Chapter 5 of 10 · 3892 words · ~19 min read

Part 5

Es ist und bleibt ja eine bequeme Binsenwahrheit, daß man einer Frau niemals zeigen dürfe, wie sehr man sie liebt. Daß man gerade dadurch jede Herrschaft über sie verliere. O dieses Gerede vom „starken Mann“, den die Frauen brauchen. Eine Banalität, – wie so vieles, mit dem man sich das Reich der Liebe und seinen tiefen Ernst wegzuschwatzen sucht. Ein geheimer Sinn mag ja darin liegen, daß die meisten sich scheuen, in das Innere dieses Liebesreiches einzutreten, – daß nicht viele so fühlen wie ich, – daß ihnen meine Art, mich der Liebe ganz hinzugeben, als unmännlich, weichmütig, schlaff erscheinen mag. Nun gut, das sind gepanzerte Menschen Einen Vorteil hat ja der Panzer ganz gewiß, sonst würde ihn niemand tragen. Nur für den, der sich ganz menschlich und unverstellt bewegen will, der die Wahrheit des Lebens liebt, für den taugt die schwere Rüstung nicht. – Es ist ja überdies auch fraglich, ob alle Frauen gerade nur den herrschenden bestialischen Mann wollen, oder ob nicht manche den vorziehen, der stark an Liebe ist, rückhaltlos in seiner Liebe wie ich. Jorinde (das weiß ich) liebte mich so, wie ich war. Es ist in diesen Aufzeichnungen vielleicht noch nicht ganz zum Ausdruck gekommen, daß sie mich geliebt hat, – dennoch weiß ich mit aller Bestimmtheit, daß es so gewesen ist. Unendlich und mit abschließender Kraft hat sie mich geliebt ... Und da könnte ich nun sagen oder vielmehr könnte tun, als sehe ich die Sache einmal auch von diesem Standpunkte aus: Habe ich es nicht besonders raffiniert angefangen, – habe ich nicht durch meinen Ernst und meine Güte mehr erlangt als all die hochstaplerischen und „starken“ Laffen, mit denen Jorinde bei den Dilettantenaufführungen zusammengetroffen war? Über alle habe ich triumphiert. Alle haben ohne Erfolg abziehen müssen, und mir ist das schöne Mädchen zugefallen, mir allein. Und wie oft hat sie mir dafür gedankt, daß ich mich nicht so unmenschlich gezeigt habe und „nur auf das eine los“, wie jene Gewohnheitseroberer und Verführer. Nicht flüchtigen Genuß hatte sie mir bedeutet – sondern Anbetung, einen dauernden Altar; – sollte es nicht etwa Instinkte der Frauen geben, mit denen sie eine den ganzen Mann erschütternde Leidenschaft vor allen anderen herausfühlen? Wenn ja, dann hätte also ich den richtigen Weg eingeschlagen, um Glück zu haben und die Braut heimzuführen, und vielleicht kommt es auch noch einmal an den Tag, daß ich all den Liebeswahnsinn nur – zu diesem Zweck – simuliert habe? ... Eine lustige Möglichkeit, in der Tat! Die Wahrheit aber ist: daß ich viel zu stolz war, mich zu verstellen und aus Gründen irgendeiner Taktik Jorinde gegenüber meine Gefühle zu verheimlichen. Nicht aus Schwäche geschah das, sondern aus Kraft. Weil ich mich dem Rückschlag gewachsen fühlte, der entstehen mußte, wenn ich allzu offen meine grenzenlose Liebe eingestand – weil ich wollte, daß Jorinde mich allem Rückschlag und aller Taktik zum Trotz liebe. Absichtlich trug ich mein Herz auf der offenen Hand. Ich wußte, daß mir das bei Jorinde schaden konnte, – tat es dennoch. Wie man es anstellt, um durch scheinbares Abgekühltsein eine Frau neu aufflammen zu lassen, dieses kindische, nach festen Regeln sich abwickelnde Spiel hatte ich ja in jenen Liebschaften genugsam erprobt, die gar nicht verdienen, denselben oder einen ähnlichen Namen zu tragen wie meine Beziehung zu Jorinde. – Wahrlich, mit bescheidenen Vergnügungen geben sich die Menschen zufrieden. Ich aber wollte die Lauterkeit, die schlackenlose Sonnenscheibe der Liebe, wollte das Herz meines Herzens spüren. Daß das eine Gefahr ist, ahnte ich wohl, wiewohl ich die Katastrophe damals durchaus nicht voraussah. –

Da nun meine Liebe von solcher Art war und ebenso echt erwidert wurde: warum haben wir denn eigentlich nicht geheiratet. Die Frage liegt nahe, und die Anklageschrift wirft sie auch tatsächlich auf, freilich nicht in redlicher Absicht, sondern um mich herabzuwürdigen, wie diese erbärmliche Darstellung meines Verbrechens überhaupt darauf ausgeht, mich als charakterlos, unzuverlässig und so weiter zu schildern. – Nun, es wäre vergeblich, einen Zusammenhang zwischen meinem Gefühl und der Sittlichkeit, wie sie die Anklageschrift im Sinne der herrschenden moderierten und ungefährlichen Liebesmoral meint, herstellen zu wollen. Ich beschränke mich darauf, eine Antwort, die sehr einleuchtend scheint, als unzutreffend abzulehnen. – Wahr ist, daß mein Beruf mich in Berlin, Jorinde als Schauspielerin in Augsburg festhielt. Daß aber dies der Grund oder ein Vorwand gewesen sein soll, um die Ehe aufzuschieben (die formelle Eheschließung, die der Anklageschrift so wichtig ist), das hat mit meinen wahren Beweggründen gar nichts gemein. Sogar das ist unrichtig, daß eine formelle Eheschließung bei getrenntem Wohnort an den tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert hätte. Ich lehne es ab, mich auf so billige Art zu verteidigen. Im Gegenteil: schon bei bloß formeller Eheschließung, ja selbst dann, wenn Jorinde nur einen Ring von mir getragen hätte, wäre es nicht zur Katastrophe gekommen. Die letzte Spannung während der unglücklichen Eisenbahnfahrt entstand ja nur dadurch, daß Jorinde als vollständig unabhängig von mir, sozusagen als Fremde mir gegenüber saß. Und war auch diese letzte Spannung, die ich nicht mehr ertrug, nur ein Symbol für das ganze der Beziehung zu Jorinde zugrunde liegende Spannungsverhältnis: dennoch ist nicht daran zu rütteln, daß schon ein Ring genügt hätte, um die Katastrophe zu verhindern, und niemand kann ja sagen, inwieweit ein schicksalsvoller Augenblick Symbol und inwieweit es bloß rohe, zufällige Wirklichkeit ist. – Das alles also entschuldigt mich nicht. Klar ist vielmehr: ich hätte sie heiraten sollen. In der letzten Zeit, als die Zweifel in mir zu überwiegen, allzu qualvoll zu werden begannen, da dachte ich wohl auch allen Ernstes: ich muß sie heiraten, sonst habe ich sie nie. Aber gleich darauf: was heißt denn das eigentlich – „eine Frau _haben_“? Welch eine barbarische und überdies unwahre Vorstellung. Ich „habe“ sie – oder gar „ich habe sie gehabt“ – als könne man die Frau in einen Sack stecken und wegtragen, samt und sonders, so wie sie ist. Oh, ich begreife eigentlich das Gefühl des Lustmörders: Jetzt, jetzt gib mir alles, was du bist, was du empfindest, – bis zur Neige, bis zum letzten Tropfen – und dann stirb, dann sei nichts mehr, empfinde nichts mehr, zum Zeichen, daß du mir wirklich alles gegeben hast ... Ein verirrtes Gefühl, aber ich begreife es ganz gut. Obwohl es nicht mein Gefühl ist, nein, meines nicht. Nie könnte ich gegen das, was ich geliebt habe, die Hand erheben. – So habe ich denn auch den Mechaniker getötet; Jorinde nicht, Jorinde habe ich nicht berührt.

Ich will nun den Grund sagen, warum ich nicht geheiratet habe. – Ich bin Witwer. Ich habe die Ehe verkostet. Dem Wunsche meines Vaters folgend, der eine Vergrößerung der Fabrik durch die Mitgift meiner Frau anbefahl, habe ich mit einem mir gleichgültigen Wesen zwei Jahre lang zusammengelebt, bis es starb. Es ist zu wenig gesagt (finde ich), daß Ehe mit Liebe nichts gemein hat. Sie ist das Gegenteil der Liebe, die ich als ewige Unsicherheit, als Glauben an eine Göttin, als Glauben ohne Beweis empfinde. Die Ehe dagegen – ist der Beweis ohne den Glauben. – In der Liebe wird man niemals satt. Ehe ist der Versuch, Liebe durch Sättigung zu ersetzen, wobei aber seltsamerweise weder Liebe noch Sättigung entsteht. – Wie alles, worüber man jahrelang nachgedacht hat, habe ich das zu scharf ausgedrückt. Und ich weiß auch, daß eine Ehe mit Jorinde von anderer Art gewesen wäre als eine mit einer anbefohlenen Frau. So kann ich letzten Endes nur sagen: daß ich mich vor meinem Gewissen stets als mit Jorinde vermählt betrachtet habe, – wir schrieben einander auch nie anders als: „Liebe Frau“ – „Mein lieber Mann“ – und daß es keinen treueren Ehemann gegeben hat als mich, treu nicht nur der Pflicht, sondern auch dem Gefühl nach, – denn alle anderen Frauen als Jorinde kamen mir, mußte ich schon mit ihnen reden, lästig und langweilig vor – und die Männer auch, nebenbei bemerkt, – von Jorinde entfernt führte ich nur ein Traumleben, und war ich mit ihr beisammen, so war ich doch niemals satt von ihr. Unerreichbar blieb mir ihre Seele, unerreichbar eigentlich auch ihr Leib, mochte ich ihn auch noch so oft (wie der dumme Ausdruck sagt) „besessen“ haben. Von einer schönen Frau wird man nämlich niemals satt, – gegenteilige Behauptungen gehören (wie die von den „starken Männern“ und der „Peitsche“ beim Weib) zu jenen, mit denen man sich Ernst und Abgründe des Liebesreiches wegdisputieren will.

Einmal brachte ich denn auch Jorinde einen glatten Goldreif nach Augsburg. Das Datum des Tages, an dem wir einander kennengelernt hatten, war eingraviert. Mein Vorname dazu. Ein richtiger Ehering also. – Jorinde freute sich sehr, steckte den Ring an die rechte Hand, – dann an die linke, – „als Verlobungsring,“ sagte sie, „das stimmt doch eher. Dann drückt er mich nicht so.“ – Als ich dann aber das nächste Mal kam, trug sie ihn überhaupt nicht. „Um überflüssigen Fragen auszuweichen“, erklärte sie. Ich erwiderte nichts, Verzweiflung faßte mich an. Damals nämlich war der letzte Akt schon in vollem Gang, Jorinde verkehrte schon mit dem Mechaniker ...

Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß die Ereignisse, die nun eintraten, hätten ausbleiben können, wenn Jorinde meine rechtmäßige Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit, der ich schließlich erlag, war doch schließlich von ganz anderem Rang als die Bindung, die durch einen Eheschluß geboten wird. Niemals konnten diese beiden Ebenen ineinandergreifen. Das ist an sich unbezweifelbar. Und dennoch: Der Ring, – der Ring hätte die Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet darauf hin, daß hinter meinen Erwägungen doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt. Ich sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen Rest irgendwie klar werden zu können.

Die erste Erwähnung des Mechanikers geschah in einem Brief Jorindes ganz nebenbei, neben zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich diese Mitteilung sofort aus dem Rahmen des übrigen heraus.

Bei einem Ausflug nach Göggingen, so schrieb Jorinde, habe sie den jungen Mann getroffen, der dort in der großen Hessingschen orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt sei. Zu ihrer Freude habe sie in ihm eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den ehemaligen Assistenten, oder besser gesagt, Diener ihres Vater, der ihr, wenn sie als Kind ins Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben, sie herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges Wiedersehen“, schloß die Bemerkung. „Mich freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater etwas gelernt, sondern auch aus Eigenem sich weitergebildet hat, so daß er jetzt eine ganz selbständige und angesehene Stellung auf einem anderen wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen kann. Er erzählt sonderbare Geschichten über seine Abenteuer in Amerika während des Krieges. Ich werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen ist von Augsburg aus mit der Elektrischen in Minuten zu erreichen, und es sind sehr hübsche Spaziergänge dort.“ –

Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich wußte ich, wie mit einem Gongschlag –: etwas Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch bisher schon bei gegebener Gelegenheit gewesen, – aber nicht im Ernst, nur als „Spiel mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht gleichsam gewußt, daß sie grundlos sei, – so wie man manchmal im Traum weiß, daß man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem, förmlich neben aller Eifersucht, auch noch ein Grund zu ihr da.

Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in meiner Seele.

Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich beschloß, gegen den eben aufgetauchten „Dritten“ zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst nahm. Möglichkeiten dazu gab es ja genug. Tatsächlich konnte ich mir auch wirklich kaum einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen aristokratischen Neigungen für einen ehemaligen Diener mehr als flüchtig und ganz von oben herab interessieren würde. Der Diener war freilich durch eigene Kraft emporgestiegen, imponierte, hatte die Welt gesehen, das deutschfeindliche Amerika während des Krieges überstanden und für seine Person in gefahrvollen Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das Dienerhafte, machte gar einen alten, weißbärtigen Diener aus ihm, den „treuen Diener seines Herrn“, warnte die „Prinzessin“ vor dem „in Ehren ergrauten Pagen“ – und ähnliche Späße mehr.

Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten wie meine Neckereien, wenn Jorinde bei Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas zu lange angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt. Denn aus Jorindes selbstverständlichem Widerspruch kam dann stets ein Ernst in die Sache, der vor meiner sogenannten Neckerei, in deren Kern doch eigentlich nur Angst pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. – Jorinde protestierte, noch immer lustig und auf den irreführend leichten Klang meines Angriffs eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker sei im Gegenteil, so hieß es, ein junger hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf den ich eifersüchtig sein solle ...

„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche Wort schon ausgesprochen. – An sich vielleicht nicht so schrecklich wie in meinem besonderen Fall. Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja keine weitere Belastung mehr; die Spannung, die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren hielt, durfte und konnte nicht weiter gesteigert werden. So viel Unsicherheit, so viel Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein Dritter neben uns beiden: das ging über meine Kraft.

So kehrte schon mein nächster Brief reumütig und geschlagen aus dem Witzgefecht zu aufrichtigem Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus, nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie solle den Verkehr abbrechen, ehe er gefährliche Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht vorherzusehen imstande sei.

Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren und ironischen Schreiben Jorindes. Sie erzählte mir, daß sie bei einem Spaziergang mit dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt und dort zur Musik eines großen Orchestrions stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie sei ganz froh, endlich wieder Gelegenheit zum Tanz gefunden zu haben, die es in Augsburg gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe, die ihr passen könne. – Und viele, viele Küsse an mich. Ich solle mich nur nicht ärgern. Sie sei munter und quietschvergnügt ...

Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein Gespräch mit regelmäßiger Frage und Antwort zu erzielen, sondern wenn man längst etwas ganz anderes gefragt hat, trifft die gar nicht mehr passende Antwort auf eine frühere Frage ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von heute. Es ist, als ob ein Kranker, dem täglich etwas anderes fehlt, immer wieder mit den Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert würde. – Und doch bleibt einem nichts anderes übrig, als durch möglichst schnelles Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende Zeit gewissermaßen einholen zu wollen. Ein sinnloses Unternehmen, nur zur eigenen Beruhigung für Momente gut genug, genau genommen eigentlich nur für den Moment, in dem man den wohldurchdachten neuen Brief in den Briefkasten wirft, – in diesem einen Augenblick hat man tatsächlich das Gefühl, die Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt in der Hand zu halten, – nachher aber weiß man ganz genau, daß Briefschreiben nichts hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden kann; denn je häufiger man schreibt, desto seltener und kühler wird einem geantwortet – ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher Sicherheit, den ich wohl im Kopfe hatte und nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten vermochte.

Endlich kam Jorindes Antwort auf meine ernste Bitte. – Sie schrieb sehr rührend. Der Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe, täte ihr weh. Denn Liebe sei doch nichts anderes als gegenseitiges Vertrauen. „Die ganze Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der Brief fort, „daß Du wirklich nicht den geringsten Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig zu sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen wollen, – wer konnte mich zwingen, Dir überhaupt davon zu schreiben. Du hättest nie etwas davon erfahren. Aber das eben ist mein Lohn dafür, daß ich Dir alles sage – Mißtrauen meines einzigen Freundes.“

Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet, war es wirklich eine ganz häßliche Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte, mit wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. – Der erste Eindruck, den dieser Brief Jorindes auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher. Später aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache, ob sie nämlich den Verkehr mit dem Mechaniker aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt nicht eingegangen war. Ich erschrak bei dieser peinlichen Feststellung. Nun erst wurde mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig ins Unrecht gedrängt worden wäre, – dadurch, daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also gleichsam im Tatsächlichen recht behalten und nachher großmütig, reumütig mein Unrecht eingestehend, um Verzeihung bitten. Nicht aber umgekehrt. – Diesen Seelenzustand nun meiner Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie aus meinem Brief herauslas, herauslesen mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas verärgerte Einwilligung zu ihren Ausflügen nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn es für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, – meinetwegen, ich wende nichts mehr ein.“ – Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven, die ich noch besaß, den Starken, den Gleichgültigen spielen zu wollen. Ganz verstohlen hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit dazu beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter uninteressant zu machen. Dazu aber reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit nicht mehr aus. Die Richtung meines Vorgehens war vielleicht gut, aber auf halbem Wege brach ich in die Knie.

Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer dieses Umgangs erklären sollte, steigerte meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, machten die Sache nur noch ärger. Übrigens führte sie diese Begründungen in aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen bejammernswürdigen Zustand einzugestehen. Es hätte mich in ihren wie in meinen eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung, daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse, war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So mühte ich mich denn weiter, solange es eben gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen, wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. – Zu meinem Unglück war aber gerade diesmal diese nächste Zusammenkunft in ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten Beisammensein hatten wir beschlossen, – in dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich wohligen Einverständnis, das damals zwischen uns geherrscht hatte, damals ganz besonders, damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen Berufsaufgaben widmen würden, um uns dann am Ende der Arbeitssaison für so viel Entsagung durch eine herrliche Sommerreise nach Holland und an die Nordsee belohnen zu können. Jorinde studierte damals zum erstenmal eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, verlangte Blut und Mark der Schauspielerin (nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob ich zu einem gewissen Teil die Schuld an meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen Nerven). – Und so wie meine Frau, stand auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in die Augen. Sie wünschten als Kompagnons einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben waren, aber mit vollen Herrenrechten. Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten mir abgenommen werden. Mehr als das: meine wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten. – So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin ... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte nur noch ausschließlich die Beobachtung des „Dritten“, der, täglich und stündlich von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde ein Wort. Mir aber schien es, als ob die Briefe von nichts andrem mehr handelten.

Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich schon sagte, aber um so peinigender für mich: daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide – der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen. Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb des Theaters nichts zu tun haben. „Die gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“, schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer nur mit dem Kopf.“

Und ich? – notierte ich an den Rand dieses Briefes ...

Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife rauchend, – der Vater, der wie ein Förster aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen Wald auf die Jagd ging. Auch der Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses undurchdringlichen Waldes. Er holte nun meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche Stille, – es war kein Zufall, daß er früher bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen in ihr weckte. Nein, sie gehörten beide gleichsam zu derselben großen Familie. – Ich dagegen, der schmächtige Berliner aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste, ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie, dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte sich nach der großen Mutter, ohne daß mein Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker sie besessen, – besaß sie vielleicht schon! Waldströme rauschten um seine mächtige Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte mich gar nicht angesehen.

Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens. Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange man in Berlin ist, merkt man dieses andere Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift der Gutachten von Professor Grothius. Das ist nur Mimikry. Alle deutschen Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich – im Innersten aber, ebenso wie das ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, etwas ganz anderes als Berlin. –