Zweites Kapitel
Kaum hatte die schwarze Helene gesagt, was sie gesehen, als Elkan Geyer mit einem schwachen Aufschrei seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte. Die Kinder begriffen nicht, worum es sich handelte und blickten scheu und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte Enoch war still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die beängstigende Stimmung von ihm ausflösse.
Elkan Geyer eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer schwatzende Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen, hatte das Gesicht zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse, vor deren Glut die Gesellen silhouettenhaft hin und hereilten. Elkan Geyer ging hin zu ihm und fragte: „Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? Reden Sie!“ Sürich Sperling schwieg, ja, er erhob nicht einmal die Augen. Mechanisch wiederholte Elkan seine Frage, aber der Andere öffnete den Mund nicht, machte keine Bewegung, blieb starr wie im Schlaf. Sein Gesicht hatte den Ausdruck wie bei einem Menschen, der über das Tiefste und Geheimnisvollste des Lebens nachdenkt, oder wie bei einem Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist mit ihm vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der Schulter zu rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht Furcht und Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich Sperling auf und ging schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht getraute, ihm zu folgen, zitterte vor Besorgnis. Er ging hinüber zu den Mägden. Ja, sagten sie, sie hätten Agathon gesehen. Mit dem Arm wiesen sie gegen die Richtung von Elkans Haus. Er schloß sekundenlang die Augen, – erleichtert, und kehrte dann seufzend den finsteren und schmutzigen Weg zurück.
Frau Jette kam ihm im Flur entgegen, und ihr Gesicht, das auch sonst von einem kranken, bräunlichen Gelb war, sah ganz erschreckend aus. Ihre Augen fragten, ihr Mund nicht. Wenn es auch fast stockfinster war, Elkan sah es doch; er bemerkte diesen irren Glanz, in dem alles Durchwühlte der Frauenseele lag. Die Rosenaus hatten sich mit banalen Trostsprüchen entfernt; wenn es wo nicht mehr munter und witzig herging, wurde es ihnen unbehaglich. „Er ist nicht da?“ stieß Elkan heftig hervor, indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand antwortete. Aber kaum hatte Frau Jette die Thür hinter sich geschlossen, als sie leise wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, selbst das kleinste der Kinder, daß in seinem Gesicht etwas war, das sie vorher nicht darin gesehen hatten. Er schlich mehr, als daß er ging, sagte weder guten Abend, noch sonst irgend eine Silbe, setzte sich auf einen der Holzstühle neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig schmeichelnd übers Haar strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von der Platte, schälte ihn und begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er schien nichts davon zu bemerken. Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel und Überwindung. An seinem Hals war eine blutige Schramme.
„Wo warst denn du?“ fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat an den Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm gestützt, weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an.
„Woher hast du die Schramme?“ fragte Elkan Geyer weiter und stützte beide Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu funkeln. Auch Enoch trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der Hand so weit zurück, daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und sah ihn finster an. Agathon schlug die Augen nieder. „Woher hast du die Schramme?“ brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus. – „Vom Baum“ murmelte Agathon. Elkan Geyer verfärbte sich, und fing an zum Erstaunen aller andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg zu berichten.
Agathon erhob sich und verließ das Zimmer. „Sag’ mir nur um Gotteswillen, was der Jung’ hat! Er is meschugge, rein meschugge!“ klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster, wo man die Straße entlang sehen konnte. Ihm war, als sähe er den Wasserspiegel im Fernen oder spüre den feuchten, kühlen Hauch der Flut. Sein Herz wurde eng. In ihm lebte jenes hinreißende Vertrauen auf ihren Gott und auf den Kommenden, den Messias, das in allen frommen Juden schlummert, und das ihn selten verließ, – wie jetzt.
Er ging, um nach Agathon zu sehen, denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne. Er öffnete eine Thür des finstern Flurs und kam in eine kalte, kahle Kammer, wo auf einem elenden, hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand. Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt, die Finger in den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum hatte Elkan das Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es unter dem Ellbogen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und den Band in eine Ecke warf. „Das thust du! Das thust du mir!“ flüsterte er atemlos. Agathon schwieg und wandte die Augen von denen seines Vaters nicht und veränderte nicht seine seltsam kauernde Stellung. Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm, setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern: „Was hat er mit dir gemacht, der Sürich?“
Agathons Augen funkelten katzenhaft. Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den schmalen Spiegel an der grünen Wand, als ob er jede Veränderung seines Gesichts studieren müsse.
„Kannst du’s nicht sagen? Deinem Vater?“
„Nein.“
„Ja, aber –!“
„Nein. – Warum hast du denn das Buch zerrissen?“
„Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher hast du’s?“
„Sünde? Das kann ich mir nicht denken. Du sagst, Israel ist Gottes Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen andern?“
„Ja.“
„Das ist Unsinn, wirklicher Unsinn.“
„Agathon!“
„Ja! Das ist ja dumm. Ist es wahr, daß wir das Blut aller Völker vergiften?“
„Was für Reden!“
„Wir haben Jesus gekreuzigt und –“
„Wir –! nicht wir, Aga.“
„– aber ohne das wäre er nicht Jesus. Sie haben uns also Jesus zu verdanken.“
„Natürlich.“
„Aber das ist es,“ fuhr Agathon in einem seltsamen Gedankensprung fort, „wir haben kein Vaterland.“
„Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der Kaiser und das Gesetz.“
„Aber Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man beschützt werden muß, ist man auch nicht daheim.“
„Du bist ein Talmudist. Du willst zu klug sein. Das Leben ist viel einfacher, als die Klugheit eines Knaben.“
„Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, warum könnten wir dann nicht Offiziere sein? Aber wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch mehr als alle, stärker als alle!“ Wieder funkelten seine Augen und plötzlich lief ein heftiges Zittern durch seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt, seine Hände waren ineinander gekrampft, und er stieß einen Laut des Grauens aus. Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte Agathon bei den Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen, leeren, starrenden Blick.
Die Thüre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast mechanisch verließ Elkan das Zimmer. Als er wiederum den Flur entlang schritt, überfiel ihn beklemmend das Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling pfänden lassen, und selbst die kleine Krämerei, die den Bedarf für den Tag deckte, würde zu Grunde gehen. Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können! Doch daran war nicht zu denken.
Der Fremde, Joelsohn mit Namen, stand während der nächsten halben Stunde und murmelte Gebete; er verneigte sich mehr als hundertmal; seine Augen flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen theatralisch-inbrünstigen Ausdruck. Als er mit dem Beten fertig war, wurden seine Mienen finster und feindselig; er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam und sie kichernd vor ihn hinsetzte, wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut, den er während des Essens aufbehielt, mochte schon ein greisenhaftes Alter erreicht haben.
Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, dem man in der obern Kammer am Giebel eine Bettstätte gab. Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher herein ins Dorf, überall schienen Schatten zu huschen. Der Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine Strahlen legten sich scheu auf die Dächer und auf die Flut. Frau Jette sagte am Morgen, sie habe zweimal das Hauptthor knarren hören, aber alle lachten sie aus, besonders Isidor Rosenau, der auch schon wieder da war, „auf einen Sprung“, wie er sagte, und der Veranlassung nahm, die Existenz von „Geistern“ ernstlich zu bezweifeln. Frisches, warmes Brot stand auf dem Tisch und der Kaffee brodelte schon wieder in der Nische. Draußen lag der Herbst, jetzt schon offenbar und unverhüllt, mit bleiernem Himmel und stoßweisen Winden. Die Männer kamen herein mit den Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht zur Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch häßliche Zwistigkeiten und Scheelsucht, wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschte, daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben.
Die Kinder kamen lachend und schwatzend, wenig eingeschüchtert durch die finstere und asketische Miene des Joelsohn. Es war noch lange Zeit bis zum Schulbeginn; nur Agathon rüstete sich zum Aufbruch; er mußte um acht Uhr in Fürth sein, und das war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal zurücklegen mußte. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt. Er steckte die Bücher, die er heut brauchen würde, in seinen Träger und war dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst. Oft besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd auf alle, die im Zimmer waren, auf seine Geschwister und auf seine Mutter. Er spielte im Dorf als Schüler der obersten Klasse in Fürth eine gewisse Rolle, aber es ist sicher, daß ihn das nie eitel gemacht hatte. Elkan Geyer war schon aufgebrochen, er ging über Land; wie er sagte wegen der Geschäfte, in Wahrheit nur aus Angst vor Sürich Sperling.
Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den man dem Muhl der Gemeinde gespielt und Enoch mit großem Geräusch seinen Kaffee schlürfte, erschallte auf der Straße ein gellender, durchdringender Schrei, wie wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei, d. h. er überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm; er lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf ihn hatte gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt. Isidor riß das Fenster auf und schaute hinaus; dann verließ er den Platz am Fenster, ergriff seinen steifen Hut und rannte hinaus. Agathon stand mitten im Zimmer, weiß wie ein Hemd, und ein irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau Jette, die sich weit hinausgebeugt, sah am Kirchenplatz viele Menschen stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen sie und starrten hinunter. Der kleine Pausbäckige heulte, Mirjam lächelte verwundert und Joelsohn lächelte verächtlich.
Die Magd Kathrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie ließ die Unterkiefer herabhängen, daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche, den Arm zu heben. „Was ist denn?“ fragte Frau Jette mit starrendem Herzen. Kathrin brachte kein Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen: „Sie hom en – sie hom en – erstochen!“ – „Elkan!“ schrie Frau Jette mit aufgehobenen Händen. Die Magd schüttelte den Kopf. „Naa, naa,“ brachte sie atemlos hervor, „’n Sürich Sperling heit Nacht!“ Alle schwiegen. Joelsohn und Enoch Karkau beteten. Die Kinder eilten auf die Straße, standen aber vor der Thür furchtsam still.
Agathon verließ bald das Dorf, um nach Fürth zu gehen. Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere Schlachthausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände; überall rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die fernen Morgen-Nebel hoben, entstanden phantastische Städtebilder. Am Schlachthaus war der Anprall der Wogen gewaltig; das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung.
Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mußte, jeden Tag um dieselbe Minute und an derselben Stelle eine Frau, die leise murmelnd daherkam, und überhaupt mehr kroch, als sie ging. Sie hatte leicht gerötete Wangen, vielleicht war sie einmal sehr schön gewesen, auch war sie nicht arm gekleidet. Erst hatte sie Agathon wenig beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen; immer wenn sie seinen Weg kreuzte, funkelten seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte, begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn förmlich ihr entgegen. Wenn er sie sah, war ihm, als müsse alles, was er an diesem Tag unternahm, zerbrechen und fehlschlagen.
Heute kam sie nicht. Er blieb am ersten Brückenpfeiler stehen und sah sich um. Sie kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt, begann dadurch gleichsam aufzuwachen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels.
Sonst wenig geneigt zu Gesprächen, redete er am Obstmarkt einen Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch aussah. Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der Kleine, gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons: „Wie sonderbar es hier riecht? Nicht? So frisch.“
„Nach Kohl,“ entgegnete Agathon sarkastisch.
„Au!“ schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen anscheinenden Witz. „Hast du die salischen Kaiser gelernt?“ fragte er dann.
„Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,“ murmelte Agathon. „Ich kann nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiß ich. Das quält mich. Wenn Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken in allen den Stunden. Das ist alles tot.“
Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten und jammerte dann, ziemlich unmotiviert anknüpfend, daß ihm sein Bein weh thäte. Agathon wurde immer bleicher, je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die Laden geöffnet und die Kaufleute und Commis, meist Juden, standen frisiert und frisch gewaschen vor den Thüren und Auslagefenstern, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Die Commis machten jetzt sehr verdrießliche Gesichter; sie zeichneten sich alle durch energisch aufgedrehte Schnurrbärte aus und benahmen sich im ganzen, als die wichtigen Personen, die sie waren, sehr formvollendet.
Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude, eine schwarze, undurchdringliche Masse. Viele standen um eine Litfaßsäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein gelbes Stück Seife emporhielt, als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin. Kaum war Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in ein philosophisches Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf, am Eck der Mathildenstraße angekommen, als eine ganze Anzahl von Klassenkameraden Agathons auf ihn zustürzte, ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrieen: es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe, er solle erzählen, wie und warum es denn zugegangen sei u. s. w. Die Schüler der niederen Klassen machten respektvoll Platz und wagten am Rande des Kreises kaum ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu erlauschen. Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine sah voll naiver Furcht zu ihm auf und fragte: „Warum hast du denn das mir nicht gesagt?“
Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses, und die Schar strömte unaufhaltsam und laut lärmend in die hallenden Korridore. Der Mord beschäftigte die jugendlichen Köpfe; sie sahen die finstere Nacht des Dorfes und hörten den letzten, erstickten Schrei des Opfers. Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl, steif und still – und hörte nichts von dem Toben um sich. Ein feines, süßes Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und draußen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und sah damit die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine tiefst schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat.
Der Unterricht begann. Herr „Professor“ Schachno spazierte mit seinen kurzen, dicken Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern. Oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam ein Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine Hauptthätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten. Das schien ihm das Ideal aller Pädagogik zu sein. Ein vergessenes Heft, ein schlecht gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche Litteratur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte, einen Sigismund Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte gerade wieder und schlummerte auch ein wenig dabei, als sich Agathon Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick gerade vor sich hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen. Alle Schüler erhoben sich bang und flüsternd. Agathon stürzte zum Podium, fiel in die Kniee, machte eine Armbewegung, als ob er die Füße eines Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings.