XVII.
Ein Jahr und acht Monate sind nun schon vergangen, seit ich diese Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe. Erst heute kam mir nach langer Zeit der Gedanke, die Blätter wieder hervorzusuchen und das Geschriebene durchzulesen, um darüber Sorgen und Sehnsucht vielleicht zu vergessen.
Ich blieb dabei stehen, daß ich nach Homburg fahren wollte. Gott! Mit wie leichtem Herzen, im Vergleich zu jetzt, schrieb ich damals jene letzten Zeilen! Das heißt, nicht buchstäblich mit leichtem Herzen, aber doch – mit welch einem Selbstvertrauen, mit wie unerschütterlichen Hoffnungen! Zweifelte ich etwa auch nur im geringsten an mir selbst? – Und nun? Noch sind keine zwei Jahre seitdem vergangen und ich bin, meiner eigenen Überzeugung nach, schlimmer als ein Bettler! Was ist ein Bettler! Ich pfeife auf Armut! Ich aber habe mich einfach zugrunde gerichtet! Verkommen bin ich. Übrigens – es gibt nichts, womit ich mich überhaupt noch vergleichen könnte ... Aber wozu sich jetzt Moral predigen! Nichts kann dümmer sein, als Moral in solchen Zeiten! O, ihr selbstzufriedenen Leute! – mit welch stolzer Selbstgerechtigkeit sind diese Schwätzer jederzeit bereit, einem ihre Sentenzen zu predigen! Wenn sie wüßten, in welchem Maße ich den ganzen Ekel meines gegenwärtigen Zustandes begreife, so würde ihnen ihre Zunge, denke ich, nicht mehr gehorchen, wollten sie mich noch belehren. Was könnten sie mir wohl Neues sagen, das ich nicht selbst wüßte? Aber kommt es denn darauf an? Nein, sondern darauf, daß – eine Drehung des Rades alles ändern kann, und daß dann diese selben Moralprediger, die ersten sein werden, die (davon bin ich überzeugt) mit freundschaftlichen Scherzen zu mir kommen, um zu gratulieren. Und niemand wird sich dann so von mir abwenden, wie es jetzt alle tun. Ach, zum Teufel mit ihnen, was gehen sie mich an! Aber was bin ich jetzt? ^Zéro.^ Und was kann ich morgen sein? Morgen kann ich von den Toten auferstehen und von neuem zu leben beginnen! Ich kann den Menschen in mir wieder emporrichten, solange er noch nicht ertrunken ist in Verkommenheit.
Ich fuhr damals wirklich nach Homburg, aber ... dann war ich auch wieder in Roulettenburg, war auch in Spa, war sogar in Baden, wohin ich als Kammerdiener eines Herrn Hinze reiste, eines ekelhaften Menschen, der hier mein Brotherr war. Jawohl: ich bin sogar bis zum Diener herabgesunken – ganze fünf Monate war ich es! Das war nach dem Gefängnis. (Ich habe doch auch im Gefängnis gesessen, in Roulettenburg, wegen einer Schuld, die ich dort nicht bezahlen konnte. Ein Unbekannter hat mich losgekauft, – wer? Mister Astley? Polina? Ich weiß es nicht, aber die Schuld ist bezahlt worden, im ganzen zweihundert Taler: und so wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.) Wo sollte ich bleiben? Ich kam also zu diesem Hinze. Er ist ein junger, leichtsinniger Mensch, der eine besondere Vorliebe fürs Faulenzen hat und ungern Briefe schreibt, ich aber beherrsche drei Sprachen in Wort und Schrift. Anfangs war ich sein Sekretär, denn als solcher hatte ich die Stelle angenommen, und erhielt dreißig Gulden monatlich. Doch bald erlaubten es ihm seine Mittel nicht mehr, soviel zu zahlen, und er verringerte mein Gehalt. Ich aber hatte nichts und blieb bei ihm. So machte es sich schließlich ganz von selbst, daß ich zu guter Letzt sein Diener wurde. Ich hungerte und trank keinen Tropfen, solange ich bei ihm war, dafür aber ersparte ich mir innerhalb dieser fünf Monate siebzig Gulden. Und eines Abends, es war in Baden, erklärte ich ihm, daß ich meine Stelle aufgäbe: und noch an demselben Abend suchte ich die Spielsäle auf. O, wie mein Herz schlug! Nein, nicht um das Geld war es mir zu tun! Damals wollte ich nur, daß morgen alle diese Hinzes, alle diese Oberkellner, alle diese reichen Damen der vornehmen Gesellschaft Badens – daß sie alle von mir sprechen, daß sie von meinem Glück erzählen, daß sie sich über mich wundern, mich loben und beneiden und alle sich vor der Macht meines neuen Reichtums beugen sollten. Das waren natürlich nur kindische Träume und kindischer Ehrgeiz, aber ... wer weiß: vielleicht hätte ich Polina getroffen, und dann hätte ich mit ihr gesprochen und sie hätte gesehen, daß ich _über_ dem Schicksal stehe, daß mir alle Schicksalsschläge nichts anhaben können ... O, nicht am Gelde liegt mir! Bin ich doch überzeugt, daß ich es wieder irgendeiner Blanche hinwerfen und wieder in Paris drei Wochen lang mit eigenen Pferden zu sechzehntausend Franken fahren würde! Ich weiß ja doch ganz genau, daß ich nicht geizig bin; ich glaube sogar, ich bin ein Verschwender, – aber dennoch: mit welchem Zittern, mit welchem atemraubenden Herzklopfen horche ich auf den Ruf des Croupiers: ^trente et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque^! Mit welcher Gier starre ich auf den grünen Tisch, auf dem Louisdors, Friedrichsdors und Taler umherliegen, auf die kleinen Säulen von Goldmünzen, wenn sie durch die Krücke des Croupiers umfallen und sich in einen wie Glut brennend glänzenden Haufen zerstreuen, oder auf die langen, über einen halben Meter langen Silberrollen, die rings um das Rad liegen. Noch bevor ich den Spielsaal betreten, noch zwei Säle von ihm entfernt – sobald ich nur das Klingen und Klirren des Geldes, der zusammengescharrten Geldberge höre – ist es mir, als erfaßten mich Krämpfe.
O, auch jener Abend, an dem ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch trug, war merkwürdig. Ich begann mit zehn Gulden und setzte sie wieder auf ^passe^. Ich habe nun einmal Vertrauen zu ^passe^. Ich verlor. Es blieben mir noch sechzig Gulden in Silber; ich dachte nach und entschied mich für ^zéro^. Ich setzte immer zu fünf Gulden auf einmal. Das dritte Mal setzte ich – da kam ^zéro^. Ich starb fast vor Freude, als mir hundertundfünfundsiebzig Gulden zugeschoben wurden. So froh war ich nicht gewesen, als ich damals hunderttausend Gulden gewonnen hatte. Ich setzte sofort hundert Gulden auf ^rouge^ – und gewann; alle zweihundert auf ^rouge^ – und gewann; alle vierhundert auf ^noir^ – und gewann; alle achthundert auf ^manque^ – und gewann! Alles in allem hatte ich jetzt tausendundsiebenhundert Gulden und das – in weniger als fünf Minuten! Ja, in solchen Augenblicken vergißt man alle früheren Mißerfolge! Hatte ich sie doch gewonnen, indem ich mehr als mein Leben aufs Spiel gesetzt. Ich hatte es gewagt, und ich gehörte wieder zu den Menschen!
Ich nahm ein Zimmer im Hotel, schloß mich ein und saß bis drei Uhr nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich nicht mehr Lakai. Ich beschloß, sogleich nach Homburg zu fahren: dort war ich nicht Diener gewesen und hatte nicht im Gefängnis gesessen. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt des Zuges ging ich noch einmal in den Spielsaal, um noch zwei Einsätze zu machen, nicht mehr, und ich verlor tausendfünfhundert Gulden. Ich fuhr aber trotzdem nach Homburg und nun bin ich schon einen Monat hier.
Ich lebe natürlich in beständiger Aufregung, spiele nur sehr vorsichtig, wage nur die kleinsten Einsätze und warte auf irgend etwas, das ich selbst nicht zu nennen vermöchte, berechne und rechne, stehe ganze Tage lang am Spieltisch _und beobachte_ das Spiel, sogar im Traume sehe ich nur noch das Spiel, – aber bei alledem scheint es mir, daß ich doch schon gleichsam verknöchert, daß ich wie in einem Moor versunken bin, aus dem ich mich nicht mehr herausreißen kann. Ich schließe das aus dem Eindruck, den meine Begegnung mit Mister Astley auf mich gemacht hat. Ich hatte ihn seit jenem Morgen im Hotel d’Angleterre nicht wiedergesehen und traf ihn hier plötzlich ganz zufällig. Ich ging gerade in den Parkanlagen spazieren und rechnete und dachte daran, daß ich jetzt fast ganz ohne Geld sei, nur fünf Gulden besaß ich noch. Aber im Hotel, wo ich ein kleines, billiges Zimmer genommen, hatte ich vor drei Tagen alles bezahlt. Ich konnte also noch einmal spielen, nur einmal, sagte ich mir: gewinne ich, so kann ich das Spiel fortsetzen, verliere ich – so muß ich wieder Diener werden, falls ich nicht im Augenblick hier Russen finde, die gerade einen Lehrer brauchen. Mit diesen Gedanken beschäftigt, machte ich meinen täglichen Spaziergang durch den Park. Sehr oft ging ich weiter durch den Wald, bis ins nächste Fürstentum, und kehrte dann erst nach mehreren Stunden müde und hungrig nach Homburg zurück. Kaum aber war ich diesmal aus den Anlagen in den Park getreten, als ich plötzlich auf einer Bank Mister Astley erblickte. Er hatte mich zuerst bemerkt und mich angerufen. Ich setzte mich neben ihn. Doch da mir eine gewisse Kühle an ihm auffiel, mäßigte ich sogleich meine Freude. Sonst hätte ich mich fürchterlich über das Wiedersehen gefreut.
„Also Sie sind hier!“ sagte er. „Ich dachte es mir, daß ich Ihnen hier begegnen würde. – Bemühen Sie sich nicht, mir von Ihren Erlebnissen zu erzählen, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen anderthalb Jahren, mehr als anderthalb Jahren, ist mir bekannt.“
„Bah! Also so viel ist Ihnen daran gelegen, Ihre alten Freunde im Auge zu behalten!“ versetzte ich. „Das macht Ihnen ja alle Ehre, daß Sie sie nicht vergessen ... Apropos! Sie bringen mich auf einen Gedanken: sind nicht Sie es gewesen, der mich aus dem Roulettenburger Gefängnis, in dem ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß, befreit hat? Ein Unbekannter hat die Schuld für mich bezahlt.“
„Nein, o nein, ich nicht, aber ich habe es gewußt, daß Sie wegen einer Schuld von zweihundert Gulden im Gefängnis saßen.“
„Und so wissen Sie doch auch, wer es getan hat?“
„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich’s wüßte.“
„Sonderbar. Von den hiesigen Russen kennt mich keiner, und übrigens würden diese Russen hier wohl kaum einen Landsmann loskaufen; bei uns dort in Rußland, ja, dort kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige los. Und da dachte ich denn, daß es vielleicht irgendein englischer Sonderling aus Sonderbarkeit getan habe.“
Mister Astley hörte mit einiger Verwunderung zu. Ich glaube, er hatte erwartet, daß ich ganz niedergeschlagen und bekümmert sein würde.
„Nun, es freut mich, daß Sie sich Ihre alte geistige Unabhängigkeit und sogar noch Munterkeit bewahrt haben, wie ich sehe,“ sagte er mit ziemlich mißvergnügter Miene.
„Das heißt, innerlich knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht niedergeschlagen und bekümmert bin,“ sagte ich lachend.
Er begriff nicht sogleich, als er mich aber dann verstand, lächelte er.
„Ihre Bemerkungen gefallen mir. Ich erkenne in ihnen meinen alten begeisterten und gleichzeitig doch zynischen Freund von früher. Nur die Russen können soviel Gegensätze in sich vereinigen. In der Tat, der Mensch liebt es, seinen Nächsten, auch wenn er sein bester Freund ist, vor sich erniedrigt zu sehen: auf der Erniedrigung des anderen beruht zum größten Teil die Freundschaft. Das ist nun einmal eine alte, allen erfahrenen Leuten längst bekannte Wahrheit. Doch in diesem Fall, ich versichere Sie, bin ich aufrichtig froh, daß Sie den Mut nicht sinken lassen. Sagen Sie, Sie haben wohl nicht die Absicht, das Spiel aufzugeben?“
„O, der Teufel hole es! Sofort gebe ich es auf, wenn ich nur erst ...“
„Wenn ich nur erst das Verlorene wiedergewonnen habe? Das dachte ich mir – es ist nicht nötig, daß Sie weiterreden – ich weiß schon. Sie haben es ganz unbedacht gesagt, folglich waren Sie aufrichtig. Sagen Sie, außer mit dem Spiel beschäftigen Sie sich sonst mit nichts?“
„Nein, mit nichts.“
Er begann, mich nach allem möglichen auszufragen, das in der letzten Zeit in der Welt geschehen war.
Ich wußte von nichts, ich hatte ja kaum eine Zeitung zur Hand genommen, kaum mehr ein Buch aufgeschlagen.
„Sie sind abgestumpft,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie haben nicht nur dem Leben, Ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit den Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch und außerdem auch Ihren Freunden – und Sie hatten doch wirklich Freunde –, Sie haben sich nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt – außer dem einen: im Spiel zu gewinnen –, Sie haben auch Ihre Erinnerungen als überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Ich denke daran, wie Sie einmal in einer heißen und großen Stunde Ihres Lebens vor mir standen – aber ich bin überzeugt, daß Sie alle Ihre besten Empfindungen und Absichten von damals vergessen haben, und Ihre jetzigen Gedanken und Wünsche nicht hinausreichen über ^pair^, ^impair^, ^rouge^, ^noir^ – und so weiter ... davon bin ich überzeugt!“
„Genug, Mister Astley, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!“ rief ich ärgerlich, fast erbittert. „Ich habe nichts vergessen – ich habe nur jetzt _zeitweilig_ alles das aus meinem Denken und Sinnen ausgeschlossen, ja, auch die Erinnerungen, Sie haben recht, – aber nur vorläufig, bis ich meine pekuniäre Lage radikal gebessert habe; dann aber ... dann werden Sie sehen, daß ich von den Toten auferstehe!“
„In zehn Jahren werden Sie noch hier sein,“ erwiderte Mister Astley darauf. „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß ich Sie an diese meine Worte noch nach zehn Jahren, wenn ich lebe, hier auf dieser Bank erinnern werde.“
„Nun gut,“ schnitt ich ungeduldig ab, „doch um Ihnen zu beweisen, daß ich das Vergangene doch nicht ganz so vergessen habe, wie Sie annehmen, erlauben Sie die Frage: wo ist jetzt Miß Polina? Wenn nicht Sie mich aus dem Gefängnis befreit haben, so hat es bestimmt Miß Polina getan. Seit jenem letzten Tage damals in Roulettenburg habe ich nichts von ihr gehört.“
„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie Sie losgekauft hat. Sie ist jetzt in der Schweiz, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragten,“ sagte er kurz und sichtlich verstimmt.
„Das bedeutet wohl, daß auch Ihr Herz schon gar zu sehr durch sie verwundet ist!“ sagte ich unwillkürlich lachend.
„Miß Polina verdient die größte Hochachtung und ist der beste Mensch, aber ich sage Ihnen nochmals, daß Sie mir einen großen Gefallen erweisen würden, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragen wollten. Sie haben sie überhaupt nicht gekannt und ich empfinde es als Beleidigung, wenn Sie ihren Namen aussprechen.“
„Ah! Also so stehen wir! Übrigens täuschen Sie sich. Und wovon sollte ich denn mit Ihnen sprechen, sagen Sie doch selbst, wenn nicht – davon? Andere gemeinsame Erinnerungen haben wir ja gar nicht. Doch beunruhigen Sie sich nicht, ich frage ja nicht nach Geheimnissen oder Gefühlen ... ich interessiere mich sozusagen nur für die äußere Lage der Miß Polina, nur für die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das aber läßt sich ja in zwei Worten sagen.“
„Nun gut, aber unter der Bedingung, daß die Sache damit abgetan ist. Miß Polina war lange krank; sie ist auch jetzt noch krank; eine Zeitlang lebte sie bei meiner Mutter und Schwester in Schottland. Vor einem halben Jahr starb ihre Großtante – Sie erinnern sich doch noch jener alten Dame? Nun, die ist jetzt tot, hat aber testamentarisch siebentausend Pfund Sterling Miß Polina vermacht. Augenblicklich reist sie mit der Familie meiner verheirateten Schwester in der Schweiz. Ihr kleiner Bruder und die kleine Schwester sind in London und lernen dort. Für sie ist gleichfalls durch das Testament der Großtante gesorgt. Der General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris am Schlage gestorben. Mademoiselle Blanche hat ihn gut behandelt, dafür aber alles, was er von der Tante geerbt hat, auf ihren Namen schreiben lassen ... Das ist, glaube ich, alles.“
„Und de Grillet? Reist er nicht gleichfalls in der Schweiz?“
„Nein, de Grillet reist nicht in der Schweiz, ich weiß nicht, wo er sich aufhält. Ich möchte Sie aber ein für allemal ersuchen, ähnliche Bemerkungen und Andeutungen, die Ihnen jedenfalls nicht Ehre machen, fernerhin zu unterlassen, anderenfalls werden Sie es mit mir zu tun haben.“
„Was! Ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen?“
„Ja, ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen.“
„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Mister Astley. Aber erlauben Sie ... einstweilen – hierbei ist doch nichts Beleidigendes, ich mache ihr doch keinen Vorwurf oder ... sonst was. Außerdem ist, im allgemeinen gesprochen, die – nun: Zusammenstellung eines Franzosen und eines russischen jungen Mädchens etwas so Haarsträubendes, daß Sie und ich das Problem weder lösen noch überhaupt begreifen können.“
„Wenn Sie de Grillet nicht in einem Atemzuge mit dem anderen Namen nennen wollten oder überhaupt in Verbindung bringen, so würde ich ganz gern erfahren wollen, weshalb Sie so verallgemeinernd von dem Problem der ‚Zusammenstellung‘ eines ‚Franzosen mit einem russischen jungen Mädchen‘ reden. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“
„Sehen Sie, da hat es nun auch Ihr Interesse geweckt. Aber: das ist ein langes Thema, Mister Astley. Und es sind auch einige Vorkenntnisse vonnöten. Übrigens ist es ein sehr bedeutsames Problem, wie lächerlich das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Ein Franzose, Mister Astley, ist die vollendete hübsche Form. Sie als Engländer brauchen sich damit nicht einverstanden zu erklären, Sie sind wahrscheinlich anderer Meinung. Und ich als Russe bin gleichfalls nicht damit einverstanden, wenn auch nur – nun, sagen wir meinetwegen, aus Neid. Unsere jungen Damen aber sind anderer Meinung. Wir beide können Racine unnatürlich finden, phrasenhaft, geziert und parfümiert, und lesen werden Sie ihn zu Ihrem Vergnügen ganz gewiß nicht. Ich finde ihn einfach lächerlich; aber er ist äußerlich von guter Form, Mister Astley, und ein Meister der poetischen Ausdrucksweise, gleichviel ob wir das anerkennen wollen – oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, d. h. des Parisers, hat sich schon zu einer Zeit, als wir noch Bären waren, zu einer ausgesprochen eleganten Form entwickelt. Die Revolution stellte den Bourgeois neben den Edelmann. Und heutzutage kann der lumpigste Franzusischka Manieren, eine Ausdrucksweise und sogar Gedanken von durchaus eleganter Form haben, ohne dabei an dieser Form weder durch seine Erfindungsgabe, noch mit seiner Seele, seinem Herzen, seinem Geist irgendwie beteiligt zu sein: er hat eben alles das einfach geerbt. An sich kann er leerer als leer und gemeiner als gemein sein. Nun und jetzt, Mister Astley, sage ich Ihnen, daß es in der ganzen Welt kein Wesen gibt, das vertrauensvoller, aufrichtiger und von Herzen zutraulicher wäre, als die klugen, jungen russischen Mädchen, selbst wenn sie auch noch so verbildet sind. Freilich gar zu verbildet dürfen sie nicht sein. Daher kann so ein de Grillet, wenn er in einer schönen Rolle, d. h. also maskiert, unter ihnen erscheint, mit größter Leichtigkeit das Herz eines russischen Mädchens erobern; er hat die elegante Form, Mister Astley, und das betreffende Mädchen hält diese Form, diese äußere Maske, für das wahre Gesicht des inneren Menschen, für die natürliche Form seines Charakters und seines Herzens, und nicht bloß für ein Gewand, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist.
Leider muß ich Ihnen sagen – Sie werden wohl kaum sehr erbaut davon sein –, daß die Engländer größtenteils eckig und steif sind, die Russinnen aber haben ein recht feines Empfinden für Schönheit und lassen sich durch sie am leichtesten ködern. Denn, um die innere Schönheit eines Menschen und die Originalität seiner Persönlichkeit erkennen zu können, dazu gehört unvergleichlich mehr Selbständigkeit und Sicherheit in der Beurteilung eines Menschen, als ihn unsere Frauen besitzen und erst recht unsere jungen Mädchen, und vor allen Dingen, versteht sich: weit mehr Erfahrung. Miß Polina aber – verzeihen Sie, was ausgesprochen ist, läßt sich nicht mehr unausgesprochen machen – muß sich sehr, sehr lange bedenken, bis sie sich entschließen kann, Sie dem Gauner de Grillet vorzuziehen. Sie wird Sie schätzen lernen, sie wird Ihr Freund werden, wird Ihnen ihr ganzes Herz öffnen, aber dennoch wird in diesem Herzen der verhaßte Lump, der kleinliche, gemeine und habgierige Wucherer de Grillet herrschen. Dabei bleibt es. Ihr Eigensinn und ihre Eigenliebe halten daran fest: denn dieser de Grillet ist ihr nun einmal in der Aureole eines eleganten Marquis, eines enttäuschten und wie es hieß, verarmten Menschenfreundes erschienen, der ihrer Familie und dem leichtsinnigen General aus der Not geholfen hat. Die ganze Komödie, die er gespielt hat, ist ja jetzt für sie kein Geheimnis mehr, aber das hat nichts zu sagen, trotzdem: bitte, geben Sie ihr den früheren de Grillet, – das ist alles, was sie haben will! Und je mehr sie den jetzigen de Grillet haßt, um so mehr sehnt sie sich nach dem früheren, obschon der frühere nur in ihrer Phantasie existiert hat. Sie sind Zuckersieder, Mister Astley?“
„Ich bin Mitinhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell und Kompagnie.“
„Nun, sehen Sie wohl! Hier ein Zuckersieder – dort ein Apoll! Das geht eben nicht, es harmoniert nicht, es läßt sich nicht vereinigen. Ich aber bin nicht einmal Zuckersieder, sondern einfach nur ein kleiner Spieler, bin sogar ein Diener gewesen, was Miß Polina sicherlich bereits wissen wird, denn wie ich sehe, scheint sie eine gute Geheimpolizei zu haben ...“
„Sie sind verbittert, deshalb reden Sie diesen ganzen Unsinn,“ sagte Mister Astley kaltblütig, nach kurzem Nachdenken. „Außerdem entbehren Ihre Worte der Originalität.“
„Einverstanden! Aber gerade darin liegt ja das Entsetzliche, mein verehrter Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, so veraltet, so billig und phrasenhaft sie sein mögen, dennoch die Wahrheit selbst sind! Immerhin haben wir beide nichts erreichen können!“
„Das ist nichts weiter als ganz abscheulicher Unsinn ... denn ... denn ... so hören Sie!“ rief plötzlich Mister Astley mit aufblitzenden Augen, und seiner Stimme hörte man die innere Erregung an, „ich will es Ihnen sagen, Sie undankbarer und unwürdiger, gesunkener und unglücklicher Mensch: ich bin in ihrem Auftrage nach Homburg gekommen, nur um Sie zu sehen und aufrichtig und herzlich mit Ihnen zu sprechen, und ihr dann alles mitzuteilen, alles – Ihre Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und ... Erinnerungen!“
„Nicht möglich! Das ist nicht möglich!“ rief ich, und plötzlich stürzten mir Tränen aus den Augen.
Ich konnte sie nicht zurückhalten, und das geschah, glaube ich, zum erstenmal in meinem Leben.
„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie liebte Sie – das kann ich Ihnen jetzt mitteilen, weil Sie ja doch schon ein verlorener Mensch sind. Ja, ich glaube sogar, selbst wenn ich Ihnen sage, daß sie Sie auch jetzt noch liebt – Sie werden trotzdem hier bleiben! Ja, Sie haben sich zugrunde gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und Sie waren kein schlechter Mensch. Sie könnten sogar Ihrem Vaterlande etwas sein – und Rußland hat doch einen solchen Mangel an Menschen – Sie aber werden hier bleiben. Ihr Leben ist zu Ende. Ich schreibe Ihnen keine Schuld zu. Meiner Ansicht nach sind alle Russen so – oder sind geneigt, so zu sein. Ist es nicht das Roulette, dann ist es etwas anderes, Ähnliches. Die Ausnahmen sind gar zu selten. Sie sind nicht der Erste, der nicht weiß, was Arbeit ist – natürlich rede ich nicht vom Volk. Das Roulette wird vorzugsweise von Russen gespielt. Bis jetzt waren Sie noch ehrlich und haben es vorgezogen, Diener zu werden, als zu stehlen ... Aber mir graut vor dem Gedanken, was in Zukunft geschehen wird. Doch genug, reden wir nicht davon! Leben Sie wohl. Sie haben Geld nötig? Hier haben Sie von mir zehn Louisdor, mehr gebe ich Ihnen nicht, denn Sie werden sie ja doch verspielen. Nehmen Sie und leben Sie wohl! So nehmen Sie doch!“
„Nein, Mister Astley, nach allem, was Sie soeben gesagt haben ...“
„Nehmen Sie!“ rief er impulsiv, „ich bin überzeugt, daß Sie noch ein anständiger Mensch sind und ich gebe es Ihnen als Freund. Könnte ich überzeugt sein, daß Sie sofort das Spiel aufgeben und Homburg verlassen würden, um in Ihr Vaterland zurückzukehren – ich wäre ohne weiteres bereit, Ihnen tausend Pfund Sterling für den Anfang eines neuen Lebens zu geben. Statt dessen gebe ich Ihnen nur zehn Louisdor, denn für Sie sind sie im Augenblick dasselbe wie tausend Pfund: sie werden ja doch alles verspielen! So, und jetzt nehmen Sie das Geld und leben Sie wohl.“
„Ich werde es annehmen, aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abschied zu umarmen.“
„O, das mit Vergnügen!“
Wir umarmten uns herzlich und Mister Astley verließ mich.
Nein, er hat nicht recht! Wenn ich mich vorschnell und dumm über Polina und de Grillet geäußert habe, so hat er das Gleiche in seiner Beurteilung der Russen getan. Von mir will ich nicht reden. Übrigens ... übrigens ist das ja vorläufig gar nicht, was – das sind ja nur Worte, Worte und Worte, während doch gerade Taten nottun! Die Hauptsache ist hier jetzt die Schweiz! Morgen noch – o, wenn ich doch morgen schon abreisen könnte! Ich muß ein neuer Mensch werden, ich muß auferstehen. Ich muß ihnen beweisen ... Polina soll wissen, daß ich noch Mensch sein kann. Ich brauche ja nur ... Jetzt ist es übrigens schon zu spät, – aber morgen ... O, ich habe ein gutes Vorgefühl, es kann nicht anders sein! Ich habe jetzt außer meinen fünf Gulden noch zehn Louisdor, und habe doch schon mit viel weniger, habe mit nur fünfzehn Gulden zu spielen begonnen! Wenn man vorsichtig beginnt ... – o, bin ich denn wirklich, wirklich ein so kleines Kind! Begreife ich denn wirklich nicht, daß ich ein verlorener Mensch bin? Aber – was hindert mich denn, aufzuerstehen? Ja! Man braucht nur einmal im Leben Berechnung und Ausdauer zu beweisen, einmal nicht die Geduld zu verlieren – und das ist alles! Ich muß nur einmal charakterfest sein und in einer Stunde kann sich mein ganzes Schicksal umdrehen! Die Hauptsache ist, wie gesagt – Charakter! Wenn ich daran denke, was ich vor sieben Monaten in Roulettenburg in der Beziehung erlebt habe! – es war gerade vor meinem großen Verlust. O, das ist das beste Beispiel dafür, was mitunter Entschlossenheit bedeuten kann. Ich hatte alles verloren, alles ... Wie ich aus dem Kurhaus hinaustrete – fühle ich plötzlich, daß in meiner Westentasche noch ein Gulden sich regt. „Ah, da habe ich ja noch was, wofür ich zu Mittag speisen kann!“ dachte ich bei mir, doch – keine hundert Schritte weiter hatte ich mich anders bedacht und kehrte zurück. Ich setzte den Gulden auf ^manque^ (damals war gerade ^manque^ an der Reihe) und wirklich, es liegt etwas Eigentümliches in unserem Gefühl und Bewußtsein, wenn man ganz allein in der Fremde, fern von der Heimat, fern von Freunden und Bekannten, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen wird, den letzten, den allerletzten Gulden aufs Spiel setzt! Ich gewann, und nach zwanzig Minuten verließ ich das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der Tasche. Tatsache! Da sieht man, was mitunter der letzte Gulden bedeuten kann! Wie, wenn ich damals den Mut verloren hätte, wenn ich nicht gewagt hätte, den Entschluß zu fassen? ...
Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!
Der ewige Gatte
I. Weltschaninoff.
Der Sommer war da und Weltschaninoff war ganz gegen alle Erwartung doch in Petersburg geblieben. Aus seiner beabsichtigten Reise nach dem Süden Rußlands war nichts geworden, sein Prozeß aber zog sich immer noch hin, ohne daß man auch nur das Ende hätte absehen können. Ja, dieser Prozeß – ein Rechtsstreit in Vermögenssachen – hatte in letzter Zeit sogar eine äußerst unangenehme Wendung genommen: noch vor drei Monaten war er ihm so klar und unverwickelt erschienen, fast als brauche man da überhaupt keine Worte mehr zu verlieren – plötzlich aber begann alles, sich zu verwickeln und zum Ungünstigen zu verändern.
„Und überhaupt scheint sich jetzt alles gegen mich zu verschwören: alles nimmt eine ungünstige Wendung!“ sagte Weltschaninoff neuerdings oft zu sich selbst, wobei er geradezu eine gewisse Schadenfreude empfand.
Er hatte sich an einen geschickten, berühmten und teuren Rechtsanwalt gewandt und scheute keine Ausgaben; seine Ungeduld und sein Mißtrauen verleiteten ihn aber, sich auch persönlich mit der Angelegenheit zu befassen: er las verschiedene, ihm wichtig scheinende Schriftstücke, verfaßte sogar selbst welche, die sein Rechtsanwalt jedoch ausnahmslos in den Papierkorb warf, lief von einer Gerichtsbehörde zur anderen, stellte auf eigene Faust Nachforschungen an und hielt den natürlichen Verlauf des Rechtsstreites vermutlich weit mehr auf, als daß er ihn beschleunigte. Wenigstens beklagte sich sein Rechtsanwalt wiederholt über diese Einmischungen seinerseits und redete ihm nach Kräften zu, doch irgendeine Sommerfrische aufzusuchen. Er aber konnte sich nicht einmal dazu entschließen. Und so blieb er in Petersburg, blieb ungeachtet des Staubes, der drückenden Schwüle und der nervenreizenden hellen Nächte.
Auch seine Wohnung, die er in der Nähe des Großen Theaters vor kurzem erst bezogen hatte, wollte ihm nicht gefallen. Kurz – „alles ging schief“! – und seine Hypochondrie wuchs mit jedem Tage. – Übrigens war er schon von jeher zum Hypochonder veranlagt gewesen.
Weltschaninoff hatte ein flottes, genußreiches Leben hinter sich, war freilich auch nicht mehr jung – etwa achtunddreißig, wenn nicht gar neununddreißig – das aber war doch schon „das Alter“, wie er sich selbst gestand, oder glaubte, sich gestehen zu müssen, – in das er sich „ganz plötzlich und unerwartet“ hineinversetzt sah. Er begriff jedoch vollkommen, daß es weniger die Zahl als die Art der Jahre war, was ihn alt machte, daß das Alter sich daher, wenn man so sagen darf, mehr von innen heraus in ihm verbreitete, als daß es ihn von außen sichtbar überkam. Denn nach seinem Äußeren zu urteilen, war er immer noch ein stattlicher Mann in den besten Jahren, der es mit jedem aufnehmen konnte: er war sehr groß von Wuchs und dabei stämmig, hatte dichtes hellblondes Haar und einen langen blonden Bart, in dem sich ebenso wie auf seinem Haupte noch kein einziges graues Härchen finden ließ. Auf den ersten Blick mochte er jetzt vielleicht etwas plump und im Vergleich zu früher vielleicht auch vernachlässigt erscheinen, doch wenn man ihn genauer beobachtete, erkannte man in ihm sofort den feinen Herrn und Weltmann, der eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Sein Auftreten war auch jetzt noch sicher, ungezwungen und sogar elegant, trotz einer gewissen Behäbigkeit und Schwerfälligkeit, die er sich im Laufe der Jahre erworben hatte: Trotz alledem hatte sich Weltschaninoff noch sein ganzes unverfrorenes, wahrhaft unerschütterliches Selbstvertrauen bewahrt, dessen ganzer Größe er sich als Lebemann nicht einmal bewußt zu sein schien, obschon er kein dummer, in manchen Dingen sogar ein recht gescheiter, fast kann man sagen gebildeter und zweifellos ein in mancher Hinsicht begabter Mensch war. Sein offenes, frisches Gesicht hatte einst in jungen Jahren durch seine fast frauenhaft zarten Farben die Aufmerksamkeit der Damen auf sich gelenkt, und auch jetzt noch sagte so manch einer, wenn er ihn sah: „Welch ein kerngesunder Mensch, wahrhaftig, Milch und Blut!“
Und dennoch kannte dieser „kerngesunde Mensch“ bereits alle Qualen der Hypochondrie. Noch vor zehn Jahren hatten seine großen blauen Augen so siegesgewiß in die Welt geblickt: es waren noch so helle und gute, so lustige und sorglose Augen gewesen, daß ein jeder, der ihn sah, sich ohne weiteres zu ihm hingezogen fühlte. Jetzt aber, auf der Schwelle der vierziger Jahre, waren die Klarheit und Güte in ihnen fast ganz erloschen: um sie herum begannen sich schon leichte Runzeln einzugraben, und statt der jungen Sorglosigkeit sprach aus ihnen der Zynismus eines ermüdeten Menschen, dessen Lebenswandel, vom Standpunkt der Sittlichkeit aus betrachtet, nicht ganz einwandfrei gewesen war. Zu diesem Zynismus aber gesellte sich noch eine gewisse mißtrauische Schlauheit, sehr oft auch Spott, und dann noch ein neuer Ausdruck, den er früher nicht in ihnen gehabt hatte: es lag nämlich wie ein Schatten von Schwermut und Schmerz über ihnen – einer gleichsam zerstreuten, gewissermaßen gegenstandslosen Schwermut, die aber doch tief und echt zu sein schien. Diese Schwermut überkam ihn namentlich dann, wenn er allein blieb. Und sonderbar, dieser Mensch, der noch vor etwa zwei Jahren ein so lebenslustiger, in seiner Unterhaltung übersprudelnder Gesellschaftsmensch gewesen war und mit so köstlichem Humor seine lustigen Geschichten wiederzugeben verstanden hatte – der liebte jetzt nichts so sehr, als ganz allein zu sein. Mit Absicht gab er eine Menge seiner früheren Bekanntschaften auf, obschon er sie trotz seiner im Augenblick sehr zerrütteten Vermögensverhältnisse auch jetzt noch hätte fortsetzen und pflegen können. Doch um die Wahrheit zu sagen: hier war sein Ehrgeiz das ausschlaggebende Moment. Ein Mensch, der so argwöhnisch, eitel und ehrgeizig war wie er, mußte es allerdings als unmöglich empfinden, mit Leuten, die ihn nur in glänzenden Verhältnissen gekannt hatten, nun in minder glänzenden weiter zu verkehren. Doch auch seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz begannen sich unter dem Einfluß der Einsamkeit allmählich zu verwandeln. Nicht, daß sie sich verringert hätten – o nein, sogar im Gegenteil; aber sie entwickelten sich zu einer ganz besonderen Art von Ehrgeiz und Eitelkeit, die von ihrer früheren Art merklich abstach: er grämte sich jetzt immer öfter um ganz andere Dinge, als es die Ursachen seiner früheren kleinen menschlichen Leiden gewesen waren. Es waren das ganz entschieden „höhere“ Dinge als bisher – das heißt, wenn man sich nur so ausdrücken darf, wenn es in der Beziehung wirklich höhere und niedrigere Ursachen und Dinge gibt ... wie Weltschaninoff zu sich selbst sagte.
Ja, so weit war es mit ihm gekommen: diese sogenannten „höheren“ Ursachen, an die er früher überhaupt nicht gedacht hatte, quälten ihn jetzt regelrecht. Als „höher“ aber betrachtete er seiner Erkenntnis gemäß und vor seinem Gewissen alle diejenigen „Ursachen“, über die er sich (zu seiner eigenen Verwunderung) nicht mehr lustig zu machen vermochte – bei sich im stillen, versteht sich –, was bis dahin, wenigstens wenn er allein gewesen, noch nie vorgekommen war. Denn in Gesellschaft – o, da war es etwas ganz anderes! Er wußte ja nur zu gut, daß er auch jetzt noch – es brauchten sich nur die äußeren Umstände so zu fügen – ohne zu zögern und ungeachtet aller stillen Erkenntnisse und festen Vorsätze seines besseren Selbst, mit der größten Kaltschnauzigkeit alle diese „höheren Ursachen“ leugnen und selbst als erster über sie lachen würde – natürlich ohne dabei einzugestehen, daß es Stunden gab, in denen er anders dachte. Mit dieser Selbsterkenntnis täuschte er sich durchaus nichts vor: so war es, oder vielmehr, so wäre es unfehlbar gewesen, sogar trotz einer gewissen ganz erheblichen Portion Unabhängigkeit im Denken, die er sich neuerdings von den ihn bis dahin vorwiegend beherrschenden „niedrigeren Ursachen“ abgerungen hatte. Doch wie oft hatte er sich, wenn er sich morgens aus dem Bett erhob, seiner Gedanken und Gefühle geschämt, die er in den schlaflosen Stunden der Nacht gedacht und gefühlt! (In der ganzen letzten Zeit litt er nämlich wirklich an Schlaflosigkeit.) Hinzu kam, was ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen: daß er in jeder Beziehung furchtbar mißtrauisch geworden war, und zwar sowohl in kleinen wie in großen Dingen. Infolgedessen nahm er sich vor, auch in Zukunft sich selbst möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es da doch Verschiedenes, was einfach als eine Tatsache vor ihm stand, die er ganz unmöglich als solche nicht anerkennen oder leugnen konnte. So ließ es sich nicht aus der Welt schaffen, daß sich z. B. seine Gedanken und Gefühle nachts immer veränderten, wenigstens hatte er früher noch niemals solche gehabt, wie er sie jetzt hatte, und größtenteils glichen sie auch nicht im geringsten denjenigen, die er tagsüber oder wenigstens in der ersten Hälfte des Tages noch immer hatte. Das gab ihm zu denken. Ja, er sprach sogar – natürlich nur so bei Gelegenheit und im Scherz – mit einem berühmten Arzt, einem näheren Bekannten, über diesen „sonderbaren Fall“. Jener erwiderte ihm darauf, daß diese Veränderung oder vielmehr daß dieser Widerspruch der Gedanken und Gefühle in schlaflosen Nächten, oder überhaupt nachts, bei „viel denkenden und temperamentvollen“ Menschen keineswegs eine so ungewöhnliche Erscheinung sei: unter dem melancholischen Einfluß der Nacht käme es bei ihnen oft vor, daß sich ihre Überzeugungen, an denen sie ihr ganzes Leben gehangen, plötzlich änderten und daß sie ebenso plötzlich und ohne jeden triftigen Grund die schwerwiegendsten Entschlüsse faßten. Freilich habe das immer noch eine gewisse Grenze; wenn aber der Betreffende diese Widersprüche, diese Zwieheit fast schon als Pein empfinde, so müsse man sie fraglos als ein Krankheitssymptom betrachten und folglich – je früher desto besser – zur Behandlung schreiten. Das Zweckmäßigste sei in diesem Fall wohl eine radikale Veränderung der Lebensweise, eine andere Diät, wenn möglich eine Reise. Auch Abführmittel wären angebracht.
Weiter wollte Weltschaninoff nichts mehr hören, doch seine Krankheit betrachtete er jetzt als bewiesen.
„Also nichts weiter als ein Krankheitssymptom, alles dieses ‚Höhere‘, also Krankheit, nichts als Krankheit!“ sagte er mit einem gewissen Ingrimm zu sich selbst, sagte es sich sogar ziemlich oft, denn es widerstrebte ihm doch gar zu sehr, innerlich derselben Meinung zu sein.
Sehr bald übrigens begann sich auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was er sonst nur in einzelnen Nachtstunden gekannt hatte, bloß mit dem Unterschiede, daß ihn dabei weit mehr Galle überkam, als in der Nacht, daß er anstatt der Reue nur Bosheit empfand und bitteren Spott statt der nächtlichen Rührung.
Im Grunde wurden diese Stimmungen durch nichts anderes heraufbeschworen, als durch „plötzlich und Gott weiß weshalb“ auftauchende Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse aus längst vergangenen und auch schon längst vergessenen Jahren, die ihm aber jetzt regelmäßig in einer ganz besonderen Weise wieder ins Gedächtnis traten. Ja, diese Begleitumstände waren vielleicht gerade das Merkwürdigste an der Sache. Weltschaninoff klagte zum Beispiel schon seit längerer Zeit über die augenscheinliche Abnahme seines Gedächtnisses: so vergaß er die Gesichter seiner Bekannten, die sich dann gekränkt fühlten, wenn er sie auf der Straße nicht grüßte; Bücher, die er vor einem halben Jahr gelesen, konnte er in dieser kurzen Frist so vergessen, als hätte er sie nie in der Hand gehabt. Andererseits aber, trotz dieser doch greifbar tatsächlichen Abnahme seiner Gedächtniskräfte, die ihn nicht wenig beunruhigte, begann jetzt alles längst Vergangene, was über zehn, fünfzehn Jahre zurücklag und ebenso lange sogar ganz vergessen gewesen war, wieder aufzutauchen – alles das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein, und zwar mit einer so erstaunlichen Deutlichkeit bis in die geringsten Details, als durchlebe er es in Wirklichkeit von neuem. Ja, einige dieser Erlebnisse hatte er in der Zwischenzeit so vergessen, daß ihm allein schon das Faktum, daß er sich ihrer überhaupt wieder erinnern konnte, als unfaßbares Wunder erschien. Dabei war das noch nicht alles; doch übrigens – welcher Lebemann hätte nicht seine besonderen Erinnerungen?
In seinem Falle freilich lag das Auffällige darin, daß alle diese Erlebnisse, die in seiner Erinnerung wieder auftauchten, jetzt in einer gleichsam von irgend jemandem vorbereiteten, früher ganz undenkbaren, ganz neuen Beleuchtung erschienen, d. h. er betrachtete und beurteilte sie jetzt von einem ganz, ganz anderen Standpunkt aus. Das befremdete ihn am meisten. Warum erschien ihm jetzt so manches geradezu als Verbrechen, was er früher kaum ernst genommen hatte? Und nicht nur sein Verstand urteilte jetzt so: dem allein hätte er, der in der Einsamkeit krank, griesgrämig, düster und innerlich einsam Gewordene, nicht so ohne weiteres getraut; aber es war ja bei ihm schon aus dem bloßen Gefühl heraus zu Verwünschungen und Flüchen gekommen und fast sogar zu Tränen – wenn auch nicht gerade zu äußerlich sichtbaren, so doch immerhin zu innerlichen. Noch vor zwei Jahren aber hätte er es nicht für möglich gehalten, daß er jemals weinen würde!
Anfangs waren es übrigens mehr unangenehme, sogar peinliche Erlebnisse, die ihm seine Erinnerung wieder ins Gedächtnis rief, wie zum Beispiel gesellschaftliche Mißerfolge, Blößen, die er sich mal gegeben, kleine Kränkungen; etwa: wie ihn einmal ein „Intrigant verleumdet“ hatte, weshalb er in einem angesehenen Hause nicht mehr empfangen worden war; wie man ihn ein andermal – und das war gar nicht so lange her – öffentlich und im Ernst beleidigt und wie er damals den Beleidiger nicht gefordert; wie man ihn ein drittes Mal im Kreise der reizendsten Frauen mit einem geistvollen Epigramm abgetrumpft und wie er darauf keine Antwort gefunden hatte, während alle auf eine schlagfertige Replik warteten. Dann fielen ihm noch zwei oder drei unbezahlte Schulden ein, freilich nur geringe Summen, aber doch Ehrenschulden und überdies an Leute, mit denen er den Verkehr abgebrochen und über die er sich schon mehrfach abfällig geäußert hatte. Auch quälte ihn – jedoch nur in den bösesten Stunden – die Erinnerung an die zwei Vermögen, die er in der dümmsten Weise durchgebracht und von denen jedes nichts weniger als unbedeutend gewesen war.
Doch bald kamen auch die von ihm gefürchteten Erinnerungen an die Reihe, jene der „höheren“ Kategorien, wie er sie klassifizierte.
So sah er plötzlich und „ganz ohne jede Veranlassung“ die längst vergessene, in seinem Gedächtnis bis dahin spurlos ausgelöscht gewesene Gestalt eines alten guten Männleins vor sich, eines komischen kleinen Beamten mit silberweißem Haar, den er einmal vor langer, langer Zeit öffentlich und ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig deshalb, um einen guten Witz, der nachher viel belacht und weitererzählt worden war, im Augenblick anbringen zu können. Er hatte den Fall so sehr vergessen, daß er sich nicht einmal auf den Namen des Alten besinnen konnte, obschon er sich im Moment selbst der kleinsten Einzelheit der Umgebung – „und wie sich das alles zugetragen“ – mit geradezu fabelhafter Deutlichkeit entsann. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie der Alte damals für die Ehre seiner Tochter – ein unverheiratetes, nicht mehr ganz junges Mädchen, das bei ihm lebte, und über das man in der Stadt zu munkeln begonnen – eingetreten war. Der Alte hatte seine Tochter zu verteidigen gesucht, hatte nur so gezittert vor Empörung und Aufregung, und plötzlich war er in Tränen ausgebrochen und hatte laut geschluchzt – vor der ganzen Gesellschaft, die selbst eine gewisse Peinlichkeit zu empfinden schien. Geendet aber hatte die Geschichte damit, daß man ihm zum Scherz immer wieder das Champagnerglas gefüllt, um dann nach Herzenslust über ihn lachen zu können.
Als Weltschaninoff sich nun auf einmal jener Szene erinnerte, in der der arme Alte in Tränen ausgebrochen war und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, wie es kleine Kinder tun, da war es ihm plötzlich, als habe er alles das nie auch nur einen Augenblick vergessen. Und sonderbar: damals war ihm der ganze Vorfall sehr komisch erschienen; jetzt aber war gerade das Gegenteil der Fall – namentlich jenes Verbergen des Gesichts in den Händen kam ihm fast tragisch vor. Dann fiel ihm ein, wie einmal die Frau eines Schullehrers – ein ganz entzückendes Frauchen – „nur so zum Scherz“ von ihm verleumdet worden war. Die Folgen waren ihm unbekannt geblieben, da er das Städtchen gleich darauf verlassen hatte; er wußte nur, daß die Verleumdung ihrem Manne zu Ohren gekommen sei. Jetzt aber begann er plötzlich sich diese Folgen auszumalen, und Gott weiß, bis zu welchen Schreckbildern seine Phantasie sich noch verstiegen hätte, wenn nicht plötzlich ein viel näher liegendes Erlebnis aufgetaucht wäre: die Erinnerung an ein Mädchen aus ganz einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, das ihm nicht einmal gefallen hatte, ja, dessen er sich, genau genommen, sogar geschämt, mit dem er aber, ohne selbst recht zu wissen warum und wozu, ein Kind in die Welt gesetzt. Und dann – ja, dann hatte er sie mit dem Kinde sitzen lassen und hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet (freilich nicht vorsätzlich, sondern so – aus Zeitmangel!) als er Petersburg verlassen. Später freilich hatte er dann ein ganzes Jahr lang nach diesem Mädchen geforscht, doch vergeblich: beide, sie und das Kind, waren spurlos verschwunden gewesen. Übrigens fielen ihm jetzt, wie ihm schien, hunderte solcher Geschichten ein – ja, es war ihm sogar, als ziehe eine jede dieser Erinnerungen gleich Dutzende ähnlicher nach sich. Alles das aber bewirkte, daß ihn mit der Zeit auch noch seine Eitelkeit zu quälen begann.
Wie bereits erwähnt, hatte sich seine Eitelkeit, oder, wenn man will, sein Ehrgeiz – der Unterschied ist nicht groß – zu einer ganz besonderen Abart entwickelt. Das war Tatsache. Mitunter – allerdings kam das nur selten vor – ging er in seiner Selbstvergessenheit so weit, _sich nicht einmal dessen zu schämen_, daß er keine eigene Equipage besaß, daß er zu Fuß die verschiedenen Gerichtsbehörden aufsuchte, daß er sich ein wenig nachlässiger kleidete; und hätte ihn einer seiner früheren Bekannten deshalb etwas erstaunt angesehen oder sich gar einfallen lassen, ihn nicht zu grüßen, so hätte seine Anmaßung ganz gewiß ausgereicht, die Kränkung zu übersehen und zwar, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – auch innerlich nicht zu zucken, also nicht bloß, um sich äußerlich darüber erhaben zu zeigen. Natürlich galt das nur von Ausnahmefällen, wie es die Augenblicke vollständiger Apathie in diesen Dingen immerhin noch waren. Doch gleichviel, wie dem auch sein mochte – jedenfalls begann sein Ehrgeiz aus seinen früheren Grenzen herauszutreten und sich auf ein psychologisches Problem, mit dem er sich jetzt fast unausgesetzt beschäftigte, zu beschränken.
„Sonderbar,“ begann er zuweilen in sarkastischer Überlegenheit sein Selbstgespräch (wenn er an sich selbst dachte, begann er stets mit Sarkasmus), „da scheint sich ja wahrhaftig jemand um die Hebung meiner Sittlichkeit zu bemühen und mir diese verdammten Erinnerungen auf den Hals zu schicken, um mir lobesame Reuetränchen abzupressen! Nun, mag er, es ist ja doch zwecklos! Das sind ja nur blinde Schüsse! Als ob ich nicht wüßte, genau wüßte, mehr noch als genau, einfach mit tödlicher Sicherheit, daß trotz aller Reuetränen und Selbstverurteilung kein Atom Selbstbeherrschung in mir steckt, sogar ungeachtet meiner albernen vierzig Jahre! Es braucht ja doch morgen nur wieder mal so eine Versuchung an mich heranzutreten – nun, sagen wir zum Beispiel, die Umstände fügen es so, daß es mir vorteilhaft erscheint, zu sagen, die junge Frau jenes Lehrers habe von mir Geschenke angenommen – und ich werde es doch unbedingt wieder sagen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, – und es wird dann alles noch gemeiner und schmutziger herauskommen, als das erstemal, denn diesmal wäre es eben das zweitemal, da ist man schon geübter. Nun, oder sagen wir, jener junge Fürst, der einzige Sohn seiner Mutter, dem ich damals vor elf Jahren das Bein abschoß, der sollte mich wieder so beleidigen – ich würde ihn doch sofort wieder fordern und ihm wieder zu einem Stelzfuß verhelfen. Nun – und da sollen das nicht blinde Schüsse sein?! Nützen tun sie jedenfalls nichts! Wozu also diese Erinnerungen, wenn ich’s nun mal nicht verstehe, mich wenigstens einigermaßen mit Anstand von mir loszumachen!“
Und wenn er auch keine junge Frau wieder verleumdete und keinem jungen Fürsten zu einem Stelzfuß verhalf, so war für ihn doch allein schon der Gedanke, daß sich alles unfehlbar wiederholen würde, wenn nur die Umstände es wieder so fügten, fast tötend ... d. h. – bisweilen! Man kann doch, in der Tat, nicht immer unter Erinnerungen leiden! Man darf sich doch wohl auch etwas erholen und zerstreuen – in den Zwischenpausen.
Das tat denn auch Weltschaninoff: er war bereit, die Zwischenpausen auszunutzen; aber je länger die Sache dauerte, um so unangenehmer wurde ihm sein Leben in Petersburg. Der Juli stand schon vor der Tür. Ihm kam wohl mitunter der Gedanke, alles liegen zu lassen, sogar den Prozeß zu vergessen, und irgendwohin fortzufahren, nur fort, ohne sich umzuschauen, und ganz plötzlich, wie zufällig, gleichviel wohin, etwa nach der Krim zum Beispiel. Doch schon nach einer Stunde hatte er nur noch ein verächtliches Lächeln und blanken Spott für diesen Einfall. Sarkastisch sagte er sich dann: „Diesen miserablen Gedanken wird auch kein Süden ein Ende machen können, wenn sie einmal angefangen haben, mich heimzusuchen, und wenn ich wenigstens nur ein halbwegs anständiger Mensch bin! Folglich aber – wozu vor ihnen fliehen? Es liegt ja auch gar kein Grund vor!“
„Und überhaupt – wozu das Weite suchen,“ fuhr er vor Trübsal zu philosophieren fort, „hier ist es so staubig, so drückend schwül, in diesen Häusern der Gerichtsbehörden, in denen ich mich herumtreibe, ist doch alles so schmutzig, in diesen kleinen Geschäftsleuten, die sich dort drängen, steckt so viel nichtige, hastende, widerliche Geschäftigkeit, ganz als wären sie Mäuse und nicht Menschen, so viel bettelhafte Kopekensorgen! – in diesem ganzen Pöbel, der jetzt noch in der Stadt geblieben ist, in all diesen Gesichtern, die vom Morgen bis zum Abend an mir vorüberstreifen, drückt sich so aufrichtig ihre ganze dumme Gemeinheit aus, die ganze Feigheit ihrer kleinen Seelen, die ganze Hühnerherzigkeit ihrer kleinen Herzen, – daß man, bei Gott, Petersburg im Sommer nur das wahre Eldorado eines Hypochonders nennen kann! Im Ernst! Alles ist unmaskiert, alles offenkundig, nichts wird verdeckt, man denkt nicht mal daran, Verbergen für notwendig zu halten – ähnlich wie es unsere Damen in der Sommerfrische tun, oder in ausländischen Bädern! – Folglich verdient ja alles allein schon wegen dieser Offenheit und naiven Einfachheit meine vollste Hochachtung! ... Ich fahre nirgends hin! Basta! Und sollte ich auch bersten, ich rühr’ mich nicht von hier! ...“
II. Der Herr mit dem Trauerflor um den Hut.
Es war am dritten Juli. Die Schwüle und Hitze wurden um die Mittagszeit schier unerträglich. Und gerade an diesem Tage hatte Weltschaninoff so viele Gänge vor wie noch nie: den ganzen Tag ging und fuhr er in der Stadt umher, hierhin und dorthin, und für den Abend stand ihm noch ein äußerst wichtiger Besuch bei einem sehr angesehenen, einflußreichen Herrn bevor, einem Staatsrat, von dem fast der Ausgang seines Prozesses abhing, und der im Sommer außerhalb der Stadt irgendwo dort am Schwarzen Flüßchen in seinem Landhause lebte. Diesen Herrn galt es jetzt ganz plötzlich zu Hause zu überrumpeln, um einmal persönlich mit ihm sprechen zu können. Kurz vor sechs trat Weltschaninoff endlich in ein recht zweifelhaftes französisches Restaurant am Newskij-Prospekt in der Nähe der Polizeibrücke, setzte sich in einer stilleren Ecke auf seinen einmal gewohnten Platz und bestellte wie immer sein Mittagessen.
Er pflegte jetzt täglich nur zu einem Rubel zu Mittag zu speisen – den Wein natürlich nicht mitgerechnet, – was er für ein Opfer hielt, das er vernünftigerweise seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen brachte. Während er aß, wunderte er sich darüber, wie man so was Geschmackloses überhaupt essen konnte, verzehrte aber nichtsdestoweniger alles bis auf das letzte Krümchen – und tat das jedesmal mit einem solchen Appetit, als habe er vorher drei Tage lang nichts genossen.
„Das ist entschieden etwas Krankhaftes,“ murmelte er vor sich hin, wenn ihn sein Appetit bisweilen doch selbst wundernahm.
Diesmal setzte er sich in der denkbar schlechtesten Laune an seinen Tisch, warf Hut und Stock auf irgendeinen Stuhl, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und versank in Nachdenken. Wenn jetzt sein Nachbar, der am nächsten Tisch ruhig speiste, irgendwie unruhig oder laut geworden wäre, oder wenn der Kellner seine Bestellung nicht sogleich verstanden hätte: er, Weltschaninoff, der sonst so höflich, so erhaben ruhig zu sein verstand, sobald es nötig war, – er wäre unfehlbar aufgebraust wie irgend so ein Grünschnabel und hätte womöglich einen Skandal hervorgerufen.
Man brachte ihm die Suppe, er nahm den Löffel – plötzlich aber, noch bevor er die Suppe angerührt hatte, fuhr er so zusammen, daß er fast vom Stuhl aufgesprungen wäre und unwillkürlich den Löffel auf den Tisch warf. Ein ganz unerwarteter Gedanke hatte ihn wie ein Blitz durchzuckt, und in derselben Sekunde hatte er – Gott weiß, wie das zuging – plötzlich die Ursache seiner Unruhe erkannt, die Ursache einer ganz besonderen, eigentümlichen Nervosität, die ihn schon seit mehreren Tagen quälte und mit den Erinnerungen nichts zu schaffen hatte, die, Gott weiß weshalb, über ihn gekommen waren und sich trotz aller Versuche nicht hatten abschütteln lassen. Und nun plötzlich war es wie Schuppen von seinen Augen gefallen und alles wurde ihm klar und er begriff den ganzen Zusammenhang.
„Das ist ja alles nur jener Hut!“ sagte er sich, und diese Erleuchtung erfüllte ihn geradezu mit Begeisterung. „Nur dieser verdammte runde Hut mit diesem abscheulichen Trauerflor, der ist an allem schuld!“
Er begann nachzudenken – und je länger er nachdachte, um so mehr verdüsterte sich sein Gesicht und um so wunderlicher erschien ihm diese ganze Begebenheit.
„Aber ... aber, wo ist hier denn eine Begebenheit?“ protestierte er mißtrauisch gegen die eigene Bezeichnung. „Was liegt denn hier überhaupt vor, dem auch nur entfernt die Bezeichnung, ‚Begebenheit‘ zustände?“
Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Vor etwa vierzehn Tagen (genau wußte er selbst nicht, wie lange es her war, aber es mochte immerhin annähernd stimmen) war ihm auf der Straße zum erstenmal – es war an der Ecke der Podjatscheskaja und der Meschtschanskaja gewesen, dessen entsann er sich plötzlich genau – ja, dort war ihm zum erstenmal ein Herr begegnet, der auf seinem Hut einen Trauerflor trug. Der Herr hatte wie jeder andere Herr ausgesehen, sagte sich Weltschaninoff, es war gar nichts Außergewöhnliches an ihm gewesen: er war schnell an ihm vorübergegangen, hatte ihn aber ... irgendwie – ja: irgendwie aufmerksam angesehen, so daß er unwillkürlich auch Weltschaninoffs Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, und das sogar in hohem Maße. Wenigstens war ihm das Gesicht des Fremden bekannt erschienen. „Ach, übrigens – wer kann all die tausend Physiognomien behalten, denen man im Leben begegnet ist!“ hatte er jedoch im nächsten Augenblick bei sich gedacht und seinen Weg fortgesetzt. Und nach etwa zwanzig Schritten, so schien es ihm nun, hatte er die Begegnung wieder vergessen, obschon der erste Eindruck kein geringer gewesen war. Und tatsächlich war er denn auch diesen Eindruck den ganzen Tag nicht losgeworden – freilich war es ganz unbewußt sozusagen ahnungslos geschehen, daß er ihn mit sich herumtrug, es war gewesen, wie wenn eine ganz eigentümliche, undeutliche, gegenstandslose Wut in ihm gelegen hätte, deren Ursache er selbst nicht anzugeben vermochte. Jetzt, nachdem fast schon zwei Wochen darüber vergangen waren, entsann er sich dessen ganz genau; und er erinnerte sich sogar, daß er damals nicht hatte verstehen können, woher diese Wut, diese Verbissenheit geradezu, über ihn gekommen war: er wäre wohl auf alles eher als auf den Gedanken verfallen, seine mißliche Gemütsverfassung an diesem Tage auch nur entfernt mit jener Begegnung am Morgen in Verbindung zu bringen, um wieviel weniger noch, in ihr die alleinige Ursache seiner unruhigen Stimmung zu suchen. Doch jener Unbekannte sorgte selbst dafür, daß er ihn nicht vergaß: am nächsten Tage begegnete er Weltschaninoff auf dem Newskij-Prospekt und wieder sah er ihn so eigentümlich an. Weltschaninoff spie aus, doch kaum war es geschehen, da wunderte er sich über sich selbst. Es gibt ja allerdings Physiognomien, die im Augenblick einen ganz grundlosen und zwecklosen Widerwillen erwecken, doch deshalb –
„Ja, ich muß ihm wirklich schon früher einmal begegnet sein,“ murmelte Weltschaninoff nachdenklich, als bereits eine halbe Stunde nach dieser Begegnung vergangen war. Den Rest des Tages verbrachte er aber wiederum in der unangenehmsten Stimmung, und in der Nacht hatte er sogar einen bösen Traum. Und doch kam er nicht darauf, daß die ganze Ursache dieser neuen und eigentümlichen Hypochondrie nur jener Herr mit dem Trauerflor um den Hut war, obschon er im Laufe des Abends mehr als einmal an ihn gedacht und sich vorübergehend sogar gallig darüber geärgert hatte, daß „solch ein Subjekt“ sich breit zu machen wagte; doch diesem „Subjekt“ nun gar seine ganze Unruhe zuzuschreiben – das hätte er entschieden für eine Erniedrigung gehalten, wenn er überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre.
Zwei Tage darauf begegnete er ihm wieder, im dichtesten Gedränge an einer Landungsstelle der Newadampfer. Diesmal hätte Weltschaninoff darauf schwören mögen, daß der Herr mit dem Trauerflor um den Hut ihn erkannt und sich krampfhaft zu ihm hin gedrängt habe, doch die Menge brachte sie auseinander. Einen Moment hatte es ihm sogar geschienen, als habe sich jener „erfrecht“, ihm die Hand entgegen zu strecken, ja, vielleicht hatte er ihn sogar angerufen, sogar beim Namen gerufen! Letzteres hatte er übrigens nicht genau gehört, aber –
„Wer, zum Teufel, ist denn dieser Schuft und weshalb kommt er nicht auf mich zu, wenn er mich erkannt hat und doch offenbar etwas von mir haben will?“ dachte er ärgerlich, während er in eine Droschke stieg und in der Richtung des Ssmolnaklosters davonfuhr. Eine halbe Stunde darauf stritt er sich bereits heftig mit seinem Rechtsanwalt, doch am Abend und in der Nacht kamen wieder die Qualen seiner allerabscheulichsten und sogar ins Phantastische ausartenden Hypochondrie.
„Oder sollte etwa meine Galle nicht in Ordnung sein?“ fragte er sich argwöhnisch und betrachtete sich im Spiegel, um sein Gesicht auf etwaige Anzeichen der Gelbsucht hin zu prüfen.
Es war die dritte Begegnung gewesen. Darauf sah er ihn fünf Tage lang kein einziges Mal: der „Schuft“ schien verschwunden zu sein. Inzwischen aber, ob er wollte oder nicht, trat ihm der Mann mit dem Trauerflor doch immer wieder ins Gedächtnis und seine Gedanken beschäftigten sich unaufhörlich mit dem Unbekannten. Mit einer gewissen Verwunderung ertappte er sich selbst auf seinen Gedanken.
„Es ist ja, bei Gott, als hätte ich Sehnsucht nach ihm! – oder was ist es sonst? Hm! ... Er muß hier in Petersburg viel zu tun haben – um wen er wohl trauern mag? Augenscheinlich hat er mich erkannt, ich aber – ’s ist doch zu dumm! Ich kann mich wirklich nicht ... Und wozu nur diese Leute einen Trauerflor um den Hut tragen? Es steht ihnen nicht ... Ich glaube, wenn ich ihn genauer betrachtete, würde ich ihn erkennen ...“
Und da war es ihm, als beginne sich etwas ... so ... so wie zu regen in seinem Gedächtnis: gleichsam ein bekanntes, doch aus irgendeinem Grunde vergessenes Wort wollte aufsteigen, auf das er sich durch krampfhaft konzentriertes Denken zu besinnen suchte, wie man es so oft vergeblich tut: man kennt das im Moment entfallene Wort sehr gut und man weiß, daß man es kennt; man weiß auch, was es bedeutet, man windet sich förmlich darum herum, und doch – man kommt nicht darauf, so sehr man sich auch quält!
„Das war ... das ist schon lange her ... und das war irgendwo ... nicht hier. Da war etwas ... da war ... – ach, hol’s der Teufel, was dort war oder nicht war!“ rief er plötzlich entschieden verärgert aus, „und ist denn dieser Lump es überhaupt wert, daß man sich seinetwegen so ... abquält und erniedrigt? ...“
Und er ärgerte sich furchtbar; als er sich jedoch am Abend plötzlich erinnerte, daß er sich geärgert, und sogar furchtbar geärgert hatte, da war ihm das wieder sehr, wirklich, sehr unangenehm. Es war ihm, als habe ihn jemand in irgendeiner Beziehung gewissermaßen eingefangen. Das verwirrte ihn. Und er wunderte sich.
„So muß denn doch eine Ursache vorhanden sein, weshalb ich mich ärgere ... so ganz ohne jede Veranlassung ... bei der bloßen Erinnerung ...“ Er wollte aber seinen Gedanken nicht zu Ende denken.
Doch am nächsten Tage ärgerte er sich noch mehr, nur glaubte er diesmal, allen Grund dazu zu haben, und mit seinem Ärger durchaus im Recht zu sein, denn – „die Frechheit war unerhört!“ – jener war ihm zum vierten Male begegnet.
Wie aus dem Boden geschossen war plötzlich dieser verwünschte Hut mit dem Trauerflor vor ihm aufgetaucht. Weltschaninoff hatte gerade jenen einflußreichen Staatsrat, den er neuerdings in seiner Villa aufzusuchen, d. h. quasi zu überrumpeln gedachte, ganz zufällig auf der Straße getroffen und es war ihm sogar gelungen, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er bemühte sich aber vergeblich, den alten Schlaukopf, dem diese Begegnung mit Weltschaninoff natürlich sehr unangenehm war, durch entsprechende Fragen auf das gewünschte Thema zu bringen, um ihn dann geschickt zu zwingen, doch irgend etwas über den Ausgang seines Prozesses verlauten zu lassen. Das verlangte ein gutes Stück Mühe, Gedankenverbindung und Politik, denn der alte Fuchs ließ sich nicht so leicht in die Enge treiben. Und da – gerade in dem Augenblicke, als Weltschaninoff eine geschickte Frage einflechten wollte – gerade da fügte es das Schicksal, daß er über die Straße sah und dort auf dem anderen Trottoir plötzlich – den Mann mit dem Trauerflor erblickte. Er stand und sah von dort aus aufmerksam zu den beiden hinüber: er mußte ihnen gefolgt sein, das war klar, und wie es schien, lächelte er sogar höhnisch.
„Zum Teufel!“ fluchte Weltschaninoff, nachdem er sich vom Staatsrat verabschiedet hatte und nun seinen ganzen Mißerfolg dem Erscheinen dieses „Frechlings“ zuschrieb. „Zum Teufel, sollte er etwa ein Spion sein, der mich nicht aus dem Auge lassen will? Daß er mich verfolgt, liegt ja auf der Hand! Sollte er etwa von irgend jemandem dazu angestellt sein ... und ... und bei Gott, das Vieh grinste noch obendrein! Ich werde ihn ... prügeln, daß ihm kein Knochen im Leibe heil bleiben soll, bei meiner Ehre! Schade nur, daß ich keinen Stock trage! ... Ich werde mir einen kaufen, ganz einfach! Das lasse ich mir nicht bieten! Wer er wohl sein mag? Das muß ich unbedingt in Erfahrung bringen!“
Drei Tage nach dieser vierten Begegnung, es war am dritten Juli, fühlte sich Weltschaninoff, als er das Restaurant betrat, in dem er zu speisen pflegte, bereits ernstlich erregt, beunruhigt und in etwas sogar aus dem Geleise gebracht. Doch das haben wir schon oben erwähnt. Nur konnte er sich jetzt nicht mehr über die Ursache dieses seines Zustandes Täuschungen hingeben, obschon sein Stolz diese letzteren der Wahrheit gern vorgezogen hätte. Wie die Dinge nun einmal lagen, wurde er ja geradezu zu der Erkenntnis gezwungen, daß seine ganze eigentümliche Stimmung, seine vierzehntägige Übellaunigkeit und Unruhe auf nichts anderes zurückzuführen waren, als auf „diesen selben Trauerflormenschen“, obschon dieses „nichtswürdige Subjekt“ einer solchen Ehre gar nicht wert war.
„Schön, sagen wir, nehmen wir an, ich bin ein Hypochonder,“ dachte Weltschaninoff, „und folglich geneigt, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, – so fragt es sich doch, ob es mir denn dadurch leichter wird, wenn ich mir sage, daß alles das _vielleicht_ nur meine Einbildung ist? Denn, wäre in der Tat jedes ähnliche Subjekt imstande, einen Menschen vollständig aus dem Gleichgewicht zu bringen, so wäre das doch ... so wäre das doch ...“
Er fand nicht sogleich den richtigen Ausdruck.
Allerdings hatte sich der Elefant diesmal bei der fünften Begegnung, die Weltschaninoff so aus dem „Gleichgewicht“ gebracht hatte, fast ganz als Mücke gezeigt: er war wie gewöhnlich aufgetaucht und an ihm vorübergeglitten, hatte ihn aber weder angesehen, noch sonstwie zu zeigen versucht, daß er ihn erkannt habe und überhaupt kenne, wie er es früher jedesmal getan, sondern hatte im Gegenteil den Blick gesenkt und offenbar ganz unbemerkt verschwinden wollen. Da hatte sich aber Weltschaninoff brüsk nach ihm umgekehrt und laut gerufen:
„He! Sie da! Hut mit dem Trauerflor! Jetzt laufen Sie! He! Stillgestanden! Wer sind Sie?“
Die Frage, wie der ganze Anruf waren natürlich sehr dumm, doch Weltschaninoff sah das erst ein, als es schon zu spät war. Der Herr war zusammengezuckt und stehen geblieben, hatte sich halb umgedreht und gelächelt – sichtlich verwirrt – und so hatte er eine Weile gestanden, offenbar in der größten Unentschlossenheit, und dann plötzlich hatte er kehrtgemacht und war davongeeilt, ohne sich noch einmal umzusehen. Verwundert sah ihm Weltschaninoff nach.
„Aber wie? ...“ fragte er sich plötzlich, „wie, wenn in Wirklichkeit nicht er es ist, der mich verfolgt, sondern ich es bin, der ihn verfolgt, und wenn das schließlich die Sache ganz anders erklärt?“
Nachdem er gespeist und bezahlt hatte, begab er sich sogleich nach dem Landhause jenes einflußreichen Staatsrats. Er traf ihn jedoch nicht zu Hause an. Man sagte ihm, der Herr sei am Morgen ausgegangen und werde wohl kaum vor drei oder vier Uhr nachts aus der Stadt zurückkehren, da er zu einer Namenstag-Feier eingeladen sei. Das fand nun Weltschaninoff dermaßen „beleidigend“, daß er in der ersten Wut ohne weiteres beschloß, den Staatsrat dort im fremden Hause aufzusuchen, und so nannte er dem Kutscher die Adresse. Unterwegs wurde er zum Glück etwas ruhiger und sagte sich, daß er in seinem Vorhaben doch wohl zu weit gehe, und nachdem er das eingesehen, ließ er den Kutscher halten und stieg aus, um sich zu Fuß nach Hause zu begeben. Es stand ihm freilich noch ein weiter Weg bevor – bis zum Großen Theater – aber er hatte das Bedürfnis, sich Bewegung zu machen: um seine Nerven zu beruhigen, mußte er sich um jeden Preis einmal gut ausschlafen; um jedoch überhaupt einschlafen zu können, mußte er sich physisch ermüden. So langte er erst gegen elf Uhr in seiner Wohnung an und fühlte sich durch den weiten Gang auch wirklich ganz erschöpft.
Seine Wohnung, die er im März bezogen hatte, und an der er mit einer gewissen Schadenfreude alles auszusetzen fand – doch entschuldigte er sich gewöhnlich wieder damit, daß er ja nur durch „diesen verdammten Prozeß“ ^en passant^ in Petersburg steckengeblieben sei, was ihn dann etwas zu beruhigen schien – diese Wohnung war in Wirklichkeit durchaus nicht so schlecht und „geradezu schmachvoll“, wie er sich selbst ausdrückte. Der Eingang war allerdings etwas dunkel, was die Bezeichnung Weltschaninoffs, er sei „einfach schwierig“ in etwas rechtfertigte, zumal die Tür zum Treppenhaus sich unter dem Torbogen befand. Dafür aber war die Wohnung selbst, die im zweiten Stockwerk lag, sogar sehr anständig: sie bestand aus zwei großen, hohen und hellen Zimmern, die ein dunkles Vorzimmer voneinander trennte und von denen das eine nach der Straße, das andere nach dem Hofe lag. An letzteres schloß sich seitlich noch ein kleineres Zimmer an, das eigentlich als Schlafzimmer gedacht war, doch Weltschaninoff benutzte es als Aufbewahrungsraum, in dem er Bücher und Papiere kunterbunt liegen ließ. Als Schlafraum benutzte er dagegen das größte Zimmer, jenes, das an der Straßenseite des Hauses lag. Dort schlief er auf einem Diwan. Seine Möbel waren zwar nicht mehr ganz neu, aber doch nicht übel, und sogar einige kostbare Sachen waren darunter vorhanden – Reste einstiger Wohlhabenheit: kleine Kunstgegenstände in Bronze und Porzellan, große bucharische Teppiche, sogar zwei ganz gute Gemälde. Nur befand sich alles in einer gewissen Unordnung, alles stand wie nicht auf dem richtigen Platze und stellenweise war sogar Staub zu sehen, seitdem sein Dienstmädchen Pelageja zu ihren Verwandten nach Nowgorod gefahren war und ihn vorläufig allein gelassen hatte. Diese sonderbare Tatsache, daß er als unverheirateter Lebemann, der doch immer noch in erster Linie für einen Gentleman gelten wollte, nur einen einzigen dienstbaren Geist und noch dazu weiblichen Geschlechts hatte, ließ Weltschaninoff oft fast vor sich selber erröten, obschon er mit dieser Pelageja sehr zufrieden war. Im Frühling, als er die Wohnung bezogen, hatte er sie von einer bekannten Familie, die ins Ausland reiste, übernommen und sich so an sie gewöhnt, daß er sich nicht entschließen konnte, für die Zeit ihrer Abwesenheit ein anderes weibliches Wesen zu nehmen. Einen Diener zu engagieren, das lohnte sich für die kurze Zeit nicht, und außerdem hatte er Diener eigentlich nicht gern. So kam denn jeden Morgen die Schwester der Portiersfrau, Mawra, um aufzuräumen, und ihr übergab er auch jedesmal den Türschlüssel, wenn er ausging. Nur tat diese Mawra für das Geld, das er ihr zahlte, so gut wie nichts und allem Anscheine nach stahl sie sogar. Doch Weltschaninoff befand sich in einer Stimmung, in der er alles Nebensächliche gehen ließ, wie es eben ging, und zuweilen war er sogar sehr zufrieden damit, daß er jetzt ganz allein sein konnte. Doch auch das hatte seine Grenze und wenn er verbittert in sein Heim zurückkehrte, rebellierten seine Nerven empfindlich gegen diesen ganzen „Schmutz“, wie er sich ausdrückte, und mit Widerwillen betrat er dann seine Zimmer.
Diesmal langte er aber so müde in seiner Wohnung an, daß er nichts als den einen Wunsch empfand – „nur zu schlafen“. Und kaum hatte er sich so – ohne sich ganz zu entkleiden – auf sein Lager geworfen und die Augen geschlossen, da vergaß er auch schon alles und schlief ein, während ihn sonst den ganzen Monat über fast in jeder Nacht Schlaflosigkeit gequält hatte.
Er schlief etwa drei Stunden, doch war es ein schwerer, unerquickender Schlaf mit so seltsamen Träumen, wie sie sonst nur Fieber und Krankheit zusammenzudichten vermögen. Es handelte sich da um irgendein Verbrechen, das er begangen haben sollte und nun zu verheimlichen suchte, doch wurde er einstimmig von Menschen, die ununterbrochen irgendwoher ins Zimmer traten, dieses Verbrechens beschuldigt. Es hatte sich schon eine ganze Menge versammelt, aber es kamen immer noch mehr hinzu, so daß die Tür gar nicht geschlossen wurde, sondern offen stand. Doch das allgemeine Interesse konzentrierte sich schließlich auf einen sonderbaren Menschen, den er gekannt und der ihm einmal sehr nahe gestanden hatte, jedoch schon seit Jahren verstorben, jetzt aber aus irgendeinem Grunde plötzlich gleichfalls eingetreten war. Am meisten quälte Weltschaninoff, daß er nicht wußte, wer dieser Mensch war, daß er seinen Namen vergessen hatte und sich nicht auf ihn besinnen konnte; er entsann sich nur noch, ihn einst sehr gern gehabt zu haben. Und von diesem Menschen schienen alle Anwesenden voll Ungeduld das entscheidende Wort zu erwarten: die Beschuldigung oder die Freisprechung Weltschaninoffs. Doch jener saß regungslos am Tisch und schwieg und wollte nicht sprechen. Die Menge wurde immer lauter, der Lärm wuchs unaufhaltsam, man war aufgebracht, gereizt, und plötzlich wurde Weltschaninoff von rasender Wut erfaßt, er holte aus und schlug diesen Menschen, weil er nicht sprechen wollte. Das Gefühl aber, das diese Tat in ihm hervorrief, war wie eine seltsame Genugtuung, wie ein Genuß: sein Herz stand still vor Entsetzen und Schmerz über seine Tat, doch gerade in diesem Aussetzen des Herzschlages lag der Genuß. Und da packte ihn plötzlich grimmiger Haß und er schlug ihn noch einmal und schlug ihn zum drittenmal, und wie trunken vor Jähzorn und sinnloser Angst, die fast an Wahnsinn grenzte und dennoch nur eine grenzenlose Lust war, zählte er nicht mehr seine Schläge, er schlug nur und schlug. Er wollte alles, alles „jenes“ vernichten. Plötzlich aber war irgend etwas geschehen: das Geschrei der Menge schwoll laut an und alle wandten sich wie in gespannter Erwartung zur Tür, und in derselben Sekunde wurde jäh die Türglocke gezogen, gellend laut, und mit solcher Kraft, als wolle man den Glockenzug abreißen. Weltschaninoff erwachte, kam im Augenblick zu sich, sprang auf und stürzte zur Tür – er war überzeugt, daß wirklich geläutet worden sei, – denn das konnte doch kein Traum sein! „Es wäre doch gar zu unnatürlich, wenn ich diesen lauten, greifbar hörbaren Schall nur im Traum gehört haben sollte!“ sagte er sich.
Zu seiner größten Verwunderung aber erwies sich der Schall doch nur als Traum. Er öffnete die Tür, trat in den Flur hinaus, sah auch hinunter ins Treppenhaus – es war niemand zu sehen. Die Glocke hing regungslos. Er wunderte sich, fühlte sich aber doch leichter gestimmt, und kehrte ins Zimmer zurück. Während er das Licht anzündete, fiel es ihm ein, daß er die Tür wohl geschlossen, aber nicht verschlossen und verriegelt hatte. Auch früher schon hatte er nachts, wenn er nach Haus kam, oft vergessen, den Schlüssel umzudrehen, ohne der Sache irgendwelche Bedeutung beizumessen, obschon Pelageja ihm deshalb jedesmal Vorwürfe gemacht hatte. So ging er jetzt ins Vorzimmer zurück, öffnete noch einmal die Tür und sah in den Flur hinaus, dann schloß er sie wieder und schob den Riegel vor – nur um den Schlüssel umzudrehen, dazu war er doch zu faul. Die Uhr schlug halb drei; er mußte also über drei Stunden geschlafen haben.
Der Traum hatte ihn so aufgeregt, daß er sich nicht gleich wieder hinlegen wollte und im Zimmer eine halbe Stunde auf- und abzugehen beschloß – „Zeit, um eine Zigarette zu rauchen,“ sagte er sich. Er zog die vorhin abgeworfenen Kleidungsstücke wieder an, trat ans Fenster, schob den schweren Stoffvorhang zur Seite und zog das weiße Rouleau in die Höhe. Auf der Straße war es bereits hell genug, um alles deutlich unterscheiden zu können. Die hellen Petersburger Sommernächte hatten von jeher eine gewisse nervöse Reizbarkeit in ihm hervorgerufen, und in der letzten Zeit waren sie gewiß auch an seiner Schlaflosigkeit schuld gewesen, wenigstens zum Teil. Deshalb hatte er vor etwa zwei Wochen diese dicken Vorhänge gekauft, die das Zimmer vollständig verdunkelten, wenn er sie vorzog. Von draußen drang jetzt das fahle Dämmerlicht der hellen Nacht ins Zimmer, doch Weltschaninoff vergaß die brennende Kerze auf dem Tisch und ging mit einem eigentümlich schweren und kranken Gefühl auf und ab. Der Eindruck des Traumes wirkte noch nach. Er litt noch im Ernst darunter, daß er seine Hand gegen diesen Menschen hatte erheben und ihn schlagen können.
„Aber diesen Menschen gibt es ja gar nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben, das war doch nur ein Traum – was fällt mir denn ein?“
Und er zwang sich mit einer förmlichen Erbitterung – und als sei das seine einzige Sorge – nur daran zu denken, daß er entschieden einer Krankheit entgegengehe und daß er „überhaupt ein kranker Mensch“ sei.
Es fiel ihm gar zu schwer, sich einzugestehen, daß er eben älter, daß er alt und schwach werde, und nur in den schlimmsten Stunden übertrieb er wohl in Gedanken alle Altersanzeichen geflissentlich und bis zur Boshaftigkeit, nur um sich in seinem Ingrimm noch mehr zu reizen.
„Ja: das ist das Alter!“ murmelte er dann vor sich hin, während er ruhelos auf- und abging, „bin schon der richtige Klappergreis – das Gedächtnis schwindet, sehe Halluzinationen, verrückte Träume, höre Glocken läuten ... Hol’s der Teufel! Ich weiß doch aus Erfahrung, daß solche Träume immer eine Krankheit bei mir ankünden! ... Ich bin überzeugt, daß auch diese ganze Geschichte mit dem Trauerflor gleichfalls nur ein Traum ist. Ganz entschieden habe ich gestern recht gehabt: nicht er ist es, der mir nachläuft, sondern umgekehrt: ich, ich bin es, der ihm nachläuft! Ich habe mir da ’ne ganze Ballade um seine Person zusammengereimt und bin vor Angst fast unter den Tisch gekrochen. Und wie komme ich eigentlich darauf, ihn mit allen nur ausdenkbaren Schimpfwörtern zu betiteln? Er kann sogar ein äußerst anständiger Mensch sein. Sein Gesicht – das ist wahr – ist allerdings unsympathisch, obschon darin eigentlich nichts ausgesprochen Häßliches liegt. Kleidet sich wie alle anderen. Der Blick ist zwar irgendwie so ... Doch schon wieder denke ich an ihn! Schon wieder! Was zum Teufel geht mich sein Blick an! Bei Gott, es ist ja, als konnte ich überhaupt nicht mehr leben ohne diesen ... Spitzbuben!“
Es fuhren ihm verschiedene Gedanken durch den Sinn, von denen ihn aber einer höchst unangenehm berührte; es war ihm, als sei er plötzlich überzeugt, daß dieser Mensch mit dem Trauerflor irgendwo und -wann einmal mit ihm befreundet gewesen sein müsse und jetzt bei jeder Begegnung über ihn lache, weil er um irgendein großes Geheimnis seiner Vergangenheit wußte und ihn nun in einer so „erniedrigenden Situation“ sah. Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat er ganz mechanisch ans Fenster, um es zu öffnen und die Nachtluft einzuatmen und – und plötzlich, er hatte den Fenstergriff noch nicht angerührt, erschrak er so heftig, daß er zusammenfuhr: es war die jähe Empfindung, daß dort vor ihm etwas Unerhörtes, Unmögliches geschehen sei.
Im Augenblick versteckte er sich hinter dem dunklen Vorhang, um vorsichtig, ohne selbst gesehen werden zu können, auf die Straße zu spähen: und richtig: auf dem gegenüberliegenden Trottoir der menschenleeren Straße sah er plötzlich, seinem Hause gerade gegenüber, den Herrn mit dem Trauerflor stehen. Der Herr stand, das Gesicht den Fenstern seiner Wohnung zugewandt, (doch offenbar hatte er ihn nicht am Fenster bemerkt) und betrachtete neugierig und wie mit bestimmten Gedanken vorbeschäftigt, das Haus. Es machte den Eindruck, als könne er mit den Gedanken nicht zu Ende kommen, obschon er sich sichtlich gern zu etwas entschließen wollte: er hob die Hand und schien den Finger an die Stirn zu legen. Endlich hatte er sich entschlossen: er sah sich flüchtig nach beiden Seiten um und schlich dann schnell auf den Fußspitzen über die Straße, und – richtig! – er verschwand unter dem Torbogen des Hauses –: das Nebenpförtchen, das im Sommer oft nicht vor dem Morgen verschlossen wurde, kreischte leise.
„Er kommt zu mir!“ fuhr es Weltschaninoff wie ein Blitz durch den Sinn, und plötzlich eilte er schnell, doch leise und auf den Fußspitzen, ins Vorzimmer zur Tür und – hielt den Atem an, die zuckende Rechte leicht auf den vorgeschobenen Riegel gelegt, und so lauschte er in äußerster Spannung auf das Geräusch der erwarteten Schritte im Treppenhaus.
Sein Herz pochte so laut, daß er fürchtete, zu überhören, wie der Unbekannte auf den Fußspitzen die Treppen hinaufschlich. Er dachte nicht an die Bedeutung des Vorgangs, er fühlte nur alles mit einer wie verzehnfachten Schärfe. Sein Traum von vorhin schien mit der Wirklichkeit eins geworden zu sein. Weltschaninoff war von Natur mutig, doch liebte er es zuweilen, seine Furchtlosigkeit in Erwartung der Gefahr so weit zu treiben, daß sie förmlich an Prahlerei gemahnte – sogar dann, wenn niemand zugegen war; er tat’s eben, um sich selbst zu gefallen. Jetzt aber kam noch etwas anderes hinzu. Der Hypochonder und angehende Greis von vorhin hatte sich vollständig verwandelt, er war ein ganz anderer Mensch geworden. Ein nervöses, unhörbares Lachen erschütterte ihn innerlich. Hinter der geschlossenen Tür stehend, erriet er jede Bewegung des Unbekannten.
„Ah! Da kommt er! ... Jetzt ist er angelangt ... hält Umschau ... horcht hinunter ... atmet kaum, schleicht ... ah! Da hat er die Klinke gefaßt, drückt, versucht! Er hat wohl darauf gerechnet, daß meine Tür offen sein wird! Dann muß er also schon erfahren haben, daß ich bisweilen vergesse, zuzuschließen! Wieder drückt er die Klinke, zieht ... was er wohl denken mag? – daß der Riegel von selbst zurückschnellen wird? Er kann sich nicht trennen! Es tut ihm gewiß leid, umsonst gekommen zu sein!“
Und in der Tat, es mußte dort hinter der Tür wirklich alles so geschehen sein, wie er es sich vorstellte: jemand stand dort und versuchte leise und vorsichtig die Tür zu öffnen, und tat es – „versteht sich, nicht ohne besondere Absicht“, wie sich Weltschaninoff sagte: und im Nu hatte er seinen Entschluß gefaßt, wie er das Rätsel lösen wollte. Mit einer gewissen Begeisterung geradezu wartete er auf den richtigen Augenblick, stellte er sich zurecht und machte sich bereit: er wollte plötzlich den Riegel zurückziehen und die Tür aufstoßen und Auge in Auge dem „Schreckgespenst“ gegenüberstehen. – „Wenn ich bitten darf, was tun Sie denn hier, Verehrtester?“
Und so geschah es auch: als er den richtigen Moment abgepaßt hatte, zog er den Riegel zur Seite, riß die Tür auf und – prallte fast zusammen mit dem Herrn, der auf dem Hut einen Trauerflor trug.
III. Pawel Pawlowitsch Trussozkij.
Der Fremde schien sprachlos zu sein. Beide standen sie sich auf der Schwelle dicht gegenüber und sahen einander unbeweglich an. So vergingen mehrere Sekunden und plötzlich – erkannte Weltschaninoff seinen Gast!
Gleichzeitig schien auch der Gast zu erraten, daß Weltschaninoff ihn erkannt hatte: das verriet sein aufblitzender Blick. Und im Augenblick taute sein ganzes Gesicht auf und lächelte das freundlichste Lächeln ...
„Ich habe wohl das Vergnügen, mit Alexei Iwanowitsch zu sprechen?“ fragte er fast singend mit einer süßlichen und zur ganzen Situation so unpassenden Stimme, daß sie direkt komisch wirkte.
„Ja sind Sie denn wirklich Pawel Pawlowitsch Trussozkij?“ fragte endlich Weltschaninoff noch ganz verdutzt.
„Wir waren vor etwa neun Jahren in T. miteinander bekannt, und – wenn Sie mir gestatten, Sie daran zu erinnern – waren sogar befreundet.“
„Ja ... nun ja ... schön, aber – jetzt ist es drei Uhr nachts und Sie haben ganze zehn Minuten lang meinen Türverschluß untersucht, um sich zu vergewissern, ob man bei mir nicht ohne weiteres eintreten kann ...“
„Drei Uhr!“ rief der Gast erstaunt, zog seine Uhr hervor und betrachtete sie ganz bekümmert, „ja richtig: drei Uhr! Entschuldigen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich hätte mir das vorher sagen sollen – wie konnte ich nur! Doch – ich werde in den nächsten Tagen vorsprechen und dann alles erklären, jetzt aber ...“
„Oh, nein! Wenn Sie was erklären wollen, dann gefälligst gleich!“ fiel ihm Weltschaninoff scharf ins Wort. „Wenn ich bitten darf, dorthin ins Zimmer – treten Sie ein ... Sie werden doch, wie ich annehme, sowieso die Absicht gehabt haben, einzutreten, da Sie wohl nicht nur zu dem Zweck in der Nacht hergekommen sind, um Schlösser zu untersuchen ...“
Er war doch etwas aufgeregt und zugleich auch wie verdutzt. Dabei fühlte er, daß er seine Gedanken nicht sammeln konnte. Er begann sogar, sich zu schämen: also weder ein Geheimnis, noch eine Gefahr – nichts von dem steckte hinter seiner ganzen Gespensterseherei! Nichts blieb von ihr übrig als nur die dumme Gestalt irgendeines Pawel Pawlowitsch. Aber – im Grunde glaubte er doch nicht so ganz, daß wirklich nichts weiter dahinterstecke, es war doch wie eine dunkle, beklemmende Ahnung in ihm.
Er ließ seinen Gast Platz nehmen und setzte sich selbst in ungeduldiger Erwartung ihm gegenüber auf seinen Schlafdiwan, einen Schritt vom Lehnsessel des anderen entfernt, stützte die Handflächen auf die Knie und wartete gereizt auf das, was jener nun vorbringen würde. Er betrachtete ihn neugierig und die Erinnerungen an die Zeit ihrer einstigen Bekanntschaft vervollständigten sich. Doch seltsamerweise blieb jener immer noch stumm, ja er schien nicht einmal zu wissen, daß es einfach seine „Pflicht“ war, zu sprechen; er sah sogar im Gegenteil mit einem sichtlich erwartungsvollen Blick Weltschaninoff an, als müsse dieser beginnen. Vielleicht war er auch nur etwas scheu geworden und empfand zunächst bloß eine gewisse Unsicherheit, wie etwa eine in die Falle geratene Maus. Doch Weltschaninoff wurde wütend:
„Na, was denn nun?“ fuhr er ihn an. „Sie sind doch, denke ich, kein Spuk und kein Traum! Oder haben Sie sich herbemüht, nur um hier eine Leiche vorzustellen? Sie sind mir Ihre Erklärung schuldig, mein Bester!“
Der Gast bewegte sich ein wenig, lächelte und begann vorsichtig:
„Soviel ich sehe, scheint es Sie – vor allen Dingen – zu frappieren, daß ich zu so später Stunde gekommen bin, und – unter so besonderen Umständen ... So daß es mich – zumal wenn ich mich des Früheren erinnere und wie wir auseinandergingen – jetzt sogar selbst wundert ... Doch übrigens, ich hatte ja auch gar nicht die Absicht, Sie aufzusuchen, und wenn es nun schon so gekommen ist, so war das nur ein Zufall ...“
„Was, Teufel, Zufall! Ich habe Sie doch aus dem Fenster gesehen, wie Sie auf den Fußspitzen über die Straße geschlichen sind!“
„Ach, Sie haben es gesehen! Nun, dann wissen Sie jetzt schließlich besser als ich selbst über alles Bescheid! Doch ich reize Sie wohl nur ... Also kurz – da ist ja nicht viel zu sagen: ich halte mich schon seit etwa drei Wochen hier auf, in eigenen Angelegenheiten ... Ich bin ja doch Pawel Pawlowitsch Trussozkij, Sie haben mich ja selbst erkannt. Was mich hier festhält, ist, daß ich mich um meine Versetzung in ein anderes Gouvernement, in einen anderen Dienst und auf einen bedeutend höheren Posten bemühe ... Doch übrigens, das ist es auch nicht! ... Die Hauptsache, wenn Sie wollen, ist, daß ich mich hier nun schon die dritte Woche herumtreibe und die Erledigung meiner Angelegenheit – d. h. also meine Versetzung – wie mir scheint, selbst absichtlich in die Länge ziehe. Und wirklich, wenn mein Gesuch genehmigt werden sollte, so werde ich womöglich am selben Tage noch vergessen, daß ich versetzt bin und Ihr Petersburg nicht verlassen – in meiner gegenwärtigen Stimmung! Ich treibe mich hier herum, als hätte ich mein Ziel verloren, und es ist fast, als freute ich mich sogar darüber, daß ich es verloren habe – in meiner gegenwärtigen Stimmung, wie gesagt ...“
„Was ist denn das für eine gegenwärtige Stimmung?“ fragte Weltschaninoff unwirsch.
Der Gast schlug die Augen zu ihm auf, erhob den Hut und wies mit ernster Würde auf den Trauerflor.
„Ja, sehen Sie, in _dieser_ Stimmung!“
Weltschaninoff sah mit stumpfem Blick auf den Flor, sah seinem Gast ins Gesicht, sah wieder auf den Flor. Plötzlich schoß ihm das Blut auf einen Augenblick jäh ins Gesicht und eine entsetzliche Aufregung überkam ihn.
„Doch nicht Natalja Wassiljewna?“
„Ja. Natalja Wassiljewna. In diesem März ... An der Schwindsucht. Und fast ganz plötzlich, kaum zwei oder drei Monate war sie krank. Und ich bin jetzt – wie Sie sehen!“
Damit breitete der Gast in tiefer Ergriffenheit die Arme aus – in der Linken seinen Hut mit dem Trauerflor – neigte seinen kahlen Kopf tief auf die Brust, und verblieb in dieser Stellung wohl reichlich zehn Sekunden.
Diese Geste und die ganze Pose wirkten auf Weltschaninoff wie eine ernüchternde Erfrischung; ein spöttisches und sogar kränkend verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund – doch nur einen Augenblick: die Nachricht vom Tode dieser Dame (mit der er vor vielen Jahren bekannt gewesen war, und die er schon seit so vielen Jahren völlig vergessen hatte) machte auf ihn seltsamerweise einen nahezu erschütternden Eindruck.
„Ist es möglich!“ murmelte er die ersten besten Worte, die ihm gerade einfielen, „aber weshalb haben Sie mich dann nicht gleich aufgesucht und es mir mitgeteilt?“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, ich sehe und schätze sie, ungeachtet ...“
„Ungeachtet?“
„Ich wollte nur sagen, ungeachtet des langen Zeitraums, der zwischen unserer früheren Bekanntschaft und unserem jetzigen Wiedersehen liegt, haben Sie mir doch sogleich Teilnahme bezeugt und mich noch dazu so aufrichtig Ihres Beileids versichert, daß ich, versteht sich, Dankbarkeit empfinde. Nur das war es, was ich ausdrücken wollte. Nicht, daß ich an meinen Freunden zweifelte oder vielmehr an der Aufrichtigkeit ihres Mitgefühls! Ich kann auch hier, und sogar in jedem Augenblick, mir aufrichtig zugetane Freunde aufsuchen – zum Beispiel, nur um einen Namen zu nennen, etwa Stepan Michailowitsch Bagontoff. Aber unsere Bekanntschaft, Alexei Iwanowitsch – oder sagen wir Freundschaft, zumal ich mit Erkenntlichkeit an sie zurückdenke – liegt ja schon ganze neun Jahre zurück, Sie haben uns doch nachher nicht mehr besucht, und Briefe sind weder von Ihnen noch von uns geschrieben worden ...“
Der Gast sprach so fließend, als hätte er Noten vor sich gehabt, nach denen er unbekümmert singen konnte, doch blickte er die ganze Zeit zu Boden, was natürlich nicht ausschloß, daß er jede Bewegung Weltschaninoffs verfolgte. Dieser hatte sich inzwischen zu ruhigerer Überlegung Zeit genommen.
Indes hörte er seinem Gast mit einer äußerst seltsamen Empfindung zu, die sich in ihrer Art immer deutlicher fühlbar machte, und je aufmerksamer er ihn betrachtete, um so seltsamer war der Eindruck: und plötzlich, als jener innehielt, überfielen ihn mit einemmal die buntesten, verrücktesten Gedanken.
„Aber weshalb habe ich Sie denn nicht gleich erkannt!“ rief er lebhaft aus. „Wir haben uns doch ganze fünf Mal, glaube ich, auf der Straße gesehen!“
„Ja; auch ich entsinne mich dessen; Sie sind mir öfters begegnet – zweimal, oder vielleicht auch sogar dreimal ...“
„Das heißt – _Sie_ sind es, der _mir_ begegnet ist, nicht aber ich Ihnen!“
Weltschaninoff stand auf und plötzlich brach er ganz unvermittelt in lautes Gelächter aus. Pawel Pawlowitsch schloß vorsichtshalber sogleich den Mund, sah ihn aufmerksam an, fuhr aber dann schon im nächsten Moment ruhig fort, als sei nichts geschehen:
„Daß Sie mich nicht erkannt haben, ist weiter nicht verwunderlich, denn erstens ist es lange her, daß wir uns gesehen haben, und zweitens habe ich nachher die Pocken gehabt, von denen natürlich einige Narben im Gesicht geblieben sind.“
„Die Pocken? Bei Gott, er hat tatsächlich die Pocken gehabt! Aber wie hat denn das Sie so ...“
„Heimgesucht? wollen Sie sagen! Ach, es pflegt eben so manches vorzukommen, Alexei Iwanowitsch.“
„Nur ist das immerhin furchtbar komisch! Nun, fahren Sie fort, fahren Sie fort, bester Freund!“
„Obschon Sie auch mir begegnet sind ...“
„Pardon! Weshalb sagten Sie soeben ‚heimgesucht‘? Ich wollte mich ganz anders ausdrücken! – Doch fahren Sie fort!“
Aus irgendeinem Grunde wurde er immer aufgeräumter, geradezu heiter. Der erschütternde Eindruck wurde von ganz anderen Empfindungen verdrängt.
Mit schnellen Schritten ging er im Zimmer auf und ab.
„Und obschon Sie auch mir begegnet sind und ich sogar schon auf der Reise nach Petersburg die Absicht hatte, Sie unbedingt hier aufzusuchen, so bin ich doch jetzt, wie gesagt, in einer solchen Stimmung ... und auch geistig so zerschlagen, eben seit dem März ...“
„Ach ja! seit dem März, richtig ... Erlauben Sie, Sie rauchen doch?“
„Ich – Sie wissen, Natalja Wassiljewna ...“
„Nun ja, nun ja! – aber seit dem März?“
„Ein Zigarettchen vielleicht.“
„Hier, bitte; zünden Sie an und – fahren Sie fort! ... Fahren Sie nur fort, Sie haben mich kolossal ...“
Er zündete sich gerade selbst eine Zigarette an und setzte sich dann schnell wieder auf seinen Diwan. Doch Pawel Pawlowitsch machte eine kleine Pause.
„Weshalb sind denn auch Sie, wie ich sehe, so aufgeregt – sind Sie vielleicht nicht ganz gesund?“
„Eh, zum Teufel mit meiner Gesundheit!“ ärgerte sich Weltschaninoff. „Erzählen Sie weiter!“
Doch je deutlicher die Aufregung des Hausherrn zutage trat, um so ruhiger, selbstzufriedener und sicherer wurde der Gast.
„Ja was soll ich denn da noch weiter erzählen?“ begann er. „Stellen Sie sich doch selbst vor, Alexei Iwanowitsch – einen Menschen, der erstens ganz zerschlagen ist, und nicht nur etwa so bloß relativ, sondern einfach radikal; einen Menschen, der nach zwanzigjähriger Ehe seine Lebensweise von Grund aus ändert und sich hier auf den staubigen Straßen ziellos herumtreibt, wie in der Steppe verirrt, und fast in völliger Selbstvergessenheit, und dem diese Selbstvergessenheit sogar eine gewisse Befriedigung gewährt: Da ist es doch wohl nur natürlich, daß ich bisweilen, wenn mir ein Bekannter oder sogar ein aufrichtiger Freund begegnet, ihm absichtlich aus dem Wege gehe, um nicht mit ihm sprechen zu müssen, im Augenblick wenigstens nicht – d. h. in einem solchen Augenblick der Selbstvergessenheit. Aber dann kommen wieder Stunden, in denen alles lebendig wird und da kommt dann plötzlich eine solche Sehnsucht nach irgend jemandem, der jenes unwiderruflich Vergangene wenigstens miterlebt hat, und das Herz beginnt dabei so zu pochen, daß man nicht nur am Tage, sondern sogar mitten in der Nacht wagt, einen Freund aufzusuchen, nur um sich ihm in die Arme zu werfen, und müßte man ihn auch um vier Uhr – müßte man ihn auch um vier Uhr nachts einzig zu diesem Zweck aus dem Schlaf wecken. So habe ich mich auch jetzt nur in der Stunde geirrt, nicht in der Freundschaft, denn in diesem Augenblick fühle ich mich vollauf belohnt. Was aber die Zeit betrifft, so war ich wirklich der Meinung, es sei erst zwölf, zumal ich in entsprechender Stimmung war. Man trinkt eben seinen eigenen Kummer und es ist, als betrinke man sich an ihm. Aber es ist vielleicht nicht einmal der Kummer, sondern vielmehr die ganze Neuheit der Verfassung, die mich mürbe macht ...“
„Was für Ausdrücke Sie haben!“ bemerkte Weltschaninoff, der plötzlich wieder auffallend ernst geworden war, in eigentümlichem Tone – es klang fast düster.
„Tja, auch die Ausdrücke werden seltsam ...“
„Aber Sie ... Sie scherzen doch nicht?“
„Ob ich scherze!“ rief Pawel Pawlowitsch in wehmütiger Verwunderung, „und das in einem Augenblick, in dem ich mitteile ...“
„Ach, schweigen Sie davon, ich bitte Sie!“
Weltschaninoff stand auf und begann wieder im Zimmer auf und ab zu schreiten.
So vergingen etwa fünf Minuten. Der Gast schien sich gleichfalls erheben zu wollen, doch Weltschaninoff rief sofort: „Bleiben Sie, bleiben Sie, bleiben Sie nur sitzen!“ und so setzte er sich wieder hin.
„Aber wie Sie sich verändert haben!“ begann Weltschaninoff wieder, indem er plötzlich vor ihm stehen blieb, ganz als habe ihn diese Entdeckung geradezu frappiert. „Unglaublich verändert! Ganz fabelhaft! Als wären es zwei ganz verschiedene Menschen!“
„Kein Wunder schließlich: neun Jahre!“
„Nein, nein, nein, nicht die Jahre sind es! Äußerlich haben Sie sich gar nicht so verändert, Sie haben sich in anderer Beziehung verändert!“
„Gleichfalls vielleicht die neun Jahre.“
„Oder seit dem März!“
„He–he!“ lächelte Pawel Pawlowitsch arglistig, „Sie scheinen da einen spaßigen Gedanken zu haben ... Doch wenn ich fragen darf: worin besteht denn eigentlich diese Veränderung?“
„Ja, was ... Früher war’s ein so solider und anständiger Pawel Pawlowitsch, ein so artiger Pawel Pawlowitsch, jetzt aber scheint’s ein ganzer – ^Vaurien^ Pawel Pawlowitsch zu sein!“
Er war so gereizt, daß er – wie es übrigens auch die korrektesten Leute in dieser Stimmung bisweilen tun – bereits Überflüssiges zu sagen begann.
„^Vaurien!^ Finden Sie? Und nicht mehr so ‚artig‘ wie früher? Nicht mehr ein so ‚artiger‘ Pawel Pawlowitsch?“ grinste mit wahrer Wonne der sonderbare Gast.
„Zum Teufel mit der Artigkeit! Statt dessen sind Sie jetzt vielleicht klug geworden!“
„Ich bin grob, aber diese Kanaille ist einfach frech! Und ... was mag er nur wollen, was kann er im Auge haben?“ fragte sich Weltschaninoff unruhig.
„Ach, mein teuerster, mein bester Alexei Iwanowitsch!“ regte sich der Gast mit einemmal furchtbar auf, indem er auf seinem Platz hin- und herrückte, „was geht denn das schließlich uns an? – lassen wir es sein, wie es ist! Wir sind doch jetzt nicht in der Öffentlichkeit, nicht in einer glänzenden, vornehmen Gesellschaft! Wir sind die innigsten und ältesten Freunde, sind hier sozusagen in vollster Aufrichtigkeit zusammengekommen und gedenken beide jenes teuren Bundes, in dem die Verstorbene das teuerste, das unersetzlichste Bindeglied war!“
Und scheinbar erschüttert von auf ihn einstürmenden Gefühlen, neigte er sein Haupt auf die Brust und bedeckte das Gesicht mit dem Hut. Weltschaninoff beobachtete ihn unruhig und fühlte sich angewidert durch sein Gebaren.
„Wie aber, wenn er einfach nur ein Narr ist?“ ging es ihm durch den Sinn, „n–n–nein, n–nein, doch wohl nicht! Er scheint nicht mal betrunken zu sein – übrigens, vielleicht doch: sein Gesicht ist rot. Aber wenn auch – das ist ja schließlich egal. Womit er sich nun wohl wieder heranschlängelt! Was will die Kanaille, wozu wärmt er das wieder auf?“
„Wissen Sie noch, wissen Sie noch,“ rief da Pawel Pawlowitsch, der allmählich den Hut hatte sinken lassen und sich nun von den Erinnerungen scheinbar immer mehr begeistern ließ, „entsinnen Sie sich noch unserer gemeinsamen Ausflüge, unserer Abendgesellschaften und Kränzchen, und wie wir bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch tanzten und Gesellschaftsspiele spielten? Und unsere Leseabende zu dreien? Und unsere erste Bekanntschaft, als Sie eines Vormittags bei mir eintraten, um gewisse Erkundigungen in Ihrer Angelegenheit einzuziehen. Sie ärgerten sich noch und zeterten, und plötzlich trat Natalja Wassiljewna ein und nach zehn Minuten schon wurden Sie zu unserem innigsten Hausfreunde, und das blieben Sie dann ein ganzes Jahr – alles genau so wie in der ‚Provinzlerin‘ von Turgenjeff ...“
Weltschaninoff schritt langsam auf und ab, blickte zu Boden, hörte beunruhigt und angewidert zu, und vernahm doch mit Spannung jedes Wort, das er da hörte.
„Wie kommen Sie auf die ‚Provinzlerin‘,“ unterbrach er ihn etwas konfus, „früher haben Sie nie von ihr gesprochen ... und nie in so rührseligem Tone und in einem ... Ihnen so fremden Stil. Weshalb das jetzt?“
„Ich habe früher allerdings mehr geschwiegen, das heißt, ich war schweigsamer,“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch eilig ins Wort. „Wie Sie wissen, hörte ich lieber zu, wenn die Verstorbene sprach. Sie erinnern sich doch wohl noch, wie geistreich sie sich zu unterhalten verstand ... Was aber die ‚Provinzlerin‘ betrifft, und namentlich den Stupendjeff, so haben Sie auch hierin recht, denn erst nachher – nach Ihrer Abreise – haben wir, die teure Entschlafene und ich, in manchen stillen Stunden, in denen wir Ihrer gedachten, unsere erste Begegnung mit einer Szene dieses Theaterstücks verglichen, – es besteht nämlich in der Tat eine auffallende Ähnlichkeit. Von dem Stupendjeff aber wollte ich nur sagen ...“
„Zum Teufel, was ist das für ein ‚Stupendjeff‘, hol’s der Henker!“ rief Weltschaninoff nervös und stampfte sogar mit dem Fuß auf, so sehr brachte ihn der Name Stupendjeff, der so etwas wie eine blasse Erinnerung und eine ferne Ahnung in ihm heraufbeschwor, aus dem Gleichgewicht.
„Wie, Stupendjeff? Das ist eine Rolle, eine Theaterrolle, die Rolle des Gatten in der ‚Provinzlerin‘. Der heißt nämlich im Stück ‚Stupendjeff‘, wie gesagt,“ sang sogleich mit honigsüßer Stimme Pawel Pawlowitsch. „Doch das gehört bereits zu einem anderen Zyklus teurer und herrlicher Erinnerungen, Erinnerungen aus der Zeit nach Ihrer Abreise, als uns Stepan Michailowitsch Bagontoff mit seiner Freundschaft beglückte, ganz so wie Sie, nur blieb er uns volle fünf Jahre treu.“
„Bagontoff? Wie, was? Was für ein Bagontoff?“ Weltschaninoff war jäh vor ihm stehen geblieben.
„Bagontoff, Stepan Michailowitsch, der uns gerade ein Jahr nach Ihnen mit seiner Freundschaft beschenkte und ... überhaupt ganz so wie Sie ...“
„Ach, mein Gott, natürlich, das wußte ich ja!“ rief Weltschaninoff aus, sich plötzlich besinnend. „Bagontoff! Richtig, er war doch Beamter dort ...“
„Jawohl, jawohl! Beim Gouverneur! Er kam aus Petersburg – er war der eleganteste junge Mann – aus den besten Kreisen!“ versicherte in ausgesprochener Begeisterung Pawel Pawlowitsch.
„Ja, ja, ja! Daß ich nicht gleich drauf verfiel! Und auch er war ja ...“
„Und auch er, auch er!“ bestätigte sofort mit derselben Begeisterung Pawel Pawlowitsch, der das unvorsichtig entschlüpfte Wort eiligst aufgriff, „und auch er! Und mit ihm, sehen Sie, spielten wir dann einmal ‚Die Provinzlerin‘ – es war eine Liebhaberaufführung bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch – und Stepan Michailowitsch Bagontoff spielte den Grafen, ich den Gatten, und die Verstorbene die Provinzlerin ... Nur wurde mir die Rolle des Gatten wieder abgenommen – die Verstorbene bestand darauf – so daß ich den Gatten zur Aufführung denn doch nicht gespielt habe – weil ich angeblich nicht das Zeug dazu hatte ...“
„Ja was zum Teufel haben Sie mit Stupendjeff zu tun! Sie sind vor allem Pawel Pawlowitsch Trussozkij, nicht aber Stupendjeff!“ rief Weltschaninoff fast bebend vor Gereiztheit, alle Rücksichten bereits außer acht lassend. „Aber erlauben Sie, dieser Bagontoff ist doch hier, hier in Petersburg, ich habe ihn selbst gesehen, noch in diesem Frühling habe ich ihn gesehn! Weshalb sind Sie denn nicht auch zu ihm gegangen?“
„Aber ich bin doch gegangen, ich bin doch gegangen! Jeden Tag gehe ich zu ihm, jetzt schon die dritte Woche. Er empfängt aber nicht! Ist krank, kann nicht! Und denken Sie sich, wie ich aus der sichersten Quelle erfahren habe, ist er auch wirklich und sogar höchst gefährlich krank! Und das von einem zu hören, mit dem man sechs Jahre lang befreundet gewesen ist! Ach, Alexei Iwanowitsch, ich sage Ihnen, in einer solchen Stimmung will man oft nichts weiter, als einfach in die Erde versinken, im Ernst! – Im nächsten Augenblick aber, so scheint es einem, würde man am liebsten einen Menschen so nehmen und umarmen wollen, gerade so einen von diesen früheren ... ich möchte sagen, den Augenzeugen und Teilnehmern, und zwar einzig zu dem Zweck, um sich auszuweinen, das heißt, wirklich nur zu dem Zweck, um einmal recht weinen zu können!“
„Nun, jetzt aber – ist es doch genug für heute, nicht wahr?“ unterbrach ihn Weltschaninoff schroff.
„Vollkommen, vollkommen genug!“ versicherte, sogleich sich erhebend, Pawel Pawlowitsch. „Vier Uhr bereits – o, und ich habe Sie in so egoistischer Weise aufgehalten ...“
„Hören Sie, ich werde selbst zu Ihnen kommen, unbedingt, und dann hoffentlich ... Sagen Sie mir mal ganz ehrlich und aufrichtig: sind Sie heute nicht betrunken?“
„Betrunken? Nicht im geringsten ...“
„Haben Sie nichts getrunken, bevor Sie kamen, oder noch früher?“
„Wissen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie haben doch ausgesprochene Krankheitserscheinungen!“
„Ich werde Sie morgen unbedingt aufsuchen, am Vormittag, noch vor ein Uhr ...“
„Ich habe schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie offenbar hohes Fieber haben müssen,“ unterbrach ihn Pawel Pawlowitsch, der sichtlich und mit Hochgenuß bei diesem Thema blieb. „Ich schäme mich wirklich aufrichtig, daß ich durch meinen ungeschickten Besuch ... doch ich gehe, ich gehe schon! Sie aber müssen sich unbedingt gleich hinlegen – versuchen Sie mal, gleich einzuschlafen!“
„Aber weshalb haben Sie mir denn nicht gesagt, wo Sie wohnen?“ rief ihm Weltschaninoff plötzlich nach – es war ihm das gerade noch rechtzeitig eingefallen.
„Wie, habe ich es nicht gesagt? Im Gasthof neben der Kirche.“
„Neben welch einer Kirche?“
„Ja aber hier gleich doch, bei der nächsten Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, in der Querstraße – im Moment ist mir leider der Straßenname entfallen und auch die Hausnummer habe ich vergessen, nur, wie gesagt, gleich bei der Kirche ...“
„Gut, ich werde Sie schon zu finden wissen!“
„Bitte sehr, Sie sollen mir willkommen sein.“
Er war bereits auf der Treppe.
Da rief ihn Weltschaninoff nochmals an: „Sie! – Sie werden doch nicht ausreißen?“
„Das heißt, wie denn das ‚losziehen‘?“ Pawel Pawlowitsch drehte sich auf der dritten Stufe um und lächelte mit erstaunten Glotzaugen.
Statt zu antworten schlug Weltschaninoff krachend die Tür zu, verschloß sie sorgfältig und schob den Riegel vor. Ins Zimmer zurückgekehrt, spie er aus, als habe er sich mit etwas Schmutzigem abgegeben.
Etwa fünf Minuten stand er unbeweglich mitten im Zimmer, dann warf er sich, so wie er war, ohne ein Kleidungsstück abzulegen, auf seinen Schlafdiwan und schlief im Augenblick ein. Das vergessene Licht auf dem Tisch brannte ruhig herunter, bis es von selbst erlosch.
IV. Die Frau, der Gatte und der Liebhaber.
Weltschaninoff schlief sehr fest und erwachte erst gegen halb zehn; er richtete sich sogleich auf, blieb aber auf dem Bett sitzen – seine Gedanken fingen an, sich mit dem Tode „jener Frau“ zu beschäftigen.
Der erschütternde Eindruck, den die plötzliche Nachricht von diesem Todesfall im ersten Augenblick auf ihn gemacht, hatte in ihm eine gewisse Gedankenverwirrung und sogar einen unbestimmten Schmerz zurückgelassen. Diese Verwirrung und dieser Schmerz waren anfangs durch Pawel Pawlowitschs Gegenwart von einem anderen seltsamen Gedanken in den Hintergrund gedrängt und gleichsam betäubt worden; jetzt aber, nach dem Erwachen, sah er plötzlich alles, was damals vor neun Jahren gewesen war, von neuem mit erstaunlicher Klarheit vor sich.
Jene Frau, die verstorbene Natalja Wassiljewna, die Gattin dieses Trussozkij, hatte er einst leidenschaftlich geliebt; er war damals ihr Liebhaber gewesen, als er sich in einer Vermögensangelegenheit (gleichfalls ein Prozeß wegen einer Erbschaft) ein ganzes Jahr in T. aufgehalten, obschon die Sache keineswegs seine persönliche Anwesenheit erforderte. Die wirkliche Ursache seines so langen Verweilens in dieser Stadt war eben nichts anderes als jenes Verhältnis gewesen.
Diese Liebe hatte ihn förmlich zum Sklaven Natalja Wassiljewnas gemacht, und er wäre ganz zweifellos zu jeder Torheit, sogar zu fraglosen Dummheiten bereit gewesen, wenn eine Laune dieser Frau eine solche verlangt hätte. Etwas Ähnliches hatte er weder vorher noch nachher erlebt. Als gegen Ende des Jahres die Trennung aus gewissen Gründen notwendig wurde, da wurde auch Weltschaninoffs Verzweiflung – obwohl er nur auf kurze Zeit von ihr scheiden sollte – so groß, daß er Natalja Wassiljewna im Ernst den Vorschlag machte, sie zu entführen, sie ihrem Manne einfach zu rauben, und ins Ausland zu ziehen, um dort ungestört bis an ihr Lebensende sich gegenseitig treu bleiben zu können. Nur der beißende Spott und die unbeugsame Hartnäckigkeit Natalja Wassiljewnas – die übrigens diesem Projekt anfangs durchaus Beifall gezollt hatte, wenn auch wahrscheinlich nur aus Langeweile und zur Belustigung – hatten ihn zu guter Letzt doch noch von dem Plane abbringen und dazu bewegen können, allein die Stadt zu verlassen.
Und was geschah? Noch waren keine zwei Monate nach seiner Abreise vergangen, als er sich schon die Frage vorlegte, die für ihn ewig unbeantwortet bleiben sollte: ob er denn diese Frau auch wirklich geliebt hatte oder ob alles nur ein „Sinnenrausch“ gewesen war? Die Frage brauchte man dabei durchaus nicht leichtsinnigem Vergessen oder einer beginnenden neuen Liebe zuschreiben! Im Gegenteil: in diesen zwei Monaten war er eigentlich gar nicht er selbst gewesen, und wenn er auch in Petersburg sogleich wieder mit offenen Armen in seinem Bekanntenkreise aufgenommen worden und mit Hunderten von Frauen zusammengekommen war, so hatte er sich doch in keine verliebt, kaum eine von ihnen wirklich bemerkt. Übrigens wußte er selbst ganz genau, daß er nur nach T. zurückzukehren gebraucht hätte, um dem knechtenden Zauber dieser Frau trotz aller zweifelnden Fragen sofort von neuem zu unterliegen. Sogar nach fünf Jahren noch war er derselben Meinung; ein Unterschied bestand nur darin, daß er es sich dann bereits mit dem größten Unmut selbst eingestand und an „dieses Frauenzimmer“ nur noch mit Haß zurückdachte. Er schämte sich jenes Jahres in T., er glaubte nicht einmal begreifen zu können, wie eine so „alberne“ Leidenschaft für ihn, Weltschaninoff, überhaupt möglich gewesen war! Alle Erinnerungen an diese Leidenschaft waren für ihn zu einer „wahren Schmach“ geworden, und beim Gedanken an sie errötete er heiß und quälte sich mit Vorwürfen. Freilich, im Verlauf noch einiger weiterer Jahre beruhigte er sich einigermaßen: er gab sich Mühe, alles Vergangene zu vergessen, und es gelang ihm das auch zum Teil. Und nun nach neun Jahren sollte auf einmal die ganze Vergangenheit wieder auferstehen! Die Nachricht vom Tode Natalja Wassiljewnas hatte alles, was bereits tot und vergessen geglaubt war, wieder von neuem belebt!
Während er so auf seinem Lager saß und die Erinnerungen sich nach eigener Willkür durch seine Gedanken drängten, fühlte und erkannte er bewußt nur das eine: daß ihn ihr Tod, trotz des ersten erschütternden Eindrucks, den diese Nachricht auf ihn gemacht, im Grunde doch ganz ruhig, fast gleichgültig ließ.
„Sollte es mir wirklich nicht einmal leid um sie sein?“ fragte er sich.
Er empfand jetzt weder Haß noch Liebe für sie, und so konnte er vorurteilsloser und gerechter über sie urteilen. Seiner Meinung nach – und dieser Meinung glaubte er nach neunjähriger Trennung „schon von jeher“ gewesen zu sein – gehörte Natalja Wassiljewna zu den allergewöhnlichsten „Provinzdamen“ der „guten“ kleinstädtischen Gesellschaft. Nur wurde er dann doch wieder bedenklich und fragte sich: „Hol’s der Teufel, vielleicht war sie auch wirklich nichts anderes, und nur meine Phantasie hat aus ihr weiß Gott was geschaffen?!“ Eigentlich hatte er ja immer schon vermutet, daß jene Meinung vielleicht doch auf einem kleinen Irrtum beruhte, und diese Empfindung glaubte er auch jetzt zu haben. Überdies widersprachen dem auch die ihm bekannten Tatsachen. Bagontoff zum Beispiel! Dieser Bagontoff war nämlich gleichfalls ihr Liebhaber gewesen, und zwar ganze fünf Jahre lang, und hatte sich offenbar ebenso „im Zauberbann“ befunden wie Weltschaninoff. Bagontoff war Petersburger, gehörte zur besten Gesellschaft, und da er „einer der leersten Tröpfe“ war – das war das Urteil Weltschaninoffs über ihn – so hätte er folglich nur in Petersburg Karriere machen können. Er aber hatte Petersburg geopfert, d. h. auf seinen größten Vorteil verzichtet, und ganze fünf Jahre in T. gesessen, also fünf Jahre einfach verloren, und das einzig um dieser Frau willen! Wer wußte es: vielleicht war auch er nur deshalb nach Petersburg zurückgekehrt, weil sie auch ihn „wie einen alten abgetragenen Pantoffel fortgeworfen“ hatte. So mußte denn doch etwas Besonderes in ihr gesteckt haben – zum mindesten die Gabe, Männer anzuziehen, zu unterjochen und zu beherrschen!
Zwar hatte sie, sollte man meinen, eigentlich nicht einmal die Mittel, um einen Mann zu fesseln oder auch nur anzuziehen: „Sie war ja nicht einmal hübsch, vielleicht sogar eher häßlich!“ Zudem war sie, als Weltschaninoff sie kennen gelernt hatte, bereits achtundzwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Gesicht konnte sich bisweilen allerdings angenehm und eigentümlich beleben, aber ihre Augen entbehrten selbst dann eines sympathischen Ausdrucks: es lag immer eine ganz überflüssige Härte in ihrem Blick. Sie war sehr mager. Mit ihrer geistigen Bildung aber war es ziemlich schwach bestellt, nur Verstand besaß sie ganz fraglos, und sogar einen sehr scharfen, durchdringenden, wenn auch leider einen ganz einseitig entwickelten Verstand. Ihre Manieren waren die einer „Provinzdame“, die zur besten Gesellschaft ihrer Stadt gehört. In der Tat besaß sie viel Takt. Sie hatte auch guten Geschmack, doch äußerte sich dieser fast nur in ihrem Verständnis, sich zu kleiden. Von ihren Charaktereigenschaften fielen namentlich ihre Entschlossenheit und ihre Herrschsucht auf – eine halbe Versöhnung mit ihr war ganz unmöglich: „entweder alles oder nichts“ – auf Kompromisse hätte sie sich nie eingelassen. In schwierigen Angelegenheiten bewies sie geradezu erstaunliche Festigkeit und Hartnäckigkeit. Sie konnte auch großmütig sein, war aber dann gleichzeitig fast immer maßlos ungerecht. Ein Streit mit dieser Dame war einfach hoffnungslos: in solchen Fällen hatten Beweise ^à la^ zwei mal zwei ist vier nicht die geringste Bedeutung für sie. Niemals hätte sie sich ihr Unrecht eingestanden oder sich in irgendeiner Beziehung für schuldig erklärt. Ihre fortwährenden unzähligen Treubrüche beunruhigten ihr Gewissen nicht im geringsten. Sie glaubte, ähnlich wie die Gottesmutter unserer Geißlersekte, mit der Weltschaninoff sie in Gedanken verglich, daß alles, was sie tat, das einzig Richtige sei und genau so geschehen müsse. Ihrem Liebhaber war sie treu, jedoch nur so lange bis – sie seiner überdrüssig wurde. Sie liebte es, ihn zu quälen, doch liebte sie es ebenso, ihn zu belohnen. Sie war leidenschaftlich, grausam und sinnlich. Sie haßte die Ausschweifung, verurteilte sie mit unglaublicher Strenge und – war selbst ausschweifend. Doch nichts in der Welt hätte sie davon wirklich zu überzeugen vermocht, daß sie ausschweifend war.
„Ihre Naivität sich selbst gegenüber, ihre Unwissenheit in diesen Beziehungen ist sicher echt,“ hatte Weltschaninoff schon damals in T. von ihr gedacht (während er, nebenbei bemerkt, an ihrer Ausschweifung nur allzu schuldig war). „Sie ist eine von jenen Frauen,“ sagte er sich, „die gleichsam nur dazu geboren werden, um untreue Frauen zu sein. Niemals werden sie sich als Mädchen verführen lassen: ihrem Naturgesetz gemäß müssen sie vorher unbedingt geheiratet haben. Ihr Gatte ist dann ihr erster Liebhaber, aber bedingungslos erst nach der Trauung. Und kein Mädchen findet so leicht und schnell einen Mann wie gerade dieser Typ. Daß es zum ersten Liebhaber kommt – daran ist in der Regel der Gatte selbst schuld. Und alles, was diese Frauen dann vollführen, geschieht in der aufrichtigen Überzeugung, daß sie nicht das geringste Unrecht begehen, daß sie ein solches weder ihrem Gatten noch sonst jemandem zufügen: sie halten sich für durchaus anständig und ehrenwert und natürlich für vollkommen unschuldig.“
Weltschaninoff war überzeugt, daß es tatsächlich einen solchen Frauentyp gebe, war aber auch nicht minder überzeugt, daß es demselben entsprechende Männer gab, deren einzige Bestimmung nur darin bestand, das richtige Gegenstück zu diesen Frauen zu sein. Das Wesen dieser Männer bestand seiner Ansicht nach darin, daß sie ihr Leben lang _nichts_ als Gatte, Gatte und immer nur Gatte waren, _nur_ Gatten, _ewige_ Gatten, und nichts weiter.
„Ein solcher Mensch wird geboren und wächst heran, um dann zu heiraten, und, sobald er geheiratet hat, zu einem Ergänzungsstück seiner Frau zu werden – auch dann, wenn er sogar einen eigenen und sehr ausgesprochenen Charakter besitzt. Die Haupteigenschaft dieses Gatten, oder ihr sicherstes Merkmal, wie man will, ist – die bewußte Kopfzier. Den Hörnern entgehen: das könnte er ebensowenig, wie der Mond seine Phasen verändern könnte; doch er selbst wird nicht nur nichts davon wissen, sondern das Wissen ist einfach, wie nach einem Naturgesetz, für ihn von vornherein ausgeschlossen.“ Von der Existenz dieser beiden Typen war Weltschaninoff fest überzeugt, und der vollendete Repräsentant des einen derselben war für ihn – Pawel Pawlowitsch Trussozkij. Freilich nicht dieser Pawel Pawlowitsch, der um drei Uhr nachts hier bei ihm gesessen hatte, denn das war ein ganz anderer, als der, mit dem er in T. bekannt gewesen war. Weltschaninoff fand, daß er sich ganz unglaublich verändert hatte, doch war das schließlich nur natürlich, ja anders hätte es wohl überhaupt nicht sein können: Herr Trussozkij konnte das, was er gewesen war, nur bei Lebzeiten seiner Frau sein, jetzt aber war er gewissermaßen nur ein Teil eines Ganzen, dem man plötzlich eine völlig ungewohnte, ihm gar nicht zustehende Freiheit gegeben hatte, weshalb er denn so als „Bruchstück“ ganz eigentümlich und absonderlich wirkte, fast wie etwas noch nie Dagewesenes.
Was aber jenen früheren Pawel Pawlowitsch betraf, den Weltschaninoff in T. gekannt hatte, so entsann er sich seiner noch sehr gut:
„Natürlich war er in T. nichts als der Gatte seiner Frau!“ Wenn er außerdem zum Beispiel noch Beamter war, so war er es doch nur deshalb, weil auch der Dienst sozusagen zu seinen Gattenpflichten gehörte: er arbeitete nur für seine Frau und ihre gesellschaftliche Stellung in T., und wenn er auch von sich aus ein äußerst eifriger Beamter sein mochte, so konnte das an der Sache doch nichts ändern. Er war damals fünfunddreißig Jahre alt und besaß ein gewisses Kapital, sogar ein ziemlich bedeutendes. Im Dienst zeichnete er sich nicht gerade durch besondere Fähigkeiten aus, dafür aber auch nicht durch besondere Unfähigkeit. Er verkehrte mit allen, die zur Gesellschaft gehörten, und stand sich selbst mit den Angesehensten im Gouvernement ganz vortrefflich. Natalja Wassiljewna wurde in T. durchaus geachtet; sie schätzte das übrigens nicht sonderlich, da sie es als Selbstverständlichkeit betrachtete. Bei den Empfängen im eigenen Hause wußte sie tadellos zu repräsentieren, und Pawel Pawlowitsch war von ihr so gut geschult, daß er sogar die höchsten Potentaten des Gouvernements taktvoll und doch ungezwungen zu empfangen verstand. Vielleicht – so schien es Weltschaninoff – besaß er sogar Verstand, doch da Natalja Wassiljewna es nicht gern sah, daß ihr Mann viel sprach, so ließ sich der Umfang seines Verstandes eben nicht genau feststellen. Vielleicht hatte er auch eine ganze Menge guter Eigenschaften, und schlechte vielleicht in derselben Anzahl. Aber den guten Eigenschaften war gleichsam ein Futteral übergezogen und die schlechten schienen fast gänzlich und schon im Keime erstickt zu sein. Weltschaninoff entsann sich z. B., daß Herr Trussozkij mitunter eine gewisse Neigung bekundet hatte, sich über den lieben Nächsten lustig zu machen, doch das wurde ihm streng verboten. Auch schien er ganz gern zu erzählen, aber auch das wurde überwacht: nur kürzere unbedeutendere Geschichtchen durfte er zum besten geben. Ja, er war sogar nicht abgeneigt, im Freundeskreise ein Gläschen über den Durst zu trinken: doch diese Neigung wurde entschieden ausgerottet. Das Bemerkenswerteste bei alledem war aber, daß niemand von ihm hätte sagen können, er sei ein Pantoffelheld. Natalja Wassiljewna schien im Gegenteil ganz die gehorsame Frau ihres Mannes zu sein, und offenbar war das sogar ihre eigene Meinung. Vielleicht war Pawel Pawlowitsch sinnlos in seine Frau verliebt; doch feststellen konnte das niemand, und wahrscheinlich war das gleichfalls auf eine Maßregel Natalja Wassiljewnas zurückzuführen. Mehr als einmal hatte sich Weltschaninoff während seines Aufenthalts in T. gefragt, ob dieser Mann nicht doch einen Verdacht gegen ihn geschöpft habe und seine Beziehungen zu ihr ahne. Mehr als einmal hatte er auch Natalja Wassiljewna sehr ernst danach gefragt, doch immer nur die eine mit einem gewissen Ärger gegebene Antwort erhalten, daß ihr Mann nichts wisse und niemals etwas erfahren könne, und daß es ihn auch „nichts angehe“, denn das sei „gar nicht seine Sache“. Übrigens noch ein charakteristischer Zug: über Pawel Pawlowitsch machte sie sich nie lustig und überhaupt fand sie nichts Lächerliches an ihm, fand ihn weder schlecht noch häßlich, ja sie wäre sogar mit aller Entschiedenheit für ihn eingetreten, wenn jemand gewagt hätte, es ihm gegenüber an der nötigen Achtung fehlen zu lassen. Da sie keine Kinder hatte, so mußte sie naturgemäß immer mehr zum Gesellschaftsmenschen werden. Doch ihr eigenes Heim trat für sie deshalb durchaus nicht in den Hintergrund. Die gesellschaftlichen Vergnügungen beherrschten sie nie ausschließlich: sie beschäftigte sich vielmehr auch sehr gern in der Wirtschaft und mit mancherlei kleinen Handarbeiten.
Pawel Pawlowitsch hatte ihn an ihre Leseabende erinnert. Ja, sie hatten viele Abende so zu dreien verbracht: Weltschaninoff und Pawel Pawlowitsch hatten abwechselnd vorgelesen – zu Weltschaninoffs Verwunderung hatte sich jener sogar als vorzüglicher Vorleser entpuppt – und Natalja Wassiljewna hatte dann gewöhnlich ihre Stickerei zur Hand genommen und ruhig gleichmütig zugehört. Man las Romane von Dickens oder irgend etwas aus russischen Zeitschriften, mitunter aber auch „etwas Ernstes“. Natalja Wassiljewna hatte für Weltschaninoffs Bildung und Belesenheit die größte Hochachtung, doch verlor sie darüber nie ein Wort, behandelte es eben wie eine Tatsache, über die weiter kein Wort zu verlieren nötig war. Im allgemeinen verhielt sie sich zu Büchern und zu jeder Gelehrsamkeit äußerst gleichmütig, wie zu etwas ganz Nebensächlichem, das ja immerhin und unter anderem auch nützlich sein mochte. Pawel Pawlowitsch dagegen konnte sich bisweilen für beides förmlich begeistern.
Weltschaninoffs Verhältnis zu dieser Frau brach ganz plötzlich ab, und zwar gerade in dem Augenblicke, als seine Leidenschaft zum größten Rausch geworden war und fast an Wahnsinn grenzte. Er wurde ganz einfach an die Luft gesetzt, ohne aber selbst auch nur zu ahnen, daß man ihn wie einen „alten abgetragenen Pantoffel“ fortwarf. Etwa anderthalb Monate vor seiner Abreise war ein blutjunger Artillerie-Offizier in T. eingetroffen, der gerade erst die Kadettenschule verlassen hatte, und bald war auch er bei Trussozkij ständiger Gast. Die Leseabende wurden zu vieren statt zu dreien fortgesetzt. Natalja Wassiljewna empfing den jungen Leutnant mit Wohlwollen, behandelte ihn aber noch ganz als Knaben. So schöpfte Weltschaninoff nicht den geringsten Verdacht, selbst dann nicht, als Natalja Wassiljewna ihm plötzlich erklärte, daß sie sich trennen müßten. Unter den hundert Gründen, die sie zum Beweise der Notwendigkeit seiner sofortigen Abreise anführte, war der Hauptgrund der, daß sie, wie sie ihm mitteilte, in anderen Umständen zu sein glaube: deshalb müsse er unbedingt und unverzüglich die Stadt auf mindestens drei bis vier Monate verlassen, damit in ihrem Manne später nicht irgendwelche Zweifel auftauchen könnten, falls einmal „doch irgendeine Verleumdung“ ihm zu Ohren kommen sollte. Das Argument war nun freilich ziemlich an den Haaren herbeigezogen und Weltschaninoff wollte anfangs natürlich nichts von einer Trennung hören; als ihm das aber nichts half, flehte er sie an, mit ihm nach Paris oder Amerika zu fliehen, bis er dann zu guter Letzt doch ganz allein nach Petersburg fuhr, allerdings „nur auf zwei Monate, höchstens auf drei!“ Nur unter dieser Bedingung war er zur Abreise zu bewegen gewesen – anderenfalls hätte er sie für keinen Preis verlassen – wenn sie auch tausend Gründe angeführt hätte! Es waren aber kaum zwei Monate vergangen, da erhielt er von Natalja Wassiljewna einen Brief mit der Bitte, nie mehr zurückzukehren, da sie bereits einen anderen liebe. Über ihren Zustand schrieb sie, daß sie sich in ihrer Annahme getäuscht habe. Diese Mitteilung war für ihn überflüssig, denn nun entsann er sich des jungen Leutnants und damit hatte er die Erklärung für alles gefunden. Die Sache war nun wirklich zu Ende. Nach mehreren Jahren hatte er dann einmal zufällig gehört, daß dieser Bagontoff sich ganze fünf Jahre in T. aufgehalten habe. Diese erstaunlich lange Dauer der Liebschaft Natalja Wassiljewnas mit dem jungen Offizier erklärte er sich unter anderen auch damit, daß sie inzwischen stark gealtert und infolgedessen anhänglicher geworden sein müsse.
Wohl eine ganze Stunde lang saß Weltschaninoff so auf seinem Bett. Endlich besann er sich und klingelte. Mawra brachte ihm den Kaffee. Er trank ihn schnell aus, kleidete sich an und begab sich gegen elf Uhr nach der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, um den Gasthof, der in ihrer nächsten Nähe liegen sollte, aufzusuchen. Was nun diesen Gasthof betraf, so hatte er sich über ihn schon besondere Gedanken gemacht, – natürlich erst jetzt, am Morgen. Übrigens war es ihm etwas peinlich, daß er Pawel Pawlowitsch in dieser Weise behandelt hatte. Das mußte er nun wohl wieder gut machen!
Die ganze eigentümliche Episode an der Tür erklärte er sich mit dem offenbar nicht nüchternen Zustande Pawel Pawlowitschs und – nun, es ließen sich wohl auch noch andere Gründe finden ... Aber genau genommen war er sich selbst nicht ganz klar darüber, weshalb er jetzt zu ihm ging und damit neue Beziehungen zu dem ehemaligen Gatten anknüpfte, nachdem doch alles so natürlich und ganz von selbst ein Ende gefunden hatte. Es zog ihn aber irgend etwas hin. Es war da irgendein Eindruck, den er während dieses nächtlichen Besuchs empfangen und den er nun nicht loswerden konnte, vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein ... infolge dieses Eindrucks also zog es ihn hin.
V. Lisa.
Pawel Pawlowitsch dachte nicht daran, „auszureißen“. Gott weiß, wie Weltschaninoff darauf gekommen war, ihm diese Frage noch nachzurufen – vermutlich war er selbst nicht bei voller Besinnung gewesen.
In der Nähe der Kirche erkundigte er sich in einem kleinen Laden nach dem Gasthof, und man wies ihn ein paar Schritte weiter um die Ecke in eine kleine Querstraße. Im Gasthof erfuhr er, daß Herr Trussozkij zwar anfangs hier abgestiegen sei, doch jetzt im Seitenflügel desselben Hauses bei Marja Ssyssojewna in deren möblierten Zimmern wohne. Während er noch auf der schmalen, nassen, sehr unsauberen Steintreppe zum zweiten Stockwerk, in dem sich die möblierten Zimmer befinden sollten, hinaufstieg, hörte er plötzlich eine Kinderstimme weinen. Es mußte, nach der Stimme zu urteilen, ein Kind im Alter zwischen sechs und zehn Jahren sein. Das Weinen hatte etwas Krampfhaftes: als könne das Kind sich nicht bezwingen und gar kein Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schluchzen – und dann wieder verzweifeltes Weinen. Gleichzeitig hörte man einen erwachsenen Menschen mit zorniger, doch gedämpfter Stimme, die infolgedessen mehr wie ein halblautes Keuchen klang, auf das Kind einreden und ängstlich schelten: es solle endlich still sein, damit man das Weinen nicht mehr höre – doch verursachte der Erwachsene schließlich noch mehr Lärm, als das Kind. Er behandelte es erbarmungslos und hatte im Jähzorn offenbar jede Geduld verloren, während das Kind den Betreffenden anzuflehen schien. Weltschaninoff trat in einen kleinen Korridor, zu dessen beiden Seiten sich je zwei Türen befanden. In dem Augenblick öffnete sich eine derselben und ein dickes großes Frauenzimmer in morgendlich unordentlicher Kleidung erschien. Er fragte sie nach Pawel Pawlowitsch und sie wies mit dem Finger auf die Tür, hinter der man das Kind weinen hörte. Das feiste, rote Gesicht der etwa vierzigjährigen Frau verriet einen gewissen Unwillen.
„Da hat er nun wieder sein Vergnügen dran!“ brummte sie halblaut, indem sie an Weltschaninoff vorüberging und sich zur Treppe wandte.
Weltschaninoff wollte zuerst anklopfen, bedachte sich aber und öffnete ohne weiteres die Tür. In einem mittelgroßen Zimmer, das mit zahlreichen, doch billigen Möbeln ausgestattet war, stand halb angekleidet, ohne Rock und Weste, Pawel Pawlowitsch mit rotem zornigen Gesicht und bemühte sich, ein etwa achtjähriges Mädchen in einem einfachen schwarzen Kleidchen durch Schelten, Drohen und – so schien es Weltschaninoff – mit Schlägen und Püffen zur Ruhe zu bringen. Die Kleine aber war ganz fassungslos und streckte flehend ihre Ärmchen nach Pawel Pawlowitsch aus, als wolle sie ihn umfassen, um ihn anzuflehen und irgend etwas von ihm zu erbitten. Doch im Augenblick veränderte sich alles: kaum hatte die Kleine den Fremden erblickt, da schrie sie vor Schreck auf und lief fort, – in ein kleines Nebenzimmer hinein. Pawel Pawlowitsch aber, der im ersten Augenblick ganz verdutzt den Gast anstarrte, besann sich sogleich und im Nu war sein Gesicht zum süßesten Lächeln aufgetaut – genau wie in dem Augenblick, als Weltschaninoff plötzlich die Tür zum Treppenflur vor ihm aufgerissen hatte.
„Alexei Iwanowitsch,“ rief er entschieden verwundert. „Nie und nimmer hätte ich’s erwartet! ... Aber bitte hierher, hierher! Hier, sehen Sie, auf dieses Sofa, oder auf diesen Lehnstuhl! Ich aber ...“
Und er griff nach seinem Rock – die Weste vergaß er – und zog ihn eilig an.
„Bitte, genieren Sie sich nicht, bleiben Sie wie Sie sind.“
Weltschaninoff setzte sich auf einen Stuhl.
„Nein, das müssen Sie mir schon erlauben! So, jetzt bin ich doch etwas anständiger. Aber wohin haben Sie sich denn gesetzt, warum dorthin? in den Winkel? Nehmen Sie doch hier Platz, hier näher zum Tisch ... Nun, nein, das hätte ich nicht erwartet, wirklich nicht erwartet!“
Er setzte sich gleichfalls, doch auf einen einfachen Rohrstuhl, und nur auf den Rand desselben, rückte aber den Stuhl so, daß er seinem Gast gegenüber saß.
„Weshalb haben Sie mich denn nicht erwartet? Ich sagte Ihnen doch gestern, daß ich um diese Zeit kommen würde.“
„Ich dachte, Sie würden eben nicht kommen. Und als ich mir noch heute morgen alles wieder vergegenwärtigte, da gab ich ganz und gar die Hoffnung auf, Sie wiederzusehen, sogar überhaupt jemals wiederzusehen.“
Weltschaninoff sah sich flüchtig im Zimmer um. Alles war in Unordnung: das Bett noch nicht aufgemacht, hier und da Kleidungsstücke, auf dem Tisch zwei leere Kaffeetassen, Brotkrümchen und eine halbausgetrunkene Champagnerflasche, ohne Pfropfen, mit einem Glase daneben. Sein Blick streifte auch das kleine Nebenzimmer, doch dort war alles still: das kleine Mädchen schien sich vor dem Fremden versteckt zu haben.
„Trinken Sie denn schon jetzt?“ fragte er mit einem Hinweis auf die Champagnerflasche.
„O, nur ein Rest ...“ meinte Pawel Pawlowitsch etwas betreten.
„Nun, das muß ich sagen, Sie haben sich ja gründlich verändert!“
„Schlechte Angewohnheit und ... wie gesagt, erst jetzt. Wirklich, erst seit jener Zeit, ich lüge nicht! Ich kann mich nicht enthalten. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Alexei Iwanowitsch, noch bin ich nicht betrunken und werde nicht solchen Unsinn schwatzen, wie gestern bei Ihnen, aber es ist wirklich wahr, was ich Ihnen sage: erst seit der Zeit! Und hätte mir jemand noch vor einem halben Jahr gesagt, daß ich plötzlich so aus dem Gleichgewicht kommen würde, wie jetzt, hätte mir jemand mich so im Spiegel gezeigt – ich hätt’s nicht geglaubt!“
„Dann waren Sie also auch gestern betrunken?“
„Ich war’s,“ gestand Pawel Pawlowitsch leise, indem er reumütig und etwas verwirrt die Augen niederschlug. „Und sehen Sie: noch nicht gerade betrunken, aber schon etwas, nun, vorgerückt ... Ich erkläre das deshalb so ausdrücklich, weil besagte Vorgerücktheit bei mir nämlich das Schlimmere ist: der Nebel ist dann schon so’n bißchen da, aber die Gedanken und Gefühle arbeiten noch, bloß mit einem solchen kleinen Hang zur Grausamkeit und zu Unüberlegtheiten, und auch alles Leid empfinde ich dann heftiger. Aus Kummer trinke ich wohl überhaupt nur. Und gerade in dieser Stimmung bin ich dann zu allerhand Streichen aufgelegt, wirklich ganz dummen geradezu, und dann beleidige ich sogar meine besten Freunde. Ich muß Ihnen wohl gestern sehr sonderbar erschienen sein?“
„Erinnern Sie sich denn nicht mehr?“
„Wie denn nicht! – gewiß erinnere ich mich ...“
„Sehen Sie, Pawel Pawlowitsch, dasselbe habe auch ich gedacht und mir somit alles erklärt,“ sagte Weltschaninoff versöhnlich. „Außerdem war ich gestern selbst etwas gereizt und ... folglich etwas gar zu ungeduldig, was ich gern eingestehe. Ich fühle mich bisweilen nicht ganz wohl und Ihr überraschender Besuch gestern nacht ...“
„Ja, in der Nacht, in der Nacht!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit mißbilligendem Kopfschütteln, als wundere er sich selbst über das, was er fertiggebracht hatte. „Was mich wohl getrieben haben mag! Aber ich wäre ja auf keinen Fall bei Ihnen eingetreten, wenn Sie nicht selbst die Tür aufgemacht hätten! Ich wäre so von der Tür wieder fortgegangen. Ich war doch schon vor etwa einer Woche mal bei Ihnen, traf Sie aber nicht zu Hause an, – deshalb wäre ich vielleicht nie wieder hingegangen. Immerhin habe auch ich meinen Stolz, Alexei Iwanowitsch, wenn ich auch selbst ... meinen Zustand eingestehe. Wir sind uns sogar auf der Straße begegnet, nur habe ich dann immer gedacht: ‚Aber wie, wenn er dich nun nicht erkennt, wenn er dir den Rücken kehrt, neun Jahre sind kein Spaß‘ – und so konnte ich mich nicht entschließen, mich Ihnen zu nähern. Gestern aber kam ich von der Petersburger Seite, schleppte mich ganz müde zurück, und da hatte ich denn sogar Zeit und Stunde vergessen. Das kommt alles davon“ – er wies auf die Flasche – „und von den Gefühlen. Dumm, wie gesagt! Sehr sogar! Und wären Sie nicht dieser Mensch, der Sie sind – sind Sie doch jetzt zu mir gekommen, und noch dazu nach meinem Besuch, also nur des Früheren gedenkend – so hätte ich doch jede Hoffnung verloren, die Bekanntschaft erneuern zu können!“
Weltschaninoff hörte ihm aufmerksam zu. Dieser Mensch schien wirklich aufrichtig und sogar mit einer gewissen Selbstachtung zu sprechen; indessen – er glaubte ihm doch nichts, und zwar schon von dem Augenblick an nichts, in dem er bei ihm eingetreten war.
„Sagen Sie, Pawel Pawlowitsch, Sie ... sind hier, wie ich sehe, nicht allein? Wessen Kind ist die Kleine, die ich bei Ihnen antraf?“
Pawel Pawlowitsch schien höchst erstaunt zu sein und zog die Brauen in die Hohe, sein Blick jedoch lag hell und freundlich auf Weltschaninoff.
„Wie, wessen Kind? Das ist doch Lisa!“ sagte er mit einem guten Lächeln.
„Welch eine Lisa?“ fragte halblaut Weltschaninoff, und plötzlich zuckte irgend etwas in ihm auf. Die Empfindung kam gar zu plötzlich: als er vorhin eingetreten war und Lisa erblickte, da hatte er sich ein wenig gewundert, aber doch keine Spur von einem Vorgefühl empfunden, kein einziger besonderer Gedanke war ihm dabei gekommen.
„Aber doch unsere Lisa, unsere Tochter Lisa!“ erklärte lächelnd Pawel Pawlowitsch.
„Ihre Tochter? Ja haben Sie denn mit Natalja ... mit der verstorbenen Natalja Wassiljewna Kinder gehabt?“ fragte Weltschaninoff ungläubig und schüchtern, und ganz leise mit einer so seltsamen Stimme, daß diese allein hätte auffallen müssen.
„Ja aber wie denn! Ach, mein Gott, es ist ja wahr, woher hätten Sie es auch wissen sollen? Was fällt mir denn ein? Das war ja nach Ihnen, nach Ihnen erst wurde sie uns von Gott geschenkt!“
Und Pawel Pawlowitsch sprang sogar in einer gewissen Erregung, die jedoch nicht die einer unangenehmen Berührung zu sein schien, von seinem Stuhle auf.
„Ich habe davon nichts gehört,“ sagte Weltschaninoff und erbleichte.
„In der Tat, freilich! ... gewiß! – von wem hätten Sie es denn auch hören sollen!“ Pawel Pawlowitsch sprach mit einer geradezu gerührt liebevollen Stimme. „Wir hatten ja doch, die Verstorbene und ich, alle Hoffnung bereits aufgegeben – Sie erinnern sich wohl selbst noch dessen – und da plötzlich segnete uns der Herr! – und wenn ich nur denke, was mir das war – das weiß nur Gott der Herr allein! Genau ein Jahr, glaube ich, nach einem Jahr, nein, viel früher, warten Sie mal. Sie verließen uns damals, wenn ich nicht irre, doch erst im Oktober oder erst im November, nicht?“
„Ich verließ T. Anfang September, am zwölften September, ich weiß es genau ...“
„Wirklich, im September? Hm! ... was fällt mir denn ein?“ wunderte sich Pawel Pawlowitsch nicht wenig. „Nun, denn, wenn es so ist – erlauben Sie mal, Lisa aber wurde am achten Mai geboren, das sind also – September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April – also nach acht Monaten und ein paar Tagen. Stimmt! Und wenn Sie nur gesehen hätten, wie die Verstorbene ...“
„Zeigen Sie mir ... rufen Sie sie einmal her ...“ brachte Weltschaninoff mit einer eigentümlich stockenden Stimme hervor.
„Unbedingt, das muß ich doch!“ Und Pawel Pawlowitsch vollendete nicht einmal den begonnenen Satz, ganz, als habe er eigentlich gar nichts sagen wollen, und wandte sich rasch zur Tür. „Sofort, sofort werde ich sie Ihnen vorführen!“
Und er begab sich eilig ins Nebenzimmer zu Lisa.
Es vergingen vielleicht ganze drei oder vier Minuten: im kleinen Stübchen nebenan wurde leise und schnell geflüstert, dazwischen hörte man kaum, kaum einige Laute einer Kinderstimme. „Sie will nicht kommen,“ dachte Weltschaninoff. Doch endlich erschienen sie beide.
„Hier, das ist sie, aber immer noch hat sie Angst vor Fremden!“ sagte Pawel Pawlowitsch. „So verschämt ist sie, und dabei stolz ... und der Verstorbenen wie aus dem Gesicht geschnitten!“
Lisas Tränen waren versiegt, doch trat sie mit niedergeschlagenen Augen ins Zimmer. Der Vater führte sie an der Hand. Es war ein zartes und sehr hübsches, für ihr Alter nicht kleines Mädchen. Allmählich löste sich ihr Blick vom Boden und plötzlich schlug sie die Augen schnell zu ihm auf – große blaue Augen – sah ihn mit ernster Neugier an und blickte dann sogleich wieder zu Boden. In ihrem Blick lag jene kindliche Würde, die man an allen Kindern beobachten kann, wenn sie mit einem Gast allein bleiben, sich in einen Winkel zurückziehen und von dort aus ernst und würdevoll und mit einem gewissen Mißtrauen den noch nie gesehenen fremden Menschen betrachten. Vielleicht aber lag – so schien es Weltschaninoff – noch ein anderer, nicht mehr kindlicher Gedanke in diesem Blick. Der Vater führte sie dicht an ihn heran.
„Sieh, dieser Onkel da hat Mama früher gekannt, er war unser Freund, fürchte dich nicht vor ihm, gib ihm mal die Hand.“
Das kleine Mädchen verneigte sich leicht und reichte ihm schüchtern das Händchen.
„Natalja Wassiljewna wollte es ihr nicht beibringen, einen Knix zu machen, sondern so ... ihr gefiel diese englische Manier mehr – nur eine leichte Verbeugung – und die Hand gereicht,“ sagte Pawel Pawlowitsch zur Erklärung, während er ihn lauernd beobachtete.
Weltschaninoff wußte es, daß er ihn beobachtete, dachte aber gar nicht mehr daran, seine Erregung zu verbergen. Er saß schweigend und hielt immer noch Lisas Händchen in seiner Hand und verwandte keinen Blick von dem Kinde. Doch Lisa schien von etwas anderem ganz in Anspruch genommen zu sein; sie vergaß ihre Hand in der des Fremden und wandte keinen Blick vom Vater ab. Angstvoll horchte sie auf das, was er sprach. Weltschaninoff erkannte sofort diese großen blauen Augen, doch am meisten überzeugten ihn ihr erstaunlich zarter, wundervoller Teint und das ganz besondere Blond ihres Haares: diese Anzeichen waren für ihn von entscheidender Bedeutung. Das Oval des Gesichtchens dagegen und der Schnitt der Lippen erinnerten stark an Natalja Wassiljewna. Pawel Pawlowitsch sprach inzwischen immer weiter und schien sich in Rührung und Begeisterung hineinzureden, doch Weltschaninoff hatte kein Wort gehört – nur die letzten Sätze fing er noch auf:
„... so daß Sie sich unsere Freude über dieses Geschenk Gottes gar nicht werden vorstellen können!“ hörte er ihn gerade noch sagen. „Für mich war sie alles, der Inbegriff meines ganzen Lebens! Und ich habe oft bei mir gedacht, daß mir, wenn ich nach Gottes Ratschluß einmal mein stilles Glück verlieren sollte, dann – dann doch immer noch Lisa bliebe! – das wenigstens wußte ich mit aller Bestimmtheit!“
„Und Natalja Wassiljewna?“ fragte Weltschaninoff.
„Natalja Wassiljewna?“ Pawel Pawlowitschs Gesicht verzog sich eigentümlich. „Sie wissen doch, sie sprach nicht gern von Gefühlen, dafür aber, als sie auf dem Sterbebett von ihr Abschied nahm ... da kam dann alles zum Ausdruck! Freilich: auf dem Sterbebett! Wenn ich das sage, dann müssen Sie es nicht falsch auffassen! Sie war doch so, daß sie zum Beispiel noch am Tage vor dem Tode plötzlich behauptete – dabei ganz empört und aufgeregt, sie war gar nicht mehr zu beruhigen! – daß man sie mit all diesen Medikamenten nur vergiften wolle: sie habe nur eine ganz gewöhnliche Influenza, sagte sie, unsere beiden Ärzte verstünden nur von nichts etwas, wenn aber erst Koch wieder zurückkehren werde – Sie erinnern sich seiner wohl noch, unser alter Hausarzt, so ’n kleines Kerlchen! – dann werde sie in zwei Wochen gesund sein. Und noch fünf Stunden vor dem Tode sagte sie, daß sie nach drei Wochen unbedingt zum Namenstag der Tante, die auf ihrem Gut lebt, hinfahren wolle – es war Lisas Taufmutter ...“
Weltschaninoff erhob sich plötzlich vom Stuhl, doch ohne die Hand Lisas freizugeben. Er glaubte unter anderem, in dem unverwandt am Vater hängenden Blick der Kleinen einen Vorwurf zu lesen.
„Ist sie nicht krank?“ fragte er eigentümlich, ganz plötzlich und überstürzt.
„Es scheint, nicht ... aber ... die Verhältnisse haben sich hier so gefügt ...“ meinte Pawel Pawlowitsch in trüber Besorgnis, „und das Kind ist ein so eigenes Geschöpf, nervös, ängstlich, nach dem Tode der Mutter war sie in der Tat zwei Wochen krank. Sie haben ja selbst gehört, wie sie vorhin weinte, als Sie kamen – hörst du, Lisa, hörst du, jetzt erzähle ich es dem Onkel! – Und weshalb, was glauben Sie wohl? Alles nur deshalb, weil ich fortgehe und sie allein lasse, und sie folglich, wie sie sagt, nicht mehr so lieb habe wie zu Lebzeiten der Mama – sehen Sie, das ist es, was sie mir vorwirft. Ich begreife nicht, wie ihr solch ein Einfall in den Kopf kommen kann – einem Kinde, das nur an Spielsachen denken sollte! Aber das ist es eben, sie hat hier keinen, mit dem sie spielen könnte.“
„Ja, aber wie ... sind Sie denn hier ganz allein mit ihr?“
„Ganz allein; nur das Stubenmädchen kommt einmal am Tage, um aufzuräumen.“
„Und wenn Sie fortgehen, dann ist niemand bei ihr?“
„Ja, natürlich nicht, wie denn sonst? Als ich gestern fortging, schloß ich sie ein, dort im Stübchen, und deshalb gab es dann heute die Tränen. Aber, nicht wahr, was sollte ich denn machen, urteilen Sie doch selbst: vor drei Tagen hatte ich sie nicht eingeschlossen und da war sie ohne mich nach unten auf den Hof gegangen, und dort hat ihr ein Bengel einen Stein an den Kopf geworfen. Oder sonst, wenn ich sie nicht einschließe, fängt sie zu weinen an und läuft auf den Hof und fragt dort alle und jeden, wohin ich gegangen sei. Das geht doch nicht. Aber freilich habe auch ich Vorwürfe verdient: ich will oft bloß auf eine Stunde fortgehen und komme dann erst am nächsten Morgen zurück, wie es sich gerade diesmal wieder traf. Zum Glück hat die Frau, die Marja Ssyssojewna, die Tür endlich aufgemacht – sie hat den Schlosser gerufen. Das ist nun allerdings eine Schande und ich komme mir auch selbst wie ein Scheusal vor! Das kommt eben alles von der – Umnachtung ... Wie gesagt, von der – Umnachtung ...“
„Papa!“ unterbrach ihn plötzlich schüchtern und angstvoll die Kleine.
„Nun, schon wieder! Beginnst du schon wieder damit? Was habe ich dir vorhin gesagt?“
„Ich werd’ nicht, ich werd’ nicht!“ stammelte die Kleine erschrocken und faltete schnell bittend die Händchen vor ihm.
„So kann das hier nicht weitergehen!“ erklärte plötzlich Weltschaninoff gereizt und im Tone eines Machthabers. „Sie sind doch ... Sie sind doch, soviel ich weiß, vermögend! Wie kommen Sie dazu ... erstens, hier in diesem Hinterhause, in einem solchen Winkel zu leben?“
„Hier im Hinterhaus? Aber wir werden doch vielleicht schon nach einer Woche Petersburg wieder verlassen, und Geld haben wir sowieso schon viel verausgabt – dieses ‚vermögend sein‘ will nicht allzuviel besagen ...“
„Genug, schon gut,“ unterbrach ihn Weltschaninoff, dessen Ungeduld mit jeder Minute wuchs, und er machte dabei eine Handbewegung, die ungefähr sagte: „Brauchst keine Worte zu verlieren, ich weiß alles, weiß sogar, mit welchen Hintergedanken du sprichst!“ – Laut sagte er: „Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie sagten, daß Sie eine ganze Woche oder noch länger hier zu bleiben gedenken. Ich kenne hier eine Familie, in der ich wie zu Hause bin – ich kenne sie schon zwanzig Jahre – Poporjelzeff ... heißen sie. Alexandr Petrowitsch Poporjelzeff ist Geheimrat – er kann sich vielleicht noch für Sie verwenden, in Ihrer Angelegenheit. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche[8], nicht weit von der Stadt. Sie haben ein sehr schönes Landhaus. Die Dame des Hauses ist wie eine Schwester zu mir, wie eine Mutter. Erlauben Sie, daß ich Lisa sogleich zu ihnen bringe ... ich meine, damit nicht unnötigerweise noch viel Zeit verloren wird. Man wird sie dort mit Freuden aufnehmen, mit offenen Armen, ich versichere Ihnen! Man wird sie mit der größten Liebe behandeln, wie ein eigenes Kind!“
Er wurde nervös vor Ungeduld und verbarg es nicht einmal.
„Das ist doch wohl nicht gut möglich,“ wandte Pawel Pawlowitsch mit einem verkniffenen Schmunzeln ein, wobei er ihm, wie es Weltschaninoff scheinen wollte, listig in die Augen sah.
„Weshalb nicht? Warum soll es nicht möglich sein?“
„Ja wie denn, das Kind so plötzlich fortgeben – übrigens mit einem so aufrichtigen Freunde wie Sie ... doch ich rede nicht von Ihnen! Aber immerhin so in ein fremdes Haus, in eine vornehme Familie, in der man sie, ich weiß noch nicht, wie empfangen wird ...“
„Aber ich sage Ihnen doch, ich bin dort, als gehörte ich gleichfalls zur Familie!“ rief Weltschaninoff fast zornig. „Klawdia Petrowna, die Gemahlin des Geheimrats, wird sich glücklich schätzen, wenn ich sie darum bitte! Wie meine Tochter ... ach, zum Teufel, Sie wissen doch selbst, daß Sie nur so reden, um zu schwatzen ... da braucht man doch wahrhaftig keine Worte darüber zu verlieren!“
Und er stampfte vor Ärger mit dem Fuß auf.
„Ich meine ja nur, wird es vielleicht nicht doch etwas zu sonderbar erscheinen? Jedenfalls müßte ich dann ein- oder zweimal hinfahren, denn so ganz ohne Vater, wie sieht denn das aus? Hehe ... und noch dazu in ein so vornehmes Haus!“
„Es ist ein ganz gewöhnliches Haus, von Zeremonien keine Spur!“ versicherte Weltschaninoff. „Ich sage Ihnen doch: acht Kinder! Sie wird dort aufleben, nur deshalb ... Was aber Ihre Person betrifft, so kann ich Sie noch morgen am Tage dort einführen, wenn Sie wollen. Ja, das muß sogar unbedingt geschehen, Sie müssen sich eben einmal zeigen und Ihren Dank aussprechen. Wir können ja jeden Tag hinfahren, wenn Sie es wünschen ...“
„Es ist aber doch immer ...“
„Unsinn! Und die Hauptsache – Sie wissen das ja selbst! Hören Sie, machen wir es einfach so: Kommen Sie, wenn Sie wollen, schon heute abend zu mir, schlafen Sie die Nacht über meinetwegen bei mir, und dann am Morgen fahren wir beide früher aus, damit wir um zwölf dort sind!“
„Sie sind ... Sie sind wirklich mein Wohltäter! Sogar übernachten soll ich bei Ihnen! ...“ nahm Pawel Pawlowitsch den Vorschlag ganz plötzlich und fast gerührt an. „Sie erweisen mir Wohltaten, wie ich sie gar nicht verdient habe ... aber wo liegt denn dieses Landhaus?“
„In Ljesnoje ...“
„Nur, sehen Sie, wie machen wir denn das mit ihren Kleidern? Denn in ein so feines Haus, und noch dazu in einem so vornehmen Sommeraufenthalt, Sie wissen doch selbst ... Das Vaterherz ...“
„Wieso, was ist mit ihrem Kleide? Sie hat doch Trauer. Was kann sie da anderes tragen als Schwarz? Es ist das anständigste Kleidchen, das man sich denken kann. Nur ... etwas reinere Wäsche vielleicht, hier die Krause ...“
Die kleine Spitzenkrause am Halse, sowie die unter dem kurzen Kleidchen sichtbaren Röckchen waren allerdings nichts weniger als sauber.
„Im Augenblick, im Augenblick, sie muß sich unbedingt umkleiden,“ stimmte Pawel Pawlowitsch sogleich geschäftig bei. „Und auch die übrigen Sachen müssen wir sogleich einpacken. Aber das ist jetzt alles bei Marja Ssyssojewna in der Wäsche!“
„Dann schicken Sie nur gleich nach einer Droschke,“ versetzte Weltschaninoff schnell, „und vielleicht ohne Zögern wenn möglich.“
Es stellte sich jedoch heraus, daß zunächst noch ein anderes Hindernis zu überwinden war: Lisa wollte nicht fort. Die ganze Zeit, während der Weltschaninoff den Vater beredete, hatte sie angstvoll zugehört, und wenn er sie beobachtet hätte, würde er in ihrem Gesichtchen immer größer werdendes Entsetzen, zuletzt fast Verzweiflung wahrgenommen haben.
„Ich werde nicht fahren!“ sagte sie leise, doch mit aller Bestimmtheit.
„Sehen Sie, da sehen Sie es: ganz wie die Mama!“
„Nein, ich bin nicht wie Mama, ich bin nicht wie Mama!“ rief Lisa flehentlich und rang verzweifelt ihre kleinen Händchen, als wolle sie sich gegen den furchtbaren Vorwurf verteidigen, der Mutter ähnlich zu sein. „Papa, Papa, wenn Sie mich verlassen ...“
Und plötzlich stürzte sie sich auf den ganz erschrockenen Weltschaninoff:
„Wenn Sie mich fortbringen, werde ich ...“
Weiter kam sie nicht: Pawel Pawlowitsch hatte sie gepackt und zog sie bereits mit unverhohlener Wut ins kleine Nebenzimmer. Von dort hörte man dann wieder eine ganze Weile eifriges Geflüster; dazwischen unterdrücktes Weinen. Weltschaninoff wollte sich schon erheben und zu ihnen gehen, um der Quälerei ein Ende zu machen, als Pawel Pawlowitsch wieder auf der Schwelle erschien und mit einem eigentümlichen, verstellten Lächeln sagte, sie werde sogleich kommen. Weltschaninoff bemühte sich, ihn nicht anzusehen, und blickte zur Seite.
Bald erschien denn auch Marja Ssyssojewna, dieselbe Frauensperson, der Weltschaninoff im Korridor begegnet war, und die Pawel Pawlowitsch inzwischen gerufen hatte. Sie brachte Lisas Wäsche und machte sich daran, dieselbe in Lisas nette, kleine Reisetasche einzupacken.
„Sie wollen das Mädchen fortbringen, Väterchen?“ wandte sie sich an Weltschaninoff. „Sie haben wohl selbst eine Familie? Das ist gut von Ihnen, Väterchen, daß Sie sie fortbringen: ist ’n stilles Kindchen, so kommt’s wenigstens aus diesem Sodom hier heraus.“
„Wie wär’s, Marja Ssyssojewna ...“ begann Pawel Pawlowitsch etwas betreten.
„Na, was denn: Marja Ssyssojewna! Meinen Namen kann ein jeder nennen! Oder ist denn das ein Leben, wie es sich gehört? Ist denn das eine Art, wenn ein Kindchen, das doch schon was begreifen kann, solche Schande mit ansieht? – Der Wagen ist schon vorgefahren, Väterchen. Nach Ljesnoje, nicht?“
„Ja, ja.“
„Nun dann – mit Gott!“
Lisa kam ganz bleich, mit niedergeschlagenen Augen, aus dem kleinen Zimmer und nahm die Reisetasche: kein Blick nach Weltschaninoff! Sie nahm sich krampfhaft zusammen und wandte sich auch nicht mehr an den Vater, um bei ihm Schutz zu suchen oder ihn anzuflehen; auch beim Abschied rührte sie sich nicht; offenbar wollte sie ihn nicht einmal ansehen. Der Vater küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr einmal übers Köpfchen; ihre Lippen zuckten und ihr Gesicht verkrampfte sich; aber sie sah doch nicht zu ihm auf. Pawel Pawlowitsch schien bleich zu sein und seine Hände zitterten – letzteres bemerkte Weltschaninoff ganz deutlich, obschon er sich alle Mühe gab, ihn nicht anzusehen. Er wollte nur so schnell als möglich fort, nur fort!
„Wenn ich sie erst dort habe ... Es ist nicht meine Schuld, daß es so gekommen ist! Was geht mich dieser Mensch an?“ dachte er bei sich. „Es hat so kommen müssen.“
Unten angelangt, wurde Lisa noch von Marja Ssyssojewna zum Abschied geküßt und dann in den Wagen gesetzt. Erst als auch Weltschaninoff eingestiegen war, schlug Lisa plötzlich die Augen auf und sah den Vater an – und plötzlich streckte sie die Hände nach ihm aus und schrie auf: im nächsten Augenblick wäre sie zu ihm hinausgestürzt, doch die Pferde zogen bereits an und sie fuhren davon.
VI. Ein neuer Einfall eines müßigen Menschen.
„Fühlst du dich nicht wohl, Lisa?“ fragte Weltschaninoff erschrocken. „Ich werde anhalten lassen ... ich lasse dir Wasser bringen ...“
Da schlug sie wieder ihre großen Kinderaugen zu ihm auf und aus ihnen sah ihn ein heißer, bitterer Vorwurf an.
„Wohin bringen Sie mich?“ fragte sie stockend.
„In ein wunderschönes Haus, Lisa. Es sind dort viele Kinder und die Eltern sind sehr nette Menschen. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche. Es ist dort sehr schön und man wird dich sehr lieb haben ... Sei mir nicht böse, kleine Lisa, ich meine es gut mit dir ...“
Hätten ihn seine Bekannten jetzt sehen können, sie würden ihn zum mindesten sehr sonderbar gefunden haben.
„Wie Sie – wie – wie – hu, wie schlecht Sie sind!“ stieß Lisa, tapfer die Tränen schluckend, mit stockender, zitternder Stimme hervor, und ihre blauen Augen wurden ganz dunkel vor Zorn.
„Lisa, ich ...“
„Schlecht, schlecht, schlecht sind Sie!“
Und sie rang die Händchen vor Verzweiflung. Weltschaninoff sah einfach hilflos aus.
„Lisa, liebe Kleine, wenn du wüßtest, zu welch einer Verzweiflung du mich bringst!“
„Ist es wahr, daß er morgen kommen wird? Ist es wahr?“ fragte sie angstvoll.
„Aber gewiß wird er kommen! Ich werde ihn selbst hinbringen! Ich werde ihn einfach festnehmen und in den Wagen setzen!“
„Er wird fortlaufen,“ sagte sie leise und senkte betrübt den Blick.
„Hat er dich denn nicht lieb, Lisa?“
„Nein, er hat mich nicht lieb ...“
„Hat er dich gekränkt? Hat er dir etwas zuleide getan?“
Lisa blickte ihn finster an, sagte aber kein Wort. Sie wandte sich wieder von ihm ab und sah eigensinnig zu Boden. Er sprach auf sie ein, redete ihr gut zu und war dabei wie im Fieber. Lisa hörte ihn mißtrauisch und feindselig an – aber sie hörte wenigstens. Ihre Aufmerksamkeit war schon eine große Freude für ihn. Er suchte ihr zunächst zu erklären, weshalb ein Mensch trinkt. Er sagte ihr auch, daß er sie sehr lieb habe und auf den Vater achtgeben werde. Endlich schaute Lisa auf und sah ihn lange unverwandt an. Und er erzählte weiter: daß er ihre Mama gekannt und im Hause ihrer Eltern verkehrt habe; und als er sah, daß er sie mit seinen Erzählungen zu fesseln vermochte, war er sehr froh. Allmählich begann sie, auf seine Fragen zu antworten, aber immer noch vorsichtig und einsilbig und mit noch nicht überwundenem Mißtrauen. Die wichtigsten Fragen jedoch ließ sie unbeantwortet: so sagte sie z. B. kein Wort über den Vater und wie er sie behandelt hatte. Während Weltschaninoff zu ihr sprach, nahm er ihr Händchen in seine Hand und hielt es fest; sie entzog es ihm nicht. Übrigens verrieten ihre Antworten doch mancherlei: aus ihnen ging wenigstens hervor, daß sie den Vater früher mehr geliebt hatte als die Mutter, weil auch er sie früher mehr geliebt habe, denn die Mama sei früher gar nicht so gut zu ihr gewesen. Auf dem Sterbebett aber habe die Mama sie so geküßt und sie habe so geweint, als alle hinausgegangen und sie allein geblieben waren ... und jetzt liebe sie die Mama mehr als alle, mehr als alles in der Welt, mehr als alle Menschen, und in jeder Nacht liebe sie sie über alles! Aber die Kleine besaß zweifellos ihren Stolz: kaum hatte sie es ausgesprochen, da erschrak sie sichtlich und nichts konnte sie wieder dazu bewegen, weiterzusprechen: Weltschaninoff, der ihr das Geheimnis entlockt hatte, fing nur einen feindseligen Blick auf, und wieder wandte sie sich von ihm ab. Als sie bereits über die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, bemerkte Weltschaninoff, daß die krankhafte Erregung der Kleinen sich gelegt zu haben schien, dafür aber war sie beängstigend nachdenklich und scheu geworden, und in dem kleinen zarten Gesichtchen drückten sich qualvoller Kummer, Angst und gleichzeitig doch auch Trotz und Entschlossenheit aus. Daß man sie in ein fremdes Haus, zu fremden Menschen brachte, daran schien sie vorläufig am wenigsten zu denken. Es war etwas ganz anderes, was ihr armes kleines Kinderherz quälte, das erriet Weltschaninoff sehr bald. Und zwar war es dies: daß sie sich für ihren Vater _schämte_, sich schämte, weil er sie ohne weiteres von einem Fremden hatte fortbringen lassen, fast als freue er sich, sie los zu werden – und daß nun dieser Fremde sie ohne weiteres auf dem Halse hatte.
„Sie ist krank, ganz fraglos ist sie krank!“ sagte sich Weltschaninoff. „Vielleicht sogar sehr krank. Und natürlich nur von seinen Quälereien ... O, dieser besoffene, gemeine Lump! Jetzt erst verstehe ich ihn! ...“
Er trieb den Kutscher zur Eile an: er setzte alle Hoffnung auf das Landhaus, die Luft, den Garten, die Kinder, auf das ganze neue, ihr bisher unbekannte Leben, und dann, später ... Denn darüber, was dann „später“ sein werde, war er sich keinen Augenblick mehr im unklaren. Große, helle Hoffnungen stiegen auf! Eines aber wußte er mehr als genau: daß er in seinem ganzen bisherigen Leben noch niemals das empfunden hatte, was er jetzt empfand und daß dieses Gefühl ihm für sein ganzes ferneres Leben bleiben würde!
„Ein Ziel! Jetzt habe ich ein Ziel, einen Lebensinhalt!“ dachte er begeistert.
Vieles ging ihm noch durch den Sinn und er schmiedete große Pläne, vermied es jedoch geflissentlich, an die „nebensächlichen“ Einzelheiten zu denken, weshalb ihm denn auch gelang, alles ganz wunderschön zu entwerfen. Der Hauptplan machte sich eigentlich ganz von selbst.
„Man wird eben diesen Schurken so lange bearbeiten,“ dachte er, „eventuell noch mit vereinten Kräften, bis er Lisa Pogorjelzeffs läßt, wenn auch vorläufig vielleicht nur für eine bestimmte Zeit, und allein zurückfährt. Dann aber gehört Lisa mir. Mehr verlange ich ja gar nicht! Und ... und natürlich ist das auch nur sein eigener Wunsch! Weshalb sollte er sie denn sonst so gequält haben?“
Endlich waren sie angelangt. Die Datsche der Pogorjelzeffs war wirklich ein reizender Erdenfleck. Empfangen wurden sie sogleich von einer fröhlich lärmenden Kinderschar, die kaum, daß der Wagen hielt, schon auf der Freitreppe erschien und lachend dem Besuch entgegendrängte. Weltschaninoff war lange nicht mehr bei ihnen gewesen, daher die unbändige Freude der Kinder: sie hatten ihn alle gern. Die älteren von ihnen riefen sogleich, noch bevor er ausgestiegen war:
„Ihr Prozeß, was macht Ihr Prozeß?“
Diese Frage griffen selbstverständlich auch die jüngeren und jüngsten auf und so tönte sie ihm denn aus allen Kehlen in allen Abstufungen unter Lachen und Geschrei entgegen. Er wurde hier nämlich mit seinem Prozeß regelmäßig geneckt. Als sie jedoch Lisa erblickten, verstummte eines nach dem anderen und alle umringten sie, um sie dann mit echtem ernstem Kinderinteresse zu betrachten. Da erschien aber schon Klawdia Petrowna und ihr folgte ihr Gemahl. Auch deren erstes Wort war eine lachende Frage nach dem Prozeß.
Klawdia Petrowna war eine Dame von siebenunddreißig Jahren, eine ziemlich volle und noch ganz hübsche Brünette mit einem frischen, sympathischen Gesicht. Ihr Gemahl war fünfundfünfzig, ein kluger und zugleich auch schlauer Kopf, doch in erster Linie und im Grunde ein gutmütiger Mensch. Ihr Haus war für Weltschaninoff im vollen Sinne des Wortes zu einem halben Heim geworden, wie er sich selbst ausdrückte. Übrigens war hier noch etwas anderes mit im Spiel: vor etwa zwanzig Jahren wäre dieselbe Klawdia Petrowna beinahe die Gattin Weltschaninoffs geworden, der damals, versieht sich, noch ein grüner Junge, noch Student gewesen war. Es war ihre erste, leidenschaftliche, lächerliche und doch so schöne Liebe gewesen. Geendet aber hatte ihr Verlöbnis damit, daß sie den Pogorjelzeff heiratete. Vor etwa fünf Jahren waren sie sich nun wieder begegnet und aus der einstigen Liebe war eine stille, heitere Freundschaft geworden, die aber doch eines gewissen wärmeren Untertones nicht entbehrte, der dieser Freundschaft noch einen ganz besonderen Reiz verlieh. In den Erinnerungen Weltschaninoffs an seine Beziehungen zu dieser Frau war alles rein und keusch, und deshalb um so teurer für ihn, als es die einzige Beziehung war, von der er das sagen konnte. In dieser Familie, und zwar nur hier allein, war er jungenhaft harmlos und gut; er gab sich mit den Kindern ab, verstellte sich nie, gestand alle seine Fehler ein und beichtete alles, was er auf dem Gewissen hatte. Mehr als einmal schon hatte er Pogorjelzeffs hoch und heilig versichert, daß er nur noch kurze Zeit sein altes Leben in der Welt weiterführen wolle, dann aber zu ihnen ziehen und für immer bei ihnen bleiben werde, so als freiwillig hinzugetretenes Familienmitglied, um in angenehmer Gesellschaft und stiller Beschaulichkeit freundlich sein Leben zu beschließen. In Gedanken nahm er diesen Scherz bisweilen sogar selbst für durchaus ernst gemeint.
Er erzählte ihnen ziemlich ausführlich alles, was über Lisa zu sagen war, doch seine Bitte allein genügte schon vollkommen, so daß die Erklärungen eigentlich überflüssig erschienen. Klawdia Petrowna küßte die „kleine Waise“ und versprach ihrerseits alles zu tun, was sich für sie tun ließ. Die Kinder waren sehr erfreut und im Augenblick schob die ganze Bande, Lisa in der Mitte, in den Garten ab. Nach einer halben Stunde lebhafter Unterhaltung erhob sich Weltschaninoff, um aufzubrechen. Er war so unruhig, daß es jedem auffallen mußte. Man war natürlich sehr erstaunt: drei Wochen lang hatte er sich nicht gezeigt, und nun wollte er nach einer halben Stunde schon wieder fort. Er versicherte zwar lachend, daß er nichts, „absolut nichts Besonderes“ habe und am nächsten Tage wiederkommen werde. Da aber sagte man ihm offen, daß er ja sehr aufgeregt zu sein scheine, und er zuckte zusammen und wandte sich dann plötzlich an Klawdia Petrowna, indem er bat, sie unter vier Augen sprechen zu dürfen, da er etwas sehr Wichtiges zu sagen vergessen habe. Sie gingen in ein anderes Zimmer.
„Erinnern Sie sich noch dessen, was ich Ihnen einmal erzählte,“ begann er, „nur Ihnen allein, was nicht einmal Ihr Mann weiß – ich meine das von meinem Aufenthalt in T.?“
„O, nur zu gut! Sie haben mir oft von diesem Jahr erzählt.“
„Nicht erzählt, sondern gebeichtet, und nur Ihnen, nur Ihnen allein! Ich habe Ihnen aber niemals den Namen jener Frau genannt. Es war – Frau Trussozkij, die Frau dieses selben Trussozkij, dieselbe, die jetzt gestorben ist. Und Lisa ist ihre Tochter, und – meine Tochter!“
„Wissen Sie es genau? Irren Sie sich nicht?“ fragte Klawdia Petrowna, auch ihrerseits sichtlich etwas erregt.
„Nein, ein Irrtum ist ausgeschlossen, ich weiß es genau!“ bestätigte Weltschaninoff mit förmlicher Begeisterung.
Und er erzählte in nicht geringer Erregung, rasch und so kurz, wie er sich nur fassen konnte, nochmals alles. Klawdia Petrowna hatte bisher nur den Namen jener Frau nicht gekannt; Weltschaninoff war schon der bloße Gedanke fürchterlich gewesen, daß jemand von seinen Bekannten Madame Trussozkij begegnen und sich dann darüber wundern konnte, wie _er_ diese Frau _so_ habe zu lieben vermocht. Deshalb hatte er nicht einmal Klawdia Petrowna, seinem einzigen „Freunde“, ihren Namen zu nennen gewagt.
„Und der Vater weiß nichts davon?“ fragte sie, nachdem sie ihn angehört hatte.
„Ja – er scheint doch etwas zu wissen ... Das ist es ja eben, was mich quält, – daß ich mir über diesen Punkt selbst noch nicht ganz klar bin!“ fuhr Weltschaninoff erregt fort. „Ich fühle es, er muß unbedingt etwas wissen! Davon habe ich mich gestern und heute vollkommen überzeugt. Aber jetzt fragt sich nur, wieviel er weiß? Deshalb will ich eben schnell wieder zurückkehren. Heute abend wird er zu mir kommen. Übrigens, ich verstehe nicht, woher er es wissen sollte? Von ihrem Verhältnis zu Bagontoff weiß er entschieden _alles_, das steht fest! Aber von mir? Sie wissen doch, wie Frauen in solchen Fällen ihre Männer zu überzeugen verstehen! Und sollte auch ein Engel vom Himmel herabsteigen und es ihm sagen – er wird ihm doch keinen Glauben schenken, sondern ausschließlich darauf hören, was seine Frau sagt! Schütteln Sie nicht den Kopf, verurteilen Sie mich nicht, ich habe mich ja schon selber tausendmal verurteilt! ... Sehen Sie, heute morgen, dort bei ihm, da war ich so fest davon überzeugt, daß er alles wisse, daß ich mich weiter gar nicht mehr verstellt oder sonstwie zusammengenommen habe – ich stellte mich unwillkürlich selbst bloß! Und werden Sie es mir glauben: es bedrückt mich ganz unsäglich, daß ich ihn gestern so unhöflich, so beleidigend geradezu, empfangen habe. Ich werde Ihnen ein nächstes Mal alles noch ausführlicher erzählen. Er ist gestern sicher nur mit dem einen boshaften Wunsch zu mir gekommen, mir zu verstehen zu geben, daß er um den ganzen ihm angetanen Schimpf weiß und auch den Beleidiger kennt! Sehen Sie, nur das war der Grund seines dummen Besuches in halbbetrunkenem Zustande. Doch ist es ja schließlich so begreiflich! Sein Besuch war und sollte am Ende nichts anderes sein als eine Mahnung und ein Vorwurf. Überhaupt habe ich mich gestern wie auch heute viel zu hitzig benommen! Unvorsichtig und dumm! Ich habe mich selbst verraten! Daß er aber auch gerade zu einer solchen Stunde kommen mußte, in der man ohnehin schon reizbar ist! Ich sagte Ihnen, er hat sogar Lisa gequält, das Kind, nur um seine Wut an ihr auszulassen! Ja, er ist erbittert, das merkt man. Wie unbedeutend er auch sein mag, erbittert aber ist er doch – ist es bis zur ohnmächtigen Wut – daher seine Bosheiten! Selbstverständlich ist er nichts mehr als ein Narr, obschon er früher, bei Gott, den Eindruck eines sehr vernünftigen Menschen machte – wenigstens soweit man aus ihm klug werden konnte. Aber es ist ja schließlich so natürlich, daß er jetzt liederlich geworden ist! In solchen Fällen, liebe Freundin, muß man sich menschlich in die Lage des anderen hineinzuversetzen suchen, bevor man verurteilt. Wissen Sie, meine Gute, Liebe, ich – ich will mich von nun an ganz anders zu ihm verhalten: ich will mich bemühen, gut zu ihm zu sein. Ich glaube, ich werde mir das sogar als eine ‚gute Tat‘ anrechnen können. Denn ich bin doch immerhin der schuldige Teil! Und noch eines nicht zu vergessen – ich stehe außerdem auch noch moralisch in seiner Schuld: ich brauchte einmal in T. ganz plötzlich und dringend viertausend Rubel, und er gab sie mir im Augenblick, ohne sich einen Moment zu bedenken, streckte er sie mir vor, und ohne jede Schuldverschreibung meinerseits. Er freute sich sogar aufrichtig, daß er mir einen Dienst erweisen konnte, und ich nahm das Geld an, ich ließ mir von ihm den Dienst erweisen, verstehen Sie, ich nahm das Geld an, wie man es von einem Freunde annimmt!“
„Seien Sie jedenfalls vorsichtig,“ rief ihm darauf etwas beunruhigt Klawdia Petrowna zu. „Sie sind jetzt so ... begeistert, daß ich Ihnen wirklich nur raten möchte, sich in acht zu nehmen. Lisa ist mir natürlich so lieb wie mein eigenes Kind, aber es bedarf hier noch so vieles der Aufklärung. Seien Sie nur vor allen Dingen vorsichtiger – das müssen Sie unbedingt, solange Sie so – glücklich und so versöhnlich gestimmt sind! Sie sind vielleicht gar zu großmütig, wenn Sie glücklich sind,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
Weltschaninoff brach auf. Zum Abschied kamen wieder alle aus dem Garten herbei, auch Lisa mit den Kindern. Die Kinder schienen die Kleine übrigens jetzt noch verwunderter zu betrachten als bei ihrem ersten Erscheinen, denn etwas so Schüchternes wie Lisa konnten sie wohl noch nicht gesehen haben. Als Weltschaninoff sie zum Abschied vor allen Anwesenden küßte, erschrak sie heftig und hätte sich offenbar am liebsten irgendwohin verkrochen. Weltschaninoff versprach mit aller Bestimmtheit, am nächsten Tage mit dem Vater wiederzukommen. Da erst blickte Lisa zu ihm auf, und als er sich nun von den anderen Kindern verabschieden wollte, fühlte er sich plötzlich am Ärmel gezupft: er wandte sich um und – es war Lisa, die ihn flehend ansah und mit dem Blick eine Bitte aussprach, die er sofort verstand. Sie wollte ihm etwas sagen, ihm ganz allein. Er führte sie sogleich ins nächste Zimmer.
„Was willst du mir sagen, Lisa? Was ist es?“ fragte er zärtlich, mit ermunterndem Lächeln sich zu ihr beugend; die Kleine aber zog ihn noch weiter, sah sich ängstlich um, und zog ihn wieder weiter bis in den Winkel, als wolle sie sich vor allen verstecken.
„Was gibt es denn, Lisa, sag es mir doch!“
Sie schwieg und konnte sich noch nicht entschließen; ihre großen Kinderaugen sahen ihn unbeweglich an und jeder Zug ihres Gesichtchens sprach von unsäglicher Angst.
„Er ... er wird sich ... erhängen!“ flüsterte sie wie im Fieber.
„Wer wird sich erhängen?“ fragte Weltschaninoff erschrocken.
„Er, er! Er wollte sich in der Nacht ... an einer Schlinge erhängen!“ stieß sie plötzlich schnell und vor Angst doch stockend hervor, „ich habe es gesehen! Und er hat es mir selbst gesagt, daß er sich erhängen wird, er hat es mir selbst gesagt! Er wollte es auch früher schon, er hat es immer gewollt ... Ich habe es doch gesehen, in der Nacht ...“
„Nicht möglich!“ Weltschaninoff war so betroffen, daß er nicht wußte, was er denken sollte.
Und plötzlich begann Lisa, seine Hand zu küssen, sie weinte, das Weinen drohte sie fast zu ersticken, sie bat und flehte, aber er konnte aus ihrem wirren Gestammel nicht klug werden. Der flehende Blick jedoch – der Blick dieses vor Qual zitternden Kindes, blieb für immer in seinem Gedächtnis, er sah ihn im Traum und in wachem Zustande vor sich – diesen Kinderblick, mit dem sich ein ganzes Leben mit seinen letzten Hoffnungen an ihn klammerte.
„Sollte sie ihn wirklich, wirklich so lieben?“ fragte er sich nicht ohne Eifersucht und Neid, als er in fieberhafter Ungeduld nach der Stadt zurückfuhr.
„Sie sagte doch auf der Hinfahrt, daß sie die Mutter mehr liebe ... Vielleicht haßt sie ihn sogar und liebt ihn durchaus nicht! ...“
„Und was soll das heißen: er werde sich erhängen? Was sagte sie doch? Er, dieser Dummkopf, und sich aufhängen! Jedenfalls muß man dahinter kommen! Unbedingt! Ich muß zusehen, wie ich es anstellen kann, daß ich die Sache bald, so schnell als möglich und ein für allemal ins reine bringe!“
VII. Der Gatte und der Liebhaber küssen sich.
Weltschaninoff fieberte fast vor Ungeduld. So sehr drängte es ihn, zu erfahren, was alles „dahintersteckte“.
„Am Morgen war ich ja zunächst wie betäubt, es kam alles viel zu überraschend für mich, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken,“ sagte er sich, „jetzt aber muß ich sehen, wie ich mir vor allen Dingen Klarheit verschaffe.“ Und in seiner Ungeduld wollte er dem Kutscher schon befehlen, direkt zu Trussozkij zu fahren, besann sich jedoch sogleich und sagte sich vernünftigerweise: „Nein, es ist doch besser, er kommt zu mir! Ich aber werde versuchen, bis dahin noch meine verdammten Gänge zu erledigen.“
Und so tat er es denn auch: mit Hast und Eifer machte er sich daran, alles zu „erledigen“, was er an diesem Tage vorhatte. Doch fühlte er selbst, daß er sehr zerstreut war und gar nicht recht dazu ausgelegt, sich mit seinen Prozeßsachen zu befassen. Und als er sich, endlich, gegen fünf Uhr wie gewöhnlich ins Restaurant begab, um zu Mittag zu speisen, kam ihm, plötzlich und zum erstenmal, der Gedanke, daß er ja vielleicht wirklich den Verlauf seines Rechtsstreites nur aufhalte, indem er sich persönlich in die Angelegenheiten hineinmischte, Nachforschungen anstellte und seinen Rechtsanwalt nicht in Ruhe ließ, weshalb dieser sich bereits ein paarmal vor ihm hatte verleugnen lassen und ihm auch sonst schon aus dem Wege zu gehen begann. Doch statt sich über diese Beobachtung zu ärgern, lachte er nur vergnügt auf. „Wäre ich gestern darauf gekommen, so hätte es mich doch stark verdrossen!“ sagte er sich mit einem Lächeln. Im übrigen wuchs, trotz dieser scheinbar guten Laune, seine Zerstreutheit und Ungeduld mit jeder Minute. Schließlich versank er in Nachdenken. Nur kam er, obschon er wirklich nachdenken wollte, mit dem Denken nicht recht vom Fleck – es ging ihm gar zu vieles durch den Kopf.
„Ich muß mir diesen Menschen einfangen!“ sagte er sich, als er endlich so weit zur Einsicht gekommen war. „Ich muß ihm zuerst auf den Zahn fühlen und dann sehen, wie ich weiter vorgehen kann. Natürlich muß ich mich von vornherein auf ein Duell gefaßt machen!“
Gegen sieben Uhr kam er nach Haus, doch Pawel Pawlowitsch war noch nicht erschienen. Darüber war er nun höchlichst erstaunt, aber das Erstaunen verwandelte sich alsbald in Ärger, und diesem folgte mißmutige Niedergeschlagenheit. Endlich stiegen auch noch Befürchtungen auf:
„Gott weiß, Gott weiß, womit das noch enden wird!“ murmelte er vor sich hin, wie von Vorahnungen bedrückt, während er bald im Zimmer auf und ab schritt, bald sich auf dem Diwan ausstreckte und immer wieder nach der Uhr sah. Endlich, gegen neun Uhr, erschien Pawel Pawlowitsch. „Wenn dieser Mensch,“ sagte sich Weltschaninoff, „wenn dieser Mensch ein Schlaukopf wäre, so hätte er mich in keiner Weise besser zu Unvorsichtigkeiten meinerseits vorbereiten können, als durch dieses Wartenlassen – so zerstreut bin ich jetzt!“ Und plötzlich wurde er ganz munter, womit sich dann auch seine gute Laune wieder einstellte.
Auf seine scherzhaft lustige Frage, weshalb er denn so spät komme, hatte Pawel Pawlowitsch als Antwort nur ein halb höhnisches Lächeln, worauf er sich nachlässig – nicht so wie beim ersten Besuch – in einen der großen Sessel warf und seinen Hut mit dem Trauerflor auf den nächsten Stuhl schleuderte – gleichfalls mit einer gewissen verärgerten Nachlässigkeit. Weltschaninoff fiel dieses veränderte Gebaren sogleich auf und er merkte es sich.
Ruhig und ohne viel Worte zu machen, auch ohne die Erregung, in der er bei ihm am Vormittag gesprochen, erzählte Weltschaninoff, ganz als wolle er nur „Bericht erstatten“, wie er Lisa hingebracht und wie nett man sie aufgenommen hatte, wie gut ihr der Aufenthalt dort bekommen und wie sie ausleben werde. Ganz allmählich ging er dann – wie wenn er Lisa schon vergessen – auf Pogorjelzeffs über. D. h. er erzählte, was für reizende Menschen sie seien, wie lange er schon mit ihnen verkehre, was für ein guter und einflußreicher Mensch Pogorjelzeff sei usw., usw. Pawel Pawlowitsch hörte sichtlich zerstreut zu und begnügte sich damit, ihn hin und wieder mit einem Blick unter der Stirn hervor flüchtig zu streifen, während ein bestimmtes spitzbübisches Lächeln um seinen Mund spielte.
„Ein lebhafter Mensch sind Sie, das muß man sagen,“ brummte er schließlich in eigentümlichem Tone, und in seinem Lächeln lag dabei eine ganz besondere Gemeinheit.
„Sie scheinen ja heute recht boshaft zu sein,“ bemerkte Weltschaninoff ärgerlich.
„Weshalb sollte ich denn auch nicht boshaft sein, wenn alle anderen es sind?“ fragte Pawel Pawlowitsch schnell, ganz als springe er mit seiner Frage plötzlich hinter einer Ecke hervor – und als habe er nur auf diese gewartet, um aus dem Versteck hervorzuspringen.
„Ganz wie Sie wollen,“ entgegnete Weltschaninoff lächelnd. „Ich dachte schon, es sei Ihnen vielleicht was passiert.“
„Und es ist mir auch was passiert!“ versetzte jener, als wolle er damit prahlen, daß ihm etwas „passiert“ war.
„Was denn, wenn man fragen darf?“
Pawel Pawlowitsch zögerte ein wenig mit der Antwort.
„Ja, sehen Sie, unser Stepan Michailowitsch hat mir da wieder einen Streich gespielt ... Bagontoff, der eleganteste junge Mann der besten Petersburger Gesellschaft –“
„Sind Sie wieder abgewiesen worden?“
„Nein, gerade diesmal wurde ich eben nicht abgewiesen, ich wurde zum erstenmal vorgelassen und habe mir Bagontoffs Gesichtszüge ganz genau betrachten können ... freilich diesmal bereits diejenigen des Toten ...“
„Wa–as? Bagontoff ist tot?“ wunderte sich Weltschaninoff über alle Maßen, obschon, wie man meinen sollte, eigentlich kein natürlicher Grund zu einer solchen Verwunderung vorlag.
„Er und kein anderer! Unser teuerster Freund ist tot, er, der uns sechs Jahre lang treu gewesen ist! Schon gestern, fast um die Mittagszeit, ist er gestorben, und ich habe es nicht einmal gewußt! vielleicht bin ich gar zu derselben Zeit dort gewesen und habe mich nach seiner Gesundheit erkundigt! Morgen ist die Beerdigung, er liegt schon im Sarge. Der Sarg ist mit dunkelrotem Samt beschlagen, mit goldenen Quasten und Fransen. An einem Nervenfieber ist er gestorben. Ja, man ließ mich vor und ich sah ihn mir an, betrachtete die Züge, wie gesagt. Ich erklärte den Leuten, daß ich sein aufrichtiger Freund gewesen sei, deshalb ließ man mich, wie gesagt, vor. Was hat er mir da nun für einen Streich gespielt, dieser mein aufrichtiger, sechs Jahre lang treuer Freund, sagen Sie bloß! Ich bin ja doch vielleicht einzig seinetwegen hierher nach Petersburg gekommen! ...“
„Aber weshalb ärgern Sie sich denn über ihn?“ fiel ihm Weltschaninoff lachend ins Wort. „Er ist doch nicht absichtlich gestorben!“
„Ja aber – ich rede doch auch nur mit Bedauern! Er war doch mein teuerster Freund! – er hat doch _das_ für mich bedeutet:“
Und Pawel Pawlowitsch hob plötzlich und ganz unvermutet beide Fäuste mit emporstehenden Zeigefingern an seine Schläfen, so daß die Finger wie Hörner über seinem kahlen Schädel standen, und dazu kicherte er leise und anhaltend. Und so, mit den Hörnern am Kopf und widerlich lachend, saß er wohl eine halbe Minute lang und blickte mit der boshaftesten, tückischsten Frechheit im Blick unbeweglich Weltschaninoff in die Augen. Dieser erstarrte förmlich, als sehe er ein Gespenst. Doch seine Starrheit dauerte nur einen Moment: im nächsten Augenblick erschien bereits ein spöttisches und geradezu beleidigend ruhiges Lächeln langsam, beleidigend langsam auf seinen Lippen.
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte er nachlässig und in etwas gedehntem Tone.
„Das hat Hörner zu bedeuten!“ versetzte Pawel Pawlowitsch kurz und entfernte zugleich wieder die Hände von der Stirn.
„Das heißt ... Ihre Hörner?“
„Jawohl, meine eigenen, wohlerworbenen!“ Und Pawel Pawlowitsch verzog sein Gesicht zu einer halben Grimasse, die unglaublich gemein aussah.
Beide schwiegen.
„Sie sind ein mutiger Mensch!“ bemerkte endlich Weltschaninoff.
„Weil ich Ihnen meine Hörner gezeigt habe? Wissen Sie was, Alexei Iwanowitsch, es wäre besser, Sie bewirteten mich mit irgend etwas! Habe ich Sie doch in T. ein ganzes Jahr lang bewirtet, jeden Herrgottstag ... Schicken Sie mal nach einer Flasche, meine Kehle ist wie ausgetrocknet.“
„Mit Vergnügen. Sie hätten es sogleich sagen sollen. – Was wünschen Sie?“
„Was ‚Sie‘! Sagen Sie doch ‚_wir_‘! Wir werden doch zusammen trinken, oder etwa nicht?“ rief Pawel Pawlowitsch herausfordernd, während er zugleich doch mit einer gewissen und ganz eigentümlichen Unruhe dem anderen in die Augen sah.
„Champagner?“
„Was denn sonst? Beim Branntwein sind wir noch nicht angelangt ...“
Weltschaninoff erhob sich, ohne sich zu beeilen, klingelte und gab der Mawra, seiner zeitweiligen Aufwärterin, einige Anweisungen.
„Trinken wir zur Feier unseres frohen Wiedersehens nach neunjähriger Trennung!“ grinste ganz überflüssigerweise Pawel Pawlowitsch – der vermeintliche Scherz mißglückte ihm aber sehr. „Jetzt sind Sie, nur Sie allein mir noch als aufrichtiger Freund verblieben! Einen Stepan Michailowitsch Bagontoff gibt’s nicht mehr! Das ist ja, wie der Dichter sagt:
Patroklos, der große, ist tot. Statt seiner lebt nur noch Thersites, Der mehr als verächtliche ...“
Bei dem Namen Thersites stieß er sich mit dem Finger vor die eigene Brust.
„Wenn das Schwein sich doch schneller aussprechen würde, diese Anspielungen sind mir in den Tod verhaßt!“ dachte Weltschaninoff bei sich. Der Ärger kochte in ihm und schon lange konnte er sich nur noch mit Mühe beherrschen.
„Ich verstehe Sie nicht,“ begann er ärgerlich, „wenn Sie Stepan Michailowitsch (er nannte ihn jetzt nicht mehr einfach Bagontoff!) so überzeugtermaßen beschuldigen, so kann es Ihnen, dächte ich, nur zur Freude gereichen, daß Ihr Beleidiger gestorben ist. Weshalb also ärgern Sie sich noch?“
„Wieso zur Freude? Zu welch einer Freude denn?“
„Ich urteile nach Ihren Gefühlen.“
„Hehe, dann täuschen Sie sich sehr. Was meine Gefühle betrifft, so kann ich mit den Worten eines Weisen sagen: ‚Ein toter Feind ist gut, aber ein lebender ist besser!‘ Hehe!“
„Ja aber Sie haben doch den lebenden fünf Jahre lang jeden Tag zu betrachten Gelegenheit gehabt, – also Zeit genug, denke ich, um sich an ihm sattzusehen,“ bemerkte Weltschaninoff boshaft und unverschämt.
„Ja habe ich denn ... habe ich denn damals was gewußt?“ fuhr Pawel Pawlowitsch plötzlich auf, und es war wieder ganz so, als springe er plötzlich hinter einer Ecke hervor, sogar mit einer gewissen Freude darüber, daß man endlich die Frage gestellt, die er lange erwartet hatte. „Für wen halten Sie mich denn, Alexei Iwanowitsch?“
Und in seinem Blick blitzte plötzlich ein ganz neuer, noch nie gesehener Ausdruck auf, der sein bis dahin nur boshaftes und zu gemeinen Grimassen sich verzerrendes Gesicht gleichsam vollständig umgestaltete.
„Ja, haben Sie denn wirklich nichts gewußt!“ entfuhr es Weltschaninoff mit der größten und unverfälschtesten Bestürztheit.
„Wie, glauben Sie denn, ich hätte es gewußt? Wirklich gewußt?! O, ihr – unsere Vertreter Jupiters! Ihr stellt ja einen Menschen nicht höher als einen Hund und beurteilt jeden anderen nur nach der eigenen erbärmlichen Natur. Da haben Sie’s! Schlucken Sie es nur, das Kompliment!“ Und jähzornig schlug er mit der Faust auf den Tisch, erschrak aber im Moment selbst über seinen Faustschlag – und aus seinem Blick sprach sofort wieder Ängstlichkeit.
Weltschaninoff nahm eine strammere Haltung an.
„Hören Sie, Pawel Pawlowitsch, es kann mir doch entschieden ganz gleichgültig sein, das werden Sie mir wohl zugeben, ob Sie da was gewußt haben oder nicht. Wenn Sie nichts gewußt haben, so gereicht Ihnen das jedenfalls mehr zur Ehre, obschon ... übrigens, ich verstehe nicht, weshalb Sie gerade mich zu Ihrem Beichtvater erwählt haben? ...“
„Ich rede nicht von Ihnen ... ärgern Sie sich nicht ... nicht von Ihnen ...“ lenkte Pawel Pawlowitsch, den Blick zu Boden gesenkt, wieder ein.
Mawra erschien mit dem Champagner.
„Ah, da kommt die Flasche!“ rief Pawel Pawlowitsch, sichtlich erfreut über die Unterbrechung gerade im richtigen Augenblick. „Und die Gläser, Matuschka, die Gläser! Großartig! Weiter werden wir von Ihnen nichts verlangen, liebes Wesen. Und auch schon entkorkt? Sie sind ja eine Perle, liebes Kind! Nun, schon gut, Sie können gehen!“
Und mit neuem Mut blickte er Weltschaninoff wieder frech in die Augen.
„Aber gestehen Sie doch nur, hehe,“ begann er plötzlich, „daß Sie für alles das kolossales Interesse übrig haben und es Ihnen durchaus nicht so ‚entschieden ganz gleichgültig‘ ist, wie Sie sich soeben zu äußern beliebten, sondern daß Sie sogar aufrichtig betrübt wären, wenn ich im Augenblick aufstände und fortginge, ohne Ihnen was zu erklären!“
„Versichere Sie, es fiele mir nicht ein, betrübt zu sein.“
„Ei, wie du lügst!“ schien das Lächeln Pawel Pawlowitschs zu sagen.
„Nun, denn – trinken wir!“ Und er schenkte den Champagner ein. „Lassen Sie uns einen Toast ausbringen: trinken wir auf das Wohl des in Gott entschlafenen Freundes Stepan Michailowitsch!“
Er hob den Kelch und leerte ihn auf einen Zug.
„Auf ein solches Wohl werde ich nicht trinken.“ Weltschaninoff stellte sein Glas wieder hin.
„Warum denn nicht? Es ist doch ein nettes Toastchen.“
„Sagen Sie: als Sie hierher kamen, waren Sie da noch nicht betrunken?“
„Ich hatte ein wenig getrunken. Was ist denn?“
„Nichts Besonderes. Es schien mir nur, daß Sie gestern und namentlich heute morgen um die verstorbene Natalja Wassiljewna aufrichtig trauerten.“
„Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich nicht auch jetzt aufrichtig um sie trauere?“ fuhr sogleich wieder Pawel Pawlowitsch auf, ganz als habe er innerlich eine Sprungfeder, an der ihn jemand gezupft habe.
„Das wollte ich damit nicht gesagt haben ... Aber Sie werden doch zugeben, daß Sie in bezug auf Stepan Michailowitsch in einem Irrtum befangen sein können, das aber – will viel besagen.“
„Wie gern Sie doch selbst erfahren würden, wie ich hinter das Geheimnis Stepan Michailowitschs gekommen bin!“
Weltschaninoff wurde rot.
„Ich wiederhole Ihnen, daß es mir entschieden ganz gleichgültig ist.“
„Oder sollte ich ihn nicht sogleich vor die Tür setzen, ihn einfach hinauswerfen samt seiner Flasche?“ fuhr es ihm durch den Kopf und er errötete noch mehr.
„Tut nichts!“ sagte da, wie um ihn zu ermuntern, Pawel Pawlowitsch und schenkte sich wieder ein.
„Ich werde Ihnen sogleich erklären, wie ich ‚alles‘ erfahren habe, und damit Ihren glühenden Wunsch erfüllen ... denn Sie sind wirklich ein glühender Mensch, Alexei Iwanowitsch, ein furchtbar heißblütiger Mensch! Hehe! Geben Sie mir nur ein Zigarettchen, denn seit dem März ...“
„Hier sind Zigaretten.“
„Ich bin nämlich ganz auf Abwege geraten seit dem März, Alexei Iwanowitsch, und das ist, wie gesagt, eine sehr eigentümliche Krankheit. In der Regel stirbt der Kranke, ohne es vorher auch nur zu ahnen, daß es mit ihm zu Ende geht. Ich sagte Ihnen ja: noch fünf Stunden vor dem Tode erklärte die selige Natalja Wassiljewna, daß sie in zwei Wochen zu ihrer Tante fahren werde, deren Gut vierzig Werst von der Stadt entfernt liegt. Außerdem wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß viele Damen, vielleicht aber auch Herren, die Angewohnheit oder die Manie haben, allen möglichen alten Plunder von ihrer Liebeskorrespondenz aufzubewahren ... Am vernünftigsten wäre es doch, so etwas in den Ofen zu werfen, nicht wahr? Aber nein, jedes Papierfetzchen wird von ihnen in Kästchen und Schiebfächern aufbewahrt, ja oft sind sie sogar numeriert nach Jahr und Datum und nach den Absendern sortiert. Wozu das alles, ob es ihnen nun einen Trost gewährt oder was sonst – das weiß ich nicht; aber wahrscheinlich, na, so zur angenehmen Erinnerung. Da nun Natalja Wassiljewna noch fünf Stunden, wie gesagt, vor ihrem Ende die Tante zu besuchen beabsichtigte, dachte sie natürlich nicht an den Tod, nicht einmal in der letzten Stunde, und erwartete immer noch mit Ungeduld den Doktor Koch. So kam es denn, daß sie starb, ihre kleine Schatulle aber – ein Kästchen aus Ebenholz mit kunstvoller Einlegearbeit in Perlmutter und Silber – die blieb in ihrem Schreibtisch. So’n nettes kleines Kästchen mit einem Schlüsselchen davor, ein Familienerbstück, von der Großmutter hatte sie es. Nun, und aus diesem Kästchen kamen dann all die Geheimnisse an den Tag, das heißt nämlich – alles, ohne jede Ausnahme, Tag für Tag und Jahr für Jahr, während des ganzen zwanzigjährigen Ehelebens. Da aber Stepan Michailowitsch eine ausgesprochene Neigung zur Literatur besessen, einmal sogar eine Novelle von höchst leidenschaftlichem Kolorit an eine Zeitschrift gesandt hat, nun, so ist es erklärlich, wenn ich sage, daß die Zahl seiner Schriftstücke in der Schatulle nahe an Hundert reichte – allerdings hatte er sie im Laufe von ganzen fünf Jahren geschrieben. Einige Nummern waren noch mit eigenhändigen Randbemerkungen von Natalja Wassiljewna versehen. Eine angenehme Entdeckung das, für den Gatten, was meinen Sie?“
Weltschaninoff überlegte im Augenblick und erinnerte sich genau, daß er niemals weder einen Brief noch einen Zettel heimlich an Natalja Wassiljewna geschrieben hatte. Aus Petersburg freilich hatte er zwei Briefe geschrieben, doch waren die an sie beide gerichtet gewesen, wie es vorher zwischen ihm und ihr verabredet worden war. Auf den letzten Brief Natalja Wassiljewnas, in dem sie ihm den Abschied erteilte, hatte er überhaupt nichts mehr geantwortet.
Als Pawel Pawlowitsch seine Erzählung beendet hatte, schwieg er eine ganze Weile und beobachtete den anderen nur mit einem aufdringlichen, spöttisch provozierenden Lächeln.
„Warum antworten Sie mir denn nichts auf meine kleine Frage?“ sagte er endlich.
„Auf welch eine kleine Frage?“
„Nun doch: bezüglich der angenehmen Gefühle des Gatten, der die Schatulle öffnet.“
„Oh, was geht das mich an!“ Weltschaninoff machte erbost eine gereizte Handbewegung, stand auf und begann im Zimmer hin- und herzugehen.
„Ich könnte wetten, daß Sie jetzt denken: ‚Bist doch ein Schwein, wenn du selbst auf deine Hörner weist!‘ hehe! Nichts ist leichter als ... _Sie_ anzuekeln.“
„Es fällt mir nicht ein, das zu denken, was Sie mir da unterschieben wollen. Im Gegenteil, ich sage mir, daß der Tod Ihres Beleidigers Sie gar zu sehr geärgert hat, und außerdem haben Sie mehr als nötig getrunken. Doch sehe ich in alledem nichts Außergewöhnliches. Ich begreife auch sehr gut, wozu Sie des lebenden Bagontoff bedürfen und bin gern bereit, Ihren Ärger zu achten, aber ...“
„Und wozu würde ich wohl des lebenden Bagontoff bedürfen, Ihrer Meinung nach?“
„Das ist Ihre Sache.“
„Ich wette, daß Sie dabei an ein Duell denken!“
„Zum Teufel!“ Weltschaninoffs Selbstbeherrschung begann merklich nachzulassen. „Ich dachte eben, daß Sie, wie jeder anständige Mensch ... in ähnlichen Fällen sich nicht zu albernem Geschwätz erniedrigen würden, zu dummen Verstellungen, zu lächerlichen Klagen und gemeinen Anspielungen, mit denen ein jeder nur sich selbst noch mehr beschmutzt, sondern daß Sie offen und ehrlich handeln wollten – eben wie ein anständiger Mensch!“
„Hehe, aber vielleicht bin ich gar kein anständiger Mensch?“
„Das ist wiederum Ihre Sache ... Doch übrigens, zu welcher Teufelei hätten Sie denn sonst des lebenden Beleidigers bedurft?“
„Na, so ... wenn auch nur, um den lieben Hausfreund mal zu betrachten. Wir würden dann eben ein Fläschchen nehmen und es gemütlich austrinken.“
„Er hätte mit Ihnen doch nicht getrunken!“
„Warum nicht? ^Noblesse oblige!^ Trinken doch auch Sie mit mir; inwiefern sollte er besser sein als Sie?“
„Ich habe mit Ihnen nicht getrunken.“
„Weshalb denn plötzlich dieser Stolz?“
Weltschaninoff lachte nervös und gereizt auf.
„Pfui Teufel! Sie sind ja entschieden ein Raubtier-Typ! Und ich dachte, Sie seien nur ein – ewiger Gatte, und nichts weiter!“
„Wie das – ewiger Gatte, was bedeutet das?“ griff Pawel Pawlowitsch die Ohren spitzend sogleich das Wort auf.
„So – ich meine, meine so einen besonderen Typ Ehemänner ... es ist eine zu lange Geschichte, um sie zu erzählen. Packen Sie sich jetzt lieber, es ist Zeit für Sie ... außerdem: Sie werden langweilig und fallen für die Dauer auf die Nerven.“
„Und was bedeutet Raubtier-Typ? Sie sagten soeben ...“
„Wenn ich sagte, daß Sie ein Raubtier-Typ seien, na, so tat ich es, um mich über Sie lustig zu machen.“
„Aber was ist das für ein Raubtier-Typ? Erklären Sie es mir, Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, um Gottes willen, um Christi willen!“
„Nun ... ach, nun, genug!“ ärgerte sich plötzlich Weltschaninoff ganz furchtbar. „Es ist Zeit für Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen! Genug!“
„Nein, es ist noch nicht genug!“ Pawel Pawlowitsch erhob sich schnell. „Und selbst wenn ich Sie langweile, auch dann ist es noch nicht genug: denn vorher müssen wir beide noch anstoßen und zusammen trinken! Also trinken wir, dann gehe ich, aber jetzt ist es noch nicht genug!“
„Pawel Pawlowitsch, können Sie sich heute zum Teufel scheren oder nicht?“
„Ich kann und werde mich zum Teufel scheren, doch vorher werden wir noch trinken. Sie sagten, daß Sie gerade _mit mir_ nicht trinken wollten; nun, ich aber will es, daß Sie gerade mit mir trinken!“
Er schnitt jetzt nicht mehr Gesichter, er lächelte und kicherte auch nicht mehr. Alles an ihm hatte sich plötzlich wieder vollkommen verwandelt und war so entgegengesetzt der ganzen Erscheinung und dem ganzen Tone jenes Pawel Pawlowitsch, der noch vor ein paar Augenblicken dort gestanden hatte, daß Weltschaninoff ihn ganz befremdet ansah und wirklich stutzig wurde.
„Ei, trinken wir, Alexei Iwanowitsch, Sie weigern sich nicht!“ fuhr Pawel Pawlowitsch in diesem an ihm ganz neuen Tone fort – und plötzlich packte er Weltschaninoff am Handgelenk und sah ihn eigentümlich an.
Offenbar handelte es sich für ihn hier nicht allein um das Trinken.
„Ja, nun, meinetwegen ...“ brummte Weltschaninoff. „Wo sind denn ... Aber da ist ja nur noch ein Bodensatz ...“
„Es reicht noch genau für zwei Gläser ... allerdings Bodensatz, aber wir werden trinken und anstoßen! Hier, bitte, nehmen Sie gefälligst Ihr Glas.“
Sie stießen an und tranken.
„Nun, und jetzt, und jetzt ... Ach!“
Pawel Pawlowitsch faßte sich plötzlich mit der Hand an die Stirn und verblieb mehrere Sekunden lang in dieser Stellung. Weltschaninoff glaubte schon, er werde im nächsten Augenblick ... werde sogleich das _letzte_ noch unausgesprochene Wort aussprechen. Doch siehe da: Pawel Pawlowitsch sprach es nicht aus – er sah Weltschaninoff nur an, und dann verzog sich sein Mund lautlos wieder zu jenem breiten, verschmitzten, gleichsam zuzwinkernden Lächeln, das so maßlos arglistig war und so widerlich sein konnte.
„Was wollen Sie von mir, Sie besoffener Kerl! Sie wollen mich wohl zum Narren haben?“ schrie ihn Weltschaninoff plötzlich zornbebend an.
„Schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, wozu dies Geschrei?“ suchte ihn Pawel Pawlowitsch schnell zu beschwichtigen. „Ich halte Sie nicht zum Narren, wirklich nicht! Wissen Sie auch, was Sie mir jetzt geworden sind – Sie! – sehen Sie!“
Und schon hatte er seine Hand erfaßt und geküßt – Weltschaninoff war kaum zur Besinnung gekommen.
„Sehen Sie, das sind Sie mir jetzt! So – und jetzt packe ich mich zu allen Teufeln!“
„Warten Sie, warten Sie!“ hielt ihn Weltschaninoff noch zurück. „Ich vergaß ganz, Ihnen zu sagen ...“
Pawel Pawlowitsch trat von der Tür wieder ein paar Schritte ins Zimmer.
„Sehen Sie,“ begann Weltschaninoff schnell und geschäftig, indem er jedoch unwillkürlich errötete und sich fast ganz von ihm abwandte, „Sie müssen morgen unbedingt zu Porgojelzeffs fahren ... um ihnen Ihre Aufwartung zu machen und Ihren Dank auszusprechen. Sie müssen unbedingt ...“
„O, unbedingt, unbedingt, wie denn sonst, das ist doch selbstverständlich!“ pflichtete Pawel Pawlowitsch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit bei, und er machte eine Handbewegung, die ungefähr sagen sollte, daß es ganz überflüssig sei, ihn noch daran zu erinnern.
„Und außerdem werden Sie auch von Lisa sehnsüchtig erwartet. Ich versprach ...“
„Lisa ...!“ Pawel Pawlowitsch kehrte nochmals von der Tür zurück. „Lisa? Wissen Sie auch, was Lisa mir war, war und ist? War und ist!“ stieß er plötzlich wie außer sich hervor. „Doch ... He! Davon später, alles später ... Jetzt genügt mir das nicht mehr, daß Sie mit mir getrunken haben, Alexei Iwanowitsch, ich bedarf jetzt einer anderen Genugtuung ...“
Er legte seinen Hut auf den Stuhl und sah ihn wie vorhin mit verhaltenem Atem an.
„Küssen Sie mich, Alexei Iwanowitsch,“ sagte er plötzlich.
„Betrunken sind Sie!“ rief Weltschaninoff, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.
„Ich bin betrunken, aber küssen Sie mich trotzdem, Alexei Iwanowitsch. Nun, küssen Sie mich! Habe ich Ihnen doch soeben noch die Hand geküßt!“
Weltschaninoff schwieg eine Weile, und wußte nicht, was er sagen, noch denken sollte. Doch plötzlich beugte er sich zu Pawel Pawlowitsch herab, der ihm fast nur bis an die Schulter reichte, und küßte ihn auf den Mund, von dem ein starker Weinduft ausging. Übrigens war er selbst nicht ganz sicher, ob er die Lippen wirklich berührt hatte.
„Nun, jetzt aber, jetzt ...“ rief in betrunkener Ekstase Pawel Pawlowitsch und in seinen stieren Augen blitzte es auf, „jetzt hören Sie! Ich fragte mich damals: ‚Sollte auch er? ... Wenn auch er,‘ dachte ich, ‚wenn auch er, wem kann man dann überhaupt noch trauen!‘“
Und Pawel Pawlowitsch brach plötzlich in Tränen aus.
„Begreifen Sie nun, was für ein Freund Sie mir damit geblieben sind?! ...“
Und damit griff er nach seinem Hut und lief aus dem Zimmer.
Weltschaninoff stand wieder minutenlang auf einem Fleck mitten im Zimmer, ganz wie nach dem ersten Besuch Pawel Pawlowitschs.
„Eh, ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ sagte er sich endlich ärgerlich.
„Entschieden nichts weiter!“ bekräftigte er nochmals energisch, nachdem er sich bereits entkleidet hatte, während er sich auf seinem Schlafdiwan ausstreckte.
VIII. Lisas Krankheit.
Am nächsten Morgen wartete Weltschaninoff in eigentümlicher Stimmung auf Pawel Pawlowitsch, der ihm noch ausdrücklich versprochen hatte, rechtzeitig bei ihm vorzusprechen, um sich mit ihm zu Pogorjelzeffs zu begeben. Weltschaninoff ging im Zimmer auf und ab, trank dazwischen schluckweise seinen Kaffee, rauchte und gestand sich jeden Augenblick, daß er einem Menschen gleiche, der am Morgen erwacht ist und nun immerwährend daran denken muß, daß er am Abend vorher eine Ohrfeige erhalten hat.
„Hm! ... er begreift nur zu gut, um was es sich dabei handelt, und wird sich durch Lisa an mir rächen!“ dachte er fast angstvoll.
Der ganze rührende Eindruck, den das bleiche traurige Kind auf ihn gemacht hatte, erwachte wieder in ihm und sein Herz begann schneller zu schlagen bei dem Gedanken, daß er heute noch, schon bald, schon nach zwei Stunden _seine_ Lisa wiedersehen werde.
„Ach, wozu da viel Worte verlieren!“ meinte er plötzlich und schlug sich energisch die Sorgen aus dem Kopf. „Jetzt ist das mein Lebensinhalt, mein Ziel! Was sind dagegen all die Ohrfeigen und Erinnerungen, was gehen die mich an! ... Wozu habe ich bisher überhaupt gelebt? Was war mein ganzes Leben? Unordnung und Trübsal ... jetzt aber – wird alles anders werden, alles ganz anders!“
Trotz seiner gehobenen Stimmung kamen aber doch immer wieder trübe, bange Gedanken, die ihm Sorgen machten.
„Er will mich mit Lisa quälen – das ist klar! Er wird mich noch krank machen! Und Lisa gleichfalls. Ja, das ist es, auf diese Weise will er mir dann _alles_ heimzahlen. Hm! ... jedenfalls darf ich ihm solche Ausfälle wie gestern abend nicht wieder erlauben,“ sagte er sich plötzlich und errötete bei dem Gedanken an den Abend, „und ... aber was ist denn das, er kommt ja noch immer nicht und die Uhr geht schon auf zwölf!“
Er wartete und wartete – wartete bis halb eins, und seine Stimmung wurde immer gedrückter. Pawel Pawlowitsch erschien nicht. Schließlich sagte er sich – dieser Gedanke hatte sich übrigens schon ein paarmal in ihm zu regen begonnen, – daß er gewiß absichtlich nicht kommen werde, und zwar einzig deshalb nicht, um ihn, ganz wie gestern, nochmals „zum Narren“ zu halten. Das aber brachte ihn dann endgültig auf.
„Er weiß, daß ich von ihm abhängig bin! Aber was wird jetzt mit Lisa geschehen? Wie kann ich ohne ihn hinfahren?“
Um ein Uhr hielt er das Warten nicht mehr aus und fuhr zu Pawel Pawlowitsch. Dort erfuhr er, daß dieser überhaupt nicht in seiner Wohnung geschlafen habe und erst um neun Uhr morgens auf ein Viertelstündchen nach Haus gekommen sei – um dann wieder fortzugehen, ohne zu sagen, wohin. Weltschaninoff stand vor des Abwesenden Zimmer, während die Stubenmagd ihm das alles erzählte, und bewegte ganz gedankenlos die Klinke der verschlossenen Tür, drückte, zog und rüttelte an ihr – alles ganz mechanisch. Plötzlich kam er aus seiner Gedankenversunkenheit zu sich, unterdrückte einen Fluch, ließ die Klinke fahren und bat, ihn zu Marja Ssyssojewna zu führen. Doch diese hatte ihn schon gehört und kam ihm selbst entgegen.
Marja Ssyssojewna war ein gutmütiges Frauenzimmer, „ein Weib mit vernünftigen Anschauungen“, wie sich Weltschaninoff zu Klawdia Petrowna über sie äußerte. Sie fragte zuerst, wie er denn das „Mädchen hingebracht“ habe, begann dann aber sogleich und ganz unaufgefordert von Pawel Pawlowitsch zu erzählen. Nach ihren Worten hätte sie ihn „schon längst vor die Tür gesetzt“, wenn nicht das Mädchen bei ihm gewesen wäre. „Ist er doch auch aus dem Gasthof deshalb hinausgejagt worden, weil er es dort gar zu unanständig getrieben hat. Nu, ist es denn nicht eine wahre Schande, wenn er nachts ein liederliches Frauenzimmer mitbringt, während das Kindchen doch schon was begreifen kann! Und dabei schreit er noch: ‚Sieh, das hier wird deine Mutter sein, wenn ich es will!‘ Und was glauben Sie, er trieb es doch so, daß selbst diese Person, was sie da auch ist, ihm ins Gesicht spie. Und der Kleinen schreit er zu: ‚Du bist nicht meine Tochter, bild’ du dir nur das nicht ein! Ein ... bist du!‘“
Weltschaninoff fuhr zusammen bei diesem gemeinen Wort.
„Nicht möglich!“ stieß er ganz entsetzt hervor.
„Ich habe es selbst gehört. Er war ja wohl betrunken, als er das sagte, also nicht bei klarem Bewußtsein, aber immerhin ist das doch nichts für Kinderchen: wenn auch das Mädchen noch klein ist, begreifen tut es doch schon was, und es behält doch solche Wörter und denkt darüber nach und macht sich seine eigenen Gedanken! Und immer weinte das Mädchen, ganz krank hatte er es gemacht. Und vor ein paar Tagen noch, da war hier im Hause ein Verbrechen geschehen: ein Kommissar, oder was da die Leute sagten, hatte im Gasthof am Abend ein Zimmer genommen und gegen Morgen sich dann erhängt. Er soll fremdes Geld durchgebracht haben, heißt es. Nu, alles lief natürlich hin! Pawel Pawlowitsch war wieder nicht zu Hause und das Kindchen hatte er ohne Aufsicht zurückgelassen. Da sehe ich: auch das Mädchen steht dort unter all den Leuten im Korridor und guckt auch auf den Erhängten – so, wissen Sie, mit solchen Augen! Ich brachte sie schnell von dort fort, hierher zu mir. Aber was glauben Sie wohl, sie zitterte wie’n Espenblatt, ganz blau war sie im Gesicht, und kaum hatte ich sie wieder hier, da fiel sie auch schon hin und lag in Krämpfen. Ich hatte zu tun, daß sie wieder zu sich kam! Gott weiß, was das nu war – Fallsucht oder Kinderkrämpfchen oder was – aber seit der Zeit fing sie an zu kränkeln. Als er es dann erfuhr, am Abend, nachdem er zurückgekommen, da begann er von neuem, sie zu kneifen – denn er schlug sie ja nicht, er kniff gewöhnlich nur, – darauf soff er sich natürlich wieder voll, am selben Abend noch, kam wieder zurück, na, und da ging’s dann los mit dem Bangemachen: ‚Ich werde mich ebenso aufknüpfen, deinetwegen werde ich mich aufhängen,‘ sagte er, ‚an dieser selben Schnur‘ – dort, die vom Rouleau, sagt’ er, an dieser Schnur werde er sich aushängen. Und er machte sogar die Schlinge fertig, alles vor ihren Augen! Und die zittert sowieso schon, daß Gott erbarm’, und weiß nicht, wo sie sich lassen soll – schreit und weint und klammert sich mit ihren Ärmchen an ihn und jammert nur noch: ‚Ich werde nicht, ich werde nicht!‘ Daß Gott erbarm’!“
Weltschaninoff hatte sich zwar auf manches Seltsame gefaßt gemacht, diese Mitteilungen aber machten ihn so betroffen, daß er seinen Ohren nicht trauen wollte. Marja Ssyssojewna erzählte ihm noch vieles andere. Einmal zum Beispiel hätte sich Lisa „um ein Haar“ aus dem Fenster gestürzt, wenn sie, Marja Ssyssojewna, nicht dazwischen gekommen wäre.
Fast wie ein Betrunkener verließ er ihr Zimmer: „Ich werde ihn totschlagen, mit einem Knüppel totschlagen, wie einen Hund!“ fuhr es ihm durch den Kopf und lange noch wiederholte er in Gedanken diese Worte, als könnten sie ihn beruhigen.
Er nahm einen Wagen und fuhr zu Pogorjelzeffs. Doch noch war er aus der Stadt nicht hinausgefahren, als der Wagen plötzlich an einer Straßenkreuzung bei einer Kanalbrücke, über die sich ein langer Leichenzug bewegte, halten mußte. An beiden Enden der Brücke wurde der Verkehr dadurch aufgehalten und die Zahl der wartenden Gefährte wuchs mit jedem Augenblick. Fußgänger blieben schaulustig stehen und drängten sich näher. Es war ein vornehmes Begräbnis und die Reihe der nachfolgenden Equipagen daher sehr lang. Und plötzlich war es Weltschaninoff, als habe er in einem der Kutschenfenster das Gesicht Pawel Pawlowitschs erblickt. Einen Moment hielt er es für eine Täuschung, und er hätte seinen Augen auch wohl nicht getraut, – wenn nicht Pawel Pawlowitsch selbst seinen Kopf zum Fenster hinausgesteckt und ihm lächelnd zugenickt hätte. Offenbar war er riesig froh darüber, daß er Weltschaninoff erblickt und erkannt hatte, ja, er winkte ihm zum Gruß sogar mit der Hand. Weltschaninoff sprang aus dem Wagen und drängte sich trotz der Menge, der Schutzleute und ungeachtet dessen, daß Pawel Pawlowitschs Equipage bereits auf die Brücke fuhr, an den Wagenschlag heran. Pawel Pawlowitsch saß allein in seiner Kutsche.
„Was fällt Ihnen ein!“ schrie Weltschaninoff, „weshalb sind Sie nicht gekommen? Wie kommen Sie hierher?“
„Ich erweise dem Toten die letzte Ehre – schreien Sie nicht, schreien Sie nicht – ich muß meine Schuld tilgen!“ erwiderte Pawel Pawlowitsch kichernd und mit vergnügtem Zwinkern. „Ich geleite die irdischen Überreste meines aufrichtigen Freundes Stepan Michailowitsch!“
„Blödsinn! Betrunken sind Sie, verrückt!“ schrie Weltschaninoff, der im ersten Augenblick etwas gestutzt hatte. „Sie steigen sofort aus und setzen sich in meinen Wagen, sofort!“
„Ich kann nicht, meine Pflicht ...“
„Ich ziehe Sie am Kragen heraus und schleppe Sie hin!“ schrie Weltschaninoff.
„Aber ich werde schreien, ich werde schreien!“ kicherte mit derselben Vergnügtheit Pawel Pawlowitsch, ganz als scherze man nur mit ihm, zog sich jedoch in den fernsten Winkel der Kutsche zurück ...
„Achtung! Heda! Aufgepaßt!“ rief der Schutzmann.
In der Tat hatte, als der Wagen von der Brücke herabfuhr, eine fremde Kutsche die Reihe des Leichenzuges durchbrochen, was eine große Verwirrung und ein noch gefährlicheres Gedränge hervorrief. Weltschaninoff war gezwungen, zur Seite zu springen, und andere Kutschen und die Volksmenge drängten ihn noch weiter fort. Vor Ärger spie er aus und kehrte zu seinem Wagen zurück.
„Gleichviel, in diesem Zustande hätte man ihn doch nicht hinbringen können!“ suchte er sich zu beruhigen, aber er wurde trotzdem eine gewisse erregende Verwunderung nicht los.
Als er Klawdia Petrowna die Mitteilungen Marja Ssyssojewnas wiedergegeben und von der Begegnung unterwegs erzählt hatte, wurde sie sehr nachdenklich.
„Ich muß gestehen, daß ich für Sie fürchte,“ sagte sie, „Sie müssen jede Beziehung zu ihm abbrechen, je früher, um so besser.“
„Ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ rief Weltschaninoff heftig. „Das fehlte noch, daß ich den zu fürchten beginne! Und wie soll ich denn die Beziehungen zu ihm abbrechen – Sie vergessen Lisa! Denken Sie doch an Lisa!“
Und nun hörte er erst, daß Lisa ernstlich erkrankt sei. Seit dem Abend war das Fieber bedeutend gestiegen und man erwartete mit Ungeduld einen hervorragenden Arzt aus der Stadt, nach dem man schon in aller Frühe geschickt hatte. Diese Nachrichten gaben Weltschaninoff natürlich noch den Rest! Klawdia Petrowna führte ihn zur Kranken.
„Ich habe sie gestern aufmerksam beobachtet,“ sagte sie zu ihm, bevor sie ins Krankenzimmer traten. „Sie ist ein stolzes und düsteres Kind; sie schämt sich, daß sie bei uns ist und daß der Vater sie verlassen hat. Es ist das, meiner Meinung nach, die ganze Ursache ihrer Krankheit.“
„Wieso verlassen? Weshalb glauben Sie, daß er sie verlassen habe?“
„Nun schon – ich meine die Tatsache, daß er sie so ohne weiteres in ein fremdes Haus hat bringen lassen und noch dazu von einem Menschen ... der doch fast fremd ist – oder wenigstens ...“
„Aber ich habe sie ihm doch selbst fortgenommen, einfach mit Gewalt fortgenommen! Ich finde nicht, daß ...“
„Ach, mein Gott, aber Lisa, das Kind, findet es! Und von ihm – nun, von ihm glaube ich, daß er überhaupt nicht kommen wird.“
Lisa war durchaus nicht erstaunt, als sie Weltschaninoff ohne den Vater erblickte. Sie lächelte nur traurig und wandte ihr fieberglühendes Gesichtchen zur Wand. Auf die fast schüchternen Trostversuche Weltschaninoffs und auf seine eifrigen Versicherungen, daß er morgen unter allen Umständen den Vater zu ihr bringen werde, antwortete sie nichts. Als er sie endlich verließ und die Tür des Krankenzimmers hinter sich schloß, brach er plötzlich in Tränen aus.
Der Arzt kam erst gegen Abend. Nachdem er die Kleine untersucht hatte, äußerte er sich zum Schrecken aller dahin, daß da wohl überhaupt nichts mehr zu machen sei. Als man ihm sagte, daß die Kleine erst am Abend vorher erkrankt sei, wollte er es zunächst gar nicht glauben.
„Alles hängt jetzt nur davon ab,“ meinte er schließlich, „wie sie diese Nacht überstehen wird.“ Darauf traf er noch seine Anordnungen und verabschiedete sich, mit dem Versprechen, am nächsten Morgen möglichst früh wiederzukommen. Weltschaninoff wollte unbedingt zur Nacht bei ihnen bleiben, doch Klawdia Petrowna bat ihn, noch einmal den Versuch zu machen, „diesen Unmenschen“ dazu zu bewegen, zu seiner kranken Tochter zu kommen.
„Noch einmal?“ stöhnte Weltschaninoff. „Ja!! Ich werde ihn binden, ich werde ihn knebeln, und wenn ich ihn auch auf meinen Armen herschleppen müßte –!“
Der Gedanke, Pawel Pawlowitsch „zu binden und zu knebeln“ und mit Gewalt zu Pogorjelzeffs zu bringen, bemächtigte sich seiner in dem Maße, daß er vor Ungeduld, es buchstäblich so auszuführen, ganz nervös wurde.
„In nichts, in nichts fühle ich mich jetzt noch ihm gegenüber schuldig!“ sagte er beim Abschied zu Klawdia Iwanowna. „Ich leugne alles, was ich da gestern an Sentimentalitäten gesagt habe,“ fügte er im größten Unwillen über sich selbst hinzu.
Lisa lag mit geschlossenen Augen im Bettchen und schien zu schlafen. Es war möglich, daß eine Besserung eintrat. Als Weltschaninoff sich behutsam zu ihr niederbeugte, um zum Abschied wenigstens die Spitzen ihrer blonden Haare zu küssen, schlug sie plötzlich die Augen auf, als habe sie nur auf ihn gewartet, und flüsterte:
„Bringen Sie mich fort!“
Es war eine stille, traurige Bitte, ohne jede Spur von dem früheren Eigensinn und Trotz, doch gleichzeitig klang aus ihr eine unendliche Hoffnungslosigkeit, als wisse sie selbst, daß man ihre Bitte unter keiner Bedingung erfüllen werde. Und kaum begann Weltschaninoff, dem die Verzweiflung die Kehle zuschnürte, alles zu erklären, mit dem trostlosen Versuch, sie davon zu überzeugen, daß es jetzt wirklich nicht möglich sei, da schloß sie ganz still wieder die Augen und sagte kein Wort weiter, als höre sie nichts und als habe sie nichts gewollt.
Als Weltschaninoff in die Stadt zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich zum Gasthof in der Nähe der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte fahren. Es war bereits zehn Uhr. Pawel Pawlowitsch war aber noch nicht zurückgekehrt. Weltschaninoff wartete auf ihn eine halbe Stunde, die er damit zubrachte, daß er in krankhafter Ungeduld im Korridor auf- und abging. Marja Ssyssojewna versicherte ihm zu guter Letzt, daß Pawel Pawlowitsch erst am Morgen, frühestens bei Tagesanbruch, zurückkehren werde.
„Nun gut, dann werde auch ich bei Tagesanbruch wieder hier sein!“ entschied Weltschaninoff und begab sich in größter Erregung nach Hause.
Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, noch bevor er seine Wohnung betreten hatte, von Mawra erfuhr, daß der „gestrige Gast“ bereits seit zehn Uhr auf ihn warte.
„Auch Tee hat der Herr oben getrunken und auch nach Wein hat er geschickt, nach demselben, den ich gestern brachte. Einen Fünfrubelschein gab er mir.“
IX. Das Gespenst.
Pawel Pawlowitsch hatte es sich äußerst bequem gemacht. Er saß im Lehnstuhl, rauchte Zigaretten und hatte sich gerade das vierte und letzte Glas aus der Flasche eingeschenkt. Die Teekanne und das nur halbvolle Teeglas standen neben ihm auf dem Tisch. Sein gerötetes Gesicht leuchtete vor Gutmütigkeit. Er hatte sogar seinen Frack abgelegt und saß ganz sommerlich in Hemdsärmeln.
„Verzeihen Sie, teuerster Freund!“ rief er aus, als er Weltschaninoff erblickte, und er sprang sogleich auf, um den Frack wieder anzuziehen. „Ich zog ihn aus zwecks größtmöglichster Genußfähigkeit – wollte die Situation hier ganz auskosten –“
Weltschaninoff trat drohend auf ihn zu. „Sind Sie ganz betrunken? Oder kann man mit Ihnen noch reden?“
Pawel Pawlowitsch schien etwas bange zu werden.
„Nein, noch nicht ganz ... Ich gedachte des Entschlafenen ... aber noch nicht ganz ...“
„Werden Sie mich verstehen?“
„Zu dem Zweck bin ich ja hergekommen, um Sie zu verstehen.“
„Schön, dann beginne ich ohne weiteres damit, daß ich Ihnen sage, was Sie sind: – eine nichtswürdige Canaille sind Sie!“ schrie ihn Weltschaninoff mit zornbebender Stimme an.
„Wenn Sie damit schon beginnen, womit werden Sie dann enden?“ versetzte Pawel Pawlowitsch, der doch recht eingeschüchtert aussah, mit dem leisen Versuch zu protestieren. Weltschaninoff aber schrie weiter, ohne auf ihn zu hören:
„Ihre Tochter liegt im Sterben, sie ist krank, – haben Sie sie bereits verlassen oder wollen Sie sie erst noch verlassen?“
„Stirbt sie wirklich schon?“
„Sie ist krank, schwer krank, sehr gefährlich krank!“
„Vielleicht nur so Anfälle ...“
„Reden Sie keinen Unsinn! Sie ist ü–ber–aus gefährlich krank! Allein schon deshalb hätten Sie hinfahren müssen, um ...“
„Um meinen Dank auszusprechen, ich verstehe, um für die freundliche Aufnahme meinen Dank auszusprechen. Ich verstehe sehr wohl. Alexei Iwanowitsch, bester, teuerster!“ flehte er ihn plötzlich an und ergriff mit beiden Händen Weltschaninoffs Hand, um ihn dann fast unter Tränen und in trunkener Gerührtheit, wie um Verzeihung bittend, zu beschwören: „Alexei Iwanowitsch, schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, Alexei Iwanowitsch! Wenn ich sterbe, wenn ich jetzt gleich, betrunken wie ich bin, in die Newa falle und ertrinke – dann könnte ich’s doch auch nicht tun, also was will denn das besagen? Zu Herrn Pogorjelzeff werden wir ja immer noch zeitig genug kommen ...“
Weltschaninoff horchte auf und nahm sich ein wenig zusammen.
„Sie sind betrunken, ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen,“ versetzte er streng. „Ich bin jederzeit bereit, mich mit Ihnen auszusprechen, es wäre mir sogar lieber, wenn es schneller geschehe ... Ich fuhr auch in dieser Absicht ... Doch vor allen Dingen lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich jetzt Maßregeln ergreifen werde: Sie werden hier bei mir übernachten! Und morgen früh setze ich Sie in den Wagen und fahre mit Ihnen hin. Glauben Sie nicht, daß ich Sie entwischen lasse!“ – Seine Selbstbeherrschung ließ wieder nach. „Ich werde Sie binden, zum Knoten werde ich Sie binden und mit dieser Faust hinschleppen! ... Wird Ihnen dieser Diwan bequem genug sein?“ brach er kurz ab, den Atem anhaltend, und eine kurze Handbewegung wies auf den breiten, weichen Diwan, der dem anderen, auf dem er selbst zu schlafen pflegte, an der entgegengesetzten Wand gegenüberstand.
„Aber ich bitte Sie, ich kann ja gleichviel wo ...“
„Nein, nicht gleichviel wo, sondern auf diesem Diwan! ... Nehmen Sie, – hier haben Sie eine Decke, ein Kissen, Bettücher ...“ Weltschaninoff nahm alles Nötige aus seinem Schrank und warf es Pawel Pawlowitsch zu, der gehorsam die Hand ausstreckte und eines nach dem anderen in Empfang nahm. „Machen Sie sich sofort Ihr Nachtlager zurecht! Nun, wird’s bald? _So–fort_, sage ich Ihnen!“
Pawel Pawlowitsch stand ganz bepackt und wie in ratloser Unentschlossenheit mitten im Zimmer, ein breites, betrunkenes Lächeln auf dem betrunkenen Gesicht; als Weltschaninoff ihn jedoch zum zweitenmal wahrhaft unheilverkündend anschrie, da fuhr er zusammen und stürzte in größter Hast zum Diwan, um Hals über Kopf dem Befehl nachzukommen: er schob den Tisch zur Seite und bemühte sich, vor Anstrengung fast ächzend, als käme er mit dem Atem zu kurz, die schwierige Prozedur auszuführen und die Bettücher auszubreiten. Weltschaninoff trat zu ihm, um ihm zu helfen: der Gehorsam und der Schreck seines Gastes gefielen ihm – er war zum Teil ganz zufrieden mit der Wirkung seiner Wut.
„Trinken Sie Ihr Glas aus und legen Sie sich dann hin!“ kommandierte er wieder: er fühlte es ganz deutlich, daß er jetzt überhaupt nicht anders zu reden vermochte, als in Befehlen. „Haben Sie selbst nach dem Wein geschickt?“
„Ich selbst ... Ich wußte, daß Sie, Alexei Iwanowitsch, jetzt nicht mehr nach ihm schicken würden.“
„Das ist gut, daß Sie es wußten, nur sollen Sie jetzt noch mehr wissen. Ich erkläre Ihnen hiermit noch einmal, daß ich weiß, was ich zu tun habe: Ihre Faxen werde ich nicht mehr dulden, Ihre betrunkenen Küsse verbitte ich mir ein für allemal!“
„Ich begreife doch selbst, Alexei Iwanowitsch, daß das überhaupt nur einmal möglich war,“ meinte Pawel Pawlowitsch mit einem halben Lächeln.
Weltschaninoff, der im Zimmer auf und ab schritt, blieb plötzlich mit einer gewissen Feierlichkeit vor ihm stehen.
„Pawel Pawlowitsch, sprechen Sie sich einmal offen aus! Sie sind schlau, ich gebe es zu, aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich auf einem falschen Wege befinden! Reden Sie offen, handeln Sie offen, seien Sie ehrlich – und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen auf alles Rede stehen werde, auf alles!“
Pawel Pawlowitsch lächelte wieder sein langes zweideutiges Lächeln, das allein schon genügte, um Weltschaninoff aus der Haut zu bringen.
„Warten Sie!“ schrie er ihn wieder an. „Sparen Sie sich die Mühe, sich zu verstellen, ich durchschaue Sie ja doch! Ich sage Ihnen nochmals: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich bereit bin, Ihnen jede Frage zu beantworten, hören Sie, _jede_! – und Ihnen soll jede nur mögliche Genugtuung gewährt werden, verstehen Sie, _jede_! – jede sogar unmögliche, wenn Sie wollen! O, was würde ich darum geben, wenn Sie mich richtig verstanden! ...“
„Wenn Sie nun einmal so gut sind,“ näherte sich ihm vorsichtig Pawel Pawlowitsch, „so, sehen Sie, interessiert mich das sehr, was Sie gestern vom Raubtier-Typ sagten ...“
Weltschaninoff wandte sich brüsk von ihm ab und nahm nervös wieder seinen Gang durch das Zimmer auf, nur weit schneller und wie von innerer Unruhe getrieben.
„Nein, Alexei Iwanowitsch, seien Sie nicht böse, denn das ist für mich von großem Interesse und ich bin gerade deshalb hergekommen, um mich zu vergewissern ... Meine Zunge ist jetzt etwas steif, doch Sie müssen es mir schon verzeihen. Ich habe ja von diesen ‚Raubtieren‘ und vom ‚zahmen‘ Typus selbst was in einer Zeitschrift gelesen, in irgendeiner Kritik, das fiel mir heute morgen wieder ein ... nur habe ich vergessen, was es war, oder aufrichtig gesagt, ich habe es auch damals nicht verstanden. Ich wollte nämlich gerade nur eines feststellen: der verstorbene Stepan Michailowitsch Bagontoff – war der nun einer von den wilden oder zahmen? Was meinen Sie?“
Weltschaninoff schwieg immer noch und setzte seinen Gang fort.
„Zum Raubtier-Typ gehört derjenige Mensch,“ sagte er, plötzlich stehen bleibend und in maßloser Wut, „der Bagontoff eher vergiftet hätte, wenn er mit ihm ‚Champagner trank und zur Feier des angenehmen Wiedersehens anstieß,‘ wie Sie ihn gestern mit mir tranken, der aber seinem Sarge nicht auf den Friedhof folgt, wie Sie ihm heute gefolgt sind – unter weiß der Teufel was für geheimen und gemeinen Verstellungen und Absichten, die nur Sie selbst, aber keinen anderen, beschmutzen! Nur Sie selbst!“
„Das stimmt, daß er nicht gefahren wäre,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch, „nur verstehe ich noch nicht, wie Sie denn so auf mich ...“
„Das ist nicht derjenige Mensch,“ fuhr Weltschaninoff zornbebend fort, ohne auf ihn zu hören, „nicht derjenige, der sich Gott weiß was alles zusammenreimt, Recht und Unrecht mathematisch berechnet und die ihm angetane Beleidigung wie eine Schulaufgabe auswendig hersagen kann, so gut hat er sie erlernt, und der sich dann mit ihr herumschleppt, sich verstellt und entstellt und den Leuten auf dem Halse sitzt – und – seine ganze Zeit nur darauf verschwendet! Ist es wahr, daß Sie sich haben erhängen wollen? Ist das wahr?“
„In der Betrunkenheit vielleicht – vielleicht irgend mal was geschwatzt – ich entsinne mich nicht mehr. Für unsereins, Alexei Iwanowitsch, schickt sich das nicht, Gift hineinzumischen. Ganz abgesehen davon, daß man ein gut angeschriebener Beamter ist, besitzt man doch auch ein Kapital, und vielleicht will man sogar nochmals heiraten.“
„Ja und außerdem würde man für das Gift zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien verschickt werden.“
„Nun ja, sehen Sie, und dann auch noch diese Unannehmlichkeit, obschon die Gerichte heutzutage für alles mildernde Umstände gelten lassen. Doch ich will Ihnen, Alexei Iwanowitsch, eine höchst spaßige Geschichte erzählen, vorhin im Wagen fiel sie mir wieder ein – ich wollte sie Ihnen, das nahm ich mir gleich vor, unbedingt mitteilen. Sie sprachen soeben von ... von: ‚den Leuten auf dem Halse sitzen‘. Sie erinnern sich vielleicht noch Ssemjon Petrowitsch Liwzoffs, – er hat uns zu Ihrer Zeit in T. besucht. Nun, sein jüngerer Bruder, der gleichfalls für einen Petersburger Kavalier galt, war nach W. zum Dienst beim Gouverneur abkommandiert und zeichnete sich dito durch verschiedene Eigenschaften glänzend aus. Einmal geriet nun dieser junge Mann mit dem Obersten Golubenko in Streit: es war in einer Gesellschaft und in Anwesenheit von Damen, unter denen sich auch die Dame seines Herzens befand. Er fühlte sich beleidigt, steckte aber die Beleidigung ruhig ein und ließ niemanden etwas merken. Golubenko aber machte ihm inzwischen die Dame seines Herzens abspenstig und hielt um ihre Hand an. Und was glauben Sie wohl, was dieser Liwzoff darauf tut? – Er wird Golubenkos bester Freund, als wäre nie das Geringste zwischen ihnen vorgefallen, und drängt sich ihm noch als Hochzeitsmarschall[9] auf! Richtig, in der Kirche stand er neben ihm, und als man aus der Kirche zurückgekehrt war und die Gratulationscour begann, trat er auf ihn zu, sprach seinen Glückwunsch aus und küßte ihn, und im selben Augenblick, wie er dort war und stand, im Frack und geschniegelt und gestriegelt und inmitten der ganzen glänzenden Gesellschaft – auch der Gouverneur war zugegen – sticht er dem Golubenko plötzlich einen Dolch in den Leib, daß dieser wie vom Blitz getroffen taumelt und hinfällt! Sein eigener Hochzeitsmarschall! Unerhört doch! Aber das ist alles noch nichts! Die Hauptsache kommt erst: Kaum hatte er jenen niedergestochen, da ringt er schon die Hände und schreit und jammert wie verzweifelt: ‚Was hab ich getan! Ach, was hab ich getan!‘ Und er weint und zittert am ganzen Körper, und wirft sich schluchzend allen an den Hals, sogar den Damen, und jammert immer weiter: ‚Ach, was hab ich getan, was hab ich jetzt getan!‘ – Hehehe! Zum Totlachen. Nur, daß einem der arme Golubenko leid tun kann – übrigens ist er wieder gesund geworden.“
„Ich verstehe nicht, zu welchem Zweck Sie mir das erzählt haben,“ sagte Weltschaninoff, dessen Gesicht sich verfinstert hatte, in abweisendem Tone.
„Nun, weil er doch immerhin mit dem Dolch gestochen hat,“ grinste Pawel Pawlowitsch. „Man sieht doch, daß er ganz gewiß nicht zu jenem Typ gehört. Ein Lappen war er, ein Rotzbengel, wenn er vor lauter Angst jeden Anstand vergessen und sich in Gegenwart des Gouverneurs den Damen an den Hals werfen konnte – aber er hat doch gestochen, hat’s doch fertig gebracht! Nur das war es, was ich meinte.“
„Packen Sie sich zum Teufel!“ schrie plötzlich Weltschaninoff mit einer Stimme, die ganz fremd und heiser klang – fast als hätte ihn jemand gewürgt. „Scheren Sie sich zum Henker mit Ihrem Schmutz, Sie gemeiner Mensch! – Läßt sich einfallen, mich schrecken zu wollen! – Sie Kinderquälgeist, Sie gemeines Subjekt! Sie Schuft, Sie Schuft, Sie Schuft!“ schrie er, bebend, atemlos vor Wut, und kaum noch seiner Sinne mächtig.
Pawel Pawlowitsch fuhr zusammen und alle Sehnen schienen sich in ihm zu spannen: selbst die letzte Spur vom Rausch war im Nu verflogen – seine Lippen bebten.
„Wie, – _mich_ nennen Sie einen Schuft, Alexei Iwanowitsch, _Sie_ – _mich_?“
Doch Weltschaninoff war bereits zu sich gekommen.
„Ich bin bereit, mich zu entschuldigen,“ sagte er nach kurzem, finsterem Schweigen, „aber nur in dem Fall, wenn Sie selbst, und zwar sogleich offen und ehrlich vorgehen wollen.“
„Ich würde mich an Ihrer Stelle in jedem Fall entschuldigen, Alexei Iwanowitsch.“
„Nun gut,“ willigte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen ein, „ich bitte Sie um Entschuldigung. Aber _Sie_ werden doch selbst einsehen, Pawel Pawlowitsch, daß ich mich nach alledem Ihnen gegenüber in nichts mehr verpflichtet zu halten brauche, hören Sie, in nichts mehr, – ich spreche von allem, und nicht nur von diesem einen Zwischenfall soeben.“
„Schon gut, darauf kommt es nicht an!“ meinte Pawel Pawlowitsch mit kaum merklichem Lächeln, wobei er übrigens zu Boden sah.
„Nun, dann – um so besser! ... Trinken Sie Ihren Wein aus und legen Sie sich hin, ich werde Sie trotzdem nicht fortlassen ...“
„Ja was ... der Wein ...“ Pawel Pawlowitsch schien ein wenig verwirrt zu sein, trat aber doch an den Tisch und nahm das Glas mit dem längst eingegossenen Champagner.
Vielleicht hatte er vorher schon viel getrunken und es zitterte deshalb seine Hand, als er das Glas hob: er verschüttete einen Teil des Weines auf den Boden, auf seine Weste und sein Vorhemd, trank aber doch den Rest bis auf den letzten Tropfen aus, ganz als könne er ihn nicht unausgetrunken lassen: und nachdem er dann das leere Glas höflich wieder auf den Tisch gesetzt hatte, ging er gehorsam zum Diwan und begann sich auszukleiden.
„Oder wär’s nicht besser ... nicht hier zu übernachten?“ fragte er plötzlich aus irgendeinem Grunde, indem er den einen Stiefel, den er bereits ausgezogen hatte, unschlüssig in den Händen hielt.
„Nein, das wäre nicht besser!“ versetzte ärgerlich Weltschaninoff, der unermüdlich auf- und abging, ohne ihn anzusehen.
Pawel Pawlowitsch entkleidete sich vollends und legte sich hin. Eine Viertelstunde später ging auch Weltschaninoff zu Bett und löschte das Licht aus.
Ihn überkam ein unruhiger Halbschlummer. Es war ihm, als sei etwas Neues irgendwoher aufgetaucht, das die Sache noch mehr verwickelte, und das beunruhigte ihn; doch gleichzeitig fühlte er und war er sich dessen bewußt, daß er sich dieser Unruhe schämte. Allmählich schlummerte er jedoch ein und lag in einem leichten, wenn auch unruhigen Schlaf. Plötzlich weckte ihn ein Geräusch. Er schlug sogleich die Augen auf und sah hinüber zum anderen Diwan. Es war ganz dunkel im Zimmer – die dunklen Stoffgardinen waren zugezogen – doch schien es ihm, daß Pawel Pawlowitsch nicht lag, sondern sich aufgerichtet hatte und saß.
„Was ist?“ rief Weltschaninoff.
„Ein Schatten ...“ flüsterte nach kurzem Zögern Pawel Pawlowitsch kaum hörbar.
„Was – was für ein Schatten?“
„Dort ... in jenem Zimmer, in der Tür ... es war mir so, als hätte ich dort einen Schatten gesehen.“
„Was für einen Schatten, wovon denn?“
„Von Natalja Wassiljewna.“
Weltschaninoff setzte die Füße auf den Teppich, stand auf und ging selbst zur Tür, um durch den kleinen Korridor in jenes Zimmer zu sehen, dessen Tür immer offen stand. Die Fenster hatten keine dunklen Vorhänge, nur die weißen Rouleaux waren herabgelassen, weshalb es dort bedeutend heller war.
„In diesem Zimmer ist nichts, Sie sind einfach betrunken; legen Sie sich hin!“ sagte Weltschaninoff, kehrte ins Bett zurück und wickelte sich in seine Decke.
Pawel Pawlowitsch sagte kein Wort und legte sich gleichfalls hin.
„Haben Sie früher auch schon solche Schatten gesehen?“ fragte plötzlich Weltschaninoff, nachdem bereits ganze zehn Minuten vergangen waren.
„Einmal war es so wie ... als hätte ich so was gesehen,“ antwortete wieder nach einigem Zögern Pawel Pawlowitsch mit schwacher Stimme.
Darauf trat von neuem Schweigen ein.
Weltschaninoff hätte es nicht bestimmt zu sagen vermocht, ob er wirklich eingeschlafen war oder wieder nur so im Halbschlummer gelegen hatte. Es mochte über eine Stunde vergangen sein – und plötzlich drehte er sich wieder um: war es ein Geräusch, das ihn geweckt hatte, oder was sonst – er wußte es nicht, aber es schien ihm plötzlich, als ob in der vollkommenen Dunkelheit etwas vor ihm stehe, etwas Weißes, noch nicht ganz an seinem Bett, aber doch schon mitten im Zimmer. Er fuhr auf, blieb sitzen und blickte lange Zeit regungslos in das Dunkel, dorthin, wo er meinte, daß etwas sei.
„Sind Sie es, Pawel Pawlowitsch?“ fragte er mit schwacher Stimme.
Und diese Stimme, die plötzlich in der Stille und Dunkelheit erklang, kam ihm selbst fremd vor.
Es erfolgte keine Antwort, doch ein Zweifel daran, daß dort wirklich jemand stand, war für ihn ganz ausgeschlossen.
„Sind Sie es ... Pawel Pawlowitsch?“ wiederholte er lauter, sogar so laut, daß Pawel Pawlowitsch, selbst wenn er auf seinem Diwan ganz fest geschlafen hätte, davon sicherlich aufgewacht wäre und geantwortet haben würde.
Doch wieder blieb alles still – keine Antwort ... dafür schien es ihm aber, daß diese weiße, kaum erkennbare Gestalt sich ihm etwas genähert hatte. Und nun geschah etwas Seltsames: es war ihm, als werde plötzlich irgend etwas in ihm aufgerissen, und so schrie er zitternd, rasend vor Wut, mit einer Stimme, die ihn zu ersticken drohte, fast nach jedem Wort atemlos stockend:
„Wenn Sie ... betrunkener Narr ... nur wagen, zu denken, daß Sie ... mich erschrecken können, so drehe ich mich zur Wand, zieh’ die Decke über und dreh’ mich die ganze Nacht kein einziges Mal nach Ihnen um ... um dir zu beweisen, Lump, wie wenig ich dich fürchte ... und wenn Sie auch bis zum Morgen hier stehen ... Narr Sie ... ich spucke auf Sie! ...“
Und er spie wütend nach der Richtung des vermeintlichen Pawel Pawlowitsch, warf sich hin, drehte sich zur Wand, wickelte sich in die Decke und blieb wie ein Scheintoter regungslos liegen. Totenstille trat ein. Näherte sich nun das Weiße oder stand es noch auf derselben Stelle – er wußte es nicht, doch sein Herz pochte ... pochte ... pochte ... Es vergingen wenigstens ganze fünf Minuten, und plötzlich, keine zwei Schritt von ihm, ertönte die schwache, fast klägliche Stimme Pawel Pawlowitschs:
„Ich, Alexei Iwanowitsch, ich stand nur auf, um ...“ (er nannte einen notwendigen Gegenstand) „zu suchen, ich fand aber dort nichts bei mir ... da wollte ich leise unter Ihrem Bett nachsehen.“
„Weshalb taten Sie denn das Maul nicht auf ... als ich Sie anschrie?“ fragte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen mit eigentümlicher Stimme.
„Ich erschrak ... Sie schrien so – plötzlich ... da erschrak ich ...“
„Dort, in der Ecke, links von der Tür, im Nachtschränkchen, zünden Sie das Licht an ...“
„Ich kann ja auch ohne Licht ...“ meinte Pawel Pawlowitsch ganz bescheiden, zur bezeichneten Zimmerecke tappend. „Verzeihen Sie mir, Alexei Iwanowitsch, daß ich Sie so beunruhigt habe ... ich habe doch wohl etwas zu viel getrunken ...“
Weltschaninoff antwortete ihm darauf nichts mehr. Er blieb regungslos so liegen wie er lag und drehte sich während der ganzen Nacht kein einziges Mal auf die andere Seite. Wollte er nun damit seine Verachtung bezeugen oder einfach nur sein Wort halten – das mag dahingestellt sein; er wußte selbst nicht, was in ihm vorging. Seine nervöse Erregung ging in einen seltsamen Traumzustand über und lange konnte er nicht einschlafen.
Am nächsten Morgen erwachte er – als habe ihn jemand gestoßen – gegen zehn Uhr, sprang sogleich auf und setzte sich aufs Bett – doch Pawel Pawlowitsch war verschwunden: nur der leere, unaufgeräumte Diwan stand dort an der Wand, er selbst aber mußte sich wohl schon bei Tagesanbruch aus dem Staube gemacht haben.
„Das konnte ich mir ja denken!“ rief Weltschaninoff aus und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
X. Auf dem Friedhof.
Die Befürchtungen des Arztes gingen in Erfüllung: Lisas Zustand verschlimmerte sich ganz plötzlich und wurde so ernst, wie es Klawdia Petrowna und Weltschaninoff noch tags zuvor gar nicht für möglich gehalten hätten. Als Weltschaninoff am Vormittage kam, war die Kleine zwar noch nicht bewußtlos, doch hatte das Fieber bereits eine beängstigende Höhe erreicht. Weltschaninoff versicherte später, sie habe ihm zugelächelt und das heiße Händchen entgegengestreckt, doch ob sie es wirklich getan oder ob es ihm nur so geschienen hatte, das ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls war er selbst fest davon überzeugt, und diese Überzeugung war ihm ein Trost. Am Abend verlor Lisa das Bewußtsein und in diesem Zustand blieb sie während der ganzen Krankheit. Am zehnten Tage nach ihrer Ankunft auf der Datsche starb sie.
Das waren kummervolle, qualvolle Tage für Weltschaninoff. Den größten Teil dieser schweren Zeit verbrachte er bei Pogorjelzeffs, die sich wirklich ernste Sorgen um ihn machten. In den letzten Tagen saß er oft stundenlang ganz allein irgendwo in einem Winkel und beschäftigte sich mit nichts, dachte auch offenbar an nichts. Klawdia Petrowna trat dann oft zu ihm, um ihn etwas zu zerstreuen, doch er antwortete kaum und die Störung war ihm sichtlich unangenehm. Klawdia Petrowna hätte es nie für möglich gehalten, daß ihm so etwas in dieser Weise nahegehen würde. Nur die Kinder konnten ihn wohl etwas ablenken und zerstreuen und bisweilen sogar zum Lachen bringen – doch in jeder Stunde erhob er sich einmal leise und schlich auf den Fußspitzen an das Bett der kleinen Kranken, um sie zu betrachten. Bisweilen schien es ihm, als erkenne sie ihn – aber wer konnte das mit Bestimmtheit sagen? Hoffnung auf ihre Genesung hatte er nicht und konnte sie auch nicht haben – wußten doch alle, wie es um sie stand; aber von dem Zimmer, in dem sie lag, vermochte er sich nicht zu trennen und so saß er gewöhnlich im Zimmer nebenan.
Mehrmals geschah es übrigens, daß er ganz plötzlich aus seiner Versunkenheit aufsah und eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte: er nahm sogleich einen Wagen und fuhr nach Petersburg zu den besten Ärzten, die er alle zu einem Konsilium berief. Das zweite fand noch am Tage vor dem Tode der Kleinen statt. Drei oder vier Tage vorher hatte Klawdia Petrowna zu Weltschaninoff von der Notwendigkeit gesprochen, Herrn Trussozkij endlich aufzusuchen: denn „sollte das Schlimmste geschehen, so kann man sie ja nicht einmal beerdigen, wenn man nicht wenigstens den Taufschein hat“! Herr Pogorjelzeff hatte schon gesagt, er werde ihn einfach durch die Polizei suchen lassen. So schrieb denn Weltschaninoff einen kurzen Zettel und brachte ihn selbst zu Marja Ssyssojewna, die ihn Pawel Pawlowitsch, der natürlich nicht zu Hause war, einhändigen sollte, sobald er kam.
Endlich, an einem wundervollen Sommerabend, als gerade die Sonne unterging, starb Lisa, und nun erst kam Weltschaninoff zu sich, und es war, als erwache er aus einem Traum. Und als dann die kleine Leiche in einem weißen Kleidchen auf einem Tisch im Saal aufgebahrt war und mit Blumen geschmückt wurde, trat er plötzlich mit funkelnden Augen auf Klawdia Petrowna zu und erklärte ihr, daß er sogleich „den Mörder“ herbeischaffen werde. Und ohne auf die Bitten und Beschwörungen, doch bis morgen damit zu warten, zu achten, begab er sich sogleich nach der Stadt.
Er wußte, wo er Pawel Pawlowitsch finden konnte; war er doch nicht bloß der Ärzte wegen nach Petersburg gefahren. Es hatte ihn in diesen Tagen mehr als einmal plötzlich die Überzeugung gepackt, daß nur der Vater an Lisas Bett zu treten brauchte, und sie, sobald sie nur seine Stimme hörte, wieder zu sich kommen würde; dann war er aufgesprungen und in die Stadt gefahren und hatte ihn wie ein Verzweifelter gesucht.
Pawel Pawlowitsch wohnte nach wie vor in den zwei möblierten Zimmern, doch dort nach ihm zu fragen, war vergeblich: „Er hat wieder drei Nächte nicht hier verbracht,“ berichtete Marja Ssyssojewna, „und läßt er sich mal tagsüber hier blicken, dann kommt er besoffen an und nach einer Stunde geht er wieder. Ganz heruntergekommen ist der Mensch!“
Ein Kellner des Gasthofes aber hatte Weltschaninoff gesagt, daß Pawel Pawlowitsch früher sehr oft gewisse Mädchen in einem Hause am Wosnessenskij Prospekt besucht habe. Diese Mädchen hatte Weltschaninoff alsbald aufgesucht. Natürlich entsannen sie sich sogleich des Herrn, der um den Hut einen Trauerflor trug und der stets so freigebig gewesen war, doch nichtsdestoweniger begannen sie alsbald einmütig über ihn zu schimpfen – natürlich nur deshalb, weil er jetzt nicht mehr zu ihnen kam. Die eine von ihnen, Katjä mit Namen, beteuerte sogleich, daß sie ihn jederzeit finden könne, da er die Maschka Prostakowa jetzt überhaupt nicht mehr verlasse, denn Geld habe er so viel wie Sand am Meer, diese Maschka aber heiße gar nicht Prostakowa, sondern eigentlich Prochwostowa, und wenn sie, Katjä, nur wolle, so könnte sie sie jeden Tag nach Sibirien verschicken lassen, sie brauche nur ein Wort zu sagen! Trotzdem war es aber der Katjä an jenem Tage doch nicht gelungen, ihn zu finden, doch hatte sie hoch und heilig versprochen, ihn das nächstemal unbedingt zur Stelle zu schaffen. Auf ihre Hilfe rechnete nun Weltschaninoff.
Es war bereits zehn Uhr abends, als er sie zu sprechen verlangte (nachdem er, wie es sich gehörte, für ihre Abwesenheit gezahlt) und sich mit ihr auf die Suche begab. Er wußte selbst noch nicht, was er mit Pawel Pawlowitsch beginnen werde: ob er ihn totschlagen oder ob er ihm einfach nur mitteilen wollte, daß Lisa gestorben war und daß er die zur Bestattung notwendigen Dokumente hergeben mußte. Doch auch diesmal ließ er sich nicht finden: Maschka Prochwostowa erklärte, daß sie ihn seit drei Tagen nicht gesehen und daß das letztemal ihm ein Kassenbeamter mit einer Holzbank „den Schädel eingeschlagen“ habe. Kurz, man suchte ihn überall vergeblich. Erst gegen zwei Uhr nachts, als Weltschaninoff aus einem gewissen Hause, in dem er Pawel Pawlowitsch „bestimmt finden“ sollte und doch nicht gefunden hatte, heraustrat, stieß er plötzlich ganz unerwartet auf ihn: Pawel Pawlowitsch wurde von zwei Frauenzimmern gerade zu diesem Hause geschleppt – er war vollständig betrunken. Die eine der beiden „Damen“ hatte ihn unter den Arm gefaßt und stützte ihn nach Kräften; ihnen folgte irgendein Mensch, ein großer, starker Bursche, der wütend auf Pawel Pawlowitsch schimpfte und ihn mit fürchterlichen Drohungen einzuschüchtern suchte. Unter anderem hörte man ihn gerade noch schreien, daß Pawel Pawlowitsch ihn „ausgenutzt“ und sein Leben „vergiftet“ habe. Offenbar handelte es sich für ihn um Geld. Die Damen schienen aber große Angst zu haben und sich sehr zu beeilen, um schneller ins Haus zu gelangen. Kaum hatte Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff erblickt, da warf er sich ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und schrie, als stecke ihm das Messer schon in der Kehle:
„Bruder! Retter! Hilf, beschütze mich!“
Der Kerl, der folgte, glotzte Weltschaninoff ganz verblüfft an und – zog sich ohne weiteres zurück: Er mußte es offenbar für vorteilhafter halten, der ziemlich athletischen Gestalt des Unbekannten das Feld zu räumen, als es auf einen Kampf mit ihm ankommen zu lassen. Pawel Pawlowitsch fühlte sich als Sieger, drohte zum Zeichen des Triumphes mit der Faust hinter ihm her und gröhlte. Da packte ihn Weltschaninoff an den Schultern – ohne selbst zu wissen, wozu und weshalb – und plötzlich kam es wie ein Krampf über ihn und er schüttelte den Besoffenen, daß dessen Zähne klapperten. Pawel Pawlowitschs Gegröhl war im Augenblick verstummt und er starrte nur mit stumpfsinnigem Schrecken seinen neuen Henker an. Weltschaninoff wußte offenbar zunächst nicht, was er mit ihm weiter tun sollte – doch plötzlich drückte er ihn mit aller Kraft so zu Boden, daß der Betrunkene unversehens auf dem Prellstein am Trottoir saß.
„Lisa ist tot!“ stieß er hervor.
Pawel Pawlowitsch hatte noch keinen Blick von ihm abgewandt, er starrte ihn, auf dem Prellstein sitzend und von einer der „Damen“ gestützt, immer noch verständnislos an. Endlich begriff er und – sonderbar! – sein ganzes Gesicht schien sich plötzlich zu verändern und sah alt und verfallen aus.
„Tot ...“ flüsterte er eigentümlich vor sich hin. Lächelte er nun wieder sein scheußliches langes Lächeln oder war es etwas anderes, das sein Gesicht verzog – Weltschaninoff konnte es nicht unterscheiden. Doch im nächsten Augenblick hob Pawel Pawlowitsch mühsam seine zitternde rechte Hand, um sich zu bekreuzen, aber er vollendete das Kreuz nicht, schlaff sank ihm der Arm herab. Nach einer Weile erhob er sich wankend vom Prellstein, tastete nach seiner „Dame“ und ging, sich schwer auf sie stützend, wankenden Schrittes davon, wie in Gedanken versunken. Es war, als habe er Weltschaninoff völlig vergessen. Doch sollte er nicht weit kommen. Weltschaninoff riß ihn an der Schulter zurück.
„Begreifst du denn nicht, du Lump, daß man sie ohne dich nicht einmal begraben kann!“ schrie er wutbebend.
Jener wandte den Kopf nach ihm um.
„Den Artil–lerie ... Leutnant ... Sie wissen doch?“ brachte er mit schwerer Zunge unklar hervor.
„Was? ... Was sagst du?“ keuchte Weltschaninoff, in dem sich alle Sehnen zum Zerreißen spannten.
„Da hast du den Vater! Such ihn dir ... zum Begraben ...“
„Du lügst!“ brüllte Weltschaninoff, als habe er vor Wut alle Macht über sich verloren, „aus Rache lügst du ... ich wußte es, daß du das für mich in Bereitschaft hieltest!“
Und außer sich vor Wut holte er aus, um Pawel Pawlowitsch den Schädel einzuschlagen. Noch ein Moment – und die Knochen hätten unter der Wucht seiner athletischen Faust geknirscht: wohl mit einem einzigen Hieb hätte er ihn totgeschlagen! Die beiden Frauenzimmer schrien auf und stoben zur Seite, doch Pawel Pawlowitsch zuckte mit keiner Wimper. Nur Haß – ein Haß, der in seiner Grenzenlosigkeit nahezu tierisch war – entstellte sein ganzes Gesicht.
„Kennst du,“ fragte er mit bedeutend festerer Stimme, fast als wäre er ganz nüchtern, „kennst du unsere russische ...?“ (Und er nannte das scheußliche russische Schimpfwort für eine Dirne.) „Dann pack dich zu ihr!“
Und mit aller Gewalt riß er sich von Weltschaninoff los, dessen Linke sich um seinen Arm gekrallt hatte, wankte, taumelte zwei Schritte weiter und drohte zu fallen. Die Damen griffen ihn noch rechtzeitig auf und eilten, kreischend und schreiend, so schnell sie nur konnten, mit ihm davon, indem sie ihn fast nachschleifend weiterzogen.
Weltschaninoff folgte ihnen nicht.
Am nächsten Tage um ein Uhr mittags erschien bei Pogorjelzeffs ein höchst anständig aussehender Herr in tadelloser Beamtenuniform und überreichte Klawdia Petrowna höflichst ein an sie adressiertes Paket von Pawel Pawlowitsch Trussozkij. In diesem Paket befand sich außer einem Brief und den zur Bestattung notwendigen Dokumenten noch ein Kuvert mit dreihundert Rubeln. Pawel Pawlowitsch schrieb ziemlich kurz, doch äußerst verbindlich und jedenfalls sehr taktvoll. Er dankte „Ihrer Exzellenz“ für die liebevolle Aufnahme, die sie der kleinen Waise erwiesen, für die Pflege und alles das andere, was allein Gott durch seinen Segen entgelten könne. Darauf erwähnte er – übrigens war dieser Satz ziemlich unklar gehalten –, daß er infolge ernsten Unwohlseins verhindert sei, persönlich zum Begräbnis seiner geliebten entschlafenen Tochter zu erscheinen und daß er deshalb, im Vertrauen auf die „unvergleichliche Güte Ihrer Exzellenz“, diese herzlich bitte, alle Obliegenheiten zu übernehmen. Die dreihundert Rubel seien für die Ausgaben der Bestattung und überhaupt für die Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe, bestimmt. Sollte von dieser Summe noch etwas übrigbleiben, so bitte er ergebenst und gehorsamst, dieses Geld zu Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen zu verwenden. Der Herr in der Beamtenuniform wußte nichts weiter hinzuzufügen; aus seinen Worten ging sogar hervor, daß er nur auf die dringende Bitte Pawel Pawlowitschs eingewilligt habe, dieses Paket Ihrer Exzellenz persönlich zu überbringen. Der Geheimrat fühlte sich fast beleidigt durch die „Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe“ und schlug daher vor, das Geld außer den fünfzig Rubeln für das Begräbnis – da man es dem Vater doch nicht verwehren konnte, sein Kind aus eigenen Mitteln zu bestatten – an Herrn Trussozkij sogleich zurückzusenden. Klawdia Petrowna entschied jedoch, ihm nicht das Geld, sondern ihm lieber die Quittung des Geistlichen der Friedhofskirche zuzustellen und für die zweihundertundfünfzig Rubel – was er aus der Quittung ersehen werde – Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen lesen zu lassen. Und so geschah es auch. Die Quittung wurde später Weltschaninoff eingehändigt, der sie durch die Post an Pawel Pawlowitschs Adresse sandte.
Nach der Beerdigung kehrte Weltschaninoff in die Stadt zurück. Ganze zwei Wochen trieb er sich ziel- und zwecklos umher, schlenderte ganz allein durch die Straßen, stieß in seiner Gedankenversunkenheit mit anderen Menschen zusammen, entschuldigte sich nicht einmal und sah keinen an. Bisweilen wiederum lag er tagelang auf seinem Diwan ausgestreckt, ohne auch nur an das Nächstliegende zu denken. Pogorjelzeffs ließen ihn mehrmals zu sich bitten, und er versprach auch bald hinzufahren, vergaß es aber schon im nächsten Augenblick. Klawdia Petrowna kam sogar persönlich zu ihm gefahren, traf ihn jedoch nicht zu Haus. Dasselbe Ergebnis hatten auch zwei Besuche seines Rechtsanwalts, der ihm eine sehr erfreuliche Mitteilung zu machen hatte: der Rechtsstreit war von ihm nämlich so geschickt geleitet worden, daß die Gegner jetzt zu einem gütlichen Vergleich bereit waren, wenn man sie mit einem unbedeutenden Bruchteil der von ihnen bestrittenen Erbschaft abfand. Dazu bedurfte es nur noch der Einwilligung Weltschaninoffs. Als der Rechtsanwalt diesen dann endlich zu Hause antraf, war er nicht wenig erstaunt über den müden Gleichmut, mit dem ihn sein vor kurzem noch so ungeduldiger Klient anhörte.
Die Julihitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Tage waren unerträglich heiß. Doch Weltschaninoff achtete nicht darauf, ihm war alles gleichgültig. Er fühlte nur einen Schmerz in der Seele, den er immerwährend wie einen qualvoll bewußten Gedanken empfand. Am wehesten tat ihm, daß Lisa gestorben war, ohne ihn besser kennen gelernt zu haben und ohne zu wissen, wie sehr er sie liebte! Jenes Lebensziel, das er plötzlich in so strahlendem und kraftvollem Licht vor sich gesehen, war plötzlich wieder verschwunden in drückender Dunkelheit. Jenes Ziel hatte eigentlich nur darin bestanden – seine Gedanken beschäftigten sich jetzt fast ausschließlich damit –, daß er Lisa erzogen und daß sie an jedem Tage, zu jeder Stunde seine sorgende Liebe gefühlt hätte. „Ein höheres Ziel gibt es nicht, ein höheres hat kein Mensch und kann auch kein Mensch haben!“ sagte er sich überzeugt, und es erfaßte ihn eine düstere Begeisterung. „Oder wenn die Menschen auch andere Ziele haben sollten, so kann doch keines heiliger sein!“ Und diese Liebe zu seinem Kinde, so dachte er es sich jetzt, hätte alles wieder gut gemacht, vor allem sein ganzes früheres lasterhaftes und unnützes Leben; statt eines müßigen, schlechten und abgelebten Menschen, wie er es war, hätte er ein reines und wundervolles Wesen für die Welt und das Leben erzogen und – „um dieses Kindes willen wäre mir alles verziehen worden und hätte ich mir auch selbst verziehen!“
Alle diese Gedanken waren für ihn untrennbar verbunden mit der ewig klaren und ewig auf ihm lastenden Erinnerung an das tote Kind. Er vergegenwärtigte sich immer wieder ihr bleiches Gesichtchen, erinnerte sich jedes Ausdruckes, jeder ihrer Bewegungen; er glaubte, sie wieder vor sich zu sehen, wie sie im Sarge unter Blumen und wie sie während der Krankheit bewußtlos gelegen: heißglühend mit offenen, unbeweglichen, fieberglänzenden Augen. Da fiel es ihm ein, daß er, als sie noch auf dem Tisch aufgebahrt lag, plötzlich bemerkt hatte, daß ein Fingerchen an einer Stelle blauschwarz geworden war; das hatte ihn damals so betroffen gemacht und dieser arme kleine Finger hatte ihm so leid getan, daß ihm plötzlich zum erstenmal der Gedanke gekommen war, Pawel Pawlowitsch unverzüglich aufzusuchen und totzuschlagen; bis dahin aber war er wie betäubt gewesen. Gleichviel, was die Ursache der Krankheit des Kindes gewesen sein mochte – gekränkter Stolz oder die Qualen, mit denen sie der eigene Vater folterte, dessen Liebe sich so plötzlich in Haß verwandelt hatte, der ihr schändliche Schimpfwörter sagte und über ihre Angst höhnisch lachte, bis er zu guter Letzt zuließ, daß sie von einem fremden Menschen fortgebracht wurde – die Schuld an ihrem Tode trug jedenfalls Pawel Pawlowitsch ganz allein. Darüber war sich Weltschaninoff von vornherein vollkommen klar, und immer wieder kehrten seine Gedanken dazu zurück, wie Pawel Pawlowitsch sie gequält hatte, und seine Phantasie gab sich mit tausend Schrecknissen ab. „Wissen Sie auch, was Lisa mir war?“ hörte er plötzlich wieder die Frage des Betrunkenen und er fühlte, daß diese eigentümliche Frage nicht wie alles andere Verstellung war, sondern aus der tiefsten Tiefe seines Inneren kam und von einst unendlicher Liebe sprach. „Ja aber wie konnte dieses Scheusal dann so grausam zu diesem Kinde sein, das er doch zweifellos geliebt hat, wie ist so etwas überhaupt möglich?“ Doch jedesmal, wenn er wieder bei dieser Frage angelangt war, erschrak er und dachte sogleich an etwas anderes, als wolle er weiterem Nachdenken über dieses Problem schnell aus dem Wege gehen. Es lag für ihn in dieser Frage etwas geradezu Unheimliches, etwas Unerträgliches, etwas, das ihn davon abhielt, nach einer Antwort zu suchen.
Eines Tages hatte er, fast ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, seinen ziellosen Weg durch die Straßen der Stadt immer weiter fortgesetzt, bis er zu dem Friedhof gelangt war, auf dem man Lisa begraben hatte. Er fand bald ihr kleines Grab. Es war das erstemal, daß er nach der Bestattung auf den Friedhof kam: er hatte immer gefürchtet, daß die Qual gar zu groß werden könnte, und so hatte er es nicht gewagt, ihr Grab aufzusuchen. Doch seltsam, kaum war er niedergekniet und hatte die Stirn auf den weichen Rasen des kleinen, noch hohen Hügels gesenkt, da war es ihm, als würde ihm leichter zumute. Der Abend war still und klar, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten. Ringsum auf den Hügeln und Plätzen wuchs üppiges, weiches Gras; an einem Hagebuttenstrauch in der Nähe summte eine Biene. Die Blumen und Kränze auf Lisas kleinem Grabe waren verwelkt und die Blüten zur Hälfte entblättert. Weltschaninoff sah und schaute, und zum erstenmal nach langer Zeit stieg wieder ein Hoffnungsgefühl in ihm auf und erfrischte ihm Herz und Sinne.
„Wie frei! ... wie wundervoll leicht!“ dachte er unter der Empfindung der tiefen, reglosen Friedhofsstille, und er schaute hinauf zum klaren, stillen Himmel.
Und wie ein Strom eines reinen, ruhigen Vertrauens, wie ein Glaube an irgend etwas, kam es über ihn.
„Das hat mir Lisa gesandt, sie spricht zu mir,“ sagte er sich.
Es dämmerte bereits, als er den Friedhof verließ, um nach Hause zurückzukehren. Nicht allzu weit vom Friedhofstor befand sich in einem niedrigen hölzernen Häuschen an der Straße so etwas wie eine Schenke oder ein Bierlokal. Durch die offenen Fenster sah man die Leute an den Tischen sitzen. Plötzlich schien es Weltschaninoff, als sei einer von ihnen – derjenige, welcher am offenen Fenster saß – Pawel Pawlowitsch, der ihn bereits erkannt hatte und neugierig mit den Blicken verfolgte. Er ging weiter, ohne seinen Schritt zu verändern, doch bald hörte er, daß jemand ihm schnell folgte. Es war in der Tat Pawel Pawlowitsch. Offenbar hatte ihn der versöhnliche Ausdruck im Gesicht Weltschaninoffs ermutigt. Als er ihn erreicht hatte, hielt er mit ihm gleichen Schritt, schien zwar noch etwas zaghaft zu sein, und lächelte nur – doch war es nicht mehr sein betrunkenes widerliches Lächeln, wie er überhaupt nicht betrunken zu sein schien.
„Guten Tag,“ sagte er.
„Guten Tag,“ antwortete Weltschaninoff.
XI. Pawel Pawlowitsch will heiraten.
Weltschaninoff war eigentlich über sich selbst erstaunt: wie eigentümlich, daß er den Gruß erwidert hatte! Auch kam es ihm sehr seltsam vor, daß er jetzt beim Wiedersehen mit diesem Menschen gar keinen Haß mehr gegen ihn empfand – daß sich in seinen Gefühlen für ihn vielmehr etwas ganz anderes geltend machte und er fast einen Drang zu einer ganz neuen Stellungnahme zu allen diesen Dingen und Erlebnissen verspürte.
„Der Abend ist heute so angenehm,“ begann Pawel Pawlowitsch, ihm in die Augen blickend.
„Sie sind noch nicht abgereist,“ bemerkte Weltschaninoff – nicht fragend, sondern so, als denke er im Weitergehen nach.
„Die Abreise hat sich etwas verzögert, aber – mein Gesuch um Versetzung ist jetzt genehmigt worden. Ich komme auf einen höheren Posten. Übermorgen reise ich ganz bestimmt ab.“
„Sie sind auf einen höheren Posten versetzt?“ fragte Weltschaninoff – diesmal fragte er wirklich.
„Weshalb denn nicht?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit einer kleinen einseitigen Grimasse.
„Ich sagte es nur so ...“ entschuldigte sich Weltschaninoff halbwegs, runzelte leicht die Stirn und warf einen Seitenblick auf Pawel Pawlowitsch.
Zu seiner Verwunderung sah der ganze Herr Trussozkij vom Hut mit dem Trauerflor bis hinab auf die Stiefelspitzen unvergleichlich anständiger aus, als vor vierzehn Tagen. „Weshalb saß er in jenem Bierlokal?“ fragte sich Weltschaninoff und wurde die Frage nicht los.
„Ich wollte Ihnen noch von meiner anderen großen Freude Mitteilung machen, Alexei Iwanowitsch,“ begann wieder Pawel Pawlowitsch.
„Einer Freude?“
„Ich heirate nämlich.“
„Was?“
„Nach jedem Kummer kommt wieder die Freude an die Reihe, so geht es immer im Leben. Ich würde aber sehr gern, Alexei Iwanowitsch ... nur weiß ich nicht, vielleicht haben Sie es jetzt eilig, Sie sehen so aus ...“
„Ja, ich muß mich allerdings beeilen und ... überdies fühle ich mich nicht ganz wohl.“
Er wollte ihn so schnell wie möglich abschütteln: seine Bereitwilligkeit zu neuen Gefühlen war im Augenblick wieder verschwunden.
„Ich würde aber gern ...“
Pawel Pawlowitsch sprach es jedoch nicht aus, was er wollte.
Weltschaninoff schwieg.
„In dem Fall ... dann später einmal, wenn wir uns nur wieder treffen.“
„Gut, gut, später einmal ... sehr gern ...“ Brummend gab Weltschaninoff seine Einwilligung, schnell und undeutlich, ohne ihn dabei anzusehen oder stehen zu bleiben.
Sie gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander weiter, bis Pawel Pawlowitsch mit ihm nicht mehr gleichen Schritt halten konnte.
„Dann also nächstens – auf Wiedersehen,“ sagte er endlich.
„Auf Wiedersehen! Wünsche Ihnen ...“
Weltschaninoff langte zu Haus wieder in schlechtester Laune an. Die Begegnung mit „diesem Menschen“ war doch entschieden eine zu große Zumutung gewesen: kein Wunder, daß seine Nervenkraft nicht ausreichte. Als er zu Bett ging, fragte er sich nochmals: „Was hatte er nur dort im Bierlokal in der Nähe des Friedhofs zu suchen?“
Am nächsten Morgen gedachte er, endlich einmal zu Pogorjelzeffs zu fahren, doch entschloß er sich nur ungern dazu; der bloße Gedanke an die Teilnahme anderer Menschen, auch wenn diese Menschen Pogorjelzeffs waren, dünkte ihm unerträglich. Doch da er wußte, wie sehr sie sich um ihn sorgten, ging es nicht anders, er mußte hinfahren. Plötzlich bildete er sich ein, daß er sich im ersten Augenblick des Wiedersehens aus irgendeinem Grunde unendlich schämen werde.
„Soll ich fahren – oder soll ich nicht fahren?“ überlegte er gerade, indem er sich beeilte, seinen Lunch zu beenden, als plötzlich zu seinem größten Erstaunen Pawel Pawlowitsch ins Zimmer trat.
Weltschaninoff hätte, trotz der Begegnung am Abend vorher, alles eher erwartet, als daß „dieser Mensch“ jemals noch bei ihm vorsprechen würde, und war daher so verblüfft, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte, und ihn nur wortlos ansah. Doch Pawel Pawlowitsch bedurfte keines Willkommens: er grüßte, wünschte einen guten Tag und setzte sich dann unaufgefordert in denselben Lehnsessel, in dem er vor drei Wochen gesessen hatte. Weltschaninoff sah plötzlich die Szene des ersten Besuches ganz besonders deutlich vor sich. Beunruhigt und mit einem gewissen Ekel betrachtete er seinen Gast.
„Sie wundern sich?“ fragte Pawel Pawlowitsch, der die Gedanken des anderen am Blick erriet.
Er schien bedeutend aufgeräumter zu sein, als er am Abend auf der Straße gewesen war, doch gleichzeitig verriet alles, daß er ängstlich zu vermeiden suchte, irgendwie zu mißfallen, noch ängstlicher als gestern bei seiner Anrede. Seine äußere Erscheinung hatte sich tatsächlich sehr verändert: Herr Trussozkij war nicht etwa nur anständig, er war sogar fast stutzerhaft gekleidet: enganschließende Beinkleider, eine helle Weste, die Wäsche, Handschuhe und die goldene Lorgnette, die er sich Gott weiß weshalb angelegt hatte, waren tadellos, und seinen Kleidern entströmte sogar ein leiser Wohlgeruch. Über der ganzen Erscheinung lag jedoch etwas, das lächerlich wirkte und das gleichzeitig auf einen seltsamen und unangenehmen Gedanken brachte.
„Ich habe Sie, Alexei Iwanowitsch, natürlich in Erstaunen gesetzt durch meinen Besuch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch sichtlich befangen fort, „und – das begreife ich vollkommen ... Ja ... ich finde es, wie gesagt, sehr begreiflich. Aber es besteht doch, denke ich, zwischen den Menschen immer noch etwas – das heißt meiner Überzeugung nach, _muß_ es auch bestehen – nämlich immer noch etwas Höheres, ist es nicht so? Ich meine, etwas Höheres, das über den Dingen und Verhältnissen steht, sogar über den Unannehmlichkeiten, die sich vielleicht mal haben ergeben können ... nicht wahr?“
„Pawel Pawlowitsch, sagen Sie schnell und ohne Zeremonien, was Sie sagen wollen!“ Weltschaninoff sah finster aus.
„In zwei Worten!“ beeilte sich mit ergebenem Eifer Pawel Pawlowitsch. „Ich heirate und will mich sogleich zu meiner Braut begeben. Die Familie meiner Braut lebt augenblicklich gleichfalls auf ihrer Datsche. Ich würde Sie nun um die große Ehre bitten, Sie mit dieser Familie bekannt machen zu dürfen, und bin daher mit der ergebensten Bitte zu Ihnen gekommen“ (Pawel Pawlowitsch neigte sogar untertänigst seinen Oberkörper) „mich dorthin begleiten zu wollen ...“
„Wohin?“
Weltschaninoff sah ihn groß an.
„Zu ihnen, das heißt auf die Datsche, zu den Eltern meiner Braut. Verzeihen Sie, ich rede nicht ganz klar, vielleicht habe ich mich irgendwie nicht richtig ausgedrückt, aber ich fürchte so sehr eine Absage von Ihnen ...“
Und er sah Weltschaninoff bekümmert und herzlich bittend zugleich an.
„Sie wollen, daß ich mit Ihnen jetzt gleich zu Ihrer Braut fahre?“ fragte Weltschaninoff, indem sein Blick schnell die Gestalt des anderen überflog, während er sich noch unschlüssig darüber war, ob er seinen Ohren trauen sollte.
„Ja ...“ bestätigte Pawel Pawlowitsch kleinlaut und plötzlich ganz eingeschüchtert. „Ärgern Sie sich nicht, Alexei Iwanowitsch, und fassen Sie es nicht als Unverschämtheit von mir auf. Es ist nur meine außerordentliche und untertänigste Bitte. Ich dachte, Sie würden es mir vielleicht doch nicht abschlagen ...“
„Es ist ganz unmöglich!“ Weltschaninoff bewegte sich unruhig.
„Es ist ja nur mein größter Wunsch und nichts weiter,“ fuhr jener fort, ihn zu bitten, „aber ich will auch nicht verheimlichen, daß ich noch einen besonderen Grund zu meiner Bitte habe. Doch diesen Grund wollte ich Ihnen erst nachher mitteilen, jetzt aber wollte ich Sie nur ganz außerordentlich bitten ...“
Und er erhob sich vor lauter Höflichkeit vom Stuhle.
„Aber es ist doch ganz unmöglich, was Sie da verlangen, das müssen Sie doch selbst einsehen ...“
Weltschaninoff erhob sich gleichfalls.
„Es ist _sehr_ möglich, Alexei Iwanowitsch, glauben Sie mir! Ich wollte Sie dort nur als meinen Freund vorstellen; und überdies kennen Sie ja die Familie bereits, ich will ja zu Sachlebinins auf die Datsche, zum Staatsrat Sachlebinin.“
„Was, zu wem?“ rief Weltschaninoff.
Das war der Name desselben Staatsrats, den er vor etwa einem Monat überall vergeblich gesucht und auch zu Hause nicht angetroffen –, der also allem Anscheine nach seinen Einfluß zugunsten der Gegner Weltschaninoffs zu verwenden beabsichtigt hatte.
„Nun ja, nun ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch lächelnd und gleichsam ermutigt durch dessen maßlose Verwunderung, „es ist derselbe, mit dem Sie, wissen Sie noch, damals auf dem Newskij gingen: ich stand auf der anderen Straßenseite und sah zu Ihnen hinüber. Ich wartete damals nur darauf, daß Sie sich von ihm verabschiedeten, um dann selbst zu ihm zu gehen. Vor etwa zwanzig Jahren haben wir zusammen im selben Bureau gearbeitet, übrigens hatte ich an jenem Tage, als ich, nach Ihnen, auf ihn zugehen und mit ihm sprechen wollte, noch gar keine besondere Absicht. Erst seit kurzem, seit einer Woche erst ist es anders ...“
„Aber erlauben Sie, das ist doch, soviel ich weiß, eine höchst anständige Familie!“ wunderte sich Weltschaninoff ganz naiv.
„Was ist denn dabei, daß sie anständig ist?“ Pawel Pawlowitsch lächelte wieder nur mit einer Gesichtshälfte.
„Nein, versteht sich, ich meinte es nicht so ... aber soviel ich bemerken konnte, wenn ich dort vorgesprochen habe ...“
„Sie erinnern sich, oh, Sie erinnern sich noch ganz genau, wie Sie dort gesessen und den Staatsrat zu sprechen gewünscht haben!“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch sogleich erfreut ins Wort, „nur haben Sie die Familie damals nicht gesehen. Und er selbst erinnert sich Ihrer auch noch sehr gut und schätzt Sie sehr hoch. Ich habe dort nur mit größter Hochachtung von Ihnen sprechen hören.“
„Aber wie denn, Sie sind doch erst seit drei Monaten Witwer?“
„Oh, die Hochzeit soll ja nicht so bald stattfinden, erst nach neun oder zehn Monaten, wenn das Trauerjahr vorüber ist! Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung. Erstens kennt mich Fedossei Petrowitsch schon von Kindheit an, er hat auch meine verstorbene Frau gekannt, er weiß, wie ich gelebt habe, was man von mir hält, und schließlich: ich bin doch vermögend, und jetzt hat man mich noch auf einen höheren Posten versetzt – das fällt natürlich alles ins Gewicht.“
„Ist es denn wirklich eine Tochter von ihm?“
„Ich werde Ihnen alles ausführlich erzählen,“ versetzte Pawel Pawlowitsch, angenehm berührt, „erlauben Sie, daß ich ein Zigarettchen anrauche? Doch Sie werden sich ja heute selbst von allem überzeugen können. Also erstens – werden solche Leute wie Fedossei Petrowitsch im Dienst bisweilen sehr geschätzt, wenn sie es einmal verstanden haben, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber außer dem Gehalt und den Gratifikationen, Zuschüssen und noch sonstigen kleinen Summen, die er hier und da als Vorsitzender erhält, gibt’s doch nichts, das heißt, weder Nebenverdienste noch ein Grundkapital. Sie leben gut, aber etwas beiseite legen, das geht nicht, wenn man eine so große Familie hat. Nun sagen Sie sich doch selbst: Fedossei Petrowitsch hat ganze acht Töchter und einen Sohn – der ist der jüngste, noch ein kleiner Bengel. Stirbt Fedossei Petrowitsch heute oder morgen, so bleibt dieser ganzen großen Familie nur die magere Pension. Das bedenken Sie einerseits, und anderseits – acht Töchter! Nun berechnen Sie bloß: wenn jede von ihnen auch nur ein Paar Schuhe braucht – was das nicht allein schon ausmacht! Und von diesen acht sind fünf bereits heiratsfähig, die älteste ist vierundzwanzig – übrigens ganz reizend, doch Sie werden schon selbst sehen! Die sechste, die ist fünfzehn Jahre alt und besucht noch das Gymnasium. Den fünf ältesten müssen also jetzt Männer verschafft werden, was am besten möglichst bald geschehen soll. Mithin müssen die Mädchen Bälle mitmachen – was das alles kostet, bedenken Sie doch nur! Und da bin ich nun plötzlich aufgetaucht, bin der erste Freier in ihrem Hause – sie aber, sie kennen mich ganz genau, das heißt, ich meine, sie sind über meine Vermögensverhältnisse mit aller Sicherheit unterrichtet. Nun, und das ist alles.“
Pawel Pawlowitsch gab seine Erklärung mit sichtlich sehr gehobenen Gefühlen.
„Sie haben um die Älteste angehalten?“
„N–ein, ich ... nein, nicht um die Älteste; ich habe um jene sechste angehalten, um die, die jetzt noch das Gymnasium besucht.“
„Was! ...“ Weltschaninoff lachte unwillkürlich auf, „aber Sie sagten doch, die sei erst fünfzehn!“
„Ja, fünfzehn ist sie jetzt, aber nach neun Monaten wird sie sechzehn Jahre alt sein, sechzehn Jahre und drei Monate – also was ist denn? Da es aber jetzt wegen des Trauerjahres und ihrer Jugend nicht geht, so soll vorläufig noch nichts davon verlauten, es bleibt ganz unter uns ... Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung!“
„Aber noch nicht ganz entschieden?“
„Nein, wieso, gewiß entschieden! Glauben Sie mir, es ist wirklich alles in Ordnung ...“
„Und die Kleine, weiß die auch was davon?“
„Sehen Sie, nur vorläufig, nur anstandshalber wird jetzt noch nicht davon gesprochen, – doch wissen! wie sollte sie’s denn nicht wissen!“ Pawel Pawlowitsch lächelte selbstgefällig. „Nun, wie steht’s, werden Sie mir die Ehre erweisen, Alexei Iwanowitsch?“ wagte er ganz zaghaft zu fragen.
„Aber weshalb soll ich denn hin? Übrigens,“ unterbrach er sich schnell, „da ich selbstverständlich auf keinen Fall mit Ihnen fahren werde, so brauchen Sie mir auch weiter gar nicht Ihre Gründe anzuführen.“
„Alexei Iwanowitsch ...“
„Ja, was glauben Sie denn, – daß ich mich neben Sie setzen und mit Ihnen hinfahren werde? – was fällt Ihnen ein!“
Wieder überkam ihn jenes widerliche, abstoßende Gefühl, das durch das Geschwätz und die Erzählung Pawel Pawlowitschs eine Weile in den Hintergrund gedrängt worden war. Noch einen Augenblick, und er hätte ihn zum Teufel gejagt. Ja, aus irgendeinem Grunde ärgerte er sich sogar über sich selbst.
„Setzen Sie sich, Alexei Iwanowitsch, setzen Sie sich neben mich und Sie werden es nicht bereuen!“ fuhr Pawel Pawlowitsch mit innig flehender Stimme fort. „Nein, nein, nein!“ beschwichtigte er sogleich mit beiden Händen, als er Weltschaninoffs ungeduldige und energische Handbewegung bemerkte. „Nein, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, warten Sie noch einen Augenblick mit der Entscheidung, fassen Sie nicht voreilig Ihren Entschluß! Ich sehe, daß Sie mich falsch verstanden haben: ich begreife es ja selbst nur zu gut, daß wir nicht zu Kameraden geschaffen sind, daß weder Sie mein Freund sind, noch ich Ihr Freund sein kann; so einfältig bin ich denn doch nicht, um das nicht zu verstehen. Diese Gefälligkeit aber, um die ich Sie jetzt bitte, wird und soll Sie zu nichts weiter verpflichten. Übermorgen reise ich ab, für immer, also nur diese eine Fahrt! Lassen Sie nur diesen einen Tag eine Ausnahme bilden. Auf dem Wege zu Ihnen setzte ich meine ganze Hoffnung auf – nun, auf gewisse besondere Gefühle Ihres Herzens, Alexei Iwanowitsch, – gerade jene Gefühle, die vielleicht die letzte Zeit in Ihrem Herzen erweckt hat ... Jetzt habe ich mich doch, denke ich, klar genug ausgedrückt, oder noch nicht?“
Pawel Pawlowitschs Erregung hatte einen kaum glaublichen Grad erreicht. Weltschaninoff sah ihn seltsam an.
„Sie bitten mich um eine Gefälligkeit?“ fragte er nachdenklich, „und ... bestehen mit aller Gewalt darauf, daß ich sie Ihnen erweisen soll, – das kommt mir verdächtig vor. Ich will mehr wissen.“
„Die ganze Gefälligkeit soll nur darin bestehen, daß Sie mit mir fahren. Dann aber, wenn wir von dort zurückgekehrt sind, werde ich alles vor Ihnen aufdecken: es soll meine Beichte sein. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Alexei Iwanowitsch!“
Doch Weltschaninoff weigerte sich immer noch, und zwar tat er das um so kategorischer, als ihn eine gewisse Bosheit plagte. Diese Bosheit – sie war wie ein Gefühl und ein Gedanke zugleich – regte sich schon seit einiger Zeit in ihm, richtiger: von dem Augenblick an, als Pawel Pawlowitsch von seiner Braut zu sprechen begonnen. War es nun einfach Neugier, oder war es ein vorläufig noch ganz unklares Sichhingezogenfühlen, das wußte er weder, noch wollte er darüber nachdenken, – aber Tatsache war, daß ihn das Verlangen plagte, einzuwilligen. Und je mehr es ihn plagte, um so hartnäckiger verteidigte er sich dagegen, nur wollte das nicht viel helfen. Er saß, den Arm auf den Tisch gestützt, und schwieg, während Pawel Pawlowitsch ihn mit allen Künsten zur Einwilligung zu bewegen suchte.
„Nun gut, ich fahre,“ willigte er plötzlich ein und erhob sich unruhig, fast erregt von seinem Platz.
Pawel Pawlowitsch geriet förmlich in Ekstase.
„Nein, aber jetzt, jetzt müssen Sie sich nur noch danach ankleiden, Alexei Iwanowitsch,“ meinte er, mit einem Lächeln ihn musternd und sichtlich sehr zufrieden damit, daß Weltschaninoff sogleich Miene gemacht hatte, sich umzukleiden, „so, wie nur Sie sich zu kleiden verstehn!“
„Wenn ich nur wüßte, was der Mensch mit diesem Besuch eigentlich bezwecken will?“ fragte sich Weltschaninoff derweilen mißtrauisch.
„Aber ich müßte Sie doch noch um etwas bitten, Alexei Iwanowitsch. Wenn Sie nun schon so gut gewesen sind, einzuwilligen, mich zu begleiten, dann seien Sie auch mein Ratgeber.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel in dieser Frage: mit dem Flor oder ohne Flor? Was ist anständiger: soll ich ihn abnehmen oder soll ich ihn nicht abnehmen?“
„Ganz wie Sie wollen.“
„Nein, ich will Ihre Meinung hören: was Sie täten, wenn Sie Trauer hätten? Ich dachte, wenn ich den Flor behalte, so spricht das von der Beständigkeit meiner Gefühle, also wäre es in gewissem Sinne eine gute Empfehlung.“
„Selbstverständlich nehmen Sie ihn ab.“
„Wirklich? Meinen Sie? Und sogar selbstverständlich finden Sie es?“ Pawel Pawlowitsch dachte nach. „Nein, ich möchte ihn doch lieber behalten ...“
„Wie Sie wollen.“ – „Er scheint mir doch nicht zu trauen, das ist gut,“ dachte Weltschaninoff.
Endlich war er fertig und nahm seinen Hut. Pawel Pawlowitsch betrachtete ihn mit sichtlichem Wohlgefallen, und in seinem Mienenspiel wie in seinem ganzen Wesen blickte merkliche Hochachtung und sogar ein gewisser Stolz durch. Weltschaninoff wunderte sich über ihn, doch mehr noch über sich selbst. Vor dem Portal hielt eine elegante Kutsche.
„Ah, Sie hatten also auch den Wagen schon bereit? Waren Sie denn so fest davon überzeugt, daß ich mitfahren würde?“
„Den Wagen hatte ich zunächst für mich genommen, doch war ich – jawohl, ich war so gut wie überzeugt, daß Sie einwilligen würden,“ antwortete Pawel Pawlowitsch mit der Miene eines vollkommen glücklichen Menschen.
„Ei, mein Bester,“ bemerkte Weltschaninoff mit einem kleinen gereizten Auflachen, während die Pferde anzogen und der Wagen davonrollte, „ist das Vertrauen, das Sie in mich setzen, vielleicht nicht doch etwas zu groß?“
„Aber doch nicht Ihnen, Alexei Iwanowitsch, Ihnen steht es doch nicht zu, mich deshalb einen Narren zu nennen?“ versetzte Pawel Pawlowitsch mit fester Stimme, aus der man deutlich seine Überzeugung heraushörte.
„Aber Lisa?“ dachte Weltschaninoff, vermied jedoch – sogar mit einem gewissen Schrecken – schnell jeden weiteren Gedanken an sie, als wäre er im Begriff gewesen, etwas Heiliges zu entweihen. Und plötzlich kam er sich selbst so kleinlich, so nichtswürdig vor, und jener boshafte Gedanke, oder jenes Gefühl der Neugierde, das ihn verführt hatte, mit Pawel Pawlowitsch zu dessen Braut zu fahren, erschien ihm so nichtig und erbärmlich ... und im Augenblick wollte er allem den Rücken kehren und aus dem Wagen springen, selbst wenn er vorher diesen Pawel Pawlowitsch noch hätte durchprügeln müssen. Doch da begann dieser von neuem zu sprechen und die Versuchung nahm wieder sein Herz gefangen.
„Alexei Iwanowitsch, verstehen Sie was von Schmucksachen?“
„Von was für Schmucksachen?“
„Nun so, von Damenschmuck, von Goldsachen und Brillanten?“
„Ja. Was ist denn?“
„Ich würde gern ein kleines Geschenk mitbringen. Raten Sie mir: soll ich oder soll ich nicht?“
„Meiner Meinung nach – besser nicht.“
„Ich würde es aber so gern ... Nur – was könnte man wohl kaufen? Eine ganze Garnitur, eine Brosche, Ohrringe und ein Armband, oder nur eine einzige Sache?“
„Wieviel wollen Sie dafür ausgeben?“
„Nun so – vier- bis fünfhundert Rubel.“
„O – oh!“
„Zu viel, was?“ fragte Pawel Pawlowitsch ganz erschrocken.
„Kaufen Sie ein Armband für hundert Rubel.“
Pawel Pawlowitsch schien durch diese Zumutung förmlich beleidigt zu sein. Er wollte gern möglichst viel bezahlen und gleich eine _ganze_ Garnitur kaufen. Ihm auszureden, was er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, war unmöglich. Sie fuhren also zu einem Juwelier. Es endete aber doch damit, daß Pawel Pawlowitsch nur ein Armband kaufte, und zwar nicht dasjenige, das ihm selbst am meisten gefiel, sondern das, zu welchem Weltschaninoff geraten hatte. Übrigens wollte er zuerst beide Armbänder kaufen. Als der Juwelier, der für das eine Armband hundertfünfundsiebzig Rubel verlangt hatte, schließlich nur hundertfünfzig verlangte, ärgerte sich Pawel Pawlowitsch aufrichtig über ihn: er hätte mit Vergnügen auch zweihundert gezahlt, so groß war sein Wunsch, ein möglichst teures Geschenk zu kaufen.
„Das hat nichts zu sagen, daß ich mit dem Schenken etwas voreilig bin,“ versicherte er, als sie wieder im Wagen saßen, „man ist dort gar nicht zeremoniell. Und die Unschuld freut sich über Geschenke,“ meinte er mit einem schlauen und höchst vergnügten Lächeln. „Sehen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie lachten vorhin darüber, daß sie erst fünfzehn Jahre alt ist; aber mich, sehen Sie, hat ja gerade das gepackt, daß sie noch das Gymnasium besucht, mit dem Büchertäschchen am Arm, und mit Heftchen und Federn drin, hehe! Gerade dieses Büchertäschchen hat’s mir angetan, das hat meine Gedanken zuerst gefangen genommen! Ich bin nämlich eigentlich nur für die Unschuld, Alexei Iwanowitsch. Es liegt mir weniger an einem schönen Gesicht, als eben gerade daran. Wenn man so sieht, wie sie dasitzen mit einer Freundin in einem Winkel und kichern und kichern, als gebe es Gott weiß was! Und worüber wird denn gekichert? Nur darüber, daß ein Kätzchen vom Tisch aufs Sofa gesprungen ist und sich wie ein Knäuelchen zusammengerollt hat! ... Das duftet ja förmlich nach frischen Äpfeln! Aber – soll ich nicht doch den Flor abnehmen?“
„Wie Sie wollen.“
„Ich tu’s!“
Er nahm den Hut ab, riß den Trauerflor vom Hutboden und warf ihn aus dem Fenster. Weltschaninoff konstatierte, daß sein Gesicht geradezu strahlte und die schönsten Hoffnungen verriet, als er seinen kahlen Kopf wieder mit dem Hut bedeckte.
„Sollte er wirklich das sein, was er zu sein scheint?“ fragte sich Weltschaninoff in ausgesprochener Wut, „sollte wirklich keine _besondere_ Absicht dahinterstecken, daß er mich aufgefordert hat, mit ihm zu fahren? Sollte er wirklich nur auf meine Anständigkeit rechnen?“ Durch diese Annahme fühlte er sich fast gekränkt. „Und überhaupt, was ist er eigentlich – ein Narr, ein Esel oder nichts als ein ‚ewiger Gatte‘? Nein, das geht nicht so weiter! ...“
XII. Bei Sachlebinins.
Sachlebinins waren in der Tat eine „höchst anständige Familie“ und der Staatsrat selbst ein geachteter, einflußreicher und tüchtiger Beamter. Doch war auch das, was Pawel Pawlowitsch über die Vermögenslage gesagt hatte, durchaus richtig: Sie lebten gut, starb er aber heute oder morgen, so blieb nichts übrig.
Der Hausherr empfing Weltschaninoff in der freundlichsten und herzlichsten Weise: aus dem früheren Feinde schien ein aufrichtiger Freund geworden zu sein.
„Nun, ich gratuliere, so hat sich alles zum besten gewandt!“ kam er sogleich in einer etwas gönnerhaft gutmütigen Weise auf den Prozeß zu sprechen. „Ich habe selbst auf einen gütlichen Vergleich hingewirkt und Pjotr Karlowitsch“ (Weltschaninoffs Advokat) „ist ja in solchen Sachen eine Kraft, auf die man sich verlassen kann. Sechzigtausend Rubel bekommen Sie ohne alle Scherereien, die sind Ihnen ganz fraglos sicher. So wie die Dinge jetzt liegen. Andernfalls hätte sich der Prozeß noch drei Jahre hinziehen können.“
Weltschaninoff wurde sogleich Madame Sachlebinin vorgestellt, einer korpulenten, ältlichen Dame mit einem ziemlich einfachen, etwas müden Gesicht. Nach und nach erschienen dann auch die Töchter, einzeln oder paarweis. Aber es kamen ihrer doch schon gar zu viele, nicht acht, sondern ganze zehn oder zwölf – Weltschaninoff konnte sie nicht einmal zählen, da es ein fast ununterbrochenes Kommen und Gehen war. Doch befanden sich unter ihnen auch mehrere Freundinnen aus den in der Nachbarschaft liegenden Landhäusern. Das Landhaus, in dem Sachlebinins wohnten, – ein großes hölzernes, in undefinierbarem, doch recht eigentümlichem Stil gebautes Haus mit verschiedenen Anbauten – war von einem großen Garten umgeben; in diesem Garten lagen in ziemlicher Entfernung noch drei oder vier Landhäuser; und da der Garten allen Anwohnern gemeinsam gehörte, so war es selbstverständlich, daß die jungen Mädchen mit den Altersgenossinnen aus den anderen Landhäusern Freundschaft geschlossen hatten.
Es fiel Weltschaninoff nicht schwer, alsbald zu erraten, daß sein Erscheinen niemanden überrascht, daß man ihn vielmehr erwartet hatte und sein Besuch als Freund Pawel Pawlowitschs von diesem womöglich feierlich angemeldet worden war. Sein in solchen Angelegenheiten gut geschulter Scharfblick – Erfahrung lehrt – durchschaute sogar noch mehr als das: der so überaus liebenswürdige Empfang seitens der Eltern, sowie das etwas eigentümliche Verhalten der jungen Damen und nicht zuletzt auch ihre festliche Kleidung (es war allerdings ein Feiertag, aber immerhin –!) – alles das rief in ihm den Verdacht hervor, daß Pawel Pawlowitsch ihm ein Stückchen gespielt und – was sehr möglich war – angedeutet hatte, natürlich ohne irgend etwas Genaueres zu sagen, daß sein Freund Weltschaninoff ein sich langweilender Junggeselle sei, der „zur besten Gesellschaft gehört und vermögend ist“, und daß er sich vielleicht endlich einmal entschließen werde, „seine Freiheit aufzugeben“, zumal er gerade jetzt noch ein Vermögen dazu geerbt hatte. Allem Anscheine nach war die älteste Tochter, Katerina Fedossejewna, – dieselbe, die schon vierundzwanzig Jahre alt sein sollte und die Pawel Pawlowitsch als „reizend“ bezeichnet hatte – sogar ein wenig darauf vorbereitet worden. Wenigstens zeichnete sie sich durch ihre Kleidung wie durch eine ganz besonders sorgfältige, sehr reizvolle und originelle Frisur ihres sehr schönen blonden Haares aus. Die Schwestern aber und die Freundinnen blickten alle so drein, als wüßten auch sie es ganz genau, daß Weltschaninoff „Katjäs wegen“ sich hatte einführen lassen und nur gekommen war, „um sie zu sehen“. Ihre Blicke und einzelne hin und wieder entschlüpfende Bemerkungen schienen ihm die Richtigkeit dieser Annahme noch zu bestätigen.
Katerina Fedossejewna war eine hoch gewachsene, fast üppige Blondine mit einem sympathischen lieben Gesicht, still, sehr wenig temperamentvoll, vielleicht sogar ein wenig phlegmatisch. „Sonderbar, daß eine solche sitzen geblieben ist,“ dachte Weltschaninoff unwillkürlich, indem er sie mit aufrichtigem Wohlgefallen betrachtete, „mag sie auch keine Mitgift bekommen und später einmal, vielleicht schon bald, in ihren Formen sozusagen ausfließen – aber für das, was sie vorläufig ist, gibt es doch so viele Liebhaber ...“ Auch die übrigen Schwestern sahen nicht übel aus und unter den Freundinnen schienen sogar ein paar recht pikante und hübsche Gesichtchen zu sein. Die Sache begann ihn zu interessieren, übrigens war er ja auch mit besonderen Absichten zu ihnen gekommen.
Nadeschda Fedossejewna, die sechste Tochter, die noch die Schule besuchende „Erwählte“ Pawel Pawlowitschs, ließ auf sich warten. Weltschaninoff sah mit wachsender Ungeduld ihrem Erscheinen entgegen, worüber er sich selbst wunderte und sich sogar heimlich auslachte. Endlich erschien sie – nicht ohne mit ihrem Erscheinen einen gewissen Eindruck zu machen – am Arme einer älteren, sehr lebhaften Freundin. Diese Freundin, Marja Nikititschna mit Namen – eine mittelgroße Erscheinung, brünett, mit einem komischen Gesicht, wurde, wie es sich sogleich herausstellen sollte, von Pawel Pawlowitsch ganz besonders gefürchtet. Sie lebte als Hauslehrerin der Kinder einer bekannten Familie in einem der Nachbarhäuser und wurde, da sie bereits dreiundzwanzig Jahre zählte, auch nichts weniger als dumm und sehr lustig war, von den jungen Mädchen nahezu verehrt und von der ganzen Familie wie eine Verwandte behandelt. Ersichtlich war sie auch Nadjä[10] in diesem Augenblick eine unentbehrliche Stütze. Weltschaninoff bemerkte sogleich, daß alle Mädchen sich gegen Pawel Pawlowitsch verschworen haben mußten, die Freundinnen nicht ausgenommen, und schon wenige Augenblicke nach Nadjäs Erscheinen war er überzeugt, daß sie, die Hauptperson, ihn einfach haßte. Gleichzeitig stellte er fest, daß Pawel Pawlowitsch nichts davon bemerkte oder wenigstens nicht bemerken wollte. Nadjä war zweifellos die hübscheste von allen Schwestern: eine kleine Brünette mit dem Mienenspiel eines echten Wildfangs und der Dreistigkeit einer geborenen Nihilistin, ein spitzbübisches Teufelchen mit blitzenden Augen, einem reizenden Lächeln – das übrigens auch recht boshaft und spöttisch sein konnte – einem entzückenden Mund und noch entzückenderen Zähnchen, ein schlankes, strammes Figürchen, mit den ersten eigenen Denkversuchen im sprechenden Ausdruck des Gesichtchens, das aber dabei doch noch ganz kindlich wirkte. Ihre fünfzehn Jahre verrieten sich in jedem Schritt, in jedem Wort. Später stellte es sich heraus, daß Pawel Pawlowitsch sie zum erstenmal tatsächlich mit dem Büchertäschchen gesehen hatte.
Die Überreichung des Geschenks mißlang vollkommen und machte sogar einen sehr unangenehmen Eindruck. Pawel Pawlowitsch trat sogleich, kaum daß er seine „Braut“ erblickt hatte, auf sie zu und überreichte ihr mit einem verlegenen Lächeln das Etui als Ausdruck seines „Dankes für das Vergnügen, das ihm die von Nadeschda Fedossejewna während seines letzten Besuches gesungene Romanze bereitet ...“ Er kam aus dem Konzept, stockte, wußte sich nicht zurechtzufinden, stand wie ein Verlorener vor ihr und wollte ihr das Etui mit dem Armband förmlich in die Hand drücken. Nadeschda Fedossejewna errötete vor Zorn und Scham, versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken und wandte sich brüsk an die Mama, die gleichfalls etwas peinlich berührt schien, und sagte schnippisch:
„Ich mag es nicht, ^maman^!“
„Nimm es entgegen und bedank dich,“ sagte der Vater mit ruhiger Strenge, doch war auch er offenbar nicht sehr erbaut von dieser Überraschung. „Überflüssig, mein Lieber, überflüssig!“ brummte er in leise zurechtweisendem Tone.
Nadjä nahm, da ihr nichts anderes übrig blieb, mit niedergeschlagenen Augen das Etui in Empfang und machte einen Knix, wie ihn kleine Mädchen zu machen pflegen. Eine der Schwestern trat darauf zu ihr, um das Geschenk zu betrachten, doch Nadjä reichte ihr sogleich das Etui, ohne es vorher zu öffnen, womit sie natürlich zeigen wollte, daß sie die Schmucksache überhaupt nicht zu sehen wünsche. Das Armband wurde herausgenommen und ging von Hand zu Hand, doch alle betrachteten es stumm, einige sogar mit kaum merklichem Spottlächeln. Nur die Mama äußerte halblaut, daß es „sehr nett“ sei. Pawel Pawlowitsch wäre am liebsten in die Erde versunken.
Da rettete Weltschaninoff die Situation.
Lebhaft und mit seiner ganzen Routine knüpfte er sogleich ein Gespräch an, benutzte den ersten besten Gedanken, der ihm kam, und es vergingen keine fünf Minuten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gefesselt. Die Kunst, in Gesellschaft zu plaudern, beherrschte er meisterhaft, – das heißt die Kunst, vollkommen harmlos zu scheinen und zu tun, als halte er seine Zuhörer für genau so harmlos und offenherzig, wie er es selbst ist. Mit fabelhafter Naturtreue gelang es ihm auch, wenn es nötig war, den glücklichsten und heitersten Menschen darzustellen. Nicht minder geschickt verstand er z. B. eine scharfsinnige, interessante Bemerkung, eine witzige Anspielung oder eine humorvolle Anekdote so nebenbei mit ins Gespräch einzuflechten, als habe sich das ganz von selbst ergeben, als bemerke er es überhaupt nicht, oder als sei alles Geistvolle ganz selbstverständlich – während in Wirklichkeit sowohl die Bemerkung wie die Anspielung und die betreffende Anekdote vielleicht schon viel früher einmal von ihm ersonnen und auswendig gelernt und wohl schon manches liebe Mal angebracht worden waren. Doch diesmal kam seiner Kunst noch die Natur selbst zu Hilfe: er fühlte sich zu einer geistvollen Unterhaltung so aufgelegt, wie noch nie; es war da irgend etwas, das ihn einfach mit sich selbst fortriß; und die Überzeugung, daß in wenigen Minuten alle diese Augen nur auf ihn gerichtet sein, alle Anwesenden nur ihm allein zuhören, nur mit ihm allein sprechen und nur über seine Witze lachen würden, gab ihm die Sicherheit der Siegesgewißheit und inspirierte ihn in einer Weise, daß er förmlich sich selbst übertraf. Und in der Tat, bald hörte man leises Lachen und schon ließen sich auch andere ins Gespräch hineinziehen – denn das verstand er vorzüglich, andere gleichfalls zum Reden zu bringen – und schon begannen drei oder vier zu gleicher Zeit zu sprechen, so lebhaft war man geworden. Sogar das gelangweilte, müde Gesicht der Madame Sachlebinin erhellte sich vor Freude, und mit Katerina Fedossejewna war dasselbe der Fall: sie hörte ihm mit dem lebhaftesten Interesse zu und schien überhaupt nur noch für ihn Augen und Ohren zu haben.
Nadjä beobachtete ihn unausgesetzt mit prüfenden Blicken etwas unter der Stirn hervor – sie war augenscheinlich gegen ihn eingenommen. Das trieb ihn nur noch mehr an, den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit ins Treffen zu führen. Der „boshaften“ Marja Nikititschna gelang es aber doch, eine ihm ziemlich peinliche Stichelei anzubringen: sie behauptete plötzlich – was sie sich selbst ausgedacht hatte – daß Pawel Pawlowitsch bei seinem Besuch tags zuvor von ihm als von seinem ehemaligen Spielkameraden und Jugendfreund gesprochen habe, wodurch sie zu verstehen gab, daß sie ihn für ebenso alt halte, wie Pawel Pawlowitsch, der doch um ganze sieben Jahre älter war, als Weltschaninoff. Doch auch der boshaften Marja Nikititschna gefiel er schließlich. Pawel Pawlowitsch war einfach wie vor den Kopf gestoßen. Obschon er wußte, welch ein glänzender Gesellschafter sein „Freund“ sein konnte, und sich anfangs aufrichtig über seinen Erfolg gefreut hatte – er lachte zunächst über jedes gelungene Wort oder kicherte beifällig und mischte sich sogar selbst ins Gespräch – so verstummte er doch allmählich, schien gleichsam nachdenklich zu werden, und zu guter Letzt sprach sogar eine gewisse offenkundige Verstimmtheit aus seinem verbissenen Gesicht.
„Nun, Sie sind ja ein Gast, um dessen Unterhaltung man sich nicht erst zu bemühen braucht,“ meinte schließlich der alte Sachlebinin heiter, indessen er sich vom Stuhl erhob, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben. Dort harrte seiner eine ganze Menge Schriftstücke, die er, obschon es ein Feiertag war, alle noch durchsehen wollte. „Und stellen Sie sich vor, ich hielt Sie für den schlimmsten Hypochonder unter allen unseren Junggesellen. Da sieht man wieder, wie man sich mitunter täuschen kann!“
Im Saal stand ein Flügel; Weltschaninoff fragte, wer sich von den Damen mit Musik beschäftige, und plötzlich wandte er sich an Nadjä:
„Sie singen, nicht wahr?“
„Wer hat Ihnen das gesagt?“ fragte Nadjä schnippisch.
„Pawel Pawlowitsch sagte es doch vorhin.“
„Das ist nicht wahr! Ich singe gar nicht! Oder wenn ich singe, dann tue ich es nur so zum Ulk. Ich habe überhaupt keine Stimme.“
„Auch ich habe keine Stimme und doch singe ich.“
„Ja? Werden Sie uns etwas vorsingen? Nun, dann werde auch ich singen!“ rief Nadjä mit aufblitzenden Augen, „aber nicht jetzt, später, nach dem Essen! – Ich kann Musik nicht ausstehen,“ fuhr sie fort, „dieses ewige Geklimper langweilt mich furchtbar. Bei uns wird doch vom Morgen bis zum Abend gespielt und gesungen – Katjä allein übt ja schon den ganzen Tag.“
Weltschaninoff griff sofort die Bemerkung auf und es stellte sich heraus, daß von allen in der Tat nur Katerina Fedossejewna sich ernstlich mit Musik beschäftigte. Da wandte er sich sogleich mit der Bitte an sie, doch etwas vorzuspielen. Ersichtlich berührte es alle sehr angenehm, daß er sich an Katjä gewandt hatte, und ^maman^ errötete sogar vor Freude. Katerina Fedossejewna erhob sich lächelnd und trat an den Flügel: und mit einemmal – es kam ihr selbst ganz unerwartet – errötete sie gleichfalls, und plötzlich schämte sie sich entsetzlich, daß sie, die schon so groß und schon vierundzwanzig Jahre alt und schon so üppig war, wie ein kleines Mädchen erröten konnte, – und alles das las man in ihrem Gesicht, während sie sich hinsetzte, um die Bitte des Gastes zu erfüllen. Sie spielte irgend etwas von Haydn und spielte es tadellos, wenn auch ohne besonderen Ausdruck. Offenbar: sie schämte sich. Nachdem sie es beendet hatte, begann Weltschaninoff animiert, nicht ihr Spiel, sondern Haydn und namentlich jene kleine Komposition von ihm, die sie gespielt hatte, beifällig zu beurteilen, und das war ihr augenscheinlich so angenehm und sie hörte so dankbar und glücklich das Lob an, das nicht ihr, sondern Haydn galt, daß Weltschaninoff sie unwillkürlich aufmerksamer und fast sogar zärtlich betrachtete: „Ei, du bist ja reizend!“ sprach sein Blick – und plötzlich errieten alle diesen Blick, und auch Katerina Fedossejewna erriet ihn.
„Sie haben da einen herrlichen Garten,“ wandte er sich wieder an alle, nach einem Blick durch die Glastür der Veranda, „ich möchte einen Vorschlag machen: gehen wir jetzt alle etwas spazieren.“
„Ja, ja, gehen wir, gehen wir!“ erscholl von allen Seiten fröhlicher Beifall, als hätte er den größten Herzenswunsch aller Anwesenden ausgesprochen.
Im Garten blieb man dann bis zum Mittagessen, das nach der Petersburger Sitte wie gewöhnlich um fünf Uhr serviert wurde. Madame Sachlebinin, die nicht gut ohne ein Nachmittagsschläfchen auskam, konnte sich doch nicht enthalten, mit den übrigen hinauszugehen, blieb aber dann „zur Erholung“ auf der Veranda sitzen, wo sie alsbald einschlummerte. Im Garten wurden die Beziehungen zwischen Weltschaninoff und den jungen Mädchen noch freundschaftlicher. Er bemerkte alsbald, daß aus den Nachbarvillen drei Jünglinge sich zu ihnen gesellt hatten. Einer von ihnen war Student, ein anderer erst Gymnasiast. Sie suchten jeder sogleich die entsprechende, junge Dame auf, um derentwillen sie offenbar nur gekommen waren. Der dritte „junge Mann“ – ein zwanzigjähriger Jüngling mit struppigem Haar und finsterem Gesicht, das eine große blaue Brille noch mehr verfinsterte – begann schnell und ärgerlich mit Marja Nikititschna und Nadjä über irgend etwas zu tuscheln. Er musterte auch Weltschaninoff mit strengem Blick und schien es offenbar für seine Pflicht zu halten, ihn mit der größten Verachtung zu behandeln. Einige der Mädchen schlugen vor, schneller „mit dem Spiele“ zu beginnen. Auf Weltschaninoffs Frage, was denn gespielt werden solle und welche Spiele sie gewöhnlich bevorzugten, wurde ihm die vielstimmige Antwort zuteil, daß sie gewöhnlich „alle Spiele“ spielten, am Abend aber komme meist ein Sprichwörterspiel an die Reihe – und sie erklärten ihm dasselbe ausführlich folgendermaßen: Alle setzen sich und einer oder eine muß fortgehen und sich die Ohren zuhalten; die Sitzenden wählen dann irgendein Sprichwort, z. B. „Eile mit Weile“, und nachdem dann der, welcher fortgegangen, wieder zurückgerufen ist, muß jeder oder jede der Reihe nach einen Satz sagen: die erste einen, in dem unbedingt das Wort „Eile“ vorkommen muß, die zweite einen Satz mit dem Wort „mit“, und so weiter. Jener aber „müsse unbedingt die richtigen Wörter herausmerken und das Sprichwort erraten“.
„Das muß ja sehr amüsant sein,“ meinte Weltschaninoff.
„Ach nein, gar nicht, es ist furchtbar langweilig!“ antworteten zwei oder drei Stimmen zugleich.
„Oh, aber zuweilen spielen wir auch Theater!“ wandte sich plötzlich Nadjä ihm zu. „Sehen Sie dort den großen Baum mit dem Buschwerk ringsherum: dort, hinter dem Baum, sind die Kulissen – es sind ja keine, aber wir sagen so – dort sitzen dann die Schauspieler, gleichviel was sie da sind, König oder Königin, oder die Prinzessin, oder der Held und Liebhaber – wie es ein jeder selbst will. Und jeder tritt dann auf, wenn er Lust hat und redet, was ihm einfällt. Nun und so kommt denn dabei irgend etwas heraus.“
„Das muß ja allerliebst sein!“ meinte wiederum Weltschaninoff in lobender Anerkennung der Leistungen.
„Ach nein, schrecklich langweilig! Zuerst ist es ganz lustig, aber zum Schluß wird es immer blödsinnig, denn niemand versteht irgendwie abzuschließen. Ja, mit Ihnen, da wäre es was anderes, wenn Sie mitspielen wollten. Wir glaubten doch, daß Sie ein Freund von Pawel Pawlowitsch seien, aber da stellt es sich jetzt heraus, daß er einfach nur geprahlt hat. Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind ... und das – aus einem besonderen Grunde ...“
Sie sah ihn sehr ernst und bedeutsam an und kehrte wieder zu ihrer Marja Nikititschna zurück.
„Das Sprichwörterspiel werden wir am Abend spielen,“ tuschelte plötzlich vertrauensvoll und mitteilsam eine der kleinen Freundinnen Weltschaninoff zu, – eine, die er bis dahin noch kaum beachtet und mit der er noch kein Wort gesprochen hatte, „und wenn wir dann alle Pawel Pawlowitsch auslachen, müssen Sie mitlachen, ja?“
„Ach, wie gut das ist, daß Sie gekommen sind, sonst ist es bei uns immer so langweilig!“ teilte ihm freundschaftlich eine andere Kleine mit, die er überhaupt noch nicht bemerkt hatte, und die plötzlich Gott weiß woher aufgetaucht war – eine kleine Rothaarige mit Sommersprossen und einem vom Laufen höchst komisch geröteten Gesicht.
Pawel Pawlowitschs Unruhe wurde immer größer. Weltschaninoff dagegen schloß inzwischen Freundschaft mit Nadjä, die ihn längst nicht mehr mißtrauisch betrachtete, vielmehr jede Absicht, ihn genauer zu prüfen, vergessen zu haben schien, und vorläufig nur lachte und lief und herumhüpfte und zweimal plötzlich sogar seine Hand ergriff. Sie war unsagbar glücklich, Pawel Pawlowitsch jedoch schenkte sie nicht die geringste Beachtung, als existiere er überhaupt nicht. Bald hatte Weltschaninoff sich überzeugt, daß eine regelrechte Verschwörung gegen Pawel Pawlowitsch geplant war. Nadjä und die halbe Schar der Mädchen führte Weltschaninoff nach der einen Seite des Gartens, während gleichzeitig die andere halbe Schar Pawel Pawlowitsch unter verschiedenen Vorwänden nach der entgegengesetzten Seite zu entführen suchte, was jedoch nicht gelang. Pawel Pawlowitsch riß sich nämlich plötzlich los und eilte schnurstracks zu Weltschaninoff und Nadjä, die beide ordentlich erschraken, als sein kahler, unruhig aufhorchender Schädel zwischen ihnen auftauchte. Zu guter Letzt scheute er sich gar nicht mehr, offen seine Eifersucht zu zeigen, – die Naivität seines Gebarens war bisweilen mehr als erstaunlich. Weltschaninoff konnte nicht umhin, Katerina Fedossejewna nochmals mit besonderem Interesse zu betrachten: sie war sich jetzt natürlich schon klar darüber, daß er durchaus nicht um ihretwillen gekommen war und sich bereits gar zu lebhaft für Nadjä interessierte, doch der Ausdruck ihres Gesichts blieb ebenso lieb und gut, wie er vorher gewesen war. Sie schien allein schon deshalb glücklich zu sein, weil sie gleichfalls bei ihnen sein und mit anhören konnte, was der neue Gast sprach; leider verstand es die Ärmste nur gar nicht, sich auch selbst geschickt am Gespräch zu beteiligen.
„Wie reizend Ihre Schwester Katerina Fedossejewna ist!“ sagte er leise zu Nadjä.
„Katjä? Ja kann es denn überhaupt eine bessere Seele geben? Sie ist doch unser Engel, ich bin einfach in sie verliebt!“ entgegnete die Kleine ganz begeistert.
Um fünf Uhr ging man zu Tisch. Auch das Mittagessen zeichnete sich in einer Weise aus, die verriet, daß es zu Ehren des Gastes mit besonderer Sorgfalt zubereitet worden war. Zwei oder drei der Speisen waren zweifellos Zugaben, die die staatsrätliche Küche nicht jeden Tag herstellte, und eine von ihnen war sogar so eigenartig, daß es wohl jedem Uneingeweihten schwer gefallen wäre, der Speise einen Namen zu geben. Außer dem üblichen Tischwein gab es noch – offenbar gleichfalls zu Ehren des Gastes – Tokaier, und zum Schluß wurde sogar Champagner gereicht. Der alte Herr Sachlebinin fühlte sich durch die verschiedenen Gläschen in die leutseligste Stimmung versetzt und war bereit, über alles, was Weltschaninoff sagte, zu lachen. Das endete damit, daß Pawel Pawlowitsch sich von seinem Ehrgeiz verleiten ließ, gleichfalls etwas Witziges zu sagen: und plötzlich erscholl an jenem Ende des Tisches, wo er neben Madame Sachlebinin saß, lautes Gelächter der jungen Mädchen.
„Papa, Papa! Pawel Pawlowitsch hat auch einen Witz gemacht!“ riefen zwei wie aus einem Munde. „Er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse ...‘“
„Ah, also auch er macht Witze! Nun, was für einen Witz hat er denn gemacht?“ erkundigte sich erwartungsvoll der Staatsrat, sich huldvoll jenem Tischende zuwendend, und er lächelte bereits im voraus über den Witz, den er nun zu hören bekommen würde.
„Aber das war es doch, er sagt, wir seien ‚_Fräu_lein, über die man sich _freuen_ müsse‘.“
„J–ja? Nun und?“
Der alte Herr begriff den „Witz“ noch immer nicht und lächelte in der Erwartung noch freundlicher.
„Ach, Papa, wie Sie aber auch sind! Nun, ‚_Fräu_lein‘ und dann ‚_freuen_‘ – ‚Fräu‘ klingt wie ‚freu‘, also ‚_Fräu_lein, über die man sich _freuen_ müsse‘.“
„A–a–ah!“ machte der Alte etwas verblüfft. „Hm! Nun, das nächstemal wird er einen besseren Witz machen!“
Und er lachte vor sich hin.
„Pawel Pawlowitsch, man kann sich doch nicht durch alle Vorzüge auszeichnen!“ neckte ihn Marja Nikititschna. „Ach, mein Gott, eine Gräte ist ihm in den Hals geraten, er erstickt!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken und sprang im Nu vom Stuhl auf.
Das rief eine allgemeine Verwirrung hervor – doch weiter wollte ja Marja Nikititschna nichts damit bezwecken. Pawel Pawlowitsch hatte sich nur ein wenig verschluckt, als er, um seine Verlegenheit zu verbergen, beim Weintrinken nach dem Glase gegriffen, doch Marja Nikititschna versicherte nach allen Seiten, daß es eine Gräte sei, sie habe es selbst gesehen, und er könne davon sterben.
„Auf den Rücken klopfen!“ rief jemand.
„Ja, das ist das Beste!“ bestätigte der Hausherr laut, und im Augenblick waren auch schon eine ganze Reihe Dienstbeflissener zur Stelle: Marja Nikititschna und die kleine, drollige, rothaarige Freundin – die man mit zu Tisch geladen hatte – und sogar die Dame des Hauses, die ernstlich erschrocken zu sein schien. Pawel Pawlowitsch war gleichfalls aufgesprungen, um möglichst den Schlägen zu entgehen, doch lange mußte er vergeblich nach links und rechts beteuern, daß er sich nur beim Weintrinken verschluckt habe und der Husten sogleich vorüber sein werde – bis man endlich erriet, daß das Ganze nur ein mutwilliger Streich von Marja Nikititschna war.
„Schäm dich, du bist wieder mal unglaublich! ...“ wandte sich Madame Sachlebinin in streng verweisendem Tone an Marja Nikititschna, konnte sich aber selbst nicht bezwingen und lachte so belustigt auf, wie man es von ihr wohl nur höchst selten gehört hatte, – nach dem Eindruck zu urteilen, den ihr Lachen selbst auf die fröhlichen Familienmitglieder machte.
Nach dem Essen wurde der Kaffee auf der Veranda getrunken.
„Wie schön das Wetter jetzt ist!“ sagte der Alte lobend und mit Wohlgefallen in den Garten blickend. „Regen könnte allerdings nicht schaden ... Doch – ich werde mich jetzt etwas zurückziehen und erholen. Nun, amüsiert euch nur, amüsiert euch! Und auch du amüsiere dich!“ riet er beim Hinausgehen noch Pawel Pawlowitsch und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Kaum waren alle wieder im Garten, da zupfte plötzlich Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff am Ärmel.
„Auf einen Augenblick!“ flüsterte er sichtlich erregt.
Sie bogen in einen Seitenweg ein, der nach dem einsamen Teil des Gartens führte.
„Nein, hier, verzeihen Sie, hier will ich’s mir denn doch verbitten ... hier werde ich es mir doch nicht gefallen lassen!“ sagte er wutbebend – seine Faust ließ den Ärmel nicht los.
„Was denn? Was?“ fragte Weltschaninoff und sah ihn mit großen Augen ganz erstaunt an.
Pawel Pawlowitsch blickte schweigend zu ihm auf, bewegte die Lippen und – lächelte vor Wut.
„Wohin gehen Sie denn? So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn? Alles ist schon fertig!“ hörte man die ungeduldig rufenden Stimmen der jungen Mädchen.
Weltschaninoff zuckte mit der Achsel und kehrte zu ihnen zurück. Pawel Pawlowitsch folgte ihm.
„Ich könnte wetten, daß er Sie um ein Taschentuch gebeten hat,“ sagte Marja Nikititschna, „gestern hatte er gleichfalls sein Taschentuch vergessen.“
„Ewig vergißt er was!“ bemerkte eine der mittleren Schwestern.
„Er hat sein Taschentuch vergessen! Pawel Pawlowitsch hat sein Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder sein Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder Schnupfen!“ tönte es von allen Seiten.
„Aber weshalb sagt er denn das nicht gleich! Wie können Sie nur so ... pedantisch sein, Pawel Pawlowitsch!“ sagte überaus langsam Madame Sachlebinin. „Ein Schnupfen kann sehr gefährlich werden. Ich werde Ihnen sogleich ein Taschentuch schicken ... Wie kommt es nur, daß Sie einen Schnupfen haben?“ fragte sie noch im Fortgehen, innerlich froh über den Vorwand, der ihr die Möglichkeit gab, sich wieder zurückzuziehen.
„Ich habe _zwei_ Taschentücher und gar keinen Schnupfen!“ rief Pawel Pawlowitsch ihr nach, doch sie hörte es zu undeutlich, um ihn zu verstehen, und nach einer kleinen Weile, während der man weitergegangen war und Pawel Pawlowitsch sich näher an Nadjä und Weltschaninoff herangeschlängelt hatte, kam ihnen ein Hausmädchen atemlos nachgelaufen und brachte ihm das versprochene Taschentuch.
„Jetzt spielen, spielen, das Sprichwörterspiel!“ riefen die Mädchen eifrig, als erwarteten sie Gott weiß was von diesem Spiel.
Man setzte sich auf die Gartenbänke in einer Reihe hin und Marja Nikititschna erhob sich als erste; man sagte ihr, sie solle möglichst weit fortgehen und „nur ja nicht horchen!“ Währenddessen wählte man ein Sprichwort. Marja Nikititschna wurde zurückgerufen und erriet es sogleich.
Nach ihr kam die Reihe an den jungen Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille. Von ihm verlangte man, daß er noch weiter fortgehe, bis zur Laube, und sich so hinstelle, „mit dem Rücken zu uns und mit dem Gesicht nach dem Zaun“. Der finstere junge Mann befolgte die Vorschrift mit verächtlicher Miene und schien sie sogar als eine gewisse moralische Erniedrigung zu empfinden. Als man ihn zurückrief, konnte er nichts erraten; er hörte die ganze Reihe nacheinander an, jeder Satz wurde ihm zweimal gesagt, er dachte lange und finster grübelnd nach, doch leider vergeblich. Man lachte ihn schließlich aus und sagte ihm, er solle sich schämen. Das Sprichwort lautete:
„Zu Gott gebetet und dem Zaren gedient, ist nicht vergebliche Müh’.“
„So ’n Blödsinn!“ brummte der verletzte Jüngling unwillig und zog sich auf seinen Platz zurück.
„Ach wie langweilig!“ hörte man von einigen.
Weltschaninoff mußte gehen: man schickte ihn also fort, doch auch er konnte nichts erraten.
„Ach wie langweilig!“ sagten noch mehr Stimmen.
„Nun, jetzt gehe ich,“ sagte Nadjä.
„Nein, nein, jetzt muß Pawel Pawlowitsch gehen, jetzt ist er an der Reihe!“ riefen mehrere Stimmen und alle belebten sich ein wenig.
Pawel Pawlowitsch wurde bis zum Zaun geführt und dort mußte er stehen bleiben; damit er sich aber nicht etwa umsah, mußte die kleine Rothaarige ihn bewachen. Pawel Pawlowitsch, der wieder etwas Mut gefaßt hatte und ordentlich munter geworden war, beabsichtigte natürlich, ehrlich und eifrig seine Pflicht zu erfüllen, und stand wie ein Pfosten, sah den Zaun an und wagte nicht einmal, sich zu rühren, geschweige denn, sich umzuschauen. Die kleine Rothaarige stand bei der Laube, etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, und gab aufgeregt den übrigen verschiedene Winke: es mußte etwas Besonderes geplant worden sein. Plötzlich winkte sie mit beiden Händen so schnell sie konnte: da sprangen alle auf und liefen Hals über Kopf davon.
„Laufen Sie, laufen Sie mit uns!“ tuschelten eifrig und in fast angstvoller Erregung wohl zehn Stimmen Weltschaninoff zu, ordentlich böse und zugleich ganz verzweifelt darüber, daß er nicht sogleich mitlief.
„Was ist denn? Was ist passiert?“ fragte er, schnellen Schritts ihnen folgend.
„Sch! leise! schreien Sie nicht! Mag er dort stehen und den Zaun betrachten, wir aber laufen alle fort. Da kommt auch schon Nastjä gelaufen!“
Die kleine rothaarige Freundin, Nastjä, kam ihnen in einer Eile und Aufregung nachgelaufen, als wäre der Himmel weiß was geschehen. Endlich war man ganz am anderen Ende des Gartens, hinter dem Teich, angelangt. Als Weltschaninoff sich ihnen näherte, sah er, daß Katerina Fedossejewna heftig mit den anderen stritt, namentlich mit Nadjä und Marja Nikititschna.
„Katjä, Täubchen, sei nicht böse!“ bat Nadjä herzlich und küßte die Schwester.
„Nun gut, ich werde es nicht Mama sagen, aber ich gehe fort. Es ist doch wirklich nicht schön von euch, es ist sogar recht häßlich. Was muß der Arme dort am Zaun empfinden, wenn ihr ihn so lange stehen laßt und betrügt!“
Und sie ging wirklich fort – aus Mitleid mit ihm, die anderen aber blieben erbarmungslos bei ihrem Entschluß. Auch von Weltschaninoff wurde streng verlangt, daß er, wenn Pawel Pawlowitsch sich wieder zu ihnen gesellte, ihn überhaupt nicht beachten und tun solle, als sei nichts geschehen.
„Und wir wollen jetzt alle unser Fangspiel spielen!“ rief die kleine Rothaarige ganz außer sich vor Entzücken.
Pawel Pawlowitsch kam erst nach einer guten Viertelstunde wieder zu ihnen. Zwei Drittel dieser Zeit hatte er bestimmt regungslos am Zaun gewartet. Das Fangspiel war in vollem Gange und gelang vortrefflich – alle schrien und amüsierten sich köstlich. Pawel Pawlowitsch kochte vor Wut, trat schnell an Weltschaninoff heran und faßte ihn wieder am Ärmel.
„Auf einen Augenblick!“
„Ach Gott, was will er immer mit seinen Augenblicken!“
„Er will wieder ein Taschentuch haben!“ hörten sie hinter sich rufen.
„Nein, diesmal sind Sie es gewesen! diesmal Sie ganz allein, jawohl _Sie_, _Sie_! Sie haben die Mädel dazu veranlaßt! ...“
Pawel Pawlowitsch war so erregt, daß seine Zähne aufeinanderschlugen.
Weltschaninoff unterbrach ihn und riet ihm in ruhigem Tone, mit den Heiteren heiter zu sein: „Man neckt Sie doch nur deshalb, weil Sie sich ärgern, während alle anderen lustig sind.“ Zu seinem Erstaunen machten dieser Rat und diese Bemerkung Pawel Pawlowitsch ganz betroffen: er verstummte sogleich und kehrte wie ein Schuldbewußter zur Gesellschaft zurück, um sich dann gleichfalls am Spiel zu beteiligen. Man ließ ihn ruhig mitspielen und spielte mit ihm wie mit allen anderen. So verging noch keine halbe Stunde und er war wieder munter und guter Dinge. Bei allen Spielen engagierte er als Dame, wenn es nötig war, die kleine rothaarige Verräterin oder eine der Schwestern. Was Weltschaninoff besonders in Erstaunen setzte, war, daß er kein einziges Mal Nadjä anzureden wagte, obschon er sich ununterbrochen in ihrer Nähe aufhielt. Er schien es nunmehr als etwas Selbstverständliches zu betrachten, daß sie ihn überhaupt nicht beachtete und sogar eine gewisse Verachtung hervorkehrte, als sei das ganz natürlich und als müsse es so sein. Zum Schluß wurde ihm übrigens noch ein Streich gespielt.
Man spielte „Verstecken“. Diesmal mit einer kleinen Neuerung: man brauchte nicht in dem einmal erwählten Versteck auszuharren, sondern konnte oder mußte sogar, sobald der Suchende nicht zu sehen war, ein anderes Versteck aufsuchen. Pawel Pawlowitsch hatte sich bereits sehr geschickt zwischen dichten Büschen versteckt, als es ihm plötzlich einfiel, ins Haus zu laufen. Mehrstimmiges Geschrei erschallte – man hatte ihn gesehen. Da schlüpfte er schnell die Treppe zum zweiten Stockwerk hinauf, wo er sich in der Treppenkammer hinter einer Kommode verbarg. Im Nu aber war die kleine Rothaarige hinter ihm hergeschlüpft, auf den Fußspitzen zur Treppe geschlichen und hatte leise den Schlüssel umgedreht: Pawel Pawlowitsch saß eingeschlossen in seiner Kammer. Sogleich brach man das Versteckspiel ab und alle liefen wieder hinter den Teich. Nach etwa zehn Minuten wurde ihm das Warten dort oben doch etwas lang, und er steckte vorsichtig den Kopf zum Fenster hinaus: niemand war zu sehen. Zu rufen wagte er nicht, denn er fürchtete die Eltern zu wecken; den Mägden war natürlich strengstens befohlen, sich nicht blicken zu lassen und auf seinen Ruf, falls er rufen sollte, nicht herbeizueilen. Nur Katerina Fedossejewna hätte ihn aus seiner Gefangenschaft befreien können, doch leider hatte sie sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen und war über ihren Träumereien schließlich eingeschlummert. So saß denn Pawel Pawlowitsch dort fast eine ganze Stunde. Und endlich, endlich erst tauchten die jungen Mädchen wieder auf. Sie kamen zu zweien, zu dreien, als wäre nichts passiert, und spazierten harmlos plaudernd vorüber.
„Pawel Pawlowitsch, weshalb kommen Sie denn nicht zu uns? Ach, es ist dort so lustig! Wir spielen Theater! Alexei Iwanowitsch hat den ‚jungen Mann‘ gespielt!“
„Pawel Pawlowitsch, weshalb sitzen Sie denn dort? Sie wollen wohl irgend etwas darstellen, worüber man sich _freuen_ soll?“ fragten im Vorübergehen zwei andere.
„Worüber denn sich wieder ‚_freuen_‘?“ ertönte da plötzlich die Stimme der Madame Sachlebinin, die ihr Nachmittagsschläfchen beendet hatte und gerade von der Veranda in den Garten trat, um sich bis zum Tee noch etwas zu bewegen und den Spielen der „Kinder“ zuzuschauen.
„Ja dort – über den Pawel Pawlowitsch!“ und sie wiesen nach dem Fenster, in dem man das verzerrt lächelnde, vor Wut gelblich bleiche Gesicht Pawel Pawlowitschs sah.
„Aber was ist denn das für ein Vergnügen, allein in einem Stübchen zu sitzen, wenn draußen alle so lustig sind!“ wunderte sich die Mama.
Inzwischen wurde Weltschaninoff die Ehre zuteil, von Nadjä die huldvolle Bemerkung, daß sie sich aus einem ganz „besonderen Grunde“ über seinen Besuch freue, zu vernehmen, und zwar unter vier Augen in einer entlegenen, einsamen Allee. Marja Nikititschna hatte ihn zu dem Zweck von den anderen fortgerufen – sehr zu seiner Erleichterung, da ihn die Spiele schon unwiderstehlich zu langweilen begannen – und ihn in diese Allee geführt, wo sie ihn mit Nadjä allein ließ.
„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt,“ begann diese sogleich, „daß Sie durchaus nicht ein so großer Freund von Pawel Pawlowitsch sind, wie er hier geprahlt hat. Ich habe mich auch überzeugt, daß nur Sie allein mir einen sehr, sehr großen und sehr wichtigen Dienst erweisen können. Hier ist sein abscheuliches Armband“ – sie zog das Etui aus der Tasche hervor – „und nun bitte ich Sie recht sehr, ihm dieses Geschenk unverzüglich wieder einzuhändigen, denn ich selbst werde für keinen Preis noch ein Wort mit ihm sprechen, weder jetzt noch später, in meinem ganzen Leben nicht! Übrigens können Sie ihm sagen, daß Sie es ihm in meinem Auftrage zurückgeben, und fügen Sie nur gleich hinzu, daß er hinfort nicht mehr wagen soll, mir nochmals mit Geschenken zu kommen. Das übrige werde ich ihm dann schon durch andere sagen lassen. Werden Sie nun so gut sein und mir die Freude bereiten, meine Bitte zu erfüllen?“
„Um Gottes willen, verschonen Sie mich damit!“ rief Weltschaninoff fast entsetzt.
„Was? Verschonen? Warum sagen Sie ‚verschonen‘?“ erschrak Nadjä und sah ihn groß an.
Vergessen war der ganze damenhafte Ton ihrer vermutlich vorbereiteten Rede, und sie sah ihn hilflos wie ein Kind an, das dem Weinen nahe ist. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen.
„O nein ... so war es nicht gemeint ... ich würde Ihre Bitte gewiß sehr gern erfüllen, nur ... ich habe da selbst noch einiges mit ihm vor ...“
„Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie nicht sein Freund sein können und daß er einfach gelogen hat!“ unterbrach ihn Nadjä schnell und heftig. „Ich werde ihn niemals heiraten, damit Sie’s wissen! Niemals! Ich begreife nicht, wie er es überhaupt gewagt hat ... Nur müssen Sie ihm trotzdem sein abscheuliches Armband zurückgeben, was soll ich denn sonst anfangen? Ich will, daß er unbedingt, unbedingt heute noch das Geschenk zurückerhält und den Korb einsteckt. Und wenn es ihm einfällt, zu Papa zu gehen und zu klatschen, dann soll er sehen, was Rache heißt! ...“
Plötzlich tauchte hinter ein paar Büschen in ihrer Nähe der junge Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille auf. Im Augenblick stand er vor ihnen.
„Sie _müssen_ das Armband zurückgeben!“ wandte er sich wütend an Weltschaninoff, „allein schon im Namen der Frauenrechte, vorausgesetzt, daß Sie sich über dieselben überhaupt klar sind und auf der Höhe des Problems stehen! ...“
Weiter kam er leider nicht: Nadjä riß ihn mit aller Gewalt am Ärmel von Weltschaninoff fort.
„Gott, wie Sie dumm sind, Predpossyloff!“ rief sie zornig. „Gehen Sie fort! Gehen Sie fort, so gehen Sie doch fort! – und wagen Sie es nicht wieder, zu lauschen! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie dort weit hinten stehen sollen!“ Und ihr kleiner Fuß stampfte zornig auf, und selbst als jener wieder hinter dem Gebüsch verschwunden war, ging sie noch ganz außer sich hin und her in der Allee und rang die Hände vor Verzweiflung.
„Nein wirklich, Sie glauben nicht, wie dumm diese Jungen sind!“ sagte sie. „Ja, Sie haben gut lachen, aber was soll ich denn sagen!“
„Das ist doch nicht _Er_?“ fragte lachend Weltschaninoff, vor dem sie stehen geblieben war.
„Natürlich nicht _Er_! – wie können Sie sich nur so was denken!“ versetzte Nadjä errötend und mit einem flüchtigen Lächeln. „Das ist nur sein Freund. Ich begreife nicht, was für Freunde er sich aussucht! Von diesem sagen sie alle, er sei eine ‚zukünftige Größe‘, ich begreife aber nichts davon ... Alexei Iwanowitsch, ich habe keinen, an den ich mich wenden könnte, also zum letztenmal: werden Sie ihm das Armband zurückgeben oder nicht?“
„Nun gut, ich werde, geben Sie es her.“
„Ach Sie Lieber, ach Sie Guter!“ rief sie erfreut und gab ihm das Etui. „Ich werde Ihnen dafür den ganzen Abend vorsingen, denn ich habe sogar eine sehr gute Stimme! Damit Sie’s wissen: ich habe es Ihnen nur vorgelogen, daß ich Musik nicht ausstehen kann. Ach, wenn Sie doch noch einmal, noch ein einziges Mal zu uns kämen, ich wäre so froh, und ich würde Ihnen alles, alles, alles erzählen, und vieles noch außerdem, denn Sie sind so gut, – so gut wie ... wie Katjä!“
Und sie hielt ihr Versprechen: nachdem man zum Tee ins Haus zurückgekehrt war, sang sie ihm zwei Romanzen vor. Ihre Stimme war noch gar nicht geschult, sie begann sich erst zu entwickeln, doch war sie angenehm und konnte einmal vielleicht zu einer recht umfangreichen werden.
Pawel Pawlowitsch saß, als die anderen aus dem Garten kamen, bereits ehrbar und ruhig mit den Eltern am Teetisch, auf dem der große Ssamowar und Teetassen aus echtem Sèvresporzellan standen. Offenbar hatte er mit den Eltern über sehr ernste Dinge gesprochen, da er in zwei Tagen Petersburg verlassen mußte und nicht vor neun Monaten wiederkehren sollte. Den Eintretenden und namentlich Weltschaninoff schenkte er überhaupt keine Beachtung. Anzunehmen war, daß er noch nichts „geklatscht“ hatte, denn vorläufig schien alles „ruhig“ zu sein.
Doch kaum begann Nadjä zu singen – da erschien auch er sogleich im Saal. Nadjä war so unhöflich, auf eine Frage, die er direkt an sie richtete, überhaupt nicht zu antworten, doch ließ er sich dadurch nicht im geringsten abschütteln oder auch nur verwirren: er trat hinter ihren Stuhl und seine Miene, wie seine ganze Haltung drückten nur zu deutlich aus, daß er diesen Platz keinem anderen abzutreten gedachte.
„Jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen, ^maman^, jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen!“ riefen die jungen Mädchen lebhaft alle durcheinander und drängten sich zusammen, ohne die Blicke von Weltschaninoff abzuwenden, der sich, selbstbewußt, wie immer, bereits an den Flügel gesetzt hatte. Sogleich kamen denn auch die Eltern in den Saal, und auch Katerina Fedossejewna, die bei ihnen gewesen und den Tee eingegossen hatte.
Weltschaninoff wählte ein altes, jetzt schon fast ganz vergessenes Lied von Glinka[11]:
„Wenn ich dich sehe und du zu mir sprichst ...“
Während des Vortrages wandte er sich ausschließlich an Nadjä, die am nächsten bei ihm stand und sich an den Flügel stützte. Er hatte schon lange keine Stimme mehr, die zu einem vollendeten Gesang taugte, doch was ihm noch geblieben war, zeigte immerhin, daß er einst eine schöne Stimme gehabt haben mußte. Dieses Lied hatte er als Student vor etwa zwanzig Jahren zum erstenmal gehört, und zwar vom Komponisten selbst vorgetragen: es war bei einem Freunde Glinkas an einem kleinen literarisch-künstlerischen „Junggesellenabend“ gewesen. Glinka war im Zimmer unruhig auf und ab gegangen und dann hatte er sich plötzlich an den Flügel gesetzt und seine Lieblingskompositionen gesungen – darunter auch dieses Lied. Auch Glinka hatte damals keine Stimme mehr gehabt, doch Weltschaninoff entsann sich noch deutlich des außerordentlichen Eindrucks, den gerade dieses Lied, halb sprechend vorgetragen, auf alle Anwesenden gemacht hatte. Niemals hätte ein Dilettant, ein bloßer Salonsänger, selbst wenn er über die größten Stimmittel verfügte, einen ähnlichen Eindruck erreicht. Mit jeder Strophe steigert sich in diesem Liede die Leidenschaft und wuchs schließlich an zu einer alles mitreißenden Macht; und gerade wegen der Größe und Gewalt dieser Leidenschaft hätte alles „Gemachte“, hätte die geringste Übertreibung – wie man sie in der Oper immer wieder hört – das Lied nur herabgezogen und den Sinn jedes Wortes, jedes Tones entstellt. Um dieses kleine, doch ganz einzige Lied zu singen, war unbedingt eines erforderlich: wirkliche Begeisterung, wirkliche Leidenschaft, oder – wenn man ein _großer_ Künstler war – doch wenigstens die vollendetste künstlerische Beherrschung des Ausdrucks dieser Gefühle. Anderenfalls hätte das Lied nur unangenehm und vielleicht sogar sehr peinlich wirken können. Weltschaninoff wußte, daß ihm der Vortrag des Liedes bisher fast immer gelungen war: hatte sich ihm doch damals, als er es zum erstenmal von Glinka gehört, jede Nuance und die ganze Art seines Vortrages unauslöschlich eingeprägt. Und auch diesmal erfaßte ihn, kaum daß er die ersten Töne angeschlagen und die ersten Worte gesungen hatte, wirkliche Begeisterung: und die Begeisterung wirkte auf seine Stimme zurück und ging von da auf die Zuhörenden über. Mit jedem weiteren Wort wuchs das Gefühl und der Ausdruck wurde stärker, sicherer, fast rücksichtslos, und es war, als streife er alle, auch die letzten Bedenken ab. So kam es denn zu dieser außerordentlichen Wirkung. So kam es, daß Nadjä, als er sie bei den Schlußworten
Nur küssen will ich dich, küssen, Nur küssen, küssen!
mit vor Leidenschaft blitzendem Blick ansah, erschrocken zusammenfuhr und unwillkürlich etwas zurückwich: purpurn stieg das Blut ihr in die Wangen und im Moment war es Weltschaninoff, als habe er in ihrem fast ängstlichen Gesichtchen und ihren erschrockenen Augen ein kurzes Erraten bemerkt. Doch auch die Gesichter aller übrigen Zuhörerinnen verrieten förmliche Entzückung und gleichzeitig doch auch so etwas wie Beschämung oder ein verschämtes Staunen: es war, als meinten sie alle, so etwas könne man doch nicht so vor allen Menschen aussprechen, da müsse man sich doch scheuen! Und doch glühten alle diese Gesichtchen und blitzten aller Augen und es war, als erwarteten sie noch etwas ... Flüchtig streifte Weltschaninoffs Blick sie alle, wie sie dasaßen, und blieb auf Katerina Fedossejewna haften: wie schön sie aussah!
„Nun, das ist mir mal eine Romanze! ...“ brummte jetzt langsam der alte Sachlebinin, der zum Schluß ganz verblüfft dagesessen hatte, „aber ... hm! – ist sie nicht doch etwas zu feurig? Sie ist ja sehr schön, aber ...“
„Ja ...“ wollte etwas unschlüssig auch Madame Sachlebinin ihre Meinung äußern, doch kam sie nicht dazu: Pawel Pawlowitsch war plötzlich neben Nadjä aufgetaucht: er sah wie ein Irrsinniger aus und vergaß sich so weit, daß er Nadjä am Arm faßte und sie von Weltschaninoff fortzog – um dann, fast wankend, wieder vor diesen hinzutreten. Er war offenbar unzurechnungsfähig. Seine Lippen zuckten krampfhaft.
„Auf einen Augenblick,“ brachte er endlich mühsam hervor.
Weltschaninoff begriff sofort, daß dieser Mensch im nächsten Augenblick etwas zehnmal Schlimmeres tun konnte, wenn man ihm nicht zuvorkam: er faßte ihn deshalb an der Hand und führte ihn schnell, ohne sich durch die Verwunderung der anderen aufhalten zu lassen, auf die Veranda und von dort noch ein paar Stufen hinab in den Garten. Es dunkelte bereits.
„Begreifen Sie nicht, daß Sie sogleich mit mir von hier fortfahren müssen!“ stieß Pawel Pawlowitsch bebend hervor.
„Nein, das begreife ich nicht ...“
„Erinnern Sie sich,“ fuhr Pawel Pawlowitsch flüsternd in einer Aufregung fort, die nahezu unheimlich war, „erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie damals von mir verlangten, ich solle Ihnen alles sagen, _alles_, verstehen Sie, und ganz aufrichtig ‚das letzte Wort‘ ... wissen Sie noch? Nun, jetzt ist der Augenblick gekommen für dieses Wort ... Gehen wir!“
Weltschaninoff dachte ein paar Sekunden lang nach, blickte nochmals Pawel Pawlowitsch an und erklärte sich dann bereit, mit ihm zu fahren.
Der plötzliche Aufbruch der beiden Gäste erschreckte die Eltern nicht wenig und empörte die jungen Mädchen ganz maßlos.
„Aber trinken Sie doch wenigstens noch ein Täßchen Tee ...“ bat Madame Sachlebinin fast kläglich.
„Na, was ist denn in dich gefahren, daß du dich plötzlich so aufregst?“ wandte sich mit strenger, unzufriedener Miene der alte Sachlebinin an Pawel Pawlowitsch, der nur eigentümlich lächelte und schwieg.
„Pawel Pawlowitsch, weshalb entführen Sie uns Alexei Iwanowitsch?“ wandten sich die jungen Mädchen teils vorwurfsvoll, teils aufrichtig böse an ihn, und die Blicke, die er auffing, sprachen von nichts weniger als von Sympathie. Nadjä aber maß ihn mit so unaussprechlichem Haß, daß er sich förmlich wand unter ihrem Blick, doch er blieb bei seinem Entschluß.
„Verzeihen Sie, aber Pawel Pawlowitsch hat mich zum Glück noch rechtzeitig an etwas sehr Wichtiges erinnert, das leider keinen Aufbruch duldet,“ entschuldigte sich Weltschaninoff lachend, worauf er dem Staatsrat die Hand drückte, die der Dame des Hauses an die Lippen führte und sich von den jungen Mädchen verabschiedete, bei welcher Gelegenheit er wieder Katerina Fedossejewna vor allen anderen auszeichnete, was wiederum von allen bemerkt wurde.
„Wir danken Ihnen sehr für Ihren Besuch, und es wird uns alle jederzeit freuen, Sie wiederzusehen; jederzeit,“ schloß der Staatsrat nachdrücklich.
„Ach ja, es wird uns _sehr_ freuen ...“ bestätigte die Mama gefühlvoll.
„Kommen Sie wieder, Alexei Iwanowitsch, kommen Sie wieder!“ riefen noch viele Stimmen von der Verandatreppe, als Weltschaninoff sich bereits neben Pawel Pawlowitsch in den Wagen setzte, und unter ihnen etwas leiser ein hohes Stimmchen: „Kommen Sie wieder, lieber, lieber Alexei Iwanowitsch!“
„Das war der rothaarige Racker!“ lachte Weltschaninoff.
XIII. Die Beiden.
Ja, er konnte noch an die kleine Rothaarige denken, während ihn tiefinnerlich schon längst Ärger und Reue quälten. Und überhaupt war er an diesem Tage, den er doch, wie man meinen sollte, so angenehm verbracht hatte, ein gewisses bedrückendes, an einen unbestimmten Kummer gemahnendes Gefühl nicht losgeworden. Bevor er an den Flügel getreten war, hatte er kaum noch gewußt, was er mit sich anfangen, wohin er vor diesem Kummer flüchten sollte: und vielleicht war auch nur diese Stimmung der Grund gewesen, weshalb er sich beim Vortrag des Liedes von seinen Gefühlen so hatte hinreißen lassen.
„Und ich konnte mich so furchtbar erniedrigen ...“ begann er und wollte sich selbst Vorwürfe machen, doch schnell brach er den Gedanken wieder ab und bemühte sich, an anderes zu denken. So erniedrigend erschienen sie ihm, diese Selbstanklagen, die zudem nicht das geringste nützten! Deshalb wählte er das Angenehmere und ärgerte sich rasch über einen anderen.
„Dieser R–rüpel!“ dachte er wütend, mit einem halben Blick auf den im Wagen neben ihm sitzenden Pawel Pawlowitsch.
Der schwieg noch immer; vielleicht sammelte er sich erst oder bereitete sich auf die Aussprache vor. Von Zeit zu Zeit hob er hastig die Hand und nahm seinen Hut ab, um sich mit dem Taschentuch über die Stirn zu wischen.
„Wie er schwitzt!“ dachte Weltschaninoff verbissen, denn es war ihm geradezu ein Bedürfnis, sich recht über ihn zu ärgern.
Nur einmal wandte sich Pawel Pawlowitsch mit der Frage an den Kutscher, ob es ein Gewitter geben würde.
„O–oh, und was für eins! Den ganzen Tag war’s schwül, sicher wird’s eins geben!“
In der Tat war der Himmel dunkler als je um diese Zeit. Hin und wieder zuckte ein Blitz. Es war halb elf, als sie in der Stadt anlangten.
„Ich fahre ja doch zu Ihnen,“ hatte sich Pawel Pawlowitsch kurz vorher an Weltschaninoff gewandt.
„Verstehe. Doch muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich ernstlich krank fühle.“
„Ich bleibe nur kurze Zeit, nur kurze Zeit!“
Als sie ins Haus traten, verschwand Pawel Pawlowitsch auf einen Augenblick in der Wohnung des Portiers, wo er ein paar Worte mit Mawra wechselte.
„Was suchten Sie dort?“ fragte Weltschaninoff ärgerlich, als jener ihn auf der Treppe wieder einholte und sie eintraten.
„Nichts, nur ... wegen des Kutschers ...“
„Zu trinken gebe ich Ihnen nichts!“
Eine Antwort erfolgte nicht. Weltschaninoff zündete eine Kerze an und Pawel Pawlowitsch ließ sich sogleich auf seinem alten Platz nieder. Weltschaninoff trat finster vor ihn hin.
„Sie entsinnen sich vielleicht, daß ich Ihnen damals versprach, auch _mein_ ‚letztes Wort‘ zu sagen,“ begann er, innerlich erregt, doch äußerlich in vollkommener Selbstbeherrschung. „So hören Sie denn, ich kann es mit gutem Gewissen sagen ... – Also: ich bin überzeugt, daß zwischen uns beiden alles zu Ende ist und wir nichts mehr einander zu sagen haben, Sie verstehen mich: _nichts_ mehr; und deshalb – wäre es nicht besser, Sie gingen jetzt und ich schlösse die Tür hinter Ihnen zu.“
„Lassen Sie uns erst ... abrechnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte Pawel Pawlowitsch und sah ihm dabei ganz eigentümlich sanft in die Augen.
„Wa–as? Abrechnen?“ fragte Weltschaninoff in höchster Verwunderung. „Ein sonderbares Wort haben Sie da gebraucht! In welcher Beziehung denn ‚abrechnen‘, wenn man fragen darf? Oder sollte es etwa gar jenes ‚letzte Wort‘ sein, jenes, mit dem Sie mir versprachen, alles ... aufzudecken?“
„Ja.“
„Wir haben nichts mehr miteinander ‚abzurechnen‘, wir sind bereits vollständig ... quitt!“ sagte Weltschaninoff mit einem gewissen Stolz.
„Glauben Sie wirklich?“ fragte Pawel Pawlowitsch in eigentümlichem Tone, der fast ein Durchschauen verriet, und er hob die Hände – die Ellenbogen ruhten auf den Armlehnen des Stuhles – und schob die Finger zwischeneinander.
Weltschaninoff antwortete nichts und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Lisa! Lisa!“ hätte er stöhnen mögen, aber er biß die Zähne zusammen und – fühlte sein Herz klopfen.
„Doch übrigens, worüber wollten Sie denn mit mir abrechnen?“ wandte er sich nach längerem Schweigen mit finsterer Stirn wieder an Pawel Pawlowitsch, dessen Augen ihm während der Wanderung durch das Zimmer unaufhörlich gefolgt waren, der selbst aber nach wie vor regungslos im Stuhl lehnte, die Hände mit den gekreuzten Fingern vor der Brust.
„Fahren Sie nicht mehr dorthin,“ sagte er kaum hörbar mit rührend bittender Stimme, und plötzlich stand er auf.
„Wie! Und nichts weiter?“ – Weltschaninoff lachte zornig auf.
„In der Tat, Sie haben ja heute den ganzen Tag nichts anderes getan, als mich in Erstaunen gesetzt!“ sagte er bissig, doch plötzlich veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. „Hören Sie,“ begann er, und seine Stimme klang tief und traurig und es sprach aus ihr aufrichtiges Gefühl, „ich finde, daß ich mich noch niemals und durch nichts so erniedrigt habe, wie heute, und das erstens dadurch, daß ich einwilligte, Sie dorthin zu begleiten, und zweitens – durch das, was dort war ... Das war so kleinlich, so erbärmlich ... ich habe mich mir selbst so verekelt und mich vor mir selber so entehrt, indem ich auf alles einging ... und ganz vergessen konnte, daß – ... Ach nun, was rede ich!?“ besann und unterbrach er sich plötzlich. „Sie haben mich heute überrumpelt, ich war überreizt und abgespannt, ich ... ich bin krank ... eh, wozu sich da rechtfertigen wollen! Hinfahren werde ich jedenfalls nicht mehr, und ich versichere Ihnen, daß ich dort absolut keine Interessen habe,“ schloß er energisch.
„Wirklich nicht? Ist das wahr? ist das wirklich wahr?“ rief Pawel Pawlowitsch, ohne seine freudige Aufregung zu verbergen.
Weltschaninoff sah ihn mit Verachtung an und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Sie scheinen sich ja entschlossen zu haben, um jeden Preis glücklich zu sein,“ konnte er sich zu bemerken nicht enthalten.
„Ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch leise und naiv.
„Was geht es mich an,“ dachte Weltschaninoff, „daß er ein Narr und nur aus Dummheit bösartig ist? Ich kann ihn doch nicht – _nicht_ hassen! Wenn er’s auch gar nicht wert ist –!“
„Ich bin ein ‚ewiger Gatte‘!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit einem ergebenen Spottlächeln über sich selbst. „Ich habe diese Bezeichnung schon vor langer Zeit von Ihnen gehört, Alexei Iwanowitsch, schon damals, als Sie noch dort mit uns lebten. Ich habe mir damals viele Ihrer Aussprüche gemerkt – in jenem Jahr, jawohl! Als Sie nun hier von neuem ‚ewiger Gatte‘ sagten, fiel es mir wieder ein.“
Mawra trat ein: sie brachte eine Flasche Champagner und zwei Gläser, stellte sie auf den Tisch und ging wieder hinaus.
„Verzeihen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie wissen, daß ich ohne Alkohol nicht sein kann. Fassen Sie es nicht als Unhöflichkeit auf, betrachten Sie es als etwas ganz Nebensächliches und Geringfügiges, über das Sie erhaben sind.“
„Eh ...“ Weltschaninoff wandte sich angewidert fort, „aber ich – ich bin wirklich krank, glauben Sie mir ...“
„Gleich, gleich ... im Augenblick!“ beeilte sich Pawel Pawlowitsch, „nur einen Schluck, denn meine Kehle ...“
Er stürzte gierig sein Glas hinunter, setzte sich und sah gerührt Weltschaninoff an.
„Dieser Ekel!“ murmelte Weltschaninoff.
„Das waren ja nur die Freundinnen,“ sagte plötzlich Pawel Pawlowitsch laut und unversehens munter, als habe ihn der Champagner neu belebt.
„Was? Wer? Ach so, ja, Sie reden immer noch davon ...“
„Nur die Freundinnen! Und dann die Jugend! und das Ganze doch nur eine Kinderei, – sehen Sie, so fasse ich’s auf! Es ist sogar nicht ohne Reiz. Später aber – nun, Sie wissen, später werde ich ihr Sklave sein; sie wird die Gesellschaft kennen lernen ... – sie wird ihre Stellung in der Gesellschaft ... mit einem, Wort, sie wird ein ganz anderer Mensch werden.“
„Teufel, ich muß ihm ja noch das Armband zurückgeben!“ dachte Weltschaninoff und fühlte nach dem Etui in seiner Tasche.
„Sie fragten, ob ich mich nun entschlossen habe, glücklich zu sein? Ich muß heiraten, Alexei Iwanowitsch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch nahezu rührend vertrauensvoll fort, „was wird denn sonst aus mir? Sie sehen doch selbst!“ – er wies auf die Flasche – „und das ist erst noch ein Hundertstel meiner ... Eigenschaften. Ich kann überhaupt nicht leben ohne Ehe und ... ohne einen neuen Glauben. Gewinne ich den wieder, dann werde ich von neuem aufleben!“
Weltschaninoff wollte fast in schallendes Gelächter ausbrechen.
„Weshalb teilen Sie mir denn alles das mit?“ Seine Mundwinkel zuckten. Übrigens kam ihm das Ganze doch zu haarsträubend vor.
„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ fuhr er heftig auf, „zu welch einem Zweck Sie mich nun eigentlich dorthin geschleppt haben! Wozu hatten Sie mich denn nötig?“
„Nur ... um zu prüfen ...“ stotterte Pawel Pawlowitsch etwas verwirrt, wie es schien.
„Was zu prüfen?“
„Ich ... ich wollte nur den Eindruck sehen. Ich, sehen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich bin doch erst seit einer Woche ... dort –“ er wurde, wie es schien, immer verlegener. „Gestern traf ich Sie, und da dachte ich: Ich habe sie doch noch niemals in anderer Gesellschaft gesehen, ich wollte sagen, in Gesellschaft von Herren – wenn ich mich nämlich selbst nicht zähle ... Es war ein dummer Gedanke, ich sehe es jetzt selbst ein, und ganz überflüssig. Aber ich wollte es doch gar zu gern, eben – nun, aus Charakterschlechtigkeit.“
Er erhob plötzlich den Kopf und errötete.
„Sollte er wirklich die Wahrheit sagen?“ fragte sich Weltschaninoff, noch ganz sprachlos vor Verwunderung, und er starrte ihn an.
„Und?“
Pawel Pawlowitsch lächelte süßlich, doch gleichzeitig eigentümlich verschmitzt.
„Nichts weiter als Kindlichkeit, die noch frisch und reizend ist, nichts weiter! Das waren nur die Freundinnen! Verzeihen Sie mir bloß mein dummes Benehmen Ihnen gegenüber; ich werde mich nie wieder so vergessen, und überhaupt wird es ja nun nie mehr dazu kommen.“
„Zumal ja auch ich nie mehr hinfahren werde,“ versetzte Weltschaninoff etwas höhnisch.
„Ich meinte es auch zum Teil in diesem Sinne.“
Weltschaninoff richtete sich straffer auf und warf den Kopf zurück.
„Übrigens ... ich bin doch nicht der einzige in der Welt,“ bemerkte er fast verletzt.
Pawel Pawlowitsch errötete wieder.
„Es betrübt mich, das zu hören, Alexei Iwanowitsch, und glauben Sie mir, ich achte Nadeschda Fedossejewna so hoch ...“
„Entschuldigen Sie, bitte, verzeihen Sie, ich wollte ja nichts ... Es kam mir nur etwas sonderbar vor, daß Sie meine Vorzüge so übertrieben eingeschätzt ... und ... sich so vertrauensvoll auf mich verlassen haben ...“
„Eben deshalb habe ich mich ja auf Sie verlassen, weil das doch bereits nach allem geschah ... was gewesen ist.“
„Dann müssen Sie mich ja, wenn es so ist, auch jetzt für einen Ehrenmann halten?“ entfuhr es Weltschaninoff, der plötzlich stehen geblieben war, unwillkürlich und ganz unbedacht.
Im nächsten Moment erschrak er selbst über die Naivität seiner Frage.
„Das habe ich von jeher getan,“ sagte Pawel Pawlowitsch, indem er die Augen niederschlug.
„Nun ja, versteht sich ... nein, so meinte ich es auch nicht, das heißt nicht in dem Sinne, ich wollte nur sagen – ungeachtet aller ... Vorurteile!“
„Ja, auch trotz der Vorurteile.“
„Aber als Sie nach Petersburg fuhren?“ – Weltschaninoff konnte sich nicht mehr bezwingen, obschon er die ganze Ungeheuerlichkeit seiner Neugier selbst sehr wohl empfand.
„Und auch als ich nach Petersburg fuhr, hielt ich Sie für einen Ehrenmann. Ich habe Sie immer geachtet, Alexei Iwanowitsch.“
Pawel Pawlowitsch blickte wieder auf und sah mit klarem Blick, jetzt bereits ohne die geringste Verwirrung, seinen Gegner an. Weltschaninoff wurde plötzlich bange: er wollte um alles in der Welt nicht, daß jetzt irgend etwas Gefühlvolles geschah – daß irgend etwas die – Grenze auch nur überschritt, um so weniger, als er selbst es war, der dazu herausgefordert hatte.
„Ich habe Sie geliebt, Alexei Iwanowitsch,“ sagte Pawel Pawlowitsch, als habe er sich plötzlich zu etwas entschlossen, „jenes ganze Jahr in T. habe ich Sie geliebt. Sie haben es nicht bemerkt,“ fuhr er, zu Weltschaninoffs Schrecken, mit einer etwas unsicher werdenden Stimme fort, „ich war als Mensch und Persönlichkeit viel zu gering neben Ihnen, um Sie etwas merken zu lassen. Und es war vielleicht auch gar nicht nötig. In diesen neun Jahren habe ich oft an Sie gedacht, sehr oft, immerwährend, denn ich habe kein zweites solches Jahr in meinem Leben gehabt.“ Pawel Pawlowitschs Augen erglänzten eigentümlich. „Ich habe mir viele Ihrer Bemerkungen, Ihrer Aussprüche und Gedanken gemerkt. Ich habe in Ihnen immer einen Menschen von hoher Bildung gesehen, der sich nach guten Gefühlen sehnt und der eigene Gedanken ausspricht. ‚Große Gedanken entspringen weniger einem großen Verstande, als einem großen Gefühl‘ – sagten Sie einmal; vielleicht haben Sie es jetzt vergessen, ich aber habe es mir gemerkt. So habe ich denn in Ihnen immer einen Menschen von großem Gefühl gesehen ... und folglich auch an Sie geglaubt – trotz allem ...“
Sein Kinn begann plötzlich zu zittern. Weltschaninoff war aufs höchste erschrocken: diesem unerwarteten Ton mußte unbedingt schnell ein Ende gemacht werden.
„Genug, hören Sie auf, bitte, Pawel Pawlowitsch,“ brachte er errötend – da ihm alles dies mehr als peinlich war – und seltsam unsicher, in gereizter Ungeduld hervor. „Weshalb auch, zu welchem Zweck,“ fuhr er plötzlich nervös auf, „zu welchem Zweck heften Sie sich jetzt an einen kranken, überreizten Menschen – ich bin wirklich krank – und ziehen ihn in dieses Dunkel hinein ... während ... während doch – alles nur Trugbilder und Lüge und Schande und Unnatur ist und – und keinerlei Maß hat: das aber ist das Schmählichste an der Sache! Alles übrige ist Unsinn: wir sind beide lasterhafte, gemeine, ganz gemeine – Kellermenschen[12] ... Und wollen Sie, wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich beweisen, daß Sie mich nicht nur nicht lieben, sondern hassen, sogar mit ganzer Seele hassen, und daß Sie hier gelogen haben, allerdings ohne es selbst zu wissen! Sie haben mich gar nicht zu diesem lächerlichen Zweck hingeführt: um Ihre Braut zu prüfen – was Sie sich nicht alles ausdenken! –, sondern haben sich gestern, als Sie mich auf der Straße erblickten, einfach _erbost_ und mich dann hingeführt, um sie mir zu zeigen und mir zu sagen und zu verstehen zu geben: ‚Siehst du: sie! Und die wird _mir_ gehören! na, versuch’s mal jetzt hier!‘ Es war eine Herausforderung von Ihnen! Sie wußten das vielleicht selbst nicht, aber es war eine! ja: eine Herausforderung war es! So und nicht anders fühlten Sie! ... Ohne Haß aber kann man keinen so herausfordern: folglich haben Sie mich gehaßt!“
Wie außer sich ging er im Zimmer umher, immer schneller und erregter stieß er alles hervor und ließ sich von seiner Erregung nur so fortreißen: dabei quälte und kränkte ihn nichts so sehr, wie die erniedrigende Erkenntnis, daß er sich selbst in einem solchen Maße herabließ – bis zu Pawel Pawlowitsch ...
„Ich wollte mich mit Ihnen versöhnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte jener plötzlich schnell und entschlossen, doch mit leiser Stimme, und sein Kinn begann wieder zu zittern.
Eine unbändige Wut erfaßte Weltschaninoff, als habe man ihm noch niemals eine solche Beleidigung zugefügt.
„Ich sage Ihnen doch,“ schrie er förmlich zitternd, „daß Sie einem kranken und überreizten Menschen ... auf dem Halse sitzen, um ihm irgendein unmögliches Wort zu entreißen, es ihm im Fieber – wie soll ich sagen: herauszuwürgen! Wir ... ja, wir sind Menschen verschiedener Welten, begreifen Sie das doch endlich, und ... und ... zwischen uns, da hat sich – ein Grab gelegt!“ stieß er durch die Zähne hervor, und – plötzlich kam er zur Besinnung ...
„Aber woher wissen Sie,“ – Pawel Pawlowitschs Gesicht erbleichte und sah entstellt aus – „woher wissen Sie, was dieses kleine Grab _hier_ bedeutet, hier ... bei mir!“ keuchte er, Schritt für Schritt sich Weltschaninoff nähernd, während er mit einer grotesken, doch um so entsetzlicheren Geste die Faust hob und sich ans Herz schlug. „Ich kenne dieses kleine Grab hier auf dem Friedhof, und wir beide stehen an dieser Gruft, ich hier – Sie dort, nur ist auf meiner Seite mehr, als auf Ihrer, mehr ...“ raunte er, indem er sich immer wieder ans Herz schlug, „mehr, mehr, mehr ...“
Plötzlich gellte schrill und laut die Türglocke und riß sie aus der furchtbaren Spannung. Es hatte jemand geklingelt, der sich ordentlich geschworen zu haben schien, den Glockenzug mit einem einzigen Ruck abzureißen.
„Wer zu mir will, klingelt nicht so,“ sagte Weltschaninoff halb zu sich selbst und noch unter dem verwirrenden Eindruck.
„Aber zu mir doch auch nicht,“ flüsterte zaghaft Pawel Pawlowitsch, der gleichfalls zu sich gekommen und im Augenblick wieder der frühere Pawel Pawlowitsch geworden war.
Weltschaninoff runzelte die Stirn und ging, um die Tür zu öffnen.
„Herr Weltschaninoff, wenn ich nicht irre?“ hörte man eine jugendliche, helle und ungemein selbstbewußte Stimme fragen.
„Was wünschen Sie?“
„Ich bin genau unterrichtet,“ fuhr die helle Stimme fort, „daß ein gewisser Trussozkij sich im Augenblick bei Ihnen befindet. Ich muß ihn unbedingt und unverzüglich sprechen.“
Weltschaninoff hatte die größte Lust, diesen selbstbewußten jungen Mann mit einem Fußtritt die Treppe hinunterzubefördern. Doch er bedachte sich, trat zur Seite und ließ ihn eintreten.
„Dort ist Herr Trussozkij, treten Sie ein ...“
XIV. Ssaschenka[13] und Nadjenka.
Ins Zimmer trat ein noch sehr junger Mann, der etwa neunzehn Jahre zählen mochte, vielleicht sogar noch weniger – so jungenhaft wirkte sein hübsches und höchst selbstbewußt dreinschauendes Gesicht. Er war nicht schlecht gekleidet; wenigstens saß alles vortrefflich. Von Wuchs war er über Mittelgröße; sein schwarzes weiches Haar und seine großen, dreisten, dunklen Augen fielen an ihm am meisten auf. Nur die Nase war etwas breit und aufgestülpt, sonst wäre er ein geradezu schöner junger Mensch gewesen. Er trat sehr stolz ein.
„Ich habe wohl Gelegenheit, mit Herrn Trussozkij zu sprechen,“ begann er gemessen, indem er das Wort „Gelegenheit“ ersichtlich mit besonderem Vergnügen betonte, womit er wohl zu verstehen geben wollte, daß ein Gespräch mit Herrn Trussozkij ihm weder eine Ehre, noch ein Vergnügen sein könne.
Weltschaninoff begann zu begreifen, und auch Pawel Pawlowitsch schien bereits die Hauptsache zu erraten. In seinem Gesicht drückte sich eine gewisse Unruhe aus; übrigens hielt er sich tadellos.
„Da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen,“ entgegnete er würdevoll, „nehme ich an, daß ich mit Ihnen auch nichts zu erörtern haben kann.“
„Hören Sie zuerst, und dann sagen Sie Ihre Meinung,“ versetzte der junge Mann selbstbewußt und in zurechtweisendem Tone, worauf er seinen an einer Schnur hängenden Kneifer hob und die Champagnerflasche auf dem Tisch zu mustern begann. Als er die Musterung beendet hatte, klappte er den Kneifer ruhig wieder zusammen und wandte sich von neuem Pawel Pawlowitsch zu:
„Alexandr Loboff.“
„Was ist das, ‚Alexandr Loboff‘?“
„Das bin ich. Haben Sie den Namen noch nicht gehört?“
„Nein.“
„Übrigens, wie sollten Sie auch! Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit, die Sie – namentlich Sie angeht. Erlauben Sie, daß ich mich einstweilen setze, ich bin müde ...“
„Nehmen Sie Platz,“ sagte Weltschaninoff, doch der junge Mann hatte sich bereits vor der Aufforderung niedergelassen.
Weltschaninoff begann sich, trotz wachsender Schmerzen unter der Brust, für diesen unverschämten Bengel zu interessieren. In seinem hübschen, frischen Jungengesicht war etwas, was ihn an Nadjä erinnerte, – vielleicht bestand sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen?
„Auch Sie könnten sich setzen,“ schlug der junge Mann Pawel Pawlowitsch vor, indem er mit einem nachlässigen Kopfnicken nach einem Stuhl deutete.
„Ich ziehe vor, zu stehen.“
„Sie werden müde werden. Sie, Herr Weltschaninoff, können, wenn Sie wollen, auch hierbleiben.“
„Sie scheinen zu vergessen, daß ich hier zu Hause bin.“
„Wie Sie wollen. Und offen gestanden, ich wünsche es sogar, daß Sie bei meiner Auseinandersetzung mit diesem Herrn zugegen sind. Nadeschda Fedossejewna hat Sie mir in ziemlich schmeichelhafter Weise empfohlen.“
„So? Wann hat sie denn dazu Zeit gehabt?“
„Sogleich nach Ihrer Abfahrt, ich komme doch von dort! Also, Herr Trussozkij,“ wandte er sich wieder diesem zu, der immer noch stand, „wir, das heißt, ich und Nadeschda Fedossejewna,“ fuhr er fort, in nachlässiger Pose im Lehnstuhl sitzend – – und ebenso nachlässig, wie er saß, sprach er auch die Worte aus, mit eingezogenem Mundwinkel und kaum sich bewegenden Lippen –, „wir lieben uns schon lange und haben uns miteinander verlobt. Sie sind nun als Hindernis zwischen uns getreten: deshalb bin ich hergekommen, um Sie aufzufordern, das Feld zu räumen. Sagen Sie mir also kurz, ob Sie gewillt sind, meiner Aufforderung nachzukommen?“
Pawel Pawlowitsch erbleichte und zuckte ein wenig zurück, doch schon im nächsten Augenblick lächelte er boshaft.
„Nein, dazu bin ich durchaus nicht gewillt,“ versetzte er lakonisch.
„So!“ Der Jüngling rückte ein wenig auf dem Stuhl und schlug ein Bein über das andere.
„Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind,“ fuhr Pawel Pawlowitsch fort, „und ich denke, daß unsere Unterredung hiermit beendet sein dürfte.“
Bei diesen Worten sah er sich nach einem Stuhl um und setzte sich.
„Ich sagte Ihnen ja, Sie würden müde werden,“ bemerkte der Jüngling nachlässig. „Ich hatte soeben Gelegenheit, Ihnen mitzuteilen, daß ich Loboff heiße und daß ich mich mit Nadeschda Fedossejewna verlobt habe – folglich können Sie nicht sagen, wie Sie es soeben taten, daß Sie nicht wüßten, wer ich bin; desgleichen können Sie nicht aufrichtig der Meinung sein, daß unsere Unterredung hiermit beendet wäre: ganz abgesehen von mir, handelt es sich hier um Nadeschda Fedossejewna, der Sie sich jetzt in einer so frechen Weise aufdrängen. Schon das allein wäre eine genügende Veranlassung zu einer Unterredung.“
Diese ganze Rede hielt er mit geckenhafter Nachlässigkeit, kaum daß er sich die Mühe gab, die Worte zur Not gerade noch verständlich auszusprechen; zwischendurch hatte er sogar wieder den Kneifer vor die Augen gehalten und, während er sprach, irgendeinen Gegenstand im Zimmer fixiert.
„Erlauben Sie, junger Mann ...“ fuhr Pawel Pawlowitsch gereizt auf, doch der „junge Mann“ trumpfte ihn sogleich ab, noch bevor er seinen unvorsichtig begonnenen Satz zu Ende sprechen konnte.
„Zu jeder anderen Zeit würde ich es mir von Ihnen natürlich sogleich verbitten, mich mit ‚junger Mann‘ anzureden, doch hier ist es mir insoweit ganz angenehm, als meine Jugend, wie Sie selbst zugeben werden, in diesem Fall gerade mein größter Vorzug vor Ihnen ist, wie Sie zum Beispiel heute bei der Überreichung Ihres Armbandes zweifellos sehr gern ein wenig jünger gewesen wären.“
„So ein Frechdachs!“ dachte Weltschaninoff.
„Jedenfalls, werter Herr,“ verbesserte sich Pawel Pawlowitsch kühl, „kann ich die von Ihnen betonten Gründe – die wohl nichts weniger als anständig sind und auch recht zweifelhaft zu sein scheinen – nicht als derartig empfinden, daß mir eine weitere Verhandlung mit Ihnen notwendig erschiene. Ich sehe, daß es sich hier nur um einen kindischen Einfall handelt; morgen noch werde ich mich von Fedossei Ssemjonowitsch über den Sachverhalt aufklären lassen, jetzt aber bitte ich Sie, uns nicht weiter zu belästigen.“
„Sehen Sie den Charakter dieses Menschen!“ rief der Jüngling aufgebracht, indem er sich sogleich an Weltschaninoff wandte und natürlich aus dem Ton fiel. „Es ist ihm nicht genug, daß man ihn von dort hinausjagt, sich über ihn lustig macht und ihm eine lange Nase zeigt – er will uns morgen noch dem Alten verraten! Beweisen Sie denn damit nicht sonnenklar, Sie gemeiner Mensch, daß Sie das Mädchen mit Gewalt nehmen wollen: daß Sie sie von kindisch gewordenen alten Menschen, denen nur infolge der barbarischen Zustände unserer Gesellschaft die schmählichste Machtvollkommenheit über das junge Mädchen zugesprochen wird, – daß Sie sie von ihnen einfach kaufen wollen? Sie hat es Ihnen doch deutlich gezeigt, daß sie Sie verachtet! Ihnen ist doch Ihr unanständiges Geschenk, Ihr Armband, bereits zurückgegeben worden! Was wollen Sie denn noch?“
„Niemand hat mir mein Armband zurückgegeben, es wäre das auch ganz unmöglich!“ sagte Pawel Pawlowitsch, war aber doch sehr betroffen.
„Wieso unmöglich? Hat Herr Weltschaninoff es Ihnen denn noch nicht zurückgegeben?“
„Teufel, da haben wir die Bescherung!“ verwünschte ihn Weltschaninoff.
„In der Tat,“ sagte er dann ... wie sich besinnend, und runzelte die Stirn, „Nadeschda Fedossejewna hat mich vorhin beauftragt, Ihnen, Pawel Pawlowitsch, dieses Etui einzuhändigen. Ich wollte es natürlich nicht übernehmen, aber sie bat mich so ... hier ist es ... Es tut mir leid, daß ...“
Er legte, ersichtlich peinlich berührt, das Etui auf den Tisch neben Pawel Pawlowitsch, der ihn ganz starr ansah.
„Warum haben Sie es ihm nicht früher zurückgegeben?“ unterbrach ihn der junge Mann in strengem Tone.
„Ich werde wohl noch keine Zeit dazu gehabt haben,“ entgegnete Weltschaninoff ärgerlich.
„Sonderbar.“
„Wa–as?“
„Zum mindesten sonderbar: das werden Sie wohl selbst zugeben, daß hier tatsächlich ein – Versehen vorliegt.“
Weltschaninoff hatte wieder die größte Lust, sogleich aufzustehen und den Bengel gründlich an den Ohren zu nehmen. Doch plötzlich konnte er sich nicht bezwingen und brach in schallendes Gelächter aus. Der Jüngling mußte mitlachen. Nicht so Pawel Pawlowitsch: hätte Weltschaninoff den Blick bemerkt, der ihn traf, als er über den „Frechdachs“ zu lachen begann, dann hätte er begriffen, daß in diesem Menschen etwas Geheimnisvolles vor sich ging ... So begriff Weltschaninoff nur – der den Blick nicht bemerkt hatte – daß er Pawel Pawlowitsch wenigstens beistehen mußte.
„Hören Sie mal, Herr Loboff,“ wandte er sich in freundschaftlichem Tone an den Jüngling, „ich will, ohne auf die übrigen Gründe näher einzugehen, da ich sie überhaupt nicht berühren möchte, Sie nur darauf aufmerksam machen, daß Pawel Pawlowitsch, wenn man ihn als Bewerber um Nadeschda Fedossejewna mit Ihnen vergleicht, jedenfalls sehr schwerwiegende Vorzüge hat: erstens sind die Eltern mit ihm gut bekannt, sie wissen, wer und was er ist; zweitens nimmt er in der Gesellschaft sowohl wie im Staatsdienst eine vorzügliche Stellung ein, und drittens besitzt er ein Vermögen, folglich ist es nur natürlich, daß er sich über einen Nebenbuhler, wie Sie – nun, sagen wir: wundert. Denn, wenn Sie als Mensch vielleicht noch so viele Vorzüge haben, so sind Sie doch dermaßen jung, daß er Sie wahrlich nicht als ernst zu nehmenden Bewerber betrachten kann ... und deshalb hat er wohl recht, wenn er Sie bittet, die zwecklose Unterredung zu beenden.“
„Was heißt das ‚noch dermaßen jung‘? Ich bin seit weit mehr als einem Monat neunzehn Jahre alt. Nach dem Gesetz kann ich folglich schon längst heiraten. Da haben Sie’s!“
„Aber welcher Vater wird sich denn entschließen können, Ihnen seine Tochter anzuvertrauen – und sollten Sie auch in Zukunft mehrfacher Millionär oder sonst so ein Wohltäter der Menschheit werden! Ein Neunzehnjähriger kann nicht einmal für sich selbst die volle Verantwortung tragen, und da wollen Sie noch die Verantwortung für ein fremdes Menschenleben auf Ihr Gewissen nehmen, das heißt die Zukunft eines ebensolchen Kindes, wie Sie selbst eins sind! Das ist doch wohl auch nicht ganz ehrenhaft, was meinen Sie? Ich habe mir diese Meinungsäußerung nur erlaubt, weil Sie sich vorhin selbst an mich, wie an einen Vermittler zwischen Ihnen und Pawel Pawlowitsch, wandten.“
„Ach ja richtig, er heißt ja Pawel Pawlowitsch!“ bemerkte der Jüngling, „wie kam es nur, daß es mir die ganze Zeit schien, er heiße Wassilij Petrowitsch? Also,“ wandte er sich wieder an Weltschaninoff, „Sie haben mich nicht im geringsten überrascht: ich wußte, daß Sie nicht anders sein konnten, als die anderen, – sie sind ja doch alle gleich! Es wundert mich nur, daß man mir von Ihnen als von einem einigermaßen aufgeklärten Menschen gesprochen hat. Übrigens kommt das nicht in Betracht, denn die Sache ist einfach die, daß es hier meinerseits nichts ‚Unehrenhaftes‘ – wie der Ausdruck ja wohl lautete, den zu gebrauchen Sie sich erlaubten – gibt, sondern ganz im Gegenteil, daß es sich um etwas sehr Ehrenhaftes handelt, was ich Ihnen sogleich erklären und verständlich machen zu können hoffe. Wir haben uns also – erstens: verlobt, und außerdem habe ich ihr in Gegenwart von zwei Zeugen feierlich versprochen, daß ich ihr, sobald sie einen anderen liebgewinnen oder einfach nur bereuen sollte, mich geheiratet zu haben, sogleich eine schriftliche Erklärung geben würde, in der ich mich des Ehebruchs schuldig bekenne, um damit vor der betreffenden Behörde ihr Scheidungsgesuch zu unterstützen. Doch das ist noch nicht alles: für den Fall, daß ich nachträglich meinen Entschluß ändern und mich weigern sollte, ihr besagte schriftliche Erklärung einzuhändigen, gebe ich ihr zu ihrer Sicherstellung am Hochzeitstage und noch vor der Trauung einen Wechsel über hunderttausend Rubel auf meinen Namen, so daß sie in dem Falle, wenn ich jene schriftliche Erklärung verweigere, diesen Wechsel sogleich zur Einlösung einer Bank übergeben kann – und damit hat sie mich in der Hand! – verstehen Sie? So ist denn alles sichergestellt, und nach solchen Erklärungen werden Sie mir nicht mehr sagen können, daß ich ein fremdes Leben auf mein Gewissen nehme. Nun, das wäre also erstens.“
„Ich wette, das hat jener – wie hieß er doch? – Predpossyloff ausgedacht!“ rief Weltschaninoff aus.
„Hehehe!“ grinste Pawel Pawlowitsch boshaft.
„Worüber lacht dieser Herr? – Ja, Sie haben es erraten: es ist wirklich ein Gedanke von Predpossyloff – und das können Sie doch nicht leugnen, daß er gut ist. Das unsinnige Gesetz ist auf diese Weise vollständig lahmgelegt. Selbstverständlich habe ich die Absicht, sie immer zu lieben – sie lacht selbst furchtbar über den Einfall, – aber es ist doch immerhin geschickt ersonnen: das werden Sie mir jetzt zugeben müssen – und auch das, daß es ehrenhaft und edel gehandelt ist, und daß nicht ein jeder sich zu so etwas entschließen wird!“
„Ich finde, das es nicht nur keineswegs ehrenhaft, sondern sogar recht ekelhaft ist.“
Der junge Mann zuckte nur die Achseln. „Sie setzen mich wiederum nicht im geringsten in Erstaunen,“ bemerkte er nach kurzem Schweigen, „so etwas hat schon seit gar zu langer Zeit seine Neuheit für mich verloren. Predpossyloff würde Ihnen einfach sagen, daß dieses Ihr Unvermögen, die natürlichsten Dinge zu begreifen, nur auf die Entartung Ihrer Gefühle und Ihres Begriffsvermögens zurückzuführen ist, – und zwar infolge Ihres blödsinnigen Lebens und Ihres ewigen Müßigganges. Übrigens verstehen wir uns wohl noch nicht: man hat Sie mir allerdings anders geschildert ... Sie sind schon in den Fünfzigern?“
„Bleiben Sie gefälligst bei der Sache.“
„Verzeihen Sie meine Indiskretion – ich fragte ohne besondere Absicht. Also – ich fahre fort: ich bin durchaus kein zukünftiger ‚mehrfacher Millionär‘, wie Ihr Ausdruck lautete (was Menschen doch für Einfälle haben!). Was ich bin und was ich habe, das sehen Sie hier vor sich, doch dafür bin ich meiner Zukunft vollkommen sicher. Ein Held und Wohltäter für Fremde werde ich nicht werden, aber mich und meine Frau werde ich ernähren! Allerdings habe ich jetzt noch nichts, und ich bin ja sogar in ihrem Hause erzogen worden, von Kindheit an ...“
„Wie das?“
„Ganz einfach, da ich der Sohn eines entfernten Verwandten von Frau Sachlebinin bin: als meine Eltern starben und mich als Achtjährigen zurückließen, da nahm mich der Alte zu sich und steckte mich in ein Gymnasium. Dieser Mensch nämlich ist sogar gut, wenn Sie es wissen wollen ...“
„Ich weiß es.“
„Nur ist er für unsere Zeit schon gar zu rückständig. Übrigens ist er wirklich gut. Jetzt habe ich mich natürlich schon längst von seiner Vormundschaft befreit, da ich mir selbst meinen Lebensunterhalt verdienen und niemandem als mir verpflichtet sein will.“
„Seit wann sind Sie denn nicht mehr unter seiner Vormundschaft?“ fragte Weltschaninoff.
„O, schon lange! fast seit ganzen vier Monaten!“
„Nun ist mir die Sache allerdings verständlich: wenn Sie Jugendgespielen sind! Doch – haben Sie jetzt eine Beschäftigung?“
„Ja, eine private, ich bin im Kontor eines Notars angestellt, für fünfundzwanzig Rubel monatlich, natürlich nur vorläufig. Als ich um ihre Hand anhielt, hatte ich nicht einmal das! Ich war nämlich damals in der Eisenbahnverwaltung und bekam nur zehn Rubel monatlich, auch natürlich nur vorläufig.“
„Ja haben Sie denn einen Heiratsantrag gemacht?“
„Gewiß, ganz formell, und schon vor längerer Zeit, – vor ganzen drei Wochen.“
„Nun, und?“
„Der Alte lachte zuerst schallend auf, dann aber ärgerte er sich fürchterlich, und sie wurde einfach oben in eine Kammer eingesperrt. Aber Nadjä hielt die Prüfung heldenhaft aus. Übrigens ist der ganze Mißerfolg nur darauf zurückzuführen, daß der Alte sich noch von früher her über mich ärgerte, weil ich nämlich der Abteilung, in die er mich vor damals vier Monaten hineingesteckt hatte, den Rücken gekehrt habe. Er ist ein prächtiger alter Mann, ich sage es Ihnen nochmals, zu Hause ist er gutmütig, freundlich und von Herzen heiter, doch kaum tritt er in sein Abteilungsbureau – da können Sie ihn sich einfach gar nicht vorstellen! Wie ein Jupiter sitzt er da! Ich gab ihm selbstverständlich zu verstehen, daß solche Manieren aufgehört hätten, mir zu gefallen, doch an der ganzen Geschichte war hauptsächlich der Gehilfe des Vorsitzenden schuld: dieser Herr ließ es sich einfallen, sich bei ihm darüber zu beschweren, daß ich angeblich ‚grob‘ geworden sei, während ich ihm in Wirklichkeit gesagt hatte, er sei unentwickelt. Da pfiff ich denn auf sie alle und bin jetzt beim Notar.“
„Wieviel bekamen Sie denn dort, in der Abteilung?“
„Ach, nichts ... ich war ja überzählig! Der Alte selbst gab das Nötige. Ich sagte Ihnen doch, er ist ein guter Mensch, nur werden wir trotzdem nicht nachgeben. Versteht sich, fünfundzwanzig Rubel sind kein Auskommen, aber ich hoffe, in kürzester Zeit an der Verwaltung der verschuldeten Güter des Grafen Sawileiskij teilzunehmen, dann habe ich dreitausend Rubel Einkommen. Oder ich werde Rechtsanwalt. Heutzutage werden Menschen gesucht ... Ha! Wie’s donnert! Das wird ein Gewitter geben! Gut, daß ich noch vor dem Ausbruch angelangt bin. Ich bin ja zu Fuß von dort gekommen, bin fast die ganze Zeit gelaufen.“
„Aber erlauben Sie, wann haben Sie denn Zeit gehabt, noch mit Nadeschda Fedossejewna zu sprechen, wenn man Sie dort abgewiesen hat und wohl auch nicht mehr empfängt?“
„Ach, doch ganz einfach über den Zaun! Die Rothaarige haben Sie ja gesehen?“ fragte er lachend. „Nun, die ist auch eine von den Vermittlerinnen, und auch Marja Nikititschna; nur ist diese Marja Nikititschna eine Schlange! ... Was ist? – weshalb runzeln Sie die Stirn? Fürchten Sie sich vor dem Donner?“
„Nein, ich bin krank, ernstlich krank ...“
Weltschaninoff fühlte in der Tat einen heftigen Schmerz unter der Brust, der immer unerträglicher wurde, so daß er schließlich aufstand und versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Ach, dann störe ich natürlich ... beunruhigen Sie sich nicht, ich gehe sogleich!“ Er sprang auf.
„So schlimm ist es ja nicht, bleiben Sie nur,“ sagte Weltschaninoff höflichkeitshalber.
„I wo, ‚wenn Kobylnikoff Leibweh hat‘ – wie Schtschedrin[14] sagt. Lieben Sie Schtschedrin? – Sie kennen ihn doch?“
„Ja.“
„Ich auch, er gefällt mir kolossal. Nun, also, Wassilij ... ach nein, – Pawel Pawlowitsch, richtig! Also kommen wir zu einem Schluß!“ wandte er sich halb lachend an Pawel Pawlowitsch. „Um Ihnen das Verständnis zu erleichtern, will ich meine Frage nochmals formulieren: sind Sie bereit, nicht später als morgen, und zwar offiziell, das heißt also vor den beiden Alten und in meiner Gegenwart, alle Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen?“
„Nein, dazu bin ich durchaus nicht bereit,“ schnitt Pawel Pawlowitsch kurz ab, indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung vom Platze erhob, „und ich bitte Sie nochmals, mich nicht weiter zu belästigen ... denn das sind doch nur Kindereien und Dummheiten.“
„Nehmen Sie sich in acht,“ sagte der Jüngling hochmütig lächelnd, und er drohte mit dem Finger, wie um ihn zu warnen, „daß Sie sich nicht verrechnen! Wissen Sie auch, zu was eine solche Rechnung ohne den Wirt führen kann? Deshalb sage ich es Ihnen im voraus, daß Sie sich nach neun Monaten, wenn Sie dort bereits alle Ausgaben gemacht und sich genugsam gequält haben, hier bei Ihrer Wiederkunft gezwungen sehen werden, unaufgefordert Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen, aber tun Sie das nicht – um so schlimmer für Sie. Sehen Sie, zu was Sie es mit Ihrer Weigerung bringen können! Ich will Sie damit nur gewarnt haben, denn Sie sind jetzt wie jener Hund, der den Knochen keinem anderen gönnt, obwohl er ihn selbst nicht fressen kann – verzeihen Sie den Vergleich. Ich warne Sie also nur aus menschlichem Mitgefühl, überlegen Sie sich die Sache, versuchen Sie wenigstens einmal im Leben, logisch zu denken.“
„Ich bitte Sie, mich mit Ihrer Moral zu verschonen!“ rief Pawel Pawlowitsch empört, „und was Ihre gemeinen Andeutungen betrifft, so werde ich morgen noch meine Maßregeln treffen, und zwar entscheidende!“
„Gemeine Andeutungen? Wovon sprechen Sie? Sie sind selber gemein, wenn Sie – so etwas im Sinne haben. Übrigens bin ich bereit, bis morgen zu warten, doch wenn ... Ach, wieder dieser Donner! Auf Wiedersehen, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ rief er mit einem Kopfnicken zum Abschied Weltschaninoff zu und entfernte sich eilig, offenbar, um noch vor dem Ausbruch des Gewitters geborgen zu sein.
XV. Die Abrechnung.
„Haben Sie gesehen? Haben Sie gesehen?“ fragte Pawel Pawlowitsch gespannt auf ihn zutretend, kaum daß der Jüngling das Zimmer verlassen hatte.
„Ja, Sie scheinen kein Glück zu haben!“ entfuhr es Weltschaninoff unbedachtsamerweise.
Diese unvorsichtige Bemerkung wäre ihm bestimmt nicht entschlüpft, wenn nicht der heftige Schmerz ihn gequält und geärgert hätte. Pawel Pawlowitsch zuckte zusammen, als sei er gebrannt worden.
„Nun, und das Armband – das haben Sie mir wohl aus Mitleid nicht zurückgegeben, he?“
„Ich kam nicht dazu ...“
„Weil Sie als aufrichtiger Freund mit dem aufrichtigen Freunde von Herzen Mitleid hatten?“
„Nun ja, weil ich Mitleid hatte,“ sagte Weltschaninoff ärgerlich.
Er erzählte ihm aber doch in kurzen Worten, wie Nadeschda Fedossejewna ihn gebeten hatte, das Armband zurückzugeben und wie er durch sie ganz gegen seinen Willen in diese Angelegenheit hineingezogen worden war.
„Sie begreifen doch, daß ich das Armband sonst nie genommen hätte: man hat schon sowieso genug Unannehmlichkeiten!“
„Sie sind eben dem Zauber unterlegen und haben es doch genommen,“ sagte Pawel Pawlowitsch grinsend.
„Ihre Bemerkung ist köstlich. Übrigens sind Sie zu entschuldigen. Sie haben soeben selbst gesehen, daß nicht ich in dieser Sache die Hauptperson bin!“
„Immerhin haben Sie sich bezaubern lassen.“
Pawel Pawlowitsch setzte sich und füllte wieder sein Glas.
„Sie glauben wohl, daß ich sie diesem Bengel abtreten werde? Zum Teufel jage ich ihn, und wie noch! Morgen fahre ich hin und bringe alles in Ordnung. Diesen Geist werden wir schon ausräuchern – aus der Kinderstube ...“
Er stürzte das Glas in einem Zuge hinab und schenkte sich wieder ein. Überhaupt benahm er sich jetzt mit einer an ihm ganz ungewohnten Zwanglosigkeit.
„Also Nadjenka und Ssaschenka, die lieben Kinderchen! – hehehe!“
Seine Bosheit schien keine Grenzen zu kennen. Ein Blitz zuckte blendend hell auf, knatternd setzte der Donner ein und vergrollte, und plötzlich goß es in Strömen. Pawel Pawlowitsch erhob sich und schloß das offene Fenster.
„Wie er sie fragte, ob Sie sich nicht vor dem Donner fürchten! – hehe! Weltschaninoff und sich vor dem Donner fürchten! ‚Wenn Kobylnikoff ...‘ – wie war das: ‚wenn Kobylnikoff ...‘? Und das noch von den Fünfzigern, was? Besinnen Sie sich noch?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit unverhohlener Bosheit.
„Sie haben sich hier ... wohl für immer niedergelassen?“ fragte Weltschaninoff leise, da er vor Schmerz kaum sprechen konnte. „Ich lege mich hin ... Sie ... tun Sie, was Sie wollen.“
„Aber bei solchem Wetter jagt man doch nicht einmal einen Hund aus dem Haus!“ versetzte Pawel Pawlowitsch gekränkt, doch war es, als freue er sich über das Recht, den Gekränkten spielen zu dürfen.
„Nun, ja, gleichviel, trinken Sie weiter ... übernachten Sie auch meinetwegen hier!“ murmelte Weltschaninoff, der sich gerade auf seinem Schlafdiwan ausstreckte, und leise stöhnte.
„Übernachten? Aber werden Sie denn nicht Angst haben?“
„Was?“ fragte Weltschaninoff, indem er den Kopf plötzlich vom Kissen hob.
„Nichts, nur so. Das vorige Mal war es, als ob Sie erschraken – oder vielleicht hat es mir nur so geschienen ...“
„Sie sind verrückt!“ sagte Weltschaninoff, der sich nicht bezwingen konnte, und drehte sich wütend zur Wand.
„Tut nichts,“ erwiderte Pawel Pawlowitsch.
Der Kranke schlief ganz plötzlich ein. Die außergewöhnliche nervöse Spannung, in der er den ganzen Tag verbracht, hatte seiner in letzter Zeit ohnehin schon stark mitgenommenen Gesundheit gewissermaßen den Rest gegeben, seine ganze Nervenkraft war mit einemmal dahin und er fühlte sich schwach wie ein Kind. Doch der Schmerz überwand die Müdigkeit und den Schlaf: nach kaum einer Stunde wachte er auf und erhob sich unter Qualen vom Diwan. Das Gewitter war vorüber. Die Luft im Zimmer war stickig vom Zigarettenrauch. Die Flasche auf dem Tisch war leer. Pawel Pawlowitsch schlief auf dem anderen Diwan. Er lag auf dem Rücken, mit dem Kopf auf einem Schlafkissen, vollkommen angekleidet, sogar in Stiefeln. Sein Kneifer war aus der Tasche geglitten und hing an der Schnur fast bis zum Boden herab. Sein Hut lag auf dem Teppich. Weltschaninoff blickte verdrossen auf den Schlafenden, weckte ihn jedoch nicht. Krumm und wie verzogen vor Schmerz, schritt er langsam im Zimmer auf und ab, da er das Liegen nicht mehr aushielt. Er stöhnte leise und dachte immer wieder über die Schmerzen nach.
Sie ängstigten ihn, und nicht ohne Ursache. Er kannte sie schon seit langer Zeit, doch hatten sie ihn bisher nur selten heimgesucht, nur einmal in zwei Jahren oder höchstens einmal im Jahr. Er wußte, daß sie von der Leber herrührten. Die Schmerzen waren immer dieselben: sie begannen unter der Herzgrube, oder auch etwas höher: zuerst war es nur ein dumpfer, nicht starker, aber doch unangenehmer Druck, der dann allmählich – bisweilen dauerte es ganze zehn Stunden – so stark, so unerträglich schmerzhaft wurde, daß der Kranke schon glaubte, nun komme die Sterbestunde. Als er das letzte Mal diese Schmerzen gehabt hatte, vor etwa einem Jahre, da war er – der Anfall hatte sich erst nach zehn Stunden gelegt – nachher so entkräftet gewesen, daß er kaum die Hand von der Bettdecke heben konnte, und der Arzt hatte ihm nur ein paar Löffel schwachen Tees und ein kleines Stück in Bouillon getauchtes Weißbrot gestattet. Die Wiederkehr dieser Anfälle wurde meistens durch Zufälligkeiten verursacht, doch traten sie immer nur dann auf, wenn seine Nerven vorher bereits überreizt waren. Eine gewisse Verschiedenartigkeit zeigte sich dagegen in der Art, wie die Schmerzen wieder nachließen: das eine Mal gelang es, den Schmerz sogleich in der ersten halben Stunde durch einfache heiße Umschläge zu betäuben, und in kurzer Zeit war dann alles überstanden; das letzte Mal hatte jedoch nichts geholfen, und erst nachdem er mehrere Brechmittel eingenommen, hatte der Schmerz nachgelassen. Nachher hatte der Arzt ihm gesagt, er sei überzeugt gewesen, daß er sich vergiftet habe. Diesmal waren es noch viele Stunden bis zum Morgen, in der Nacht jedoch wollte er nicht nach dem Arzt schicken – überhaupt waren ihm Ärzte zuwider. Aber die Schmerzen wurden doch so unerträglich, daß er laut zu stöhnen begann. Davon erwachte schließlich Pawel Pawlowitsch: er richtete sich auf, saß eine Zeitlang und horchte, offenbar erschrocken, während seine Blicke angstvoll und verständnislos Weltschaninoff folgten. Die Wirkung der geleerten Flasche machte sich bemerkbar: es dauerte ziemlich lange, bis er begriff, was er sah – dann aber sprang er vom Diwan und trat schnell auf Weltschaninoff zu, der vor Schmerz nur etwas Unverständliches stammeln konnte.
„Das ist die Leber, ich weiß!“ – Pawel Pawlowitsch war im Augenblick wie neu belebt und entwickelte sogleich eine ungeheure Geschäftigkeit. „Ich kenne das, Polossuchin, Pjotr Kusmitsch Polossuchin hatte genau dasselbe, – gleichfalls von der Leber. Da sind heiße Umschläge das beste! Pjotr Kusmitsch ließ sich dann immer heiße Umschläge machen ... Man kann doch daran sterben! Soll ich nicht die Mawra rufen, was?“
„Nicht nötig, nicht nötig!“ wehrte Weltschaninoff gereizt ab. „Nichts ist nötig.“
Doch Pawel Pawlowitsch war, Gott weiß weshalb, ganz kopflos vor Besorgnis, als handle es sich um die Rettung seines teuersten Freundes. Er achtete auf keinen Einwand und bestand mit dem größten Eifer darauf, daß unbedingt heiße Umschläge gemacht würden, und außerdem müsse der Kranke noch zwei bis drei Tassen schwachen Tee trinken – „aber nicht löffeln, sondern einfach hinabstürzen, und nicht bloß heiß muß er sein, sondern kochend!“ beteuerte er, lief darauf, ohne auf die Erlaubnis zu warten, zu Mawra, mit der er bald wieder erschien, half ihr in der Küche beim Feueranmachen und blies mit Eifer die Holzkohlen im Ssamowar an. Noch bevor das Wasser zu kochen begann, hatte er Weltschaninoff bereits die Oberkleider abgenommen, ihn zu Bett gebracht und gut zugedeckt – und in kaum zwanzig Minuten war der Tee fertig und der erste Teller heiß.
„Ich habe nämlich Teller genommen,“ erklärte er fast begeistert und legte behutsam, um sich nicht die Finger zu verbrennen, den in eine Serviette gewickelten heißen Teller Weltschaninoff auf die Herzgrube. „Heiße Umschläge sind zu umständlich, es dauert zu lange, bis man die macht, aber heiße Teller, glühendheiße Teller sind sogar das allerbeste, glauben Sie mir, das allerbeste, mein Ehrenwort! Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, an Pjotr Kusmitsch, ich habe es selbst gesehn und gefühlt. Man kann doch daran sterben! Trinken Sie den Tee, schlucken Sie nur; tut nichts, wenn Sie sich verbrühen; das Leben ist teurer als alles.“
Es war ihm tatsächlich gelungen, die schläfrige Mawra munter zu machen. Die Teller wurden alle zwei bis drei Minuten gewechselt. Schon nach dem dritten Teller und der zweiten heißen Tasse Tee, die Weltschaninoff hinabstürzte, fühlte er, daß der Schmerz nachließ.
„Wenn wir den Schmerz erst einmal weggebracht haben, dann Gott sei Dank, – das ist ein gutes Zeichen!“ rief Pawel Pawlowitsch hocherfreut und eilte in die Küche nach einem neuen Teller und neuem Tee.
„Wenn wir nur den Schmerz erst wegbringen! Nur der Schmerz muß erst mal betäubt werden!“ wiederholte er immer wieder.
Und wirklich: nach einer halben Stunde hatte sich der Schmerz fast ganz gelegt, aber der Kranke war so erschöpft, daß er trotz aller Bitten Pawel Pawlowitschs, doch „noch ein Tellerchen“ auszuhalten, nicht mehr darauf einging. Die Augen fielen ihm zu vor Müdigkeit.
„Schlafen, schlafen,“ sagte er nur mit schwacher Stimme.
„Auch das!“ willigte Pawel Pawlowitsch ein.
„Sie übernachten ... wie viel – wie spät ist es?“
„Bald zwei, es fehlen noch ein paar Minuten.“
„Bleiben Sie hier?“
„Ich bleibe, ich bleibe.“
Nach einer kleinen Weile rief der Kranke ihn wieder zu sich.
„Sie ... Sie ...“ murmelte er, als jener zu ihm geeilt war und sich über ihn beugte, „Sie sind besser als ich! Ich begreife alles ... alles ... ich danke Ihnen.“
„Schlafen Sie, schlafen Sie,“ flüsterte Pawel Pawlowitsch und schlich auf den Fußspitzen schnell wieder zu seinem Diwan zurück.
Der Kranke hörte noch im Einschlafen, wie Pawel Pawlowitsch schnell, doch möglichst leise sein Lager zurechtmachte, seine Kleider ablegte, die Kerze auslöschte und sich behutsam, womöglich mit angehaltenem Atem, um den Einschlafenden nur ja nicht zu stören, auf seinem Diwan ausstreckte.
Zweifellos schlief Weltschaninoff wirklich ein, und sogar sehr bald, nachdem die Kerze ausgelöscht war – dessen entsann er sich später noch ganz genau. Doch während der ganzen Zeit seines Schlafens – bis zu dem Augenblick, in dem er plötzlich erwachte – hatte er im Traum die Empfindung, daß er nicht schlafe und auch trotz seiner Erschöpfung und seines Verlangens nach Schlaf nicht einschlafen könne. Schließlich glaubte er – natürlich im Traum –, daß er in wachem Zustande zu phantasieren beginne und die vor ihm auftauchenden, sich um ihn drängenden visionären Erscheinungen, ungeachtet des klaren vollen Bewußtseins, daß es Fiebergebilde waren und nichts Wirkliches, nicht zu bannen vermochte. Es war ihm alles bekannt, was er sah: das Zimmer war, so schien es ihm, wieder voll von Menschen und die Tür zum Treppenflur stand offen. Und immer noch Menschen kamen in Scharen ins Zimmer und drängten sich auf der Treppe. Und am Tisch, der in die Mitte des Zimmers gerückt war, saß wieder ein Mensch – ganz wie damals, im Traum, vor einem Monat. Und ganz wie damals hatte der Mensch auch jetzt einen Arm auf den Tisch gestützt und wollte nicht sprechen; doch hatte er diesmal einen runden Hut auf und um den Hutrand einen Streifen Trauerflor. „Was? Sollte es wirklich auch damals Pawel Pawlowitsch gewesen sein?“ dachte Weltschaninoff, doch als er dem schweigenden Menschen ins Gesicht sah, überzeugte er sich, daß es ein ganz anderer war. „Weshalb trägt er den Trauerflor?“ fragte sich Weltschaninoff verwundert. Der Lärm und das Geschrei der Menschen, die sich um den Tisch drängten, war fürchterlich: sie schienen alle noch viel aufgebrachter über ihn zu sein, als damals, in jenem Traum; sie drohten ihm mit den Fäusten und schrien ihm empört etwas zu, doch konnte er trotz aller Anstrengung nicht verstehen, was es war, das sie ihm da zuschrien. „Aber das ist ja nur eine Vision, ich fiebere ja, ich phantasiere, – ich weiß es doch selbst!“ dachte er, „ich weiß doch, daß ich nicht einschlafen konnte und jetzt ausgestanden bin, weil ich vor Schmerz das Liegen nicht aushielt! ...“ Aber das Geschrei und die Menschen und ihre Bewegungen und alles andere – es war so deutlich, so wirklich, daß er doch wieder an ihrer Unwirklichkeit zu zweifeln begann: „Sollte das wirklich nur eine Fiebervision sein? Was wollen diese Menschen von mir, mein Gott? Aber ... wenn das Wirklichkeit wäre, wie wäre es dann möglich, daß dieses Geschrei nicht Pawel Pawlowitsch endlich aus dem Schlaf weckte? daß er davon noch immer nicht erwacht ist? Und er schläft doch noch, schläft doch dort auf dem Diwan!“ Da geschah plötzlich wieder etwas, ganz wie damals im Traum: alle wandten sich zur Tür und wollten zur Treppe, und es kam zu einem furchtbaren Gedränge in der Tür, denn von draußen begann sich ein neuer Haufe ins Zimmer zu schieben. Und die, die hinter ihnen kamen, trugen etwas, etwas Großes und Schweres: man hörte, wie die Schritte der Träger unter der getragenen Last schwer und ungleichmäßig auf den Treppenstufen dumpf aufpolterten und wie sie sich unter dem Druck der Last mit atemlosen Stimmen erregt Anweisungen zuriefen. Im Zimmer aber begannen alle zu rufen: „Sie bringen, sie bringen!“ und aller Augen funkelten und richteten sich auf ihn, Weltschaninoff, und alle wiesen sie drohend und triumphierend nach der Tür. Er zweifelte jetzt nicht mehr im geringsten daran, daß alles Wirklichkeit und nicht etwa eine Vision war, wie er zuerst geglaubt hatte, und erhob sich auf die Fußspitzen, um über die Köpfe der Menschen hinweg erkennen zu können, was denn dort von den Trägern so Schweres gebracht wurde. Sein Herz aber pochte, pochte, pochte, und plötzlich – ganz wie damals in jenem Traum – wurde dreimal mit aller Kraft am Glockenzug gerissen, und wieder war es ein so gellend heller, so greifbar wirklicher Schall, daß er ihm unmöglich nur geträumt haben konnte! ... Er schrie auf und erwachte.
Doch er stürzte nicht wie damals im Augenblick zur Tür. Welch ein Gedanke seine erste Bewegung lenkte, ob er im Moment überhaupt einen Gedanken hatte – das wußte er selbst nicht! nur war es ihm, als habe ihm irgend jemand gesagt, was er zu tun hatte: er sprang auf und streckte die Arme, wie zur Verteidigung oder zur Abwehr eines Angriffs erhoben, nach der Richtung, in der Pawel Pawlowitsch schlief. Doch im selben Augenblick stießen seine Hände mit zwei anderen, bereits nach ihm ausgestreckten Händen zusammen und er packte sie mit aller Kraft. Jemand hatte sich über ihn beugen wollen! Die Vorhänge waren zugezogen, doch war es nicht ganz dunkel im Zimmer, da aus dem Nebenraum, zu dem die Tür offen stand und dessen Fenster keine Vorhänge hatten, schon ein schwacher Lichtschimmer eindrang. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in der linken Hand, und er wußte sofort, daß er die Schneide eines Rasiermessers erfaßt und sie sich selbst ins Fleisch gepreßt hatte ... Im selben Moment hörte man auch schon das eintönige Aufschlagen eines metallisch schweren Gegenstandes, der zu Boden fiel.
Weltschaninoff war vielleicht dreimal so stark wie Pawel Pawlowitsch, doch ihr Kampf währte lange, währte wenigstens drei Minuten. Endlich drückte er ihn zu Boden und bog ihm die Arme zurück. Doch aus irgendeinem Grunde wollte er diese zurückgebogenen Arme unbedingt auf den Rücken fesseln. Er suchte also tastend mit der rechten Hand – während er mit der verwundeten Linken die Handgelenke des Gegners hielt – lange vergeblich nach der Rouleauschnur, bis er sie endlich doch fand und mit einem einzigen Ruck abriß. Später wunderte er sich selbst darüber, wie er das fertiggebracht hatte, denn es gehörte eine fast übernatürliche Kraft dazu. Nachdem er dann Pawel Pawlowitschs Hände mit der Schnur gefesselt hatte, stand er auf, ließ den Gefesselten auf dem Boden liegen, zog den Vorhang zur Seite und schob die Gardinen fort. Auf der menschenleeren Straße war es schon hell. Er öffnete das Fenster und atmete tief die Morgenluft ein. Es mußte zwischen vier und fünf Uhr sein. Er schloß wieder das Fenster, trat schnell zum Schrank, nahm ein reines Handtuch heraus und wickelte es sehr fest um seine linke Hand, um das aus der Wunde quellende Blut zu stillen. Zufällig stieß er mit dem Fuß an das offene Rasiermesser, das nicht weit vom Schrank auf dem Teppich lag; er hob es auf, klappte es zusammen und legte es in das Etui, das er am Morgen auf dem kleinen Tisch neben dem anderen Diwan vergessen hatte. Er öffnete eines der Schubfächer seines Schreibtisches, legte das Rasierbesteck hinein und verschloß das Fach. Und erst nachdem das erledigt war, trat er an Pawel Pawlowitsch heran und begann ihn zu betrachten.
Dieser hatte sich inzwischen mit Mühe erhoben und sich auf einen Stuhl gesetzt. Er war, ganz wie Weltschaninoff, auch nur in Unterkleidern und ohne Stiefel. Sein Hemd hatte auf dem Rücken und an den Ärmeln große Blutflecke, doch war das nicht sein Blut, sondern das Blut Weltschaninoffs. Freilich war es Pawel Pawlowitsch, der dort saß! Im ersten Augenblick hätte man ihn kaum zu erkennen vermocht – so verändert sah er aus! Er saß wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände in unbequemer gerader Haltung, sein entstelltes, verzerrtes, gequältes Gesicht war grünlich bleich, und von Zeit zu Zeit überlief ihn ein Zittern. Mit einem seltsam dunklen, gleichsam noch nicht alles erkennenden Blick sah er regungslos Weltschaninoff an. Plötzlich lächelte er – es war ein so stumpfes Lächeln, wie es nur Übermüdete bisweilen haben –, deutete mit einem Kopfnicken nach der Wasserkaraffe, die auf dem Tisch stand, und sagte halblaut:
„Einen Schluck.“
Weltschaninoff goß das Wasser in ein Glas, hielt es ihm an den Mund und ließ ihn trinken. Pawel Pawlowitsch trank gierig; nach dem dritten Schluck hob er den Kopf, sah unverwandt dem vor ihm stehenden Weltschaninoff ins Gesicht, sagte aber kein Wort und begann wieder zu trinken. Nachdem er dann seinen Durst gelöscht hatte, atmete er tief auf. Weltschaninoff nahm vom Diwan sein Kissen, warf seine Oberkleider über den Arm und ging ins andere Zimmer, worauf er Pawel Pawlowitsch im ersten Zimmer einschloß.
Die Schmerzen unter der Brust waren vollständig vergangen, doch machte sich jetzt wieder ein großes Schwächegefühl geltend, was nach der plötzlichen Anspannung aller Kräfte ganz erklärlich war. Er wollte nachdenken, um sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war, doch konnte er seine Gedanken nicht sammeln: es war doch eine zu große Nervenerschütterung gewesen. Seine Augen fielen ihm wieder zu und dann glaubte er, einzuschlafen, doch schon nach wenigen Minuten zuckte er wieder zusammen, erwachte, erinnerte sich sogleich an das Vorgefallene und an seine schmerzende Hand, befühlte das vom Blut feuchte Handtuch und begann wieder fieberhaft zu denken. Er wurde sich jedoch nur über eines klar: daß Pawel Pawlowitsch ihn tatsächlich hatte ermorden wollen – vielleicht ohne noch eine Viertelstunde vorher selbst zu wissen, was er tun wollte. Das schmale Etui des Rasiermessers hatte er am Abend vielleicht nur ganz flüchtig auf dem Tisch liegen gesehen. (Übrigens lag Weltschaninoffs Rasierbesteck gewöhnlich verschlossen im Schubfach, doch gerade an dem Morgen hatte er es herausgenommen, um einige überflüssige Haare am Schnurrbart fortzurasieren, was er mitunter zu tun pflegte.)
„Wenn er schon lange die Absicht gehabt hätte, mich zu töten,“ dachte Weltschaninoff, „so würde er eine Mordwaffe, einen Dolch oder Revolver mitgenommen und nicht auf mein vergessenes Rasiermesser gerechnet haben, das er ja erst gestern abend zum erstenmal bei mir gesehen hat.“
Endlich schlug es sechs. Weltschaninoff raffte sich auf, kleidete sich an und ging zu Pawel Pawlowitsch. Als er die Tür aufschloß, fragte er sich ganz verwundert, wozu er ihn denn eingeschlossen hatte, statt ihn sogleich aus dem Hause hinausgehen zu lassen. Zu seinem Erstaunen sah er, daß der Gefangene bereits vollständig angekleidet war: also mußte es ihm doch möglich gewesen sein, seine Hände von der Fessel zu befreien. Er saß im Lehnstuhl, erhob sich aber sogleich, als Weltschaninoff eintrat. Seinen Hut hatte er bereits in der Hand. Sein erregter, unruhiger Blick schien – gleichsam in geschäftiger Eile – sagen zu wollen:
„Fange nicht an; da ist nichts zu reden; lohnt sich nicht ...“
„Gehen Sie!“ sagte Weltschaninoff. „Nehmen Sie Ihr Armband.“
Pawel Pawlowitsch, der schon an der Tür angelangt war, kehrte zurück, nahm das Etui vom Tisch, steckte es in die Tasche und trat hinaus. Weltschaninoff stand an der Tür, um sie hinter ihm zuzuschließen. Ihre Blicke trafen sich zum letzten Mal: Pawel Pawlowitsch blieb plötzlich stehen; beide sahen sich etwa fünf Sekunden lang in die Augen, als wären sie irgendwie unschlüssig; endlich hob Weltschaninoff die Hand und ließ sie, wie beschwichtigend, sinken.
„Nun, gehen Sie!“ sagte er halblaut und schloß die Tür.
XVI. Die Analyse.
Das Gefühl einer ungewöhnlichen, befreienden, großen Freude bemächtigte sich Weltschaninoffs; irgend etwas hatte jetzt endlich ein Ende genommen, hatte sich aufgelöst; irgendein lastender Kummer war von ihm gewichen und hatte sich zerstreut. So schien es ihm. Fünf Wochen hatte es ihn bedrückt. Er erhob seine Hand, betrachtete das blutbefleckte Handtuch und murmelte: „Nein, jetzt ist aber auch wirklich alles beendet!“ Und den ganzen Morgen dachte er zum erstenmal in drei Wochen fast gar nicht an Lisa, wenigstens nicht mit jenem quälenden Schmerz – als habe das Blut aus seiner verwundeten Hand sogar diese Schuld getilgt.
Er begriff vollkommen, daß er einer großen Gefahr entronnen war. „Gerade diese Menschen,“ dachte er, „die noch eine Minute vor der Tat nicht wissen, ob sie morden oder nicht morden, – gerade diese sind die gefährlichsten; denn sobald sie erst einmal das Messer in der bebenden Hand fühlen und das erste, heiße Blut ihnen über die Finger fließt – dann genügt es ihnen nicht mehr, nur zu morden, dann schneiden sie gleich den ganzen Kopf ab, – ‚glatt ab‘, wie die Sträflinge sagen. Ja, so sind sie.“
Es litt ihn nicht mehr in seiner Wohnung, und er verließ das Haus in der Überzeugung, daß sogleich irgend etwas getan werden müsse oder – daß mit ihm selbst irgend etwas sogleich geschehen werde. Er schlenderte also durch die Straßen und wartete. Er hätte jetzt gar zu gern jemanden getroffen oder mit irgendwem ein Gespräch angeknüpft, selbst mit einem Unbekannten. Das brachte ihn endlich auf den Gedanken, doch zum Arzt zu gehen, da die Hand sowieso verbunden werden mußte. Der Arzt, ein Bekannter von ihm: fragte neugierig, während er die Wunde betrachtete, wie er sich denn so verletzt habe? Weltschaninoff antwortete mit einem Scherz, lachte und hätte ihm beinahe alles erzählt, bezwang sich aber noch rechtzeitig. Der Arzt fühlte ihm den Puls, und als er hörte, daß Weltschaninoff in der Nacht wieder seine Schmerzen gehabt hatte, redete er ihm zu, sogleich ein beruhigendes Mittel, das er bei der Hand hatte, einzunehmen. In betreff der Wunde beruhigte er ihn: es seien keine schlimmen Folgen zu befürchten. Weltschaninoff versicherte ihm darauf lachend, daß sie bereits die besten Folgen gezeitigt habe. Der lebhafte Wunsch, _alles_ jemandem zu erzählen, erfaßte ihn im Laufe des Tages noch zweimal, und zwar in solchem Maße, daß er einmal Mühe hatte, sich zu bezwingen und nicht mit einem fremden Menschen, der sich in einer Konditorei an seinen Tisch gesetzt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen. Dabei war ihm sonst nichts so verhaßt, wie in öffentlichen Lokalen mit fremden Menschen Gespräche zu beginnen.
Er trat in mehrere Läden, kaufte sich eine Zeitung, sprach bei seinem Schneider vor und bestellte sich einen neuen Anzug. Der Gedanke, Pogorjelzeffs besuchen zu müssen, war ihm noch immer unangenehm, aber er dachte nicht weiter daran. Er hatte auch einen Grund, nicht zu ihnen hinauszufahren: er erwartete ja die ganze Zeit irgend etwas, das hier in der Stadt geschehen müsse. Er speiste mit Genuß, wechselte sogar ein paar Worte mit dem Kellner, sprach auch mit seinem Tischnachbar, und trank eine halbe Flasche Wein. An die Möglichkeit, daß die Schmerzen wiederkehren könnten, dachte er überhaupt nicht; er war vielmehr überzeugt, daß seine Krankheit gerade in dem gefährlichsten Augenblick vollständig vergangen sei, als er etwa anderthalb Stunden nach dem Einschlafen in völliger Erschöpfung plötzlich aufgesprungen war und den Mörder mit so ungemeiner Kraft niedergezwungen hatte. Gegen Abend erfaßte ihn aber doch ein leichtes Schwindelgefühl und bisweilen war es ihm sogar, als wollten die Fiebervisionen der vergangenen Nacht wieder vor ihm auftauchen. Er kehrte erst in der Dämmerung nach Haus zurück. Als er in seine Wohnung trat, erschrak er. Unheimlich erschien sie ihm, und es war ihm fast, als wandle ihn Furcht an. Mehrmals ging er durch die großen Räume und trat sogar in die Küche, was er sonst nie tat. „Hier haben sie gestern die Teller gewärmt,“ dachte er. Die Tür verschloß er sorgfältig und machte dann sogleich Licht, – früher, als er es gewöhnlich zu tun pflegte. Beim Verschließen der Tür dachte er daran, daß er vor einer halben Stunde, als er an der Portierstür vorübergegangen war, Mawra herausgerufen und gefragt hatte, ob der fremde Herr in seiner Abwesenheit nicht wieder bei ihm gewesen wäre, ganz als hätte er es selbst wirklich für möglich gehalten, daß jener noch einmal zu ihm gekommen sein könne.
Nachdem er dann auch die Tür zum Korridor zugeschlossen hatte, öffnete er seinen Schreibtisch, nahm das schmale Etui heraus und klappte das „verhängnisvolle“ Rasiermesser auf, um es zu betrachten. Auf dem elfenbeinernen Griff waren noch kleine Blutpünktchen zu bemerken. Er klappte es wieder zusammen und schob es zurück in das Etui, das er wieder im Schreibtisch verschloß. Er wollte schlafen: er fühlte, daß er sich unbedingt sogleich hinlegen mußte, da er anderenfalls am nächsten Tage „zu nichts taugen“ würde. Dieser nächste Tag erschien ihm aus irgendeinem Grunde „verhängnisvoll“, als müsse sich dann erst „alles _endgültig_ entscheiden“, als bringe er gewissermaßen den „wirklichen Abschluß“. Doch die Gedanken, die ihn schon den ganzen Tag, wo er auch ging und stand, verfolgt und keinen Augenblick ganz verlassen hatten, die drängten und stießen sich auch jetzt wieder unermüdlich in seinem schmerzenden Hirn, und er dachte, dachte, dachte, und lange noch konnte er nicht einschlafen ...
„Wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag ein unvorbereiteter war,“ mußte er immer wieder denken, „sollte ihm dann der Gedanke, mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher in den Kopf gekommen sein – wenn auch nur als kurzer Einfall? in einem Augenblick der Wut?“
Er beantwortete sich die Frage sehr sonderbar, und zwar damit, daß Pawel Pawlowitsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel Pawlowitsch wollte mich ermorden,“ sagte er sich, „wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das klingt widersinnig, ist aber richtig.“
„Nicht, um sich versetzen zu lassen und auch nicht Bagontoffs wegen ist er nach Petersburg gekommen – obschon er sich versetzen lassen wollte und Bagontoff hier aufsuchte und sich über dessen Tod ärgerte. Bagontoff war ihm nichts, den verachtete er einfach. Aber wegen mir – mir! war er hergekommen und ... hatte Lisa mitgebracht! ...“
„Aber sollte ich selbst erwartet haben, daß er mich ... ermorden könnte?“ fragte er sich, dachte wieder lange nach und mußte die Frage schließlich bejahen: er hatte es von dem Augenblick an erwartet, als er ihn damals im Wagen an der Kanal-Brücke erblickt hatte, hinter dem Sarge Bagontoffs. „Ja, von dem Augenblick an begann ich so etwas zu erwarten ... aber, versteht sich, nicht wörtlich und genau so, selbstverständlich erwartete ich nicht, daß er mich ermorden werde! ...“
„Und sollte das wirklich, wirklich alles wahr sein,“ fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn und er erhob den Kopf vom Kissen und schlug die Augen auf, „alles das, was dieser ... Verrückte gestern hier von seiner Liebe zu mir sprach, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust ans Herz schlug?“
„Entschieden ist es wahr,“ urteilte er schließlich, und er vertiefte sich immer mehr in die Analyse, „dieser Mann aus T. war natürlich dumm genug und in seinen Voraussetzungen anständig genug, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben, von deren Untreue er in zwanzig Jahren _nichts, nicht das Geringste_ bemerken konnte! Neun Jahre lang hat er mich verehrt, mich und mein Andenken, und hat sich sogar meine ‚Aussprüche‘ gemerkt – Herrgott! – und ich habe von allem keine Ahnung gehabt! Nein, er konnte gestern nicht lügen! Aber hat er mich denn gestern geliebt, als er mir seine Liebeserklärung machte und ‚abrechnen‘ wollte? Ja, auch gestern hat er mich geliebt, hat mich _aus Wut_ geliebt: und diese Liebe ist die stärkste ...“
„Aber es ist doch möglich, nein, es ist sogar mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß ich damals in T. einen kolossalen Eindruck auf ihn gemacht habe, – gerade einen ‚kolossalen‘ und ‚wohltuenden‘ Eindruck – und gerade bei solch einem Idealisten im Schillerschen Sinne war das möglich! Er hat mich für hundertmal großer gehalten, als ich war. Jawohl: ein so großer Eindruck war es, den ich auf ihn, in seiner vereinsamten Gedankenwelt, machte, ... Doch wäre es ganz interessant, zu wissen, wodurch ich ihm eigentlich imponiert habe? Vielleicht nur durch besondere Glacéhandschuhe und die Art, wie ich sie abstreifte oder anzog. Solche Menschen lieben Ästhetik, oh, und wie! Gar mancher edlen Seele, und wenn sie noch dazu einem ‚ewigen Gatten‘ angehört, genügen ein Paar Handschuhe vollkommen. Das übrige vervollständigen sie dann selbst bis ins Tausendfache, und sie werden sich sogar für einen schlagen, wenn es soweit kommen sollte. Und wie hoch er meine Verführungsmittel einschätzt! Oder vielleicht hat ihm gerade die Art, wie ich mich ihr näherte, damals am meisten imponiert? Und sein Ausruf hier nach dem Kuß: ‚Wenn auch der, wenn auch der!‘ – das heißt: an wen kann man dann noch glauben! Nach diesem Ausruf wird man ja zum Tier! ...“
„Hm! Er ist nach Petersburg gekommen, um mir ‚um den Hals zu fallen und mit mir zu weinen‘, wie er sich selbst gemeinerweise ausdrückte, das heißt, er fuhr, um mich zu ermorden, und glaubte doch selbst, daß er fahre, um mich zu ‚umarmen und mit mir zu weinen‘ ... Und er nahm Lisa mit. Aber wie: hätte ich mit ihm geweint, so würde er mir vielleicht alles verziehen haben, wirklich, denn es war ja sein größter Wunsch, zu verzeihen! ... Und das schlug dann beim ersten Zusammenstoß in betrunkenes Sich-verstellen um, alles wurde zur Karikatur und lief auf nichts anderes hinaus, als auf weibisches Geheul über die ihm zugefügte Beleidigung. (Die Hörner, die Hörner, wie er sich die aufsetzte!) Deshalb kam er angetrunken zu mir, um sich, wenn auch unter Verstellungen, doch zu verraten oder sich erraten zu lassen; im nüchternen Zustande hätte auch er es nicht fertig gebracht ... Und das Verstellen und Verstecken und Hervorlugen und Wiederverstecken – ach, wie er das liebte! Wie froh er war, als er es so weit gebracht hatte, daß ich ihn küßte! Nur wußte er damals selbst nicht, womit es enden würde: mit einer Umarmung oder einem Mord? Natürlich kam’s heraus, daß das beste beides zusammen war. Die natürlichste Entscheidung! – Ja, da sieht man’s wieder: die Natur liebt die Mißgeburten nicht und schlägt sie mit ‚natürlichen Entscheidungen‘ einfach tot. Die mißgeborenste Mißgeburt – das ist die Mißgeburt mit edlen Gefühlen: ich weiß es aus eigener Erfahrung, Pawel Pawlowitsch! Die Natur ist der Mißgeburt keine zärtliche Mutter, sondern eine Stiefmutter. Die Natur gebiert die Mißgeburt, sie bringt sie ja selbst hervor, doch statt nun Mitleid mit ihr zu haben, straft und züchtigt sie sie noch, – und es ist auch gut und recht so. Umarmungen und Tränen des Allverzeihens sind selbst von anständigen Leuten heutzutage nicht umsonst zu haben, geschweige denn von solchen, wie wir beide, Pawel Pawlowitsch!“
„Ja, er war dumm genug, mich zu seiner Braut zu führen, – Gott! Seine Braut! Wahrlich, nur in einem solchen Menschen konnte der Gedanke entstehen, durch die Unschuld einer Mademoiselle Sachlebinin zu einem ‚neuen Leben aufzuerstehn‘! Doch man kann dir deshalb keinen Vorwurf machen, Pawel Pawlowitsch, jedenfalls nicht dir: du bist eine Mißgeburt, und deshalb muß auch alles an und in dir mißgeboren sein. Deine Selbsttäuschungen wie deine Hoffnungen. Aber trotzdem hat er an ihnen zu zweifeln begonnen – weshalb denn auch die hohe Sanktion Weltschaninoffs, des ehrfurchtsvoll geachteten, notwendig wurde! Es ging nicht ohne Weltschaninoffs Beifall, ohne seine Billigung und seine Bestätigung, daß die Illusion keine Illusion, sondern ein wirkliches Ding war! Er hat mich in ehrfurchtsvoller Hochachtung meiner Person und im festen Glauben an die Anständigkeit meiner Gefühle hingeführt, – vielleicht sogar in dem Glauben, daß wir uns dort hinter einem Busch, in der Nähe der Unschuld, in die Arme sinken und miteinander weinen würden. Ja, und dann mußte sich doch dieser ‚ewige Gatte‘ endlich einmal – es war ja einfach seine Pflicht – mußte sich doch wenigstens irgendeinmal bestrafen für alles, mußte sich definitiv bestrafen, und um sich zu bestrafen, griff er zum Rasiermesser, – freilich ganz unverhofft, und ohne daß er es wollte, aber immerhin griff er danach! ‚Er hat ihm aber doch das Messer in den Leib gestoßen, hat es doch fertig gebracht, sogar in Gegenwart des Gouverneurs!‘ Übrigens – ob er wohl schon damals, als er mir diese Hochzeitsgeschichte erzählte, irgend etwas Derartiges im Sinne gehabt haben sollte? – wenn auch nur in ganz entfernter Gedankenverbindung? Und als er damals in der Nacht ausgestanden war und mitten im Zimmer stand, – sollte er auch da schon? ... Hm! ... Nein, damals stand er nur zum Spaß, _sich zum Spaß_ auf. Nur in der Absicht war er aufgestanden, um – ... als er aber sah, daß mir bange wurde, daß ich _ihn_ zu fürchten begann, da antwortete er mir erst nach ganzen zehn Minuten, so lange ließ er mich warten, denn es war ihm doch gar zu angenehm, daß ich ihn fürchtete ... Damals kann ihm vielleicht wirklich so etwas zum erstenmal in den Sinn gekommen sein – als er hier in der Dunkelheit stand ...“
„Und wenn ich nun gestern nicht dieses Rasiermesser auf dem Tisch vergessen hätte, – wäre wohl nichts geschehen. Oder doch? Oder doch? Ist er mir nicht aus dem Wege gegangen – ganze vierzehn Tage lang? Hat er sich doch sogar vor mir versteckt, – aus _Mitleid_ mit mir! Und zuerst erkor er sich den Bagontoff und nicht mich! Und in der Nacht sprang er auf, um für mich Teller zu wärmen, im Glauben, sich damit abzulenken: vom Messer – durch Rührung! ... Und wollte sich und mich damit retten – mit gewärmten Tellern! ...“
Und noch lange arbeitete das kranke Hirn dieses ehemaligen „Salonmenschen“ weiter, bis er endlich einschlummerte. Am nächsten Morgen aber erwachte er mit demselben krausen Hirn: und zwar mit einem ganz _neuen_ und diesmal ganz unerwarteten Schrecken im Gefühl und in den Gedanken ...
Dieser neue Schrecken war die unerschütterliche Überzeugung, die sich plötzlich in ihm festgesetzt hatte, daß er, Weltschaninoff, der Weltmann, der doch genau wußte, was sich schickt und was sich nicht schickt, aus eigenem freien Antriebe, und zwar heute noch, zu Pawel Pawlowitsch gehen werde – warum? Wozu? – das wußte er selbst nicht und wollte es auch nicht wissen, so ekelhaft war es ihm; er wußte nur, daß er sich aus irgendeinem Grunde „hinschleppen“ werde.
Diese „Verrücktheit“ – anders glaubte er sie nicht benennen zu können – entwickelte sich indessen so, daß sie, soweit das möglich war, den Anschein von Vernunft erhielt und daß er schließlich einen ziemlich triftigen Vorwand fand: er sagte sich, daß er schon die ganze Zeit die Empfindung nicht losgeworden sei, Pawel Pawlowitsch habe sich nach seiner Wohnung begeben, sich in derselben eingeschlossen und dann erhängt, – wie jener Kommissär, von dem ihm Marja Ssyssojewna erzählt hatte. Diese Einbildung war in ihm allmählich, mochte sie auch noch so widersinnig sein, zur festen Überzeugung geworden. „Weshalb sollte sich dieser Dummkopf aufknüpfen?“ unterbrach er sich selbst immer wieder in seinem Gedankengang. Ihm fielen Lisas Worte ein ... „Doch übrigens, ich würde mich an seiner Stelle vielleicht auch aufhängen ...“ fuhr es ihm einmal durch den Sinn.
Es endete damit, daß er, statt ins Restaurant zum Mittagessen zu gehen, sich tatsächlich zu Pawel Pawlowitsch begeben wollte. „Ich werde mich nur bei Marja Ssyssojewna nach ihm erkundigen,“ sagte er sich, als er seine Wohnung verließ. Doch noch war er nicht auf die Straße getreten, als er plötzlich unter dem Torbogen des Hauses stehen blieb.
„Nicht möglich!“ dachte er und wurde vor Scham bis unter die Haarwurzeln rot, „sollte ich wirklich zu ihm trotten, um ihm ‚in die Arme zu sinken und mit ihm zu weinen‘? Sollte wirklich gerade diese sinnlose Gemeinheit zur Vollendung der ganzen Gemeinheit noch fehlen!?“
Doch vor der Ausführung dieser „sinnlosen Gemeinheit“ rettete ihn die Vorsehung selbst, die ganz spezielle aller anständigen und ehrenwerten Menschen. Kaum war er nämlich auf die Straße getreten, als er plötzlich mit Alexandr Loboff zusammenstieß. Der Jüngling mußte in größter Eile gekommen sein und sah erregt aus.
„Ah, da sind Sie ja! Ich wollte zu Ihnen. Na, was sagen Sie zu unserem Freunde Pawel Pawlowitsch? Teufel noch eins!“
„Hat sich erhängt?“ stieß Weltschaninoff atemlos hervor.
„Wer hat sich erhängt? Wo?“ – Loboff riß die Augen auf.
„Nichts ... ich meinte es nur so – fahren Sie fort!“
„Pfui Teufel, was Sie für Gedanken haben! Sie meinten ihn? O nein, ist ihm gar nicht eingefallen – und weshalb sollte er? – im Gegenteil, er ist jetzt glücklich abgereist. Ich komme soeben vom Bahnhof, hab’ ihn in den Waggon gesetzt und fortexpediert. Teufel, wie der Kerl säuft, Sie glauben’s nicht! Wir haben zusammen drei Flaschen getrunken, Champagner! Predpossyloff war auch dabei. Aber wie er säuft, wie er säuft! Zum Schluß stimmte er noch Lieder an, sprach von Ihnen, winkte aus dem Fenster und warf uns Kußhände zu, – ließ Sie grüßen. Aber was meinen Sie, ist er nicht doch ein Schuft, – was?“
Der junge Mann war in der Tat nicht nüchtern: sein gerötetes Gesicht, die blitzenden Augen und die nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ab.
Weltschaninoff lachte schallend auf.
„Haha! Da haben Sie zu guter Letzt doch noch mit Brüderschaft geendet! Sind sich in die Arme gesunken und haben gemeinsam geweint! Ach, ihr Schillerianer!“
„Bitte schimpfen Sie nicht. Wissen Sie, er hat sich _dort_ von allem losgesagt. Gestern erfuhr ich’s schon, heute war ich wieder da. Er hat mörderlich geklatscht. Nadjä ist eingesperrt – sitzt wieder in der Kammer. Natürlich: Tränen, Geschrei, aber wir geben nicht nach! Doch wie er säuft, wie er säuft! Ich sag’ Ihnen, Sie glauben’s nicht! Und wissen Sie, was für einen ^mauvais ton^ er hat, das heißt, nicht ^mauvais ton^, aber – na, wie heißt das doch wieder? ... Und immer sprach er von Ihnen. Aber er ist ja gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Sie sind doch immerhin ein anständiger Mensch und haben wirklich mal zur höheren Gesellschaft gehört – sind nur jetzt gezwungen, sich von ihr zurückzuziehen – aus Armut, oder wie’s da war ... weiß der Teufel, ich wurde nicht klug aus ihm ...“
„Ah, so hat _er_ Ihnen in _diesen_ Ausdrücken von mir erzählt?“
„Er, natürlich, ärgern Sie sich nicht. Mensch sein, ist mehr wert, als die ganze höhere Gesellschaft. Ich sage das, weil man heutzutage in Rußland nicht weiß, wen man achten soll. Sie müssen doch zugeben, daß das eine schlimme Zeitkrankheit ist, wenn man nicht weiß, wen man achten soll, – nicht wahr?“
„Gewiß, gewiß, aber was sagte er _noch_?“
„Er? Ja richtig! ... Ach ja! – weshalb sagte er immer: ‚der fünfzigjährige, _doch_ verarmte Weltschaninoff‘? Weshalb ‚_doch_ verarmte‘ und nicht ‚_und_ verarmte‘? Und er lachte dabei, wiederholte es tausendmal! Im Coupé begann er zu singen und dann weinte er – einfach widerlich; er konnte einem sogar leid tun, – in seiner Betrunkenheit. Ach, ich mag Dummköpfe nicht! Den Bettlern warf er Geld hin, die sollten für die Seelenruhe einer Lisaweta beten – das war wohl seine Frau?“
„Seine Tochter.“
„Was ist mit Ihrer Hand?“
„Ich habe mich geschnitten.“
„Tut nichts, vergeht. Wissen Sie, hol’ ihn der Teufel, gut, daß er fort ist; aber ich wette, daß er dort, wohin er jetzt kommt, sogleich wieder heiraten wird, – hab’ ich nicht recht?“
„Aber Sie wollen doch auch heiraten?“
„Ich? Ja, ich! – ich bitte Sie, das ist doch etwas ganz anderes! Sind Sie sonderbar! Wenn Sie ein Fünfzigjähriger sein sollen, dann ist er bestimmt schon ein Sechzigjähriger! Hier tut Logik not, mein Bester! Aber wissen Sie, früher, das ist schon lange her, da war ich ein Slawophile, in meinen Überzeugungen, meine ich, doch jetzt, jetzt erwarten wir die Morgenröte vom Westen ... Nun, auf Wiedersehen; gut, daß ich Sie hier traf, so brauchte ich nicht hinaufzugehen; fordern Sie mich nicht auf, bitten Sie nicht, habe keine Zeit! ...“
Und er eilte davon.
„Ach, richtig, wie konnt’ ich’s denn vergessen!“ rief er plötzlich, indem er schnell wieder zurückkam, „er hat mich doch mit einem Brief zu Ihnen geschickt! Hier ist der Brief. Weshalb kamen Sie nicht zum Abschied zur Bahn?“
Weltschaninoff kehrte in seine Wohnung zurück und erbrach das Kuvert, das mit seiner Adresse versehen war.
Doch der Brief, der in dem Kuvert lag, war nicht von Pawel Pawlowitsch – der hatte keine Zeile geschrieben, kein Wort. Weltschaninoff erkannte aber die Handschrift sogleich. Es war ein alter Brief, das Papier war vergilbt und die Schrift verblaßt. Der Brief war vor zehn Jahren an ihn nach Petersburg geschrieben, zwei Monate nach seiner Abreise aus T. Doch den Brief hatte er niemals erhalten; statt seiner war damals jener andere Brief gekommen: das ging deutlich aus diesen blassen Zeilen hervor.
In diesem Brief machte Natalja Wassiljewna, indem sie für immer von ihm Abschied nahm – die Abschiedsworte waren dieselben, wie in jenem anderen Brief, den er damals erhalten hatte, und indem sie ihm auch gestand, daß sie bereits einen anderen liebte – kein Geheimnis daraus, daß sie tatsächlich schwanger war, was sie ihm ja schon in T. mitgeteilt hatte. Sie versprach ihm sogar, um ihn zu trösten, daß sie Gelegenheit finden werde, ihm das Kind zu zeigen; jetzt seien es Pflichten, die sie verbänden, schrieb sie, und ihre Freundschaft sei nun durch unzerreißbare Bande gesichert. Kurz, es war wenig Logik in dem Brief. Der Sinn war schließlich der, daß er sie mit seiner Liebe verschonen solle. Dann aber erlaubte sie ihm wieder, sie nach einem Jahr einmal in T. zu besuchen, wenn er den Wunsch haben sollte, das Kind zu sehen. Gott weiß, weshalb sie sich bedacht und nicht diesen, sondern jenen anderen Brief abgesandt haben mochte!?
Weltschaninoff war bleich, während er las. Er stellte sich Pawel Pawlowitsch vor, wie er diesen Brief gefunden und zum erstenmal gelesen hatte! – über der geöffneten Schatulle aus Ebenholz, mit der kunstvollen Einlegearbeit in Perlmutter und Silber ...
„Auch er muß bleich geworden sein, wie ein Toter,“ dachte Weltschaninoff, als er sein Gesicht zufällig im Spiegel sah, „er hat nachher wohl die Augen geschlossen und sie plötzlich wieder geöffnet, in der Hoffnung, daß der Brief sich in gewöhnliches weißes Papier verwandelt haben werde ... Dreimal wenigstens mag er den Versuch wiederholt haben! ...“
XVII. Der ewige Gatte.
Fast ganze zwei Jahre waren seit den von uns geschilderten Ereignissen vergangen. Es war ein wundervoller Sommertag, als Herr Weltschaninoff auf einer unserer neueröffneten Eisenbahnstrecken nach Odessa fuhr. Dort wollte er einen ehemaligen Freund besuchen, und zwar nicht nur, um eine kleine Abwechslung zu haben, sondern gleichzeitig noch aus einem anderen, gleichfalls sehr angenehmen Grunde: durch diesen Freund hoffte er nämlich die Bekanntschaft einer äußerst interessanten Dame zu machen, die näher kennenzulernen schon lange sein Wunsch gewesen war. Ohne auf Einzelheiten einzugehen sei hier nur bemerkt, daß er sich in diesen letzten zwei Jahren stark verändert, oder richtiger, verbessert hatte. Von seiner einstigen Hypochondrie war keine Spur mehr zu bemerken, und von den verschiedenen „Erinnerungen“ und Aufregungen, die ihn vor zwei Jahren in Petersburg heimgesucht hatten – damals, als er infolge der ungünstigen Wendung seines Rechtsstreits ganz nervös geworden war – von all diesen Unannehmlichkeiten war ihm nichts weiter verblieben, als die Empfindung einer gewissen Scham, wenn er seines damaligen „Kleinmuts“ gedachte. Doch auch diese Empfindung wurde zum Teil wieder aufgehoben durch die Überzeugung, daß sich „so etwas“ nie mehr wiederholen werde, und daß von dem „einen Fall“ ja niemand etwas erfahren konnte. Allerdings hatte er sich damals aus dem Gesellschaftsleben ganz zurückgezogen, hatte sogar sein Äußeres vernachlässigt, und war allen aus dem Wege gegangen – was natürlich von _allen_ erst recht bemerkt worden war. Doch hatte er sich so bald mit seinem alten Selbstvertrauen überall wieder eingefunden, daß ihm „_alle_“ seinen kurzen Abfall gern verziehen; und selbst diejenigen, die er bereits zu grüßen aufgehört hatte und von denen er schon beinahe vollständig übersehen worden war, grüßten ihn jetzt zuerst und streckten ihm die Hand entgegen, und zwar ohne alle langweiligen Fragen – ganz als sei er während der Zeit irgendwo fern von Petersburg in Privatangelegenheiten, die niemand angingen, verreist gewesen und erst jetzt wieder zurückgekehrt. Die Ursache dieser günstigen Veränderungen war natürlich sein gewonnener Prozeß. Weltschaninoff hatte im ganzen sechzigtausend Rubel erhalten, fraglos nur eine Kleinigkeit, die aber für ihn im Augenblick doch sehr wertvoll war: vor allem fühlte er jetzt wieder festen Boden unter den Füßen, und das gab ihm dann einen ganz anderen moralischen Halt. Außerdem wußte er nun mit aller Bestimmtheit, daß er dieses letzte Vermögen nicht mehr „wie ein Esel“ verschleudern werde, wie er die ersten beiden verschleudert hatte, daß er vielmehr jetzt bis an sein Lebensende sichergestellt war. „Mag ihr ganzes Gesellschaftsgebäude krachen und mögen sie da reden und schreiben was sie wollen,“ dachte er bisweilen, wenn er all das Wunderliche und Unglaubliche sah und hörte, das rings um ihn und in ganz Rußland zu sehen und zu hören war, „und mögen sich auch alle Menschen und ihre Ansichten verändern, ich werde doch immer dieses feine und schmackhafte Mittagessen haben, zu dem ich mich jetzt an den Tisch gesetzt, folglich aber brauche ich mir um die Zukunft keine Sorgen zu machen, gleichviel, was da kommen wird.“ Dieser Gedanke, zärtlich, wie er ihn hegte, ging ihm allmählich fast in Fleisch und Blut über und verursachte in ihm nicht nur eine moralische, sondern fast sogar auch eine rein physische Umwandlung: er sah ganz anders aus, war gar nicht mehr zu vergleichen mit jenem Hypochonder, der er vor zwei Jahren gewesen und dem bereits so „unanständige“ Widerwärtigkeiten hatten begegnen können. Er war vielmehr heiter und selbstbewußt und imponierte durch seine Überlegenheit. Selbst die bösartigen kleinen Runzeln, die sich bereits um die Augen und auf der Stirn einzunisten begonnen hatten, waren jetzt so gut wie ganz verschwunden, und sogar seine Gesichtsfarbe sah jünger und frischer aus. Zur Stunde saß er sehr bequem in einem Coupé erster Klasse und hatte nichts dagegen einzuwenden, daß in seinem Gehirn ein plötzlich entstandener Gedanke sich immer breiter machte, zumal dieser nicht ohne Reiz war. Auf der nächsten Station bog nämlich eine Zweigbahn nach rechts ab: wenn er nun, so dachte er, die Hauptlinie verlassen und sich auf kurze Zeit nach rechts begeben würde, dann brauchte er nur die Strecke von zwei Stationen zurückzulegen, um von dort aus eine bekannte Dame besuchen zu können, die gerade jetzt aus dem Auslande zurückgekehrt war und sich zurzeit in einer ihm sehr angenehmen, doch sie gewiß sehr langweilenden Provinzeinsamkeit aufhielt: es bot sich ihm also die beste Gelegenheit, daselbst einige Zeit nicht weniger interessant zu verbringen, als in Odessa – und was ihn dort erwartete, lief jedenfalls auch nicht fort. Er war aber doch noch unentschlossen und wußte nicht, wozu er sich nun endgültig entscheiden sollte. Er wartete auf einen „Schicksalswink“ oder etwas Ähnliches. Inzwischen hatte der Zug die betreffende Station erreicht, und der „Schicksalswink“ blieb auch nicht aus.
Der Zug hatte hier nämlich vierzig Minuten Aufenthalt und die Passagiere konnten sich ein Mittagessen bestellen. Am Eingang zum Wartesaale erster und zweiter Klasse drängte sich wie gewöhnlich eine Menge Ungeduldiger, die es eilig hatten, und bei der Gelegenheit kam es – vielleicht gleichfalls „wie gewöhnlich“ – zu einem Skandal. Eine Dame, die aus einem Coupé zweiter Klasse ausgestiegen war und die ein sehr hübsches Gesichtchen hatte – nur war sie für eine Reisende viel zu auffallend gekleidet – schleppte fast mit Gewalt einen noch sehr jungen und hübschen Ulanenoffizier, der sich immer wieder von ihr losreißen wollte, zum Wartesaal. Der junge Offizier war stark betrunken, und die Dame – offenbar eine ältere Verwandte – mochte ihn nur deshalb bei sich behalten wollen, weil sie wohl befürchtete, daß er sonst das Büfett aufsuchen und weitertrinken würde. In der Tür, wo das Gedränge am größten war, stieß der Ulan recht unsanft mit einem Kaufmann zusammen, der gleichfalls einen Rausch hatte. Dieser Kaufmann hielt sich schon den zweiten Tag auf der Station auf, trank, umringt von einem ganzen Anhang, warf das Geld mit vollen Händen fort, und verpaßte immer wieder den Zug, der ihn weiterbringen sollte. Es entstand ein Streit, der Kaufmann schimpfte und der Offizier schrie ihn an, die Dame aber zerrte ihren Schützling ganz verzweifelt fort und suchte ihn zu beschwören, indem sie immer nur flehentlich „Mitinka! Mitinka!“ rief. Das erschien dem braven Kaufmann doch zu skandalös; alles lachte natürlich, er aber fühlte sich durch die, wie ihm schien, so offen verletzte „Moral“ tief gekränkt.
„Seht doch: ‚Mi–tin–ka‘!“ äffte er die hohe Stimme der Dame im Fisteltone nach, „selbst in der Öffentlichkeit schämen sie sich nicht mehr!“
Und er näherte sich schwankend der Dame, die auf den ersten besten Stuhl niedergesunken war und den Ulan neben sich hingesetzt hatte, betrachtete beide verächtlich und schimpfte gedehnt:
„’Ne Schlumpe bist du, ’ne Schlumpe, sieh, wie dein Kleiderschwanz aussieht!“
Die Dame schrie auf und sah sich hilfesuchend nach einem Verteidiger um. Sie schämte sich und fürchtete sich – und zur Vollendung des Jammers sprang noch der Ulan auf und wollte sich brüllend auf den Kaufmann stürzen, stolperte aber über die eigenen Beine, schwankte und fiel auf seinen Platz zurück. Das Gelächter wurde noch lauter, und niemand dachte daran, der bedrängten Dame zu Hilfe zu kommen. Da griff Weltschaninoff als Retter ein: er packte plötzlich den Kaufmann am Kragen, drehte ihn von der Dame fort und stieß ihn so, daß er fünf Schritte weit flog. Damit aber war der Skandal zu Ende. Der Kaufmann war ganz verblüfft, sowohl durch den Stoß wie durch die imponierende Erscheinung Weltschaninoffs, und ließ sich von der Schar seiner Freunde widerspruchslos fortführen. Das Auftreten des elegant gekleideten Herrn flößte auch den Spöttern Achtung ein: das Lachen verstummte. Die Dame begann sogleich, errötend und fast unter Tränen, ihn ihrer Dankbarkeit zu versichern. Der Ulan stotterte: „Da–anke, da–anke!“ und wollte Weltschaninoff bereits die Hand reichen, besann sich jedoch eines Besseren und streckte sich auf den Stühlen aus.
„Aber Mitinka!“ rief die Dame vorwurfsvoll und schlug die Hände zusammen.
Weltschaninoff begann der Vorfall zu amüsieren und die Dame interessierte ihn. Allem Anscheine nach war sie eine reiche Kleinstädterin, die sich für die Reise viel zu auffallend und leider auch geschmacklos gekleidet hatte. Jedenfalls waren ihre Manieren ein wenig lächerlich. Mit einem Wort, sie schien alle die Eigenschaften zu besitzen, die einem großstädtischen Gecken jeden Erfolg garantieren. Es begann eine Unterhaltung: die Dame erzählte sehr viel und beklagte sich über ihren Gatten, der plötzlich aus dem Coupé irgendwohin verschwunden sei. Nur deshalb sei alles passiert: immer verschwände er gerade dann, wenn man ihn nötig habe.
„Irgendwohin ...“ brummte der Ulan.
„Ach, Mitinka!“ rief sie wieder vorwurfsvoll und rang die Hände vor Ratlosigkeit.
„Na, dem Gatten wird’s schlimm gehen!“ dachte Weltschaninoff.
„Ich werde versuchen, ihn ausfindig zu machen. Darf ich fragen, wie Ihr Herr Gemahl heißt?“
„Pal Palytsch,“ versetzte der Ulan.
„Ihr Gemahl heißt Pawel Pawlowitsch?“ fragte Weltschaninoff interessiert, als plötzlich ein ihm wohlbekannter kahler Kopf zwischen ihm und der Dame auftauchte. Einen Moment sah er wieder den Sachlebininschen Garten, die kindlich frohe Mädchenschar vor sich, und dann diesen lästigen kahlen Kopf, der ewig zwischen ihm und Nadjä aufgetaucht war.
„Da sind Sie endlich!“ empfing die Dame ganz empört ihren Gatten.
Es war tatsächlich derselbe Pawel Pawlowitsch, der jetzt vor ihm stand und ihn anstarrte, als sehe er ein Gespenst. Sein Schrecken war so groß, daß er augenscheinlich nichts davon verstand, was seine gekränkte Gattin erregt und empört vorbrachte, ja, vielleicht hörte er sie nicht einmal reden. Endlich fuhr er erschrocken zusammen und erfaßte offenbar im Augenblick die ganze Sachlage: seine Schuld und Mitinkas Schuld und schließlich, daß dieser „Mßjö“ – so hatte die Dame Weltschaninoff bezeichnet – als „Schutzengel und Retter“ seiner Gattin beigestanden hatte, während er, der Sündenbock, ewig nicht zur Stelle war, wenn er zur Stelle sein sollte ...
Weltschaninoff lachte auf – köstlich amüsiert.
„Aber wir sind ja doch Freunde, sogar ‚Jugendfreunde‘!“ unterbrach er lachend den Redefluß der Dame, und faßte Pawel Pawlowitsch, gleichsam ein wenig familiär protegierend, mit seinem rechten Arm um die Schultern, während dieser mit bleichen Lippen lächelte. „Hat er Ihnen nie etwas von Weltschaninoff erzählt?“
„Nein, niemals ...“ sagte die Dame etwas verwundert.
„Aber so stellen Sie mich doch Ihrer Frau Gemahlin vor, Sie ungetreuer Freund!“
„Das ist ... wirklich, Lipotschka, das ist Herr Weltschaninoff, ja ...“ begann Pawel Pawlowitsch, blieb beschämenderweise stecken, und wußte nicht, was er sagen oder tun sollte.
Die Gemahlin wurde feuerrot vor Zorn, da er sie mit „Lipotschka“ anzureden gewagt hatte: der Blick, der den armen Gatten traf, war gewiß nicht zärtlich.
„Und denken Sie sich, nicht einmal seine Verlobungsanzeige hat er mir geschickt, und auch zur Hochzeit hat er mich nicht eingeladen, doch Sie, Olympiada ...“
„Ssemjonowna,“ half ihm Pawel Pawlowitsch.
„Ssemjonowna!“ wiederholte plötzlich wie ein Echo der Ulan, der bereits eingeschlummert zu sein schien.
„Sie müssen es ihm schon verzeihen, Olympiada Ssemjonowna, um dieses freundschaftlichen Wiedersehens willen ... Er ist – ein guter Gatte!“
Und Weltschaninoff klopfte bei diesen Worten Pawel Pawlowitsch freundschaftlich auf die Schulter.
„Herzchen, ich war nur ... nur einen Augenblick ... etwas ... etwas zurückgeblieben,“ begann Pawel Pawlowitsch sich zu rechtfertigen.
„Und haben Ihre Frau einer schändlichen Szene preisgegeben!“ fiel ihm Lipotschka sogleich ins Wort, „wo es nötig ist – da sind Sie nicht da, wo es nicht nötig ist – da sind Sie da ...“
„Wo’s nicht nötig ist – _da_, wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ wiederholte der Ulan.
Lipotschka war fast atemlos vor Ärger und Aufregung, sie wußte es ja selbst, daß es nicht gut war, sich in Weltschaninoffs Gegenwart gehen zu lassen, und sie schämte sich deshalb auch, doch konnte sie sich nicht mehr beherrschen.
„Wo es nicht nötig ist, sind Sie nur _zu_ vorsichtig, nur _zu_ vorsichtig!“ entfuhr es ihr unwillkürlich.
„Unterm Bett ... sucht er Liebhaber ... unterm Bett – wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ rief plötzlich auch Mitinka ganz aufgebracht.
Doch mit Mitinka war nichts mehr anzufangen. Übrigens verlief die Sache noch ganz gut. Olympiada Ssemjonowna schickte Pawel Pawlowitsch zum Buffet, damit er ihnen Kaffee und Bouillon besorge, und erzählte dann Weltschaninoff, daß sie aus O. kämen, wo ihr Gatte angestellt sei, und nun zwei Monate auf ihrem Landgute zubringen wollten; das Gut sei von dieser Station nur noch vierzig Werst entfernt und dort hätten sie ein schönes Haus und einen schönen Garten, und es käme auch Besuch hin, und sie hätten auch nette Nachbarn, und wenn er, Alexei Iwanowitsch, ihnen die Freude machen wollte, sie dort in ihrer „Einsamkeit“ zu besuchen, so werde sie ihn wie ihren „Schutzengel und Retter“ empfangen, denn sie könne noch nicht ohne Entsetzen daran denken, was geschehen wäre, wenn nicht er ... usw. usw., mit einem Wort, sie werde ihn aufnehmen wie ihren „Schutzengel“ ...
„Und Retter, und Retter,“ fügte der Ulan eifrig hinzu.
Weltschaninoff dankte höflich und erwiderte, daß er jederzeit gern dazu bereit sein würde, da ihn als den unbeschäftigten Menschen, der er war, nichts binde, und daß ihre Aufforderung ihm sehr schmeichelhaft sei. Darauf begann er eine amüsante Unterhaltung, in der er ihr geschickt zwei oder drei Komplimente sagte. Lipotschka errötete vor Vergnügen, und als Pawel Pawlowitsch zurückkehrte, teilte sie ihm sogleich freudestrahlend mit, daß Alexei Iwanowitsch so liebenswürdig gewesen sei, ihre Aufforderung, sie auf dem Landgute zu besuchen, und einen Monat bei ihnen zu verbringen, anzunehmen und daß er versprochen habe, in einer Woche einzutreffen. Pawel Pawlowitsch lächelte zerstreut und schwieg, weshalb Olympiada Ssemjonowna mit einem Achselzucken zur Decke emporsah, ganz konsterniert über die Unhöflichkeit des Gatten, der kein Wort zu sagen verstand. Endlich trennte man sich: es war nochmals von Dankbarkeit die Rede, wieder fiel das Wort „Schutzengel“ und vor dem „Retter“ wieder in vorwurfsvollem Tone ein „Aber Mitinka“, bis schließlich Pawel Pawlowitsch seine Gattin und den Ulan zum Coupé geleitete. Weltschaninoff zündete sich eine Zigarette an und promenierte auf dem Bahnsteig: er wußte, daß Pawel Pawlowitsch sogleich zu ihm zurückkehren werde, um mit ihm noch bis zum Glockenzeichen zu sprechen. Und so geschah es auch. Pawel Pawlowitsch tauchte alsbald wieder auf, blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einer angstvollen Frage im Blick und gewissermaßen in der ganzen Haltung an. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen, faßte ihn „freundschaftlich“ am Ellenbogen und zog ihn zur nächsten Bank, auf der er sich niederließ und den anderen auch Platz zu nehmen bat. Dann schwieg er, um Pawel Pawlowitsch zu veranlassen, das erste Wort zu sagen.
„Also – werden Sie zu uns kommen?“ begann dieser endlich, indem er ganz offen auf seine Besorgnis zu sprechen kam.
„Wußte ich es doch! Nein, Sie sind noch ganz der alte!“ rief Weltschaninoff lachend. „So sagen Sie mir doch,“ wandte er sich an ihn, indem er ihn wieder auf die Schulter schlug, „haben Sie denn wirklich auch nur einen Augenblick im Ernst glauben können, daß ich wirklich zu Ihnen zu Gast kommen könnte, und das noch dazu auf einen ganzen Monat – hahaha!“
Pawel Pawlowitsch fuhr lebhaft auf.
„So werden Sie – _nicht_ kommen?“ fragte er, ohne seine Freude zu verbergen.
„Nein, beruhigen Sie sich, ich komme nicht!“ lachte Weltschaninoff selbstzufrieden.
Übrigens begriff er nicht, weshalb er lachte, doch je länger sie beisammen waren, um so lachhafter erschien ihm alles.
„Wirklich ... sprechen Sie wirklich im Ernst?“ – Pawel Pawlowitsch sprang von der Bank auf und zitterte ordentlich vor Spannung.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht kommen werde, – Sie sind ein sonderbarer Mensch.“
„Aber was soll ich denn ... wenn es so ist ... was soll ich denn Olympiada Ssemjonowna sagen, wenn Sie nicht kommen und sie Sie vergeblich erwartet?“
„Mein Gott, da ist doch keine Schwierigkeit! Sagen Sie, ich hätte ein Bein gebrochen oder etwas Ähnliches.“
„Sie wird es nicht glauben,“ meinte Pawel Pawlowitsch kleinlaut.
„Nun, dann werden Sie büßen müssen?“ lachte Weltschaninoff immer noch. „Aber wie ich sehe, mein armer Freund, haben Sie ja vor Ihrer schönen Frau Gemahlin förmlich Angst, wie?“
Pawel Pawlowitsch versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Daß Weltschaninoff den Besuch ablehnte, das war natürlich gut, doch daß er sich in bezug auf seine Frau so ungeniert ausdrückte, das war natürlich nicht mehr gut. Er fühlte sich etwas gekränkt, was Weltschaninoff nicht entging. Da ertönte das zweite Glockenzeichen, und gleich darauf hörte man aus einem fernen Abteil eine hohe Damenstimme ängstlich Pawel Pawlowitsch rufen. Dieser wurde unruhig, folgte aber doch nicht dem Ruf, da er offenbar noch etwas von Weltschaninoff erwartete – natürlich nur die endgültige Versicherung, daß er sie bestimmt nicht besuchen werde.
„Was für eine Geborene ist Ihre Frau Gemahlin?“ erkundigte sich Weltschaninoff, als bemerke er die Aufregung des anderen gar nicht.
„Sie ist die Tochter unseres Propstes,“ antwortete Pawel Pawlowitsch, der ängstlich nach dem Coupé hinsah und zu horchen schien.
„Ah, verstehe, also nur um der Schönheit willen.“
Diese Bemerkung schien Pawel Pawlowitsch wieder nicht recht zu sein.
„Und wer ist denn dieser Mitinka?“
„Der ist nur so – ein entfernter Verwandter von uns, das heißt, von mir, der Sohn meiner verstorbenen Kusine, Golubtschikoff. Wegen Kassengeschichten ist er degradiert worden, jetzt aber wieder avanciert – wir haben ihm wieder aufgeholfen ... Ein armer, junger Mann ...“
„Na ja, also alles in Ordnung: komplette Einrichtung!“ dachte Weltschaninoff.
„Pawel Pawlowitsch!“ ertönte in diesem Augenblick von neuem der Ruf aus dem Coupé, und zwar bereits recht ärgerlich.
„Pal Palytsch!“ wiederholte eine andere, heisere Stimme.
Pawel Pawlowitsch wurde wieder unruhig und wußte nicht, wo er sich lassen sollte, doch plötzlich faßte ihn Weltschaninoff am Ellenbogen und hielt ihn fest.
„Oder wollen Sie – daß ich sogleich hingehe und Ihrer Frau erzähle, wie Sie mich ermorden wollten?“
„Was fällt Ihnen ein, was ...“ Pawel Pawlowitsch starrte ihn ganz entsetzt an, „um Gottes willen!“
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ hörte man wieder rufen.
„Na, dann gehen Sie nur!“ Weltschaninoff gab mit gutmütigem Lachen seinen Arm frei.
„So werden Sie wirklich nicht kommen?“ flüsterte Pawel Pawlowitsch fast verzweifelt, und er faltete dazu die Hände wie im Gebet.
„Aber ich schwöre Ihnen doch, daß ich nicht kommen werde! Eilen Sie nur, sonst kann’s schlimm werden!“
Und er streckte ihm zum Abschied herzlich und offen die Hand entgegen – und – zuckte gleichzeitig zusammen: Pawel Pawlowitsch nahm sie nicht, ja er zog seine Hand sogar zurück.
Das dritte Glockenzeichen ertönte.
In beiden ging plötzlich etwas Seltsames vor sich: es war, als habe ein Augenblick sie verwandelt. Weltschaninoff, der noch vor einer Minute gelacht hatte, war sehr ernst. Es war ihm, als sei in ihm plötzlich etwas zerrissen. Wütend faßte er Pawel Pawlowitsch wie mit eiserner Hand an der Schulter.
„Wenn ich, _ich_ Ihnen hier diese Hand hinreiche,“ und er hielt ihm seine Hand hin, über die sich quer eine breite Narbe hinzog, „so könnten Sie sie wohl nehmen!“ sagte er heiser mit zitternden, bleichen Lippen.
Pawel Pawlowitsch war gleichfalls erbleicht und auch seine Lippen begannen zu zittern. In seinem Gesicht zuckte es eigentümlich.
„Aber Lisa?“ stieß er plötzlich kurz flüsternd hervor und seine Lippen zuckten und die Wangen und das Kinn begannen zu zittern, und plötzlich stürzten ihm Tränen aus den Augen.
Weltschaninoff stand vor ihm und rührte sich nicht.
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ wurde aus dem Coupé geschrien, als werde dort jemand ermordet, – ein Pfiff von der Lokomotive, ein Stoßen ...
Pawel Pawlowitsch kam plötzlich zu sich, als wache er auf, sah sich erschrocken um und eilte dann Hals über Kopf zu seinem Coupé; der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch es gelang ihm noch, im letzten Augenblick auf das Trittbrett zu springen und sich festzuhalten. Weltschaninoff blieb auf der Station zurück und fuhr erst mit dem Abendzuge auf derselben Strecke weiter. Die Fahrt nach rechts, zu seiner Bekannten, unterließ er – er war gar zu wenig in der Stimmung dazu. Nachher hat er’s dann freilich doch sehr bereut!
Fußnoten
[1] Lehrer. E. K. R.
[2] Großmütterchen. E. K. R.
[3] Der alten Dame sagt der Name Polina (Pauline), wohl weil er fremden Ursprungs ist, nicht sonderlich zu, weshalb sie einfach den echt russischen Namen Praskówja (eigentlich Paraskéwa) gebraucht. E. K. R.
[4] Großmutter, übliche Anrede für alte nahestehende Frauen.
[5] Die Ärzte in Rußland waren zu der Zeit größtenteils Deutsche. E. K. R.
[6] Strolch. E. K. R.
[7] Gónor (polnisch) im Russischen ironische Bezeichnung für übertriebenes polnisches „Ehrgefühl“. E. K. R.
[8] Landhaus in einem Villenort, gewöhnlich eine Villa in der Nähe der Stadt für den Sommeraufenthalt, auch kleines Landgut. E. K. R.
[9] Ehrenbegleiter des Brautpaares, von denen der eine über dem Bräutigam, der andere über der Braut während der Trauung die goldene Krone hält. E. K. R.
[10] Abkürzung von Nadeschda. E. K. R.
[11] Michail Iwanowitsch Glinka, 1804-1857, Schöpfer einer national-russischen Musik. E. K. R.
[12] Ein von Dostojewski geprägtes Wort: Der Mensch aus dem dunkelsten Winkel der Großstadt, der in den Keller seiner Selbsterkenntnis gestiegen ist. E. K. R.
[13] Ssaschenka – Diminutiv von Ssascha, der Koseform von Alexandr. E. K. R.
[14] M. J. Saltykoff, 1826-1889 (Pseud. N. Schtschedrin), russischer Satiriker, schrieb „Des Lebens Kleinigkeiten“. E. K. R.
Anmerkungen zur Transkription.
Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Einundzwanzigster Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910.
Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches verschoben.
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
Alexandr (Alexander) Nadjä (Nadja) Pogorjelzeff (Poporjelzeff, Porgojelzeff)
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Ausgaben, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 61]: ... ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort widergegeben ... ... ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort wiedergegeben ...
[S. 63]: ... eine solche Macht über mich sich selbst zuzustehen geruhte. ... ... eine solche Macht über mich sich selbst zuzugestehen geruhte. ...
[S. 183]: ... von Paul de Cock zum Lesen – und noch dazu ... ... von Paul de Kock zum Lesen – und noch dazu ...
[S. 208]: ... nun zusammen mit dem früheren zweihundert Friedrichsdor. ... ... nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor. ...
[S. 336]: ... Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schnucken ... ... Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schluchzen ...
[S. 531]: ... nicht ganz gehorsame Zunge legte davon deutlich Zeugnis ... ... nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ...