Chapter 13 of 13 · 2480 words · ~12 min read

Part 13

»Es ist ja nicht wahr! ... Wie soll denn das sein? -- Nicht wahr, es ist nicht möglich! Sie sagen das alles nur, weil sie uns trennen wollen; aber sie werden es ~doch~ nicht können. -- Es ist nicht so, -- sag' mir doch, daß es ~nicht~ so ist! ... Ich werde ja sonst wahnsinnig! ... Ich weiß nicht mehr, was ich sage, was ich tue ...«

»Mignon, ich bitte Dich, werde doch ruhig.«

Sie machte sich halb von ihm los, ängstlich, und lauschte.

»Horch, es kommt jemand ...«

»Nein, Mignon, es kommt niemand.«

»Dulde es nicht, dulde es nicht, Will. Sie haben mich nicht fortlassen wollen, Minna nicht und Vater. Ich bin ihnen doch entwischt. Sie kommen ja doch und wollen mich holen ...«

»Aber Mignon, es will Dir niemand etwas zuleide tun.«

»Wie gut Du bist, wie gut! Nein, ~Du~ leidest es nicht. -- Mein Kopf tut mir ja so weh ... Weshalb haben sie das nur gesagt? Es ist so schlecht von ihnen. Ach Will ... Will! ..«

Ihr erregtes, fahriges Wesen erschreckte ihn, ihre Augen suchten im Zimmer umher, und dabei schien sie angespannt zu lauschen.

Jetzt ging drunten wieder die Tür.

Die Stimme kannten sie beide.

Sie fragte nach Mignon.

Dann hörten sie hastige, suchende Schritte.

Sie wollte aufspringen, allein er hielt sie, so daß sie beide fast über einen umgeschlagenen Teppich zu Boden gestürzt wären.

Aber er hielt sie. --

Dann wurde die Tür ungestüm aufgerissen, und nun standen sie sich gegenüber ...

Einen Augenblick kochte es in ihm. Unwillkürlich ballten sich seine Fäuste.

Es war, als ob er sich auf ihn stürzen wollte.

Einen Augenblick nur, eine Bewegung des Schreckens, der instinktiven Abwehr.

Aber Mignon hatte die Bewegung gesehen.

Sie riß sich von ihm los und warf sich an die Brust ihres Vaters, der sie beim Namen gerufen hatte, warf sich ihm mit heftiger Geberde entgegen, als wolle sie ihn vor einer drohenden Gefahr schützen. --

Die beiden Männer sahen sich an, und sie wußten ohne ein Wort, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten ...

Petri sah es an Willys Augen, daß es kein Geheimnis mehr zwischen ihnen gab.

An ihm vorüber sah er durch die offene Tür in das Halbdunkel des Krankenzimmers und sah, während er sein Kind fester an sich preßte, als ob die Kranke sich aufrichte.

Wie Todfeinde hatten sie sich gegenüber gestanden, Auge in Auge, und hielten stumme Abrechnung miteinander.

Dann streckte der Mann seine Hand vor, suchend, tastend, sein ganzes Wesen schien sich zu ändern, er stand da wie ein Bittender, und indem er auf das Kind niedersah, das er mit dem andern Arm umschloß, sagte er leise:

»Willy! ..«

Aber der wehrte ihm, und als ob jener zu der Mutter eindringen könne, stellte er sich vor die offene Pforte, wie zum äußersten entschlossen.

»Nein! ... Nein! ...«

Er knirschte es zwischen den Zähnen durch, fast unhörbar.

Aber der andere hörte es, und er wußte, daß er in diesem Augenblicke nichts gegen dieses harte, unerbittliche Nein! vermochte.

Er gab es auf zu bitten, denn er fühlte, wie ihm Mignon schwer und schwerer im Arm hing.

Mit einem letzten, Versöhnung suchenden Blicke hob er sein Kind auf, das besinnungslos in seinem Arm lag, und trug es hinaus in den Schnee, -- aus dem Hause, aus dem ihn sein Sohn hinauswies ...

Er hatte kein Recht, ihm zu trotzen, jetzt nicht; er konnte nur als ein Bittender wiederkehren, und er wußte, daß Bitten hier jetzt kein Gehör finden konnten.

Willy stand noch immer vor der Tür, trotzig abwehrend, daß seiner Mutter niemand nahe kommen sollte.

Dann aber löste sich die Erbitterung in ihm.

Um seiner ~Schwester~ willen! --

Er wandte sich der Mutter zu.

Wie gebrochen sank er an ihrem Lager nieder und griff nach der Hand, die so matt und lässig herabhing.

Dann -- als stocke ihm das Blut für einen Augenblick ...

Das war ja kein Leben mehr ...

Das war der Tod, der heimlich gekommen war, der sich hinterrücks eingeschlichen und ihm das Liebste geraubt hatte, was er je besessen.

Und voller Entsetzen wich er zurück. --

Er hatte den Tod noch nie gesehen, und er mußte immer in dieses bleiche, kalte Gesicht starren, in diese halbgeöffneten Augen mit dem gebrochenen Blicke, die er ihr nicht zu schließen wagte.

Ihm graute vor dem Tode.

Und das Entsetzen war so übermächtig lähmend, daß der Schmerz nicht in ihm aufkommen konnte. --

21.

Er war wie gelähmt; allein endlich hatte er es doch über das Herz gebracht, ihr den letzten Liebesdienst zu erweisen.

Dann, ohne den Mut zu finden, es den andern zu sagen, setzte er sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und schluchzte auf in wilder, endloser Qual.

Noch lag Haß in seinem Herzen gegen den Mann, der eben hier eingedrungen war, den er von der Schwelle des Zimmers hatte fortweisen müssen.

Er war es ja gewesen, der ihm alles geraubt hatte, seinen Glauben, seine Liebe; so daß der Tod ihn jetzt nicht mit Schmerz, sondern nur mit Entsetzen erfüllen konnte, daß er ihn fast wie eine Erlösung willkommen hieß. --

Hinter seinem Rücken hatte sich der Tod eingeschlichen. Während er sich um seine aufgeregte Schwester gesorgt hatte, war seine Mutter gestorben.

Vielleicht hatte sie noch gehört, wie abwehrend er seinem Vater entgegengetreten war. --

Die ganze Welt schien ihm aus den Fugen zu sein. Er wußte nicht mehr, was Recht und was Unrecht war. Alles um ihn herum war zusammengebrochen, und nun stand er allein da und kannte sich nicht mehr aus in dieser fremden Welt, die ihn mit Angst und Grauen erfüllte.

Nun war die Mutter tot. Sie nahm das Geheimnis mit ins Grab. Allein in seinem Herzen stand es aufgerichtet, drohend, und marterte und quälte ihn und ließ ihm nicht einen Augenblick Ruhe.

Während er so im Sessel saß und nachgrübelte, fiel sein Blick durch die weit offenstehende Tür auf den zierlichen Schreibtisch.

Dort hatte er einst den Brief gefunden.

Dort lag noch alles wie damals, wirr durcheinander.

Wenn jemand die Briefe fand! --

Nein! .. Das durfte nicht sein.

Es war seine Pflicht, jetzt die Briefe zu vernichten, alle! -- so schnell als möglich.

Er ging auf den Schreibtisch zu, und wie gestern Nacht -- nur diesesmal mit vollem Bewußtsein -- tastete er an den Schubfächern herum.

Er sah bald, so konnte er die Schreibklappe nicht öffnen. Mit roher Gewalt -- das erweckte Verdacht. Und ~das~ durfte nicht sein. Um keinen Preis!

Den Schlüssel trug die Mutter stets bei sich.

Er mußte also ...

Der Gedanke durchfuhr ihn mit Schaudern.

Das hieß, sich an der Toten vergreifen!

Er wollte rufen. Sie sollten wissen, daß seine Mutter nicht mehr war. Man würde den Schlüssel finden, und dann bot sich schon eine Gelegenheit.

Doch nein! -- noch sollte kein Mensch etwas erfahren.

Solange es niemand wußte, schien ihm, als habe er sie noch nicht ganz verloren. --

Es war alles so still. Sie gingen ahnungslos ihren Geschäften nach, und ein ~einziges~ Wort würde genügen, um sie alle aufzurütteln; wie ~ein~ Gedanke genügt hatte, um aus ihm einen anderen Menschen zu machen.

Er mußte den Schlüssel haben, ehe sie kamen.

Aber er traute sich nicht in das Zimmer zurück, wo die Tote lag.

Endlich entschloß er sich. Es ~mußte~ sein!

Nun stand er vor dem Lager. --

Er sah die feine, rote Schnur, an der der Schlüssel hing, wie sie sich abzeichnete auf dem bleichen Halse, gleich einem schmalen Blutstreifen.

Er überwand sein Grauen.

Er zerrte an der Schnur, aber sie gab nicht nach. Der Schlüssel mußte sich verhakt haben.

Seine Hände zitterten.

Endlich zerriß die Schnur, aber die Bewegung war so heftig, daß ihm schien, die Tote rege sich.

In bangem Entsetzen stürzte er aus dem Zimmer.

Er hatte den Schlüssel. --

Und dabei quälte ihn die Vorstellung, als habe er eben einen grauenvollen Frevel begangen ...

Er mußte warten, bis er sich darüber beruhigt hatte.

Endlich öffnete er die Schublade. --

Eine Fülle von Briefen quoll ihm entgegen.

Er sah, daß sie von verschiedenster Hand waren, allein er hatte nicht die Geduld, sie zu sondern.

Er wollte von dem Inhalte nichts wissen.

Mochte drin stehen, was wollte.

Er ergriff die Briefe, eine Handvoll, wie er sie faßte, und ging zum Kamin, um sie in die Flammen zu werfen.

Immer wieder mußte er den Weg vom Kamin zu dem Schreibtische machen.

Hie und da entfiel seinen bebenden Händen ein Brief, und er mußte die zerstreut liegenden wieder auflesen.

In seinem Fache, zuunterst, lag eine Photographie. Als er sie umkehrte: Reinhold Petri! --

Einen Augenblick zauderte er, dann warf er auch die in den Kamin.

Er setzte sich in einen Sessel vor den Kamin und sah dem Zerstörungswerke zu.

Das Feuer war unter der Masse der Briefe fast erstickt.

Nur an den Seiten schwelten kleine Flämmchen und leckten an den Ecken der überragenden Blätter.

Mit dem Haken mußte er die Glut wieder frei machen, er wühlte in dem Stoß Papier, und dann brach die Flamme endlich durch.

Langsam begann sie ihre Arbeit.

Ein dichter, grauer Qualm drang in das Zimmer.

Denn der Wind fuhr heulend in dem Kamin herab, daß die Funken nach allen Seiten schlugen.

Einzeln mußte er die Briefe wieder in die Glut schieben, bis dicke graue und schwarze, sich zusammenknüllende Flocken zurückblieben, die er immer wieder bei Seite schob, damit die Flamme durch konnte.

Es war eine langsame, qualvolle Mühe.

Einen Augenblick vergaß er darüber, daß nebenan die Tote lag, einsam und verlassen.

Seine Blicke wandten sich nicht von dem Zerstörungswerke ab.

Endlich war der letzte Brief verkohlt.

Und nun legte er frisches Holz auf, damit man nichts merkte, und öffnete die Fenster, daß der ekle Qualm abziehen konnte. --

Der Schreibtisch stand noch auf.

Er verschloß ihn und warf dann den kleinen Schlüssel mit in die Glut.

Es sollte ~nichts~ übrig bleiben. --

Ihm war, als sei er endlich von einer beängstigenden Qual befreit.

Er hatte seine Mutter gerettet. -- Er hatte ihr versprochen, daß nie ein Mensch etwas erfahren sollte, daß vor allem ~der~ Mann, der ihm Vater gewesen war, ~nie~ die Wahrheit ahnen solle.

Das Bewußtsein, durch sein Schweigen ein grausames Geheimnis zu bewahren, verlieh ihm Kraft über sich selbst. --

Er hatte seine Mutter verloren. --

Nicht der Tod hatte sie ihm genommen.

Seit er nicht mehr an sie ~glauben~ konnte, hatte er sie verloren.

Er hatte Mignon geliebt. Und es war seine Schwester. Es galt jetzt, sich die Schwester zu gewinnen.

Droben der hilflose Kranke. Auch für ihn mußte er weiter leben, mußte er schweigend dulden.

Der andere, der sein Vater sein sollte, galt ihm nichts.

Er konnte nichts für ihn fühlen. Er wußte, daß er ihm immer ein Fremder bleiben würde ...

Seine Mutter! -- Wie hatte er sie geliebt, abgöttisch, maßlos.

Nur für ~sie~, in der Liebe zu ihr hatte er gelebt.

Dann war er aufgeschreckt aus seinem Traum. Und das Bild seiner Mutter sank in den Staub.

Würde er je die Kraft haben, es wieder aufzurichten? jemals? --

Nebenan lag die Tote.

Der Mund, der ihm so manches liebe Wort gesagt hatte, der mit seinen letzten Worten ihn ... ~ihn~ jammernd um Verzeihung angefleht hatte, war auf ewig verstummt.

Sie war gegangen und hatte ihn allein gelassen. --

Wie grauenhaft still es war! ...

Nur die frischen Scheite im Kamin regten sich zuweilen knackend und feuerknisternd.

Was war ihm jetzt noch das Leben.

Er trat ans Fenster und preßte die fieberheiße Stirn an die kalten Scheiben.

Droben pochte es ...

Es war der Vater, der mit dem Stock auf den Boden stieß, damit man ihn hören solle.

Es klang wie das laute Klopfen eines Totenwurms. --

Wie sollte er ihm sagen, daß sie tot sei, seine Mutter! ...

Wie würde der alte, gebrochene Mann es aufnehmen?

Er selbst war noch so jung. Ein ganzes Leben voller Kampf, voll weher Herzenseinsamkeit lag vor ihm.

Die Zukunft breitete sich farblos vor ihm aus, wie die kühle Schneedecke da draußen, die immer dichter und dichter wurde. --

Unaufhörlich wirbelten die tanzenden weißen Flocken vom Himmel und kreisten wirr durcheinander.

Der Wind trieb sein neckisches Spiel mit ihnen, griff sie vom Boden auf, warf sie in die Luft und jagte sie weiter und weiter. --

Unaufhörlich, ohne Ende, fielen immer neue herab.

Der Himmel wob der frosterstarrten toten Erde ein fleckenloses, weißes Leichentuch, unter dem alles Lebendige begraben wurde, bis daß der neue Frühling neues Leben weckte ...

22.

Und der Frühling kam mit schmeichelnden Lüften und bunter Blumenpracht.

In der kleinen Villa der Sophienstraße war es stiller geworden als je.

Willy hatte sich ganz der Krankenpflege des Doktor Braun zu widmen, der nach dem Tode seiner Frau allen Lebensmut verloren hatte.

Er sollte durchaus nach dem Süden, allein er konnte sich nicht dazu verstehen.

Ein paarmal hatte er gefragt, weshalb eigentlich der Professor nichts mehr von sich hören ließ. Willy konnte ihm nur mitteilen, daß er mit der schwerkranken Mignon nach der Schweiz gereist war.

Die Gedanken des jungen Mannes weilten oft bei dem Mädchen, das seine Schwester war. Er sehnte sich nach ihr; denn kaum, daß er sie gefunden hatte, war sie ihm auch schon entrissen.

Ein heftiges Fieber war infolge der Aufregung bei ihr ausgebrochen, und ihr erschüttertes Gemütsleben stand in größter Gefahr.

Petri war völlig gebrochen. All seine Sorge richtete sich auf das Kind, denn er gab jede Hoffnung auf, Willy zu versöhnen. Er hatte keinerlei Versuche mehr gewagt. Vielleicht, daß die Zukunft sie einmal wieder näher brachte. --

Für Willy begann eine Zeit grausamer Qual; aber er fand die Kraft, sein Versprechen zu halten.

Kein Wort verriet dem Kranken, was in der Seele des jungen Mannes vorging. Er plauderte über die Mutter, er hörte die Erinnerungen seines Vaters an, der von der Toten wie von einer Heiligen sprach, und so verwischte sich denn auch in ihm allmählich der Eindruck dieser letzten ereignisvollen Tage.

Er lernte nicht nur vergeben, sondern auch vergessen. --

Im folgenden Sommer folgte der Doktor Braun seiner Frau, und Willy stand ganz allein in der Welt.

Jetzt aber bewies Onkel Jack, was für ein prächtiger Mensch er war. Er siedelte in das Haus der Sophienstraße über, er ward Willys väterlicher Berater, und eine herzliche Freundschaft verband sie von dem Tage ab, als Willy ihm seine Seelenqual gestand, weil er einzig so Ruhe zu finden hoffte.

Wurde ihm einmal gar zu schwer, dann brauchte der Musiker sich nur an den Flügel zu setzen, um Willy die schwarzen Gedanken mit seinen Melodien zu vertreiben.

Er hatte ein Grauen vor der Liebe, sie schien ihm etwas Entsetzliches, das nur vernichtete und zerstörte; eine Gewalt, der nichts heilig war.

So lebte er einsam seiner Arbeit, mit der steten Furcht, daß auch ihn einst die Macht der Liebe ergreifen könnte; ohne zu ahnen, daß einzig eine wahrhaft aufrichtige Liebe imstande war, ihm den Glauben wiederzugeben, den Glauben an die Menschheit, der ihm nach diesen niederschmetternden Schicksalsschlägen für immer verloren schien.

Ende