Zwölftes Kapitel
Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat, standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht, wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut, wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd.
Folgendes war geschehen.
Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein Gespräch:
„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“
„Jaa.“
„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die Schlappen, deï kenna barfes laafen.“
„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt dei Maul.“
„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“
„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“
Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in der andern Ecke.
„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“
„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der Großknecht.
[1] Ei.
„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala nauf.“
Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen.
„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied.
„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und schmunzelte.
Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die Finger aneinander.
„Obst glei die Katz packst –!“
„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren. I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“
[2] Schielender.
„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no konst aa die Katz bein Schwanz packen.“
Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett.
Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende Vorschläge.
„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No, Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er. Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig, kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“
„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei.
„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot.
„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach, ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“
„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A Narr!“
„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht, lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um, hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr behaglich fort zu schnurren.
Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten, der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte, der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam herein.
Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben. Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die Schultern.
„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu. „Biste schikker?“
Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“
„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“
„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an, im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie lächelten.“
„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand berühren ließ.
Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer, daß sie mich heimtragen.“
Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt, doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt. Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt, worin dies Neue bestand!
Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen, sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da. Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg.
Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen Falten eines grotesken Schnitzwerks.
Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster. Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht, den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.
„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“
„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf.
„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“
„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“
„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es gethan, während er schlief?“
„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir, wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern ging hin ...“
„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den Arm Elkans.
„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht, giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die Finsternis selber.“
„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir. So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch. Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue, fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht weiter denken.“
Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach Licht.
In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte, Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne, prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte, erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben.
Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab.
Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde emportauchte.
„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon.
„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch.
Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der Lüge.
„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften, Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“
„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig.
„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer. Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die Gemütlichkeit.“
„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut.
„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren.
Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei.
„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den Hutrand berührend.
Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen. Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball entwischte, ließ sie Esther danach suchen.
Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß, und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.
„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon, eigentümlich bewegt.
Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie: „Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen, Esther.“
„Fest?“
„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“
„Den Herzbuben?“
„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen, streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.
„Du bist unanständig, _ma fille_,“ sagte ihre Mutter flötend. „_Il faut avoir plus de dignité chez ce jeune homme._“ Es gab nichts Komischeres, als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach.
Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.
Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite, nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem Tannengehölz, in jeder Hecke.
Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen, kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. „Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“ Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans Ohr legte und sprang davon.
Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.
„Heute schon?“ fragte Agathon.
„Ja, heute.“
„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“
Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.
„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du vermagst.“
„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“
„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war göttlich von dir, Sema.“
„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr, Agathon.“
„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“
Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“
„Wie?“
„Das Kind des Königs, sagt sie.“
„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“
Sema nickte stumm.
Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis, Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die Hochs und die Hurras.“
„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser Frau.
„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr, wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich bin.“
„Aber wie ist er so, als Mensch?“
„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon, und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen. Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“
„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“
„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie er will. Sie lassen’s nicht zu.“
Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort, Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf. Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten, aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.
Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr, klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.
Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose, von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum Mysterium geworden ist.
Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater so krank sei.
Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.
Dreizehntes Kapitel
An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen, die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein.
Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen, die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert, hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn.
Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen. Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten. Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er, Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen „Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war gleichsam _a priori_ sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die Atheisten zu bringen und sie zu organisieren.
In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht, und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht, ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen; denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag, um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah, daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin.
Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein, so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben, die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte.
Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen, und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt sei.
Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete:
„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich _lebe_ hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“
Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß. Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück Papier: Wissenschaft.
Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß, Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ, Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.
Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las, sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit, die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer, langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, – ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle.
„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes, als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was er that.
Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten, und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher.
Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und fragte, womit er dienen könne.
„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl.
Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist, muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren; alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden.
„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in diesem Fall –“
„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen. Sie sind mir unbekannt.“
Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig.
„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier hochmütig und pathetisch.
„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein. Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu erhitzen.“
„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen blickten unsicher nach der Thüre.
Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“, wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis: bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub!
Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh. Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie? woher kommen und wohin gehen sie?
Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde.
Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging, fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu betteln.
Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still.
An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert, Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“
Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir, wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit zwei Tagen! Wo mag er sein?“
Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel, ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“
Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber, spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten.
„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf.
„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“
„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt.
Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe.
„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund.
„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr – gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben. Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O, ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“
Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen, traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am „oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen, daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden.
Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse sich etwas mit ihm begeben haben.
Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt, geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei, Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten; überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen, totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl, packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte.
Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst, still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine Augen mehr gerötet als sonst.
Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.
An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt und lauschte.
„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“
Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte.
„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig. „Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se, ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom Himmel, hä!“
Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu.
Sie schüttelte den Kopf. „Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.“
„Und was führen Sie ihn denn herum?“
„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte. Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes.
Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind. Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“
„Wer sind Sie denn?“
„Bojesen.“
„So? Der Lehrer?“
„Gewesen, ja.“
„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“
„So? Wo ist Agathon?“
„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is traurig mit der Familie.“
„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“
„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch, hopp, Gedalja!“
Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und der Mühe des Forschens wert.
Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm, wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben.
Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen, einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft und trotzig.
„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“
Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen Schemel, lachte.
„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“ flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut, Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla! Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“
„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert.
„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte flehend: „Wo ist Agathon?“
Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still. Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor Gedalja auf der Erde.
Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden, erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema, Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und ihm ein Geschenk bringen.
Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah.
Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach, wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den „siebenten Himmel“ aufzusuchen.
Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er. „Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se wolln.“
Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf.
„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach, mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“ Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende, sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden, Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit; Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische, glanzvolle, jubelnde Welt erblickt.
Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen; eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin, dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen.
So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden, hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer. Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten, vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze. Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest.
Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd.
Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig, bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich gesagt, laß diese Jugend revoltieren.
Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste, ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen, stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen, in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen.
In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der, Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen.
Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer.
So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, – geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der Erde gelegen.
Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wußte gar nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster. Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er sich vorsichtig und leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein schlief, zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand. Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts. Plötzlich erwachte sie. Sie fuhr jäh empor, schrie auf, streckte die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf die Dielen geheftet und atmete tief auf.
Am andern Morgen nahm Bojesen eine Zeitung zur Hand, die erste seit langer Zeit und las sonderbare Berichte und viele Phrasen eines Reporters über Agathon Geyer.
Vierzehntes Kapitel
Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues, düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären, gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich besetzten Tafeln führen.
Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen, sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die Kunst des „Goldmachens.“
Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig, unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen, wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, – eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette, für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen _mehr_ glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle.
Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte, unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um zu ihm zu gelangen.
Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes, denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde, – auf eigentümliche Art.
Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts, gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte. Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er fluchend, sie heulend.
Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen. Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der Karneval durch die Gassen schickte.
Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken. Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren.
Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht, hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß. Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig, mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert, außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt, hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an, holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ...
Gold!
Er hielt Gold in den Händen.
Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen.
Gold!
Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene teuren Vorrichtungen?
Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte. Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden. Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein. Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm, verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust, keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters, Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle, entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet.
Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen, schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere, wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt, und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden.
Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher, als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen Ausgang.
Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte.
Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus; eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten, ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote, ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen. Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren.
Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte, der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein. Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse) ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen, elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten, liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.
Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden, verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter, einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:
„Laßt sie brennen, die Kirche!“
Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen, asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon. Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt von einem erregten Schwarm.
Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.
Fünfzehntes Kapitel
Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter, den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg, erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz, ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis. Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt.
Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen, furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur. Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.
Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen, das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, – langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.
Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf. Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen.
Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.
„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du nicht Furcht?“
„_Was_ weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.
„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher Mensch sollst du sein.“
„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.
„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“
„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s dir?“
„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“
Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.
Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht. Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas, das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht, gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“ Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“ fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“
Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers. Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den _goignade_, einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte. Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne, legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.
„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agathon?“
Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du, daß ich es gethan hätte?“
Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: „Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“ fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon vermochte kaum klar zu werden.
„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst, bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der reine Brunnen Versiegenicht.“
Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von Bojesen.“
„Bojesen ... lieber Gott, ja.“
„Du kennst ihn?“
„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“
„Er ist sehr interessant.“
„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte. Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. „_Diese_ Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?
„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.
„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her, daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen.“
Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle. „Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd. „Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“
„Sterben? Nein, leben.“
Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.
„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“
„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr, dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“
Ein langes Schweigen entstand.
„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder. „Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du, Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher, „eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“
Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen, träumerischen Blick gleichsam suchte.
Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino, denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.
Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag aufgehen will.
Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon. Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung, Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der, künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten, vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es. Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist, morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend, hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie, die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten, erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben, thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber, darunter – nichts.
Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten, nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.
Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob. Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es fast ein Hilferuf.
Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt, leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo bist du, Agathon?
Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß, unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf.
Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.
„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen, denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe, tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer.
Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine Thränen, sondern reich.
Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen Garderobefetzen im Kehricht.
Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit, die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war. Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust.
Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte: „Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“
Agathon schwieg.
„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst, daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit. Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen, Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie verdeckt.“
„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein, Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? _Ein_ Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“
„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich. Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“
„Was hast du nur, Jeanette?“
Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon, mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar, wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja, eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen. Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“
Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen. Damit wenigstens _ein_ Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin. Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen _Menschen_ kennen gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war umsonst. Und was willst _du_, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging, stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund.
Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand; die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie schauderte.
Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete.
Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war.
Sechzehntes Kapitel
Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt, die vornehme Bel-Etage eines vornehmen Hauses zu mieten. Seine stolze Mutter hatte es verschmäht, bei ihm zu wohnen, und sie hatte gelacht, als er ihr Geld anbieten wollte. Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit gegen seine Bekannten, die darin bestand, daß er seinen berühmten Namen, auf Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten schob; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen, den Bart ein wenig imposanter stutzen, kaufte einen Brillantring, der beim Schreiben ein schwüles Feuerwerk von Strahlen gab, ließ sich photographieren, und zwar in einem Smoking, in einer Kravatte von durchbrochenem Rips, den Cylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts gerichtetem, gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund. Nach solchen Vorbereitungen beschloß er, seinen Kollegen in der Hauptstadt ein Rendez-vous zu geben und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen Festlichkeiten zu entgehen. Seine Gewohnheit, einsam zu sein, lasse ihn diesen Schritt nur mit großer Überwindung thun.
Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein. Gudstikker war beschäftigt, seine Reiselektüre zu sichten, als sich die Thüre öffnete und Monika Olifat hereinkam. Sie öffnete die Thüre nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt. Sie hatte mit einem großen Shawl den Kopf verhüllt. Gudstikker war so überrascht, daß er die brennende Cigarre fallen ließ. Doch dies dauerte nur einen Augenblick; dann war er völlig gefaßt, ja, er schien sich sogar zu freuen. Er ging hin und bot ihr die Hand.
Monika sah nicht, daß er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, ließ den Blick unsicher umherschweifen und murmelte: „Du gehst fort, Stefan?“
„Aber natürlich, Närrchen, ich muß doch,“ erwiderte Gudstikker. „Begreifst du denn nicht, daß ich muß? Am fünften führt man mein Stück auf und heute, – na ja, noch drei Tage. Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl da setzen?“
„Also du gehst fort,“ wiederholte Monika mechanisch. „Du gehst fort.“ Und sie wollte die Hand an die Stirn heben, ließ sie aber im Schoß ruhen. Beide Hände lagen da, schwer, aneinandergepreßt.
Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor. Dann nahm er ihre Hand und sagte: „Liebes Kind, die Pflicht ruft. Da ist nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, daß ich nicht wieder komme, nicht wieder zu dir komme? Wer kann es wagen, dies zu behaupten? Sieh doch selbst; angenommen, wir könnten uns nicht wieder treffen, selbst diesen Fall angenommen sage ich, bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig, dir und mir? Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft, sagt irgendwo ein großer Dichter. Du wirst das verstehen, denn du bist ja so klug wie wenig Weiber. Ist es denn ein so großes Unglück, einmal an dem vollen Becher des Lebens getrunken zu haben? Die Hauptsache ist, daß man satt ist, verstehst du. Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist außerordentlich interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren Kritiker, aber das macht Spaß. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie meint sogar, daß es eine ganz philosophische Färbung hat. Sie hat ihr eigenes Urteil in derlei Sachen, weißt du. Mein Gott, was hat sie aber auch durchgemacht! Da ist es leicht, Philosophie zu haben. Nach dem Tod meines Vaters ist es ihr verdammt schlecht gegangen. So schlecht, daß sie ihr Brautkleid, eigentlich das Theuerste, was sie besitzt, ins Pfandhaus tragen mußte. Und bis heute hat sie es nicht wieder einlösen können. Man kann getrost sagen, daß es ihre Lebensaufgabe geworden ist, ihr Brautkleid wieder einzulösen. Trotz alledem hat sie sich nie von ihrem Hund trennen wollen. Ein prickelnder Stoff, was? Da kann sich ein Balzac die Zähne ausbeißen. In letzter Zeit kränkelte sie übrigens. Du könntest einmal hingehen. Aber rege sie nicht auf. Nur keine Scenen, mein liebes Kind, nur keine Scenen, und vor allem keine Dummheiten. Noch etwas, – daß du mir eine ordentliche Hebamme nimmst, und wenn möglich einen geschickten Arzt dazu. Deine Mutter hat ja keinen Dunst von solchen Sachen, _ta chère maman_ hehe. Ich muß sagen, ich freue mich außerordentlich. Es ist eigentlich ein erhebendes Gefühl. Wie? Was sagst du?“
Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine lange Linie rosenroter Wölkchen. „Nun ja,“ sagte sie gepreßt. Das war alles. Ihre beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten verräterisch, und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, perlte Thräne auf Thräne herab, ohne daß sie es zu hindern vermochte. Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit beiden Händen.
Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann gleichgültig, ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker heißt.
Gudstikker stand am Fenster, pfiff eine Arie und betrachtete ebenfalls die rosige Wolkenkette. Und in den Pausen seiner Kunstausübung murmelte er: „Jaja, die Weiber, die Weiber.“ Dann dachte er daran, sich von seiner Mutter zu verabschieden und er machte sich auf den Weg.
Als er in die Stadt ging (seine Wohnung lag am Engelhardtspark in der Nähe derjenigen Nieberdings), dunkelte es schon. Gudstikker fand sich unvermittelt aus seiner siegesgewissen Stimmung gehoben. Er ging am Redaktionshaus des „Tagblatts“ vorbei, als ein schriller Lärm ihn aufmerksam machte. Seine zu jeder Zeit wache und geschäftige Neugier hieß ihn stillstehn und lauschen. Er vernahm ein immer zunehmendes Keifen, Brüllen, Schimpfen und Fluchen. Dazwischen wurde eine klagende oder mahnende Stimme laut, und endlich wurde eine Thüre mit aller Wucht zugeworfen; dann war es still. Gudstikker wollte seinen Weg fortsetzen, als unter dem Thor des Hauses die Gestalt eines Greises erschien. Gudstikker erkannte Baldewin Estrich und lachte. Eigentlich war es ihm kaum klar, weshalb er lachte, denn der Alte bot bei den zahlreichen, halbgeheilten Narben an Gesicht, Hals und Händen einen ziemlich jämmerlichen Anblick; aber das hielt ihn nicht ab. Er raisonnierte dabei: Gold machen allein wäre ja nicht so schlimm, das thun wir ja alle auf unsere Art; aber Baldewin heißen außerdem –!
Indessen kam Estrich auf ihn zu und erkannte ihn, obwohl er ihn erst einmal in Zirndorf gesehen hatte, obwohl es dunkel war und obwohl er erregt schien von dem Streit.
„Was haben Sie denn dort drin gemacht?“ fragte Gudstikker lustig, jedoch, wie ihm schien, sehr menschenfreundlich. Er gedachte, sich auf eine Seelen-Analyse dieses „Originals“ vorzubereiten.
Der Alte blieb stehen und sah unsicher umher. „Wo kann man trinken?“ murmelte er. „Ich habe Durst!“
Gudstikker führte ihn in eine nahe Kneipe, wo als einziger Gast ein jüdischer Hausierer saß, mit seiner Tagesbilanz beschäftigt, ein Glas Zuckerwasser vor sich.
Baldewin Estrich bestellte Schnaps. Gudstikker, der sich immer noch als der Mann über einer komischen Situation fühlte, lächelte die Tischplatte und demnächst seine etwas besser gepflegten Fingernägel wohlgefällig an.
In der Schenke qualmte nur eine einzige Lampe. Die Fenster waren geschlossen und schienen auch seit Jahrzehnten geschlossen zu sein, der Atmosphäre nach zu schließen. Draußen war es noch nicht finster; die Tiefe des Himmels war noch gelb. Estrich schaute in sein Glas und sagte: „Junger Mann, ich habe abgerechnet. Ich bin leergepumpt, hohl, ein hohles Faß. Ich habe gelebt, jawohl; aber für was? Für einen Fußtritt, da haben Sie’s. Jetzt bin ich an der Reihe, Fußtritte zu geben. Also aufgepaßt, da sind Zündhölzer: zwanzigtausend Gulden, achtzigtausend Mark, sechsunddreißigtausend Mark, fünftausend Mark und daneben ein kleines Loch und daneben ein kleiner Mann und daneben ein kleines Schnapsglas ... hihihihi! Jetzt kommen meine Fußtritte. Meine Katze erbt mein Haus, punktum. Meine Katze erbt mein Gold. So. Und wenn ich auch noch keinen Notar und keine Zeitung für mich hab’, ich setz’ es durch. Kein Mensch soll über meine Schwelle, so lang sie noch Schwelle, so lang mein Haus Haus bleibt. Jetzt kommen meine Fußtritte, ihr satansträchtige Brut, ihr Wanzenfutter, ihr Christen und Juden. He du! He! He Jud!“
Der Hausierer hob den Kopf. Als er das funkelnde Metall in Estrichs Hand gewahrte, kam er näher. Vor dem Tisch schnappte er jäh zusammen wie ein Messer, und seine Augen schienen herauszufallen. „Gott der Gerechte, was ham Se da in der Hand? Werd’s doch user nit sein Gold? Is es? Is es wahrhaftik? Odder welln Se machn zon Schoode en arme Jüd? Es is, schemaa Jisroel, es is! Gott was e scheener Glanz! Gott was e scheenes Gold! Chutzpeponim, was haste zum Narrn en arme Meschofesjüd! Gott, was e scheenes, was e faines Gold!“
Gudstikker hatte nicht mehr Lust zu lachen. Im Gegenteil. Furcht und Scham malten sich auf seinem Gesicht. Vielleicht seit seiner Kindheit zum erstenmal vergaß er seine Rolle als Redner. Vielleicht zum erstenmal wurde er erschüttert durch ein Bild der großartigen und bejammernswerten Lebensschlacht. Der Hausierer stand da mit ein wenig vorgestreckten Händen, und eine verschlingende Habgier brannte in seinem Gesicht, grub neue Furchen und Runzeln hinein; seine Glieder bebten, sein Kopf schaukelte mechanisch mit einer leisen Bewegung hin und her, seine Finger krallten sich allmählich einwärts und seine feuchten Lippen lallten. Baldewin Estrich schien sich nicht sättigen zu können an diesem Anblick. Er streichelte das Metall, und halb scherzend, halb schmeichelnd trällerte er eine Cadenz. Dann erhob er sich. Sein Gesicht nahm einen überaus düstern und feindseligen Ausdruck an. Er spie aus, schleuderte sein Glas gegen die Dielen, daß es zerschmetterte, warf Geld auf den Tisch und verließ mit kräftigem Schritt und erhobenem Kopf den Raum, wobei seine langen Haare flatterten.
