geld verloren haben? Wozu haben Sie so viel nötig?“

„Was sollen diese Fragen?“

„Aber Sie haben mir doch selbst versprochen, zu erklären ... Hören Sie: ich bin fest überzeugt, daß ich, wenn ich für mich zu spielen beginne – ich besitze zwölf Friedrichsdor – unfehlbar gewinnen werde. Nehmen Sie dann von mir soviel Sie wollen.“

Sie machte eine verächtliche Miene.

„Ärgern Sie sich nicht über dieses Angebot meinerseits,“ fuhr ich fort. „Ich bin ja doch so durchdrungen von dem Bewußtsein, daß ich vor Ihnen eine Null bin – das heißt, in Ihren Augen – daß Sie sogar Geld von mir annehmen können. Sie können sich durch ein Geschenk von mir nicht beleidigt fühlen. Und außerdem habe ich ja das Ihrige verspielt.“

Sie warf einen raschen Blick auf mich, und als sie sah, daß ich gereizt war und sarkastisch sprach, gab sie dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem sie der Fortsetzung zuvorkam.

„Es ist nichts, was Sie interessieren könnte,“ sagte sie rasch. „Wenn Sie es durchaus wissen wollen – ich schulde es einfach. Ich habe Geld geborgt und würde es gern zurückgeben. Und da kam der dumme und seltsame Einfall, daß ich hier im Spiel unbedingt gewinnen würde. Wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin, begreife ich jetzt selbst nicht, aber ich glaubte an ihn, ich war überzeugt, daß es so sein werde. Wer weiß, vielleicht glaubte ich nur deshalb an ihn, weil mir sonst keine andere Rettungsmöglichkeit zur Auswahl blieb.“

„Oder weil Sie es schon gar zu nötig hatten. Das ist ganz wie bei einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalm greift: unter anderen Umständen würde er ihn doch gewiß nicht für einen Balken halten, der ihn retten könnte oder kann.“

Polina schien erstaunt zu sein.

„Wie, ich verstehe Sie nicht – haben Sie denn Ihre Hoffnung nicht auf ganz dasselbe gesetzt?“ fragte sie mich. „Haben Sie mir nicht noch vor zwei Wochen lang und breit erklärt, daß Sie vollkommen überzeugt seien, hier am Roulette zu gewinnen, und sagten Sie nicht, ich solle Sie deshalb nicht für wahnsinnig halten? Oder scherzten Sie damals nur? Soviel ich mich erinnere, sprachen Sie in so ernstem Tone, daß man es unter keinen Umständen als Scherz auffassen konnte.“

„Es ist wahr, ich bin fest überzeugt, daß ich gewinnen werde ... Sonderbar,“ fuhr ich nach kurzem Besinnen fort, „Sie haben mich auf eine naheliegende Frage gebracht: weshalb mein heutiger unsinniger und dummer Verlust diese meine Zuversicht nicht durch den geringsten Zweifel beeinträchtigt? Denn ich bin nach wie vor unerschütterlich überzeugt, daß ich, sobald ich für mich selbst zu spielen beginne, unfehlbar gewinnen werde.“

„Woher denn diese Siegesgewißheit?“

„Wenn ich aufrichtig sein soll – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich gewinnen _muß_, daß es gleichfalls meine einzige Rettungsmöglichkeit ist. Nun und deshalb scheint es mir denn vielleicht, daß ich unfehlbar gewinnen werde.“

„Also auch Sie haben es ‚schon gar zu nötig‘, wenn Sie so fanatisch daran glauben.“

„Ich wette, daß Sie natürlich daran zweifeln, ich könnte wirklich ein ernst zu nehmendes Bedürfnis haben!“

„Das ist mir ganz gleichgültig,“ sagte sie halblaut, ruhig, gleichmütig. „Wenn Sie wollen – ja, ich bezweifle, daß etwas Ernstes Sie quält. Sie können sich vielleicht quälen, jedoch nicht ernstlich. Sie sind ein zerfahrener und unbeständiger Mensch. Wozu brauchen Sie Geld? Wenigstens habe ich unter all jenen Gründen, die Sie mir damals aufzählten, keinen einzigen gefunden, der wirklich ernst zu nehmen wäre.“

„A propos,“ unterbrach ich sie, „sagten Sie nicht, daß Sie eine Schuld zurückzahlen wollten? Das muß ja ein nettes Sümmchen sein! – Doch nicht etwa dem Franzusischka?“

„Was für Fragen! Sie sind ja heute ganz besonders ... oder sind Sie vielleicht betrunken?“

„Sie wissen, daß ich Ihnen erlaube, mir alles zu sagen, und dafür meinerseits ebenso frei frage. Ich wiederhole Ihnen, ich bin Ihr Sklave, vor einem Sklaven aber schämt man sich nicht und ein Sklave kann auch nicht beleidigen.“

„Reden Sie keinen Unsinn! Ich kann Ihre Sklaventheorie nicht ausstehen!“

„Vergessen Sie nicht, daß ich nicht deshalb von meiner Sklaverei rede, weil ich etwa Ihr Sklave zu sein wünsche, sondern einfach – weil es eine Tatsache ist, die nicht von mir abhängt.“

„Sagen Sie ganz offen – wozu brauchen Sie das Geld?“

„Wozu brauchen Sie das zu wissen?“

„Wie Sie wollen,“ sagte sie schroff und wandte stolz den Kopf ab.

„Die Sklaventheorie sagt Ihnen nicht zu, aber sklavischen Gehorsam verlangen Sie wie etwas Selbstverständliches. ‚Antworten, nicht denken, wenn ich frage!‘ Schön, mag es so sein. Wozu ich das Geld brauche, fragen Sie? Wie denn! Geld ist – alles!“

„Ich verstehe. Aber deshalb braucht man doch nicht irrsinnig zu werden, wenn man es sich bloß wünscht! Sie gehen ja schon bis zum Fanatismus, sogar bis zum Fatalismus. Da kann es nicht anders sein, Sie müssen ein bestimmtes Ziel haben, Sie wollen damit etwas Besonderes bezwecken. Also sprechen Sie es offen aus, ohne Umschweife, ich will es!“

Sie ärgerte sich und mich freute es ungeheuer, daß sie so nachdrücklich darauf bestand. Der Grund interessierte sie doch.

„Selbstverständlich verfolge ich damit ein bestimmtes Ziel,“ sagte ich, „nur verstehe ich nicht, es Ihnen zu erklären. Es ist nichts weiter, als daß ich mit Geld in der Tasche auch in Ihren Augen ein ganz anderer Mensch und nicht mehr ein elender Sklave sein werde.“

„Wie? Wie wollen Sie das erreichen?“

„Wie ich’s erreichen will? ... Halten Sie nicht einmal die Möglichkeit für möglich, daß ich es erreichen könnte, von Ihnen anders denn als Sklave betrachtet zu werden! ... Nun, sehen Sie, gerade das ist es, was ich nicht will: solche Verwunderung und Verständnislosigkeit!“

„Sie haben mir gesagt, diese Sklaverei sei für Sie eine Wonne. Und ich habe es mir selbst auch so gedacht.“

„Sie haben es sich selbst auch so gedacht!“ entfuhr es mir unwillkürlich und ich empfand dabei plötzlich eine seltsame Genugtuung, die mit Schmerz und Wonne gepaart war. „Ach, wie diese Naivität von Ihnen reizend ist! Nun, ja, ja, Ihr Sklave zu sein – ist für mich eine Wonne. Es gibt, glauben Sie mir, es gibt ein Wonnegefühl, das man in dem Bewußtsein, auf der letzten Stufe der Erniedrigung und Nichtigkeit zu stehen, empfinden kann!“ delirierte ich fast wie im Fieber. „Der Teufel weiß, vielleicht empfindet man es auch unter der Knute, wenn der Riemen einem über den Rücken leckt und das Blut wie aus Schnittwunden spritzt ... Ich will aber vielleicht auch andere Genüsse, andere Wonnen auskosten. Der General hat mir vorhin bei Tisch in Ihrer Gegenwart Moral gepredigt ... für siebenhundert Rubel jährlich, die ich vielleicht noch nicht einmal von ihm erhalten werde. Marquis de Grillet betrachtet mich mit hochgezogenen Augenbrauen oder bemerkt mich nicht. Ich aber, nun, ich wünsche vielleicht nichts so sehr und trage vielleicht kein leidenschaftlicheres Verlangen, als diesen Monsieur le Marquis de Grillet in Ihrer Gegenwart an der Nase zu fassen!“

„Sie reden wies ein Bengel. In jeder Lage kann man sich durch sein Auftreten Achtung verschaffen. Und wenn es einen Kampf gilt, so kann man durch ihn nur noch mehr gewinnen.“

„Ein Aphorismus aus dem Schönschreibeheft! Sie nehmen an, daß ich eben nicht so würdevoll aufzutreten verstehe. Das heißt, daß ich – nun ja – vielleicht auch ein ganz achtbarer Mensch sei, mir aber doch keine Achtung zu verschaffen wisse. Also eigene Schuld? Das ist es doch, was Sie meinen? Ja, aber so sind doch alle Russen, und wissen Sie, warum? – Weil die Russen gar zu reich und vielseitig begabt sind, um schnell eine anständige Form für sich zu finden. Und hierbei handelt es sich gerade nur um die Form. Größtenteils sind wir aber, wir Russen, so reich begabt, daß wir zur anständigen Form direkt Genialität besitzen müßten. Nun, diese Genialität aber fehlt uns gewöhnlich, zumal sie überhaupt ein seltenes Ding ist. Nur bei den Franzosen und, sagen wir, auch bei einigen anderen Europäern steht die Form bereits so fest, und man hat sich schon so lange in ihr geübt, daß man äußerlich den größten Anstand markieren kann, selbst wenn man innerlich der unanständigste Mensch ist. Deshalb wird bei ihnen auch so viel Gewicht gelegt auf die Form. Deshalb hat diese so viel bei ihnen zu bedeuten. Der Franzose wird eine Beleidigung, eine wirkliche, tiefe Beleidigung, gelassen ertragen, wird sie ruhig einstecken, wird nicht einmal mit der Wimper zucken, einen Nasenstüber aber wird er unter keinen Umständen ertragen, denn ein Nasenstüber verletzt die einmal festgesetzten, durch das Alter von Jahrhunderten geheiligten Anstandsformen. Deshalb sind denn auch unsere Damen so eingenommen von den Franzosen, eben weil sie sich von den äußeren Umgangsformen bestechen lassen. Ich verstehe sie nicht. Meiner Ansicht nach ist aber da überhaupt keine Form vorhanden, ich sehe in ihnen nur den Hahn, ^le coq gaulois^. Übrigens kann ich das wohl deshalb nicht verstehen, weil ich es nicht beurteilen kann: ich bin keine Dame. Vielleicht sind Hähne gerade das Richtige ... Übrigens, pardon, ich bin wieder aus dem Konzept geraten und Sie haben mich nicht unterbrochen. Unterbrechen Sie mich öfter, wenn ich mit Ihnen rede ... Ich will alles aussprechen, alles, endlich einmal alles! Ich verliere jede Form. Ich gebe sogar zu, daß ich nicht nur keine Form – daß ich nicht einmal irgendwelche Würde habe. Ich teile Ihnen das selbst mit, wie Sie sehen. Ja, und es liegt mir auch nichts an all den Würden, ich begehre keine einzige von ihnen und mache mir nicht einmal Sorgen darob. Es stockt jetzt alles in mir. Sie wissen, weshalb. Ich habe keinen einzigen menschlichen Gedanken im Kopf. Schon seit Monaten weiß ich nicht mehr, was in der Welt geschieht, weder in Rußland, noch hier. Da bin ich zum Beispiel durch Dresden gefahren, ich weiß aber nichts mehr davon. Sie wissen, was mich so absorbiert hat. Doch da ich nicht die geringste Hoffnung habe und in Ihren Augen eine vollständige Null bin, so kann ich es Ihnen offen sagen: ich sehe nur Sie überall, das übrige ist mir gleichgültig. Wie, warum und wofür ich Sie liebe – ich weiß es nicht. Wissen Sie, vielleicht sind Sie gar nicht einmal schön? Stellen Sie sich vor, ich weiß es nicht, ob Sie schön sind oder nicht, ich weiß nicht einmal, wie Ihr Gesicht aussieht. Sie haben gewiß kein gutes Herz und es ist sehr möglich, daß Ihr ganzer geistiger Mensch nicht edel ist.“

„Dann rechnen Sie vielleicht deshalb darauf, mich mit Geld kaufen zu können,“ sagte sie, „weil Sie mich für unedel halten?“

„Wann habe ich darauf gerechnet, Sie mit Geld kaufen zu können?“ rief ich aufs äußerste erregt.

„Sie verrieten sich vorhin. Wenn nicht gerade mich zu kaufen, so glauben Sie doch, meine Achtung mit Geld in der Tasche erkaufen zu können.“

„Nun, nein, das war nicht ganz so gemeint. Ich sagte Ihnen, daß es mir schwer fällt, mich zu erklären. Sie erdrücken mich mit Ihrer Gegenwart. Ärgern Sie sich nicht über mein Geschwätz. Sie sehen doch ein, weshalb Sie sich nicht über mich ärgern dürfen? Ich bin doch einfach ein Wahnsinniger. Übrigens ist mir alles gleich, ärgern Sie sich meinetwegen so viel Sie wollen. Oben in meinem Zimmer brauche ich mich nur an das Rauschen Ihres Kleides zu erinnern, und ich könnte mir die Hände zerbeißen. Und weshalb ärgern Sie sich denn über mich? Etwa deshalb, weil ich mich einen Sklaven nenne? Bedienen Sie sich, bedienen Sie sich nur meiner Sklaverei, bedienen Sie sich ihrer! Wissen Sie, daß ich Sie einmal töten werde? Und nicht aus Eifersucht oder weil ich aufhörte, Sie zu lieben, sondern so, ich werde Sie einfach töten, denn – es verlangt mich zuweilen so maßlos, Sie zu zerreißen, Sie zu verschlingen! Sie lachen ...“

„Ich lache durchaus nicht!“ fuhr sie zornig auf. „Ich befehle Ihnen, zu schweigen!“

Sie blieb stehen und rang fast nach Atem vor Zorn. Bei Gott, ich weiß nicht, ob sie in diesem Augenblick schön war, aber ich liebte es, wenn sie so vor mir stehen blieb, und deshalb rief ich gern ihren Zorn hervor. Vielleicht hatte sie das bemerkt und stellte sich absichtlich erzürnt. Ich sagte ihr das.

„Pfui, wie schmutzig!“ sagte sie angeekelt.

„Mir ist alles egal,“ fuhr ich fort. „Wissen Sie, daß es für uns gefährlich ist, so zu zweien zu gehen? Es hat mich schon mehr als einmal unwiderstehlich getrieben, Sie zu prügeln, Sie zu verstümmeln, zu erwürgen. Und meinen Sie, daß es nicht dazu kommen wird? Sie machen mich irrsinnig, ich fange an zu delirieren. Oder glauben Sie etwa, ich fürchtete einen Skandal? Oder Ihren Zorn? Was ist mir Ihr Zorn! Ich liebe Sie, ohne mir die geringste Hoffnung machen zu können, und ich weiß, daß ich Sie nachher noch tausendmal mehr lieben werde. Wenn ich Sie einmal umgebracht habe, werde ich auch mir das Leben nehmen müssen. Nun wohl ... so werde ich dann meinen eigenen Tod so lange als möglich hinausschieben, um diesen unerträglichen Schmerz, ohne Sie zu leben, ganz, ganz auskosten zu können. Wissen Sie, ich werde Ihnen etwas Unglaubliches sagen: ich liebe Sie mit jedem Tage _mehr_ – wie ist das nur möglich? Und da soll ich nicht Fatalist werden? Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen auf dem Schlangenberg auf Ihre Herausforderung hin zuflüsterte? – ‚Ein Wort von Ihnen und ich springe in den Abgrund.‘ Und wenn Sie damals dieses Wort gesprochen hätten, so wäre ich hinabgesprungen. Oder glauben Sie, ich hätte nicht Wort gehalten?“

„Hören Sie auf mit Ihrem dummen Geschwätz!“ unterbrach sie mich geärgert.

„Was geht das mich an, ob es dumm oder klug ist!“ rief ich aus. „Ich weiß nur, daß ich in Ihrer Gegenwart sprechen muß, immer nur sprechen, versuchen muß, alles auszudrücken – und so versuche ich es denn. Ich verliere jede Eigenliebe in Ihrer Gegenwart, es ist mir alles so gleichgültig.“

„Wozu sollte ich Sie veranlassen, vom Schlangenberg hinabzuspringen?“ fragte sie trocken und irgendwie ganz besonders beleidigend. „Das wäre für mich doch ganz nutzlos.“

„Nutzlos ... Prachtvoll!“ rief ich, „Sie haben absichtlich dieses Wort gewählt, dieses ‚nutzlos‘, um mich ganz und gar unter die Füße zu treten. Ich durchschaue Sie vollkommen. ‚Nutzlos‘ sagen Sie? Aber ein Vergnügen ist doch niemals ‚nutzlos‘, und gar erst wilde grenzenlose Macht über ein Wesen – und wenn’s auch nur eine Fliege ist – ist doch ein ganz besonderer Genuß. Der Mensch ist von Natur ein Despot und liebt es, zu quälen. _Sie_ lieben es ungeheuer.“

Ich weiß nicht, sie musterte mich mit einem ganz eigentümlich forschenden, aufmerksamen, unbeweglichen Blick. Mein Gesicht muß wohl alle meine sinnlosen Empfindungen wiedergespiegelt haben. Ich glaube, daß ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort wiedergegeben habe. Meine Augen waren blutunterlaufen, an den Mundwinkeln klebte, glaube ich, Schaum. Was aber den Schlangenberg betrifft, so schwöre ich bei meiner Ehre, daß ich, wenn sie mir damals befohlen hätte, mich hinabzustürzen, unfehlbar mein Wort gehalten haben würde und hinabgesprungen wäre, um unten zu zerschmettern! Und hätte sie es auch zum Scherz gesagt oder mit der größten Verachtung, mir womöglich ins Gesicht speiend – ich wäre auch dann in den Abgrund gesprungen!

„Nein, wieso, ich glaub’s Ihnen gern,“ sagte sie – sagte es aber so, wie nur sie allein mitunter etwas zu sagen versteht, sagte es mit einer solchen Verachtung, mit einer solchen Anmaßung und solchem Sarkasmus, daß ich sie – bei Gott! – in dem Augenblick hätte erwürgen mögen.

Sie riskierte viel. Was ich ihr von der Gefahr gesagt hatte, war richtig.

„Sie sind kein Feigling?“ fragte sie mich plötzlich.

„Ich weiß nicht, vielleicht bin ich einer. Ich weiß nicht ... ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht.“

„Wenn ich Ihnen sagen würde: töten Sie diesen Menschen, – würden Sie ihn dann töten?“

„Wen?“

„Den, den ich bezeichnen werde.“

„Den Franzosen?“

„Fragen Sie nicht, antworten Sie! Wen ich bezeichnen werde. Ich will wissen, ob Sie soeben im Ernst gesprochen haben.“

Und sie wartete so ungeduldig und mit so ernstem Gesicht auf meine Antwort, daß mir seltsam zumut wurde.

„Ja, werden Sie mir denn nicht endlich einmal sagen, was hier vorgeht!“ entfuhr es mir in plötzlicher Empörung. „Oder fürchten Sie mich etwa? Ich sehe doch, wie hier alles zusammenhängt! Da sind zuerst Sie, die Stieftochter eines total ruinierten Mannes, den die Liebe zu diesem Satan, dieser Blanche, wahnsinnig macht! Hinzu kommt dieser Franzusischka mit einem geheimnisvollen Einfluß auf Sie, und – da stellen Sie plötzlich so ernst ... eine solche Frage. So sagen Sie mir doch nur ein einziges Wort, damit ich wenigstens kombinieren kann! Sonst werde ich noch verrückt und stelle etwas an! Oder schämen Sie sich, mich Ihres Vertrauens zu würdigen? Wie können Sie sich denn überhaupt so weit herablassen, sich vor mir zu schämen?“

„Ich rede gar nicht davon mit Ihnen ... Ich habe nur eine Frage an Sie gestellt und warte auf die Antwort.“

„Selbstverständlich werde ich ihn töten!“ rief ich wütend. „Wen Sie mir nur bezeichnen! Aber können Sie denn ... werden Sie mir denn diesen Befehl geben?“

„Was glauben Sie! daß es mir um Sie leid tun wird? Ich gebe Ihnen nur den Befehl und bleibe selbst ganz aus dem Spiel. Werden Sie das ertragen? Übrigens, was fällt mir ein! Sie würden vielleicht den Befehl ausführen, dann aber zu mir kommen, um mich zu töten, und zwar nur deshalb, weil ich es gewagt habe, Sie hinzuschicken.“

Es war mir bei diesen Worten, als versetze mir jemand einen Schlag auf den Kopf. Natürlich hatte ich ihre Frage zunächst mehr für einen Scherz gehalten, eine Herausforderung, doch um so unangenehmer war mir ihr Ernst. Es machte mich doch ganz betroffen, daß sie sich so deutlich aussprach und sich ein solches Recht über mich anmaßte, oder auch – daß sie eine solche Macht über mich sich selbst zuzugestehen geruhte. „Gehe du ins Verderben, ich aber bleibe aus dem Spiel!“ Diese Worte enthielten so viel Zynismus und verachtende Aufrichtigkeit, daß es meiner Meinung nach denn doch schon zu viel war. Als was betrachtet sie mich denn? – fragte ich mich. Das überschreitet doch schon die Grenze der Sklaverei und Erniedrigung! Nein, wenn sie _so_ auf mich sieht, dann stellt sie mich auf eine Stufe mit sich selbst! – Aber wie dumm, wie unmöglich auch unser Gespräch war – mein Herz erzitterte dennoch.

Plötzlich begann sie zu lachen. Wir saßen gerade auf einer Bank vor den spielenden Kindern, nicht weit von der Stelle, wo die Allee beginnt, die zum Kurhaus führt, und wo gewöhnlich die Equipagen anhalten, wenn die Insassen zu den Spielsälen wollen.

„Sehen Sie diese dicke Baronin?“ rief sie lachend. „Das ist die Baronin Wurmerhelm. Sie ist erst vor drei Tagen angekommen. Und sehen Sie ihren Mann, den langen, hageren Preußen mit dem Stock in der Hand? Erinnern Sie sich noch, wie er uns vorgestern ansah? Gehen Sie sofort hin, treten Sie auf die Baronin zu, nehmen Sie den Hut ab und sagen Sie ihr irgend etwas auf französisch.“

„Weshalb?“

„Sie haben mir geschworen, daß Sie vom Schlangenberg hinabspringen würden, daß Sie bereit seien, auf meinen Befehl hin zu töten, – anstatt all dieser Verbrechen und Tragödien will ich nur einmal lachen. Gehen Sie sofort, ich will es! Ich will zusehen, wie der Baron Sie mit seinem Stock verprügelt.“

„Sie fordern mich heraus. Glauben Sie, daß ich es nicht tun werde?“

„Ja, es soll eine Herausforderung sein, gehen Sie, ich will es!“

„Wie Sie wünschen, ich werde gehen, wenn’s auch ein unglaublicher Einfall ist. Nur eines noch: werden nicht für den General und durch ihn auch für Sie Unannehmlichkeiten daraus entstehen? Bei Gott, ich trage nicht wegen meiner Person Bedenken, ich denke dabei nur an Sie und – auch an den General, versteht sich. Und was hat das für einen Sinn, hinzugehen und eine Frau zu beleidigen?“

„Nein, Sie sind doch nur ein Schwätzer, wie ich sehe,“ sagte sie mit unendlicher Verachtung. „Ihre Augen waren vorhin blutunterlaufen, doch wird das wohl nur darauf zurückzuführen sein, daß Sie bei Tisch zu viel Wein getrunken haben. Als ob ich nicht selbst wüßte, daß es dumm und verächtlich ist und daß der General sich ärgern wird? Ich will einfach nur lachen. Ich will eben und damit basta. Und übrigens – bevor Sie dazu kämen, die Frau zu beleidigen, wird man Sie doch schon durchgeprügelt haben.“

Ich erhob mich und ging schweigend auf die Baronin zu, um den Auftrag auszuführen. Natürlich war es dumm und ich verstand mich nicht aus der Affäre zu ziehen. Doch während ich mich noch der Baronin näherte, war es mir, als erfasse mich jetzt selbst die Lust, einen Streich zu spielen. Ich war aufs äußerste gereizt und fast wie ein Betrunkener kaum noch meiner Sinne mächtig.