Chapter 6 of 11 · 7187 words · ~36 min read

Sechstes Kapitel

Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern, kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte, leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten, die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St. Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand, auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht, ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen, die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam der Tag. –

Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf. Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut, die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich verdrängen müssen.

Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann, David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich früher einmal lassen.

Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.

Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm, der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit.

„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit einer glockenhellen, melodischen Stimme.

Er nickte langsam.

„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“

Er nickte wieder.

„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“

„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“

„Braucht ihr es denn so nötig?“

„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über seine ungewohnte Mitteilfreude.

„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden. Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein.

„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge.

Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles, erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ die Gemeinde das Haus.

Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau und regnerisch.

„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu geben dervon.“

„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne.

Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“

„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält.

„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch, voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und bin stumm.“

Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er, der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.

Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann, die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“

Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.

Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle, und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften, Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.

Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern. Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen villenartigen Charakter.

„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor, daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.

Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“

Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen von Leidenschaft und spielender Anmut.

„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.

„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.

„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“

Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er lächelte voll Scham und Reue.

Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.

Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine Worte.“

Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich wieder.

Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.

Siebentes Kapitel

Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden. Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er herumgestreunt sei.

„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden Augen, den Kopf hoch aufrichtend.

„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel.

„Wo sind die Knaben?“

„Fort.“

„Wie. Fort –?“

„Ich habe sie heimgeschickt.“

„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“

„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen. Darüber bist du Herr.“

Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“ preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.

Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.

„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“

„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter.

„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst nicht aufbrausen.“

„Ich schlag alles kurz und klein.“

„Nein! bitte, nicht!“

Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.

„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“

„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“

„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist ein Jahr.“

„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich übrig habt?“

„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“

„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“

„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“

„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, – na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken. Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit, liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen. Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“

„Nein, ich bin nur sehr müde.“

Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre, Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn, sprach zu sich selbst und lachte kurz auf.

Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat, erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann, deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“

„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“

„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.“

„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein Stillstehendes, Sumpfiges.“

Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich mitteilten wie Kinder.

„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“

„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück, sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien, dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure. Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden. Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“

„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“

„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen, wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das _haben_ sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die „Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo. Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre, abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich einen Gott nach _ihrem_ Blut geschaffen hätten.“

Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.“

„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich, daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte.

„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich, um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun, dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“

Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.

„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau, in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper? Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns zum Stein!“

Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.

„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein, lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen _Sie_ mir etwas. Ich werde Ihnen dankbar dafür sein.“

Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt, der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion, Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“

Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim, – in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen.

Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein, er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“ geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb zerfetzt war vom Wind.

Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten, ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück, und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht. Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden, weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“

„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte! Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der kommende Messias der Freude!“

„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend. „Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet, um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund Zahlen.“

„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.

Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja, was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“

„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt? Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell.

Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler?

Es fließt der Fluß und stehet nicht Und Gott ist und vergehet nicht

murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.

Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.

Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er.

Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer. Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte.

Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir vielleicht was wir werden _sollen_, aber das ist kein Beruf. Die Schule speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett, weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen.

Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, _diese_ Jugend da mit den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen, brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er sah es selbst.

Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt, allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte.

Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen.