Part 12
Im ersten Augenblicke wollte er sie wecken und zur Rede stellen. Allein dann erinnerte er sich, daß ihm Mignon gesagt, wie sie mit ihr die ganze vorige Nacht ununterbrochen gewacht hatte, und er ließ sie schlafen.
Zögernd beugte er sich über die Mutter.
Allein es tanzte alles vor seinen Augen, die sich an die schleierhafte Dämmerung noch nicht gewöhnt hatten.
Er legte ihr die Decke, die sich verschoben hatte, wieder zurecht und ging in das Vorzimmer zurück, wo er einst den Brief gefunden hatte, den ersten Anlaß all seines Argwohns.
Wo er dann die Bestätigung erhalten, die grausame Gewißheit, die ihm alle Ruhe geraubt und sein Leben zerstört hatte.
Der kleine Raum erfüllte ihn mit Grauen.
Allein er blieb, um dieses Gefühl zu bannen. --
Er setzte sich neben den zierlichen Schreibtisch und ließ den Blick nicht von den schmalen Fächern, in denen all diese Briefe liegen mußten, die Briefe, in denen sie erst neulich wieder gelesen hatte, als er so jäh in das Zimmer gekommen war.
Sie hatte rasch die Klappe des Schreibtisches verschlossen, so wie die Schriftstücke wild durcheinander dalagen. Und er wußte, daß sie den Schlüssel dazu auf der Brust trug.
Seitdem war hier alles so geblieben. --
Hinter diesem dünnen Brette lagen die Briefe.
Er tastete mit zitternden Fingern an dem kleinen Schlüsselloche. Es war ein grausamer Genuß für ihn.
Allein dann bezwang er sich. Wenn er sie nun auch in Händen hielt, was konnten sie ihm noch Neues sagen?
Er wandte sich ab und zog sich einen Stuhl vor das Feuer, um dem Spiele der Flammen zuzusehen.
Wie die spitzen Flämmchen an dem Holze emporleckten mit ihren gelben und blutroten Zungen.
Wie das knisterte und knackte; wie das schneeweiße Buchenholz erst von einem Flammenmantel eingehüllt und dann zu brennender Glut ward; wie dann die schwarze Kohle aufs neue vom Feuer erfaßt wurde und zuletzt nur federleichte grauweiße Asche zurückblieb, die vor jedem Atemzuge zerstäubte.
Er starrte so lange in die weiße Glut, bis ihm Tränen in die wehen Augen kamen.
Dann stand er auf und ging auf und ab, vom Boudoir in den Vordersalon, und durch beide Zimmer zurück, bis an die Schwelle des Krankenzimmers; wo er stehen blieb und mit verhaltenem Atem lauschte.
Als er eintrat, fand er die Wärterin, wie sie sich auf die Seite gelegt hatte, in unbequemer Lage.
Er weckte sie. --
In ihrem Schreck wollte sie sich laut und hastig entschuldigen, daß er ihr zuwinken mußte, zu schweigen.
Dann schickte er sie fort. Er wollte inzwischen wachen. Sie konnte ein paar Stunden ausruhen, um ihn dann wieder abzulösen.
Sie wiederholte ihm noch einmal die Anordnungen des Arztes und ließ ihn allein mit seiner Mutter ...
Er setzte sich neben das Bett hin und beobachtete sie in ihrem Fieberschlummer.
Als er nach ihrer Hand griff, fand er sie heißer als zuvor.
Und dann, ganz langsam tastend, glitt seine Hand über ihre Stirn und blieb darauf liegen.
Sie seufzte wie voller Erleichterung tief auf, und ihr Atem ging ruhiger und langsamer.
Wie bleich sie war. -- Die Wangen eingesunken, daß die Züge scharf hervortraten; die tiefliegenden heißen Augen verliehen dem Gesichte ein ganz fremdes Aussehen.
Nichts mehr von der schönen Frau, die trotz ihrer Jahre so jugendlich aussah; nur eine hilflose, arme Kranke lag jetzt da, deren Anblick Mitleid heischte.
Unruhiger warf sie sich, und wirre, zusammenhangslose Worte kamen ihr auf die Lippen.
Willy stand auf, drehte den Schirm der Lampe, daß das Bett völlig im Dunkel lag und trat ans Fenster.
Wie friedlich die Natur dalag, ganz still und regungslos.
Ueberall nächtlicher Frieden. Nur in die Brust des Menschen kam die Ruhe nie.
Pochte doch das Herz immerwährend, ruhelos, Tag und Nacht, wie eine ewige Mahnung. --
Als er sich dem Zimmer wieder zuwandte, war die Mutter erwacht.
Sie hatte sich halb aufgerichtet und blickte ihn mit angsterfüllten Augen an.
Er blieb am Fenster stehen, und da -- ganz leise -- rief sie ihn, -- leise flehend beim Namen.
Der ganze Jammer einer gequälten Menschenseele lag in dem einen Worte, und er eilte an ihr Lager und preßte ihre zitternde Hand gegen seine Augen, um den Tränen zu wehren.
Und sie zog ihn an sich und flüsterte:
»Armer Junge! ... mein armer -- armer Junge ..«
Dann ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken, und er fühlte ihre fiebernde Wange heiß an der seinen.
Sie strich mit der Hand über sein Gesicht mit bebenden, suchenden Fingern.
»Mein armes Kind! ..«
Und nun fühlte er ihre Tränen auf seinen Wangen, und alles, was noch an Groll und Unmut in ihm schlummerte, wich vor diesen Tränen.
»Verzeih mir, mein Junge«, bat sie, -- »verzeih mir! -- Du weißt ja nicht, wie das alles gekommen ist.«
Und leise flüsterte sie, wie im Fiebertraum:
»Hüte Dich vor der Liebe, hüte Dich! ... Wenn ich Dich nur schützen könnte. -- Mich hat niemand gehütet, niemand mich gewarnt, niemand! .. Und die klugen Menschen mit ihren Schwüren und Vorsätzen und ihren Geboten, -- es hilft ja ~alles~ nichts, kein Schwören und kein Wille, und wenn er noch so riesenstark ist. Man kann nicht anders. -- Es hilft zu nichts, es hilft nichts. Denn es ist das Glück, das lockt und zerrt und zieht, und hinter einem Elend und Verzweiflung; und so wirft man sein Leben hin für eine einzige Minute des Glücks. -- -- Ich hatte ihn ja geliebt, immer nur ~ihn~. Ja, mein Junge, nur ~ihn~, der Dein Vater ist, vor Gott und vor mir. Damals -- siehst Du -- damals war er fern, und sie alle drängten mich. Ich schrieb ihm, er solle kommen, er solle mir ~helfen~. Aber er half nicht, er kam nicht, -- und da hatte der Trotz Gewalt über mich, und ich verschenkte mich. -- Ich durfte es nicht, denn ich gehörte ihm. Und als er dann wieder kam und sah, daß all das andere nur eine Lüge war, eine jämmerliche, feige Lüge, da nahm er sich sein Recht. Und ich hatte keine Kraft, ihm zu wehren; ich war hilflos, denn ich war sein Geschöpf, und niemand war, der mir helfen konnte, niemand ahnte meinen Jammer. Ich wollte ja halten, was ich versprochen hatte; aber ich allein konnte es nicht. Und dann war es zu spät. -- -- Ich bitte Dich, gib mir zu trinken! bitte ...«
Er löste sich aus ihrem Arm und bot ihr zu trinken.
»Meine Kehle ist so trocken, und das brennt so. Aber jetzt geht es besser ... viel besser, -- komm wieder her zu mir. Es ist mir ganz leicht, wenn Du bei mir bist, nun, wo ich Dich wieder habe. -- Du wolltest fort! Ich weiß es, Du wolltest fort, -- aber das ~darfst~ Du nicht, Du darfst nicht! .. Verlaß mich nicht, ich bitte Dich: verlaß mich doch nur nicht. Sag' mir nur das eine, daß Du mir nicht zürnst. Vergib mir, Willy, vergib mir! -- Sag' es mir doch, daß Du Deine Mutter nicht verachtest, sag' es mir, daß Du mir verzeihst.« --
Er konnte ihr nicht antworten; aber er zog sie in seine Arme, und indem sie sich an ihn klammerte, beruhigte sie sich.
Mit zitternden Fingern tastete sie an seinen Kleidern herum, um sich von seiner Gegenwart zu überzeugen.
Dann lehnte sie sich an ihn und schloß die Augen, und zwischen den Wimpern durch quoll langsam, schwer Träne um Träne.
Diesem stummen Jammer gegenüber hatte er keine Macht mehr.
Und nun bat sie weiter:
»Du darfst auch ~ihn~ nicht hassen. Du bist ja noch so jung, Will. Du kennst das Leben nicht. -- Ich habe Dir alles Böse fern halten wollen. Du solltest nur das Gute kennen lernen. Jetzt weiß ich, daß es ein Irrtum war. Urteile nicht rasch. Du darfst es nicht. -- Wenn Du wüßtest, ~was~ ich zu ertragen gehabt habe, wie wir beide geduldet haben. Du kannst es nicht ahnen ... Wie habe ich gekämpft, wie mich gesträubt und gerungen. Ich wollte nicht unterliegen, um keinen Preis. -- Aber es half alles nichts. Ich trug ja die Gewißheit in mir, daß ich meine Leiden nicht ersticken konnte. Wie sollte ich da stark sein. Und er, der mich halten sollte, war gleich mir von ihm bezaubert und gefangen. Und er zog ihn an sich als Freund. -- Da ließ ich alles gehen, wie es wollte. Wie konnte ich mit der alten unausrottbaren Liebe im Herzen, gehalten nur durch ein Wort, das ich im Unmut, in kindischer Eitelkeit, in der Laune eines unglücklichen Augenblicks gegeben, kämpfen gegen die Verführung, die sich uns täglich, stündlich bot, die lockte und lockte. -- -- Jedes kleinste Wort, jeder Blick, seine Gegenwart allein schon raubten mir alle Fassung. Wir brauchten uns nur die Hände zu reichen und ich war in seiner Gewalt. -- Einmal wollte ich meinem Leben ein Ende machen, um nicht zu unterliegen. Dann -- dann wollte ich vor dem Tode ein einzigmal wissen, was Glück sei, -- und dann hatte ich den Mut nicht mehr. Ich konnte nicht sterben -- ich hatte das Leben zu lieb. -- Ich habe das Leben so ~lieb~, und ich fürchte mich so ... ich ~will~ nicht sterben ... nur nicht sterben! ...«
Sie bäumte sich in seinen Armen, als ob Todesangst sie packte und schüttelte.
Willy gab ihr zu trinken, und sie beruhigte sich wieder, indem sie das wirre Haar aus der Stirn strich.
»Ich wurde ja gezwungen, mit ihm allein zu sein, gegen meinen Willen. Ich saß ihm zu einer Büste für ... für Hermann. Er wollte es, er wollte von ihm ein Bild von mir haben. Stundenlang mit ihm allein! ... Und ich war so schwach -- so machtlos. -- Nein, Will, nein, er hatte nicht die größte Schuld, denn er wollte mich schon vorher losreißen, und nachher wollte er mich fast zwingen, ich solle meinen Mann lassen, ... eine Scheidung! -- Aber das konnte ich nicht, das brachte ich nicht über das Herz. Ich konnte ihn nicht allein lassen, der kein Auge hatte für meine Qualen, weil er alles zu tun glaubte, um mir mein Leben glücklich zu gestalten, der nur für mich lebte, dessen ganze Arbeit nur darauf ausging, mich reich zu machen, damit ich mir keinen Wunsch zu versagen brauchte; dessen einzige Hoffnung in dieser Welt ~ich~ war. Ich weiß es, ich habe es immer gewußt; aber mein Wissen habe ich ihm mit keinem Worte, keiner Miene eingestanden. -- Dann wurdest Du geboren, und nun ging der Kampf von neuem an. Du solltest Deinen Vater haben, -- aber ich fürchtete mich. Ich fürchtete mich vor ihm, der dafür galt, -- vor der Welt und ihrem Urteil. Sollte ich mich selbst brandmarken und auch die Schande über Dich beschwören? -- Das war zuviel verlangt. -- Und er, der Dich für sein Kind hielt, liebte Dich mit einer Innigkeit, einer Freude, die mir schon den Gedanken an eine Trennung unmöglich machte. Nein, nein, ich konnte ihn nicht aus seiner Täuschung reißen. Ich flehte um Geduld, ich schob die Entscheidung hinaus, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Und dann eines Tages das Gräßliche: -- sie brachten mir den Gatten wie ein hilfloses Kind. Und ich wußte, das war um ~mich~ geschehen, einzig für mich! Jetzt war ich für immer an ihn gekettet, jetzt gab es ~nichts~ mehr, was mich von ihm hätte trennen können ...«
Sie machte eine lange Pause und schloß die Augen, denn dieses abgerissene erregte Sprechen erschöpfte sie.
