Chapter 14 of 17 · 3390 words · ~17 min read

XIV.

Ich stieß einen Schrei aus.

„Was? Was ist?“ fragte sie seltsam. Sie war bleich und sah mich düster an.

„Ja ... Wie? Sie! Sie? Und Sie sind hier bei mir!“

„Wenn ich komme, dann komme ich _ganz_. Das ist meine Gewohnheit. Sie werden es sogleich erfahren; machen Sie Licht.“

Ich zündete eine Kerze an. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte einen offenen Brief vor mich hin.

„Lesen Sie,“ befahl sie.

„Das, – das hat de Grillet geschrieben! Es ist seine Handschrift!“ rief ich aus und griff nach dem Brief. Meine Hände zitterten und die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Die französischen Redewendungen habe ich vergessen, aber der Sinn war folgender:

„Mademoiselle!“ schrieb de Grillet, „leider sehe ich mich durch ungünstige Umstände zu einer sofortigen Abreise gezwungen. Sie werden natürlich selbst bemerkt haben, daß ich absichtlich eine endgültige Aussprache mit Ihnen zu vermeiden gesucht, bevor sich nicht alles weitere entschieden hatte. Die Ankunft ^de la vieille dame^, Ihrer Verwandten, und deren sinnlose Handlungsweise haben aber meinen Bedenken ein Ende gemacht. Meine eigenen zerrütteten Verhältnisse verbieten es mir ganz entschieden, mich noch fernerhin so süßen Hoffnungen hinzugeben, wie ich es eine Zeitlang getan. Ich bedauere das Gewesene, hoffe aber, daß Sie in meinem Verhalten nichts finden werden, das eines ^gentilhomme et honnête homme^ unwürdig wäre. Da ich fast mein ganzes Geld Ihrem Stiefvater geliehen und somit verloren habe, sehe ich mich gezwungen, das noch zu retten, was mir geblieben ist: ich habe meinen Freunden in Petersburg bereits depeschiert, daß sie zum Verkauf der mir verpfändeten Besitztümer schreiten sollen. Da ich aber weiß, daß Ihr leichtsinniger Stiefvater auch Ihr Geld verschwendet hat, so habe ich mich entschlossen, fünfzigtausend Franken von seiner Schuld zu streichen und ihm einen Teil des verpfändeten Eigentums in Höhe dieser Summe zu retournieren. Somit ist Ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben, alles zurückzuerhalten, was für Sie sonst verloren wäre, indem Sie von ihm die Herausgabe des Geldes auf gerichtlichem Wege verlangen. Ich hoffe, Mademoiselle, daß meine Handlungsweise unter den gegenwärtigen Verhältnissen für Sie von großem Vorteil sein wird. Desgleichen hoffe ich, daß ich damit auch in Ihren Augen die Pflicht eines Ehren- und Edelmannes vollkommen erfüllt habe. Seien Sie versichert, daß die Erinnerung an Sie ewig in meinem Herzen leben wird.“

„Nun was, hier ist doch nichts mißzuverstehen!“ sagte ich, mich an Polina wendend, „oder sollten Sie wirklich etwas anderes von ihm erwartet haben?“ fragte ich geärgert.

„Ich habe nichts erwartet,“ erwiderte sie, scheinbar ganz ruhig, aber ihre Stimme klang, als zucke in ihr etwas, „ich hatte schon längst meinen Entschluß gefaßt. Ich hatte seine Gedanken erraten ... ich wußte, was er dachte. Er dachte, ich werde verlangen ... ich werde darauf bestehen ... daß ...“ Sie stockte, biß sich auf die Lippe und sprach es nicht aus. „Ich habe mit Absicht meine Verachtung für ihn verdoppelt,“ begann sie wieder, „und es ihm bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie sehr ich ihn verachte – ich wollte sehen, was er wohl tun werde. Wenn wir die Nachricht von ihrem Tode und der Erbschaft erhalten hätten – so hätte ich ihm ins Gesicht geworfen, was ihm dieser Idiot, mein Stiefvater, schuldet, und hätte ihn fortgejagt! Er war mir schon lange, schon lange verhaßt! O, wie anders war er früher, wie ganz anders, tausendmal anders – jetzt aber, jetzt! ... O, mit welch einer Wonne würde ich ihm diese Fünfzigtausend in sein gemeines Gesicht schleudern und ... ihn anspeien! ... und ...“

„Aber das Papier – diese von ihm retournierte Schuldverschreibung auf Fünfzigtausend – die hat doch der General? So nehmen Sie sie und geben Sie ihm den Wisch zurück.“

„O, nicht das, nicht das ist es! ...“

„Ja, richtig, Sie haben recht, das ist es nicht! Und überhaupt – lassen wir den General aus dem Spiel! Aber die Babuschka?“ rief ich plötzlich.

Polina blickte mich wie zerstreut und ungeduldig an.

„Wozu die Babuschka?“ fragte sie ärgerlich, „ich kann nicht zu ihr gehen ... Und ich will auch niemand um Verzeihung bitten,“ fügte sie gereizt hinzu.

„Ja, aber was dann tun!“ rief ich. „Doch wie, wie ist es möglich, daß Sie einen de Grillet haben lieben können! O, dieses Subjekt, dieses verächtliche Subjekt! Wollen Sie, ich schieße ihn im Duell nieder! Wo ist er jetzt?“

„Er ist in Frankfurt. Er wird dort drei Tage bleiben.“

„Ein Wort von Ihnen und ich fahre hin, morgen mit dem ersten Zug!“ rief ich in einer seltsamen, geradezu dummen Anwandlung von Enthusiasmus.

Sie lachte mich aus.

„Nun und? – er würde ja womöglich noch sagen: geben Sie mir zuerst die Fünfzigtausend zurück. Und weshalb sollte er sich denn schlagen? ... Blödsinn!“

„Aber wo, wo soll man denn diese Fünfzigtausend hernehmen!“ fragte ich knirschend vor Wut – als hätte ich sie vom Fußboden aufraffen wollen! „Hören Sie: Mister Astley?“ wandte ich mich zu ihr mit einer plötzlich aufdämmernden seltsamen Idee.

Ihre Augen blitzten auf.

„Wie, _willst du es denn selbst_, daß ich von dir zu diesem Engländer gehe!“ sagte sie mit bitterem Lächeln und ihre Augen sahen mich durchdringend an. Es war das erste Mal, daß sie „Du“ zu mir sagte.

Ich glaube, sie wurde im Augenblick wie von einem Schwindel erfaßt: plötzlich sank sie auf den Diwan, als trügen die Füße sie nicht mehr.

Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Ich stand und traute meinen Augen, meinen Ohren nicht! Wie, also _mich_ liebte sie! _Zu mir_ war sie gekommen, zu mir und nicht zu Mister Astley! Sie, ein junges Mädchen, kam ganz allein zu mir in mein Zimmer, und das noch dazu in einem Hotel – sie kompromittierte sich öffentlich – und ich, ich stand vor ihr und begriff noch immer nicht!

Ein wilder Gedanke durchzuckte mich.

„Polina! Gib mir nur eine Stunde Zeit! Warte hier nur eine Stunde auf mich, ich ... ich werde sogleich wieder hier sein! Das ... es ist notwendig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!“

Und ich lief aus dem Zimmer ohne auf ihren erstaunt fragenden Blick zu achten, – sie rief mir noch etwas nach, aber ich kehrte mich nicht einmal um.

Ja, bisweilen kann sich der tollste Einfall, der anscheinend unsinnigste Gedanke so in uns festsetzen, daß man ihn zum Schluß selbst für ausführbar hält ... Mehr noch als das: wenn sich dieser Einfall oder diese Idee mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch vereint, so kann man mitunter fast zum Fatalisten werden und das Gewünschte für etwas geradezu Vorherbestimmtes halten, für etwas, das unbedingt geschehen muß und überhaupt nicht ungeschehen bleiben kann! Vielleicht ist hierbei noch etwas anderes mit im Spiel, irgendeine Kombination von Vorgefühlen, irgendeine außergewöhnliche Willensanspannung, eine Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie oder sonst etwas – ich weiß es nicht. Mit mir aber geschah an jenem Abend – den ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde – etwas, das ich ein Wunder nennen möchte. Die Tatsache ist zwar mathematisch und logisch ganz plausibel, aber nichtsdestoweniger – für mich bleibt sie auch jetzt noch ein Wunder. Aber warum nur, frage ich noch, warum hatte sich damals, und schon seit langer Zeit, diese Überzeugung in mir so tief und unerschütterlich festgesetzt? Keinen Augenblick habe ich daran als an eine Möglichkeit unter anderen gedacht – also an eine, die ebensogut auch nicht eintreten könne –, sondern immer nur als an ein fest bevorstehendes Geschehnis, dessen Ausbleiben völlig ein Ding der Unmöglichkeit sei!

Es war ein Viertel auf elf. Ich betrat den Kursaal in einer ganz bestimmten und unerschütterlichen Hoffnung, und doch gleichzeitig in einer Aufregung, wie ich sie bis dahin noch nie empfunden hatte. Die Spielsäle waren noch ziemlich besetzt, wenn auch, wie das zu dieser Zeit immer der Fall war, um die Hälfte weniger als am Tage.

Um diese Zeit bleiben nämlich an den Spieltischen nur die wirklichen, die echten Spieler zurück, diejenigen, für die in den Bädern überhaupt nur die Spielsäle existieren, die alles andere kaum bemerken, die nur des Spieles wegen kommen, sich nur für das Spiel während der ganzen Saison interessieren, und die denn auch tatsächlich vom Morgen bis zum Abend zu spielen pflegen und gewiß bereit sein würden, auch noch die ganze Nacht zu spielen, wenn das nur möglich wäre. Wenigstens gehen sie immer unwillig fort, wenn um zwölf Uhr das Roulette geschlossen wird. Und wenn der Hauptcroupier vor dem Schluß ausruft: „^Les trois derniers coups, messieurs!^“ so setzen sie auf diese drei letzten Spiele gewöhnlich alles, was sie noch bei sich haben – und gewöhnlich verspielen sie gerade dann das meiste.

Ich trat an denselben Tisch, an dem die Babuschka gespielt hatte. Das Gedränge war nicht groß, so daß ich mir bald einen Platz am Tisch verschaffen konnte. Ich spielte stehend. Gerade vor mir auf dem grünen Tuch las ich das Wort „^passe^“.

Unter „^passe^“ versteht man die Zahlen von neunzehn bis sechsunddreißig. Die erste Zahlenreihe von eins bis achtzehn heißt „^manque^“. Aber was ging das mich an! Ich berechnete nicht, ich dachte nicht an Chancen, ich wußte nicht einmal, welche Zahl oder welche Farbe vorher herausgekommen war und erkundigte mich nicht einmal danach, bevor ich zu spielen begann – wie es doch jeder nur etwas erfahrenere Spieler getan hätte. Ich zog alle meine zwanzig Friedrichsdor hervor und warf sie auf ^passe^.

„^Vingt-deux!^“ rief der Croupier.

Ich hatte gewonnen – und wieder setzte ich alles: den Einsatz und den Gewinn.

„^Trente et un^,“ rief der Croupier.

Wieder gewonnen. Im ganzen hatte ich schon achtzig Friedrichsdor. Ich schob alle achtzig auf die zwölf mittleren Zahlen (dreifacher Gewinn, doch kamen auf eine Chance zu gewinnen, zwei Chancen zu verlieren). Das Rad drehte sich und es kam vierundzwanzig. Man schob mir drei Goldrollen ^à^ fünfzig Friedrichsdor und zehn Goldstücke zu; im ganzen besaß ich nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor.

Ich war wie im Fieber. Da schob ich diesen ganzen Geldhaufen auf Rot, – und plötzlich kam ich zur Besinnung! Und nur ein einziges Mal an diesem ganzen Abend, während der ganzen Zeit, in der ich spielte, überlief es mich kalt und ließ die Angst meine Hände und Füße erzittern. Entsetzen war das Gefühl der blitzartigen Erkenntnis: was es für mich bedeutete, jetzt zu verlieren! Mein Einsatz war doch mein ganzes Leben!

„^Rouge!^“ rief der Croupier, – und – mein Herz schlug wieder! Feurige Ameisen liefen mir über den Körper. Man zahlte mir meinen Gewinn in Banknoten aus: im ganzen hatte ich schon viertausend Gulden und achtzig Friedrichsdor! Noch konnte ich der Berechnung folgen.

Dann, entsinne ich mich, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die zwölf mittleren Zahlen und verlor; ich setzte achtzig Friedrichsdor und verlor wieder. Da packte mich die Wut: ich raffte die letzten zweitausend Gulden zusammen und setzte sie auf die ersten zwölf – so, wie es gerade kam, ganz ohne Berechnung! Übrigens, es gab doch einen Augenblick der Erwartung, dessen Eindruck demjenigen vielleicht nicht unähnlich gewesen sein mag, den Mademoiselle Blanchard empfunden, als sie über Paris mit dem Luftballon zur Erde stürzte.

„^Quatre!^“ rief der Croupier.

Mit dem Einsatz zusammen hatte ich nun wieder sechstausend Gulden. Jetzt war ich schon siegesgewiß, jetzt fürchtete ich nichts mehr, nichts, und ich warf viertausend Gulden auf Schwarz. Im Augenblick setzten etwa zehn Spieler mir nach ihre Einsätze gleichfalls auf Schwarz. Die Croupiers tauschten untereinander Blicke aus und besprachen sich. Ringsum Geflüster, Bewegung, Erwartung.

Es kam Schwarz. Was dann weiter folgte – alles dessen entsinne ich mich nicht mehr, weder der Höhe meiner Einsätze noch der Reihenfolge der Gewinne. Ich weiß nur noch, so, wie man sich etwa eines Traumes erinnert, daß ich – ich glaube wenigstens – bereits an sechzehntausend Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei Verluste zwölftausend von ihnen verlor; dann schob ich die letzten viertausend auf ^passe^ – doch empfand ich dabei so gut wie nichts: ich wartete nur, und zwar ganz mechanisch, ganz ohne Gedanken – und ich gewann wieder. Darauf gewann ich noch viermal nach der Reihe. Ich weiß nur, daß ich das Geld zu Tausenden zusammenscharrte; doch entsinne ich mich noch, daß am häufigsten die zwölf mittleren Nummern gewannen, denen ich deshalb aus Prinzip treu blieb. Sie gewannen fast ganz regelmäßig drei- bis viermal, dann zweimal nicht und dann wieder drei- oder viermal nach der Reihe. Es kommt mitunter wirklich zu einer ganz erstaunlichen Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der Gewinne, – und das ist es gerade, was die eingefleischten Spieler, die mit dem Bleistift in der Hand die Chancen berechnen, vor den Kopf stößt. Und – o Gott! – welch eine Ironie des Schicksals man an Spieltischen oft beobachten kann!

Ich glaube, seit meinem Erscheinen im Saal war noch keine halbe Stunde vergangen: da wandte sich der Croupier zu mir und teilte mir mit, daß ich dreißigtausend Gulden, das Maximum, gewonnen habe, und daß, da die Bank auf einmal nicht mehr auszahle, das Roulette jetzt bis zum nächsten Morgen geschlossen werde. Ich scharrte all mein Gold zusammen, steckte es in meine Taschen, nahm die Banknoten und ging sogleich zum nächsten Roulette, das sich im anderen Saal befand. Alles drängte, stürmte mir nach. Dort wurde mir sofort Platz gemacht und ich begann wieder zu spielen, setzte das Geld ohne zu zählen, ohne zu denken. Ich begreife nicht, was mich rettete!

Zuweilen übrigens kam mir so etwas wie eine Erinnerung an Systeme und Berechnungen und ich dachte, daß ich ja doch auch berechnen müsse: dann hielt ich mich an gewisse Zahlen und erwog die Chancen, doch bald war wieder alles vergessen und ich spielte weiter – fast bewußtlos. Ich muß wohl sehr zerstreut gewesen sein: ich entsinne mich, daß die Croupiers mehrmals meine Einsätze korrigierten. Ich machte grobe Fehler. Meine Haare klebten an den Schläfen und meine Hände zitterten. Neben mir tauchten natürlich wieder die bewußten Polen auf und boten mir ihre Dienste an, doch ich bemerkte sie kaum. Das Glück verließ mich nicht. Plötzlich ringsum lautes Durcheinandersprechen und Lachen. „Bravo, bravo!“ hörte ich rufen und mehrere klatschten in die Hände.

Ich hatte auch hier dreißigtausend Gulden der Bank entrissen und das Roulette wurde auch hier bis zum nächsten Morgen geschlossen.

„Gehen Sie, gehen Sie fort!“ flüsterte mir von rechts jemand ins Ohr.

Es war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden und mir beim Spiel, glaube ich, hin und wieder geholfen.

„Um Gottes willen, gehen Sie fort!“ flüsterte flehentlich eine andere Stimme links von mir.

Ich sah flüchtig hin. Es war eine ganz unauffällig, doch sehr anständig gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren mit einem krankhaft bleichen und müden Gesicht, dem man aber doch noch deutlich ansah, daß es einst wundervoll schön gewesen sein mußte. Ich stopfte gerade haufenweise Banknoten und Gold in meine Taschen. Ich nahm die letzte Goldrolle von fünfzig Friedrichsdor und – es gelang mir, sie ganz unbemerkt der bleichen Dame in die Hand zu drücken: mich überkam ein unbezwingbares Verlangen, es zu tun, und ihre dünnen Finger drückten heiß meine Hand zum Zeichen glühender Dankbarkeit. Alles das geschah in einem Augenblick.

Nachdem ich das Geld an mich genommen, ging ich zum ^Trente et quarante^.

An diesem Tisch sitzt ausschließlich aristokratisches Publikum. Das ist kein Roulette, sondern ein Kartenspiel. Hier ist das Maximum, das ein Spieler gewinnen kann, hunderttausend Taler. Der höchste Einsatz ist aber gleichfalls viertausend Gulden. Ich kannte das Spiel noch nicht, ich wußte nur, daß man auch hier auf Rot und Schwarz setzen konnte. Daran hielt ich mich. Alles drängte sich um den Tisch, aus allen Sälen kamen sie. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich während dieser ganzen Zeit auch nur einmal an Polina gedacht habe. Ich weiß nur, daß es mir ein so unsagbares Vergnügen war, ein Genuß geradezu, die Banknoten und das Geld zusammenzuscharren, die den Geldhaufen vor mir immer größer machten, immer größer.

Wirklich, es war, als triebe mich das Schicksal selbst. Gerade diesmal aber geschah etwas, das im Spiel übrigens ziemlich oft vorkommt: das Glück heftete sich an Rot und fünfzehnmal nach der Reihe kam Rot heraus. Ich hatte noch zwei Tage vorher gehört, daß Rot plötzlich zweiundzwanzigmal nach der Reihe gewonnen habe, was alle ganz verwundert erzählten, denn daß je ein solcher Fall vorgekommen war, dessen entsann man sich überhaupt nicht. Selbstverständlich wagt nach dem zehnten Mal niemand mehr auf Rot zu setzen. Aber auch auf Schwarz, das Gegenteil von Rot, setzt dann – wenigstens von erfahrenen Spielern – kein einziger. Diese wissen nur zu gut, zu was solch ein „Eigenwille des Zufalls“ mitunter auswachsen kann. Die Neulinge aber fallen gewöhnlich ausnahmslos herein, indem sie ihre Einsätze auf das Gegenteil – auf Schwarz z. B. – verdoppeln und verdreifachen und, versteht sich, bei der Gelegenheit riesige Summen verlieren.

Ich aber begann, als ich neben mir sagen hörte, daß Rot schon siebenmal nach der Reihe gewonnen habe, aus Eigensinn gerade auf Rot zu setzen. Doch bin ich überzeugt, daß wenigstens zur Hälfte Prahlerei und Eigenliebe, der Drang, sich hervorzutun, bei meinem Entschluß mitsprach: ich wollte die Zuschauer durch meinen unsinnigen Wagemut in Erstaunen setzen und – o, seltsam war die Empfindung – ich erinnere mich ganz deutlich, daß mich plötzlich ohne bestimmten Anlaß ein unbändiges Verlangen ergriff, zu wagen, immer mehr zu wagen. Vielleicht kam das daher, daß die Nerven, die schon soviel wirbelnde Empfindungen ausgekostet hatten, nur gereizt wurden, anstatt sich zu sättigen, und daher nur nach noch größerer Erregung verlangten, nach noch aufpeitschenderen Gefühlen, immer noch stärkeren Empfindungen, um dann endlich in vollständiger Erschöpfung ausruhen zu können. Und wirklich, ich lüge nicht, wenn ich sage, daß ich, falls es nur möglich gewesen wäre, fünfzigtausend Gulden auf einmal zu setzen – ich sie gesetzt hätte. Ringsum rief man erregt, es sei Wahnsinn, noch auf Rot zu setzen, schon vierzehnmal habe es gewonnen!

„^Monsieur a gagné déjà cent mille florins!^“ hörte ich irgendwo eine Stimme.

Da kam ich zu mir. Wie? ich hatte schon hunderttausend Gulden gewonnen? Was mache ich mit soviel? Mehr habe ich ja gar nicht nötig! Ich raffte das ganze Geld, die Banknoten und das Gold zusammen, stopfte alles in meine Taschen, ohne es zu zählen, ohne darauf zu achten, daß ich so die Banknoten zerknitterte, und schritt fast wankend unter der Schwere des Goldes dem Ausgang des Kurhauses zu. Ringsum lachte man, während ich durch die Säle ging, über meine abstehenden Taschen. Ich glaube, das Gold wog reichlich über zwanzig Pfund. Mehrere Hände streckten sich mir entgegen; ich gab ohne zu zählen, wieviel die Hand aus der Tasche faßte. Am Ausgange hielten mich zwei Juden auf.

„Sie sind kühn! Sie sind sehr kühn!“ sagten sie, „aber fahren Sie morgen früh fort, so früh als möglich, sonst werden Sie alles wieder verspielen ...“

Ich hörte nicht auf sie. Die Allee war dunkel; es war so dunkel, daß man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Bis zum Hotel hatte ich etwa fünfhundert Schritt zu gehen. Ich habe mich nie vor Dieben oder Räubern gefürchtet, selbst als kleiner Junge nicht; ich dachte auch gar nicht an die Möglichkeit eines Überfalls, als ich hinaustrat. Übrigens entsinne ich mich nicht mehr, an was ich unterwegs dachte; ich glaube, ich hatte überhaupt keine Gedanken. Ich empfand nur so etwas wie das Auskosten eines Genusses – ein wundervolles Gefühl des Erfolges, des Sieges, der Macht – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Auch Polinas Gestalt tauchte vor mir auf. Ich wußte, daß ich zu ihr ging, daß ich sogleich bei ihr sein und ihr erzählen, ihr das Geld zeigen würde ... Aber ich entsann mich kaum noch dessen, was sie mir dort in meinem Zimmer gesagt hatte und weshalb ich in die Spielsäle gegangen war, – und alle jene Gefühle, die noch vor anderthalb Stunden in mir getobt hatten, erschienen mir nun als etwas schon längst Vergangenes, Veraltetes, Beigelegtes – dessen wir jetzt doch überhaupt nicht mehr erwähnen würden, da ja nun ein ganz neues Leben begann. Ich hatte fast schon das Ende der Allee erreicht, als mich plötzlich Angst ergriff: „Wie, wenn man mich jetzt überfällt, totschlägt und beraubt!“ Und mit jedem Schritt wuchs die Angst. Ich lief fast. Da stand plötzlich am Ende der Allee unser Hotel vor mir, mit seinen hellen Fensterreihen ... Gott sei Dank – ich war in Sicherheit!

Ich eilte die Treppen hinauf zu meinem Zimmer und stieß die Tür auf. Polina war da: sie saß auf meinem Diwan, das brennende Licht vor sich auf dem Tisch, die Arme verschränkt. Verwundert sah sie mich an – natürlich werde ich in dem Augenblick seltsam genug ausgesehen haben. Ich blieb vor ihr stehen und begann, den ganzen Haufen Geld aus meinen Taschen auf den Tisch zu werfen.