Während Gudstikker die Stufen hinunterschritt, die von der Kneipe auf die Straße führten, stieß er so heftig mit einem Menschen zusammen, daß ihm der Hut vom Kopf in die Gosse flog. Als er sich umsah, empört und bereit zu schimpfen, war es Nieberding, den er in der letzten Zeit näher kennen gelernt hatte. Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend, sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen. Auf seinem Gesicht lag jener leise Ekel, in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt, und ohne sich zu entschuldigen, man hätte glauben können, ohne den Stoß gefühlt zu haben, eilte er seinem Hause zu.
Er war in fieberhafter Ungeduld, das was er gehört, der Schwester mitzuteilen. Er klopfte an ihre Thüre, doch sie antwortete nicht. Er drückte auf die Klinke, doch sie war versperrt. Er pochte stärker und rief ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in den Salon zurück und schritt unruhig umher. Seine matten Augen lagen viel tiefer als sonst; der suchende, krankhafte Glanz in ihnen teilte sich bei längerer Betrachtung dem ganzen Gesicht mit. Seine Hände schienen ein eigenes Leben für sich zu führen, schienen stets mit einander im Kampf zu liegen, sich gegenseitig aufzureiben, worauf sie dann wieder lange Zeit bewegungslos und müde herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im Gebet zu falten, begierig nach einem Leiden.
Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte eine gewisse Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die täglich zunahm, ein wachsender Haß gegen die Minister, gegen den Hof, gegen die Familie des Fürsten, eine nahezu thatbereite Neugier. Leute, die den König einmal gesehen, hatten ihn nie wieder vergessen. Der Eindruck seiner Person war so tief, daß, wer ihn sah, selbst ein Stück Vornehmheit und Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so außerhalb alles Gewöhnlichen, Menschlich-Alltäglichen, daß der Nimbus, der seine Handlungen umgab, fortwährend blendender und hinreißender wurde.
Als Cornely noch nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten. Sie wußten nichts bestimmtes. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen Ahnung erfaßt, noch einmal so heftig er konnte an die Thüre. Dann lauschte er und glaubte nichts zu vernehmen als einen Seufzer, der wie durch viele Tücher gedämpft herausklang. Nun erbrach er mit Hilfe des Dieners die Thüre.
Es bot sich ihm dieser Anblick: Seine Schwester lag mit nacktem Oberkörper vor einem großen Christusbild, das sie sich heimlich verschafft haben mußte, denn Nieberding hatte nichts von seinem Vorhandensein gewußt. Ihr unglücklicher Körper war mit Striemen bedeckt. Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen, die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern. Nieberding schob den Diener ungestüm hinaus und kniete nieder zu ihr; hob sie auf und legte sie aufs Bett. Statt sie wiederzubeleben, starrte er sie an, während sein Herz langsamer schlug.
„Cornely,“ flüsterte er an ihrem Ohr.
Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie bebend die Decke bis an den Hals hinauf.
„Was hast du gethan, Cornely?“ sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine zunehmende Furcht sichtbar war.
Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders. „Geh nie mehr fort,“ stammelte sie. „Ich kann nicht mehr schweigen. Ich habe dich geliebt, liebe dich Edward, es ist entsetzlich. Drücke meine Hand nicht so. Dafür büße ich vor Jesus Christus, denn schon lange bin ich keine Jüdin mehr. Ich denke genau so wie du.“
„Schwester!“ rief Nieberding und wich zurück.
„Versteh’ mich recht,“ fuhr Cornely fort, allmählich in einen fieberhaften Ton verfallend, „nicht als Bruder habe ich dich geliebt. Nein, so, daß ich keinen Schlaf, keine Ruh’ mehr hatte von der Stund’ an.“
Die Furcht in Nieberdings Gesicht nahm beständig zu. Einmal blickte er um sich, als erhoffe er durch irgend einen Zwischenfall Befreiung von dem Gequälten der Situation. Wirklich erschien gleich darauf die Gestalt Bojesens vor der Schwelle und hinter ihm eine Sekunde lang das neugierig grinsende Gesicht des Dieners.
Bojesen war erstaunt; doch es schien, als ob er sich nur mit Mühe in dies Erstaunen finden könne, gegenüber einem Gegenstand, der ihn bis jetzt gänzlich in Anspruch genommen hatte. Seine Kleidung wies solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung auf, daß, wer ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das. Obwohl Nieberding erleichtert aufatmete, als er den Eindringling gewahrte, wandte er sich ihm doch mit einem ungeduldigen und unwilligen Stirnrunzeln zu.
„Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist?“ begann Bojesen ohne weitere Einleitung als einen flüchtigen, mürrischen Gruß.
Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er wurde immer mehr verwundert durch Bojesens nervöses, förmlich zuckendes Wesen. Er fuhr sich zahllose Male mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich hinein.
„Ich habe ja gar nicht gefragt, ob sie ihn kennen,“ sagte Bojesen und blickte sich mit leeren Augen im Korridor um, wohin ihn Nieberding geführt hatte.
„Aber was giebt es denn? Was haben Sie?“
„Entschuldigen Sie, daß ich komme,“ murmelte Bojesen. „Entschuldigen Sie nur. Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne ich bei allen möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deswegen komme ich auch zu Ihnen. Kennen Sie die Schrift?“ Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen, dessen Adresse er Nieberding hinhielt.
Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“
„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“
Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen.
„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem, was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden. Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’ ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“
Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die Hand; er komme bald wieder.
Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze.
Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als Abendgeläut.
Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte sie sich und kehrte seufzend um.
Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder, ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum, vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens. Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen, mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit:
Sag’ mir an, du trübes Gespenst, Was du Wissen und Leiden nennst?
Sag’ mir, du ruhige Finsternis, Warum Gott seinen Sohn verließ?
Sprich, du Himmel ohne Gnaden, Weshalb hat mich der Freund verraten?
O sprich, du lange Einsamkeit, Was ist Tod und was ist Zeit?
Da begann das trübe Gespenst: Was du Wissen und Leiden nennst, Das ist kraft eines deutlichen Traumes; Das ist Spiel jenes bunten Saumes, Saum vom Kleide der Ewigkeit, Kraft eines langerloschenen Lichts, Dies ist Wissen, dies ist Leid Und sonst nichts.
Sprach die ruhige Finsternis: Warum Gott seinen Sohn verließ, Das ist kraft seiner Lust zur Freude; Das ist Kampfspiel, das stets erneute Hangen und Bangen am Lebensbaum. Gott wünschte einen Sohn des Lichts; Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum Und sonst nichts.
Sprach der Himmel ohne Gnaden: Mit Recht hat dich der Freund verraten. Freundschaft ist zärtliches Betrügen, Kopfnicken und Rückenbiegen. Umklammert deine Faust das Schwert, Freue dich des Verrätergerichts; Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt, Und sonst nichts.
Sprach die lange Einsamkeit: Frage nicht, was Tod und Zeit. Tod bist du und Zeit bist du, Rast und Flucht und Kampf und Ruh. Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten Wirst du am Tage des großen Verzichts Hin vor meine Füße gleiten, Und sonst nichts.
Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor. Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, deren Nähe ihr beglückend dünkte.
Bald darauf ging sie zu Bett.
Siebzehntes Kapitel
Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agathon an einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam. Er war schon ziemlich lange umhergewandert, ohne daß er sich entschließen konnte, jemand von den Menschen aufzusuchen, die er kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem ersten Stock eines Hauses der Schwabacherstraße zu seinem großen Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte diese lebhafte Dame auch ihn erblickt und erkannt. „_Ah, monsieur Geyer!_“ schrie sie und gestikulierte mit beängstigender Heftigkeit. „_Ah, monsieur Geyer! entrez, je vous prie! Consolez une misérable femme!_“ Agathon lächelte und ging hinauf.
Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick auf ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit einer schmeichlerischen Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete und schlang beide Arme um den Hals der verängstigt dabei stehenden kleinen Esther. Frau Olifat stürzte sich sogleich über Agathon her, erklärte ihm mit einer betäubenden Beredsamkeit halb deutsch, halb französisch, daß sie für ein paar Wochen nach der Stadt gezogen sei, der Gesellschaft halber, daß sie die „Supposition“ habe, im Sommer nach den Seen zu reisen; es blieb unerklärt, welche Seen sie dabei im Sinne habe. Sodann klagte sie in leidenschaftlichen Worten über Monikas Benehmen, die den ganzen Tag dasitze, ohne sich zu rühren, ohne zu essen, ohne zu sprechen, ohne zu lachen, „_tout comme une morte_“. Dann setzte sich die gute Matrone hin und begann aus vollen Kräften zu schluchzen. Esther lief zu ihr, kletterte auf ihren Schoß, schmiegte sich an ihre Brust und blickte feindselig ihre Schwester Monika an, die während alledem keine Miene verzog. Bald sprang Frau Olifat wieder auf, ergriff Monikas Hände und begann von neuem in sie hineinzureden. Doch das Mädchen wandte mit einer affektierten, bösartigen Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das Gesicht nach einer andern Richtung. Die gequälte Mutter wurde zornig; unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen, und einmal erhob sie den Arm wie zum Schlag. Darauf packte sie Esther, riß und schleppte das Kind durchs Zimmer zur Thüre und dröhnend fiel die Thür hinter ihr ins Schloß.
Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen hatten sich, kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem brennenden Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten feucht, – vor Scham und Verzweiflung. „Ich kann ja gehen, Agathon, wenn Sie nicht wollen, daß ich bleibe,“ sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme, und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln.
Gern wäre Agathon hingegangen und hätte ihre Hand ergriffen, nur vielleicht um sie zu bitten, sie möge wieder du sagen. Aber er konnte nicht. Diese unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo er war. „Was hast du nun eigentlich, Monika?“ fragte er ruhig.
Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das Gefühl, als blicke er in einen Raum mit kahlen Wänden, während vorher der intime Zauber der Behaglichkeit diesen selben Raum erfüllt hatte. Etwas Zerflossenes, ja etwas Hündisches war in Monikas Augen.
„Ich weiß es, du hast Gudstikker geliebt,“ sagte nun Agathon wieder, „aber deshalb mußt du doch nicht so am Leben verzweifeln, Monika. Du warst doch sonst so froh und immer voll Hoffnung; du hast einen immer ausgelacht, wenn man traurig war, Monika. Und jetzt? Was ist mit dir? Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden? Viele haben geliebt und entbehren müssen, das ist gewiß wahr, Monika. Aber sieh, nun kommt bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne auf dich scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine Wangen werden wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles vergessen haben, Monika, diesen ganzen elenden Winter für dich wirst du vergessen haben.“
Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende Bewegung. „O Agathon,“ rief sie aus, „nie mehr können meine Wangen rot werden, nie mehr, nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen, nie mehr kann ich vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.“
Agathon näherte sich ihr und beugte sich herab zu ihr, ergriff ihre Hand und schaute sie an. „Was hast du gethan, Monika? Sprich! Warum schweigst du? Warum verschweigst du mir’s?“
Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken. So sah sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der Ferne zu erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: „Er hat mich betrogen. Geh’ hin und räche mich.“
„Monika!“ schrie Agathon auf und machte sich los von ihr.
„Es ist so finster,“ flüsterte Monika verstört und schauerte zusammen. „Es wird schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben mit allem, was ich bin. Aber denke nicht schlecht von mir, Agathon, bitte dich, thu’s nicht. Geh’ nicht fort jetzt, nicht fort. Du hättest es doch wissen müssen, schon lange. Geh’ nicht fort jetzt.“ Als die Thüre sich hinter Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd zu Boden. Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm lag. „Wo wohnt er?“
Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das Haus.
Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er zeigte ein überraschtes und freudiges Gesicht bei seinem Anblick und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, um aber auf halbem Wege wie angewurzelt stehen zu bleiben. „Na, was machen _Sie_ denn für ein Gesicht, Verehrungswürdiger,“ sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb trotzig.
Agathon stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er noch die Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische Gesicht geblickt, war er wie entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm in ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit entgegentrat. Glätte und Spitzigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst, – Agathon fand kein anderes Wort dafür, als das Wort jüdisch, in seinem häßlichsten Sinn. Gudstikker schien ihm die jüdischeste Natur, die er je getroffen.
Gudstikker war indes das lange Schweigen unbehaglich. Er bemerkte eine gewisse Veränderung in Agathons Wesen, seit dieser bei ihm eingetreten war. „Ach, Sie kommen wohl wegen der kleinen Monika,“ sagte er nachlässig, in dem sichtlichen Bestreben, Agathon zu verletzen. „Ich sah es Ihnen gleich an. Bischen verliebt, was? Aber das geht schon vorüber. Trösten Sie sich nur und legen Sie vor allem Ihre Berserkermiene ab. Unsereins kann sich nicht bei dem schönen Geschlecht aufhalten. Was für so ein Weib der Lebensinhalt, ist für uns eben nur ein Episödchen. Ja ja. Eben bin ich im Begriff, mein Verhältnis mit der kleinen Käthe in Ordnung zu bringen, d. h. wohlverstanden, zu lösen, hehe. Deswegen habe ich meine Abreise verschoben und das Vergnügen genießen können, Sie noch zu sehen. Die kleine Estrich muß sich eben auch trösten. Sie ist mir doch zu sehr kleines Bürgermädchen. Mein Gott, man verlangt doch ein bischen Kultur. Und dann, der schaffende Mensch muß frei sein. Rücksichtslos muß er alles zur Seite schieben, was im Wege steht, und wenn es nicht anders geht – zerstampfen. So. Nun haben Sie meine Lebensanschauung.“
Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen, aus denen mühelos Phrase um Phrase quoll. Er schwieg.
„Ich will Ihnen etwas sagen,“ meinte Gudstikker nach einer peinlichen Pause und in etwas prahlerischem Ton, der noch unangenehmer berührte durch das Hingeworfene, anscheinend Leichte und Elastische seiner Redeweise. „Ich will Ihnen sagen, Sie sind ein Idealist. Was sag’ ich, Idealist! Ein verschwommener Träumer, ein unverbesserlicher Hanshasenfuß. Der moderne Mann muß grausam sein, rachsüchtig, blind für die Krüppel und Lahmen und Bettler. Sie kommen daher als Ritter eines kleinen Mädchens, das in leichter Stunde vom Piedestal der Tugend stieg. Was macht das? Leben wir etwa, um tugendhaft zu sein? he? Oder leben wir, um zu leben? Was Sie wollen, ist ja alles ganz schön und grün, aber es verrät keinen großen Geist, keinen starken Geist. (Wie kann er wissen, was ich will, dachte Agathon.) Kennen Sie das wahre Elend der Welt? Nein. Kommen daher mit prophetischen Gelüsten und haben keine Augen für die wahre Not der Zeit. Soll ich einen Abend lang Ihren Asmodai machen? Soll ich? Mein Weg führt mich ohnedies dorthin, wohin ich Sie führen will, – Studien halber natürlich. Allons, kommen Sie.“
Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers. Zugleich empfand er ein fast unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein Flämmchen. Er suchte sich allem diesen zu entziehen, aber umsonst. Er folgte Gudstikker, der mehrmals kurz und herausfordernd vor sich hinlachte, auf die Straße.
Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo die verrufenen Häuser standen; wo wenige Laternen ein dürftiges Licht spendeten, und wo die Schutzleute zu zweien und dreien gingen, streng, finster, sorgsam spähend.
Sie kamen zunächst an ein kleines, einstöckiges Haus, über dessen Portal eine grüne Lampe brannte. Die Fenster waren mit Jalousien dicht verhängt.
Als Gudstikker das Thor geöffnet hatte und zur linken Seite in einen mit verblichener, gleichsam abgesessener Pracht ausstatteten Salon getreten war, kam den Beiden eine Schar von geschminkten Mädchen entgegengesprungen, die mit Gudstikker sehr vertraut thaten, sich an seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein riefen und sich auf jede Weise und aufs äußerste bemerkbar zu machen suchten. Sie waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre Augen glänzten krankhaft oder schienen müde, ihre Bewegungen waren geziert, ihr Lachen übertrieben, ihre Scherze frivol. Ihr Gang hatte etwas Schwankendes, das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges, Abenteuerliches. Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht: manche blickten scheu nach ihm hin, aber thaten dann wieder, als sähen sie ihn nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte anzügliche Reden, die nach ihrer Absicht etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch läutete die Portalglocke, dann verschwand eines der Mädchen, lächelnd und nickend, gleichsam voll Versprechungen, und die Andern sahen teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.
Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine Worte, lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurück, klatschte leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden Klavier an, tauschte heitere Reminiscenzen mit der Dame des Hauses, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten und ihn den „schwarzen Doktor“ nannten, und bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen. Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben befindliches Gebäude, und Agathon folgte wie gezogen, halb betäubt durch eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah er den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel, matte, von Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter, in denen jedes Leiden, jeder Schmerz, jedes Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit verschwunden war, wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern, atmete den Rauch der Cigaretten, den Dunst der Weine und wurde behandelt wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht. Er sah in dunkle Nebenkammern, wie man wohl auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren verfolgt: auch dort hatte das heimische Laster seine Spuren selbst in die Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich erhitzen um einen Kuß, von dem sie vergessen wollten, wie feil er war und wie jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen, Pfropfen knallen, Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen, wie mancher seine Ohren verschloß gegen Stimmen, die er nicht hören wollte, nie hören durfte, ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die Kammern dieser Frauen und Mädchen, die von einem überhäuften und unsinnigen Pomp starrten, worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen, worin ein rotes oder grünes Licht eine künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Absichtsvolles und Dekoratives verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt und dem sentimental gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die verschnörkelten, steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und hinabeilten und dabei berechneten, wie viel sie noch verdienen müßten, um sich bezahlt zu machen dafür, daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften, ohne daß man mehr von ihnen verlangte, als daß sie lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett oder mager sein, blond oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe, als die, zu lachen. Und jedes neue Läuten der Portalglocke brachte einen neuen Gast in diese besuchteste Krämerei der Stadt: Junge Leute, die mit zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die hier einen letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer, von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen, junge Bräutigame, die hier ein Mittel fanden, die ideale Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige und gute Frauen besaßen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um Erbarmen flehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und diese antworteten: ‚Hier giebt es kein Erbarmen; wer hier eintritt, für den ist keine Hoffnung. So ist unsre Welt.‘ Und er tändelte weiter mit den Mädchen, während Agathon Ruhe, Kraft und Besinnung verlor und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge ihn bedrängte. Oft war es auch ein leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den Strudel und versank. Erschüttert wollte Agathon fliehen, doch schon war Gudstikker neben ihm, der ihn führte, – durch die menschenleeren Gassen der Stadt.
Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flüsternd. Aber nichts gab ihm Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte. Und er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher Häuser, und er hatte auch deutliche Hallucinationen, die wie Angstrufe waren, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, eines Staates, der wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den Abgrund zu tauchen. Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen öffentlichen Anstand zu wahren, der noch die letzte Klammer der berstenden Wände bildet. Er sah, daß jedes Haus eine Wunde hatte, die unheilbar war; daß jede Thüre eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief, daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden, daß die Bereitwilligkeit, sich zu verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt; daß die Prostitution bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die Gassen geht und harmlos scherzend Gift sät; daß die Kaserne und das Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das Theater und die Schule von _einem_ Schmerz gepeinigt, von _einer_ Lüge erhalten, von _einer_ Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel in der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg erleuchtet, langsam vergehen und erkannte, daß er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war als ein Kind, das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will. Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand und ihre ergraute, blinde, lahme und taube Moral, halbverreckt an Altersschwäche, konnte nicht den Tod finden, wenn man ihr Leben in angestrengtem Bemühen durch Kunstmittel verlängerte.
„Gute Nacht, Bester,“ sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus standen. „Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut gethan. Die Welt ist viel größer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute Nacht.“
Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb, als er sich allein sah, lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren alle diese Bilder und Gesichte vorbei, förmlich schwarz gemacht durch die Nacht. Er hatte kein Bett, keinen Zufluchtsort, begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe. Betrunkene taumelten an ihm vorbei, betrunkene Männer und ganz junge Leute, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch lebendig war auf den Straßen, wurde durch diesen Geist der Besoffenheit bewegt, der einen übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen; er wird diese Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet, den Mann und die Liebe verachten lassen und wird das Bild einer morschen Indolenz bis zur Greifbarkeit verdeutlichen, alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören, jede Vereinigung von Kräften unterwühlen.
Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt.
Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem übertriebenen Nimbus verklärt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine tröstende Gestalt. Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem Haus, in dem der Lehrer wohnte. Da das Thor bei der späten Stunde schon geschlossen war, ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten Steinfließen nieder, umschloß die Kniee mit den Armen und wartete. Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit. Im dritten Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Das Vorbeidefilieren der Betrunkenen minderte sich. Die Uhren schlugen eins, zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger zu werden, körperlicher. Und Agathon saß und wartete auf Bojesen wie auf eine Lichtgestalt. Wenn es Morgen war, würde man das Thor öffnen, und Agathon konnte dann zu ihm gehen. Was er dort wollte, daran dachte er kaum.
Aber war dies nun nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas zusammengekrümmte Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die Hände tief in den Taschen vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens Züge? Agathon mußte unwillkürlich lächeln, daß dies seltsam schiefe Bild eines Menschen, diese schwankende Nachtgestalt eine solche Ähnlichkeit aufwies. Aber warum starrte nun dieser Schein-Bojesen so? suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln –? brummte, als er sie nicht fand –?
Es erwies sich, daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem falschen Bojesen und Bojesen, der Lichtgestalt. Und schließlich erhob Agathon in einem stechenden Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei, den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen, der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können, zurück und lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl. „Ich – suchte – Sie – sch– schon – l– lange genug – Ag– Agathon,“ sagte er.
Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin.
Bojesen zog den Brief aus seiner Brusttasche mit einer völlig mechanischen Bewegung. „Da lesen Sie ihn gleich,“ sagte er und war plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache. „Sagen Sie mir, was es ist. Sagen Sie es mir. Ich vergehe sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann mich nicht losreißen, verbrenne mir das Herz dabei, verliere mein Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich bin hin, eine Null, ein hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott. Was weichen Sie zurück vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die Tugend selbst, daß Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit diesen entsetzten Augen?“
Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der von Bojesen auf ihn einströmte. Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten Sätzen, purzelnden Worten und grotesken Armbewegungen.
„Nein, nein, ich bin nicht betrunken,“ fuhr er fort, als fühle er plötzlich den Grund; „nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen Bankrotteur. Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser, sein Gang schwerfälliger) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund – –“
Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort, so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den verzweifelten, gleichsam ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen: Agathon! Agathon! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß neben sich dumpf rauschen hörte, vernahm er es immer noch, dies: Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes käme.
Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgethan hatten, schlossen diese Pforten von selbst wieder. Über der schier mit Händen zugreifenden Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt, ein brennendes Land. Erst brannte es sichtbar, lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf.
Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals der Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung. Nach einiger Mühe gelang es Agathon, sich durch das verrammelte Thor zu zwängen. Er legte sich vor den Ofen und bemerkte, daß seine Kniee vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es kaum. Sein überaus bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheuren Bewegung seines Innern.
Schließlich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen schon zu krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und erkannte Jeanettens Schriftzüge. Er riß ihn auf, und eine Banknote fiel heraus. Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte: Komme sogleich hierher.
Achtzehntes Kapitel
Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten, von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose, dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in einem Scheindasein.
In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten.
So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose Täuschung.
Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl, den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.
„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“
Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende, Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir, Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da bist und ich zu dir reden kann!“
Und sie erzählte.
Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt. Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn.
„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort. „Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen, ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit ihm allein.“
Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon, und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht. Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht; zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er. ‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät! Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt? Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte, Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham. Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.
„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen, geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht, zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste, rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst.
„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete. Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen, Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll, mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“
Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden.
Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz. Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen, da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle, dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen, die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle, die sich ihm nahten, von _einem_ Trieb entflammen zu lassen.
Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde. Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder ängstigen.
Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches, der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose Wiederholungen desselben Raumes.
Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war.
Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien, tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher, zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern, daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer, dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren. Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten. Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden.
Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl, der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war, lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron entstanden war.
In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken, alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war, dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer durchbebt wie in jenen Tagen.
Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und seine früheren Wünsche waren erstickt.
Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte.
Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg fort.
Neunzehntes Kapitel
Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!
„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten. „Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“
„Aber _warum_ fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig neugierig war.
„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns Juden.“
Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe, du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“
„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern du gehst vor der Zeit einher.“
„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“
„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“
„Warten, Agathon? Worauf?“
Agathon schüttelte lächelnd den Kopf.
Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe. Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen.
Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei.
Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen, seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel von da droben.“
„Du mußt warten, Monika.“
„Immer warten! Worauf denn?“
„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“
„Das dauert aber noch so lange ...“
„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif sein, Monika.“
Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn.
Ende.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.
Jakob Wassermann
Melusine
Ein Liebesroman
Preis 2 Mark 50 Pf.
Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ „_Melusine_“ ist ein schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt, bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend, die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt werden darf.
(Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)
Kleine Bibliothek Langen.
Band I
Jakob Wassermann, Schläfst Du Mutter?
„Schläfst Du Mutter?“ ist die rührende Geschichte eines Knaben. Ohne Sentimentalität und ohne gesuchte Naivität vorgetragen, bringt die Novelle eine Reihe feiner Seelenmalereien aus dem Leben des Kindes, bis es gleichsam aufwachend in die Wirklichkeit hineinsieht. Es träumt von der Zeit, wo es kein Träumer mehr sein wird. Aufgerüttelt von den dunklen Mächten der Natur steht der Knabe am Totenbett der Mutter und weiß nicht, was das ist: tot sein.
Band II
Marcel Prévost, Julchens Heirat
„Julchens Heirat“ enthält die Gedanken und Betrachtungen einer kleinen Pariserin beim Herannahen ihrer Hochzeit und die Erfahrungen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe macht. Es ist durchaus kein naives Buch, aber geistreich und graziös. Man muß bei diesem Buch in _Prévost_ wieder den Meister der feinen Form bewundern.
Band III
Amalie Skram, Verraten
„Verraten“ ist die Geschichte von einem jungen Mädchen, das nach altem Muster, in Unkenntnis mit den natürlichsten Dingen, erzogen, an einen braven und lebensfrohen Schiffskapitän verheiratet wird. Das Resultat ist eine unglückliche Ehe, indem die junge Frau, in der Überzeugung ihrer eigenen Vortrefflichkeit und der Schlechtigkeit ihres Mannes, diesem, der sie aufrichtig liebt, das Leben so traurig macht, daß er sich zuletzt aus Verzweiflung in die Wellen stürzt.
_Björnstjerne Björnson_ schreibt über dieses Buch: „_Verraten_“ ist an psychologischer Tiefe und Macht der Darstellung ein Meisterwerk, das uns den Eindruck hinterläßt, als wären wir draußen auf dem Meere, als schauten wir in die Wassertiefe hinab und als leuchtete uns daraus ein Paar großer Augen entgegen. Den Kopf kann man nicht erkennen, aber man sieht, wie die Augen sich öffnen und schließen ... kalt wie das Meer.
Band IV
Heinrich Mann, Das Wunderbare u. a. Novellen.
Der Verfasser dieser Erzählungen ist seit Jahren ein häufiger Gast in unseren besten illustrierten Blättern, hier tritt er zum ersten Male mit einem gesammelten Werk vor das Publikum. Die wunderlichen Ereignisse und die eigentümlichen Menschen, die er mit Vorliebe schildert, bedeuten für ihn nicht allein Mittel, um seine Leser zu unterhalten, er wählt sie auch, weil die stark bewegten Schicksale ihn am tiefsten in die geheimnisvolle Welt blicken lassen, die hinter dem zufälligen Leben der Menschen liegt: die Natur.
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Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 3]: ... friedliche fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ... ... friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ...
[S. 46]: ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt dem ... ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem ...
[S. 117]: ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, dem ... ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den ...
[S. 194]: ... Augen rings um. Der Raum lehrte sich; die Kellner ... ... Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner ...
[S. 198]: ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte ... ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, ...
[S. 201]: ... die Gassen näßte und emporstieg und stieg zum ... ... die Gassen näßte und emporstieg zum ...
[S. 201]: ... Bojesen las mit wachsenden Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ... ... Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ...
[S. 212]: ... war etwas größer, als Bojesen), und sein Gesicht ... ... war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht ...
[S. 255]: ... Ein langes Schweichen entstand. Plötzlich sagte ... ... Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte ...
[S. 298]: ... „Was meinen Sie damit.“ ... ... „Was meinen Sie damit?“ ...
[S. 439]: ... Agathon lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ... ... Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ...