Chapter 5 of 13 · 3976 words · ~20 min read

Part 5

Sie hatte das Kinn in die Hand gestützt und blickte in den Garten hinaus, wo die Morgensonne mit vollem Scheine friedlich auf den saubergeharkten, mit gelbem Sand bestreuten Wegen lag und in den feinen Silberstrahlen des plätschernden Springbrunnens glitzerte.

Willy betrachtete die Träumende lange.

Wie schön sie noch immer war. Weshalb war er nicht Maler, um sie malen zu können, wie sie dalag, in dem mattgelben Morgenkleide, von dem die roten Bänder und Schleifen sich lebhaft abhoben, mit ihrem durchsichtigen Elfenbeinteint und den dunkelbraunen, etwas wirren Haaren, in denen wie versunken eine Teerose schwamm.

Er trat einen Schritt vor, auf die bunten Fliesen. Sie hob den Kopf, und er sah deutlich, wie plötzlich in den wehmutstrunkenen Augen eine lachende Freude aufleuchtete, -- wie in dem Gesichte, über dem eben noch ein Schleier von Melancholie lag, eine Veränderung vorging, wie mit einer Landschaft, über der die Wolkenschatten zerflattern.

Sie streckte ihm die Hand hin, und er küßte diese schlanken Finger mit fast andächtiger Scheu, daß sie ihn zu sich herabzog und ihre Lippen auf seine Augen preßte.

Und nun holte er einen kleinen Strauß von Dijonrosen hervor, mit ihren weißen, zarten Knospen, die er ihr mitgebracht hatte.

Gleich einem Verliebten war es ihm zur Gewohnheit geworden, niemals mit leeren Händen zu kommen.

Wenigstens eine Blume mußte er ihr mitbringen, um ihr zu zeigen, daß er inzwischen an sie gedacht hatte.

Er verbarg dergleichen, vor allem vor dem zum Spott nur zu sehr veranlagten Lautner, weil er sich sehr wohl bewußt war, daß er einen übertriebenen Kultus mit seiner Mutter trieb. Sie wußten ja nicht, ~was~ sie ihm alles war. --

Er sah, wie sich seine Bekannten gedankenlos an das erste beste Mädchen wegwarfen; er kannte jene alltäglichen Beziehungen, die oft Wochen und Monate dauerten und sich dann ebenso gleichgültig wieder lösten, ohne alle Romantik, ohne Liebe. Er sah, wie oft die Liebe rings um ihn als Ware aufgefaßt wurde oder, was schlimmer schien, eine Lüge war.

Er hatte das drängende Bedürfnis nach Liebe, er mußte jemanden haben, dem er sein Herz ausschütten konnte. Er hielt es nicht aus, lange allein zu sein; es trieb ihn stets zu anderen hin. So fühlte er sich zu Lautner hingezogen, allein er fürchtete sich vor dessen klarer Lebensauffassung, die keine Spur von Romantik aufkommen ließ, die immer gleich prosaisch gesund und nüchtern aburteilte.

Mit Bangen sah er die Zeit kommen, da er fern von Haus sein mußte, daß auch er, gleich den anderen, sich vielleicht endlich einen Ersatz suchen würde, den er vor sich selbst nicht verteidigen konnte.

Er mußte jemand sein ganzes Innere offenbaren können, der ihn mit Geduld anhörte, denn er war oft unruhig, unzufrieden mit sich und seiner Arbeit.

Er war nervös geworden, von jener Nervosität, wie sie dem Großstädter eigen ist, der sich in geistiger Arbeit aufreibt. Eine Unbefriedigtheit, ein Hasten und Drängen nach immer Neuem beseelte ihn; er wollte das, was noch dunkel vor ihm lag, möglichst bald erreichen, um nicht im bangen Zweifel verharren zu müssen.

In solchen Augenblicken ließ er seine Bücher im Stich und kam unerwartet zur Mutter, denn er wußte, daß er bei ihr seine Ruhe wiederfand und alles mit einem Schlage wieder gut war.

Er war sentimental veranlagt, aber er konnte sich nicht ausgeben. Das Gefühl schlummerte in ihm und häufte sich mehr und mehr, je größer die Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit um ihn her zunahm.

Es schauderte ihn vor diesem Mangel an Seele, vor dem Bewußtsein, daß auch ~er~ einmal so werden konnte wie die andern, die doch gewesen sein mußten wie er; denn er sah es an seinen Freunden, wie sie in dieser Atmosphäre der Apathie langsam untergingen.

Deshalb klammerte er sich an seine Liebe zur Mutter. So lange er ~sie~ hatte, konnte er sich nicht selbst verlieren; wenn er nur ihre Stimme hörte, wich das Angstgefühl von ihm, wie Schatten und Nebel vor der Sonne.

Er kam sich vor wie ein törichtes Kind, das hinter dem Mutterrocke Schutz sucht vor eingebildeten Spukgestalten, und trotzdem hatte er nicht den Mut, sich auf sich selbst zu besinnen. --

Er streichelte ihr die Hand, während sie den feinen Hauch der Dijonrosen einsog.

Dann legte sie das Bukett auf den Tisch und sagte:

»Geh einmal hinauf zu Papa. Er hat schon den ganzen Morgen nach Dir verlangt.«

»Du schickst mich schon wieder von Dir fort?« --

»Ja, und wenn Du wiederkommst, werde ich Dich noch einmal fortschicken.«

»Ich soll Dich heute wohl gar nicht sehen,« lachte er, während er ihre beiden Hände umschlossen hielt.

»Du mußt Dich heute den ~andern~ opfern, nicht mir. Nun geh hinauf, und wenn Du wiederkommst, erfährst Du mehr ...«

Frau Anna blieb allein und tändelte mit den Rosen. Sie nahm ihre Gedanken wieder auf, aber jetzt verwirrte sich alles, und sie fand die Ruhe von vorhin nicht wieder.

Sie blickte hinaus, wie die Sonne auf die gerade abgestochenen Gartenwege schien, sie hörte das leise, melodische Plätschern des Springbrunnens, und dann glaubte sie die Stimme ihres Gatten und Wills zu hören, hie und da ein abgerissener Laut. --

Zwei Sperlinge flatterten auf die Terrasse, jagten sich im Weinlaube, balgten und zausten sich dann auf dem bunten Fliesenboden, bis sie erschreckt plötzlich auseinanderflogen, als Frau Anna sich bewegte.

Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen, sie wollte an etwas nicht denken, aber es war ihr nicht möglich. Sie besaß sonst die beneidenswerte Fähigkeit der Frauen, rasch zu vergessen, im vollsten Maße.

Alles, was hinter ihr lag, nahm für sie eine fast traumhafte Gestalt an. Was hinderte sie, die Dinge anders zu denken, als sie gewesen waren? ...

Zwei Verse Calderons hatten einmal Eindruck auf sie gemacht und waren ihr im Gedächtnis geblieben:

Denn nur ein Traum ist alles Leben, Und selbst die Träume sind ein Traum. --

Sie murmelte es leise vor sich hin: Und selbst die Träume sind ein Traum ...

Die Vergangenheit kann nur Schatten beschwören.

Aber wenn die Vergangenheit Gestalt annahm, Fleisch und Blut gewann?

Sie schüttelte den Kopf. Sie sorgte sich da um Dinge, die sie im Grunde nichts angingen. Was war ihr das jetzt noch? .. Nichts! -- gar nichts.

Sie hörte die Stimme ihres Mannes jetzt deutlicher. Er sprach laut und lachte. Und die Stimme klang kalt und klar, daß es sie fröstelte, mitten im Sonnenschein.

Sie ärgerte sich darüber. Wenn das so fortging, machte es sie noch ganz nervös.

Und all das um das Kind, das Reinhold Petri aus Lausanne mitbrachte, und dessen Mutter sie einmal gehaßt hatte. Die Mutter lag schon lange im Grabe, und das Kind trug keinerlei Schuld.

Wie lang' das her war? -- Und wie die Zeit verging, eilends; aber die Zeit hinterließ ihre Spuren.

Sie verheimlichte es sich nicht mehr; sie wurde zusehends alt, vielleicht weil sie so lange jung geschienen. Das Alter kam über Nacht.

Wenn sie genauer hinsah, so mehrten sich in den Augenecken die Krähenfüße, und zwischen ihren Haaren fand sie immer mehr graue.

Sie kämpfte nicht mehr dagegen an, sie hatte ein Recht, alt zu werden; wenn Willy es auch nicht zugeben wollte.

