Chapter 10 of 13 · 3992 words · ~20 min read

Part 10

Und während Mignon forteilte, um sich eine große weiße Küchenschürze vorzubinden, sah ihr die alte Minna nach und murmelte vor sich hin:

»Und es gibt doch noch ein Unglück, daß er das Kind zu den Lutherischen gebracht hat.«

15.

Als Willy am folgenden Tage in der Dämmerung herauskam, fand er Mignon im großen Wohnzimmer bei der Lampe, mit einer Stickerei beschäftigt, eine Visitenkartentasche für ihn zu Weihnachten. --

Den ganzen Tag war das junge Mädchen sehr vergnügt gewesen. Sie hatte dem Vater einen langen Brief geschrieben, in dem sie allerlei halbe Andeutungen gemacht hatte, so daß er recht neugierig geworden sein mußte.

Dann hatte sie an Will gedacht und die Minuten gezählt, bis er endlich kam.

Sie eilte ihm entgegen, hing sich an ihn und ließ sich von ihm küssen, indem sie ihn schalt, daß er so lange hatte auf sich warten lassen.

Dann erzählte sie ihm von den beiden Besuchen, wie erst seine Mama zu ihr gekommen und sie dann zu Onkel Jack gegangen war.

Er zog sie auf seinen Schoß und sie legte die Arme um ihn.

»Wie naß Du bist -- und so kalt, gib mal Deine Hände, daß ich sie wärmen kann.«

»Ja, es ist bitter kalt. Mich wundert, daß es noch nicht zu schneien anfängt.«

»Dann fahren wir aber Schlitten, ja?«

»Und laufen Schlittschuh. Kannst Du's?« --

»Nein, aber ich werde es lernen. Du mußt es mich lehren. Es wird sehr schön sein.«

»Ja, es soll herrlich werden.«

Sie küßte ihm den feinen Tau von seinem Schnurrbarte und fuhr liebkosend mit beiden Händen über sein Haar.

»Ich habe mich so nach Dir gesehnt,« schmeichelte sie und legte ihre Wange an die seine. »Und ich habe von Dir geträumt: Wir gingen über eine große bunte Blumenwiese. Und in dem grünen Grase waren Tausende von gelben und roten Blumen. Davon pflückten wir uns, bis wir beide Hände voll hatten. Es war mitten im Sommer. Der Himmel war so tiefblau und um uns ein leises Summen, wie von einer Orgel in einer fernen Kirche. Es mußten wohl die Insekten sein, die Bienen, die von Blume zu Blume flogen. Und dann nahmst Du mich bei der Hand, und wir gingen immer weiter, aber das Gras war so lang, daß ich müde wurde, und Du mußtest mich tragen. Und dann kamen wir an ein großes breites Wasser, das war gelb und schäumte wie ein wilder Fluß. Und wir standen am Ufer und konnten nicht hinüber -- und dann wachte ich mit einem Male auf -- und da regnete es ganz laut gegen das Fenster ...«

Er lachte und küßte sie, bis sie sich zum Scheine wehrte, laut und lachend, um sich einen Augenblick ihm hinzugeben und im nächsten wieder spröde zu tun.

Bis jetzt hatten sie sich nur flüchtig im Hause die Hand gedrückt oder ganz verstohlen einen Kuß getauscht.

Jetzt waren sie weniger vorsichtig geworden, es währte ja nicht mehr lange, und alle Welt konnte es wissen, daß sie sich gern hatten, und sie konnten sich küssen nach Herzenslust.

Willy mußte erst noch einmal zur Mutter hinüber, wo sie sich zum Abendessen treffen wollten. Mignon dachte fast mit Angst an die Stunden, denn Doktor Braun war ans Bett gefesselt, und sie würden zu dreien sein.

Willy versprach ihr sofort wiederzukommen, damit sie noch eine Weile ungestört plaudern konnten.

Mignon begleitete ihn hinunter und blieb in der offenen Tür stehen, um ihm nachzusehen. Dann trällerte sie vergnügt durchs Haus, ohne mehr die geringste Lust, irgend etwas zu tun. --

* * * * *

So fand Minna sie nach einer halben Stunde, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, im Zimmer auf- und abgehen.

Mignon lächelte so geheimnisvoll, daß Fräulein Minna sich nicht enthalten konnte, zu fragen, was sie habe.

»Nichts -- gar nichts! Ich bin nur sehr glücklich!«

»So! so! ...«

Dann nach einer Pause:

»Minna, Du! -- Bin ich eigentlich schon alt genug, um zu heiraten?«

»Heiraten, wie kommst Du dummes Ding zu solchen Fragen?«

»Na, fragen kann man doch. Es heiraten doch genug Leute.«

»Die sind auch gescheiter als Du, Kindskopf.«

»Du meinst also, ich sei noch zu jung?«

»Red' doch nicht solches Zeug.«

»Aber ans Verloben, da darf ich denken?«

»Was Du nur heute hast. Warte nur, wenn der Herr Professor zurückkommt.«

»Ich möchte mich gar zu gern verloben.«

»Nun seh mal einer!«

»Was meinst Du, wenn ich es täte?«

»Aber Kind, mit solchen Dingen treibt man keinen Scherz.«

»Ich scherze auch gar nicht.«

»Es ist kein ~Scherz~?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Ja -- aber ...«

»Du hast also auch nichts gemerkt? Seid ihr denn alle blind?« --

»Was denn?«

»Na, Willy! ... Will! ... Daß er mich liebt, und ich ihn, und daß ... Um Gottes willen, Minna, was ist Dir, Minna, liebste Minna, was hast Du denn? So sprich doch! ... Aber mein Gott, Du bist ja ganz blaß. -- Wird Dir schlecht? ... Komm, setz Dich hin ... so! -- Aber was ist denn nur?«

»Laß ... laß nur! Es ist ... nichts. Ich ...«

»Trink' etwas Wasser. -- Aber Du zitterst ja an allen Gliedern.«

»Ja, ich zittere ... Glaub's wohl ... Laß nur, es geht schon vorüber.«

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, während Mignon ratlos vor ihr stand.

»Das ist das Alter, das kommt.«

»Minna, gute Minna!«

»Ja, Kind -- ja ... und Du sagst, ... Du ... Du willst Dich verloben?«

»Ja, Minna.«

»Und mit wem, sagst Du?«

»Mit Willy, mit wem denn sonst? Ach, wenn Du wüßtest, wie lieb ich ihn habe; noch lieber als Papa.«

Minna zitterte am ganzen Leibe. Nach einer langen, peinlichen Pause fragte sie, stockend, jede Silbe mit Mühe herausbringend:

»Mit Willy Braun?«

»Ja doch, Minna!«

»Weiß das schon wer?«

Mignon sah sie forschend an.

»Ja! -- Will hat seiner Mama alles gestanden.«

»Und ...«

Sie starrte das junge Mädchen angstvoll an, mit den Händen nach ihr greifend.

»Sie weigert sich. Sie sagt: niemals! ...«

Es entfuhr Minna wie ein Seufzer der Erlösung.

»Aber wir lassen nicht voneinander, niemals, hörst Du, was die andern auch tun mögen.«

»Mignon!«

»Was ist denn, Minna?«

»Heilige Mutter Gottes, wie soll das enden?!«

»Mit einer Hochzeit! Denn wenn Papa einwilligt ...«

»Das kann ja ~nie~ sein.«

»Das kann nicht ~sein~?«

»Nein, frag' nicht, ich bitte Dich. Ich kann es Dir ja nicht sagen, ich ~darf~ es nicht.« --

»Das sagt Ihr alle; aber ich verstehe Euch nicht.«

»Quäle mich nicht. -- Frag' Deinen Vater, der kann es Dir vielleicht sagen, daß Du Willy Braun nicht lieben darfst.«

»Ich darf nicht? -- Aber ich liebe ihn ja, grenzenlos, mehr als mein Leben.«

»Um Gottes willen, sprich nicht weiter, Kind, ich bitte Dich, sprich nicht weiter. -- Und jetzt ... jetzt laß mich. -- Ich bin nicht ganz wohl. Ich weiß ja nicht mehr -- was ich spreche.«

Sie erhob sich; allein Mignon mußte sie stützen, daß sie nicht wieder auf den Stuhl zurückfiel, und dann führte sie sie langsam auf ihr Zimmer, wo sie allein bleiben wollte. --

* * * * *

Mignon war durch die erlebte Szene, deren Veranlassung sie nicht begriff, in die größte Bestürzung geraten.

Und Willy blieb länger fort, als sie erwartete.

Unruhig ging sie durch das Haus und mehrmals hinunter, um in die Nacht hinauszuspähen.

Als sie an Minnas Zimmer vorbeikam, blieb sie stehen, und sie hörte, als ob drinnen Gebete gemurmelt würden, allein sie wagte es nicht, Minna zu stören.

Endlich kam Willy.

Hastig erzählte sie ihm alles.

Was konnte das zu bedeuten haben? Denn es steckte was dahinter. Das war gewiß. --

Und ohne weiter auf Mignon zu hören, ging er zu Minna hinauf.

Er fand sie in ihrem Zimmer, einem kleinen, klösterlich einfachen, nur mit ein paar Heiligenbildern ausgestatteten Gemache.

In der einen Ecke hing ein Christus am Kreuz, ein hagerer, weißer Leib, der sich scharf von dem breiten dunklen Holze abhob, auf das er geschlagen war.

Minna saß am Tische, die Hände im Schoß gefaltet, und nur bei Willys Eintritt hob sie den Kopf und warf einen fast ängstlichen Blick auf ihn, um sich dann hastig abzukehren.

Sie hatte geglaubt, es sei Mignon, sonst hätte sie ihn nicht eingelassen.

Jetzt war es zu spät, und er stand vor ihr und fing an zu fragen, unruhig, wie gequält von einem Geheimnisse, dessen Inhalt er ahnte.

Minna mußte alles aufbieten, um sich nicht schon mit den ersten Worten zu verraten.

Die alte Abneigung gegen Frau Anna keimte wieder in ihr auf. Wenn sie alles verriet? .. Damit konnte sie jene am empfindlichsten verwunden, wenn sie dem Sohne die Augen über die Mutter öffnete.

Aber noch hielt sie an sich, obgleich es in ihr wühlte, die grausame Lust, ihm die volle Wahrheit zu sagen. Aber je drängender er mit seinen Fragen wurde, eine um so unerschütterlichere Abwehr setzte sie ihm entgegen.

Erst als er anfing, fast roh gegen sie zu werden, brauste sie auf, höhnisch, mit einem Lachen, das ihn beleidigte:

»So fragen Sie doch Ihre Frau Mutter!«

Er fühlte die sinnlose Erbitterung aus ihren Worten heraus.

»Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiele!«

»Schau -- schau, junger Herr! ... Nur nicht gar so giftig gegen ein altes Weib.«

»Das ist mir gleich ...«

»Nun seht doch! .. Ich dächte, ich hätte noch nichts getan, was ich nicht vor aller Welt verantworten könnte.«

Er wußte, es war eine versteckte Beleidigung dahinter, deshalb brauste er wild auf:

»Was soll das heißen?«

»Daß ~Sie~ noch lange nicht das Recht haben, so gegen mich aufzufahren. Wenden Sie sich an eine andere.«

»Weib! Ich ...«

Er war auf sie zugetreten und hatte sie am Arme gepackt, indem er scharf durch die Zähne, wie zum äußersten entschlossen, langsam sagte:

»Ich will jetzt alles wissen! Hörst Du, alles!«

»Alles? -- Da mußt Du schon Deine Mutter fragen.«

»Was soll meine Mutter damit?«

»Oho, junger Herr, zerbrechen Sie einer alten Frau nicht die Knochen, ja?«

Allein er ließ sie nicht los.

»Willst Du es jetzt sagen?« knirschte er fast und schüttelte sie.

Und jetzt sagte sie langsam, indem sie vor ihm zurückwich, während er sie frei gab:

»Frag' sie doch, wessen Kind Du bist ...«

Er hatte sie losgelassen und starrte sie an. Im nächsten Augenblicke, als sie auflachte, sagte er sich, die Alte sei verrückt geworden.

Aber nun, wie mit einem Schlage, veränderte sich ihr Gesicht, und sie stürzte auf ihn zu, faßte ihn am Arm und jammerte:

»Jesses Maria, was hab' ich gesagt. Es ist ja nicht wahr! -- Glaub's nicht, es ist nicht wahr!«

Jetzt, wo sie zu leugnen, wo sie sich zu verteidigen suchte, wußte er, daß sie das nicht im Wahnsinn gesprochen hatte.

Als er eine Bewegung machte, um das Zimmer zu verlassen, hielt sie ihn auf, mit zitternden Händen:

»Hörst Du, es ist nicht wahr. Glaub' nicht, was ein altes Weib Dir vorschwatzt. Gib mir Deine Hand, daß Du niemand was sagen wirst, versprich es mir doch ...«

Ohne auf sie zu hören, riß er sich von ihr los und stürzte aus dem Hause, hinaus in die Nacht.

Er lief und lief in den strömenden Regen hinein.

Die ganze Welt kam ihm wie ein wüster Traum vor, und ein erstickendes, beängstigendes Gefühl lag auf seiner Brust, eine dunkle Schmerzempfindung.

Ihm war, als ob er sich nur zu ermannen brauchte, um den Alp abzuschütteln, aber er war so lässig und matt.

Einen Augenblick sagte er sich, Minna habe das nur gesagt, um ihren Haß zu befriedigen; allein er konnte sich nicht mehr belügen. --

Und wie er grübelte, war ihm, als ob das nicht ihm, sondern einem ganz Fremden geschehen sei. Er hatte das Bewußtsein seiner selbst verloren.

Wie er so durch die Nacht lief, mußte er an tausend nichtssagende Kleinigkeiten denken, die in gar keinem Zusammenhange standen mit dem, was er eben erfahren hatte ...

Endlich kam ihm der Gedanke an seine Mutter, und nun trieb es ihn nach Hause, um der Mutter eine Frage zu stellen, die er jetzt stellen mußte, wenn er nicht verrückt darüber werden wollte.

16.

Als Willy mit diesem festen Entschlusse in das Haus trat, begegnete ihm der Diener, den seine Mutter zur Apotheke schickte.

Seit jener Unterredung mit Mignon hatte auch sie keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt. Bei dem kleinsten Geräusche schrak sie zusammen. Sie konnte keine Minute mehr ruhig bleiben; eine fieberhafte Rastlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt, daß ihre Pulse schlugen.

Sie saß und grübelte und grübelte, wie sie das Entsetzliche abwenden konnte ... und sie fand nichts.

Nur das eine: die volle Wahrheit. -- Ein ~einziges~ Wort genügte, und ~alles~ war gelöst; aber damit vernichtete sie ihre ganze Existenz, damit stieß sie ihren Sohn für immer von sich.

Es mußte ein anderes Mittel geben. Aber all ihr Grübeln fruchtete nichts. Sie machte sich nur krank damit.

Willy stieg langsam das hellerleuchtete Treppenhaus hinauf, Stufe um Stufe, schwerfällig, langsam.

Er suchte nach seiner Mutter.

Im ersten Zimmer war sie nicht ... er traf sie im Boudoir, dort, wo er einst den Brief gefunden hatte, den Brief, dessen Inhalt jetzt eine ganz andere Bedeutung für ihn erhalten hatte. --

Ohne anzuklopfen, war er in das Zimmer getreten, denn die Tür war nur angelehnt, und er hatte geglaubt, er werde sie auch dort nicht finden.

Sie schrak zusammen, als sie ihn so plötzlich vor sich sah.

Das eine Fach des Schreibtisches stand offen, und die Briefe lagen im wirren Durcheinander vor ihr.

Sie drehte sich um, damit sie ihm all diese Briefe verdeckte, und lächelte ihm gezwungen zu, während er auf der Schwelle stehen blieb.

»Nun?« fragte sie, »weshalb kommst Du nicht herein?«

Eine jähe Ahnung hatte sie ergriffen, als er dort stehen blieb. Aber sie verstand die Kunst, sich zu beherrschen.

Er trat näher und legte den Hut auf einen Stuhl.

Jetzt, wo sie im Schein der Lampe sein Gesicht sehen konnte, erschrak sie noch mehr.

Sie war so bleich geworden wie er.

So hatte sie ihn noch nie gesehen. Was wollte er?

»Was ist denn, Willy?« wagte sie endlich zu fragen.

Er schwieg noch immer, denn er fürchtete, sich mit dem ersten Laute zu verraten. Die Stimme drohte ihm zu versagen.

Sie saß vor dem Schreibtische, halb mit dem Rücken dagegen gelehnt, während ihre Hand die Lehne des Stuhls umkrampfte.

Er bereitete ihr mit seiner Ruhe Angst.

Endlich sah er sie an, aber in seinen Augen lag eine fremde Feindseligkeit.

Sie lächelte ihm zu, als sei nichts zu befürchten.

Sie wollte auf ihn zugehen, aber sie fühlte sich durch die fieberhafte Aufregung, in der sie sich den ganzen Tag über befunden hatte, so schwach, daß sie es bei dem Versuche ließ und ihn nur schmeichelnd beim Namen rief.

Das riß ihn aus seinem Brüten. --

Sein Name von den bittenden Lippen der Mutter hatte die alte Gewalt über ihn.

Im nächsten Augenblicke lag er aufschluchzend zu ihren Füßen und klammerte sich an ihre Kleider, während sie ihn zu umfassen suchte.

»Mutter! -- liebe Mutter!«

»Aber, Will! Was hast Du? ... Bist Du krank?«

Er schüttelte den Kopf. Und dann hastig:

»Ja doch! Vielleicht doch! ... nur krank.«

Sie zog ihn fester an sich und küßte sein Haar, während er sich ausweinte.

Sie sagte kein Wort mehr, denn sie wagte es nicht, ihn zu fragen.

»Nicht wahr,« fragte er wie im Fieber, noch immer von der halbschlummernden Ungewißheit geschüttelt: »Es ist ja nicht möglich! ... Wie einen die Leute erschrecken können!«

Als sie schwieg und er vergeblich wartete, daß sie etwas erwidern sollte, die auf seine Worte lauerte, sagte er wie nebenher:

»Ich weiß, daß Mignon seine Tochter ist.«

Sie zuckte zusammen. Er merkte es nicht. Ihm war es wie im Traum, und er sprach weiter, eigentlich ohne zu wissen, was er sagte. Er horchte mehr auf den Klang seiner Stimme, und das schien ihm so seltsam, als habe er sich nie sprechen hören, als sei er ein anderer, der sich selbst zum ersten Male hörte.

»Ich habe hier einmal einen Brief gefunden, hier. Aber ich habe ihn verbrannt ...«

Da wußte sie, daß es nun nichts mehr zu verbergen gab.

Sie lehnte sich zurück, um ihm nicht so nah zu sein, sie wollte ihn abwehren, denn ihr schien, als halte er sie mit seinen Armen gefangen.

Die Sinne drohten ihr zu schwinden, und nur mit äußerster Anstrengung, mit der Begierde, jetzt alles zu hören, was er ihr zu sagen hatte, hielt sie sich aufrecht.

Sie atmete krampfhaft, und nun fühlte er, wie ein Zittern sie durchlief. Das riß ihn aus seiner Schwäche.

Er hielt sie an den Armen gefaßt, beugte sich über sie und fragte mit ausbrechender Heftigkeit:

»Sag' doch, daß es nicht wahr ist! ... ~sag~' es mir doch!«

Sie atmete schneller und schwerer, und nur ihr totenbleiches Gesicht gab ihm Antwort.

Er schrie es fast, indem er ihren Arm schüttelte.

»Und nun sagen sie, ich .. ich sei ~auch~ sein Kind! ... Mutter ... Mutter ...! Ich! ...«

In ihren Augen stand die Antwort, deutlich, ohne Lüge. Und vor diesen irren Augen wich er zurück, die Hände wie abwehrend ausgestreckt.

Bis jetzt hatte er gleichsam immer nur mit dem Gedanken gespielt, wie mit einer Möglichkeit. Jetzt war Ernst daraus geworden, und er starrte die Frau da vor sich an und sagte sich dabei fortwährend: Das ist Deine ~Mutter~ ... das ist Deine ~Mutter~!

Mit einem Schlage sah er in ihr nichts anderes als ein Weib, das seinem Vater die Treue gebrochen.

Bei diesem Gedanken stockte er und kam zur Besinnung. Es war ja gar nicht sein Vater. Das war ja der ~andere~ ...

Und das kam ihm so grotesk vor, daß er auflachte, denn die ganze Welt drehte sich um ihn wie eine große Lüge. Alles ringsum schien zusammenzubrechen. Und er suchte sich an einen Gedanken zu klammern, um nicht verrückt zu werden.

Sie erhob sich ... sie ... seine Mutter.

Es schien, als wolle sie den Mund öffnen, ihm etwas zu sagen, etwas zu erwidern. Sie griff um sich, schwankte, und dann wortlos, mit dumpfem Laute wie ein Aufstöhnen, brach sie zusammen.

Da schrie er auf, als ob er den Tod vor sich sehe. --

Er wagte es nicht, sich ihr zu nähern, nicht sie anzurühren, wie sie da regungslos vor ihm auf dem Teppich lag.

Dann schrie er nach den Leuten, nach dem Mädchen! ...

Er riß die Türen auf und rief um Hilfe.

Aber niemand hörte ihn. --

Er eilte hinunter ... Es schien, als sei das Haus ausgestorben. -- -- Endlich fand er die Köchin und jagte sie hinauf. Dann kam das Hausmädchen und dann der Diener von der Apotheke zurück. Den schickte er sofort zum Arzt.

Inzwischen hatten die Mädchen sich um Anna bemüht und die Besinnungslose zu Bett gebracht.

Der Diener kam endlich zurück mit dem Doktor.

Als der Arzt sie zu untersuchen anfing, schlug sie einen Augenblick die Augen auf. Dann fiel sie in die Ohnmacht zurück.

Und nun brach das Fieber durch, das die letzten Tage schon in ihr gewühlt, das sie mit der äußersten Willensanstrengung beständig niedergekämpft hatte, um nicht zu unterliegen. Sie mußte bei Verstand bleiben, sonst war es um sie alle geschehen. Sie mußte handeln, damit sie nicht alle zugrunde gingen.

Aber sie war doch zu schwach gewesen. Nun lag sie und phantasierte, wirr und sinnlos, bald aufschreiend, dann wieder flüsternd, als ob sie ein krankes Kind besänftigen wolle.

Als der Arzt, ein alter Freund des Hauses, sich nach Willy umsah, fand er ihn im vordersten Zimmer im Dunkeln sitzen. Er suchte ihn, der gleichgültig abgestumpft dasaß, zu beruhigen, daß er noch nichts sagen könne, aber er hoffe, daß es nur ein heftiges, hoffentlich schnell vorübergehendes Fieber sei.

Er fragte, ob Doktor Braun benachrichtigt sei.

Niemand hatte an ihn gedacht, und der Doktor selbst ging zu ihm hinauf und fand ihn über seinen Zeitungen eingeschlafen. -- --

* * * * *

Es hatte Willy nicht im Hause gelitten.

Er ging in den Garten hinaus und irrte durch die verlassenen Wege.

Es war bitterlich kalt geworden, allein er fühlte die Kälte nicht. Barhäuptig, wie er war, ging er vor sich hin, ohne Gedanken, um die Rasenplätze, die Gebüsche; nur zuweilen griff seine Hand achtlos in die kahlen Zweige, an denen noch vereinzelte dürre Blätter zitterten, die er gedankenlos abriß und zu Boden warf.

Dann setzte er sich auf eine Bank, die unter einem Schutzdache an der Mauer vom Regen fast ganz verschont geblieben war, und vergrub das Gesicht in die aufgestützten Hände.

Vom Hause her drang zuweilen leises Geräusch zu ihm herüber, und durch die kahlen, schwarzen Aeste sah er die erleuchteten Fenster, und er wußte: dort hinter jenen Fenstern lag seine Mutter.

Seine Mutter!

Es war also ~doch~ so ...

Er versuchte es, sich an alte Zeiten zu erinnern, die hinter ihm lagen; aber er vermochte es nicht.

Es war wie flutender Nebel, nach dem die Hand greifen will, und der vor uns gleich wieder zerrinnt.

Nur an die eben erlebte Szene konnte er denken, und er sah immer jenen angstvollen Blick des Entsetzens auf sich gerichtet.

Und es war seine ~Mutter~! -- seine Mutter, die er über alles geliebt, die er angebetet hatte. --

Ueber den Gedanken kam er nicht hinweg.

Weshalb brach nicht alles um ihn zusammen? .. Aber es änderte sich ringsum nichts. Es blieb alles beim alten. Nur er selbst war ein anderer geworden.

Er war aufgestanden, und aufstöhnend in seinem Schmerz hatte er sich an einen Baum gelehnt, dessen feuchte glatte Rinde seine heißen Hände umklammerten.

Wie in sinnloser Wut schüttelte er jetzt den Stamm, um der Qual einen Ausweg zu schaffen, die ihn zu ersticken drohte.

Dann mußte er über sich selbst lachen.

Was wollte er denn? ..

Alles ging seinen ruhigen Gang weiter. Es war ja schon ~immer~ so gewesen, alles -- alles! Seit Jahrzehnten war alles so, immer schon gewesen, nur nicht für ~ihn~.

Er irrte wieder durch den Garten.

Am dunklen Abendhimmel jagten schwarze Wolken, als ob die graue Decke geborsten und zerrissen sei und nun einzelne Fetzen vom Winde dahin getrieben würden.

Durch eine Lücke brach der Mond.

Nur einen Augenblick. Dann verschwand er wieder.

Willy starrte zum Himmel auf. Dort hinter jener Wolke mußte er jetzt stehen.

Langsam schob sich die breite Fläche vorüber, jetzt ward der Rand heller, dann brach das Licht aufs neue durch. --

Und nun sah der Garten ganz anders aus.

Die dünnen Aeste der Bäume und das feine Gewirr der Gebüsche zeichneten sich als schwarze Striche auf dem feuchten Boden ab, und wie eine gewaltige Silhouette gegen den hellen Himmel erhob sich die Villa, in die er noch immer nicht zurückzukehren wagte.

Er stand unter einer Kastanie und blickte zu den erleuchteten Fenstern hinauf, während seine nervös unruhigen Finger die kleinen morschen Zweige eines kahlen Strauches mit fieberhafter Hast zerbrachen.

Endlich hielt es ihn nicht länger und er verließ den Garten. --

Als er in das Haus eintrat, fand er unten den Doktor, der ihm beruhigende Auskunft gab. Das Fieber schien harmloser zu sein, als er anfangs gefürchtet.

»Ich habe Ihren Vater benachrichtigt,« schloß der Doktor seine gutgemeinten Worte. »Wenn Sie selbst mal hinaufgehen wollen.«

Es durchzuckte ihn. Wie das klang: sein ~Vater~!

~Wieder~ diese Lüge, in der er sein ganzes Leben hingebracht hatte.

Was sollte er bei dem Kranken? .. Konnte er ihm ruhig gegenübertreten, jetzt, wo er ihn mit ganz anderen Augen ansah? --

Er konnte nicht länger in diesem Hause bleiben, und dabei die Angst: wenn er nach ihm verlangte, mußte er zu ihm gehen.

Und er schlich sich in sein Zimmer und holte sich Mantel und Hut. --

* * * * *

Dann irrte er durch die Nacht, mechanisch seinen Weg suchend, ohne zu wissen, wohin er sich wandte.

So wenig achtete er auf den Weg, daß er hie und da an einen Stein stieß und zu fallen drohte.

Die Berliner Straße wurde umgepflastert, er geriet einmal in den Teil, der aufgerissen war, und er stürzte auf einen Steinhaufen nieder, daß er sich die Hand blutig schrammte.

Dann kam er unter dem Stadtbahnbogen durch, wo sich gerade zwei Züge kreuzten, und er sah den roten Lichtern nach, wie sie bei der Krümmung verschwanden.