Part 2
Meist war sie so träge, daß selbst der neueste und spannendste Roman tagelang sich unaufgeschnitten umhertrieb, und das gelbe Buch, denn meist war es ein Franzose, wiederholt draußen im langen Grase gefunden wurde, manchmal von einem plötzlichen Regenschauer völlig wie in eine Schmutzmasse verwandelt. --
Willy kannte seine Mutter nicht anders, als daß sie ihre Zeit verträumte, und als er noch kleiner war, erzählte sie ihm ihre Träume; aber sie waren immer so seltsam phantastisch, daß er sie nie recht verstand, und immer, wenn sie eine Geschichte anfing, ward stets eine ganz andere daraus, mit ganz anderen, fremden Personen.
Wenn er sie dann erstaunt ansah, nahm sie ihn in die Arme, und lachend über sich selbst und seine fragenden Augen herzte und küßte sie ihn, bis auch er anfing zu jubeln, und dann wirbelte sie ihn übermütig durch das Zimmer, bis sie wieder müde geworden war.
Hie und da hatte sie wohl eine leichte Stickerei zur Hand genommen, aber niemals hatte er gesehen, daß eine dieser Arbeiten fertig geworden war.
Das dauerte oft Wochen und Monate, während deren sie sich in allen Ecken und Winkeln umhertrieben, bis sie zu schmutzig waren, als daß sie weiter daran arbeiten konnte.
Dann wurden sie fortgelegt oder beiseitegeworfen, und nach langer, langer Zeit ward eine neue angefangen, der es nach geraumer Weile nicht besser erging.
Willy hatte sich dermaßen daran gewöhnt, sie unbeschäftigt zu sehen, daß, wenn sie anfing zu arbeiten, er ihr lachend die Stickerei aus den Händen wand: sie sollte mit ihm plaudern und sich nicht ihre schönen, weißen Finger zerstechen. --
Als er auf die Universität und damit in neue, ihnen beiden ganz fremde Verhältnisse kam, fing er an, ihr alles zu erzählen, was sie nur irgend interessieren konnte; und alles interessierte sie, selbst die geringfügigste Kleinigkeit.
Er bemühte sich, ihr seine Bekannten, seine Lehrer zu schildern, und gewöhnte sich dabei, ihre Schwächen stets etwas zu karikieren, bis sie zu lachen anfing; dann erst war er zufrieden.
Er hörte sie so gern lachen; es klang so rein und hell, so kindlich vergnügt, daß es ihm die schönste Aufgabe schien, sie zum Lachen zu bringen.
Wo er ihr eine Freude bereiten konnte, tat er es.
Wenn er in diese lieben guten Augen sah, begriff er nicht, wie jemand ein böses Wort über die Frauen sagen konnte.
Jedenfalls war sein Mütterchen die edelste, liebste und beste Frau, die es auf der weiten Welt gab.
So leicht würde er Lautner nicht verzeihen, was er an jenem Tage gesagt hatte. Bei Gelegenheit wollte er ihm seine Meinung gründlichst sagen. --
Er war mit der Mutter in die Siegesallee eingebogen, und sie schritten jetzt der Tiergartenstraße zu. Dann ging er noch eine kleine Strecke mit den Tiergarten entlang und verließ sie vor der Gartentür einer der kleinen, in dichtem Grün versteckten Villen. Und während er zurückging, wandte er sich noch ein paarmal, bis daß sie durch den Vorgarten schreitend in dem Häuschen verschwunden war.
Dann ging er schneller, aber mit ihm gingen die Gedanken an sein Mütterchen, deren Bild ihn keinen Augenblick verließ; sein ganzes Leben, das bis jetzt noch immer keinen rechten Zweck hatte, ging auf in der Liebe zu diesem, für ihn edelsten und reinsten Wesen, das seine Mutter war.
3.
Lautner hatte sich von Wurm verabschiedet, und da er mit seiner Zeit heute nichts anzufangen wußte, ging er langsam schlendernd und sinnend wieder die Linden zurück dem Brandenburger Tore zu.
Sein angefangenes Bild beschäftigte ihn vollauf. Ob er die Kraft hatte, es zu vollenden, -- ob er es annähernd so ausführen konnte, wie er es lebendig vor sich sah?
Wenn es ihm gelang, dann war alles gewonnen. Dann brauchte er sich nicht mehr mit dem Jahrmarktströdel der auf Bestellung gelieferten Salonbilderchen abzugeben.
Am meisten jedoch dachte er daran, welch eine Freude er seiner alten Mutter machen würde, und nur das eine wieder stimmte ihn trübe, daß ihre Augen mit jedem Tage schwächer wurden, so daß sie kaum mehr arbeiten konnte und ihr Sticken hatte ganz aufgeben müssen. Das und vieles Weinen hatte ihre Augen verdorben. Es war so arg geworden, daß er ihr am Morgen die Zeitung vorlesen mußte, weil ihr die Zeilen ineinander liefen.
War es nicht eine bittere Ironie, daß, während er sich bemühte, die leuchtendste Farbenpracht auf seine Leinewand zu bannen, die Mutter immer weniger imstande war, seine Kunst zu genießen?
Das fraß an ihm, und er war doch machtlos.
Der Arzt hatte ihm erklärt, daß es Altersschwäche sei, gegen die es kein Mittel gäbe. Er mußte sich also in das Unvermeidliche fügen. --
Die Hände in die Taschen des Jacketts versenkt, weil er niemals Stock oder Schirm trug, ging er gemächlich dahin, aufmerksam rings beobachtend.
So bemerkte er nicht, wie jemand eine Weile hinter ihm herging und ihn dann endlich auf die Schulter klopfte.
Er drehte sich rasch um. Es war Professor Petri, der lachend vor ihm stand und nun seinen Arm nahm.
»Kommen Sie mit, Lautner. Ich habe mich mit Willy verabredet zu Gurlitt. Sie gehen doch mit? Wir essen nachher zusammen, wo Sie wollen, wenn Sie sonst nichts vorhaben.«
»Nein! Das paßt mir ganz gut. Ich bin eine ziemliche Weile nicht dagewesen.«
»Also gehen wir langsam hin.«
Reinhold Petri mochte etwa in den vierziger Jahren sein. Das dunkle, kurzgelockte Haar war stark in Grau übergegangen, allein es sah aus, als ob dies von Anfang an die Naturfarbe gewesen sei.
Ein starker Bart mit links und rechts tief herabhängendem Schnurrbart bedeckte das Kinn und ließ nur manchmal die etwas zu breiten Lippen sehen.
Die Augen waren stahlgrau und scharf durchdringend. Gewöhnlich etwas kalt, fast stechend, von starken, fast borstigen Wimpern überschattet und mit breiten energischen Brauen.
Das ganze Gesicht war durch Alter etwas hängend und leicht gedunsen, allein die scharfe energische Nase verwischte diesen Eindruck wieder.
Der Kopf mit der hohen, beinah viereckigen Stirn wirkte beim ersten Blick sympathisch gewinnend, und in den scharfen Zügen lag viel Geist.
Es war eins jener Gesichter, die so frappant sind, daß man sie nicht wieder vergißt, deren Ausdruck sich voll mit der Persönlichkeit deckt; aus denen man schwer etwas erraten kann, aber stets geneigt ist, in ihnen alles zu finden, was man über den Betreffenden erfahren hat.
Es lag Zielbewußtsein in seinem Auftreten, in der straffen Haltung seines mächtigen, breitschultrigen Körpers.
Das Seltsame dabei war, daß seine Arbeiten, so groß sie angelegt sein mochten, stets an einem Zuge zur Zierlichkeit krankten und seine kleineren Statuetten mehr Boudoirnippes glichen als selbständigen Schöpfungen eines großen Bildhauers.
Es lag ein französisch leichtfertiger Zug in seinen Figuren, der nur zu oft die einheitliche Wirkung störte. --
Lautner hatte eine Zeitlang unter ihm gearbeitet. Allein, nachdem er in die Geheimnisse des Modellierens einigermaßen eingedrungen war, ließ er davon ab und griff wieder zu Pinsel und Palette. Die Farbe interessierte ihn doch mehr als die Form.
* * * * *
Als sie bei Gurlitt eintraten, fanden sie Willy Braun schon anwesend, der vor einer norwegischen Landschaft stand, deren üppiger Goldton ihn begeisterte.
Lautner zuckte nur die Achseln und suchte nach irgendeinem Bilde, das seiner Geschmacksrichtung besser entsprach, aber er fand nichts Gescheites.
Er war nicht einmal dazu aufgelegt, seine gewohnheitsmäßigen ironischen Bemerkungen zu machen, zumal er wußte, daß Reinhold Petri sie ihm oft genug verargte.
Nur im großen Saale versetzten ihn ein paar originell sein sollende +Plein-air+-Bilder in wilden Zorn, weil sie so gar keinen Inhalt hatten.
»Ich glaube, allmählich könnten wir gehen,« sagte er endlich, müde von dem nutzlosen Herumstehen.
»Einen Augenblick noch. Dieser Bronzekopf interessiert mich zu sehr.«
»Kommst Du nachher mit zu mir, Lautner?« fragte Willy.
»Gewiß, gern. Ich habe nichts vor.«
»So, jetzt wäre ich fertig. Wenn ihr also mit zum Pschorr wollt, so können wir dort essen.«
* * * * *
Nach Tisch ließ der Professor die beiden jungen Leute allein, die zu Braun gingen, der seit einiger Zeit in der Mauerstraße seine Wohnung hatte, um nicht beständig den Weg nach Charlottenburg machen zu müssen.
Sie sprachen über Reinhold Petri, der eben ein neues Werk vollendet hatte, das sich noch im Atelier befand, aber in den nächsten Tagen ausgestellt werden sollte.
Willy stand, trotzdem er über das Sie und das Herr nie hinausgekommen war, mit ihm auf vertrautem Fuße. Oft, wenn ihn irgend etwas bedrückte, wenn er in irgendeiner Angelegenheit einen Rat haben wollte, wandte er sich, ehe er der Mutter die letzte Entscheidung überließ, an Petri, zu dem er viel Vertrauen besaß.
Sie ließen es sich beide nach außen hin nicht anmerken, wie vertraut sie im Grunde waren. Wenn Willy in Charlottenburg war, in den Ferien, so machten sie gemeinsam die ausgedehntesten Spaziergänge.
In den letzten Tagen war der Professor nervös erregt gewesen, wie jedesmal, wenn er mit einem neuen Werke an die Oeffentlichkeit trat.
Eine Ruhelosigkeit ohnegleichen marterte ihn; er konnte vor allem keinen Augenblick allein sein.
Jetzt hatte er die beiden jungen Leute nur verlassen, weil er selbst den Transport seiner Gruppe anordnen und überwachen wollte. --
Sie waren vor dem Hause der Mauerstraße angelangt und stiegen die helle Treppe zu Brauns in der ersten Etage gelegenen, aus drei Zimmern bestehenden Wohnung hinauf, über die sich Lautner jedesmal aufs neue ärgerte, weil sie, wie er behauptete, mit geradezu geschmackloser Protzigkeit eingerichtet war.
»Natürlich, die Martha!« sagte Lautner, als sie auf den Korridor traten und in demselben Augenblicke eine Tür geöffnet wurde und ein blonder Mädchenkopf sich zeigte.
»Du, das Mädel ist, glaub' ich, in Dich verliebt, Will. Sie muß immer herausgucken. Na, deshalb brauchst Du nicht gleich rot zu werden.«
»Ich bitte Dich, Fritz.«
»Na laß doch. Du kannst ja nichts dazu, das weiß ich. Ich glaube, ehe Du mal ein nettes Wort zu einem hübschen Kinde sagst, muß die Welt untergehen. In der Beziehung bin ich nun gerade kein Unmensch.«
Er hatte es sich in einem Ledersessel bequem gemacht und betrachtete eifrig die Titel der in den Repositorien stehenden Bücher. Es war so behaglich in den hübsch ausgestatteten Räumen, daß er gern ein Stündchen hier mit Braun verplauderte.
