Part 1
Max Brod
Leben mit einer Göttin
Roman
München Kurt Wolff Verlag
1.-5. Tausend / Gedruckt im Jahre 1923 von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig Copyright 1923 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
Leben mit einer Göttin
„Klar sah ich alles – und doch trunken“
Mein geehrter Herr Verteidiger!
Meinen Dank zuvor und meine Anerkennung. Sie haben sich sehr menschlich zu mir benommen! Dies der unmittelbare Anlaß für die folgenden Aufzeichnungen, denen Sie alles entnehmen, wonach Sie mich die letzten Wochen lang unablässig und immer wieder und immer ohne Erfolg gefragt haben.
Ja, Ihre Neugierde, vielmehr Ihre Amtsneugierde – denn ich weiß sehr gut, daß kein häßlich persönliches Motiv, sondern nur Pflichtbewußtsein Sie angetrieben hat – Ihre Amtsneugierde wird durch die Darstellung, die ich jetzt, um Mitternacht, beginne, vollkommen befriedigt werden, soweit dies in meiner Macht liegt. Und ich hoffe ernstlich, ohne alle Ironie, Ihnen damit einen Gefallen zu tun – Ihnen auf die einzige, mir noch mögliche Art für die Vornehmheit, mit der Sie mich in dieser Zeit behandelt haben, zu danken.
Sie sind von meinen Brüdern zu meinem Verteidiger bestellt.
Ich begreife durchaus Ihre Verlegenheit. Tagelang haben Sie kein Wort aus mir herausbekommen. Wie, womit, in welcher Gegend menschlicher Entschuldigungsgründe sollten Sie nun meine Verteidigung aufbauen? Ich stelle Ihnen das Zeugnis aus, daß Sie kein Mittel unversucht gelassen haben, mich zum Reden zu bringen. Sie haben freundschaftliches Zureden, Philosophie ins Treffen geführt, auch Überraschungen, auch leise Drohung. – Ganz offen gesprochen: Ihren Eifer verstehe ich nicht. Was gehe ich Sie an? – Das Honorar also? Nun, wenn ich sterbe, was doch so ziemlich sicher, hoffentlich ganz sicher ist, dann fällt mein Vermögen an meine zwei Brüder und Kompagnons, die mir ganz gleichgültig sind und denen ich so wenig bedeute, daß ich sehr bezweifle, ob man die Höhe Ihres Entgelts nach den Anstrengungen bemessen wird, die Sie zur Erhaltung meines Lebens gemacht haben. Man wird Ihnen ja gewiß auch nicht weniger geben, wenn Sie sich sehr bemühen; dazu sind meine Brüder viel zu anständig, viel zu korrekt; aber voraussichtlich auch nicht um einen Pfennig mehr. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man bereits ein gewisses Fixum im vorhinein bestimmt, eine Post zur Tragung dieses notwendigen, wenn auch unerwarteten Aufwandes im Budget unserer Fabrik ausgeworfen. Fixum, Budgetpost, Vorausberechnung nach kaufmännisch soliden Grundsätzen – das ist ja die Welt meiner Brüder. War auch die meinige, äußerlich zumindest. Nun gut, ich wollte Sie nur vor übertriebenen Hoffnungen warnen. Ihre Funktion wird bezahlt werden, nicht die Intensität Ihres Interesses. Berufsinteresse vielleicht? Dies die Erklärung? Möglich – für mich jedoch völlig dunkel. Kommt es denn wirklich vor, daß man sich für seinen Beruf ehrlich, in voller Befriedigung interessiert? Besser gesagt: ist es möglich, sich für etwas anderes zu interessieren als für Angelegenheiten der Liebe? Von Herzen zu interessieren, meine ich, nicht nur oberflächlich, halb im Wachen und halb im Traum? – Hoffentlich verstehen Sie, was ich damit meine. Sonst lesen Sie lieber gar nicht weiter; Sie würden auch das Folgende nicht verstehen ...
Doch um eines bitte ich Sie noch, ehe ich weiterschreibe: Bitte, besuchen Sie mich nicht mehr! Nehmen Sie diesen Brief nicht etwa als mehr oder weniger verhüllten Anknüpfungsversuch, als eine Art Aufforderung, den Verkehr mit mir fortzusetzen, vielmehr eigentlich erst jetzt so richtig anzufangen; denn bisher ist es ja ein durchaus einseitiger Verkehr gewesen – Sie redeten stundenlang auf mich ein und ich antwortete nicht. Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie dabei niemals grob, niemals auch nur unfreundlich gegen mich geworden sind. O das war so gut von Ihnen! Das hat Ihnen mein Vertrauen verschafft! – Nur ein einziges Mal haben Sie so etwas wie „störrischer Kerl“ zu Ihrem Begleiter geflüstert. Ich gestehe, daß mich das sehr geärgert hat. Als Chef meines Unternehmens war ich ja seit je gewöhnt, von meiner Umgebung immer mit der größten Hochachtung, ja mit einer gewissermaßen kirchlichen Bewunderung angesprochen zu werden. Angestellte wie Geschäftsfreunde, alle wollen immer etwas von einem haben, und da ergeben sich die allerhöflichsten Formen von selbst. Nun im Untersuchungsgefängnis, das weiß ich wohl, hat man ja auf eine derartig gewählte Behandlung keinen Anspruch. Dennoch hat es mich, gerade heraus, gewundert, daß Sie, ein gebildeter Mann, Akademiker sogar, sich so weit gehen ließen ... Ich muß allerdings zugeben, daß ich ziemlich empfindlich bin. Und somit basta, ich habe mich nun erleichtert, ich habe mir das einzige, was ich gegen Sie hatte, von der Seele gesprochen, – es wird mir nun hoffentlich nicht mehr schwer fallen, Ihnen ohne Rückhalt das zu erzählen, wonach Sie ein so starkes Bedürfnis an den Tag gelegt haben. Wie zu einem Freund will ich nun zu Ihnen sprechen. Was Sie dann von all meinen Mitteilungen für Ihr Plaidoyer an die Geschworenen verwenden wollen, was nicht, – bleibt Ihnen anheimgestellt. Nur fragen Sie nicht mehr, lassen Sie sich nicht mehr in meine Zelle bringen, wehren Sie doch lieber alle Besuche ab, die mir noch etwa drohen. Ich will allein sein. Die Anwesenheit von Menschen quält mich. Auch die Ihrige hat mich, trotz Ihres musterhaften Vorgehens, namenlos gequält. Ich will Ihnen gleich sagen, warum. Ich will Ihnen in diesem Brief alles sagen, was über mich, was über den rätselhaften Kriminalfall zu sagen ist, in dessen Mittelpunkt ich stehe. Ich habe einen mir ganz fremden Menschen umgebracht, einen Menschen, der, wie man sagt, auch meiner Frau fast gänzlich fremd war. Sie werden gleich lesen, wie es zu solch einer unerhörten Tat kommen konnte, kommen mußte. Alles werden Sie lesen. Nur, um Gottes willen, keine Fragen mehr, keine Besuche. Ersparen Sie mir alles Weitere! Sonst hätte auch dieser Brief sein Ziel verfehlt, – im Kleinen ebenso sein Ziel verfehlt wie im Großen mein ganzes Leben.
Herr Verteidiger! Ja, ich fühle mich schuldig.
Ein Teil der Qual, die Sie mir verursachen (obwohl, wie ich immer wieder hervorhebe, Ihr ganzes Trachten darauf abzielte, mir nicht wehezutun, – obwohl ich in Wahrheit nie einen so gütigen, so geduldigen Menschen wie Sie gesehen habe, – einen Menschen, der mich vielleicht gerettet hätte, wenn ich früher mit ihm zusammengetroffen wäre, und dem ich daher dies alles nicht seiner Berufsstellung wegen mitteile, – das war Unsinn, womit ich vorhin anfing, – nein, aus Liebe, aus Liebe zu Ihnen, zu Ihrem unbegreiflich sanften, erbarmenden Blick, der auf mir ruhte, dem „störrischen Kerl“ – aus Liebe schreibe ich dies. Ohne Liebe würde ich offenbar nicht die Nacht in ein Schreibheft schlagen, ohne Liebe würde ich überhaupt nichts tun, habe ja alles nur aus Liebe getan und beichte also auch nur, weil ich zum erstenmal etwas wie Freundschaft, wie Liebe zu einem Mann, zu Ihnen, im Herzen spüre) – die Qual also, die Sie mir verursachten, beruht vor allem darauf, daß Ihre Einstellung gegen mich eine vollständig falsche ist.
Sie suchen Entlastungsgründe für mich.
Ich aber fühle mich schuldig, und ich suche Tatsachen, die mich belasten könnten.
Nun sehe ich Sie lächeln. Belastende Tatsachen? Als wäre das Verbrechen an sich nicht belastend genug. „Seltsame Verblendung“, – höre ich Sie sagen. „Ein Mord, und noch dazu auf die furchtbare, ja bestialische Art ausgeführt, von der die Anklageschrift so viel spricht – genügt ihm das wirklich nicht zur Belastung vor Gott und Welt?“ – Nun, ganz nebenbei bemerkt, gerade diese „bestialische Art“, von der so viel Aufhebens gemacht wird, müßte meiner Ansicht nach eher für als gegen mich zeugen. Sie beweist doch ganz klar, daß ich nicht darauf ausging zu morden, daß ich auf einen solch traurigen Schluß der Angelegenheit nicht im mindesten vorbereitet war.
Hätte ich die Absicht gehabt, den Mechaniker zu töten, so hätte ich wahrscheinlich einen Revolver mitgenommen. Ich hatte aber keine Waffe bei mir. Leider! So geschah es denn, wie es geschehen mußte.
Ich sage das aber durchaus nicht zu meiner Entschuldigung. Dieser ganz nebensächliche Umstand beweist nur, wie gedankenlos die Anklageschrift gegen mich verfaßt ist, so gedankenlos und halb und unausgetragen, wie eben alles, was aus „Berufsinteresse“ geschieht. Für mich selbst jedoch und meine eigene Beurteilung meiner Schuld ist dieser Umstand vollständig bedeutungslos. Für mich ist nämlich die ganze Tatsache, daß ein Mensch, ein fremder Mensch an mir gestorben, mir zum Opfer gefallen ist, – verzeihen Sie die Aufrichtigkeit – eine Nebensache. Nicht des Mordes fühle ich mich schuldig, – obwohl ich selbstverständlich zugeben muß, ein Mörder zu sein, – aber das liegt nur an der Oberfläche meiner Schuld. Und gerade heute, wo einige Millionen junger Menschen am Weltkrieg gestorben sind, unter direkter oder indirekter Mitwirkung von uns allen, die wir ihn überlebt haben, erscheint mir ein einzelner Totschlag nicht gerade als das Aufregendste und Auffallendste an mir und unserer Zeit.
Wahrhaft schuldig fühle ich mich eigentlich einer anderen Sache wegen: – schuldig, weil ich mich bedingungslos in die Gewalt einer Frau gegeben habe, weil ich meine Wollust daraus zog, ihr zu dienen mit meinem ganzen Wesen und Wollen.
Ja, das ist wahr. Indessen: Die volle Wahrheit ist es doch nicht. – Schuldig, mich in die Gewalt einer Frau begeben zu haben? – Habe ich mich denn wirklich in diese Gewalt wissentlich und mit Willen begeben? – Ich bin seit je sehr abhängig von Frauen gewesen. – Einen „_homme à femmes_“ hat mich einmal ein Freund, – nein, kein Freund, ein satirischer Beobachter – genannt. Ich weiß nicht, woher er diesen Ausdruck hatte, – vielleicht ist es nicht einmal ein korrekt französischer Ausdruck, – ich verstand ihn jedenfalls so, daß ein Mann damit gemeint sei, für den Frauen das einzige sind, was er ernst nimmt. Kein Wüstling, – eher das Gegenteil eines solchen. Ich habe niemals ausschweifend gelebt. Und vor allem war mir immer die Verbindung von Zynismus und Liebe – oder Humor und Liebe – oder Alkohol und Liebe oder ähnliches ganz fremd. Liebe, die einer Verbindung mit liebesfremden Stimulantien bedarf, scheint mir geradezu verächtlich. Liebe allein, Liebe um ihrer selbst willen, Liebe und Sehnsucht und Begeisterung und zuletzt bei Jorinde sogar auch noch randvolles Glück und das unermeßliche Unglück der Liebe, – – wahrhaftig, es hat mir genügt, ein Leben auszufüllen. Andere Leidenschaften verstehe ich nicht. Es sind wohl auch noch nur unbedeutende Gemütsbewegungen, denen man diesen Namen irrtümlich, mißbräuchlich verleiht. Ich kenne sie nicht, ich verstehe sie nicht. Weder Ehrgeiz noch Spiel, weder Trinken noch Rauchen, weder Sammeln noch Reisen. Die Leidenschaft jedoch, die ich meine, – beruht sie auf meiner freien Wahl? War sie wirklich meine Schuld? Gerade die Einzigkeit, mit der ausschließlich sie allein von mir Besitz ergriffen hatte, beweist vielleicht, daß ich nicht anders konnte als ihr völlig unterliegen.
Kurz und gut ... wenn ich selbst an meiner Schuld irre werde (und Sie tun recht daran, das Vorhergehende als einen schüchternen Rechtfertigungsversuch anzusehen – nicht vor dem Gericht freilich, wohl aber vor meinem eigenen Gewissen), wenn ich selbst die belastenden Tatsachen nicht auffinden kann, die ich suche, deren ich so dringend bedarf, um zur Klarheit über mich und meine Untat zu gelangen, – dann genügt es schließlich doch immer, mir eine einzige Szene vor Augen zu stellen. Denke ich an die zurück, so ist mir allerdings meine Schuld ganz unzweifelhaft klar. Eine äußerlich sehr unscheinbare Szene, – ich sitze allein im Automobil, das an einer Straßenecke hält, im lauen Frühlingsregen und warte auf Jorinde – daran scheint ja eigentlich gar nichts zu sein, – aber der Jubel, der unermeßliche Jubel, der mich diese Stunde lang (oder vielleicht war es auch nur eine halbe, eine Viertelstunde) erfüllte! Dieser Jubel ist allerdings an sich noch keine Sünde, aber er hängt doch im Innersten mit meiner Sünde zusammen.
Ich warte auf Jorinde, und ich weiß, daß sie in wenigen Minuten bei mir sein wird, neben mir, auf dem weichen Sitz des Autos. Denn sie ist ja eben noch neben mir gesessen, hat mich nur hier warten heißen, nur für ein Weilchen, während sie ihre Sachen zusammenpackt, um dann mit mir abzureisen. Jetzt, sofort wird sie um die Ecke biegen, an der Litfaßsäule vorbei. Um ein paar Tage lang ganz mein zu sein. O diese Erwartung, diese ganz bestimmte Erwartung einer wundervollen Zeit, zum Greifen nahe vor mir. Diese Erwartung, so nahe an der Erfüllung, daß sie nicht mehr getrogen werden kann, und die ja dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen ist. O kaum faßbares Glück einer solchen Gewißheit, – zumal wenn man fünf Tage und fünf schlaflose Nächte vorher im Fieber der Ungewißheit gelegen ist. Diese peinvolle Zeit der Zweifel gehört ja wahrscheinlich als Vorbedingung mit dazu. Wie dem auch sei, genug, die bloße Erinnerung an meinen Herzjubel damals genügt mir auch heute noch, um mich für alle Qualen vor und nach dieser Stunde, selbst für alle Gewissensqualen und für meinen schimpflichen Tod reichlich zu entschädigen. O mehr als das! Es gibt einfach nichts, was ich nicht hingeben würde für das Erlebnis dieser einen Stunde. Meine ewige Seligkeit, – hin, hin für eine einzige Sekunde solchen irdischen Glücks! Es war kein Rausch damals; ich fühlte mich vielmehr ganz klar bei Bewußtsein, meine Gedanken jagten nur zehnmal schneller als sonst und doch in so träumerischer Gelassenheit durch meinen Kopf. Einer von ihnen etwa so: Würde ich in diesem Augenblick gelähmt werden, von einer Krankheit befallen, die mich von jetzt an bis an mein Lebensende jahrzehntelang in einem Lehnsessel festhielte, – ich wollte dennoch niemals wider Gott murren, nie mein Schicksal beklagen, immer nur danken dafür, daß ich einmal eine Stunde lang so unbeschreiblich frei und gerettet im Vollmaße der Seligkeit habe leben dürfen.
In Augsburg war es, an der Ecke der Gabelsberger- und der Frohsinnstraße. Ja, sie heißt wirklich so: Frohsinnstraße. Der Name ist nicht erfunden. – In der Dämmerung eines grauen, regnerischen Frühlingsabends ist es geschehen. Ich werde davon berichten, sobald ich an diese Stelle meiner Schicksalserzählung gelangt bin. Vielleicht kann übrigens gerade hievon nichts oder nichts Wesentliches erzählt werden. – Ich habe ja auch nichts anderes sagen wollen, als daß die Erinnerung an diesen Jubel genügt, um mir mit aller Deutlichkeit meine Sünde vor Augen zu führen. Im wesentlichen scheint es etwa darauf hinauszukommen, daß ich mich einer zu großen Sache vermessen habe. – Ich habe mehr auf mich genommen, als ich zu leisten vermag. Auch das werde ich zu seiner Zeit zu erklären versuchen.
Wie ich Jorinde kennengelernt habe, gehört wohl nicht ganz zur Sache. Ich will mich daher kurz fassen.
Es war vor zwei Jahren, im Frühherbst, – in demselben Monat vielleicht, in dem es jetzt zu Ende geht.
Damals kam ich nach München, um mit Professor Grothius zu sprechen. Grothius, eine der ersten akademischen Autoritäten auf dem Gebiete der Nahrungsmittelchemie, machte seit Jahren die bedeutenderen Analysen für unsere Präparate. Obwohl wir (das heißt: die Fabrik) in ziemlich regem geschäftlichen Briefwechsel mit ihm standen, war ich doch nie persönlich mit ihm zusammengetroffen. Eine außergewöhnlich wichtige Angelegenheit hatte diesmal meine Reise veranlaßt. Es handelte sich um eine uns angebotene Erfindung, in der wir Millionen investieren sollten. Die Sache drängte. Und so nötig meine Anwesenheit in unserem Berliner Betrieb jahraus jahrein war: diesmal mußte ich mich losmachen, um die mit dem Gutachten des Professors zusammenhängenden Entscheidungen an Ort und Stelle zu treffen.
Mein Gefühl, als ich zum erstenmal dem großen alten Herrn mit dem grauen Wotansbart und den leuchtenden, hellblauen, immer etwas feuchten Augen gegenüberstand, war eine Art Erstaunen darüber, daß ich es mit einem lebendigen Menschen zu tun hatte. – Von Berlin, von meinem Fabrikkontor aus gesehen, war er (wie so ziemlich alles) eine Nummer in der Registratur gewesen. Grothius, Analysen, Briefe in Schreibmaschinenschrift, Ziffern mit sehr vielen Dezimalstellen, denen man blindlings vertraute, vertrauen mußte, – eine Art Maschine, eine nützliche Institution des Vaterlandes, die den Titel „Professor“ führte. So hatte ich ihn im Kopf, war nicht darauf gefaßt, ein Wesen von Fleisch und Blut vorzufinden, das nebst den Dezimalstellen, die es produzierte, auch noch andere Interessen hatte – so zum Beispiel: mich sofort zum Abendessen einlud. Ich wußte mich zuerst gar nicht zu benehmen. Aus den Scharnieren meines Berliner Kommando- und Kompendiumtones gerissen, in dem persönliche Beziehungen nicht vorkamen, rang ich nach Haltung. Ich fand sie schließlich darin, daß ich dem gemütlichen Herrn mit einem gewissen Respekt (denn er war ja ein berühmter Hochschullehrer), schließlich aber doch nur wie einem besseren Angestellten begegnete (denn er wurde doch von meinem Unternehmen bezahlt). Es war eine Mischung von Bewunderung und Hochmut, wie sie etwa die Hausfrau dem großen Tenor gegenüber empfinden mag, der – gegen hohes Honorar – ihren Gästen nach dem Dessert zwei Arien vorsingt. – Ich erwähne dieses besondere Gefühl, weil ich es dann auch auf die Tochter des Professors übertrug. Der Tochter gegenüber überwog freilich von Anfang an bewundernde Angst und Scheu.
Dora Grothius war sehr schön – von jener Art Schönheit, über die unter Männern keinen Augenblick lang ein Zweifel bestehen kann. Ich konnte mir denken, daß sie, in einen Ballsaal eintretend, sofort alle Blicke auf sich ziehen müßte. Woran mag es wohl liegen, daß von zwei Gesichtern, die einander sehr ähnlich sehen, das eine blitzartig im Lichte der Schönheit erscheint, das andere wie in Schatten getaucht bleibt, aus dem es vielleicht erst allmählich als „interessant“ oder „eigenartig“ zum Vorschein kommt? Doras Schönheit hatte nichts von dieser Unklarheit, dieser allmählich sich durchsetzenden Wirkung an sich. Ihre hohe schlanke Gestalt, das mattglänzende Blondhaar, der fein geschnittene, blaßrosige Mund im weißen Gesicht und die blauen Augen von ebenso wundervoller Form, – das alles sprach wie ein Typus, wie die Vollendung eines Typus an. Man schlürfte diese Art von Schönheit gleichsam gelassen ein, sagte sich nach der ersten Minute: „Nun, dich habe ich ganz erfaßt, du gibst keine Rätsel auf“, – aber gerade dieses Wohlbehagen, dieses scheinbar Nicht-Irritierende betäubte wie ein Narkotikum, und ganz berauscht von dem Sicherheitsgefühl, daß man sich jeden Moment von einem so einfachen und einleuchtenden Anblick losreißen könne, kam man überhaupt nicht mehr los ...
So flößte mir Doras Erscheinung, von der ersten schlagartigen Freude abgesehen, dumpfe Angst ein.
Dies der Grund, weshalb ich sie immer „Jorinde“ genannt habe, zuerst im stillen, bald auch von Mund zu Mund. Sie erinnerte mich an eines der Grimmschen Märchen, das ich als Kind stets nur beklommen mir habe vorlesen lassen. „Jorinde und Joringel“ heißt das Märchen. Ganz habe ich ja nie verstehen können, warum ich mich vor diesem Märchen, ja schon vor den Seiten, auf denen es in meinem alten Märchenbuch gedruckt war, so sehr gefürchtet habe. Andere Geschichten handeln doch von grauslicheren Dingen! Diese freilich ist so süß-grauslich wie keine. Ach, mein Kinderherz bebte vor wonniger Bangigkeit, wenn ich die beiden jungen Leute, Joringel und seine geliebte Jorinde, dem Zauberwald zuschreiten sah, um vertraut miteinander reden zu können, wie das Märchen sagt, – in den Zauberwald, in dem die alte Hexe wohnt. Wenn jemand auf hundert Schritt ihrem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach. So erging es dann auch dem Jüngling, während seine Geliebte vor seinen Augen in eine Nachtigall verwandelt wird, „zicküt, zicküt“ singt – und dann tritt die Hexe aus dem Busch, fängt die Nachtigall und trägt sie auf der Hand fort. Joringel aber kann nichts sagen, er steht festgebannt auf seinem Platz, wehrlos und fremd. – Ich weiß nicht, warum gerade dieses eine Märchen, das ich seit Kindestagen nicht mehr gesehen habe, so fest in mir haftengeblieben ist, weiß nicht, warum Dora die angstvolle Erinnerung daran in mir aufgeweckt hat. Später allerdings wurden mir einige Zusammenhänge klar. Doch das Gefühl war ja vom ersten Moment an dagewesen.
In Anwesenheit ihres Vaters sehr zurückhaltend, sprach Dora bei der ersten Begegnung im Laboratorium kaum ein Wort. Die Einladung zum Abendessen nahm ich aber nur ihretwegen an. Ich mußte, um mir den Abend frei zu machen, einem Geschäftsfreund absagen, der schon Karten für ein Kabarett besorgt hatte.
Nachmittags empfand ich dann doch ein gewisses Unbehagen vor dem Besuch, und abends wollte ich noch an der Schwelle umkehren. Ich hatte inzwischen allerlei über den alten Grothius reden gehört: daß er zu den führenden Münchener Monarchisten gehöre – wenn auch nicht zu ihren tätigen Parteigängern, so doch zu denen, die mit ihrem Namen der reaktionären Bewegung neues Ansehen verschafft hatten. – Ich selbst kümmere mich ja gar nicht um Politik. Und die Revolution hat mir in meinem Geschäftsbetrieb eher geschadet als genützt. Aber als Berliner gehöre ich gewissermaßen von selbst zu jenem andern Deutschland, das vorwärts will, und ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, hätte ich, wenn gefragt, immer nur für linke Parteien gestimmt. Politische Auseinandersetzungen aber sind und waren mir immer unangenehm, und ich bereute schon, in persönlichen Verkehr mit dem Professor getreten zu sein und diesen Verkehr durch einen in seinem Hause verbrachten Abend nun förmlich zu bekräftigen. Aus einer Sinnesart, die mich so entlegen anmutete, mußte (so schien es mir) bei Näherrücken Verstimmung entstehen, während der Geschäftsverkehr aus unwirksamer Ferne sich immer so angenehm glatt abgewickelt hatte.
Indessen verlief der Abend völlig ruhig, ohne Störung, ganz ereignislos. Was mich überraschte, war die Natürlichkeit, die im Hause Grothius herrschte, – eine Natürlichkeit, die Widerspruch nicht herausforderte, im Ernstfalle aber wohl auch nicht vertragen hätte, – eine gleichsam unscheinbare und doch kräftige Natürlichkeit, entsprechend etwa der dunklen Tönung, in der sich die mit Holz getäfelten, sonst bescheidenen Wohnräume repräsentierten. „Man muß ja nicht von allem reden“, – schien als unsichtbarer Leitspruch über Wohnung und einfacher Mahlzeit zu schweben. Ein Satz, der mir ebenso einleuchtend erschien, wie er mir bisher nie eingefallen war. Hatte ich es doch für selbstverständlich gehalten, mit dem Professor zuerst gerade von dem zu reden, was uns meiner Ansicht trennen mußte. Ihm aber genügte es scheinbar vollauf, wenn ich seinen Jagdgeschichten zuhörte. In der grauen, mit Hornknöpfen besetzten Jägerjoppe, die er als Hausrock trug, die lange Pfeife rauchend, den Maßkrug vor sich, – so schloß sich seine im weißen Laboratoriumskittel etwas bizarr auseinanderfallende Figur zu dem durchaus glaubwürdigen Bild irgendeines Gutsinspektors oder Försters zusammen.
Er sprach gelegentlich auch von seinem Heimatdorf in den Alpen, von der alten Bauernfamilie, der er entstammte. München mochte er nicht. Es war allzusehr von „Ausländern“ überschwemmt. Nur der Beruf hielt ihn da fest, die Ferien verbrachte er im Gebirge. – Was er sagte, erschien mir ganz selbstverständlich. Ein Mann, der so aussah wie er, mit solch einem faltenreichen, bärtigen Gesicht, aus dem die Äuglein wie kleine Enziane hervorzwinkerten, ein solcher Mann konnte nicht anders reden. Er sprach laut und entschieden, sagte aber nichts Aufregendes, nichts Auffallendes. Es hatte den Anschein, als sei überhaupt in diesen Zimmern jedes Hervortretenwollen, jede Unterschiedlichkeit verpönt. Sogar der jüngste Sohn, der mit am Tisch saß, Privatdozent (drei andere Söhne waren alle als Offiziere der Reichswehr auswärts garnisoniert) –, sogar dieser junge Mann mit dem glattrasierten, scharfgeschnittenen Landsknechtgesicht fiel durch nichts auf; es hatte vielmehr den Anschein, als eifere er danach, dem Vater möglichst ähnlich zu werden. Auch er trug einen Jägerrock, rauchte aus langer Pfeife, sprach laut und langsam von Hunden und Gemsböcken und, da der Vater mich freundlich behandelte, ging er noch ein Schrittchen weiter und forderte mich auf, im Sommer die Familie in ihrem dörflichen Feriensitz zu besuchen.