Achtes Kapitel
Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt. Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken darf?“
Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau, auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“
Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der Stadt.
Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist, und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“
„Gestern, Herr Rektor.“
„Lauter!“
Agathon schwieg.
„Lauter.“
„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“
„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.
„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“
„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.
„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.
„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft zermalmende Bedeutung hatte.
Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du? Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes, oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und befriedigt.
„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln, ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen regungslos auf den Knieen.
„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“
Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.
Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen, wie Sie dazu gekommen sind?“
Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“
„Und was war das?“
„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen, was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele schließen.“
Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer, weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.
„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen, stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis. Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem Bettrand wie aus Stein. So war es.“
Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne. Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.
„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.
„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“
Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.
Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt, Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen, viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er war verwundert über die Knaben.
Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden, darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden vernichten würde.
Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem, Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte, schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet: Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in die Augen.
„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.
„Bist du denn auch gut?“
„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und wer es weiß, ist es nicht mehr.“
„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen, so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen? Alles ist schon wieder in Gang.“
„Zweitens?“
„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein schöner Mann.“
„Stefan Gudstikker?“
„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:
Es ist so still, daß alle Wandrer staunen. Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet, Hört man die Elfen und die Blumen raunen. Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet, Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen; Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“
„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast es gelernt?“
„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“
„Weshalb fürchten?“
„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“
„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.
Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.
Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da, junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.
Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister, die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete, wieder hinausging.
Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, – geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.
Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte. Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf, brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.
Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab, rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.
„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf, die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches, daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich. Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben, ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“
Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas. Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben; der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.
Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch, Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen mit dir selber.“
Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog. Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.
Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?
Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht, welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind, dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde? Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“
Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“
Gudstikker nickte und erwiderte: „An meinen Vater.“
„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer.
„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“
Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er begriff es nicht.
„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, – in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren Vater.“
„Was –?“
„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher einmal gegen Sürich Sperling hatte.“
„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“
„Wahr.“
„Nein nein, das ist nicht möglich.“
„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt. Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“
Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit dir gehn?
„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“
Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den Wolken auszufließen schien.
„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als er keine Antwort bekam.
Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos, bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen. „Was thust du, Vater?“ fragte er.
Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du, Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet.
„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich gethan habe.“
Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus. Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis. Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er den Gott nicht.
Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts „übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“. Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen.
„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte Elkan.
„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“ sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder? Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund, du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“
Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und eindringlich.
Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten, sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der händeringenden Frau Hellmut.
Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon lehnte die Stirn an seine Schulter.
„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt. Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos, die Arme hingen schlaff.
Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig. Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend. Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache, Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei, mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von Schalkhaftigkeit und Inbrunst war.