»Uebrigens, Will, Du hast mir immer mal versprochen, zu uns heraufzukommen. Ich habe meiner Mutter so viel von Dir erzählt, daß sie ganz neugierig geworden ist. Dafür mache ich Dir dann mit Würmchen am nächsten Sonntag in Eurer Villa Gegenbesuch, wenn Dir die Zeit paßt.«
»Aber sehr gern.«
»Weißt Du, so nett wie bei Dir findest Du es nun nicht bei uns. Hinterhaus drei Treppen, wegen des Ateliers. Und das ist auch danach, klein und scheußlich einfach, vier kahle Wände, das ist alles.«
Dann fuhr er mit wohltuender Wärme fort:
»Aber dafür ist eins darin, und das weißt Du ja zu würdigen: Du mußt meine Mutter mal kennen lernen, 'ne einfache, alte Frau natürlich, recht alt sogar, aber darauf siehst Du hoffentlich nicht so sehr.«
»Ich habe nichts mehr zu tun, wenn wir also ...«
»Aber mit dem größten Vergnügen, lieber Junge. Je unerwarteter, desto besser.«
Sie brachen wieder auf und gingen nach Moabit hinaus. --
* * * * *
Ein großes graues Vorderhaus, dann ein völlig verwahrloster Garten und hinten ein kleines, aber hohes Hintergebäude.
Die Treppen waren schmal und ausgetreten. An den Wänden blätterte der Kalk ab, und Braun war froh, als sie endlich die Treppen hinauf waren und nun in ein paar Stübchen kamen, mit gescheuerten schneeweißen Fußböden. Alles so peinlich sauber. Der einfachste Hausrat von der Welt; aber diese Einfachheit atmete eine wohltuende Gemütlichkeit, die auch den verwöhnten Willy Braun bestach.
Die alte Frau Lautner kam aus der Küche herbei. Sie hatte sich schnell eine saubere Schürze umgebunden. Es war alles an ihr so sicher und ruhig; sie kam dem jungen Manne höflich, aber doch mit einer gewissen überlegenen Herzlichkeit entgegen, daß er fast zwei Stunden mit dieser einfachen Frau verplauderte, nachdem er anfangs nur mitgekommen war, um dem Freunde gegenüber einer Anstandspflicht zu genügen.
Zum ersten Male erkannte er, wie weich Lautners Stimme klingen konnte, wenn er »Mütterchen!« sagte; wie verändert er schien, der ihn sonst mit seinen kalten Urteilen so oft erbittert hatte.
Er schien hier ein ganz anderer Mensch zu sein, und erst, als er ihn dann in sein Atelier führte, eine Art Bodenkammer, abgeschrägt, aber fast blendend hell, und als er ihm einige Farbenskizzen zeigte, hastig hingeworfen, gleichsam dem Leben entrissen, da war er wieder der alte Skeptiker, der sich selbst mit der schärfsten Ironie beurteilte, so daß Braun fast drängte, fortzukommen, nur um sich den guten Eindruck zu bewahren, den er heute von ihm durch sein Verhalten der Mutter gegenüber empfangen hatte.
4.
Ein schweres Abendgewitter war über Berlin niedergegangen. Die Blitze hatten den dichten grauen Dunstschleier, der ewig drückend schwer über der gewaltigen Häusermasse lagerte, zerrissen, bis die stürzende Regenflut ihn völlig durchschlagen hatte.
Endlose Ströme stürzten prasselnd vom eintönig grauen Himmel und überschwemmten alle Straßen, Plätze und Trottoirs. Im Augenblicke waren die Fassaden der Häuser von dem feinen grauen Staube reingewaschen, der sich in den letzten, übermäßig heißen und ganz windstillen Tagen darauf gelagert hatte. Der Schmutz von den Steinen, dem Asphalt und den Holzblöcken des Pflasters wurde in die Straßenrinnen geschwemmt, wo er wie eine tintenartige Masse langsam den gurgelnden und schluckenden Kanalöffnungen zutrieb, um in der Erde zu verschwinden.
Als sei eine Wolkenmauer geborsten, so rauschten die Regengüsse nieder. Der Wind trieb die dicken Tropfen gegen die Scheiben der Fenster und jagte breite Wolken von Sprühregen wie Wellen über das glatte Pflaster der menschenleeren Straßen.
Ueberfüllte Straßenbahnwagen fuhren in gleichmäßigen Pausen die unter Wasser stehenden Schienen hin; einzelne hastende Droschken jagten in eiligem Trabe unter dem Regen durch, der Kutscher mit vorgebeugtem Nacken, den Wachstuchzylinder tief in die Stirn gedrückt und den weiten Mantel fest um die Schultern ziehend.
Unter allen Torwegen und in jedem offenen Hausflur standen Spaziergänger und unruhige Geschäftsleute, eng zusammengepfercht, mit ihren tropfenden Schirmen und dampfenden Kleidern, -- und zogen sich tiefer in den Hausflur zurück, wenn der heimtückische Wind plötzlich seinen feinen durchdringenden Sprühregen in den Torbogen warf.
Die dicken klatschenden Tropfen, die fast silbern, wie zerplatzende Hagelschlossen aussahen, fielen nicht mehr. Allmählich ging der Wolkenbruch in einen gleichmäßig feinen Landregen über, der alles mit seinen dunstigen Nebelschleiern umhüllte. --
Willy Braun hatte den dicken Band, in dem er geblättert, niedergelegt, weil die Dunkelheit immer stärker ward, und blickte jetzt in den Regen hinaus in die einsame Mauerstraße, wo kein menschliches Wesen zu erblicken war.
Vor den beiden Fenstern des Wohnzimmers befand sich ein Balkon, und von dem kleineren der zweiten Etage stürzte hier der Regen herab, daß die Wasserfluten in das Zimmer einzudringen drohten, dies große, elegant eingerichtete Gemach, das so gar keine Aehnlichkeit hatte mit den bescheidenen Studentenbuden seiner Kommilitonen hoch im Norden oder Nordwesten der Stadt, jenen bescheidenen, engen und meist kahlen vier Wänden, in denen sie zu seinem Entsetzen hausen mußten.
Seit dem ersten Semester, das er an der Universität Jura studierte, hatte er diese aus drei Zimmern bestehende Wohnung inne. --
Es klopfte an der Tür.
Er drehte sich um, und seine Wirtstochter fragte fast scheu, als ob sie sich nicht traue, hereinzukommen:
»Soll ich auch die Lampe bringen, Herr Braun?«
Er warf einen Blick auf die Straße und dann einen auf die zierliche Bouleuhr auf dem Kaminsims, die dreiviertel sieben zeigte -- dann erst sagte er:
»Bringen Sie nur, Fräulein Martha, -- aber anzünden brauchen Sie sie nicht gleich.«
Sie huschte hinaus, kam nach einer Weile mit der Lampe wieder und sah sich ratlos im Zimmer um, denn der Tisch war ganz mit Büchern bedeckt.
»Nur auf den Schreibtisch, bitte.«
Er hatte sich wieder an das Fenster gestellt und sah, wie zuweilen ein ferner Blitz über den jenseitigen Häusern aufzuckte und das Zimmer leicht erhellte, dann herrschte wieder eintönige, farblose Dämmerung.
Am Himmel trieben einzelne Wolkenfetzen, und der Regen ließ sichtbar nach; nur zuweilen verschlimmerte sich stoßweise dieser prickelnde Sprühregen, der so fein rieselte, daß man glauben konnte, er habe ganz aufgehört.
Willy bemerkte bei seinen Beobachtungen gar nicht, wie sich Martha noch immer im Zimmer zu schaffen machte.
Er hatte in all der Zeit, daß er bei dem Registrator Kuhlemann wohnte, kaum ein Auge gehabt für die hübsche achtzehnjährige Martha, mit ihren reichen blonden Haaren und diesem bescheidenen Wesen, das so gar nicht zu dem der anderen Mädchen paßte. Er hatte es nie bemerkt, daß sie alles tat, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, daß sie stets alles selbst besorgte, wenn er irgend etwas wünschte, so daß er das Dienstmädchen, das die Familie hatte, kaum zu Gesicht bekam.
Er war freundlich gegen sie, aber nie sagte er ein Wort mehr als nötig; nie machte er auch nur den Versuch, mit ihr, die so gern schwatzte, zu plaudern.
Ein paarmal hatte sie ihn um ein Buch zum Lesen bitten wollen, das ihr beim Aufräumen aufgefallen war, allein wenn sie den Entschluß noch so fest vorhatte, traute sie sich im entscheidenden Augenblicke doch nicht mehr, weil er immer so ernst und schweigsam war.
All das diente nur dazu, ihre Neigung mehr und mehr zu vertiefen, sie aber auch im gleichen Maße geheim zu halten.
Sie rückte jetzt an einer Vase und ordnete das Bukett darin, dann wischte sie über den Deckel des Pianos, warf noch einen Blick auf den am Fenster stehenden jungen Mann, der ihr achtlos den Rücken kehrte, und entschloß sich endlich, mit einem leisen »Guten Abend!« das Zimmer zu verlassen.
Er hatte kaum mehr daran gedacht, daß sie noch da war, denn seine Gedanken waren schon draußen in Charlottenburg, in der kleinen Villa der Sophienstraße, wo heute seine Mama ihren achtunddreißigsten Geburtstag feierte, seine junge, schöne Mama, wie er sie liebkosend so gern nannte, die er fast vergötterte, und auf die er so stolz war, wenn er an ihrer Seite ging oder mit ihr ausfuhr, und alle Welt sich nach ihnen umsah.
Denn sie fiel auf mit ihrer Schönheit, die etwas mädchenhaft Eigenartiges hatte.
Diese Feinheit ihres Profils hatte sich auch auf ihn übertragen; er hatte dasselbe hellbraune Haar, dieselben dunklen Augen, und trotz seines kräftigen Körperbaus etwas Weiches, fast Zartes, daß man sofort erkannte, wie er von einer Frau, und ~nur~ von einer Frau großgezogen war und von der Welt nichts wußte, nicht viel mehr als ein verzärteltes Haustöchterchen.
Das zeigte sich auch in seinem Anzuge, eine Sauberkeit und Nettigkeit wie die eines Pensionsfräuleins, das nicht das kleinste Fleckchen oder Stäubchen an sich duldet. --
Er kannte nur seine Mutter. Eine seltsame Neigung zog ihn zu dem spöttischen Maler und dem so überschwänglichen Wurm. Sonst hatte er keinen Freund. Und auch Frauen kannte er nicht. Seine Mutter war die einzige, die Bedeutung für ihn hatte, auf die er all seine Liebe übertrug, eine blinde, rückhaltlose Verehrung wie für eine Heilige.
Heute in aller Frühe schon war er draußen gewesen, um ihr seine Glückwünsche zu überbringen.
Er hatte sie in dem großen, immer so sorgfältig gepflegten Garten getroffen, wo sie ihn erwartete; denn sie wußte, daß er kommen würde.
Im vorigen Jahre war er noch ganz zu Haus gewesen. Zum ersten Male war er jetzt fern. Er wollte arbeiten, und dazu kam er daheim nicht. Denn immer gab es etwas für die Mutter zu tun; gleich war er mit einer Frage bei der Hand, ob er ihr nicht irgendwie behilflich sein konnte oder auch nur ihr Gesellschaft leisten sollte, wenn der Vater wieder einen seiner Schmerzensanfälle hatte und der sie nicht um sich duldete, weil er wußte, wie peinlich es ihr war, weil sie dann wieder für einige Tage an ihrer Nervosität zu leiden hatte. --
In ihrem lichten Morgenkleide hatte sie auf der kleinen, dicht an der Gartenmauer gelegenen Anhöhe gestanden, von wo aus man die Straße ganz hinuntersehen konnte.
Er war auf sie zugeeilt und hatte sie in seine starken Arme genommen, als wollte er sie zerdrücken, daß sie ihm lachend wehren mußte.
Sie hatte die weißen Kamelien leidenschaftlich gern, und so hatte er ihr auch schon heute früh ein großes Bukett gebracht, und für heute abend war ein gleiches, noch schöneres bei Schmidt bestellt.
Er sah in Gedanken ihr liebes, freudiges Gesicht, und wie sie ihn schelten würde, daß er ein Verschwender sei; und doch würde sie ihm für seine Verschwendung so gut sein, daß er schon jetzt die Freude durchkostete, ihr einen Wunsch erfüllen zu können. --
Es regnete noch immer, aber jetzt ganz fein. Das Gewitter hatte sich verzogen, und er entschloß sich, fortzugehen.
Rasch vertauschte er die braune Joppe mit dem Gesellschaftsrocke, warf den hellen Ueberzieher um die Schultern, steckte noch einen Brief an einen auswärtigen Freund in die Brusttasche und verließ das jetzt ganz dunkle Zimmer.
Als er die Korridortür öffnete, rief ihn Martha an, ob er heute heimkommen oder draußen bleiben würde.
Nein, -- er kam nach Hause.
Regelmäßig hatte sie eine derartige Frage, wenn er fortging, und er sah darin nichts anderes als eine liebenswürdige Vorsorglichkeit, während es doch von ihr nichts war als das Bestreben, ihn auf sich aufmerksam zu machen.
Er achtete nicht darauf; er dachte nicht im entferntesten an sie, die ihm vom Fenster aus nachsah, bis er in dem Torbogen der kleinen Mauerstraße verschwand, die er, ohne sich zu beeilen, durchschritt und dann langsam in die Linden einbog.
Ein feiner Dämmerungsschleier lag über den schon herbstlich gelb gefärbten Bäumen.
Der Fahrdamm war von Fuhrwerken aller Art belebt. Auf dem Trottoir nur wenige Menschen, die mit aufgespannten Schirmen sich eilends an den Häusern hindrückten.
Willy trat in den Blumenladen von Schmidt ein. Der bittere, sinnverwirrende, schwüle Blütenduft, der hier hing, betäubte ihn fast, während draußen die Luft vom Gewitter gereinigt war.
Er lächelte dem bleichsüchtigen Ladenmädchen zu, das ihm die Blumen fürsorglich in buntgestreiftes Seidenpapier einschlug.
Dann nahm er das Bukett vorsichtig unter den Schirm und trat wieder hinaus in den Regen, der mehr und mehr nachließ. --
Gleichmäßig plätscherten auf dem Pariser Platze im Regen die beiden Fontänen.
Vor der Wache des Brandenburger Tores standen zwischen den Säulen einige Soldaten und sahen gelangweilt vor sich hin. Unbeweglich stand der Posten da, unbekümmert um den Regen, trotzdem seine weiße Hose naß und grau geworden war und anklebte. Er wartete stoisch auf die Ablösungsstunde.
Von den Bäumen des Tiergartens klatschten dichte Tropfen; zuweilen schüttelten sich die nassen Zweige und ein Regenschauer prasselte nieder, der heftig auf seinen aufgespannten Schirm trommelte, während er, die Bahn erwartend, am Waldsaume auf und ab ging.
Der Wagen war ziemlich leer, und er setzte sich gegen alle Gewohnheit in das Innere, wo eine drückende, dumpfe Luft herrschte, daß er das Fenster hinter sich öffnen mußte.
Ein feuchtschwerer Duft wogte aus dem Walde her. Nebelhaft schien er dem feuchten Boden zu entquillen.
Zuweilen hörte man, wie das Wasser unter den Rädern aufrauschte. Oder der Nachregen stürzte von den Bäumen.
Manchmal flammte es in der Ferne auf, schwach und ersterbend.
Der Wagen schwankte und stieß, und Willy war froh, als er endlich aus dem Tiergarten heraus war, unter dem Eisenbogen der Stadtbahn durchfuhr, über den schmutzigen Spreekanal, -- dann links der breite Sandsteinbau der Technischen Hochschule, und endlich war er am Ziele.
Er mußte mit seinem großen, ihn hindernden Bukett über ein paar breite Pfützen springen, dann überschritt er die Allee und bog in die enge Sophienstraße ein.
Die Fenster der kleinen Villa waren weit geöffnet; aus der ersten Etage, durch die hin- und herflatternden Vorhänge strömte eine drängende Lichtfülle.
An dem einen Fenster waren die Vorhänge weit zurückgeschlagen, und als die Gittertür ins Schloß fiel, sah er, daß dort oben sich jemand bewegte. Er erkannte die Gestalt.
Es war seine Mutter, seine geliebte, angebetete Mutter.
Sie grüßte und winkte, und er lächelte und winkte hinauf, und dann stürmte er fast über den Kiesweg und die breite Steintreppe hinauf, zu ihr ... seiner Mutter. --
5.
Will hatte kaum den Fuß auf die unterste Stufe der hellerleuchteten Treppe gesetzt, als sich droben eine Tür öffnete und die Mutter ihm entgegenkam, lächelnd und freudestrahlend, und ihn in das kleine Vorzimmer zum Salon zog. Ein schmaler, einfenstriger Raum, der zu einer Art Toilettenzimmer umgewandelt war.