XI.
Der Stuhl wurde zum Ausgang am anderen Ende des Saales gerollt. Die Babuschka strahlte.
Die Unsrigen drängten sich jetzt sogleich mit Glückwünschen zu ihr und belagerten sie förmlich. So exzentrisch das Benehmen der alten Dame war – ihr Triumph am Spieltisch machte doch alles wieder gut, und so befürchtete denn auch der General nicht mehr, sich durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dieser originellen alten Dame zu kompromittieren. Mit einem familiär-heiteren und sozusagen nachsichtigen Lächeln, als gälte es, ein Kind zu beruhigen, näherte er sich ihr und gratulierte zum Gewinn. Übrigens war er sichtlich verblüfft, wie es auch alle anderen Zuschauer zu sein schienen. Wenigstens sprach man ringsum nur von ihr und alle sahen sich nach ihr um oder deuteten mit dem Blick auf sie hin. Viele gingen sogar an ihr vorüber, um sie näher zu betrachten. Mister Astley, der mit zwei Engländern, seinen Bekannten, etwas abseits stand, sprach mit diesen gleichfalls von ihr. Einige majestätische Damen musterten sie mit Verwunderung, als wäre sie etwas noch nie Dagewesenes ... De Grillet zerging nur so in lächelnden Bonmots und Komplimenten.
„^Quelle victoire!^“ rief er aus.
„^Mais, madame, c’était du feu!^“ fügte mit bezauberndem Lächeln Mademoiselle Blanche hinzu.
„Ja, seht ihr mal, da habe ich im Handumdrehen zwölftausend Florins gewonnen! Was sage ich zwölf! – und das Gold? Mit dem Golde zusammen werden es fast ganze dreizehn sein. Wieviel ist das nach unserem Gelde? So an sechstausend wird’s sein, nicht?“
Ich sagte, daß es auch siebentausend übersteige und nach dem gegenwärtigen Kurs vielleicht nicht viel an achttausend Rubel fehlten.
„Spaß! Achttausend! Und ihr sitzt hier wie die Schlafmützen und tut nichts! Potapytsch, Marfa, habt ihr gesehen?“
„Mütterchen! Achttausend Rubel! Du meine Güte, wie macht man das?“ rief Marfa aus, die ganz geknickt die Hände zusammenschlug.
„Hier, nehmt, hier habt ihr von mir fünf Goldstücke, hier!“
Potapytsch und Marfa wußten kaum, wie ihnen geschah, und küßten ihr die Hände.
„Und die Träger müssen auch jeder einen Friedrichsdor erhalten. Gib ihnen, Alexei Iwanowitsch, gib jedem ein Goldstück. – Was will der, was ist er? – ein Diener? Warum grüßt er und der andere auch? Ah, sie wollen gratulieren! Gib auch ihnen einen Friedrichsdor, jedem einen.“
„^Madame la princesse ... un pauvre expatrié ... malheur continuel ... les princes russes sont si généreux^ ...“ murmelte unter fortgesetzten Bücklingen eine Gestalt in einem ziemlich schäbigen Überrock, bunter Weste, die Mütze in der Hand und mit einem kriechenden Lächeln unter dem Schnurrbart.
„Gib ihm auch einen Friedrichsdor ... Nein, gib ihm zwei! Nun, genug jetzt, sonst nimmt das überhaupt kein Ende. Nun, vorwärts, vorwärts! Praskowja,“ wandte sie sich an Polina Alexandrowna, „ich werde dir morgen ein Kleid kaufen und dieser meinetwegen auch, dieser Mademoiselle – wie heißt sie, Mademoiselle Blanche, nicht, so war’s doch? – Die soll auch ein Kleid bekommen. Übersetz ihr das, Praskowja!“
„^Merci, madame^,“ dankte Mademoiselle Blanche mit einer graziösen Verbeugung und einem spöttischen Lächeln, während sie mit de Grillet und dem General flüchtig einen Blick austauschte. Letzterer wurde nach diesem Blick sehr verlegen und atmete auf, als wir endlich in der Allee anlangten.
„Fedossja, wie sich Fedossja jetzt wundern wird!“ entsann sich die Babuschka plötzlich der Kinderfrau. „Auch ihr muß ich Zeug zu einem Kleide schenken. Du, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, gib diesem Armen!“
Irgend ein heruntergekommenes Subjekt in zerlumpter Kleidung ging an uns vorüber und sah uns an.
„Das ist vielleicht gar kein Armer, sondern nur so ein Strolch, Babuschka.“
„Gib nur, gib! Gib ihm einen Gulden.“
Ich ging ihm nach und gab ihm einen Gulden. Er sah mich ganz verständnislos an, nahm aber doch schweigend den Gulden in Empfang. Er roch nach Branntwein.
„Und du, Alexei Iwanowitsch, hast du dein Glück noch nicht versucht?“
„Nein, noch nicht, Babuschka.“
„Und dabei blitzten deine Augen nur so – glaubst du, ich habe es nicht bemerkt?“
„Ich werde schon noch mein Glück versuchen, aber später.“
„Und setze unbedingt auf ^zéro^! Du wirst sehen. Wieviel Geld hast du?“
„Im ganzen nur zwanzig Friedrichsdor, Babuschka.“
„Das ist nicht viel. Wenn du willst, werde ich dir fünfzig Friedrichsdor leihen. Nein, nimm gleich diese Rolle. Du aber, Väterchen, brauchst deshalb noch längst nicht zu glauben, daß du auch was erhältst! Dir geb ich nichts!“ wandte sie sich von mir zum General.
Es ging ihm, wie mir schien, durch Mark und Bein, aber er sagte nichts. De Grillet ärgerte sich.
„^Que diable, c’est une terrible vieille!^“ stieß er unwirsch zwischen den Zähnen hervor. Er ging neben dem General.
„Ein Armer, ein Armer, sieh, dort kommt wieder ein Armer!“ rief die Babuschka. „Alexei Iwanowitsch, gib auch diesem einen Gulden.“
Diesmal war es ein Greis mit silberweißem Haar, einem Stelzfuß, einem altmodischen Stock in der Hand und in einem dunkelblauen langen Rock. Er sah aus wie ein alter Soldat. Als ich ihm aber den Gulden geben wollte, trat er einen Schritt zurück und maß mich mit zornigem Blick.
„Was soll das, zum Teufel!“ rief er und es folgte noch eine Reihe von Kraftausdrücken.
„Nun, nun! Solch ein Dummkopf!“ rief die Babuschka, „nun, dann nicht! Vorwärts! Ich bin hungrig. Jetzt können wir sogleich zu Mittag speisen, dann lege ich mich ein wenig hin, und dann kehren wir zurück.“
„Was, Sie wollen noch weiterspielen, Babuschka!“ rief ich.
„Ja, was meinst du dazu? Soll ich denn, bloß weil ihr hier alle sauert, gleichfalls nichts tun und euch immerzu ansehn?“
„^Mais, madame^,“ legte sich de Grillet ins Mittel, „^les chances peuvent tourner, une seulè mauvaise chance et vous perdrez tout ... surtout avec votre jeu ... c’était terrible!^“
„^Vous perdrez absolument^,“ pflichtete ihm Mademoiselle Blanche schleunigst bei.
„Was geht denn das euch an? Nicht euer Geld werde ich verspielen, sondern meines! Aber wo ist dieser Mister Astley geblieben?“ fragte sie mich.
„Er blieb im Kursaal, Babuschka.“
„Schade; seht, das ist ein guter Mensch.“
Kaum waren wir im Hotel angelangt, da tauchte auch schon der Hotelverwalter vor uns auf, den die Babuschka sogleich zu sich heranwinkte, um sich ihres Glückes im Spiel zu rühmen. In ihrem Zimmer war das erste, was sie tat, daß sie Fedossja rufen ließ, der sie drei Friedrichsdor schenkte. Dann wünschte sie zu essen. Fedossja und Marfa schwammen in Seligkeit, während sie sie bedienten.
„Ach, Mütterchen,“ schnatterte Marfa, „das war wohl! ... Wie ich da so stand, sagte ich zu Potapytsch, was will denn unser Mütterchen dort machen? Auf dem Tisch aber liegt Geld und Gold und Silber – Himmel ... wie viel! In meinem ganzen Leben habe ich nicht soviel Geld gesehen, und ringsum sind alles nur Herrschaften, lauter Herrschaften! Und woher kommen sie nur, frage ich den Potapytsch, alle die vielen feinen Leute? Und ich denke noch so bei mir: mag ihr nur immer die heilige Mutter Gottes beistehen! Und da betete ich für Sie, Mütterchen, mein Herz aber wurde ganz schwach und ganz flau wurde mir zumute. Steh ihr nur immer bei, Gottchen, denke ich so bei mir, und da hat Ihnen denn auch Gott dies große Glück geschenkt! Ach du mein Himmelchen, wenn ich denke! Ich zittere eben noch, Mütterchen, sehen Sie nur, wie ich zittere! ...“
„Alexei Iwanowitsch, nach dem Essen – so um vier – mach dich bereit, dann gehen wir wieder. Jetzt aber kannst du vorläufig gehn, wohin du willst. Vergiß nur nicht, mir einen Arzt herzuschicken, man muß doch auch Brunnen trinken. Sieh nur zu, daß du es nicht vergißt!“ rief sie mir noch nach.
Ich verließ sie wie betäubt. Obschon ich nicht denken wollte, beschäftigten sich meine Gedanken doch unausgesetzt mit der Vorstellung, was jetzt aus den Unsrigen werden würde. Ich sah es ja deutlich, daß sie alle, namentlich aber der General, noch gar nicht so recht zu sich gekommen waren, nicht einmal vom ersten Schreck hatten sie sich erholt! Die Tatsache des Erscheinens der Großmutter anstatt des stündlich erwarteten Eintreffens der Todesnachricht – die doch gleichbedeutend gewesen wäre mit der Anzeige der Erbschaft – hatte alle ihre Pläne, Hoffnungen und Berechnungen so über den Haufen geworfen, daß sie sich, wie unter dem Bann völliger Gedankenlähmung, zu den weiteren Heldentaten der Babuschka am Spieltisch fast ganz apathisch verhielten. Indessen war aber diese zweite Tatsache, daß die Babuschka zu spielen begonnen, doch fast noch schlimmer als die erste, denn wenn sie auch zweimal gesagt hatte, daß sie dem General kein Geld geben werde, so konnte man doch nichts Näheres wissen, und brauchte deshalb noch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Gab doch auch de Grillet die Hoffnung noch nicht auf, und Mademoiselle Blanche, die an der Sache wohl nicht minder interessiert war – das fehlte noch: Titel einer Generalin und die ganze große Erbschaft! – Mademoiselle Blanche tat’s erst recht nicht, wandte vielmehr alle Mittel der Koketterie an, um die Babuschka sich wenigstens geneigt zu machen ... sehr im Gegenteil zu Polina, der der Hochmutsteufel im Nacken saß und die sich wohl nie zu Einschmeichlungsversuchen herablassen würde. Aber jetzt, jetzt, nachdem die Babuschka mit so viel Glück gespielt, jetzt, nachdem sich ihr Charakter so typisch und scharf vor ihnen enthüllt hatte – mein Gott, _die_ und ^tombée en enfance^! – jetzt, ja, jetzt war allerdings alles verloren. Freute sie sich doch wie ein Kind über ihren Gewinn, folglich aber würde sie – das ist nun einmal so – alles verspielen. „Mein Gott,“ dachte ich, und – verzeih mir, Grundgütiger! – mit herzlich schadenfrohem Lachen dachte ich’s, „mit welch einer Zentnerschwere muß doch jeder Friedrichsdor, den die Alte vorhin aufs Spiel setzte, dem General aufs Herz gefallen sein, wie muß de Grillet geflucht und Mademoiselle Blanche, die äußerlich lächelnde, innerlich gerast haben, als sie zusehen mußte, wie der Löffel so an ihrem Munde vorübergeführt wurde!“
Und dann noch etwas Bedeutsames: selbst in der Freude über den Gewinn, als die Babuschka jedem Strolch und Bettler Goldstücke schenkte, selbst dann noch hatte sie den General angefahren mit ihrem „Dir aber gebe ich doch nichts!“ Das sagte ungefähr: „Ich will nicht, habe es mir so vorgenommen und so bleibt es, Punktum!“ Fatal! Höchst fatal!
Ich stieg gerade die breite Treppe hinauf, um mich in mein Zimmer zu begeben, als mir alle diese Gedanken durch den Kopf gingen. Ich muß sagen, daß mich diese ganze Komödie, die sich hier vor meinen Augen abspielte, mehr denn je interessierte oder vielmehr erst jetzt wirklich zu interessieren begann. Freilich habe ich auch früher schon die dicksten Fäden, die die Schauspieler dieser Komödie untereinander verbinden, zum Teil erraten können, aber hinter die Kulissen habe ich doch noch nicht gesehen – und so sind mir auch die Geheimnisse des Spiels bisher unbekannt geblieben. Polina hat mir ja nie ihr ganzes Vertrauen geschenkt. Mitunter, ja, hat sie mir allerdings ihr Herz halbwegs verraten, aber im nächsten Augenblick zog sie dann das Gesagte doch wieder ins Scherzhafte oder sie verwirrte alles dermaßen, daß nichts mehr glaubhaft klang. O, sie verbarg mir vieles! Jedenfalls aber fühlte ich in diesem Augenblick, daß das Ende dieser ganzen unhaltbaren Situation mit ihrer nervösen Spannung, die von der allgemeinen Geheimnistuerei noch erhöht wurde, herannahte. Noch ein Schlag, und alles wird aufgedeckt und beendet sein! Um mein eigenes Schicksal, das doch im Grunde mit dem der anderen mehr oder weniger zusammenhing, machte ich mir so gut wie gar keine Sorgen. Und auch jetzt noch, wirklich, ich vermag mir meine Stimmung kaum selbst zu erklären: ich habe kaum zwanzig Friedrichsdor in der Tasche, befinde mich weit von der Heimat und ganz allein in einem fremden Lande, ohne Stelle und ohne Mittel zur Existenz, ohne Hoffnung und ohne Zukunftspläne und – mache mir überhaupt keine Sorgen deshalb! Wären die qualvollen Gedanken an Polina nicht, so würde ich mich ganz meinem Interesse für die Komik der bevorstehenden Lösung hingeben und würde lachen, aus vollem Halse schallend lachen! Aber der Gedanke an Polina verwirrt mich. Ihr Schicksal entscheidet sich jetzt. Doch, offen gestanden, nicht ihr Schicksal beunruhigt mich. Ich will nur in ihr Geheimnis eindringen. Ich wünschte, sie käme zu mir und sagte: „Ich liebe dich doch,“ wenn das aber nicht geschah, wenn diese Verrücktheit undenkbar war, dann ... nun, was sollte ich dann wünschen? Weiß ich denn, was ich wünschen soll? Ich bin doch wie haltlos, wie verloren, habe jeden Stützpunkt eingebüßt: nur bei ihr möchte ich sein, in dem Licht, das von ihr ausgeht und sie wie eine Aureole umgibt, nur bei ihr sein, immer, ewig, mein ganzes Leben lang! Das ist alles, was ich weiß! Und könnte ich denn überhaupt von ihr fortgehen?
Im dritten Stock mußte ich durch den Korridor gehen, an dem ihre Zimmer liegen. Da war es mir plötzlich, als habe mich im Augenblick etwas gestoßen. Ich sah mich um und erblickte etwa zwanzig oder mehr Schritte von mir entfernt Polina, die gerade aus der Tür ihres Zimmers trat. Es schien mir, als habe sie hinter der Tür auf mich gewartet, denn sie winkte mich sogleich zu sich.
„Polina Alexandrowna ...“
„Leise!“ flüsterte sie.
„Stellen Sie sich vor,“ flüsterte ich, „es war mir soeben, als habe mich jemand berührt, und wie ich mich umblickte – sah ich Sie! Es scheint ja von Ihnen geradezu Elektrizität auszugehen!“
„Nehmen Sie diesen Brief,“ sagte Polina, die besorgt und unmutig aussah und meine Bemerkung wohl ganz überhört hatte, „und übergeben Sie ihn Mister Astley persönlich. Gehen Sie jetzt gleich, so schnell als möglich, ich bitte Sie. Eine Antwort ist nicht nötig. Er wird selbst ...“
Sie stockte.
„An Mister Astley?“ fragte ich verwundert.
Doch Polina war schon hinter der Tür verschwunden.
„Aha, also sie korrespondieren bereits!“
Natürlich beeilte ich mich sogleich, Mister Astley aufzusuchen. Ich ging zuerst in sein Hotel, wo ich ihn nicht antraf, ging dann ins Kurhaus, wo ich ihn in allen Sälen suchte, doch ohne ihn zu finden. Ärgerlich, fast sogar wütend, wollte ich mich in unser Hotel zurückbegeben – da traf ich ihn endlich unterwegs: er ritt in Gesellschaft mehrerer englischen Herren und Damen. Ich winkte ihn zu mir heran und übergab ihm den Brief. Wir hatten kaum Zeit, einen Blick auszutauschen. Ich vermute aber, daß Mister Astley absichtlich seinem Pferde die Sporen gab, um schneller fortzukommen.
Quälte mich Eifersucht? Ich weiß es selbst nicht; ich weiß nur, daß ich in der niedergedrücktesten Stimmung war und mich nicht einmal vergewissern wollte, worüber sie korrespondierten. Also ihr Vertrauensmann! „Freund hin, Freund her,“ dachte ich, „aber wann hat er denn Gelegenheit gehabt, es zu werden? Und die Hauptsache: ist hier nicht doch Liebe im Spiel? ... Natürlich nicht!“ flüsterte mir meine Vernunft zu. Aber Vernunft pflegt ja in solchen Fällen kaum maßgebend zu sein. Also mußte ich mir auch hierüber noch Aufklärung verschaffen. Die Geschichte verkomplizierte sich in unangenehmer Weise.
Kaum hatte ich das Hotel wieder betreten, als mir sogleich der Portier aus seiner Loge und nach ihm auch der Hotelverwalter entgegentraten und mir mitteilten, daß der General mich zu sprechen wünsche und schon dreimal habe fragen lassen, wo ich sei. Er lasse mich bitten, mich unverzüglich zu ihm zu begeben. Das verdarb mir endgültig meine Stimmung, die ohnehin nichts weniger als freundlich war.
Im Kabinett des Generals traf ich außer ihm selbst noch Monsieur de Grillet und Mademoiselle Blanche an – ohne ^madame veuve de Cominges^. Entschieden ist diese nichts als ein Dekorationsmöbel, das nur zu Paradezwecken dient! Wird die Sache einmal ernst, so agiert Mademoiselle Blanche allein. Und es ist auch kaum anzunehmen, daß jener von ihrer sogenannten Tochter jemals ein Einblick in die Karten gestattet worden ist.
Sie mußten übrigens alle drei über sehr wichtige Dinge verhandelt haben – sogar die Tür hatten sie abgeschlossen, was sonst noch nie geschehen war. Als ich mich der Tür näherte, hörte ich laute Stimmen erregt durcheinander sprechen: de Grillets ölige Sprechweise mit all ihren frechen und boshaften Nuancen, die im Zorn fast kreischende Stimme der Mademoiselle Blanche, die sich sogar in Schimpfwörtern zu ergehen schien, und dazwischen die kleinlaute und schuldbewußte Stimme des Generals, der sich offenbar gegen die Vorwürfe der anderen zu verteidigen und zu rechtfertigen suchte. Bei meinem Erscheinen verstummten sie alle ganz plötzlich und nahmen sich zusammen. De Grillet strich sich mit der Hand mehrfach übers Haar und machte aus seinem wütenden Gesicht ein lächelndes – verzog es zu jenem widerlichen, offiziell-höflichen, französischen Lächeln, das mir so maßlos verhaßt ist. Der General, der im ersten Augenblick noch ganz schuldbewußt und halb vernichtet aussah, räusperte sich und warf sich wieder in Positur. Aber er tat es doch etwas mechanisch, fast wie geistesabwesend. Nur Mademoiselle Blanche veränderte kaum ihre zornige Miene und begnügte sich damit, zu verstummen. Sie sah mich wie in ungeduldiger Erwartung an. Ich muß hier bemerken, daß sie sich bis dahin ganz unglaublich nachlässig gegen mich benommen hatte, sogar meine Verbeugungen pflegte sie kaum mit einem Kopfnicken zu quittieren, – sie übersah mich einfach.
„Alexei Iwanowitsch,“ begann der General in milde-vorwurfsvollem Tone, „gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, wie sonderbar, wie im höchsten Grade sonderbar ... äh, hm! ... mit einem Wort, Ihr Verhalten gegen mich und meine Familie ... Kurz, ich muß Ihnen gestehen, daß ich es mehr als sonderbar empfinde ...“
„Eh! ^ce n’est pas ça^,“ unterbrach ihn ärgerlich und mit einem verächtlichen Seitenblick de Grillet. Der war hier offenbar schon Herr und Meister! „^Mon cher monsieur, notre cher général se trompe^,“ und so weiter, und so weiter in französischen Phrasen. Der Sinn war der, daß der General sich im Ton vergriffen habe, er wolle mir nur sagen – „das heißt, Sie nur warnen, oder richtiger, Sie aufrichtig bitten, ihn nicht zugrunde zu richten ... nun ja, eben wie gesagt, nicht zugrunde zu richten! Ich drücke mich mit Absicht so aus ...“
„Aber inwiefern tue ich denn das?“ unterbrach ich ihn.
„Aber ich bitte Sie, Sie haben es übernommen, der ... ^manager^ – oder wie soll ich es sonst nennen? – dieser Alten, ^de cette pauvre terrible vieille^ zu sein ...“ De Grillet geriet selbst etwas aus dem Konzept. „Aber sie wird doch so alles verspielen, alles, bis aufs Letzte! Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Augenzeuge, wie sie spielte! Wenn sie erst einmal zu verlieren beginnt, wird sie den Spieltisch überhaupt nicht mehr verlassen, ich versichere Sie! Aus Eigensinn wird sie nicht fortgehen, aus Wut, und sie wird spielen und spielen – und da man hin und wieder auch gewinnt, so ... so ...“
„So richten Sie damit die ganze Familie zugrunde!“ half ihm der General. „Ich und meine Familie – wir sind ihre Erben, nähere Verwandte hat sie nicht. Und ich will Ihnen ganz aufrichtig sagen: meine Verhältnisse sind eben derart ... mit einem Wort, sie sind durchaus nicht so, wie ich wünschte, daß sie wären. Sie wissen es ja selbst ... Zum Teil, wenigstens. Wenn sie nun hier eine bedeutende Summe verspielt oder gar ihr ganzes Vermögen – Gott behüte uns davor! – was soll dann aus ... meinen Kindern werden!“ – Er sah sich nach de Grillet um – „und ... und aus mir!“ – sein Blick suchte Mademoiselle Blanche, die sich mit Verachtung von ihm abwandte. „Alexei Iwanowitsch, retten Sie uns, retten Sie uns! ...“
„Aber ich bitte Sie, General, inwiefern könnte ich hier ... Was habe ich hier überhaupt zu sagen?“
„Weigern Sie sich, weigern Sie sich, helfen Sie ihr nicht, verlassen Sie sie!“
„Dann wird sich ein anderer finden ...“
„^Ce n’est pas ça, ce n’est pas ça!^“ unterbrach uns wieder de Grillet, – „^que diable^! Nein, verlassen Sie sie nicht, aber versuchen Sie, ^oui^, versuchen Sie wenigstens, sie zu bereden, sie abzulenken, sie zurückzuhalten ... ^Enfin^ ... lassen Sie sie wenigstens nicht gar zu viel verspielen, lenken Sie sie irgendwie vom Spiel ab!“
„Vielleicht geben Sie mir auch einen Rat, wie ich das machen könnte? Aber wie wäre es, Monsieur de Grillet, wenn Sie es selbst versuchen wollten?“ fragte ich möglichst harmlos.
Da bemerkte ich einen schnellen fragenden Blick, den Mademoiselle Blanche de Grillet zuwarf. In seinem Gesicht ging eine seltsame Veränderung vor sich, fast als wolle er einmal aufrichtig sein.
„Das ist es ja, daß sie mich jetzt nicht ...“ Er schnippte ärgerlich mit den Fingern. „Wenn ... später vielleicht ...“
De Grillet sah plötzlich mit einem bedeutsamen Blick zu Mademoiselle Blanche hinüber.
„Oh, ^mon cher monsieur Alexis, soyez si bon^!“ bat mich plötzlich Mademoiselle Blanche, auf mich zutretend – daß sie sich dazu herabließ! – „^soyez si bon^!“ und sie ergriff sogar meine beiden Hände und drückte sie herzlich. Teufel! Dieses diabolische Gesicht konnte sich in einer einzigen Sekunde verändern! In diesem Augenblick hatte sie ein so flehendes, so liebes, kindlich lächelndes und schelmisches Kindergesicht! Und zum Schluß zwinkerte sie mir plötzlich noch spitzbübisch zu – ganz heimlich, so daß die anderen es nicht sahen. Sie wollte mich wohl in einer einzigen Minute umgarnen! Sie verstand es gut, nur – war es doch scheußlich gemein.
Sogleich eilte auch der General herbei.
„Alexei Iwanowitsch, verzeihen Sie, daß ich vorhin so ... etwas unwirsch begann, es war ja aber gar nicht so gemeint! Ich bitte Sie, ich bitte Sie inständig, ich flehe Sie an! – Sie allein, nur Sie allein können uns retten! Ich und Mademoiselle de Cominges bitten Sie von ganzem Herzen – Sie begreifen doch, Sie verstehen doch?“ flehte er, mit dem Blick vielsagend auf Mademoiselle Blanche weisend. Kläglich war es!
Da wurde plötzlich dreimal respektvoll leise an die Tür gepocht; wir machten auf – es war ein Hoteldiener – einige Schritte hinter ihm stand Potapytsch. Die Babuschka hatte sie gesandt. Sie sollten mich aufsuchen und sogleich zu ihr führen.
„Belieben sich zu ärgern,“ meldete Potapytsch zur Erklärung.
„Aber es ist doch erst halb vier.“
„Ja, aber die Gnädige konnten nicht einmal einschlafen, warfen sich von einer Seite auf die andere, dann standen sie plötzlich auf, verlangten in den Stuhl gehoben zu werden und daß man Sie rufe. Jetzt sind sie schon unten auf der Treppe ...“
„^Quelle mégère!^“ verwünschte sie de Grillet.
In der Tat fand ich die Babuschka bereits unten auf der Treppe – ärgerlich vor Ungeduld, weil sie auf mich warten mußte. Sie hatte es nicht ausgehalten bis vier.
„Nun, hebt jetzt, vorwärts“ kommandierte sie und wir begaben uns wieder zum Spiel.