Es strengte sie an, daß sie den Atem verlor.
»Nicht wahr, nun konnte, nun durfte ich nicht mehr. Ich konnte Dir Deinen Vater nicht geben. -- Und so mußten wir weiterleben mit der Lüge, ewig mit der Lüge. Das war die Strafe. Der Gatte für alle Zeit ein Krüppel und ich an ihn gefesselt .... Ab ich habe meine Pflicht getan, ohne ein Wort, und um all diese Demütigung, um diese jahrzehntelange Qual, all diese durchwachten und durchweinten Nächte ~muß~ mir verziehen werden -- sag', daß ~Du~ es tust ... Will, sag' es mir ...«
Er schwieg und lehnte das Gesicht an ihre Schulter, erschüttert von dem Klange ihrer gebrochenen Stimme, entwaffnet von ihrer Demütigung vor ihm.
»Nein, -- ~sag~' es mir! -- Du mußt es mir sagen. O diese Stunden der Verzweiflung, in denen ich mir hundertmal den Tod gewünscht habe! ... Aber ich kann nicht eher sterben -- nicht eher -- als bis Du mir vergeben hast. Sag' es mir doch, daß Du mich nicht verachtest.«
»Mama! ...«
»Will! -- mein Will! ...«
Sie wurde ruhig wie ein Kind, dem man einen Wunsch erfüllt hat, und ein zufriedenes Lächeln lag um ihre Lippen. Sie griff nach seiner Hand, und dann legte sie sich tief in die Kissen zurück, als müsse sie diesen Laut, in dem alle Verzeihung für sie lag, tief in ihr Innerstes einsaugen.
Endlich richtete sie sich halb auf und bat:
»Küsse mich!«
Er küßte sie, denn er hatte ihr vergeben.
Zum ersten Male sah er sie schwach, sah er all ihre Liebe, ihre Leidenschaft, aber auch all ihr Elend. --
Es war ganz still geworden im Zimmer.
Nur nebenan sprühte leise knisternd das Feuer.
Lange -- lange Zeit lag sie da, mit halbgeöffneten Augen zur Decke starrend.
Dann umschloß sie seine Hand fester, während das Fieber wieder Gewalt über sie bekam.
»Will, versprich mir eins.«
»Was denn, Mama?«
»Daß ~er~ nie etwas ahnt -- Will -- nie, niemals! Hörst Du, niemals. Du weißt ja nicht, wie lieb er Dich hat.«
»Ja, Mama!«
»Siehst Du, er würde ja zugleich ~Dich~ und ~mich~ verlieren. Willst Du ihn immer lieb behalten? -- Er ist ja in all den Jahren wie Dein Vater gewesen.«
»Ja, Mama! ...«
Sie küßte ihm die Hand, mit der er sie umfassen wollte, daß er sich neben dem Lager niederwarf, den Kopf in die Kissen vergrub und weinte.
Sie streichelte immerwährend, mechanisch sein Haar, und eine süße Beruhigung der Sicherheit überkam sie.
Nun war das bange Geheimnis ihres Lebens abgewälzt, und sie empfand ein Glücksgefühl, wie sie es nie gekannt hatte; lind und schmeichelnd wie ein weicher, kosender Traum, als ob sie von spielenden Wogen leicht getragen und gewiegt würde.
Da schreckte sie ein Gedanke auf, riß sie noch einmal aus dem Fieberwahn, in den sie aufs neue zu versinken drohte.
Angstvoll sah sie ihn an, und dann scheu, wie in banger Erwartung die Frage:
»Und Reinhold? ...«
Er wandte sich ab, und sie griff nach seinem Arm.
»Willy! -- Will!« --
»Ich kann nicht!«
»Ich ~bitte~ Dich, Will ...«
»Quäle mich nicht, nicht ~jetzt~! ... Ich kann nicht. -- Später! -- Habe Geduld mit mir.«
»Armer Junge! ... Du wirst es lernen, auch ~ihn~ lieb zu haben. Und wenn ich nicht wieder besser werde, dann werdet Ihr Euch auch ohne mich finden, nicht wahr? -- Du gehörst ihm ja, Will, gehörst ihm.«
Er stöhnte auf bei dem Gedanken, -- aber er konnte nicht anders, er konnte für diesen Mann nichts empfinden, in diesem Augenblicke unmöglich etwas für ihn empfinden.
Sie fühlte es, -- und deshalb fing sie an zu bitten und zu flehen, aber ihre Stimme wurde immer tonloser, sie sprach weiter und weiter, aber ihre Worte verwirrten sich, und sie lallte nur noch im Fiebertraum.
Der Anfall war heftiger als alle früheren.
Sie stöhnte auf, warf sich und schlug um sich, als ob jemand sie mit Gewalt niederzwingen wollte.
Dann, als er die Besinnungslose mit Schmeicheln zu besänftigen suchte und ihre Hände ergriff, wurde sie ruhiger. --
Er saß an ihrem Lager, und Stunde um Stunde verstrich. --
Dann kam die Wärterin und löste ihn ab.
Er blieb im Nebenzimmer und legte sich auf die Chaiselongue, wo er nach langem Wachen in einen Halbschlummer verfiel, aus dem er bei dem geringsten Geräusche aufschreckte, um gleich wieder vor Müdigkeit in Schlaf zurückzufallen. --
20
Grau und fahl stieg der Morgen auf.
Der Tag schien seine Wimpern träge und schläfrig aufzuschlagen.
Der Himmel war völlig bezogen, und schwere Nebel schleiften über die Erde hin.
Gegen Morgen hatte sich Willy, da die Kranke ruhig war, schlafen gelegt, und es war hoch an der Zeit, als er sich erhob.
Er schickte zu Mignon hinüber, um ihr, wie er versprochen hatte, Nachricht zu geben.
Als der Diener zurückkam, meldete er, daß auch der Professor heute früh heimgekehrt sei.
Mignon sandte ihm eine Karte, in der sie ihm mitteilte, sie wolle noch heute dem Vater alles gestehen. Sie könne die Ungewißheit nicht länger ertragen.
Willy erschrak. Jetzt mußte sie die volle Wahrheit erfahren.
Einmal mußte es ja doch sein. Es war auch ~so~ gut.
Der Gedanke, wie das auf sie wirken mußte, trat zurück vor der Tatsache, daß Petri wieder anwesend war.
Daran hatte er noch nicht gedacht.
Was sollte jetzt geschehen? ...
Wenn Petri erfuhr, daß die Mutter erkrankt war, so war es unausbleiblich, daß er sofort herüberkam, um sich persönlich zu erkundigen.
Wie sollte das werden?
Willy fühlte nicht mehr die Kraft, ihm als Ankläger gegenüberzutreten. Seine Energie war gebrochen.
Er hatte ihr das halbe Versprechen gegeben, daß alles noch gut werden würde.
Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, ihn zu benachrichtigen: er ~wisse~ alles und werde jetzt, wo die Mutter krank liege, nicht dulden, daß er sich ihr nähere.
Er wollte nicht dulden? ... wollte seinem ~Vater~ wehren? --
Hatte er auch nur den Schein des Rechtes dazu?
Durch diese peinigende Ungewißheit geriet er in eine fast fieberhafte Angst.
Endlich gab er sich darein, abzuwarten. Er konnte ja vorläufig nichts tun.
Die Mutter war für kurze Zeit zur Besinnung gekommen. Allein er hatte ihr das Sprechen verwehrt, auf Anordnung des Arztes, der ihren Zustand lange untersucht hatte, aber sich nicht aussprach.
Dann hatte sie wieder das Bewußtsein verloren, und das Fieber steigerte sich in einem Grade, daß Willy an dem ernsthaften Gesichte des Arztes sofort erkannte, daß er mit dem Trost der Gefahrlosigkeit nicht die Wahrheit gesprochen hatte.
Diese jähe Wendung machte ihn ganz ratlos. --
* * * * *
Willy war hinaufgegangen. Doktor Braun war in ärgerlichster Stimmung. Niemand kümmerte sich recht um ihn, und der Arzt, der vorhin bei ihm gewesen war, hatte sich derart unklar ausgesprochen, daß er ihn nur unruhiger gemacht hatte.
Willy berührten diese kleinlichen Nörgeleien des Kranken unangenehm, und er verließ ihn schon nach kurzer Zeit wieder.
Das konnte er jetzt nicht ertragen. --
Dann kam ihm wieder der Gedanke an Mignon.
Seine Schwester! --
Es war ein so eigentümliches Gefühl.
Und wie gezwungen sagte er sich das Wort immer wieder vor.
Er konnte nicht mehr anders an sie denken.
Ihm war, als sei er ihr jetzt erst recht nahe gekommen. Und eine unbezwingliche Sehnsucht überkam ihn, sie zum ersten Male mit diesem Namen anzureden, den seine Lippen noch nie ausgesprochen hatten.
Er hatte ja nur seine Mutter gehabt. Er war allein aufgewachsen, und jetzt fand er jemand, auf dessen Liebe er ein Recht hatte.
Wenn er sie nur erst gesehen hatte.
Ein paarmal schon hatte er geglaubt, sie komme.
Allein es war immer ein anderes gewesen, einmal ein Mädchen von Onkel Jack, der sich erkundigen ließ und ankündigte, daß er im Laufe des Nachmittags sich herüber wagen wolle.
Dann der Briefbote mit einem Briefe Lautners aus Hamburg, wohin er Wurm zu Liebe mitgefahren war, um den Proben zu dessen Oper beizuwohnen. --
Bei jedem Geräusche vermutete er, es sei Mignon.
Er hatte in den wenigen Stunden Schlaf, die er sich gegönnt, von ihr geträumt ...
Sie waren allein auf einer im Weltmeer verlorenen Insel gewesen.
Und plötzlich war die Flut gekommen, und sie hatten sich auf einen Felsen gerettet.
Allein die Wellen schlugen immer höher und leckten gierig an den Klippen.
Immer höher stiegen sie. Und dann hatte eine stürmende Woge ihm Mignon entrissen.
Und er hatte ihr nicht helfen können, die Wasser warfen sich ihm entgegen, er rang mit ihnen, aber er konnte nur sehen, wie sie vor seinen Augen versank.
Dann war er erwacht. --
Jetzt sehnte er sich nach ihr.
Er mußte sie sehen, um ruhig zu werden, denn der häßliche Traum hielt ihn noch immer im Bann.
Ruhelos eilte er im Hause hin und her und spähte, ob sie noch nicht kam. --
So verstrichen die ersten Morgenstunden.
Es war endlich Tag geworden.
Allein dann hatte sich der Himmel wieder verfinstert, und einzelne Schneeflocken irrten wie verloren in der Luft.
Es wurden ihrer immer mehr, sie verdichteten sich, und die Flocken wurden immer größer.
Jetzt wurde es ein ganz tolles Gewirr.
Das tanzte in dem spielenden Winde wie wild durcheinander. --
Gegen Mittag hatte Willy die Wärterin auf eine Stunde fortgeschickt.
Sie wollte einiges in der Stadt besorgen.
Willy war mit der Mutter wieder allein.
Der leichte Schnee trieb gegen die Fenster.
Die ersten Flocken tauten wieder fort auf der Erde, die noch die letzte Sonnenwärme barg.
Dann blieb der Schnee an einzelnen Stellen liegen.
Zuerst verfing er sich in den Zweigen der Bäume, dann blieb er auf den Staketen und Mauern liegen und der Wind trieb ihn über die feuchte Erde, wo er sich auf dem nassen Schlickerschnee anhäufte.
Und jetzt mehrten sich diese Stellen.
Der Wind trieb immer neue Flocken an diese weißen Inseln, daß sie mit jedem Augenblicke wuchsen und wuchsen.
Dann fegte er oft mit einem einzigen Stoße die ganze Arbeit wieder auseinander, daß die tausend Flocken hoch emporwirbelten, sich mit den eben erst niederfallenden mischten und nun einen augenverwirrenden Tanz aufführten. --
Lange stand Willy am Fenster, um dem beginnenden Schneesturme zuzuschauen.
Dann wandte er sich wieder der Kranken zu.
Ihre Hände glühten wie im Feuer, und zuweilen flog ein Frost schüttelnd durch ihre Glieder.
Dann wieder lag sie eine Zeitlang reglos, als seien all ihre Kräfte gebrochen, bis ihr schwerer Atem in heftigen Stößen aufs neue durch das Gemach röchelte, wie das Stöhnen eines mit dem Tode Ringenden.
Es war totenstill im Hause. Niemand wagte es, auch nur das leiseste Geräusch zu machen ...
* * * * *
Plötzlich schlug drunten die Tür.
Ein hastiges Stimmengewirr, daß die Kranke aus ihren Kissen auffuhr, aber matt und kraftlos wieder zurücksank, bewußtlos.
Willy horchte.
War das nicht Mignon? ..
Jetzt hörte er seinen Namen.
Er eilte hinaus.
Das Mädchen suchte die Aufgeregte zu beschwichtigen, die sich den Eintritt zu dem Krankenzimmer erzwingen wollte.
Als Willy in der Tür erschien, riß sie sich los und stürzte ihm entgegen.
Sie zitterte am ganzen Leibe.
Er zog sie hastig in das erste Zimmer hinein. Allein sie entwand sich ihm und eilte weiter, durch das Boudoir in das Krankenzimmer.
Vor dem totenblassen Gesichte Frau Annas jedoch wich sie wieder zurück und warf sich in Willys Arme.
»Hilf mir, Will, hilf mir,« flehte sie fassungslos. »Sie haben mir wehren wollen, zu Dir zu kommen. Horch! wer kommt. -- Bitte, bitte ... mach' die Türen zu. -- Ich mußte zu Dir.«
»Komm, Mignon, komm'.«
Und er führte sie langsam in das kleine Zimmer, um die Mutter nicht zu stören.
»Aber Mignon, was ist denn? So sprich doch.«
Sie strich sich über das wirre Haar, in dem die Schneeflocken geschmolzen waren und wie Perlen hingen.
So wie sie gewesen, war sie durch das Schneetreiben geeilt.
Sie schmiegte sich an ihn, faßte nach seinem Kopfe, und in ihrer Herzensangst liebkoste sie ihn mit irrer, zitternder Hand; ohne zu wissen, was sie tat.
»Du verläßt mich nicht ... Ich bitte Dich, Will, Du verläßt mich nicht. -- Ich weiß nicht, was sie reden. Ich verstehe kein Wort mehr. Nur das ~eine~ fühle ich, daß sie Dich mir nehmen wollen ...«
Sie schmiegte sich fester an, und indem sie den Kopf an seine Brust legte und ihn mit beiden Armen umfaßte, flüsterte sie:
»Du hast mich noch immer lieb, Du behältst mich auch lieb, ja? -- Wer hat es mir denn eben gesagt, ich dürfe Dich nicht lieben? -- Du wärest mein Bruder, und deshalb ...«
Sie lachte wie gequält und stöhnte auf: