Chapter 7 of 13 · 3987 words · ~20 min read

Part 7

Nur achtete das junge Mädchen jetzt scharf auf, und sie begriff nicht, wie sie bis jetzt so blind hatte sein können. Sie fühlte jetzt die Beziehungen heraus bei jedem Worte, das Frau Anna mit ihrem Vater wechselte; jede Bewegung verriet es deutlich.

Und das schmerzte sie. Denn sie sah, wie die beiden noch immer zueinander standen, und sie sagte sich, daß dadurch der toten Mutter unrecht geschah.

Und dann fing sie an, eifersüchtig zu werden. Sie wollte den Vater einzig und allein für sich haben, aber täglich mußte sie empfinden, welch ein Anteil an Liebe ihr durch Anna Braun geschmälert wurde.

Willy ging zwischen ihnen wie mit geschlossenen Augen umher. Er ahnte nichts, er hatte kein Verständnis für die Blicke, die von einem zum andern flogen, er sah nicht gleich Mignon, daß in der Art, wie die beiden zum Beispiel sich die Hände gaben, mehr lag als eine einfache Begrüßung.

Ihn beschäftigten andere Gedanken und Empfindungen, seine Liebe zu Mignon.

Es war keine stürmisch sinnliche Neigung, kein knabenhaftes erstes Aufflammen des Herzens.

Unmerklich verkettete er sich ihrem Wesen mit täglich neuen Fäden fester und fester; ein tiefinnerliches Gefühl durchbebte ihn. Ihm schien, als habe sich sein Gesichtskreis erweitert, als sei er ein anderer geworden.

Ein einziges Wort, eine Bewegung konnte ihnen beiden das Blut in die Wangen treiben. Es entstanden in ihrer Unterhaltung jähe Stockungen, indem der eine ohne ersichtlichen Grund abbrach; es bemächtigte sich ihrer eine unerklärliche Unruhe zu Zeiten, wenn sie sich nur die Hände reichten.

Es war alles in Spannung, in erwartungsvollster Erregung, jeden Augenblick schien das entscheidende Wort fallen zu müssen; allein sobald sich eine leiseste Andeutung einschlich, tat der andere, als verstehe er sie nicht.

Die Morgenstunden hatten sie fast immer für sich allein gehabt. Meist benutzten sie die schönen Tage zu Spaziergängen in dem nahen Tiergarten. Ein paarmal begleitete Willy sie in die Stadt, und in dem wirren, sinnlos scheinenden Menschengewühl kamen sie sich wie verloren vor, wie vereinsamt; aber sie fühlten sich einander näher als je.

Eines Tages, kurze Zeit nachdem Mignon jene entscheidende Unterredung mit dem Vater gehabt hatte, wollten sie einen Spaziergang unternehmen, allein die Wege waren dermaßen ungangbar, daß sie bald umkehrten und heimgingen.

Sie betraten den Garten des Professors, wo auf den mit grobkörnigem gelben Kies bestreuten Wegen die Feuchtigkeit rasch in den Boden gezogen war.

Sie wollten zum Pavillon und mußten am Atelier vorbei. -- Die Tür stand weit offen, und die Portiere flatterte hin und her, daß man ganz in den hellen Innenraum sehen konnte.

Plötzlich blieb Willy stehen, und im nächsten Augenblicke wußte Mignon den Grund, weshalb er so bleich geworden war und seine Hände zitterten.

Auf dem Diwan saß Frau Anna Braun im Promenadenanzug, den Hut auf dem Kopfe, den Schirm in der Hand haltend, neben ihr der Professor, mit dem einen Knie sich auf das Sofa stützend, über sie gebeugt, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben, während sie ruhig lächelnd zu ihm aufschaute. --

Im nächsten Augenblicke schon hatte Mignon Willy am Arme gefaßt und fortgerissen.

Eine Sekunde lang schien ihm, als ob sich alles um ihn drehe, seine Finger griffen suchend in die Luft, dann gab er ihr wie willenlos nach.

»Komm!« flehte sie. »Komm! ...«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Ich bitte dich, Willy, so komm doch!«

Er hörte nicht, daß sie ihn in ihrer flehentlichen Bitte duzte, und er folgte ihr mechanisch, wie im Traume. Das Gefühl der Wirklichkeit war ihm abhanden gekommen, und er schien völlig willenlos zu sein.

Sie zog ihn durch den Garten bis zu dem chinesischen Pavillon.

Dann sah sie ihn angstvoll, in Erwartung an, daß er irgendein Wort sagen sollte; aber er schwieg, denn er konnte noch keinen klaren Gedanken fassen.

Er ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, legte die Arme auf den Tisch und stützte den Kopf auf die rechte Hand, während er die grüngestrichene Holzplatte anstarrte, von der in Blasen die Farbe geblättert war; dabei sah er, wie seltsam gezackt doch ein Ahornblatt aussah, das auf den Tisch geweht war, dieses breite, spatenförmige, spitzzackige Blatt mit totenhaft hellgelber Herbstfarbe.

Seine Mutter! ... Seine Mutter, die sich von einem Manne küssen ließ!

Es war ja Unsinn! Nur zum Lachen! -- Und er wollte auch lachen, aber es zwängte ihm die Kehle zusammen, und dann wußte er wieder nicht, ob es nicht alles nur ein Traum war.

Er blickte um sich: die halbkahlen Aeste der Bäume, durch die das Haus blickte; ihm gegenüber Mignon in ihrem dunkelbraunen Kleide und dem schwarzen Jackett, die ihn mit großen unruhigen Augen wirr anstarrte, ganz seltsam. Und das da .. das war das Atelier.

Plötzlich sprang er auf: er wollte wissen, ob er sich nicht getäuscht hatte.

Allein Mignon war ihm zuvorgekommen und schlang ihre Arme um ihn. Zum ersten Male lag sie fest an seiner Brust, und er wagte es nicht, sie abzuwehren.

Er blickte auf sie nieder, und das Gefühl stieg in ihm auf, wie schön sie doch war.

Er stand jetzt, ohne sich zu regen. Sie ließ ihn los und fragte dann mit zitternden Lippen:

»Wohin willst Du?«

Wie seltsam erregt ihre Stimme klang, und er wartete, daß sie noch etwas sagen würde, aber sie schwieg, und er las in ihren Augen eine hilflose Angst.

»Dorthin!« sagte er endlich.

»Was willst Du denn?«

Was wollte er? -- Diese Frage, so einfach sie war, machte ihn nüchtern und nahm ihm alle Energie.

»Was willst Du denn nur, Will?«

»Ja!« sagte er tonlos. »Du hast recht! ... was will ich? ...«

Er hatte sie losgelassen und strich sich über die Stirn und bedeckte dann die Augen, als wolle er von der Welt nichts mehr sehen.

Plötzlich brach er zusammen, legte die Arme auf die Lehne des Gartenstuhles und barg sein Gesicht.

Mignon beugte sich über ihn und legte die Hand auf seine Schulter, aber er rührte sich nicht, obgleich sie fühlte, wie ein verhaltenes Schluchzen ihn innerlich durchbebte.

»Will, so sei doch ruhig. Was ist denn geschehen? Aber so sag' doch nur, was ist ...«

»Meine Mutter!« stöhnte er, »meine Mutter! ..«

Sie nahm alle Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben.

»Was hast Du nur, Will? -- Vergißt Du, daß Deine Mama und père Jugendfreunde sind? Glaubst Du, daß Deine Mutter etwas Unrechtes tun kann?«

Sie wartete angstvoll, was er antworten würde.

Er griff nach ihren Händen und zog sie zu sich, tief aufatmend.

»Nein,« sagte er, »nein, Du hast recht, das glaube ich nicht. Und Du, Du mußt erst kommen, um mir das zu sagen. Siehst Du, ich war mit einem Male so ... ich wußte nicht mehr, was ich tat.«

Allein sie fühlte, daß er nur versuchte, sie zu beruhigen, und ihr kam ein Gedanke, blitzartig. Wenn sie ihm das sagte, mußte sie alles andere damit verwischen.

»Weißt Du, wer +père+ ist?«

Er sah sie erstaunt an, ohne sie zu verstehen.

»Er ist mein Vater!«

»Dein Vater, Mignon? ..«

Sie hatte recht vermutet. Es kam ihm so unerwartet, daß er die Szene darüber beinah vergaß, die er eben gesehen.

Sie war des Professors Tochter? ... Er konnte sich nicht gleich hineinfinden. Und als sie das sah, fing sie an zu sprechen, hastig, immer weiter, alles ... wie sie es vermutet hatte, bis sie endlich Gewißheit erhalten.

Sie stand dicht vor ihm. Er zog sie an sich, indem er den Arm um sie legte. Sie fuhr ihm im Erzählen langsam streichelnd über das Haar, bis daß er sie zu sich herabzog in seinen Arm.

Und während noch der bange Schreck ihn durchbebte, gestand er ihr endlich, wie sehr er sie liebe. Und diesesmal unterbrach sie ihn nicht. Sie schloß die Augen, und zu der Erregung, die sein Geständnis in ihr weckte, kam ein quellendes Frohgefühl, daß er darüber von seinem Verdachte abgelenkt wurde.

Sie hatten die Welt ringsum vergessen, sie lebten nur sich allein, einzig ihrer Liebe, und wortlos fanden sich zum ersten Male ihre Lippen.

Sie waren aufgestanden und wanderten Arm in Arm die schmalen Gartenwege hin, unter den herbstlich kahlen Zweigen. Und Mignon schmiegte sich an ihn, daß er alle Augenblick stehen blieb, um sie unter Schmeicheln an sich zu ziehen.

Zuweilen flogen ein paar Krähen über ihnen weg und ließen ihren rauhen, heiseren Schrei durch die Regenluft ertönen, sonst war es still um sie herum, als seien sie fern von allen Menschen, allein auf der Welt.

Dann aber mischte sich in ihr Liebesgetändel ernsthafte Ueberlegung. Sie wollten sich vorläufig niemandem verraten. Es hatte keinen Zweck, ihre Liebe zu gestehen, und in dem Geheimnis lag für sie beide noch ein ganz besonderer Reiz.

Noch einmal, ehe sie sich trennten, tauchte bei Willy der Argwohn auf; allein Mignon verstand es, ihm all diese Gedanken auszureden. Es fiel ihr nicht schwer, denn er war es gewöhnt, den Menschen rückhaltslos zu vertrauen. Es war ja seine angebetete Mutter und Mignons Vater. --

Als er heimkam, war die Mutter noch nicht zurück. Er stieg zum Vater hinauf und fand ihn droben, hilflos und verlassen, in seinem Fahrstuhle.

Die Glocke, die stets neben ihm auf dem Tische stand, war herabgefallen, und er hatte niemand rufen können. Willy fand ihn in halber Verzweiflung, stumpf vor sich hinbrütend, die Hände im Schoße gefaltet.

Er hatte gerufen, hatte seine Tasse an den Boden geworfen, daß die feinen Porzellanstücke überall zerstreut lagen; hatte mit einem der Stühle wie sonst wohl mit seinem Stocke versucht, auf den Fußboden zu stoßen, allein er hatte dabei nur den Stuhl umgeworfen, weil er nicht die Kraft hatte, ihn geschickt zu erheben.

Er atmete wie erlöst auf, als Willy erschien. Er hatte Durst und verlangte zu trinken, und dann sollte man ihn in das andere Zimmer schaffen, denn hier zog es, und die leichte Decke, die man ihm über die Knie gelegt hatte, genügte nicht. --

Und nun schalt er auf alle Welt, auf die Dienstboten, auf die Mutter und auf Willy. Wo war er denn gewesen? Als ob er ihm nicht einmal fünf Minuten am Tage schenken konnte. Dann hätte er überhaupt nicht herauszuziehen brauchen, und es war nur gut, daß das Semester jetzt wieder anfing. Für den Vater scheine er nichts mehr übrig zu haben ...

Dieser Vorwurf traf Willy schwer, und er bemühte sich eifrigst, den nörgelnden Kranken zu beruhigen. Allein seine Anstrengungen blieben lange erfolglos.

Er wurde erst stiller, als Willy ihn in das andere Zimmer hinübergefahren hatte und dann ein Gespräch mit ihm anknüpfte.

Aber während er sich mit dem Vater über einen naturwissenschaftlichen Versuch unterhielt, mußte er wieder an die Szene im Atelier denken.

Hier ein jammernder kranker Mann, und dort ...

Aber nein, es war ja nicht so. --

Ein Unrecht blieb es, ein Unrecht, daß sich ihm das Herz zusammenkrampfte, und das er der Mutter nicht verzeihen konnte. Wie konnte sie sich küssen lassen! ..

Und er hatte es gesehen, daß sie sich nicht im mindesten gewehrt hatte, und dann, ~wie~ sie zu jenem aufgeblickt hatte, -- indes sein armer Vater hier hilflos und verlassen saß. -- Ein unendliches Mitleid überkam ihn, wenn er das bedachte.

Er selbst hatte dem Vater nie recht nahe gestanden. Er achtete und ehrte ihn, aber eigentliche Kindesliebe hatte er nicht empfinden können. --

Länger als eine Stunde bemühte er sich schon um ihn, als die Mutter endlich heimkam, von Frau von Ruschwedel begleitet. Heute empfand Willy ihre ihm oft so lästige Gegenwart wie eine Erlösung, da sie ihm das Wiedersehen mit der Mutter erleichterte.

Schon nach wenigen Minuten brach die Frau Hauptmann auf, und die drei blieben allein.

»Du bist heute so still, Willy!«

»Ich .. still? -- O nein.«

»Ja doch! -- Du bist auch ein wenig bleich. Fehlt Dir etwas, mein Junge?«

Er schüttelte mit dem Kopfe.

Sie war zu ihm getreten, hatte den Arm um seine Schultern gelegt und sah ihm in die Augen.

Er war nahe daran, ihr mit einer unmutigen Geberde zu wehren. Nur mit Mühe bezwang er sich.

Aber allmählich, wie sie ihm schmeichelte, in ihrer Nähe, verflogen all die schwarzen Gedanken wieder, die in ihm aufgestiegen waren.

Mit ihrer Vorsorge beschämte sie ihn derart, daß er ihr am liebsten zu Füßen gefallen wäre, um sie wegen seines häßlichen Argwohns um Verzeihung zu bitten.

Er stand wieder ganz unter dem Einflusse, den sie auf ihn ausübte.

Nur das eine berührte ihn unangenehm, daß sie ihren Besuch bei dem Professor mit keinem Worte erwähnte, obgleich sie eingehend all ihre sonstigen Besorgungen aufzählte.

Allein er wollte dem Verdachte nicht Raum geben, und auch Mignon war eifrig bemüht, ihm die Gedanken zu widerlegen, wenn sie es auch selbst nicht mehr vermochte, Frau Braun so unbefangen wie früher entgegenzutreten.

Willy gegenüber verbarg sie ihre Unruhe und ihre Zweifel und suchte ihn von der Spur abzulenken.

Er klagte sich an, daß seine Liebe zu Mignon mit schuld daran sei, daß er die Mutter so verdächtigt habe.

Ihre Liebe zueinander hatte an Innigkeit durch all diese Vorgänge zugenommen, und ihre Stellung zueinander veränderte sich dadurch etwas, daß Mignon in Gegenwart von Frau Anna und ihres Vaters zu Willy gesagt hatte:

»Gehst Du mit in den Garten?«

Die beiden andern hatten es gehört, allein sie schwiegen, bis Willy kaum fünf Minuten später fragte:

»Soll ich Dir auch Dein Tuch holen, Mignon? Du erkältest Dich sonst.«

Diesesmal errötete Mignon.

Petri lachte und sagte:

»Ihr scheint ja endlich das Du eingeführt zu haben.«

»Oh nein!« versicherten beide eifrig.

»Laßt nur gut sein. Mir ist es nämlich ganz recht. Und wenn Sie auch damit einverstanden sind, gnädige Frau, dann lassen wir die beiden Brüderschaft schließen. Wenn jemandem das Du unwillkürlich auf die Zunge kommt, ist es Zeit, es offiziell einzuführen. Also wenn Ihr wollt ...«

»Gewiß, gern!« rief Willy.

Mignon nickte, als sei es ihr gleichgültig, und doch war sie froh, von diesem Zwange befreit zu sein.

»So ist's recht. Wie Bruder und Schwester wollt Ihr zusammen sein, nicht wahr?«

Frau Anna sagte kein Wort, allein sie war unruhig und sah den Professor fragend an.

Dann sagte sie fast unmutig:

»Müssen Sie denn immer gleich jeder Laune nachgeben?«

Er lachte nur und sagte:

»Ich finde es sehr nett, daß, wenn zwei Leute sich gern haben, sie auch Du zueinander sagen. Weshalb tut es nicht alle Welt? .. Es wäre viel gescheiter.«

Damit war die Sache erledigt.

11.

»Weißt Du denn, weshalb Frau von Ruschwedel immer so viel von ihrem Manne spricht?« fragte Mignon eines Tages im Laufe des Gespräches.

»Nun, weshalb?«

»Ich habe es von Minna, die heute ärgerlich war und ein paar Worte fallen ließ. Das haben wir beide gewiß nicht gedacht ...«

»Und?«

»Ihr Mann ist eifersüchtig gewesen auf einen jungen Leutnant seiner Kompagnie. Er hat ihn gefordert, und der Hauptmann ist in dem Duell gefallen. Ist das nicht schrecklich?! ...«

Willy antwortete nicht gleich. Er dachte zurück, bei welchen Gelegenheiten er mit ihr zusammengekommen war, und wie sie stets in überschwänglicher Weise von ihrem Gatten gesprochen hatte.

Jetzt schien ihm, als ob dieser seltsame Kultus eine Art von Sühne sein sollte, den er immer unangenehm empfunden hatte, weil es scheinbar absichtslos sein sollte und doch so aufdringlich geschah.

Die Mitteilung regte in ihm wieder Gedanken an über die Beziehungen des Professors zu seiner Mutter.

Es keimte in ihm langsam eine Abneigung gegen den alten Freund auf, die sich in Kleinigkeiten Luft zu machen suchte.

Er zog sich von Petri zurück, obgleich dieser ihm gerade jetzt ungemein herzlich entgegenkam. --

Lautner, der in der ganzen Zeit nur einmal draußen gewesen war, hatte es sofort entdeckt und suchte Willy auszuforschen. Allein es gelang ihm nicht, und er gab sich auch keine besondere Mühe, da er zu sehr mit einer eigenen großen Arbeit beschäftigt war.

Willys Abneigung wuchs mit jedem Tage, und sie war bald derart, daß er manchesmal brüsk das Zimmer verließ, wenn der Professor anwesend war.

So kam er aus einer fortwährenden seelischen Erregtheit nicht heraus. Er war reizbar nervös.

Ein rascher Stimmungswechsel machte sich bei ihm bemerkbar, unvermittelt sprang er im Gespräch von einem Gegenstande zum anderen über und faßte im Augenblicke Sympathien und Antipathien, ohne sich des Grundes klar werden zu können.

Die Liebe zu Mignon hatte große Schuld an diesem Zustande. Er mußte sie vor der Mutter verheimlichen, und zugleich quälte ihn der Zwiespalt, daß Mignon die Tochter des Mannes war, der ihn mit jedem Tage mehr erbitterte.

Dabei pries sie bei jeder Gelegenheit den Vater und brachte Willy durch ihre Bitten dahin, wenigstens äußerlich die alten Beziehungen zu erhalten.

Das Leben hatte ihn zum erstenmale rauh gestreift, und er konnte sich nicht so leicht in sein Traumland zurückfinden.

Es waren kaum vierzehn Tage vergangen, als sein eingeschlummerter Verdacht aufs neue geweckt wurde. --

Er kam aus der Stadt heim, wo er für die Mutter eine Besorgung ausgerichtet hatte.

Der Abend brach an, als er zurückkam. Die frostige Sonne war im Untergehen, und ihre matten herbstlichen Strahlen zitterten nur noch um die höchsten Spitzen der Bäume und die Dächer der Häuser und liehen einer breiten weißen Wolke am Rande einen leichten rötlichen Schimmer.

Er fand die Mutter nicht daheim. Das Mädchen meinte, die gnädige Frau sei zur Frau Hauptmann von Ruschwedel gegangen.

Diese Nachricht berührte Willy unangenehm, denn er hatte sie wiederholt gebeten, diesen Verkehr möglichst einzuschränken, vollends seit er die Mitteilung von Mignon hatte.

Es schien ihm, als vergebe sie sich damit an ihrem Stolze.

Er ging mit dem kleinen Pakete in das Zimmer der Mutter und legte es auf den Tisch, so daß sie es beim Heimkommen gleich finden mußte.

Dann setzte er sich in einen der seidenen Fauteuils und sah dem sterbenden Widerscheine der Sonne zu, die mit jedem Augenblicke mehr erblaßte.

Sein Blick flog durch das Zimmer.

Es war nicht groß, nur einfenstrig, und sah noch kleiner dadurch aus, daß es mit Luxusgegenständen aller Art überladen war, die trotz ihrer Verschiedenheit doch zu einem etwas bunten, aber harmonischen Ganzen vereinigt waren.

Will hatte es das Geschenkzimmer getauft, denn all die vielfachen Kunstgegenstände, die im Laufe der Zeit als Gaben bei festlichen Gelegenheiten in das Haus gekommen waren und keinen Platz an anderer Stelle finden konnten, hatten hier ihr Unterkommen.

Anna hielt sich gern in diesem kleinen Vorzimmer auf, einer Art Boudoir, und an dem zierlichen hellen Damenschreibtisch, der eine Fensterecke abschrägte, pflegte sie ihre Korrespondenz zu erledigen.

Am Boden lagen über dem großen Zimmerteppiche hie und da kleinere; vor dem Schreibtische breit ein weiches graues Bärenfell, und in den Zotten lag etwas vergraben, ein Stück zusammengefalteten Papieres.

Willy erhob sich, nahm es auf und setzte sich damit an den geschlossenen Schreibtisch.

Es war ein Brief auf gelbem, stark geripptem Papier, von dem ein leichter Duft von Heliotrop ausging, Heliotrop und Rosenholz.

Der Brief mußte alt sein, denn er war vielfach zusammengefaltet und an diesen Stellen brüchig geworden, und schon beim ersten flüchtigen Blicke sah man, daß die Tinte seit Jahren verblaßt war.

Will legte den Brief, der der Mutter entfallen sein mußte, vor sich hin, ohne ihn genauer zu betrachten. Dabei las er jedoch die Ueberschrift: Mein Herzlieb! --

Wer konnte das geschrieben haben? ..

Gewiß war es ein Brief aus ihrer Brautzeit. Er sah ihn an, ließ ihn aber ruhig liegen. Allein der Gedanke, von wem der Brief sein mochte, ließ ihn nicht los.

Er sah nach der Unterschrift, und im selben Augenblicke hatte er das Gefühl, daß nur dieser Name dort stehen konnte. Aber ein anderes erschreckte ihn: Dein Reinhold. Dieses Du und der Vorname. --

Dann fing er an zu lesen, ganz langsam, mit aller Mühe sich zwingend, um den Inhalt nicht rasch zu durchfliegen.

Dann las er ihn zum zweiten Male, und immer dabei der Gedanke: wann konnte dieser Brief, diese leidenschaftliche Klage, dieser brennende Zweifel an ihrer Liebe geschrieben sein? --

Kein Datum, keine Andeutung, wie er das Blatt auch drehen und wenden mochte.

Ein Geräusch im Nebenzimmer! ... Eiligst verbarg er den Brief in der Brusttasche und trat an das Fenster, als ob er bis jetzt hinausgesehen hätte in den schmucklosen Vorgarten, wo ein altes Weib die welken Blätter langsam träge zusammenfegte.

Es klopfte! -- Nur der Diener, der nach der gnädigen Frau fragte und einen Brief brachte, den ihm Willy abnahm und auf den Tisch legen wollte, als er die Handschrift des Professors erkannte.

Und jetzt war er allein, mit diesem neuen Briefe in der Hand, und die Versuchung trat an ihn heran, dieses Kuvert aufzureißen, um Gewißheit zu erlangen, um ein Ende seiner Zweifel zu finden.

Aber er fand doch nicht den Mut dazu. --

* * * * *

Er konnte nicht länger in dem Zimmer bleiben, sonst erbrach er doch noch das große Siegel, das er immer wieder auf das genaueste studierte, als ob er es in seinem Leben noch nicht gesehen hatte.

Auf der Schwelle zauderte er noch einmal, im Begriffe umzukehren. -- Dann ging er. --

Und wider seinen Willen, voller Furcht, was daraus entstehen konnte, trieb es ihn hinüber zu Petri; er mußte ihm entgegentreten.

Er fand ihn daheim, und freundlich lächelnd kam er ihm entgegen, schüttelte ihm die Hand und nannte ihn einmal über das andere: mein lieber Junge!

Wie er ihn so scherzen und plaudern hörte und seinen Blick voller Stolz jeder Bewegung Mignons folgen sah, da schien Willy der Gedanke so fremd, daß dieser Mann seine Mutter geliebt haben sollte, -- und daß er vor Jahren den Brief geschrieben hatte, den er jetzt an seiner Brust trug.

Wie, wenn er ihn jetzt hervorzog und ihn vor Petri hinlegte, mit der Frage, ob er das Schriftstück kenne?

Der Gedanke hatte etwas so Verführerisches an sich, er zerrte und lockte, daß es ihn reizte, es zu tun.

Allein er ward sich bewußt, daß dies Begehren ein krankhaftes sei, das ihm nichts nützen konnte.

Fräulein Minna rief den Professor ab, ein Herr wünsche ihn zu sprechen; und Will blieb mit Mignon allein. --

Ohne weitere Vorrede nahm Willy den gefundenen Brief und reichte ihn Mignon:

»Lies das einmal, bitte.«

Sie nahm den Brief, indem sie ihn verwundert ansah, und fing an zu lesen.

Schon nach den ersten Zeilen suchte sie nach der Unterschrift, und ein kurzer unterdrückter Laut des Erschreckens entfuhr ihr.

Dann las sie langsam, wie um Zeit zu gewinnen, und wartete, daß Willy, der wie bestätigend mit dem Kopfe genickt hatte, etwas sagen würde.

Sie ließ das Blatt sinken.

»Nun?« fragte er.

»Woher hast Du den Brief?«

Er berichtete, wie und wo er ihn gefunden hatte. Sie nickte nur. Dann sagte sie:

»Und was willst Du daraus schließen? -- Der Brief ist sehr alt. Sieh einmal die Schrift an. Ich glaube, der Brief ist geschrieben, ehe Deine Mama sich verheiratet hat, denn davon steht kein Wort in dem Briefe.«

Er nahm den Brief und sah ihn noch einmal wieder durch. Das war allerdings richtig.

»Es ist wohl möglich,« suchte er sich zu täuschen.

»Nein, ... es ~ist~ auch so!«

Und sie führte ihm alle Gründe an, leidenschaftlich erregt, daß er erstaunte: sich mit den Worten überhastend, weil sie nicht daran glaubte; weil sie nun wußte, daß ihr Vater immer nur diese Frau geliebt hatte und ihre eigene Mutter ihm daneben nie viel hatte gelten können.

Er hörte ihr zu und sog jedes Wort, das ihm seine Zweifel ausreden sollte, begierig ein; er versuchte es, sich alles so vorzustellen, wie sie es schilderte, -- allein im Innern nagte doch der Zweifel. Der blieb und marterte ihn unaufhörlich.

Seit er Mignon liebte, war er der Mutter viel fremder geworden, seitdem urteilte er, und es quälte ihn, daß er ein Geheimnis vor ihr haben mußte.

Und plötzlich kam ihm Mignon mit neuen Gründen. Was wollte er nur? -- Was stand denn in dem Briefe: eine leidenschaftliche Klage, daß sie ihn nicht liebe. Das war doch ganz deutlich: sie liebte ihn ~nicht~. Was für eine Schuld konnte ~sie~ also treffen? Oder wollte er es den Menschen gar verwehren, seine Mutter gern zu haben? --

Mit diesem neuen Gedanken suchte er sich zu beruhigen.

Und dabei schien ihm jetzt alles verzeihlich, und er begriff, seit er Mignon liebte. Seitdem verstand er erst, wie ein Mann einen solchen Brief schreiben konnte.