Er kam jetzt wieder herab, nachdem er ein halbes Stündchen mit dem Vater geplaudert hatte.

»Schenkst Du mir nun noch ein Viertelstündchen? Nicht für mich.«

»Gewiß Mama!«

»Dann geh' hinüber zum Professor -- er ist gestern zurückgekommen -- und sag', er solle ja nicht versäumen, um zwei zu Tisch zu kommen.«

»Das ist alles?«

»Ja, doch halt. Darf man ein paar Rosen aus dem Bukett nehmen?«

»Soll ich die dem Professor bringen?«

Sie sah plötzlich auf, dann lächelte sie:

»Gewiß, wem denn sonst?«

»Ah, ich weiß, Fräulein Mignon ist angekommen.«

»Das weiß ich nicht, ob Fräulein Mignon angekommen ist, mein hoher Herr.«

»Wem soll ich dann aber die Rosen geben?«

»Du hast es ja selbst gesagt, dem Professor. Geh' nur hinüber und richte Deine Botschaft aus, und wenn Du jemand triffst, der Dir dieser Rosen würdig scheint, so gib sie ihm. Das wird dann wohl der Professor sein.«

»Nein, ich glaube, ich werde sie wieder mit heimbringen, um sie ~Dir~ zu geben.«

»So? Und deshalb schickt man Dich also fort? Nun mach' aber hurtig.«

»Du wirfst mich ja beinah hinaus. -- Aber das hilft Dir nichts, die Rosen bekommst Du doch wieder.«

»Wir werden ja sehen ...«

8.

Nach wenigen Schritten stand Willy vor dem Hause Petris.

Vor dem langgestreckten einfachen Gebäude zog sich ein schmaler, wohlgepflegter Blumengarten hin, der durch ein hohes schmiedeeisernes Gitter von der Straße getrennt war.

Willy trat in das Haus ein. Auf dem breiten, fliesenbelegten Hausflur traf er die alte Haushälterin Petris, Fräulein Minna, eine stattliche Dame, trotz ihrer fünfzig Jahre. Sie hatte noch ein Mädchen zur Verfügung, mit dem gemeinsam sie den kleinen Hausstand versorgte.

Mit der großen, weißen Schürze und der weißen Rüschenhaube auf dem grauen Haare sah man es ihr an, daß sie einmal hübsch gewesen sein mußte, nur in den Augen lag etwas von Heimtücke und Bosheit.

Willy mochte sie nicht leiden, obgleich sie ihm stets aufs höflichste entgegenkam.

Der Professor stand ganz unter ihrer Herrschaft und mußte sich ihr in allen häuslichen Angelegenheiten unbedingt fügen.

Nur im Atelier hatte sie nichts zu sagen.

Auch betrat sie es aus dem Grunde nicht, weil ihr all die Figuren dort ein Greuel waren. Hatte doch der Professor seine Not gehabt, bis er es durchsetzte, daß eine ausgezeichnete Kopie der Mediceerin im Salon aufgestellt wurde.

In blindem Eifer wütete sie gegen die Heidengötter mit den verrückten Namen, bei denen sich kein ehrlicher Christenmensch etwas denken konnte, und da sie katholisch war, gab sie sich erst zufrieden, als die Sixtina gleichfalls im Salon aufgehängt ward, obgleich ihr diese Nachbarschaft viel Kopfweh bereitete.

Mit dem Federwisch in der Hand lief sie eifrig im Hause umher, jedem kleinsten Stäubchen den Krieg erklärend. Heute war sie ganz aus ihrer Ruhe gebracht. Es ging heute alles drunter und drüber.

Wo der Professor war, wußte sie nicht, vielleicht im Garten oder sonstwo; sie wußte rein gar nichts.

Sie fing an, mit dem Mädchen zu schelten, so daß es Willy noch bis in den Garten hinein hören konnte.

Durch den Hinterflur, in dessen Nischen ein paar wunderliche Allegorien, krause Einfälle einer barocken Künstlerlaune, standen, trat er in den parkähnlichen Hintergarten mit den dichten Gebüschen, in denen das Atelier versteckt lag, mit seinem hohen Glasdache, das durch die Wipfel der erst jung angepflanzten Bäume hindurch schimmerte.

Tiefe Stille herrschte in dem weiten Garten, und frischer Morgenduft lag über den in erster Frühe reichlich besprengten Grasflächen.

Ein Laubgang führte zum Atelier. Die Tür stand auf, und der den inneren Eingang bedeckende Vorhang war halb zur Seite geschlagen.

Im Glauben, daß Petri anwesend sei, trat Willy vorsichtig die beiden Stufen hinauf. Allein er hatte sich getäuscht, niemand war da, und nun trat er völlig in den großen, von milchweißem Lichte durchfluteten Raum.

Schlichte, weißgetünchte Wände, gegen die die Skulpturen eines unvollendeten Frieses lehnten, ein paar Konsolen mit Gipsabgüssen, Bossierschemel, ein paar niedere Modelltische und drüben die große Drehscheibe eines neuen Werkes, eines mit nassen Tüchern verhängten Tongefüges, das noch niemand zu sehen bekam.

An der Hinterwand ein paar Oleander und Palmen. Die Blätter grau gepudert, darunter ein Diwan und zwei Fauteuils um einen runden Tisch, wenn Besuch kam. Etwas seitwärts ein niedriger, orientalisch buntgemusterter Diwan, auf dem sich ein rotseidener Schlummerpuff herumtrieb. Daneben ein Rauchtischchen mit losen ägyptischen Zigaretten, mit deren feinem grauen Rauch der Künstler in träumerischen Stunden das hohe, lichte Atelier mit seinem breitspannenden Glasdache erfüllen konnte, von der Arbeit ermattet, faulbehaglich ausgestreckt.

In einer Nische auf einem Ebenholzsockel die Büste von Frau Anna, deren Original sich im Arbeitszimmer Dr. Brauns befand.

Um die Büste, eine Arbeit aus der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, schlang sich noch ein verwelkter Kranz, dessen Blüten entblättert am Fuß der Säule lagen. Seit Wochen hing der Kranz hier, seit dem Geburtstage Frau Annas.

Eine ganze Weile betrachtete Willy diesen jugendschönen Kopf, und schon war er im Begriff, die Blumen, die er in der Hand hielt, hier niederzulegen, als er wieder zauderte, sie dem toten Kranze beizufügen.

Er warf noch einen Blick durch diesen einfachen, weiten Raum, wo auf allen Gegenständen, auf jeder Fläche, in jeder Falte jener feine weißgraue Staub lagerte, ein Staub, der sich ungestört tagelang hier ansammelte, bis Fräulein Minna in einer Ruhepause einmal die Erlaubnis erhielt, mit Besen und Staubtuch den Kampf gegen den Schmutz aufzunehmen, wobei sie mit einem wahren Vergnügen rücksichtslos mit dem Federwisch über die nackten Glieder der Statuen fuhr, einer schönen Frauenbüste oder einem grinsenden Faun in gleicher Weise das Gesicht bearbeitete und den Boden von den steinhart gewordenen grauen Tonklümpchen wieder reinigte.

Jetzt war es hier still, wie in einem Tempel, ein weihevolles Heiligtum des schöpferischen Menschengeistes.

Willy riß sich endlich los. -- Wie wohl das welkende Grün den Augen tat, nach diesem blendenden aufdringlichen Lichte im Atelier.

Vielleicht war der Professor im Garten, in dem halbdunklen, weinlaubumrankten Gange, der sich an der einen Seite der Grenzmauer hinzog, wie geschaffen, hier nachdenklich auf und ab zu wandeln.

Aber auch dort fand er ihn nicht, und so wandte er sich dem kleinen Pavillon zu, der etwas erhöht an der andern Seite lag; ein leichter, aus gebrechlichem Holz errichteter chinesischer Turm, in den von allen Seiten das Licht einfluten konnte, nur daß es die anwachsenden Bäume mit jedem Jahre mehr wehrten.

Schon von fern sah Willy durch die Büsche ein helles Kleid schimmern.

Er beschleunigte seine Schritte und stand jetzt vor den drei Stufen, die zum Pavillon hinaufführten.

Unter dem breiten schirmartigen Dache saß eine junge Dame, die sein Kommen überhört haben mußte, denn sie las ruhig in einem Buche weiter, das ihr im Schoße lag, und das sie nur leicht mit der linken Hand hielt, während die rechte lässig herabhing.

Sie trug trotz der späten Jahreszeit ein leichtes helles Kleid, mit weiten Aermeln, die nur bis zur Hälfte des Unterarmes reichten. An der linken Seite floß von der Taille eine breite schwarze Schärpe herab, und ein hellroter Sonnenschirm lag an dem Stuhle, so daß er scharf von dem Kleide abstach.

Zu ihren Füßen, wie achtlos fallen gelassen, ein breitrandiger Hut mit langen Bändern, neben dem sich ein kleiner Fuß im schwarzen Promenadenschuh wie ungeduldig nervös hin und her bewegte.

Willys Blick glitt von den zierlichen Füßen hinauf bis zu dem Gesichte, das sie noch immer abgewandt hielt.

Wenn er es auch nicht gewußt hätte, so mußte er sie sofort an den auf die Schultern fallenden dunklen Haaren erkennen.

Die Mutter hatte ihn also nur necken wollen. --

Jetzt hob das junge Mädchen das Gesicht. Sie trug das Haar nicht mehr so tief in die Stirn, dennoch war das leichtgebräunte Antlitz von den dichten Haaren völlig umrahmt.

Als sie ihn erblickte, glitt ihr das Buch beinah aus der Hand, allein sie ergriff es noch rechtzeitig, während sie sich langsam erhob.

Dann sahen sie sich beide an. --

Sie hatte nicht jene krankhafte Farbe der Städterinnen. Ein leichtes Goldbraun lag auf ihren Wangen, die Lippen waren sehr rot, und die Augen schienen ihm schwarz zu sein.

Sie war groß und schlank, und alles an ihr atmete Gesundheit und Lebensfreude.

Er hatte bei ihrem Aufstehen den Hut abgenommen und gegrüßt, blieb aber unten stehen, so daß er die drei Stufen zu ihr aufblicken mußte, während sie sich leicht auf die Krücke ihres Sonnenschirmes stützte und ihn erwartungsvoll ansah, bis er endlich mit einem etwas verlegenen Lächeln sagte:

»Wenn ich nicht irre, Fräulein Mignon ...«

Sie verbeugte sich leicht, sehr kühl, sehr vornehm, eben nur den Kopf neigend, und sah ihn ruhig dabei an.

Er stand noch immer und hielt den Hut in der Hand.

»Der Herr Professor ist nicht hier?«

»Nein, mein Vormund ist nicht hier.«

Es zuckte leise um ihre Mundwinkel, allein sie beherrschte sich sofort wieder und machte das ernsthafteste Gesicht; ganz Dame.

Weshalb er nur da unten stehen blieb und sie so anstarrte? ... Sie wiegte sich ganz leise in den Hüften.

»Wollen Sie nicht Ihren Hut aufsetzen,« sagte sie endlich sehr langsam. »Die Sonne brennt etwas.«

Was für eine weiche, wohlklingende Stimme sie hatte, die sich in das Ohr einschmeichelte. Er lauschte noch immer auf den Nachhall, ehe er erwiderte:

»Jawohl, es ist sehr drückend.«

Eben hatte er noch gefunden, daß es ziemlich kühl war; für ein leichtes Sommerkleid, wie sie es trug, gewiß zu kühl.

Er setzte den Hut auf, und dabei fielen ihm die Dijonröschen ein, die er in der Hand hatte. Er sah auf die Blumen nieder, und auch sie folgte seinem Blicke.

»Wollen Sie sich mir nicht bitte vorstellen? ...« sagte sie nach einer Weile, sehr leise und bescheiden, mit einem Neigen des Kopfes, als müsse sie ihm diskret zu Hilfe kommen.

Jetzt fing er an zu lachen.

»Ach ja -- ganz recht! Ich bitte um Verzeihung: Willy Braun!«

Sie lachte mit ihm und streckte ihm rasch die Hand entgegen, während er endlich die Stufen heraufkam und ihre Hand ergriff, eine zierliche Hand, die aber die seine fest umschloß, kameradschaftlich fest, daß er einen ganz energischen Ruck verspürte.

»Ich wußte gleich, daß Sie Will seien, aber weil Sie so dastanden ...«

Sie lachte übermütig, und indem sie mit der linken Hand ihr Haar zurückwarf, setzte sie sich wieder und wies ihm den andern Stuhl zu.

»Weshalb blieben Sie denn nur da unten stehen? Fürchteten Sie sich vor mir?«

»O durchaus nicht,« versicherte er lebhaft.

»Es sah aber beinah so aus. Sie wollten zu +père+ ... ah so, ich sage so schon immer; denn Vormund, das geht doch nicht, -- und Onkel klingt auch so dumm. Vater oder Papa geht erst recht nicht ... +père!+ -- gefällt Ihnen das?«

»Ungeheuer!«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ach so,« sagte er. »Ich meine, es gefällt mir sehr gut. Ungeheuer -- das ist ein Studentenausdruck.«

Sie lachte.

»Ich habe immer gedacht, Ungeheuer sei ein großes Untier im Märchen, mit dem man kleinen Kindern bange macht. Haben Sie noch mehr solch drolliger Ausdrücke?«

»Wenn Sie wollen, einen ganzen alten Hut voll.«

Sie lachten beide, und der Bann der Verlegenheit war gebrochen.

»Wissen Sie, wie Sie dagestanden haben?« fragte sie und sah ihn schelmisch an.

»Nun, wie denn?«

»Sehen Sie ... so!«

Sie ergriff ihren Hut, sprang die drei Stufen hinunter, stellte sich dort, den Hut in der Hand haltend, hin und sah zu ihm auf, indem sie die Augen verdrehte, bis daß sie genug gelacht hatten.

»Ich habe Sie gleich erkannt, im ersten Augenblicke,« sagte Mignon. »+Père+ hat mir so viel von Ihnen erzählt. Ich kenne alle Bilder von Ihnen ... eins, da sind Sie erst ein Jahr alt, im kurzen Kinderkleidchen, mit solchen Pausbacken. Ich finde, das ist ganz reizend.«

»So?« fragte er, sehr verlegen im Gedanken an das Bild.

Sie errötete leicht und fuhr fort:

»Eigentlich weiß ich ~alles~ über Sie, und +père+ hat mich ordentlich neugierig gemacht. Heute früh sind wir schon drüben bei Ihnen gewesen. Ich habe Ihre schöne Mama schon ~sehr~ lieb. Ich weiß ja gar nicht, was es heißt, eine Mutter haben, aber ich denke mir, daß es sehr schön sein muß ... Sie haben Ihre Mama sehr lieb ...«

Er nickte nur -- und dann fielen ihm die Rosen ein.

»Sehen Sie, Mama hat auch gleich an Sie gedacht. Als ich fortging, gab sie mir diese Rosen: ich sollte sie dem geben, der mir der Würdigste scheine. -- Darf ich sie Ihnen geben? ...«

Sie schlug ihre großen, geheimnisvoll dunklen Augen zu ihm auf und nahm die Blumen ohne Ziererei.

»Aber ich will sie Ihnen nicht alle nehmen. Warten Sie ... so! ..«

Sie nahm die schönste und gab sie ihm zurück.

»Die müssen Sie selbst behalten.«

Er versuchte die Rose im Knopfloch zu befestigen, allein es ging nicht gut.

»Wollen Sie eine Stecknadel? ..«

Sie war im Begriff, ihm eine Nadel zu geben, als sie sich plötzlich besann und sie mit rascher Bewegung hinter sich warf.

»Nein!« sagte sie zur Erklärung, als er sie erstaunt ansah, »ich gebe Ihnen lieber keine. Ich glaube nicht daran, aber man sagt, es zersteche die Freundschaft. Und wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr?«

Sie reichten sich fast gleichzeitig die Hände. Und indem er so vor ihr stand und ihr treuherzig in die Augen blickte, sagte er:

»Ja, das wollen wir: gute Freunde werden!«

»Na, Kinder?« ließ sich eine frische, kräftige Stimme hören: »Ihr scheint ja schon gute Bekanntschaft gemacht zu haben. Das ist recht ... Da brauche ich nicht erst viel dreinzureden.«

Der Professor stand vor ihnen und reichte ihnen die Hände hin, während sich Mignon an ihn schmiegte und er ihr einen Kuß auf die Stirn hauchte.

»Ja!« sagte Mignon. »Herr Braun hat mir gleich als erstes Freundschaftszeichen diese Rosen mitgebracht.«

»Das ist recht. Aber hört mal, Kinder, eines gefällt mir nicht. Ich bitte mir aus: nichts von Herr und Fräulein. Ich nenne Euch beide Du, und da will ich von Förmlichkeiten nichts wissen. Also >Willy< und >Mignon< und nicht: >mein Herr< und >gnädiges Fräulein<! -- Einverstanden? ...«

Sie nickten und gaben sich die Hand.

»Seht ihr, so ist's recht. Ich hoffe, ihr werdet recht gute Kameraden. -- Und nun kommt zum Frühstück, sonst wird unsere gute Minna ärgerlich, die sich gar nicht hineinfinden kann, daß wir gleich am ersten Tage zu Tisch nicht daheim sind. Aber das wird sich schon geben. Also kommt!«

Mignon nahm ihr Buch, und sie gingen ins Haus, wo in dem Jagdzimmer das Frühstück bereit stand; ein eichengetäfeltes Gemach, in dem sich die Jagdtrophäen befanden, die Petri gelegentlich erbeutet hatte. Ein paar Hirschgeweihe, darunter ein Zwölfender, das Gehörn einer Gemse und ein großer ausgestopfter Steinadler zwischen zwei Reihern in Glaskästen. An den Wänden alte, wertvolle Waffen und in Schränken eine kleine auserlesene Bibliothek.

»Ich habe großen Hunger, +père+. Ihr werdet nicht viel behalten.«

Einer alten Gewohnheit gemäß saß Fräulein Minna mit am Tische, allein alle Augenblick stand sie auf, um etwas zu besorgen und herbeizuholen oder den anderen vorzulegen, die gemütlich miteinander plauderten.

Der Professor lehnte sich in den schweren Eichenstuhl zurück und blickte von einem zum anderen.

Wie gut sie zusammen paßten, und wie schnell sie miteinander Freund geworden waren. Ein Gefühl unendlicher Zufriedenheit überkam ihn.

»Ich glaube, Mignon,« sagte er endlich, »Du bist fast eine kleine Französin geworden. Hoffentlich verliert sich das in der deutschen Luft recht bald.«

Sie verteidigte sich eifrig, was für eine gutdeutsche Patriotin sie sei.

»Dann wollen wir Dich von jetzt ab Mariechen nennen.«

»Ach, +père+, lieber möchte ich ja sterben.«

»Nun ... nun! nur nicht gleich allzu tragisch. Es bleibt schon bei Mignon. Aber nun könntet Ihr noch ein wenig in den Garten gehen. Ich habe ein paar Briefe zu schreiben.« --

Petri sah ihnen nach, wie sie unter den herbstlich gefärbten Zweigen der Bäume langsam, wie alte Freunde hinschritten.

Er drehte sich um, denn die alte Minna seufzte, und wandte sich vom Fenster ab. Er sah sie erstaunt an, aber sie zuckte nur mit den Schultern, als wolle sie alle Schuld von sich abwälzen, und verließ das Zimmer.

Er war versucht, ihr etwas zu sagen; allein er unterließ es lieber und setzte sich an den Schreibtisch.

Dann speisten sie in der Villa Braun zu Mittag; aber eine rechte Stimmung wollte nicht aufkommen, nur die beiden jungen Leute fühlten es nicht, da sie beständig miteinander plauderten. Doktor Braun war nicht recht aufgelegt, und Frau Anna verhielt sich ungewöhnlich schweigsam. Kaum daß sie sich durch einen Einwurf am Gespräch beteiligte. Nur zuweilen kreuzten sich ihre Blicke mit denen Petris.

Am Nachmittage unternahmen sie eine gemeinschaftliche Spazierfahrt, allein jeder schien mit seinen Gedanken beschäftigt zu sein. --

Gleich nach dem Abendessen trennte man sich, da Mignon anfing zu ermüden.

Willy blieb noch bei der Mutter. Allein sie legte sich auf die Chaiselongue, und er ging im Zimmer auf und ab, setzte sich dann in einen Sessel und zupfte an der seidenen Quaste, aber sie sprachen kein Wort miteinander. Es war, als trauten sie sich nicht, über Mignon zu plaudern.

Und dieses befremdliche Schweigen lag drückend auf ihnen beiden, aber keiner wagte es zu brechen.

Endlich wurde es Willy zu unheimlich in dem stillen Salon und er nahm Abschied.